Am Rhein

Part 4

Chapter 43,164 wordsPublic domain

Das vornehmste unter den Taunusbädern ist Homburg vor der Höhe (10000 Einw.) (Abb. 25), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt des deutschen Kaisers Wilhelm ~II.~ geworden ist. Das dortige Schloß (Abb. 26), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg war, wurde 1680 bis 1685 von dem Landgrafen Friedrich ~II.~ aufgeführt und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert. Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad erbaut.

[Sidenote: Die Saalburg.]

Eine elektrische Bahn führt uns bequem von Homburg zu der 420 ~m~ über dem Meere gelegenen Saalburg. Dort grüßt uns ein lebenswahres Bild der Römerzeit. Das in seiner ganzen Anlage freigelegte Römerkastell ist wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt worden. Es bildet ein Rechteck von 221 × 146 ~m~, mit einem Flächeninhalt also von über 32000 ~qm~. Die Ecken sind abgerundet. Vier Tore führten in das Kastell. Auf der Südseite öffnet sich uns die 8,2 ~m~ breite ~Porta decumana~. Eine 3 ~m~ hohe Mauer und zwei Spitzgräben umgeben die Anlage. Am 11. Oktober des Jahres 1900 wurde durch Kaiser Wilhelm ~II.~, der ein hohes Interesse für den Wiederaufbau der Saalburg bekundete, der Grundstein zum Hauptgebäude in der Mitte, zum ~Praetorium~ (Abb. 27), unter Veranstaltung eines glanzvollen Festes gelegt. Vor diesem Bau, der als Limes-Museum dient, wurde dem ersten Erbauer der Saalburg, dem römischen Kaiser Antoninus Pius, ein Denkmal errichtet.

[Sidenote: Der Limes.]

Die Saalburg bildete ein Glied der 542 ~km~ langen Befestigungslinie, mit welcher die Römer den unterjochten Teil Germaniens umzogen, um das Land vor den Einfällen der übrigen germanischen Stämme zu schützen, des Pfahlgrabens oder Limes. Derselbe begann bei Kehlheim an der Donau, lief als rätischer Limes von dort nach Lorch bei Stuttgart und als obergermanischer Limes über Miltenberg am Main, über den Taunus und über Ems und endete am Rhein bei Rheinbrohl. Er bestand aus einer Grenzmarkierung, aus einem Erddamm mit aufgesetzter Mauer und davorliegendem Graben und aus etwas zurückliegenden Wachttürmen und Kastellen. Die Grenzmarkierung bestand entweder nur aus Steinen oder streckenweise auch aus Palisadenreihen. Ursprünglich war wohl nur diese Anlage, die man einen ~limes perpetuus~ nannte, vorhanden. Die Palisaden bildeten ein Annäherungshindernis und für die Patrouillen einen Schutz. Als später der Erdwall angelegt wurde, verlor die Grenzmarkierung ihre Bedeutung. Die Wachttürme waren anfangs Holz-, später Steintürme. Sie lagen gewöhnlich 30 ~m~ hinter dem Erdwall und etwa 750 ~m~, also auf Signalweite, voneinander. Kastelle waren überall dort angelegt, wo ein Flußlauf die Befestigungslinie kreuzte. Am rätischen Limes waren sie, weil dort die Bodenform eine günstige war, selten, um so zahlreicher am obergermanischen. Bisher sind etwa 70 Kastelle bekannt. Die größten hatten einen Innenraum von etwa 60000 ~qm~ und eine Besatzung von 1000 Mann, die mittleren waren 20000 bis 35000 ~qm~ groß und mit 500 Mann belegt, die kleinsten maßen nur 5000 bis 8000 ~qm~ und hatten nur eine kleine Besatzung. Alle hatten die Aufgabe, Flußtäler und Straßen zu sperren. Sie waren also Sperrforts und als solche festungsmäßig mit Türmen versehen und mit Ballisten, d. h. Wurfgeschützen ausgerüstet. Die Besatzung mußte imstande sein, kleine Feindesscharen zurückzuweisen, größere aber so lange aufzuhalten, bis die Legionen herankamen.

Auf das Verhalten der unruhigen, kriegs- und wanderlustigen germanischen Volksstämme übte die Anlage des römischen Pfahlgrabens eine bedeutende Wirkung aus. Der Grenzverkehr wurde scharf überwacht, und bewaffnete Überschreitung der Grenzlinie war verwehrt. Die Bewegung des germanischen Volkes wurde dadurch vorläufig zum Stillstand gebracht. Da es aber für die in starker Vermehrung begriffene Bevölkerung an weiteren Weideplätzen bald fehlte, waren die Westgermanen gezwungen, von der Viehzucht zum Ackerbau überzugehen und feste Siedelungen anzulegen. So nahm die Not den zum Nomadenleben neigenden Germanen in eine harte und um so nützlichere Schule. Erst als seßhafter Ackerbauer konnte er die zivilisatorischen Elemente in sich aufnehmen und verbreiten (Mommsen).

