Part 11
Für die Durchwanderung des Gebietes können wir verschiedene Routen wählen. Von Bonn, wo wir auf unserer Rheinfahrt halt machten, gelangen wir ostwärts über den Rhein fast unmittelbar in das Siegtal. In der Niederung, durch die die Sieg, zuletzt in sumpfigem Wiesengelände, zwischen Weidengebüsch dem Rheine zuströmt, grüßt uns die auf einer niedrigen Bergkuppe gelegene frühere Abtei Siegburg. Zu ihren Füßen liegt die gleichnamige Stadt. Eine Königliche Geschoßfabrik ist daselbst in Betrieb. Zur linken Hand, näher zum Rheine, ragen die qualmenden Schlote der Friedrich Wilhelms-Hütte hervor. Indem wir weiter nach Osten wandern, rücken bald die Berge von beiden Seiten näher zusammen, um ein freundliches Wiesental zu umfassen. Meist ist dieses nicht sehr enge, und die bewaldeten Abhänge steigen weniger schroff als in den anderen Tälern des Rheinischen Schiefergebirges empor. An die Stelle des Wilden und Großartigen tritt fast überall das Anmutige. Von steiler, etwas vorspringender Bergwand grüßt uns die Burgruine Blankenberg. Durch Weinpflanzungen, fast die einzigen an der Sieg, steigen wir zu den Burgtrümmern und dem gleichnamigen Örtchen hinan und lassen den Blick hinab in das Wiesental, durch das der Fluß in Schlangenbiegungen zieht, und fern zur Rheinniederung, wo, beleuchtet vom Abendglanze, die Abtei Siegburg noch einmal grüßt, schweifen. Gastlich ladet uns dann das hübsche Städtchen Eitorf zu längerem Verweilen in froher Gesellschaft zahlreicher Sommerfrischler ein. Aber das gesteckte Wanderziel lockt uns weiter. Das Siegtal behält weiter oberhalb seinen Charakter bei. Wir verlassen es deshalb bei dem Orte Wissen und biegen in ein spaltartig sich öffnendes Nebentälchen ein, durch das die Nister die Westerwaldgewässer der Sieg zuführt. In dem engen Tale war nicht einmal Raum für eine Straße. So folgen wir einem Pfade, der uns bald auf die eine, bald auf die andere Flußseite führt und uns über Steine den Weg durch den schnellfließenden, breiten Bach suchen läßt. In einer Wiesenau verlieren wir gar den Weg und wandern an verkehrter Stelle an der Talwand empor, bis ein Landmann uns zurechtweist. Das Tal wird noch immer romantischer, und die Bewohner erzählen uns mit Stolz von der Kroppacher Schweiz. Überall schauen Felsklippen aus den waldgeschmückten, steil und ziemlich hoch aufragenden Talwänden heraus. Das Dorf Kroppach lassen wir abseits liegen, und unser Weg führt uns durch zahlreiche kleine Ortschaften, die meist nur eine größere Häusergruppe bilden. Die Sonne brennt heiß, und uns quält nach dem vielen Hin- und Herwandern, Auf- und Niedersteigen der Durst. Aber vergebens fragen wir nach einem Wirtshause. So kommen wir wohl, vom Verlassen des Siegtales an gerechnet, durch zehn kleine Dörfer und sind froh, mit einem Trunk Wasser, den die Leute uns reichen, den stärksten Durst löschen zu können. Ein merkwürdiges deutsches Land, wo keine Wirtshäuser sind und dabei so nah dem rebenumkränzten Rhein! Nachdem wir nach solchen so lange vergebens gesucht und gefragt hatten, treten wir beherzt in eine alleinstehende Mühle ein und fragen nach Bier. Gern hätte uns die Müllerin einen solchen Labetrunk dargeboten, aber die letzte Flasche im Keller war schon von anderen durstigen Wanderern getrunken worden. So lassen wir uns einen dampfenden Kaffee brauen. An süßer Milch und guten Eiern fehlte es auch nicht, und in der blankgescheuerten Müllerstube saß es sich gut, besser als in manchem prächtigen Gasthause. Doch weit ist noch der Weg nach der Cistercienserabtei Marienstatt, und wir müssen weiter wandern. Durch prächtige Buchen- und Tannenwälder führt der Weg. Die Abtei Marienstatt (Abb. 131) liegt mit einer schönen gotischen Kirche bald in wald- und wiesengeschmückter Landschaft vor uns. Über Feld wandern wir dann nach dem Städtchen Hachenburg, das von einem alten, fürstlich Saynschen Schloß überragt wird. Dort besteigen wir die Eisenbahn zur Fahrt nach dem Städtchen Westerburg, über dem, auf einer Basaltkuppe ebenfalls eine Burg, das fürstlich Leiningensche Schloß thront (Abb. 132).
