Am Rhein

Part 6

Chapter 63,012 wordsPublic domain

Von dem freundlichen Bilde Boppards müssen zu schnell wir wieder scheiden. Weiter geht die Fahrt, und auf eine hochragende steile Bergwand, die Bopparder Hamm genannt, steuert unser Schiff los. Quer ist diese dem Strome vorgelagert, der vor ihr nach Osten umbiegen muß. Keine Bergwand im ganzen Rheintal, abgesehen vom Rüdesheimer Berg, hat eine solche günstige Lage nach Süden wie die Bopparder Hamm. Ein vorzüglicher Wein wächst auf derselben. Bis hoch hinauf ist sie mit Reben bepflanzt. Beim Vorbeifahren müssen wir den Kopf weit zurück in den Nacken legen, um zu den obersten Weinbergen hinaufschauen zu können. Zur rechten Hand begleitet uns dagegen eine kleine Niederung, die dicht mit Bäumen bepflanzt ist. Der Gegensatz zwischen der hochragenden, steilen Felswand zur Linken, auf der der Winzer seiner Rebe nur mit großer Mühe ein Plätzchen erobern konnte und erhalten kann und den fruchtbaren Talgefilden zur Rechten, wo die Rheinbewohner mühelos pflanzen und ernten können, verleiht dem Rheintale einen neuen Zauber. Bis Coblenz hin bleibt ihm dieser Wechsel erhalten. Vor der Bergwand zur Linken muß der Rhein nach Osten ausweichen. Aber eine andere Bergwand tritt ihm nun im Osten entgegen. Sie zwingt ihn, von neuem auszubiegen und wieder die alte Richtung nach Nordwesten einzuschlagen. Aber der mächtige Strom tut’s nicht ohne Kampf. Er nagt und frißt nun an der östlichen Bergwand, und an dem linken Ufer, wo er ruhiger strömt, lagert er einen Niederungssaum ab, der immer breiter wird. Auf diesem haben die beiden Dörfchen Ober- und Niederspay, die gleich Salzig und Boppard von zahllosen Obstbäumen umschattet sind, ein herrliches Plätzchen gefunden. Auf dem bergigen rechten Ufer aber ragt, beherrschend über das herrliche Tal und den Strom hinwegschauend, über dem Städtchen Braubach die stattliche Marksburg (Abb. 74) empor.

[Sidenote: Marksburg. Königsstuhl.]

Die Marksburg, auf hohem Fels, 150 ~m~ über dem Rheinspiegel gelegen, ist die einzige unzerstörte Burg am Rhein und im ganzen noch wohl erhalten. Sie kann daher als ein lehrreiches Beispiel des mittelalterlichen Burgbaues gelten. Der Verein zur Erhaltung deutscher Burgen, in dessen Besitz die Marksburg vor kurzem übergangen ist, hat diese wieder in guten Stand setzen lassen. Die Innenräume sind mit Hausgerät, Waffen usw. wieder so ausgestattet worden wie zur Ritterzeit. Die Besucher der Burg erhalten also ein anschauliches Bild von der Stätte, wo einst die Ritter gelebt haben. Wir hatten schon auf S. 50 die Hauptbestandteile einer mittelalterlichen Burg kennen gelernt. Wenn die Marksburg wieder vollständig eingerichtet ist, wird sie uns auch manches aus dem häuslichen Leben der Ritterfamilie erzählen. Sie hatte es in vielem nicht so gut wie wir in unserer heutigen Zeit, obgleich eine stolze Burg ihr Heim bildete. Besonders in dem langen Winter ging es ihr herzlich schlecht. Da war man gezwungen, in Pelze gehüllt, mit fröstelndem Gefühl an dem nur mangelhaft geheizten offenen Kamin zu sitzen. Bei schlechter Witterung mußten auch tagsüber die Fensterläden geschlossen werden, denn die kleinen trüben Horn- oder Pergamentfensterscheiben boten nicht soviel Schutz wie unsere hellen Glasscheiben. Alles wohnte enge zusammen, und oft mußte der Wohnraum auch als Schlafraum dienen. Aus dem winterlichen Leben der Burgbewohner erklärten sich die sehnsuchtsvollen Klagen der von Burg zu Burg ziehenden Minnesänger, daß der Winter gar nicht weichen und der holde Sommer gar nicht nahen wolle. Wie ganz anders war das Burgleben zur schönen Sommerzeit! Dann war es lustig, vom hohen Burgerker in das sonnige Tal, auf die Häuser und Gärten und auf den von Schiffskähnen belebten Strom herniederschauen zu können. Dann war es auch luftiger und heller in den Zimmern, besonders im Saale, dem Hauptraume des Palas, dessen Wände und Boden mit bunten Teppichen geschmückt waren. Das Hauptvergnügen der Burgbewohner waren die Kampfspiele und die Jagd. Es muß ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn das Burgtor sich öffnete und der Ritter mit den Edeldamen und seinen Knappen, alle in farbenprächtiger Kleidung und die Männer in glänzender Rüstung, hinausritten und die Rosse mit lautem Gepolter über die heruntergelassene Zugbrücke trabten.