[Sidenote: Kronberg. Altkönig. Feldberg.]

Von der Saalburg aus würde uns der Pfahlgraben zum Fuße des Feldbergs, der höchsten Erhebung (880 ~m~ hoch) des Taunus, hinführen. Es hat einen gewissen Reiz, so einen Patrouillengang römischer Soldaten nachzuahmen. Genußreicher ist aber die Besteigung des Feldbergs von dem westlicher gelegenen Kronberg aus. Darum kehren wir nach Homburg zurück und statten von dort noch mittelst der Eisenbahn dem Städtchen Friedberg (Abb. 30) und dem Badeorte Nauheim (Abb. 28) einen Besuch ab.

Nach Kronberg (Cronberg, Abb. 29) führt von Frankfurt eine Eisenbahnlinie, die bei Rödelheim von der Homburger Bahn abzweigt. Das Städtchen liegt, umgeben von Obstpflanzungen und Kastanienwäldern, an einem Hügel und wird von dem im dreizehnten Jahrhundert erbauten Schloß überragt. Der weit sichtbare Turm bietet eine prächtige Aussicht dar. Wir schauen hinab auf die zahlreichen zierlichen Landhäuser, die meist Eigentum Frankfurter Familien sind, zum Teil die Frankfurter Malerkolonie bildend. Nordöstlich grüßt uns das Schloß Friedrichshof (Abb. 31), der ehemalige Witwensitz der Kaiserin Friedrich.

Von Kronberg sind viele besuchenswerte Punkte leicht zu erreichen. Nordwestlich steigen die Burgruine Falkenstein, das Stammschloß des gewaltigen Erzbischofs Kuno von Trier, sowie die Trümmer der Bergfestung Königstein (Abb. 32), die 1796 von den Franzosen geschleift wurde, vor uns auf. Weiter nördlich ragt, in der Richtung auf den Feldberg zu, die 798 ~m~ hohe Bergkuppe des Altkönig empor. Sein Gipfel ist von zwei riesenhaften Ringwällen umgeben, die aus vorrömischer Zeit stammen und wohl von einem keltischen Volke herrühren, das dort seine Opfer- und seine Zufluchtsstätte in Kriegszeiten hatte. Der äußere Wall hat einen Umfang von 1389 ~m~, der innere von 982 ~m~. Der Große Feldberg (880 ~m~), dem sich links der 827 ~m~ hohe Kleine Feldberg vorlagert, ist ganz von Wald bedeckt. Nur der Gipfel, auf dem drei Gasthäuser stehen, und von dem man bei hellem Wetter einen ausgedehnten Rundblick genießt, ist frei. Auf ihm liegt ein riesiger, 12 ~m~ breiter und 3 ~m~ hoher Quarzblock, der schon in einer Urkunde vom Jahre 812 genannt und 1043 als Brunhildenbett bezeichnet wird.

[Sidenote: Soden. Eppstein. Biebrich.]

Eine dritte Taunusfahrt, die wir von Frankfurt aus unternehmen, führt uns nach dem kleinen Badeort Soden (Abb. 33). In dem Tale, in welchem es gebettet ist, entspringen 24 kohlensäurereiche, 9 bis 22 Grad warme Kochsalzquellen, deren Wasser zusammen mit der milden Luft des Ortes besonders Kehlkopfleidenden Linderung bringt. Und als eine vierte Tour sei die nach dem in tiefem Tale gelegenen Eppstein (Abb. 34) empfohlen, das durch seine alte Burg (Abb. 35) und seine malerischen Fels- und Waldpartien ein Lieblingsaufenthalt für Maler geworden ist.

Die übrigen schönen Punkte am Südabhange des Taunus und in dem Rebengarten des Rheingaues erreichen wir am bequemsten von Mainz aus. Eine kurze Stromfahrt führt uns zwischen zwei langgestreckten Rheininseln, der Ingelheimer Aue und der Petersaue, auf der 840 Kaiser Ludwig der Fromme starb, hindurch, immer im Anblicke der Taunushöhen, nach der am rechten Rheinufer gelegenen Stadt Biebrich (20000 Einw.), deren rege Gewerbtätigkeit zahlreiche Fabrikschornsteine ankünden. Unser Ziel ist das von 1704 bis 1706 im Barockstil erbaute Schloß (Abb. 36) des früheren Herzogs von Nassau, späteren Großherzogs von Luxemburg, und in dem Schloßpark bewundern wir die schöne Kastanienallee, deren alte Bäume sich durch eine ungewöhnliche Größe auszeichnen, und betrachten, den Geist in die Vergangenheit versenkend, die kleine Moosburg. Zwar wurde diese erst 1806 aufgeführt, jedoch auf den Trümmern der alten Kaiserpfalz Biburk, die 874 Ludwig der Deutsche bewohnte.