[Sidenote: Im Westerwald.]
In Westerburg befinden wir uns schon auf dem Hohen Westerwald, der nach Osten noch immer höher ansteigt und in dem kaum hervortretenden Fuchskauten (657 ~m~) den höchsten Punkt erreicht; nach Westen aber senkt sich stufenmäßig zum Rheine hin der Untere Westerwald. Jener liegt durchschnittlich 580 ~m~ hoch, dieser erreicht eine mittlere Höhe von 430 ~m~ nicht mehr. Im Unteren Westerwald lohnt zwar noch der Ackerbau; seinen Hauptschmuck bilden aber die prächtigen Waldungen. Die eintönigen Hochflächen des Hohen Westerwaldes sind vom Wald ziemlich stark entblößt, und weithin dehnen sich neben Heide und Moor Wiesen oder Weiden, auf denen die kleinen Westerwälder Rinder grasen, aus. Der flüchtige Besucher des Landes hält jedoch auch manche Landstriche des Hohen Westerwaldes für waldreich. Überall erscheinen Nadelholzpartien, die er für große Wälder hält. Kommt er aber näher, so bemerkt er staunend, daß der vermeintliche Wald nur aus einigen langen Reihen Tannen besteht. Er sieht nur eine von den zahlreichen Schutzhecken vor sich, die fast überall angepflanzt sind, um die Ortschaften, die Äcker und die Wiesen vor den rauhen Winden zu schützen.
Der Wind ist das Charakteristischste an dem Klima des Hohen Westerwaldes. „Er weht dort,“ wie Tarnuzzer schreibt, „das ganze Jahr, fast zu jeder Stunde, selbst an den Tagen drückendster Sonnenschwüle, die man durch ihn im hohen Westerwald eigentlich nie kennen lernt. Leise bewegt zieht er zwischen Wäldern und Höhen kräuselnd und kühlend dahin. Vom Wald, diesen ‚Lungen des Landes‘, kommt seine Frische und Stärke, die ihn wirksam, ja gewaltig macht, fast wie den Wind von der See ... Unaussprechlich wohltuend und kühlend, allen Duft des Waldes und seine unvergleichliche Würze zu einem herübertragend, webt und webt er in aller Wärme der Sonne und macht dem Wanderer jeden Gang zum Labsal.“
[Sidenote: Dornburg und die Eislöcher.]
Auf der Weiterfahrt durch den Westerwald von Westerburg nach Montabaur versäumen wir nicht, in Frickhofen, dessen Namen man von Freya ableiten will, auszusteigen, um die Dornburg zu besuchen. Nicht ein verwünschtes Schloß, in dem Dornröschen schläft, lockt uns dorthin, sondern eine merkwürdige Naturerscheinung, die berühmten Eislöcher, in denen sich selbst während der heißesten Sommerzeit Eis bildet. Sobald wir uns, nach einer Wanderung über eine heißdürre Heide, dem Berge nähern, weht uns schon ein kalter Lufthauch entgegen. Wirkliches Eis in heißer Sommerzeit sich bilden zu sehen, und zwar an einer Stelle, am Fuße einer aus losem Steingeröll bestehenden Schutthalde, auf die die Sonnenstrahlen beständig scheinen, kommt uns zuerst fast wie ein Naturwunder vor. Und doch ist die Erscheinung ganz natürlich zu erklären als Wirkung einer kalten Luftströmung, die unter dem lose den Abhang des Berges überlagernden Felsgeröll mit starkem Zuge herströmt. Sobald diese kalte Luft mit der warmen in Berührung kommt, verdunstet die mitgebrachte Feuchtigkeit sehr schnell, und die neue Kälte, die hierbei erzeugt wird, reicht zur Eisbildung vollständig hin.
[Sidenote: Lahnwanderung.]