Entschwundene Zeiten! entschwunden für immer! Die Burgen mag man wiederherstellen, die Menschen, die in ihnen wohnten und die in jene Zeit paßten, kann man nicht mehr aus den Gräbern rufen. Dies sagt uns auch der Königsstuhl (Abb. 73), der am Rheinufer bei Rhens, einem Städtchen auf der linken Rheinseite, verlassen von den Geschlechtern, die ihn erbauten, dasteht. Er war einst der Ort, wo sich die deutschen Kurfürsten, um über Reichsangelegenheiten sich zu beraten, versammelten. 1376 wurde er vom Kaiser Karl ~IV.~ errichtet. Warum er diesen Platz wählte, das erklärt uns ein Blick auf eine historische Karte. Gegenüber dem Königsstuhl stießen die Gebiete von vier deutschen Kurfürsten im Rhein zusammen. Rhens gehörte zu Cöln, Braubach zur Pfalz, Lahnstein zu Mainz und Stolzenfels zu Trier. Im Laufe der Jahrhunderte war der berühmte Bau, als seine hohen Gäste nicht mehr kamen, allmählich fast zur Ruine geworden. Im Jahre 1843 wurde er mit Benutzung der Trümmer in seiner alten Gestalt wieder hergestellt. Das achteckige, kanzelartige Bauwerk hat eine Höhe von beinahe 6 ~m~ und einen Durchmesser von 7 ~m~. Eine Freitreppe führt zu seinem Sitze hinauf.

[Sidenote: Lahneck. Stolzenfels. Coblenz.]

Noch einmal entfaltet das Rheintal seine ganze Schönheit dort, wo von rechts, über den in breiter Niederung liegenden Schwesterstädten Oberlahnstein (rund 8500 Einw.) und Niederlahnstein (rund 4500 Einw.), die durch die einmündende Lahn getrennt sind, Burg Lahneck, von links das stattliche Schloß Stolzenfels von der Höhe herniedergrüßen. Burg Stolzenfels (Abb. 75 u. 76) ließ in den Jahren 1442 bis 1459 der trierische Erzbischof zur Erhebung des Rheinzolles erbauen. Die Franzosen zerstörten sie 1689. Der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm ~IV.~ ließ als Kronprinz sie von 1836 bis 1842 nach Schinkelschen Entwürfen wiederherstellen in neuer Pracht. Prächtig hebt sich der stolze Bau, den man Stolzenfels taufen möchte, wenn er nicht schon so hieß, von dem waldesdunkeln Hintergrunde ab.

Nach dem steten Anblick der steilen Rebengehänge des Rheintals, die doch häufig kahl erscheinen, begrüßen wir die waldgeschmückten Berge mit doppelter Freude. Solche begleiten uns nun auf beiden Seiten, bis hinter den Bogen von zwei festen Rheinbrücken links das Häuserbild von Coblenz (55000 Einw.) (Abb. 78) vor uns auftaucht.

Wir sind am ersten Ziele unserer Rheinfahrt, in Coblenz, angelangt. Eine lange Reihe prächtiger Gasthöfe heißt am Stromesufer uns willkommen. Weiter zieht „Lohengrin“, unser Schiff, um auch anderen Rheinstädten Scharen von frohen Reisenden zuzuführen.

