Am Rhein

Part 12

Chapter 123,254 wordsPublic domain

Wir steigen immer höher, anfangs durch Weinberge, später durch Wald oder zwischen zerklüfteten Felswänden. Schon liegen die Häuser, der Kirchturm der Stadt Königswinter tief unter uns; die Schiffe auf dem Rhein werden immer zwerghafter, und der Bergzug auf der andern Rheinseite scheint tiefer sich zu senken. An jeder Lichtung machen wir halt, um den herrlichen Blick hinab ins Tal zu genießen. Dann schreiten wir rüstig weiter. Links pustet die Zahnradbahn, die zum Gipfel des Drachenfels führt, an uns vorüber und rast zur Tiefe. Rechts begleitet uns jetzt das Gitter, das die Anlagen der neuen Drachenburg umschließt. Durch die Eisenstäbe hindurch gucken wir nach den Damhirschen aus, die in dem lichten Gehölz gewöhnlich sichtbar sind, zuweilen sogar an das Gitter kommen und aus der Hand des Wanderers ihr Futter nehmen. Den schönen Blick auf die Burg selbst genießen wir etwas höher. Wie stolz hebt sich der prächtige, turmreiche und zinnengekrönte Bau (Abb. 118 und 142) aus der hellen Wiesenmatte und aus den dunkeln Baumgruppen heraus! Gegen fünf Millionen Mark haben Grundstück und Bau gekostet. Nun steht sie auf halber Höhe des Drachenfels als ein stolzes Baudenkmal der Neuzeit da. Der jetzige Besitzer hat das prächtige, mit schönen Kunstwerken und Gemälden (Abb. 143) ausgeschmückte Schloß der öffentlichen Besichtigung gegen ein mäßiges Eintrittsgeld freigegeben. Hoch über uns erscheint der viereckige, halbzerfallene Turm der alten Drachenburg (Abb. 144), der von dieser fast allein noch übrig geblieben ist, als das berühmteste Denkzeichen der Landschaft des Siebengebirges. Was wäre der Drachenfels ohne seine Ruine! Er hätte schier kein Recht mehr, so trutzig aus den Fluten des Rheines emporzusteigen und sich als Wächter dort hinzustellen, so kühn und so stolz. Nun stehen wir vor der schwindelnden Höhe. Aus der fast senkrecht aufsteigenden Trachytwand wächst das Gemäuer des riesigen Turmes heraus. Bergwand und Mauer erscheinen zu einem Ganzen verwachsen. Kein mutiger Kletterer vermag da emporzusteigen. Unangreifbar! Welcher Wert in einstiger Zeit! Es schuf diese Burg, deren ersten Bau der Kölner Erzbischof Arnold ~I.~ zwischen 1137 und 1151 ausführen ließ. Als „Trachenfels“, „Drakinfels“ und „~Mons draconis~“ wird sie in den Lehns-Urkunden bezeichnet. Sie ging später in den Besitz des Bonner Cassius-Stifts über. Der Kölner Erzbischof und Kurfürst behielt aber das Recht der Besatzung für den Kriegsfall. Die Verwaltung der Burg wurde einem Burggrafen übertragen. Der erste Burggraf, den eine Urkunde aus dem Jahre 1176 nennt, war Gottfried von Drachenfels. Die Geschichte weiß uns noch manches von der Drachenburg und den Burggrafen von Drachenfels zu erzählen, deren rotes Wappenschild ein silberner geflügelter und flammenspeiender Drache schmückte. Der Ritter Godard erwarb auch die Pfandschaft am Schloß Wolkenburg, das die benachbarte Bergkuppe krönte. Später wurden noch andere Schlösser und Herrschaften durch Kauf oder Heirat erworben. So wuchs das Ansehen der Burggrafen von Drachenfels. Godards Sohn, Klaus von Drachenfels, wagte dem Kölner Erzbischof offene Fehde anzusagen; im Kampfe besiegt, mußte er das Land verlassen. Als er sich mit dem Erzbischof wieder ausgesöhnt hatte, verweigerten ihm seine Vettern den Eintritt in die väterliche Burg. Am untern Burgweg kam es zum blutigen Kampfe, und an der Stelle, wo jetzt der zweite Kucksteiner Hof am Wege zum Drachenfels liegt, ward Klaus von seinem Vetter Heinrich erschlagen. Um den Mörder zu bestrafen, belagerte der Kurfürst Hermann die beiden Festen Drachenfels und Wolkenburg, die sich ihm 1493 ergeben mußten. Aber Heinrich war geflohen. Der Geächtete wurde später begnadigt und als Burgherr anerkannt. Dem ermordeten Klaus mußte er in Heisterbach nachträglich ein standesgemäßes Begräbnis mit Geläut, Messen, Vigilien und Commendacien bereiten lassen, sowie an der Mordstelle ein ehrlich steinernes Kreuz errichten. Er selbst starb 1530 und fand, wie seine Vorgänger, in Heisterbach seine letzte Ruhestätte. Sein Grabstein wurde aber später an der Kapelle zu Rhöndorf am südlichen Fuße des Drachenfels eingemauert. Im truchsessischen Kriege, 1583 bis 1588, wurde die Drachenburg hart belagert. Aber sie hielt wacker stand, und ihr Verteidiger, Hauptmann Funk, schlug alle Angriffe des Pfalzgrafen Johann Kasimir auf den Drachenfels und Königswinter zurück. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten 1633 die Schweden die Burg. Aber noch im selben Jahre wurden sie von den Spaniern vertrieben. Hiermit hören die Kriegsstürme für die Drachenburg auf. Der Kurfürst Ferdinand ließ sie nicht mehr von neuem in Verteidigungszustand setzen, sondern gab sie im Jahre 1642 als Ruine den Freiherrn Walbott von Bassenheim, Nachkommen von Klau’s Schwester, zu Lehen. Jetzt ist der Drachenfels Eigentum des preußischen Staates.