[Sidenote: Wiesbaden.]

Von Biebrich erreichen wir in etwa einer Stunde Wiesbaden (Abb. 37), das bedeutendste und besuchteste unter den Taunusbädern, wo jährlich etwa 130000 Kurgäste zusammenströmen. Die Hauptsaison ist im Frühling und Herbst. Früher als anderswo hält ja der Lenz dort seinen Einzug, und im Herbst lacht ein heiterer Himmel, wie er in einem Weinlande lachen muß. Im Sommer aber ist die Temperatur zu warm und schwül, und manche Kurgäste reisen dann ab nach kühleren Orten. Etwa die Hälfte der obengenannten Zahl der Kurgäste mag auf Durchreisende entfallen, die übrigen nehmen längeren Aufenthalt. Die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die für diese geschaffen worden sind, haben auch viele Rentner und pensionierte Beamte, besonders höhere Offiziere angelockt und bestimmt, in Wiesbaden ihren dauernden Wohnsitz zu nehmen. Dadurch wuchs die Stadt bedeutend an; sie zählt heute über 100000 Einwohner. Prächtige Alleenstraßen durchziehen dieselbe, wie die mit schattigen Platanenreihen geschmückte Wilhelmsstraße, wie die Rheinstraße, der Bismarck- und Kaiser Friedrich-Ring und die nach Biebrich zu führende Adolfsallee; inmitten schmuckvoller Anlagen oder auf Plätzen erheben sich schöne Denkmäler, wie das der Kaiser Wilhelm ~I.~ (Abb. 38) und Friedrich ~III.~, des Fürsten Bismarck und des in Wiesbaden verstorbenen nationalen Dichters Gustav Freytag; viele stattliche und stilvolle Gebäude geben ferner der Stadt Glanz und Ansehen, wie das Königliche Theater (Abb. 39), das Königliche Schloß, welches 1883 renoviert wurde, das Rathaus (Abb. 40), das im Jahre 1907 eröffnete prunkvolle neue Kurhaus (Abb. 41), die katholische Kirche, die Ringkirche u. a. Von den zahlreichen Quellen Wiesbadens ist der wichtigste Sprudel der Kochbrunnen (Abb. 42), der am Ende der schönen Trinkhalle entspringt und eine Vereinigung von 15 Quellen darstellt. Stündlich liefert er 22800 ~l~ sehr kochsalzreiches Wasser. Die Temperatur desselben beträgt 69° ~C~. Schon Plinius spricht von den heißen Quellen Wiesbadens, das in Römerzeit, ~Aquae Mattiacorum~, als Hauptort der später fast ganz romanisierten Mattiaken aus einem Kastell rasch emporblühte. Er berichtet, daß ihr Wasser, nachdem es geschöpft wäre, drei Tage warm bliebe. Das Kastell wurde wahrscheinlich schon von Drusus angelegt. In fränkischer Zeit hieß der Ort Wisibada und bildete den Hauptort des Königssundragaues.

So sehr uns auch das glanzvolle Badeleben lockt, so angenehm es sich sitzt am Kurhause inmitten des Blumenflors oder wandert durch den schattenkühlen Kurpark, mehr noch zieht es uns hinauf auf die Höhen ringsum, die mit schmucken Villen so reich geschmückt sind. Das lohnendste Wanderziel bildet der Neroberg, auf dessen Höhe die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle (Abb. 43) im hellen Sonnenlichte glanzvoll erstrahlen. Wir können einen doppelten Weg wählen, und jeder verheißt eine genußreiche Wanderung. Wir folgen entweder dem Nerotal und später dem Philosophenwege oder der villengeschmückten Kapellenstraße, die uns nicht sofort zum Gasthofe des Nerobergs, sondern zuerst zur griechischen Kapelle hinführt. Oben entfaltet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt (Abb. 37) und eine umfassende Aussicht auf das Rheintal; über den Mainzer Dom schweift der Blick bis zu den Nebellinien ferner Gebirge, bis zur Bergstraße und zum Melibocus.

[Sidenote: Langenschwalbach. Schlangenbad.]