[Sidenote: Coblenz, Geschichte.]

Die eigenartige Schönheit des Landschaftsbildes von Coblenz beruht nicht zum wenigsten auf dem Wechsel zwischen waldgeschmückten Bergkuppen und kahlen Felswänden. Besonders der Gegensatz zwischen dem hochgewölbten, wohlgerundeten Kühkopf, der bis obenhin in dichtem Waldkleide prangt und im Süden der Stadt aufsteigt, und zwischen der schroffen, tief durchfurchten Felswand des Ehrenbreitsteins (Abb. 77), dessen felsiges Gepräge durch die Steinmassen der Festungswerke noch verstärkt wird, beherrscht die Landschaft.

[Sidenote: Coblenz.]

Coblenz’ herrliche Lage ist unbestritten, und jeder, der vom Plateau des Ehrenbreitsteins und von den andern Höhen hinabschaute auf die Stadt, auf die beiden sich vermählenden Ströme und auf die Waldberge ringsum, vermag das Bild dieses Anblicks im Geiste nicht mehr zu löschen. Auch die Stadt Coblenz selbst schreitet jetzt einer schnellern Entwicklung entgegen, nachdem ein enger Festungsgürtel zu lange die Bautätigkeit gehemmt hatte. Besonders nach Süden hin beginnt sich ein schöner, neuzeitlicher Stadtteil zu entwickeln. In der Altstadt dagegen ist es düster und enge, besonders in dem Stadtteil an der Mosel, in dessen Anlage wir den ältesten Kern von Coblenz unschwer wiedererkennen. Ob das alte ~Confluentes~, benannt nach dem Zusammenfließen von Rhein und Mosel, das in späterer Zeit auch ~Castellum Confluens~ oder ~Castrum Confluentes~ oder kurz ~Confluentia~ hieß, nur eine römische Poststation bezeichnete, oder ob schon frühzeitig ein römisches Bollwerk an diesem wichtigen Punkte errichtet wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. Denn bedeutende römische Bauwerke sind gar nicht erhalten, und auch auf die Grundmauern derselben ist man nur selten gestoßen. Wie mächtige Eichenpfähle, die man im Moselbette fand, bewiesen haben, führte in der Römerzeit eine Brücke über die Mosel. Durch Chlodwig wurde das römische Kastell in einen fränkischen Königshof verwandelt. Durch eine Schenkung des Kaisers Heinrich ~II.~ gelangte dieser mit ausgedehntem Domänenbesitz (~quaedam nostri iuris curtis nomine confluentia~) im Jahre 1018 in den Besitz der Erzbischöfe von Trier. Der kleine Ort wuchs zum Rheine hin, wo schon längst, ursprünglich auf einer Insel, ein Kirchlein sich erhob. Die Gebeine des heiligen Kastor, der in Carden an der Mosel gestorben war, wurden darin aufbewahrt. Die Normannen zerstörten dasselbe im Jahre 822. Die jetzige Kastorkirche, die älteste und geschichtlich interessanteste Kirche der ganzen Gegend, stammt aus späterer Zeit, wohl aus dem zwölften Jahrhundert, mit Bauresten jedoch aus früherer Zeit. Im Innern besitzt sie manche, kunstgeschichtlich wertvolle Denkmäler. Nach außen wirkt der Bau, besonders durch seine wenig belebte Umgebung, ziemlich nüchtern. Im dreizehnten Jahrhundert wurde die immer mehr sich vergrößernde Stadt mit Mauern und Festungswerken umgeben. So konnte sie Trutz bieten den Stürmen der Kriegszeiten, und auch Handel und Gewerbe fanden die nötige Sicherheit, um festen Fuß fassen zu können. Durch den Handelsverkehr und durch Bündnisse mit anderen rheinischen Städten vermehrte Coblenz sein Ansehen bedeutend. Es kann als ein Zeichen von Kraft gelten, daß im vierzehnten Jahrhundert der Bau einer steinernen Moselbrücke, die heute noch den Fluß mit ihren zahlreichen, gedrungenen Bogen überspannt, geplant und ausgeführt werden konnte. Im Jahre 1343 war die Anlage einer Brücke, „also schön als man in tewtcher Nacion soll finden“, genehmigt worden. Schon im Jahre 1364 war sie fertig; denn die Geschichte meldet, daß in diesem Jahre Karl ~IV.~ über dieselbe seinen Einzug in Coblenz hielt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Moselbrücke erneut und in der neuesten Zeit, im Jahre 1884, damit sie dem anspruchsvolleren neuzeitlichen Verkehr genügen könnte, verbreitert. Den lebhaften Verkehr der Vorstadt Lützel-Coblenz und der zahlreichen, in der fruchtbaren Rheinebene gelegenen Orte mit der Stadt Coblenz hat sie zu vermitteln. Indem wir uns dem Strom der Fußgänger, unter denen besonders Landleute und Soldaten vorwiegen, anschließen, fällt unser Blick auf ein unmittelbar am Ausgange der Moselbrücke stehendes altertümliches Gebäude. Es ist die alte Burg, die sich die Kurfürsten von Trier errichten ließen. Ihr Bau stammt aus dem Jahre 1276. Sie war ein Lieblingsaufenthalt des Kurfürsten Lothar von Metternich, unter dessen Führung sich in ihren Mauern ein bedeutungsvolles geschichtliches Ereignis, nämlich die Gründung der katholischen Liga im Jahre 1609 vollzog. Nach der Fertigstellung des am Rhein gelegenen Residenzschlosses gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts verlor die alte Burg ihre Bedeutung. Die Neuzeit achtete nicht die Weihe der Vergangenheit. Bis vor wenigen Jahren wurde in dem stattlichen Gebäude eine Blechfabrik betrieben. Durch Ankauf desselben hat die Stadt Coblenz dem unwürdigen Zustande ein Ende gemacht. Sie will die alte Burg als Museum benutzen und in ihr die städtische Gemäldesammlung unterbringen. Noch manche altertümliche und interessante Gebäude besitzt Coblenz, so die aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts stammende Florinskirche, die 1431 vollendete Liebfrauen- oder Oberpfarrkirche, die ebenfalls alte, 1609 bis 1617 aber umgebaute Jesuitenkirche, das jetzt als Realgymnasium dienende Kaufhaus, das im Jahre 1479 als Rathaus erbaut worden war, ferner das 1530 errichtete, mit einem hübschen Erker verzierte Schöffenhaus, in dem die in der Umgegend gefundenen römischen und fränkischen Altertümer untergebracht sind, und das ehemalige Deutsche Herrenhaus, das aber mit Benutzung älterer Gebäudeteile aus dem fünfzehnten und siebzehnten Jahrhundert umgebaut wurde und nun als Staatsarchiv dient, auf dem „Deutschen Eck“. Am Rhein wurde vor einigen Jahren ein monumentales neues Gebäude für die Königliche Regierung errichtet.