An dem freundlichen Städtchen Hadamar vorbei trägt uns die Bahn durch fruchtbares Hügelland und schöne Wälder hinab in das Lahntal zu der Stadt Limburg (10000 Einw.) (Abb. 133) mit dem prächtigen Dom, der mit seinen sieben Türmen malerisch einen Felsvorsprung hoch über dem Flusse krönt. In Limburg müssen wir Einkehr halten, weil dort die Bahnlinie, die durch den unteren Westerwald führt, beginnt. Zuerst wollen wir aber im Lahntal kurze Umschau halten. Die Stadt Limburg war im frühen Mittelalter Residenz der 1407 ausgestorbenen Grafen des Lahngaues. Sie fiel dann an Kurtrier. Der Dom ist eine ebenso prachtvolle als großartige Schöpfung des spätromanischen oder Übergangsstils. Von 1213 bis 1242 wurde an ihm gebaut (Abb. 134).
Aufwärts leitet uns das Lahntal zu manchen landschaftlich schönen Punkten hin. Das Städtchen Runkel liegt in geringer Entfernung von Limburg malerisch auf beiden Seiten der Lahn und wird überragt von einem gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts erbauten Schlosse der Grafen von Wied. Die weitere Fahrt wird durch die zahlreichen Flußübergänge und Tunnels sehr abwechslungsreich. Der letzte durchschneidet den Schloßberg des Städtchens Weilburg (etwa 4000 Einw.), das sich im Rahmen eines schönen Landschaftsbildes dem Blicke zeigt. Bis 1816 residierten die Fürsten (seit 1806 Herzöge) von Nassau-Weilburg daselbst. Das Schloß stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert, wurde aber 1721 bedeutend vergrößert und kann, auf steilem Felsen gelegen, zu den hervorragendsten Schönheiten des Lahntales gerechnet werden.
Der oberhalb Weilburg gelegene Teil des Lahntales fällt außerhalb des Rahmens dieser Schrift, und nur noch auf die reichen Erzschätze der Weilburger Gegend, wo besonders ausgedehnte Lager von Roteisenstein und Phosphorit vorkommen, sowie des Bezirks von Dillenburg und Herborn im östlichen Westerwald sei hingewiesen. Ihr Vorkommen ist an das zahlreiche Auftreten von Diabasen geknüpft. Diese brachen in der devonischen Zeit als glutflüssige Massen hervor, breiteten sich deckenartig auf dem alten Meeresgrunde aus und wurden später selbst wieder von andern Erdschichten bedeckt. Infolgedessen kommen sie meist linsen- oder lagerartig zwischen Grauwacken, Kalken und Schiefern vor. Auf die reichen Erzvorkommen des Westerwaldes, die auch die obere Sieggegend mit ihrem vorzüglichen Spateisenstein umfassen, und die auf dieselben sich gründenden Industrien hinweisend, sagt Riehl von dieser Gegend mit poetischem Schwunge: „Die Feuersäulen der Hochöfen gruppieren sich hier wie zu einem Strahlendiadem rings um den Saum der Hochflächen.“
An der untersten Strecke des Lahntales von Limburg bis zur Mündung des Flusses sind die landschaftlich schönsten Punkte das von dem früheren Schloß der Grafen von Nassau-Dillenburg überragte Städtchen Diez (4500 Einw.), die auf bewaldeter Basaltkuppe thronende Schauenburg, die Schloßruine Balduinstein, deren großartige Baureste sich aus enger Schlucht auf Kalk- und Porphyrfelsen erheben, Burg Nassau (Abb. 135) und Burg Stein, vor letzterer das im Jahre der Wiedererrichtung des Deutschen Reiches vollendete Denkmal des Freiherrn vom Stein (Abb. 136), das alte Städtchen Nassau, welches schon 790 als Nasonga erwähnt wird, und in dessen Schloß der eben genannte große Staatsmann das Licht der Welt erblickte und wohnte, und endlich Ems (rund 7000 Einw.), (Abb. 138). Bad Ems ist alljährlich das Ziel von Tausenden, und nicht immer sind es die Kranken und Schwachen, die dorthin pilgern, um vom Emser Krähnchen, vom Fürsten- oder vom Kaiserbrunnen zu trinken; auch herzensfrohe Menschen finden sich unter den Kurgästen, die eben nur eine Badereise machen wollen, denen es in den freundlichen Landhäusern zu gut gefällt, die von den Klängen der Kurkapelle gar zu gern sich locken lassen, die das Promenieren im Kurgarten (Abb. 137) lieben oder auch an den schönen Spaziergängen über die benachbarten, waldgeschmückten Höhen immer wieder neues Gefallen finden. Auch historische Erinnerungen knüpfen sich an Ems. Ein Marmorstandbild des Kaisers Wilhelm ~I.~ erinnert an die Zeit, in der der Monarch alljährlich zum Kurgebrauch nach Ems zurückkehrte, und man zeigt uns die Stelle, wo der greise König den allzu zudringlichen französischen Gesandten im Juli des Jahres 1870 abwies. Die Hauptbestandteile der Emser Quellen sind doppeltkohlensaures Natron und Chlornatrium. Ihr Kurgebrauch wird hauptsächlich bei Erkrankungen der Atmungsorgane, sowie bei Magen- und Darmkatarrhen verordnet.