[Sidenote: Der Drachenfels.]

Den Spuren der Geschichte, die uns dies alles erzählt, im Geiste nachfolgend, wandern wir weiter, vorüber an wild zerklüfteten Trachytwänden. Mächtige Teile des Berges haben einst sich gelöst, und die abgestürzten Felsmassen türmen sich auf der andern Seite des Pfades vor uns auf, der sich zu einem Felsentore zu schließen scheint. Dann öffnet sich das Gehölz, und nach wenigen Schritten stehen wir auf der ersten Platte des Drachenfels, auf der sich einst der Burggarten ausbreitete, jetzt das Gasthaus zum Drachenfels erbaut ist. Eine Gedenksäule erinnert an die Befreiungskriege von 1813 bis 1815. Sie waren ein Kampf um die deutsche Freiheit, zugleich ein Kampf um den Rhein, von dem Max von Schenkendorf in seinem schönen Lied vom Rhein klagend sang:

Sie hatten ihm geraubt Der alten Würden Glanz, Von seinem Königshaupt Den grünen Rebenkranz. In Fesseln war der Held geschlagen, Sein Zürnen und sein stolzes Klagen, Wir haben’s manche Nacht belauscht, Von Geisterschauern hehr umrauscht.

Wenn eine Stelle im Rheinstrom uns sagt, um welch hohen Preis es sich bei diesen Kämpfen handelte, so ist es der Drachenfels. Zu unsern Füßen rauscht der herrliche Strom, von zahlreichen Schiffen, von stolzen Dampfern und schwer beladenen Schleppkähnen, die die Reichtümer des Landes bergen, belebt. An seinen freundlichen Ufern reiht sich Dorf an Dorf. Warmgebettet liegt Honnef, das rheinische Nizza (Abb. 145), vor uns. Dort im Strome schwimmen die beiden Inseln Nonnenwerth, auf dem ein altes Kloster liegt, und Grafenwerth, und von drüben winkt der Rolandsbogen. Auf der höchsten Spitze des Drachenfels, die wir in zwei Minuten erreichen, um unsern Fuß auf das Gemäuer der alten Drachenburg zu setzen, entfaltet sich der Blick noch herrlicher. Stromaufwärts sehen wir, wie der Rhein aus seinem engen Felsentale kommt, stromabwärts, wie er den freien Lauf durch die Ebene beginnt. An der zierlichen Burgruine Godesberg haftet der Blick, weiter trifft er das Häusermeer der Stadt Bonn, und dort in der nebeligen Ferne, zu der uns das schlangenartig gewundene Silberband des Stromes hinführt, tauchen bei klarem Wetter auch die beiden Türme des Kölner Domes auf. Ja herrlich ist dieses Land und wonnig, inmitten dieser Herrlichkeit zu leben!

[Sidenote: Drachenfelssagen.]