Das großartigste, schon einer neueren Zeit angehörende Gebäude von Coblenz ist das jetzige Königliche Schloß, das frühere Residenzschloß der Kurfürsten von Trier. Sein Erbauer ist der Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der für dasselbe eine für die damalige Zeit recht bedeutende Bausumme von 650000 Talern aufwendete. Der langgestreckte Bau ist sowohl auf der Rhein- als auch auf der Stadtseite, wo sich der baumbesetzte Schloßplatz ausbreitet, mit einem achtsäuligen, jonischen Portikus geschmückt. Einen reichen Wandel der Zeiten hat das Schloß schon miterlebt. Im Jahre 1786 hielt sein Erbauer, der Kurfürst Clemens Wenzeslaus, seinen feierlichen Einzug. Bis 1794 wohnte er in ihm. Dann sah es die französischen Machthaber in seinen Gemächern, die vorher von den französischen Soldaten ausgeplündert worden waren. Unter preußischer Herrschaft diente es zunächst militärischen Zwecken. Erst nachdem ihm König Friedrich Wilhelm ~IV.~ durch Stüler eine neue Einrichtung gegeben hatte, konnte es seinem alten Zwecke wieder dienen. Bald sollte das Schloß einen königlichen Bewohner erhalten. Der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, bewohnte als Militärgouverneur von Rheinland-Westfalen dasselbe in den Jahren 1850 bis 1858 mit seiner Gemahlin, der späteren Kaiserin Augusta. Während dieser Zeit entwarf er, in gemeinsamer Arbeit mit hervorragenden Offizieren, den Plan zur Reorganisation des preußischen Heeres. Seine Gemahlin aber gewann den Coblenzer Aufenthalt so lieb, daß sie auch als Königin und Kaiserin alljährlich im Frühling und im Herbst mehrere Wochen das Schloß bewohnte. Ihre eigne Schöpfung sind die herrlichen Rheinanlagen, die sich vom Königlichen Schlosse an, etwa 2½ ~km~ weit, nach Süden längs des Rheines ziehen. Stände auch nicht das Denkmal der hochherzigen Kaiserin inmitten der von schönen Promenadenwegen durchzogenen Gehölzpartien, ein ehrenvolles Denkmal hat sie sich in der schönen und daher zur Pflege des Schönen immerfort einladenden Rheinlandschaft selbst gesetzt. Dankbaren Herzens erinnern sich die Coblenzer der Donnerstag-Nachmittag-Konzerte, bei welchen die Kaiserin mit Vorliebe unter den Spaziergängern und Konzertbesuchern weilte. Als Kaiser Wilhelm nach den Emser Verhandlungen, bei Ausbruch des Krieges von 1870, zusammen mit der Königin in den Anlagen erschien, da umbrauste ihn die erste jener großartigen Huldigungen des Volkes, die ihn begleiteten auf der ganzen Reise nach Berlin. Wir lesen die Inschrift, die auf dieses Ereignis hinweist, und eine innere Stimme ruft uns hin nach dem Deutschen Eck, wo wir dem Heldenkaiser vor seinem großartigen Reiterstandbild (Abb. 79) erneut unsere Huldigung darbringen können. Dasselbe ist wohl das großartigste rein persönliche, von fast allem symbolischen und von allem historischen Beiwerk frei gehaltene Denkmal der Welt. Die Rheinprovinz ließ es nach einem Entwurf von Bruno Schmitz an dieser geschichtlich und landschaftlich bedeutsamen Stelle, wo Rhein und Mosel ihre Fluten mischen, errichten. Das 14 ~m~ hohe, in Kupfer getriebene Reiterbild des Kaisers ist von einem 9 ~m~ hohen Genius, dem Träger der Kaiserkrone, begleitet. 22 ~m~ hoch erhebt sich der Unterbau des Denkmals, und dieser ist von einer halbkreisförmigen, 18 ~m~ hohen Pfeilerhalle umgeben. Über eine 45 ~m~ breite untere Freitreppe steigen wir zur 1200 ~qm~ großen Hochterrasse und lesen am Unterbau des Denkmals über einem mächtigen Adlerrelief die in gotischen Buchstaben geschriebene Widmung „Wilhelm dem Großen“. Ein Fußrelief zeigt uns, auf den Zusammenfluß von Rhein und Mosel hindeutend, den Vater Rhein und die aus den Fluten auftauchende Mosella. Im Jahre 1897 fand die Enthüllung des Denkmals statt, durch dessen Errichtung an dieser bevorzugten Stelle zugleich ein neuer schöner Standpunkt zur Betrachtung des herrlichen Landschaftsbildes von Coblenz gewonnen wurde.