[Sidenote: Montabaur und Kannenbäckerland. Westerwalder Tonindustrie.]
Nach diesen Streifzügen durch das Lahntal nach oben und nach unten sind wir wieder in Limburg angelangt. Zur Fahrt durch den untern Westerwald besteigen wir von neuem die Eisenbahn, die uns über ein hügeliges Land, in dem schöne Wälder mit fruchtbaren Äckern wechseln, zunächst nach Montabaur bringt. Das Städtchen ist der größte Ort des Westerwaldes, obschon es nur etwa 4000 Einwohner zählt. Es liegt in sehr waldreicher Gegend. Die im Besitze von Montabaur befindlichen Waldungen werfen z. B. einen jährlichen Ertrag von etwa 13000 Mark ab. Der Stolz des Städtchens ist das ehemalige kurfürstlich-trierische Schloß, das aus einem Walde von Hainbuchen auf einem abgestumpften Bergkegel emporsteigt. Schattige und felsgeschmückte Wege führen zu demselben hinan, und auf dem Schloßberge entfaltet sich eine prächtige, vielgerühmte Aussicht, namentlich auf das malerisch gelegene Städtchen selbst.
Westlich von Montabaur liegt das sogenannte Kannenbäckerland, wo eine alte, jetzt wieder frisch blühende Tonindustrie betrieben wird. Um nach den bedeutendsten Orten dieses Bezirks, nach Ransbach, Grenzhausen und schließlich nach Höhr, dem wichtigsten, wo eine Keramikschule besteht, zu gelangen, besteigen wir in Siershahn die Zweigbahn, die in westlicher Richtung nach Engers führt. Der tertiäre Ton in dieser Südwestecke des Westerwaldgebietes führt den Namen Pfeifenton oder Pfeifenerde, weil er früher hauptsächlich zur Verfertigung von Tonpfeifen benutzt wurde. Er ist wie alle Tonarten aus der Verwitterung von feldspatreichen Gesteinsarten (Granit, Trachyt, Porphyr usw.) entstanden und durch Wasserfluten von seiner ursprünglichen Lagerstätte weggeschwemmt worden. Er besteht aus 53,50% Kieselsäure, 29,63% Tonerde, 1 bis 3% Eisenoxyd und 1 bis 2% Magnesia. Der Eisengehalt und der Gehalt an Pflanzen- oder Tierresten geben dem Ton eine bestimmte Färbung, die bald weißgrau, bald gelblich oder rötlich, bald bläulich ist. Der Ton des Westerwaldes ist durchweg sehr fein und gleichartig. Seine Gewinnung oder Werbung geschieht mittels des Reifenschachtbetriebes. Auf den Ton wird durch die ihn überlagernden Lehm- und Sandschichten ein etwa 2 ~m~ breiter Schacht getrieben, der mit starken Holzreifen ausgekleidet wird. Sobald man die zähe Tonmasse erreicht, hört die Auskleidung mit Holz auf. Man sticht den Ton mit großen, messerartigen Werkzeugen ab und fördert ihn in Kübeln noch oben. Allmählich werden die Gruben trichterförmig erweitert. Der zähe Ton hält zwar eine Zeitlang stand. Allmählich aber rücken die Wände des Trichters, dem ungeheuren Druck nachgebend, zusammen: der Ton „wächst“. Die Arbeiter kennen diese Erscheinung ganz genau und verlassen den Schacht erst, wenn sie durch die Öffnung kaum noch hindurchschlüpfen können. Die Töpferkunst des Westerwaldes ist schon sehr alt. Sie ist bis ins vierzehnte Jahrhundert zu verfolgen. Besonders im sechzehnten Jahrhundert stand das Gewerbe in hoher Blüte. Es lieferte vielfach auch kunstvollendete Arbeiten, die durch eingeritzte Ornamente geschmackvoll verziert waren und sich durch eine