Part 10
Sinzig, das wahrscheinlich das römische ~Sentiacum~ ist, liegt nicht am Rhein, sondern in halbstündiger Entfernung an dem schon etwas erhöhten Fuße der linksseitigen Höhen. Malerisch tritt besonders die Kirche mit ihrem achteckigen Hauptturme, der an der Chorseite von kleinen Türmchen flankiert ist, hervor. Sie gilt für eine der schönsten Kirchen am Rhein. In spätromanischem Stile erbaut, zeigt sie noch die vorherrschende Verwendung der Rundbogen. Der Bau wurde 1220 geweiht. Das Innere der Kirche ist ausgemalt. Kunsthistorischen Wert hat ein Flügelbild im nördlichen Kreuzarm, von einem altkölnischen Meister herrührend, das auf Goldgrund Christi Kreuzigung, seine Himmelfahrt und den Tod Mariä darstellt. Auch die Stadt Linz, die gleich Andernach zum Teil noch von Mauern und Türmen umgeben ist, besitzt eine aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stammende romanische, dem St. Martin geweihte Kirche, die jedoch in späterer Zeit einen gotischen Turmhelm und anderen gotischen Schmuck erhielt. Über Linz erhebt sich der Donatus- oder Kaiserberg, der einen schönen Blick ins Rheintal und das auf der anderen Seite sich öffnende Ahrtal darbietet. Mehr locken den Fremden aber noch die großartigen Basaltsteinbrüche bei Dattenberg -- der Ort ist bekannt durch seinen Rotwein --, ebenso auf dem Minderberg. Er bewundert dort die Pracht der Basaltsteinsäulen und ist erstaunt über die schöne, smaragdgrüne Färbung des Wassers, das sich in den Vertiefungen der Steinbrüche ansammelt und überraschende Spiegelbilder der infolge langsamer Erkaltung so regelmäßig gegliederten, bis zu 7 ~m~ langen und 20 ~cm~ dicken Basaltsäulen zeigt. Der Geologe, der ihn dieses Wunderwerk der Natur schauen läßt, führt ihn auch zu den Rheinkiesablagerungen, die in bedeutender Höhe über dem jetzigen Spiegel des Stromes verraten, wo dieser einst seine Fluten durch das noch nicht so tief ausgenagte Tal bewegte.
[Sidenote: Remagen. Apollinariskirche.]
In Remagen gesellen wir uns den zahlreichen Touristen zu, die dort den Rheindampfer verlassen. Das Ahrtal mit seinen malerisch sich türmenden Felsen, mit seinem zum Irrlauf gezwungenen Flusse, mit seinen Burgruinen auf den Bergen und seinen Dorfidyllen in des Tales Nischen, mit seinen Geschichten und Sagen, mit seinen heilkräftigen Quellen ist ihr und unser Ziel. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges benutzen wir, um die alte Stadt Remagen und ihre Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. In dem Orte haben wir wieder eins der fünfzig Drusus-Kastelle vor uns. Auf der Peutingerschen Karte, der Nachbildung einer alten römischen Straßenkarte aus dem Mittelalter, ist Remagen als ~Rigomagus~ aufgeführt. „Wertvoll für die früheste Geschichte der Stadt,“ so schreibt Kollbach, „ist ferner ein in der Nähe aufgefundener römischer Meilenstein, welcher uns nicht nur die Zeit des Straßenbaues unter den Kaisern Markus Aurelius und Lucius Verus verkündet, sondern auch genau die Entfernung von hier bis Köln als 30000 Schritte angibt.