Altneuland

Part 6

Chapter 63,498 wordsPublic domain

„Die ich errate, Herr Doktor. Niemand ist gezwungen, unserer Neuen Gesellschaft beizutreten. Wer in ihr aufgenommen wird, ist wieder nicht gezwungen, seine Rechte auszuüben. Das steht in seinem Belieben. Kannten Sie im alten Europa nicht auch Männer, die kein Interesse an den Wahlen hatten, nie zur Urne gingen und um keinen Preis eine Wahl angenommen hätten? So ist es mit dem Wählen und Gewähltwerden der Frauen in unserer Neuen Gesellschaft. Glauben Sie nur ja nicht, daß die Hausmütterlichkeit bei uns darunter gelitten habe. Meine Frau zum Beispiel geht nie in eine Versammlung.“

Frau Sarah lächelte:

„Daran ist aber nur Fritzchen schuld.“

Kingscourt träumte einen Augenblick von der Kinderstube und murmelte wie verloren:

„Das begreife ich.“

„Ja,“ fuhr David fort, „sie hat unseren Buben gesäugt und bei dieser Gelegenheit ihre unveräußerlichen Rechte ein bißchen vergessen. Früher gehörte sie der radikalen Opposition an. So habe ich sie auch kennen gelernt, als Gegnerin. Jetzt macht sie mir nur noch zu Hause Opposition — freilich die allergetreueste, die man sich denken kann.“

Dröhnend lachte Kingscourt:

„Das ist ’n verdammt gescheites Mittel, einer Opposition beizukommen. Das vereinfacht die politischen Zustände außerordentlich.“

Und David erklärte weiter:

„Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß die Frauen bei uns vernünftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den allgemeinen Angelegenheiten abzugeben. Es ist nicht nur ein weiblicher, es ist ein menschlicher Zug, daß man sich um das Erreichte nicht mehr viel kümmert. Der Zustand, den wir haben, wurde auch schon im vorigen Jahrhundert vorbereitet. Es gab in einzelnen Ländern Vertretungskörper von lokalem oder professionellem Wirkungskreise, in denen die Frauen als Wähler und Gewählte zugelassen wurden. Sie haben sich da als klug und tüchtig bewährt. Sie haben nicht mehr Zeit vertrödelt, kein dümmeres Zeug geschwätzt, als die Männer. Es lag wirklich kein Grund vor, diese günstige Erfahrung unbenützt zu lassen. Im übrigen ist die Politik bei uns kein Geschäft oder Beruf, weder für Männer noch für Frauen. Diese Seuche haben wir uns fernzuhalten gewußt. Leute, die von ihrer deklamierten Ueberzeugung zu leben versuchen, statt von ihrer Arbeit, werden rasch erkannt, verachtet und unschädlich gemacht. Die Gerichte haben wiederholt in Ehrenbeleidigungsfällen entschieden, daß ’Berufspolitiker’ ein Schimpfwort ist. Diese Thatsache sagt Ihnen wohl genug.“

„Wie besetzen Sie aber die öffentlichen Aemter?“ fragte Friedrich Löwenberg. „Gebäude, die Sie uns im Vorbeifahren zeigten, lassen doch die Annahme zu, daß es auch bei Ihnen Aemter giebt.“

„Gewiß. Wir haben besoldete und Ehrenämter. Die besoldeten werden aber nur nach der fachlichen Tüchtigkeit der Bewerber vergeben. Die Parteigänger, welcher Art sie auch seien, haben von vorneherein das gesunde Vorurteil aller gegen sich. Aktive Beamte dürfen sich überhaupt in keiner Weise an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Anders ist es um die Ehrenämter bestellt. Für die Besetzung dieser haben wir einen einfachen Grundsatz. Die sich hervordrängen, schieben wir sachte beiseite. Wir bemühen uns, das echte Verdienst in seinen bescheidensten Schlupfwinkeln aufzustöbern. Darin sehen wir die Bürgschaft, daß unser teures Gemeinwesen nicht Strebern zum Raub werde. So ist der jetzige Präsident unserer Gesellschaft ein greiser, russischer Augenarzt. Der übernahm das Amt höchst ungern, weil er seine Praxis aufgeben mußte.“

„War die so einträglich?“ fragte Kingscourt.