seltene Schönheit der Färbung auszeichneten. Die Hauptfarben waren blau und violett (Blauwerk). Beim Niedergang der Töpferkunst war das Geheimnis der Farbenmischung verloren gegangen, bis es vor wenigen Jahren durch einen glücklichen Zufall wieder gefunden wurde. Das neue Aufblühen verdankt die Westerwalder Tonindustrie hauptsächlich dem guten Ruf der mit großem Geschick wieder nachgeahmten altdeutschen Ware, die nach der herrschenden Mode mit Vorliebe auch zur Ausstattung von altdeutschen Zimmereinrichtungen verwandt wurde. Die Tonpfeifenfabrikanten von Höhr haben fast den ganzen Handel mit Tonpfeifen in Händen. Namentlich nach Holland und Amerika findet eine bedeutende Ausfuhr statt.
[Sidenote: Wiedtal. Siebengebirge.]
Nachdem wir auf der vorher erwähnten Bahnlinie bei Engers den Rhein erreicht haben, lockt es uns noch einmal hinein in die Waldespracht des Westerwaldes. Wir folgen dem tief eingeschnittenen, von waldgeschmückten Abhängen umrahmten Tale des Wiedbaches, grüßen Monrepos, das fürstlich Wiedsche Lustschloß, und wandern, nach herrlichem Rückblick auf das Rheintal, weiter nach Altwied, das von den efeuumrankten Trümmern der Stammburg (Abb. 139) der Grafen von Wied überragt wird. Wieder wandern wir dann zurück an den Rhein und, seinem Laufe folgend, dem schönsten Wanderziele entgegen, das Rheinland uns zu bieten vermag: zu den Sieben Bergen, die schon auf der Rheinfahrt in herrlichem Bilde vor uns erschienen.
Das Siebengebirge (Abb. 1 und 141) wird als die siebengestaltige Krone in Rheinlands Schönheit gepriesen. Es ist in der Tat ein kleines Wunderland, in der Sage, Geschichte und Dichtung fast jeden Punkt verherrlicht haben. Überall ist die Schönheit des Siebengebirges eine andere. Anders ist sie dort, wo der Drachenfels mit seiner zerklüfteten Felsgestalt aus den Wogen des Rheines emportaucht, anders dort, wo sich die Löwenburg oder der Ölberg hoch über die Bergeskrone, hoch über die Hochflächen des Westerwaldes erheben. Wenigstens den schönsten und besuchtesten Berg, den Drachenfels, wollen wir besteigen und dabei den Sagen lauschen, die aus dem Born der grauen Vorzeit fließen.
[Sidenote: Drachenburg und Drachenfels.]
In Königswinter (4000 Einw.) (Abb. 141) landet uns das Dampfschiff. Wir gesellen uns gern dem frohen Wandervölkchen zu, das auf dem steilen Pfad, zwar etwas mühselig, aber doch in freudigster Stimmung zum Gipfel des Drachenfels pilgert. Die Zurückkehrenden sind in noch besserer Laune. Sie haben oben die Schönheit der Landschaft und wohl auch die Kraft des Weines in vollem Maße gekostet. So singen sie frohe Rhein- und Weinlieder, und Efeu- oder Eichenkränze zieren ihre Hüte. Andere reiten auf einem muntern Pferdchen oder sitzen, etwas bequemer, auf dem Rücken eines Langohrs, der zu einem roten Sessel eingerichtet ist. Des Tierrückens ungewohnt, machen die meisten eine possierliche Gestalt, so daß man sich des Lachens kaum enthalten kann. Aber was tut’s? Zum Lachen und Scherzen zog ja jeder hinaus. Es gehört zum frohen rheinischen Leben, zum Wandern am Rhein, und es macht das Herz wieder so jung und so neu.
[Sidenote: Geschichte des Drachenfels.]