Beim Anblick des alten Burggemäuers fängt unser Geist an nachzusinnen, und der Sage liebliche Laute klingen an unser Ohr. Sie erzählt uns von einem gewaltigen Recken, der aus den Niederlanden kam. Siegfried war sein Name. Er wollte ein Ritter werden. Um sich ein Schwert schmieden zu können, bat er den Waffenschmied Mimer, der in einer Waldschlucht des Siebengebirges wohnte, ihn als Gesellen anzunehmen. Und als man ihn verlachte, da er noch sehr jung war, ergriff er den Hammer und schwang ihn so gewaltig, daß der Amboß in den Grund sank und alles Eisen zersprang. Von der letzten Eisenstange jedoch machte er sich ein Schwert, gar lang und groß, und mit diesem erlegte er den Drachen, der in einer Höhle des Drachenfelsens hauste. Nach einer andern Erzählweise hat den Drachen, „welcher beid Menschen und Vieh ganz sehr schedtlich war, ertödtet ein stolzer Ritter bürtig aus Griechenland. Deshalben ihm seine menliche und kühne That wider vergolten ward und man gab ihm denselben Berg mit ein guten Theil daran gelegener Landtschafft und verheyrathete ihn an die Tochter des Veldöbersten der Quaden, die sich zu Oberwinter niedergeschlagen hatten“. In dieser Form wird die Sage anno 1609 von Matthis Quaden von Kinkelbach berichtet. Der Ritter, bürtig aus Griechenland, war Dietrich von Bern, der Gotenheld, der in der Wilkinasage und in Eckens Ausfahrt vorkommt. So mischen sich in der Drachensage der fränkische und der gotische Sagenkreis. Eine dritte Erzählweise derselben, von Kopisch aufgezeichnet, läßt dem Drachen durch eine christliche Jungfrau den Untergang bereiten. Sie sollte auf Geheiß des heidnischen Priesters, der wegen der gefangenen Jungfrau den Streit zwischen zwei Brüdern, Anführern eines heidnischen Stammes, befürchtete, dem Drachen geopfert werden. Schnaubend und Feuer und Schwefel aus dem furchtbaren Rachen blasend, naht sich das schreckliche Ungetüm dem angstgequälten Mädchen. In ihrer Herzensangst greift die Jungfrau zu einem Kreuze, das sie auf der Brust trug. Und siehe da! Der Drachen weicht entsetzt zurück und stürzt rücklings hinab in den tiefen Abgrund, wo er zerschmettert liegen bleibt. Indem die Sage weiter erzählt, daß die beiden Brüder mit ihren Stammesangehörigen Christen wurden, und daß die Jungfrau unten am Rhein ein Kloster gründete, gibt sie deutlich zu erkennen, daß ihre Entstehung mit der Bekehrung der Germanen zum Christentum in Zusammenhang zu bringen ist. Symbolisch ist auch eine vierte Form der Sage, die Simrock mitteilt. Der Drache, der am Drachenfels hauste, pflegte die Schiffer auf dem Strom anzufallen. Einst fuhr ein pulverbeladenes Schiff vorbei. Das dem Rachen des Ungeheuers entströmende Feuer entzündete das Pulver -- und Drache und Schiff flogen in die Luft. Die Erfindung des Pulvers war es, die auch dem Raubrittertum ein Ende machte, denn sie gab das Mittel, um die Felsennester der Schnapphähne, die wie der Drache auf Raub lauerten, zu zerstören. Wie aber kam es, daß das Bild des Drachen gerade in der Gegend des Drachenfels in der Phantasie des Volkes so lebendig wurde? Es gibt noch eine zweite Gegend in Deutschland, wo die Drachensage Boden gefaßt hat, nämlich die Wormser Gegend. Vielleicht hat der Gedanke einige Berechtigung, daß die Auffindung von Knochenresten ausgestorbener Riesentiere, vor allem ungeheurer Schädelformen, in diesen Gegenden der Phantasie die erste Anregung zur Gestaltung des Drachentieres gegeben hat. Noch heute wird an der Südseite des Drachenfels das Loch gezeigt, in dem das Ungeheuer einst gehaust hat. Wer mit dem Schiff vorbeifährt, vermag den dunklen Punkt des Drachenloches in der hellgefärbten Felswand deutlich zu erkennen. Und wer es nicht sieht, dem wird noch vieles in der Poesie des Rheinlands verborgen bleiben.

[Sidenote: Der Drachenfels.]