“ Interessante römische Funde wurden zu Remagen beim Bau der jetzigen Landstraße, im Jahre 1763, gemacht. Dieselben wanderten, weil der Ort damals zur Pfalz gehörte, nach Mannheim. Neuen Aufschluß über das römische ~Rigomagus~ ergab in neuester Zeit der 1900 begonnene Neubau der alten Pfarrkirche. Es war längst bekannt, daß diese inmitten des Drusus-Kastells stand. Durch die vorgenommenen Nachgrabungen wurde die Nordmauer desselben am Deichweg freigelegt. Eine gleich gut erhaltene oberirdische Festungsmauer aus der römischen Zeit ist in der Rheinprovinz kaum noch irgendwo erhalten. Ein aufgefundener römischer Ziegelstein trug die Aufschrift ~RICOM~, die den Gedanken nahe legt, daß der Name des Kastells nicht ~Rigomagus~, sondern ~Ricomagus~ hieß. Auch auf mächtige Schuttmassen stieß man bei jener Gelegenheit. Kaum ein zweiter Ort am Rhein hat so schwere Schicksale, so zahlreiche Belagerungen und Zerstörungen in Kriegszeiten erdulden müssen wie Remagen. Es wurde 1198 von den Truppen Philipps von Schwaben verbrannt, 1475 von den Burgundern erobert, 1632 von den Schweden erstürmt, 1633 von den Spaniern zurückerobert, im selben Jahre aber von den Schweden zusammengeschossen, wobei der Kirchturm und 200 Häuser zerstört wurden. Kein Wunder, daß nach solchen schlimmen Zeiten der Ort am Ende des Dreißigjährigen Krieges nur noch 60 Häuser, wohl richtiger gesagt Hütten zählte. Und dennoch blieben uns noch einige interessante, mittelalterliche Baureste erhalten, so das 1246 geweihte gotische Chor der alten Pfarrkirche und der seltsame, schon viel gedeutete und doch vielleicht noch nicht richtig erklärte, reich mit Skulpturen geschmückte Torbogen, der neben dem Pfarrhause steht. In der Talfurche des Lützerbaches, der in den aussichtsreichen Viktoriaberg eingeschnitten ist, sind noch Reste einer unterirdischen römischen Wasserleitung erhalten. So plaudert, wie dieser Bach, fast jede Örtlichkeit eine Geschichte. Aus der frisch blühenden Gegenwart, die aber Remagen die frühere Bedeutung noch nicht wiederzugeben vermochte, stammt die zierliche, von vier schlanken Türmchen flankierte Apollinariskirche (Abb. 114), die der Graf Fürstenberg-Stammheim 1839 durch den Dombaumeister Zwirner in gotischem Stile aufführen ließ.
[Sidenote: Das Ahrtal.]
Nicht gar zu schnell führt uns der Eisenbahnzug von Remagen durch das Ahrtal. Wir lassen die wechselnden Bilder an uns vorübergleiten, und erst dort, wo die neben uns rauschende Ahr in der engsten Felsenwildnis sich zu verlieren scheint, in deren Mitte malerisch auf schroffem Felskegel die Burgruine Altenahr vor uns auftaucht, machen wir halt, um rückwandernd dann des Tales Schönheit voll zu genießen. Drei völlig verschiedene Talstücke des Ahrlaufes können wir unterscheiden. Die oberste Strecke entfaltet noch nichts von der wilden Schönheit, die das Ahrtal so berühmt gemacht hat. Nur wenig hat der junge Fluß in dem Grauwacke- und Kalkgestein, das er zuerst durchfließt, sein Bett vertieft. Grüne Wiesen säumen ihn, und die Talgehänge prangen in dichtem Waldkleide. Erst bei Altenahr, wo die Ahr in eine mehr schieferartige Grauwacke eintritt, ändert sich plötzlich das Talbild. Dieses Gestein bot dem mit starkem Gefälle gegen die Felsen anstürmenden Flusse, der inzwischen auch durch zahlreiche Bäche seine wilde Kraft verstärkte, nur