Coblenz hat wohl zu allen Zeiten vorwiegend eine strategische Bedeutung gehabt. Von der Stelle aus, wo es seine Bollwerke errichtete, konnte dem Rheintal und dem quer zu diesem gerichteten Moseltale zugleich Schutz geboten werden. Auch das etwas oberhalb sich öffnende Nebental der Lahn, das die nur etwas verschobene Fortsetzung des Moseltales bildet, war durch Coblenz geschützt. Riesige Summen sind auf die Befestigung der meisten der rings um die Stadt aufsteigenden Höhen verwendet worden, besonders des Ehrenbreitsteins. Dieser Berg trug schon im Mittelalter eine kurtrierische Landesfestung, die im Dreißigjährigen Kriege eine bedeutende Rolle spielte und im Jahre 1799 von den Franzosen erst nach einer heldenmütigen Verteidigung erobert wurde. Die heutigen Festungswerke stammen aus den Jahren 1816 bis 1826. Sie wurden unter Leitung des preußischen Generals von Aster aufgeführt. Einst galten sie als uneinnehmbar. In der Neuzeit haben sie jedoch, infolge der großen Verbesserungen des Geschützwesens, ihre frühere Bedeutung fast ganz eingebüßt. Von benachbarten Bergkuppen aus können sie, sowie die Feste Asterstein, die sich auf derselben Rheinseite auf der Pfaffendorfer Höhe erhebt, die auf der linken Rheinseite gelegene Kartause und die noch nördlich von der Mosel in der Rheinebene gelegenen Vorwerke leicht zusammengeschossen werden. So ist Coblenz aus einer Festung ersten Ranges zu einer Festung zweiten Ranges herabgesunken, die nur noch durch ihre starke Besatzung und als Kommandositz des ~VIII.~ Armeekorps an ihre frühere hohe strategische Bedeutung erinnert.