Nordwestlich von Wiesbaden liegt, schon auf der Hochfläche des Taunus, dessen hoher, aus Quarzit[B] aufgebauter Rücken nach Norden in ein fast wagerecht liegendes Plateau übergeht, das Bad Langenschwalbach (3000 Einw.), gewöhnlich nur Schwalbach genannt. In ein freundliches Wiesental hat sich das Städtchen, das schon im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als ein Luxusbad ersten Ranges glänzte, gebettet. Merian beschrieb die dortigen kalten Quellen, von denen die bedeutendsten der Stahlbrunnen und der Weinbrunnen sind, im Jahre 1665 mit folgenden Worten:

„Das Wasser ist sehr kalt, von Farben vberauß schön, hell, wie ein Crystall durchscheinend, zu trinken gar lieblich (wiewohl es einem anfangs seltzsam vorkompt), am Geruch stark wie ein newer verjährter Wein, also, daß man bißweilen meynet, man wollt’ nießen.“

Etwa 5000 Kurgäste, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechtes, beleben in der Saison den sonst so stillen Ort, besonders Bleichsüchtige und Nervenleidende. Indem wir wieder herniedersteigen von dem Taunusplateau, führt uns der Weg nach dem kleinen, nur aus etwa 50 Häusern bestehenden Badeorte Schlangenbad (Abb. 44), der in einem Waldtal ein so reizendes Plätzchen gefunden hat. Seine Quellen gehören zu den erdig-mineralischen Mineralwässern und liefern ein klares, völlig geruchloses Wasser von 29 bis 32° ~C~, das besonders bei Hautkrankheiten und Nervenschwäche heilbringend wirkt.

[Sidenote: Der Rheingau.]

Nach kurzer Wanderung von Schlangenbad weiter talwärts nehmen uns sonnige Rebengelände auf. Der gepriesene Rheingau lacht mit seiner Weinfülle uns entgegen. Vielleicht schon zur Merowingerzeit wurde dieses Land in einen Rebengarten verwandelt. Seit alters führt es seinen inhaltsvollen Namen, der es so innig mit dem Rheine vermählt. Von allen Gauen am stolzen Strom wurde nur einer nach diesem benannt, der Rheingau, der auf der rechten Seite des Rheintales bis Lorch reichte und dieses alte Weinstädtchen noch mit umfaßte. Ursprünglich war er ein königliches Gebiet, das 961 und 983 von den Ottonen an Mainz überlassen wurde. Ein bis zur Undurchdringlichkeit verwachsener Baumverhau umgab dasselbe damals und schloß es wie eine Festung ab. Den heutigen Umfang erhielt der Weinbau im dreizehnten Jahrhundert. Als die Rheingaugrafen 1279 verdrängt worden waren, setzten die Mainzer Erzbischöfe einen Statthalter (Vicedom) ein, der aber bis zum Jahre 1527 den Rheingauer Landtag befragen mußte. Erst als der große Bauernaufstand niedergeschlagen war, begann die unmittelbare Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe. Viele Jahrhunderte hindurch ist nun schon der Weinbau im Rheingau die Quelle des Wohlstandes. Vorübergehend kamen zwar Zeiten, in denen die Einkünfte aus demselben zu wünschen ließen. So wirkte das Verschwinden der zahlreichen kleinen Herrschaften in Deutschland ungünstig ein; denn die Fürstenhöfe waren früher die besten Absatzquellen. Daß damals die Rheingauwinzer ihren herrlichen Wein selbst trinken mußten, war an sich ja eine schöne Sache; aber die Taschen blieben dabei leer, und der Kopf wurde hitzig. In unserer Zeit hat der wachsende Wohlstand den Rheingauer Weinen neue, zahlkräftige Kunden gebracht. (Näheres über Weinpreise der besseren Marken siehe in dem letzten Abschnitte über den rheinischen Weinbau.)

[Sidenote: Rheingauwanderung.]