geringen Widerstand dar. So ward die Landschaft durch tiefe Furchen zerrissen. Auf eine großartige Felsenlandschaft schauen wir von der Burg Altenahr, dem Stammsitz des Grafengeschlechts von Are, deren Bau bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichen soll, oder vom Weißen Kreuz (Abb. 115) herab. Wohl zehnmal sehen wir die Ahr hinter den schroffen Felswänden, die entweder mit zierlichem Buschwerk bewachsen oder bis hoch hinauf mit Reben geschmückt sind, verschwinden und wieder hervorkommen. Bis Walporzheim reicht der enge Teil des Ahrtales. Noch an vielen Punkten entfaltet dieses mittlere Talstück seine eigenartige Schönheit. Zuweilen verbreitert das Tal sich etwas, und ein größerer Rebengarten nimmt uns auf. Dann aber treten die Berge in malerischen Formen wieder näher an den Fluß heran und zwingen ihn zu neuen Irrläufen. In dem kühlen Wassergrunde spielt die Forelle. Die rote Felsennelke schmückt das Gestein. Hie und da führen von der Landstraße Steinstufen hinauf zu den Weinbergen. Wir wandern an der vielbesuchten Lochmühle und an dem in stillem Talfrieden liegenden Mayschoß vorüber und blicken hinauf zu den geringen Resten der einst auf steiler Felshöhe so trotzig gelegenen Sassenburg. In breiterem Tal erholt sich die Ahr von ihren Irrläufen. Dann grüßen wir die Bunte Kuh, einen mit spitzer Nase aus der Bergwand heraustretenden Fels. Der eigentümliche Name soll von einer Wette herrühren. Für den Preis einer Kuh erkletterte ein Mädchen den Fels und wechselte auf der vorspringenden Nase das Strumpfband. Gleich hinter der Bunten Kuh erreichen wir Walporzheim, den weltberühmten Weinort, wo im St. Peter gar mancher Zecher des Weines Kraft erfahren hat.
Bei Walporzheim beginnt das untere, viel breitere Talstück der Ahr. Das alte Städtchen Ahrweiler (4500 Einw.), der in jüngerem Glanze aufblühende Badeort Neuenahr (Abb. 116) und der Weinort Bodendorf sind die bekanntesten Orte auf dieser Strecke. Bei Ahrweiler liegt auf dem Kalvarienberg das gleichnamige Kloster der Ursulinerinnen. Wie anders ist auf dieser Strecke das Bild des Tales, wenn man von einer der Berghöhen herniederschaut! Den schönsten Überblick haben wir von der Landskrone hinab, die auf der Nordseite so beherrschend hervortritt. Der Fluß zieht zwischen Wiesen und Feldern dahin, und die zahlreichen Ortschaften liegen in einem Kranze von Obstbäumen. Die uns gegenüberliegende Talwand prangt in üppigem Waldschmucke, während auf der nördlichen, der Mittagssonne zugekehrten die Rebe bis fast zur Mündung der Ahr hin ihr Plätzchen behauptet.
[Sidenote: Rheinfahrt.]
Wieder stehen wir am Strande des Rheins, um das Dampfschiff für die Fahrt von Remagen nach Bonn zu erwarten. Die „Loreley“ ist’s, die auf den Fluten dort heranschimmert und nun an der Landebrücke anlegt. Will der Name des schönen Schiffes noch einmal Kunde uns bringen von dem herrlichen Bilde, das wir auf der Rheinfahrt schauten, von dem sagenumwobenen Berge und der Nixe, der jener Schiffer vergessen lauschte, oder will er der Sage liebliche Laute aufs neue wecken in unserer Brust beim Anblick anderer Bilder herrlichster Art?
[Sidenote: Rolandseck. Drachenfels. Königswinter.]