Als Kreuzungspunkt zweier großen Talfurchen, der Rhein- und der Mosel-Lahn-Furche, hat Coblenz eine wichtige Verkehrslage. Schon ein Blick auf sein Landschaftsbild, auf seine drei Rhein- und zwei Moselbrücken, unter denen sich im ganzen drei Eisenbahnbrücken befinden, überzeugt uns hiervon. Die geringe Verschiebung des Lahntales nach Süden bewirkte aber, daß als besonderer rechtsrheinischer Verkehrsmittelpunkt neben Coblenz auch die Doppelstadt Ober- und Niederlahnstein aufblühen konnte, so daß jenem nur die Fortführung des linksseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Moselverkehrs, dieser dagegen die Fortführung des rechtsseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Lahnverkehrs zufielen. Erhöht wird die Gunst der Lage von Coblenz durch die unmittelbare Nachbarschaft eines größeren, sehr fruchtbaren Talbeckens, der gut angebauten Niederung des Neuwieder Beckens. Indem aber der Rhein die Stadt von dessen rechtsrheinischem und die Mosel sie von seinem linksrheinischen Teile abschloß, konnte sie nicht verhindern, daß neben ihr in dem einen Neuwied (fast 20000 Einw.), in dem anderen Andernach (9000 Einw.) als größere Orte aufblühten, die besonders für das Gebirgshinterland des Westerwaldes und der Eifel Bedeutung erlangten. So hatte Coblenz auch mit hemmenden Einflüssen zu kämpfen, die es ihm erschwerten, ein weites Gebiet wirtschaftlich eng an sich zu gliedern. Seine Lage ist in Wirklichkeit keine so zentrale als die von Frankfurt oder Mainz oder selbst als die von Trier. Immerhin genügt die Gunst der Lage, um der Stadt den Vorrang, der ihr als Sitz der Provinzial-, Regierungs- und Militärbehörden zugefallen ist, auch wirtschaftlich zu stützen. Die endlich in Fluß gekommene Stadterweiterung wird auch mancherlei Gewerben, die bisher in dem engen Festungsgürtel keinen Raum finden konnten, eine Heimstätte bieten können. Von Bedeutung ist gegenwärtig nur die Champagnerbereitung, deren Entwicklung an den lebhaften Weinhandel anknüpfte, den Coblenz betreibt. Alljährlich finden im Frühling und Herbst bedeutende Weinversteigerungen statt. Coblenz ist auch ein Mittelpunkt des Obst- und besonders des Kirschenhandels. Der reiche Kirschensegen der Orte Salzig am Rhein und Güls an der Mosel geht zum großen Teil zum Coblenzer Kirschenmarkt, der Anfang bis Mitte Juni abgehalten wird, und auf dem sich zahlreiche Händler einfinden. Gegenwärtig zählt Coblenz 55000 Einwohner. Zählen wir die Nachbarorte Moselweiß, Ehrenbreitstein und Pfaffendorf, wo viele Coblenzer Familien Wohnung suchen mußten, die die eingeengte Stadt ihnen früher nicht zu geben vermochte, so erhalten wir eine Gesamtbevölkerung von etwa 75000.

V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltal.

[Sidenote: Der Hunsrück.]