„O nein, hauptsächlich eine Armenpraxis. Er hat sie seiner Tochter übergeben. Sie ist auch eine bedeutende Heilkünstlerin. Jetzt ist sie Vorsteherin der großen Augenklinik. Ein braves Frauenzimmer, hat nicht geheiratet, und widmete ihr Leben, ihre geschickte Hand den armen Leidenden. Sie ist so recht ein Beispiel, welcher Nutzen die alten Mädchen, die einsamen Frauen in einer vernünftigen Gesellschaft werden können. Ehemals wurden sie verspottet oder als Last empfunden. Bei uns wirken sie sich und anderen zum Heile. Das ganze Departement der öffentlichen Wohlthätigkeit ist in den Händen solcher Damen. Auch darin haben wir nichts Neues geschaffen, sondern nur das längst Vorhandene in ein System gebracht, ordentlich zentralisiert. Spitäler, Siechenhäuser, Kindergärten, Ferienkolonien, Volksküchen, kurz, alle milden Einrichtungen, die Sie schon in Europa kannten, sind bei uns zusammengefaßt und werden einheitlich verwaltet. Durch diese Organisation ist es möglich geworden, jedem Hilfsbedürftigen oder Kranken beizustehen. Es werden zwar bei uns an die öffentliche Wohlthätigkeit geringere Anforderungen gestellt, als es in den früheren Verhältnissen der Fall war, weil bei uns die Zustände — ich darf es wohl sagen — im allgemeinen gesünder sind. Aber Hilfsbedürftige giebt es auch hier, weil wir ja die Natur der Menschen nicht zu ändern vermochten. Schwäche, Sorglosigkeit, verschuldetes und unverschuldetes Unglück richten auch bei uns manchen zu Grunde. Wir helfen den Kranken durch Pflege, den Gesunden durch Arbeit. Das alles haben wir nicht erfunden, sondern nur angewendet und ausgebildet. Sie kannten sicherlich schon in der alten Zeit die Einrichtungen der Arbeitshilfe und Arbeitsvermittelung. Bei uns hat jeder ein Recht auf Arbeit, und somit auf Brot; dafür aber auch die Pflicht zur Arbeit. Den Bettel dulden wir nicht. Ein Gesunder, welcher Almosen nimmt, wird zu den schwersten Arbeiten gezwungen. Der mittellose Kranke braucht sich nur im Wohlthätigkeitsamte zu melden. Keiner wird abgewiesen. Die einzelnen Spitäler sind selbstverständlich mit der Zentrale telephonisch verbunden, und es wird durch rechtzeitige Vorkehrungen dem gelegentlichen Platzmangel vorgebeugt. Wir müßten uns ja schämen, wenn ein Leidender von Spittel zu Spittel wankte, wie es ehemals vorkam. Ist ein Krankenhaus voll, so stehen im Hofe Wagen, um den neuankommenden Patienten in die nächste aufnahmsbereite Anstalt zu bringen.“

„Das muß doch ungeheure Kosten verursachen,“ sagte Friedrich.