Auf dem Plateau des Drachenfels entfaltet sich während der Reisezeit des Jahres ein fröhliches Leben und Treiben. Zu den zahlreichen Besuchern, die Eisenbahn und Dampfschiff von den benachbarten Städten, besonders von Bonn und Köln, bringen, gesellen sich die Scharen der fremden Besucher. Nur wenige von diesen letzteren versäumen es, dem Drachenfels einen Besuch abzustatten. Für die von Norden Kommenden ist der Drachenfels und im weiteren Sinne das Siebengebirge der erste Punkt, der ihnen den vollen Glanz des Rheintales entfaltet, und für die in der umgekehrten Richtung Reisenden bildet er das Schlußstück der herrlichen Rheinreise, und nur mit Wehmut vermögen sie sich loszureißen von dem schönen Bilde, das das Auge von der Höhe des Drachenfels schaut. Doch wehmütige Stimmungen dauern am Rhein nicht lange. Im Kreise der vielhundert frohen Zecher, die an schönen Sommer- oder Herbsttagen auf dem Drachenfelsplateau beim Drachenblut oder einer würzigen Bowle sitzen, beim hellen Gläserklang und beim Sang des alten Barden (Abb. 146), der beliebte Rheinlieder vorträgt, vergessen wir die Wehmut, das Scheiden, und nur noch der Gedanke des Zurückkehrens nach diesem wonnigen Lande, nach diesem romantischen Fleckchen Erde liegt uns im Sinn.

[Sidenote: Der Petersberg.]

Noch zu vielen anderen genußreichen Wanderungen ladet das Siebengebirge ein. Es verbietet der Raum, sie alle auch nur in Kürze zu zeichnen. Vielbesucht ist auch der Petersberg, dessen breitgewölbte Kuppe in wuchtiger Gestalt nördlich von Königswinter und in etwas größerer Entfernung vom Rhein aus dem Rheintale aufsteigt. Seine Rheinaussicht steht zwar hinter der des Drachenfels weit zurück. Um so schöner ist der Blick, die sogenannte Gebirgsaussicht, der sich auf andere Kuppen des Siebengebirges öffnet. Während der Drachenfels aus dem hellfarbigen, besonders auf der West- und Südwestseite lebhaft herausleuchtenden Trachytgestein besteht, ist der Petersberg eine Basaltkuppe. Aber ein dichtes Waldkleid läßt das dunkle Basaltgestein nirgendwo landschaftlich zur Geltung kommen. So geht dem Petersberg die wilde Romantik seines bevorzugten Nebenbuhlers ab. Und wie seine Formen weicher und gerundeter sind, so ist er auch in der Geschichte weniger eine Kriegs- als vielmehr eine Kultusstätte gewesen. Schon im zwölften Jahrhundert gründete ein Klausner namens Walter auf dem Petersberg, der damals Stromberg hieß, eine klösterliche Gemeinschaft. Die Mönche verlegten aber bald ihren Sitz, und auch andere Mönchsorden hielten nicht aus. Doch fand, wie Caesarius von Heisterbach berichtet, noch zuweilen Gottesdienst auf dem Berge statt. Auch heute steht auf ihm ein Kirchlein, das im Jahre 1762 erbaut wurde, und am Peter- und Paulsfesttage pilgern viele Andächtige zu diesem hin. Der Petersberg ist, seitdem er ein prächtiges Hotel und eine Zahnradbahn erhalten hat, gleich dem Drachenfels, vor dem er den Vorzug schattiger Promenaden hat, ein vielbesuchter Punkt geworden. Vor dem Hotel fesseln gewaltige, gerundete Basaltblöcke unser Auge. Vier von ihnen, die übereinander liegen, scheinen von Menschenhand in diese Lage gebracht zu sein. Man hält sie deshalb für den Rest eines megalithischen Denkmals aus vorrömischer Zeit, das den Berg zugleich als eine uralte Kultusstätte kennzeichnen würde. Im Jahre 1879 wurde auf dem Petersberg auch ein noch gut erhaltener germanischer Ringwall festgestellt. Als Zufluchtsstätte bei Kriegszeiten war diese Kuppe des Siebengebirges, weil sie das größte Plateau besitzt, in der Tat am geeignetsten in der ganzen Gegend. Eine mittelalterliche Burg hat dagegen auf derselben nicht gestanden.

[Sidenote: Heisterbach.]