Tief steht die Sonne am Himmel. Auf die Talwand zur Linken senkten sich schon des Abends Schatten, aber die Höhen auf der rechten Seite des Stroms lecken noch das letzte Licht des sterbenden Tages. So feurig strahlt der Abendröte Schein, als wollte sie die letzte Stunde der Rheinfahrt uns vergolden, daß leuchtend der Erinnerung schöne Bilder wieder auftauchen können noch in späteren Jahren, wenn ein großes Stück des Lebens hinter uns liegt wie ein Traum. O schönes Erinnern, das dann auch erzählt von jenem Sonnenuntergang am Rhein! Von neuem sehen wir, wie die dunkle Bergmasse der so trotzig am rechten Rheinufer aufragenden Erpeler Ley sich rötlich färbt und von den sanften Rebengehängen Oberwinters auf der andern Seite die letzten Sonnenstrahlen forthuschen, wie über Rolandseck von schattendunkler Bergeswand der Rolandsbogen (Abb. 117) grüßt und vor uns das liebliche Eiland Nonnenwerth mit seinem altersgrauen Kloster auftaucht, wie endlich der Drachenfels (Abb. 1) aus den Fluten des Stromes auftaucht, so trotzig, als wollt’ er ihn wehren, weiter zu ziehen und unser Schiff fortzutragen aus diesem Lande der Poesie. Und auch der Sage Laute klingen wieder an unser Ohr. Von Hildegunde erzählen sie, die, einer falschen Nachricht glaubend, die den Tod ihres geliebten Ritters meldete, im Kloster zu Nonnenwerth die Klage des Herzens vergessen wollt’, von Roland, der traurig diese Kunde nach glücklicher Heimkehr vernahm und droben, wo heute noch der Rolandsbogen steht, sich ein Schloß baute, um immer hinabschauen zu können auf das Kloster, das die Liebste barg, und von Siegfried, der den Drachen tötete.
Doch ein prächtiges Bild, ein stolzer Bau, der aus neuerem Stein sich auftürmt, scheucht die Bilder der Vergangenheit. In halber Höhe des Drachenfels erscheint, überragt von der Burgruine, die die höchste Spitze des Berges so malerisch krönt, das neue, vieltürmige und zinnenreiche Schloß Drachenburg (Abb. 118 u. 141 bis 143). Und wie reich das Leben flutet am herrlichen deutschen Rhein, inmitten dieser, von einer alten Kultur gesegneten Landschaft, das verrät die vielhundertköpfige Menge, die in Königswinter (Abb. 141) unser Schiff erwartet. Bis auf den letzten Platz füllt dieses sich, und mit der Menge zieht rheinische Fröhlichkeit in seine gastlichen Räume ein. Lustig werden bei der Abfahrt die Tücher geschwenkt, und bald ertönen die Klänge eines Rheinliedes. Nixen sieht man auf der Loreley und junge Musensöhne, die in dem Sange die nämliche „gewalt’ge Melodei“ verspüren, die den Schiffer im kleinen Kahne lockte. Und desto froher stimmen sie, als verklungen der Loreley Zaubergesang, selbst sich warnend, Simrocks köstliches Lied an:
An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut; Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei, Als wär’ es ein adlig Geschlecht; Gleich bist du mit glühender Seele dabei: So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön Und die Stadt mit dem ewigen Dom; In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’n Und blickst hinab in den Strom.
Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund, Und hast du ihr Lächeln gesehn, Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, so ist es geschehn:
Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein, Entzücken faßt dich und Graus: Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein! Und kehrst nicht wieder nach Haus.
[Sidenote: Bonn.]
Wie könnte das rheinische Land schöner gefeiert werden als in diesem herrlichen Liede! Der es sang, er wohnte in Bonn, der schönen Musenstadt am Rhein, die nun uns grüßt mit ihren schmucken Villen, ihren lieblichen Gärten, mit dem trotzigen Alten Zoll und der schwungvollen neuen Rheinbrücke (Abb. 119). Letztere ist im Jahre 1899 dem Verkehr übergeben worden. Wer über sie wandert, erfreut sich an dem bildhauerischen Schmuck, der in den beiden Zollhäuschenpaaren (Abb. 120) zum Ausdruck gelangt ist, an der naiven Darstellung der rheinischen Sagen, des Studenten- und Volkslebens (Abb. 121). An der Beueler Torburg der Rheinbrücke lachen wir recht herzlich über das „Bröckemännche“ (Abb. 122), das durch seine Haltung die Bewohner von Beuel sehr drastisch dafür straft, daß ihre Gemeinde zum Brückenbau nichts zusteuerte.
[Sidenote: Bonn. Das Siebengebirge.]