„Nein. Bedenken Sie, daß durch die planvolle Einteilung alles ökonomischer wird. Die alte Gesellschaft war schon an der Jahrhundertwende reich genug, nur litt sie an ihrer namenlosen Verworrenheit. Sie war eine überfüllte Schatzkammer, in der man keinen Suppenlöffel fand, wenn man ihn brauchte. Die Leute waren keineswegs dümmer oder schlechter, als wir — oder, wenn Sie wollen, wir sind nicht klüger oder besser, als jene waren. Der Grund des Gelingens unserer sozialen Versuche ist ein anderer. Wir haben unsere Gesellschaft gleichsam ohne erbliche Belastung eingerichtet. Zwar haben auch wir an die Vergangenheit angeknüpft, und wir mußten es — der alte Boden, das alte Volk — nur haben wir die Einrichtungen verjüngt. Die Völker mit ununterbrochener Geschichte mußten Lasten tragen, die ihre Väter auf sich genommen hatten. Wir nicht. Am deutlichsten sehen Sie das am Beispiel irgend eines der Staatshaushalte, die Sie ehemals kannten. Da bildeten die Zinsen und Amortisationen längstvergangener Schulden einen riesigen Rechnungsposten. Es gab nur zweierlei: entweder den schimpflichen Bankerott, oder das seufzende Fortschleppen der schweren alten Lasten. Die Neue Gesellschaft war von vorneherein in einer günstigeren Lage. Ich werde Ihnen das noch im einzelnen zeigen. Jetzt will ich nur Ihre Frage nach den Kosten der Wohlthätigkeitsanstalten beantworten. Obwohl diese Anstalten bei uns für alle Notfälle ausreichen, allen Schwachen und Kranken zweckmäßig helfen, sind sie doch weit billiger. Die Bauten und Einrichtungen wurden und werden, wie es schon früher in jeder zivilisierten Gesellschaft geschah, aus öffentlichen Mitteln bestritten, insoweit die bei uns Juden von jeher üblichen Tempelspenden und letztwilligen Verfügungen nicht ausreichen. Für das pflegende Personal aber haben wir durch ein System von Mitgliedspflichten vorgesorgt. Alle Mitglieder der Neuen Gesellschaft, die männlichen wie die weiblichen, müssen zwei Jahre ihres Lebens dem öffentlichen Dienste widmen. In der Regel ist es die Zeit vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre, nach Vollendung der Studien. Dabei will ich schon jetzt bemerken, daß der Unterricht auf allen Stufen, mit Einschluß der Universität, für die Kinder unserer Mitglieder unentgeltlich ist. In der zweijährigen öffentlichen Dienstpflicht haben wir also ein unerschöpfliches Reservoir von Hilfskräften für alle diejenigen Anstalten und Arbeiten, deren allgemeine Nützlichkeit von der Gesellschaft anerkannt ist. Geleitet werden die Anstalten und Arbeiten von besoldeten Beamten.“

„Ich verstehe,“ sagte Friedrich. „Ihre Armee besteht aus Berufsoffizieren und Freiwilligen.“

„Ich acceptiere das Gleichnis,“ erwiderte David. „Aber mehr als ein Gleichnis ist es nicht. Ein Kriegsheer giebt es nämlich in der Neuen Gesellschaft nicht.“

„Au weh!“ spottete Kingscourt.

David lächelte:

„Was wollen Sie, Mr. Kingscourt? Nichts ist vollkommen auf Erden, also auch unsere Neue Gesellschaft nicht. Wir haben ja keinen Staat, wie die Europäer Ihrer Zeit. Wir sind eine Gesellschaft von bürgerlichen Leuten, die nur durch Arbeit und Bildung ihres Lebens froh werden wollen. Wir begnügen uns damit, unsere Jugend auch körperlich tüchtig zu machen. Wir bilden wie den Geist so den Leib unserer Jugend. Turn- und Schützenvereine genügen uns für diesen Zweck, wie sie in der Schweiz genügten. Auch haben wir Wettspiele nach englischem Muster: Cricket, Fußball, Rudern. Auch diese bewährten Dinge haben wir übernommen, und sie bewähren sich nun bei uns. Einst waren die Judenkinder bleich, schwach und scheu. Sehen Sie sie heute an! Die Erklärung dieser wunderbar scheinenden Verwandlung ist die einfachste von der Welt. Wir haben sie aus dumpfen Kellerlöchern, Elendhütten, Proletarierstuben an das Licht gebracht. Pflanzen gehen ohne Sonne zu Grunde, Menschen auch. Pflanzen kann man retten, wenn man sie in den von ihrer eigenen Art geforderten Boden setzt, Menschen auch. So ist es geschehen!“

Friedrich Löwenberg sprach sinnend:

„Wenn man Ihnen zuhört — und all das, was Sie uns schon gezeigt haben und noch zu zeigen versprechen, will es ja bestätigen — so möchte man glauben, daß es eine wirkliche Begebenheit und keine Utopie sei. Und doch fehlt mir etwas. Den Umfang und die Bedeutung Ihrer Neuen Gesellschaft beginne ich zu ahnen. Sie werden sie uns gewiß noch näher erklären. Das bringt mich auch gar nicht in Verwirrung. Etwas anderes ist es. Ich gebe ja zu, daß Sie uns lauter Dinge vorführten, die uns nicht befremden dürfen, weil wir sie sämtlich schon in Europa, obwohl nur zerstreut und ohne Harmonie geschaut haben. Aber wenn ich auch sehe, höre, greife — begreifen kann ich nicht, wie das entstehen konnte. Wie soll ich mich nur ausdrücken? Ich verstehe den neuen Zustand, soviel ich bisher von ihm weiß, vollkommen — nur sein Werden verstehe ich nicht. Der Uebergang von dem alten Zustande, den ich kannte, in den neuen ist mir unerklärlich. Käme ich heute auf die Welt, so würde ich das alles hinnehmen, wie ich das Gewordene meiner Zeit als vernünftig hinnahm. Gewiß hätte ich auch damals vieles als wunderbar und unwahrscheinlich empfunden, wenn ich es plötzlich mit dem entfremdeten Blick eines zwanzig Jahre Abwesenden erschaut hätte. Wären wir beispielsweise von 1880 bis 1900 weg gewesen, so hätten uns im elektrischen Licht, im Telephon, in der Kraftübertragung durch den Draht viel größere Ueberraschungen erwartet. Sie setzen uns hingegen nichts technisch Neues vor, und ich glaube doch zu träumen. Der Uebergang fehlt mir.“

„Den will ich Ihnen auch zeigen,“ sagte David. „Ich werde Ihnen meine eigene Geschichte erzählen, in der Sie selbst eine so große Rolle gespielt haben. Nur nicht hier, nicht jetzt. Sie werden von der Reise müde sein. Ruhen Sie vor allem! Abends wollen wir, wenn Sie Lust haben, in ein Theater gehen, in die Oper oder in das deutsche, englische, französische, italienische, spanische Theater.“

„Schwere Not!“ schrie Kingscourt, „das alles giebt es hier? Also wie in Amerika zu meiner Zeit? Da gab es ja auch Schauspieler aus aller Herren Ländern. Aber daß Sie das hier haben ...“

„Ist doch gewiß nicht erstaunlich. Von Europa ist es hierher viel näher, als nach Amerika. Auch haben es die Leute, denen vor der Seekrankheit bangt, bequemer, nach Palästina zu kommen. Das im vorigen Jahrhundert begonnene Netz der kleinasiatischen Bahnen ist längst ausgebaut. Man fährt im Eisenbahnwagen nach Damaskus, Jerusalem oder Bagdad. Seit die Eisenbahnbrücke über den Bosporus fertig ist, kann man ja überhaupt ohne den Wagen zu wechseln von Petersburg oder Odessa, von Berlin oder Wien, von Amsterdam, Calais, Paris, Madrid und Lissabon nach Jerusalem fahren. Die großen europäischen Expreßlinien haben sämtlich Anschluß an die Linie nach Jerusalem, sowie die palästinensischen Bahnen wieder Anschluß nach Egypten und Nordafrika haben. Die nord-südafrikanische Linie, für die sich der deutsche Kaiser schon in den neunziger Jahren interessierte, und die sibirische Bahn nach den Grenzen Chinas ergänzen dieses Eisenbahnnetz der alten Welt. Wir befinden uns an einer vorzüglichen Stelle dieses Netzes.“