Am Nordfuße des Petersberges liegt in stiller Waldesruhe die Ruine Heisterbach (Abb. 147), der letzte Rest der herrlichen Abteikirche, die 1809 abgebrochen wurde. Wie wechselten um uns der Landschaft Bilder! Auf dem Drachenfels die alte Kriegsfeste, auf dem Petersberg ein Kirchlein, das nahe der großen Heerstraße des Lebens den Wanderer zu sich ladet, hier ein stilles, weltentlegenes Fleckchen Erde, das sich selbst genügen will und einst den frommen Mönchen auch die Welt war! Gleich jenem Mönch von Heisterbach, der, wie die Sage uns erzählt, nachgrübelnd sich in der Ewigkeit verlor, so ist es auch uns in dieser Waldeinsamkeit, als wenn die Weltenuhr stille uns stände. In dem prächtigen Buchenhochwald umfängt uns Dämmerung am hellen Tage, und des Mittags Hitze wird zu erquickender Kühle. So schwinden uns die Stunden-, die Zeitbegriffe.

Tausend Jahre sind ihm wie ein Tag, Und ein Tag wie tausend Jahre!

Die Erinnerung an den Mönch von Heisterbach, der, aus seinen Träumen aufwachend, eine neue, um tausend Jahre jüngere Welt um sich sieht und nur aus einer alten Chronik Kunde von sich selbst vernimmt, begleitet uns auf allen Schritten; denn der Sinn dieser Sage wurzelt in der Stimmung der Landschaft. Wer unter frohen Menschen weilen will, wandert hin zum Drachenfels, wer jedoch von des Lebens Hast und Unruhe genesen will, der sucht die Waldesstille von Heisterbach auf. Der Waldesodem haucht neue Kraft in Körper und Geist, und im stillen beginnen wir die klugen Mönche zu bewundern, die sich diese Waldesherrlichkeit im Tale wählten und den Rittern gern die luftige Bergeshöhe ließen. Die Bergeshöhe mit ihrem freien Blick in die Ferne und hinab auf das Leben und Treiben der geschäftigen Menschheit, das stille Tal mit seiner Einsamkeit und Ruhe, mit seinem Alleinsein und Alleinfühlen, das sind die beiden Gegensätze, die, wie in vielen anderen Berglandschaften, so auch im Siebengebirge zu unserer Empfindung kommen, und die uns in jeder Örtlichkeit ihren eigenen Zauber finden läßt, je nach dem Grade, in dem die eine oder die andere Stimmung auf uns wirkt. Die Idylle des Margaretenhofes am Fuße des Ölberges, sowie des Burghofes in Zweidrittelhöhe des Drachenfels und die Stille des Forsthauses an der Löwenburg stimmen unser Herz ähnlich wie die Waldesruhe von Heisterbach. Aber nicht so ganz ist die Stimme des Lebens dort verstummt, und wenn wir emporsteigen und auf den genannten Bergkuppen Umschau halten, so fühlen wir uns Städten und Dörfern, so fern sie auch liegen, den Menschen näher.

[Sidenote: Das Siebengebirge.]