Bonn ist oft verglichen worden mit der ihm geistig so nah verwandten Musenstadt am Neckar, mit dem nicht weniger gepriesenen Heidelberg. Die Lage der beiden Städte ist jedoch völlig verschieden. Heidelberg konnte sich gleichzeitig an einen Flußlauf betten und an eine hochragende Bergwand lehnen. Bonn sieht sich von den Berggehängen, die den Rheinstrom bis dorthin malerisch schmückten, verlassen, sieht sie aber in schön geschwungenen Linien und in nicht zu weiter Ferne auftauchen, sowohl seitwärts über der Poppelsdorfer Allee, die nach Südwesten zur Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberge hinzeigt, als auch in südöstlicher Richtung über der breiten Wasserfläche des Rheins, der des Landes Krone, die Sieben Berge, auf seinem Spiegel trägt. So steht in dem Landschaftsbilde der beiden schönen Musenstädte die malerische Nähe, die nichts dem Auge verhüllt, der lockenden Ferne, die das Gemüt des Beschauers zu sich hinzieht, einander gegenüber. Dieser Gegensatz muß im Empfinden des Menschen zum Ausdruck kommen: die Nähe wirkt immer großartig, die Ferne aber entfaltet den Reichtum der Erscheinungen einer großen Welt, die täglich noch Neues zu zeigen vermag. Die Sieben Berge, der wie ein Eckpfeiler trotzig aufragende, sagenumwobene Drachenfels, die Burgruine, die ihn krönt, der Petersberg mit dem stattlichen Gasthause, der wie ein König alle Berge überragende Ölberg, dann jenseits des Flusses der zierliche Godesberg mit seiner schlanken Turmruine, die an die Bergeshöhen, an den Strom gelehnten Ortschaften, das wechselnde Bild der die Stromfläche belebenden Schiffe, die am Stromufer aus ihren Gärten auftauchenden Villen, die in schwungvollen Riesenbogen sich spannende Brücke mit ihrer Verkehrsbewegung, ferne Kirchtürme und andere Gebäude, so die immer bei klarem Wetter deutlich hervortretende Kuppe mit der Abtei Siegburg, sowie andere Erscheinungen in dem weiten Rahmen des Bildes: sie werden heute übersehen und morgen freudig neu entdeckt von den täglichen Besuchern des Alten Zoll. Auf diesem berühmten Aussichtspunkte am Bonner Rheinufer steht das Denkmal Vater Arndts (Abb. 123), und zwei französische Kanonen, die von Kaiser Wilhelm ~I.~ der Bonner Universität geschenkt wurden, schauen über die Brüstung des mächtigen Bollwerks hinweg. Was der Landschaft von Bonn gegenüber der von Heidelberg an großartiger Plastik fehlt, das ersetzt der zu den Füßen des Alten Zoll vorüberrauschende Rhein, sowohl durch das natürliche Bild eines im Vergleich zum Neckar riesenhaften Stromes, als auch durch die geistige Größe, die er in der Geschichte des deutschen Volkes erlangt hat. So übertrifft die Lage Bonns diejenige Heidelbergs. Nur das geistige Leben der beiden Städte hat viele gemeinsame Züge. Die beiden durch eine herrliche Lage im schönen Rebenlande und ein frisches rheinisches Leben ausgezeichneten Städte vermögen ihren Musensöhnen eine Geistesnahrung zu geben, die die andern deutschen Universitäten, nur noch Jena ausgenommen, nicht bieten können, einen Impuls fürs Leben mit den starken Schwingen, um Großes zu erreichen. Kam dies nicht oft genug in der Bonner Studentenschaft zum Ausdruck? Sagte es nicht die Flamme der Begeisterung, die so mächtig aufloderte, als 1870 die Kunde der Kriegserklärung erscholl und die Bonner Studenten zu einer großartigen patriotischen Kundgebung ungerufen zusammen sich fanden, und sagte es nicht vor wenigen Jahren auch der Aufruf, der von Bonn aus zur Errichtung von Feuersäulen, um das Andenken des heimgegangenen großen