Die Wanderung durch die Rebengefilde des Rheingaues ist, da das Herz von vornherein schon so frohgestimmt ist, etwas gar Schönes. Sonnig, meist schattenlos ist zwar der Weg, der uns von Schlangenbad über Rauenthal (Abb. 45) nach dem lieblich am Rhein gelegenen Städtchen Eltville oder Elfeld (4000 Einw.) (Abb. 46), von dort über Erbach am Marcobrunnen (Abb. 47) vorbei nach Hattenheim, dann nach der einst so berühmten Benediktinerabtei Eberbach (Abb. 48), wo wir uns in dem schönen Kelterraum (Abb. 49), dem früheren Refektorium, gern der weinkundigen Mönche, die dem Steinberger zu seinem berühmten Namen verhalfen, erinnern, weiter über Hallgarten am Schloß Vollrads vorbei nach Schloß Johannisberg (Abb. 50), wo der König der Weine und der Wein der Könige gezogen wird, und schließlich über Geisenheim (4000 Einw.) (Abb. 52), wo sich die Königliche Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau befindet, nach dem weinberühmten Städtchen Rüdesheim (5000 Einw.) (Abb. 51). Östrich und Winkel, nicht weniger bekannte Weinorte, ließen wir bei dieser Wanderung abseits am Rheine liegen. Wohlgepflegte Weinberge schaute überall unser Auge, und berühmte Namen klangen an unser Ohr, die ein Gefühl der Hoheit dieses Landes in uns weckten. Doch wenn es auch einem gewöhnlichen Sterblichen nicht vergönnt ist, von den edelsten Weinen des Rheingaus in Fülle zu trinken oder auch nur davon zu kosten, auch das andere Gewächs läuft wie Feuer durch unsere Adern, und wenn wir in diesem Weinglück, in der Begeisterung, die eine solche Wonne dem Menschen gibt, hinaufsteigen zum Niederwald, dann öffnet sich beim Anblick des Germaniadenkmals das Herz zu jenem weihevollen Empfinden, das alle deutschen Brüder, das ganze deutsche Vaterland hineinziehen möchte in dieses Glück, in dieses Glück am Rhein.

[Sidenote: Das Nationaldenkmal.]

Das Germaniadenkmal (Abb. 53) wurde am 28. September 1883 im Beisein des Kaisers Wilhelm I. und vieler deutscher Fürsten enthüllt. Sechs Jahre war an ihm gearbeitet worden, die Bausumme betrug 1⅒ Millionen Mark. Als im Jahre 1877 am 16. August der Grundstein zu dem Denkmal gelegt wurde, begleitete Kaiser Wilhelm ~I.~ die ersten Hammerschläge mit den Worten:

„Wie mein Königlicher Vater einst dem deutschen Volke vor dem Denkmal zu Berlin zurief, so rufe ich heute von dieser bedeutungsvollen Stelle den deutschen Völkern zu: Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachahmung!“

Die Gestalt der Germania wurde nach einem Entwurfe des Professors Schilling in Dresden gegossen. Sie mißt 10,60 ~m~, mit dem Sockel, der mit den sinnreichen Darstellungen: „Krieg“, „Friede“, „Des Kriegers Abschied“ und „Des Kriegers Heimkehr“ geschmückt ist, aber 34 ~m~.

[Sidenote: Blick vom Nationaldenkmal. Der Mäuseturm.]

Der Blick vom Denkmal entfaltet ein ebenso reiches als prächtiges Bild. Er reicht über den ganzen Rheingau und die Taunuskette, schweift zu der weiß schimmernden Rochuskapelle und zur Burg Klopp, die, überragt von dem Scharlachkopf, über dem Städtchen Bingen (10000 Einw.) (Abb. 54) thront, folgt dem Laufe der Nahe, die aus einer Bergspalte zu kommen scheint und zwischen Bingen und Bingerbrück in den Rhein mündet (Abb. 55), mißt den breiten Strom, der aus der weiten Ebene kommt und nun westwärts in enger Talspalte, im Binger Loch (Abb. 57), verschwindet, und grüßt den Mäuseturm (Abb. 56), der auf einer kleinen Rheininsel so schmuck emporsteigt, fast schlanker noch als der hohe Turm der Burgruine Ehrenfels (Abb. 56), die aus der rechten Talwand herausragt. Die beiden Bauten wurden einst errichtet, um die Schiffahrt, die an dieser Stelle auch durch Felsenriffe behindert war, bis die preußische Regierung umfangreiche Sprengungen vornehmen ließ, sperren zu können. Mäuseturm heißt soviel als Turm zum „Mûsen“, d. h. Ausschauen. Er wurde von dem Erzbischof Willigis von Mainz erbaut. Das Volk aber knüpfte an ihn die grausame Sage, daß dort der geizige Erzbischof Hatto, weil er dem Volk das Brot verteuerte, von Mäusen zur Strafe aufgefressen worden sei.

[Footnote B: Über den geologischen Bau des Taunus-Hunsrück vgl. Abschnitt ~V~.]

IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.

[Sidenote: Eine Rheinfahrt.]

Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen, die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder, die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns auftauchen.

Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem Aufstieg zum Niederwalddenkmal -- sauer war er uns geworden -- sind wir vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen, die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.

[Sidenote: Burg Rheinstein.]