Es ist vorwiegend das Verdienst des eifrig tätigen Verschönerungsvereins für das Siebengebirge, daß jede Örtlichkeit in dieser herrlichen Landschaft bis heute ihre natürliche Eigenart erhalten hat. Es ist allzeit sein Streben gewesen, die Schönheit des Siebengebirges aufzuschließen, ohne die Naturstimmung der Landschaft irgendwie zu beeinträchtigen. Schöne Landstraßen, von denen die eine rings um das eigentliche Siebengebirge führt, die beiden anderen es vom Margaretenhof am Ölberg zum Rhein hin durchqueren, lassen alle schönen Punkte auch zu Wagen leicht erreichen. Aber der Fußgänger braucht nicht überall ihnen zu folgen. Wo sie schattigen Wald durchschneiden, zweigen sich wohlgepflegte Waldwege ab, auf denen es sich herrlich wandert, und der Wanderer fühlt dort sich näher der Natur, den Blumen und Gräsern, den Bäumen und Sträuchern, dem Kuckuck, dessen Ruf ertönt, und der Nachtigall, die dicht neben uns plötzlich ihren schmetternden Schlag anstimmt. Eine andere Sorge des Verschönerungsvereins war darauf gerichtet, den Betrieb der Steinbrüche, die tiefe Wunden in die Bergkuppen rissen und einigen die Schönheit völlig zu rauben drohten, einzuschränken oder durch Ankauf gänzlich zum Stillstand zu bringen. Durch Bewilligung einer Lotterie zur Erhaltung des Siebengebirges sind dem Verein die Mittel gewährt worden, seine gemeinnützigen Bestrebungen in größerem Umfange zu verwirklichen. Durch Ankauf von Gelände soll auch einer weiteren Besiedelung, besonders auch einer Bebauung mit Villen vorgebeugt werden. Denn ein verborgenes Heiligtum der Natur sei diese Landschaft, das nicht ein Opfer werde der menschlichen Habsucht und nicht entweiht vom Menschenhader. Drum Dank den Männern, die an der Rettung und Verschönerung des Siebengebirges, der Perle des Rheinlandes, mitgewirkt haben. Dank auch der preußischen Staatsbehörde, die durch Genehmigung der Siebengebirgs-Lotterie die Bestrebungen des Verschönerungsvereins so wirksam unterstützte und für die Erhaltung der wenigen Ruinen, die vom Kulturschmucke früherer Jahrhunderte in dieser Landschaft übriggeblieben sind, Sorge trug. Gewaltige Schutzmauern stützen den alten Bergfried auf dem Drachenfels, und demnächst sollen auch die geringen Burgreste auf der Löwenburg vor weiterem Verfall geschützt werden. Von anderen Burgen, so von der Wolkenburg, die einst, im zwölften Jahrhundert, den Juden bei einer Verfolgung als Zufluchtsstätte angewiesen wurde, ist kein Stein mehr vorhanden, und riesige Schutthalden, von früherem Steinbruchbetrieb herrührend, verunstalten den Berg dieses Namens. So führt derselbe abschreckend uns vor Augen, was frühere Zeiten gefrevelt haben am schönen Bilde der Natur, und mächtig hallt die Mahnung der Dichterin Fanny Stockhausen in uns wider:

Rheinland, steh’ auf! Laß keinen Stein Dir mehr von deinen sieben Bergen brechen, Und laß die kühle Prosa nicht hinein Dir sprechen!

Rheinland steh’ auf und halte stand Zum Schutze deiner siebenzack’gen Krone, Daß sie des unbedachten Frevlers Hand Verschone!

Und standst du auf, ihr Schutz zu sein, Muß dir dein herrlich Rettungswerk gelingen; Welch einen frohen Dank wird dir dein Rhein Dann singen!

[Sidenote: Entstehung des Siebengebirges. Das Siebengebirge zur Tertiärzeit.]

Wie wir, versunken in die Schönheit des Siebengebirges, freudig dem plaudernden Quell der Sage und Geschichte lauschten, so wollen wir gerne auch dem forschenden Geiste folgen, der uns in das Werden dieses schönen Landes einweihen möchte. Nicht immer standen die sieben Berge so stolz und so schön. Verhältnismäßig jung ist ihr Alter. Als der Boden des Rheinischen Schiefergebirges längst gebildet und der größte Teil desselben emporgetaucht war aus den Wasserfluten des Meeres, auf dessen Grunde es sich abgelagert hatte, da wälzten sich über die Gegend des Siebengebirges mächtige Ströme. Große Massen von Ton, Quarzsand und Kieselgeröll lagerten sie ab, und in Buchten bildeten sich die Ablagerungen der Braunkohle. Nach dieser, für den menschlichen Haushalt so wichtig gewordenen Bildung bezeichnet man jene Ablagerung mit einem allgemein verständlichen Worte als Braunkohlenformation. Sie gehört der Tertiärzeit an. Im Siebengebirge ist sie besonders im Nordwesten verbreitet. Nördlich von Königswinter erstreckt sie sich ostwärts weit in dasselbe hinein, bis über den Wintermühlenhof hinaus reichend. In der Nähe dieses Hofes treffen wir namentlich Lager von weißlich gefärbtem Quarzit an. Beim Zerschlagen dieses etwas schiefrigen Gesteins kommen häufig Abdrücke von Blättern zum Vorschein, von Lorbeer, ferner von Palmen und Myrte. So sind uns die Spuren einer einst im Rheinland heimischen Pflanzenwelt erhalten, die heute nur noch in viel südlicheren Ländern vorkommt. Die Funde beweisen, daß im Rheingebiet zur Tertiärzeit ein wärmeres Klima herrschte.

[Sidenote: Gesteine des Siebengebirges.]