Kanzlers Bismarck zu ehren, in die deutschen Lande ging und in allen deutschen Städten so begeisterte Aufnahme fand, daß überall von den Bismarck-Säulen die Flammen der Begeisterung für den größten deutschen Staatsmann, die Frühlingsfeuer des jungen Deutschen Reiches auflodern werden! Von den großen Männern, die dem Lehrkörper der Universität seit ihrer Gründung im Jahre 1818 angehört haben und sich inmitten der Gedankenwelt der rheinischen Musenstadt so wohl fühlten, von einem Niebuhr, dem großen Geschichtsforscher, von einem Arndt, an dessen Denkmale auf dem Alten Zoll wir die flammenden Worte lesen: „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, von einem Dahlmann, der gleich Arndt von Deutschlands großer Zukunft träumte, von einem Wilhelm von Schlegel, von dem rheinischen Poeten Karl Simrock, der in Bonn geboren war, von Heinrich von Sybel, der zwar nur wenige Jahre in der rheinischen Musenstadt wirkte, und von andern brauche ich nicht weiter zu reden, denn die Namen dieser Männer wurzeln fest in der Erinnerung des ganzen deutschen Volkes. Auf dem alten Friedhofe, wo auch ein Schumann, ferner die Gemahlin und der zweite Sohn des Dichterfürsten Schiller begraben liegen, können wir die treu in Ehren gehaltenen Grabstätten jener großen Männer besuchen. Dort schauen wir auch das schöne, von Küppers modellierte Kriegerdenkmal (Abb. 124), das uns an eine große Zeit erinnert, die jene Männer heiß ersehnten. Wenden wir uns dem alten Bonn zu, so grüßt uns auf dem Münsterplatze das Denkmal Beethovens (Abb. 125), der im Jahre 1770 in Bonn geboren wurde, und dessen Geburtshaus in der Bonngasse von jedem Verehrer des größten Meisters der Töne aufgesucht wird. Am Münsterplatze ragt die schöne, leider in ihrem stimmungsvollen Innern etwas bunt bemalte Münsterkirche (Abb. 126 u. 127) empor, deren älteste Teile am Chor aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Dem Marktplatze (Abb. 128) von Bonn geben das Rathaus und die alten oder in altertümlichem Stile neu aufgeführten Giebelhäuser, die zum Teil mit Malereien geschmückt sind, sein eigenartiges Gepräge. Nach Norden gelangen wir von dort in den Stadtteil, der sich auf dem Boden des alten römischen Lagers entwickelt. Schöner ist allerdings der von baumgeschmückten Straßen durchzogene südliche Stadtteil, wo der Hofgarten, der zwischen der Universität, dem früheren kurfürstlichen Schlosse (Abb. 129), und dem Rhein sich ausbreitet, wo der Kaiserplatz, die Poppelsdorfer Allee, die zum Poppelsdorfer Schlosse und dem Botanischen Garten führt, die Koblenzerstraße, die Rheinallee, die Gronau mit dem neuen, am Rheinufer erbauten Stadthause und der Bismarcksäule (Abb. 130) und endlich auf dem Venusberge der Kaiserpark zu genußreichen Spaziergängen einladen.
VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das Siebengebirge.
[Sidenote: Der Westerwald.]
Mit dem Namen „Westerwald“ wird der Teil des Rheinischen Schiefergebirges bezeichnet, der im Südosten und Süden von der Lahn, im Westen vom Rhein und im Norden von der Sieg begrenzt ist. Der Name soll von Wister-Wald = weißer Wald herkommen und von den Bewohnern des tiefer gelegenen unteren Westerwald ursprünglich dem höchsten Teile des Gebirges, von dem der Schnee noch spät im Frühlinge weiß herabschimmert, beigelegt worden sein. Wenn diese Erklärung richtig ist, hat früher also nur ein Teil des Gebirges den jetzt für das ganze Gebiet geltenden Namen geführt, ähnlich wie es beim Hunsrück und der Eifel der Fall war.
[Sidenote: In der Kroppacher Schweiz.]