„Hol’s der Deibel, das ist ’ne dolle Nummer!“

„Sie werden sich doch nicht über Eisenbahnen wundern, die Sie selbst gesehen haben, Mr. Kingscourt? Das ist nichts Uebernatürliches. Die russisch-chinesische Bahn war vor zwanzig Jahren schon fertig, die Bagdadbahn im Bau, die Nil-Kap-Bahn geplant. Unerklärlich müßte man es nur finden, wenn Palästina, genau im geographischen Mittelpunkte der Verkehrskreuzung zwischen Europa, Asien und Afrika liegend, noch länger ausgeschaltet geblieben wäre.“

„Nee, lieber Hausherr, darüber wundere ich mich nicht. Sondern — darf ich es sagen? — daß Ihr Juden das gemacht habt. Sie nehmen mir’s nicht krumm?“

Friedrich bemerkte:

„Offen gesagt, das ist auch mein Erstaunen. Uns Juden hätte ich das nicht zugetraut.“

David sagte gelassen:

„Nur wir Juden konnten es. Nur wir allein. Nur wir waren im Stande, diese Neue Gesellschaft und diesen Verkehrsmittelpunkt zu schaffen. Eins griff ins andere, und es konnte nur durch uns, durch unsere Schicksale hindurchgehen. Unsere moralischen Leiden waren dazu notwendig wie unsere wirtschaftlichen Erfahrungen und unser Kosmopolitismus. Doch genug davon für heute. Ruhen Sie jetzt, unterhalten Sie sich dann. Morgen in Tiberias erzähle ich Ihnen weiter.“

4. KAPITEL.

An eine Fortsetzung der Reise nach Europa war vorläufig nicht zu denken. Friedrich Löwenberg meinte zwar aus Diskretion, er müsse seinem Freunde diesen Vorschlag machen, weil Kingscourt sich wohl kaum für die Schicksale des jüdischen Volkes interessieren mochte. Aber der Alte erklärte mit Entschiedenheit, daß er da bleiben wolle, so lange man sie dulde. Das sei doch eine ganz verdammt kuriose Geschichte, die sich da mit den Juden abgespielt habe. Und wenn der Herr Dr. Friedrich Löwenberg für seine eigene Nation keine Teilnahme mehr habe, er, Kingscourt, sei kein solcher Unmensch.

Kurz und gut, als der Steuermann von der Jacht heraufkam, wurde ihm bedeutet, daß man in Haifa bleibe. Kleider und Wäsche sollten nach Friedrichsheim geschickt werden, und die Mannschaft könne sich ein paar gute Tage machen.

Die Fremdenzimmer, in denen sie untergebracht waren, grenzten aneinander. Kingscourt stand in Hemdärmeln auf der Schwelle der Verbindungsthüre und machte heftig gestikulierend seine Randbemerkungen zu allem, was sie bisher gesehen und gehört hatten. Friedrich ruhte in einem Lehnstuhl und blickte träumend zur offenen Terassenthüre hinaus aufs Meer. Ein herrlicherer Aufenthaltsort ließ sich nicht denken. Und was waren das für prächtige Menschen, die sich in diesem hohen und freien Wohlstand so gelassen bewegten. David heiter und energisch, selbstbewußt und doch nicht unbescheiden. Seine Frau neben ihm ein glückliches Bild der jungen und frohen Mütterlichkeit. Und dieses anmutige, edle Mädchen Mirjam, ernsteren Pflichten ergeben, als es vormals der Brauch gewesen in reichen, jüdischen Häusern. Nach langen Jahren zum erstenmal mußte er wieder an Ernestine Löffler denken, die er so thöricht geliebt, und die ihm den Abschied vom Leben so leicht gemacht hatte. Ob wohl Mirjam auch fähig wäre, eine solche Ehe einzugehen, wie einst Ernestine? Er wußte selbst nicht, wie er auf diese komische Frage kam. Nein, das war ein anderes Mädchen, und das waren andere Menschen als die im widerwärtigen Löfflerschen Kreise. Wer weiß, ob es damals nicht besser gewesen wäre, männlicher, menschenwürdiger, zu streben und zu kämpfen, statt sich vor dem Leben zu flüchten.

„Kingscourt!“ seufzte er aus diesem Gedankenzuge heraus, „ich frage mich, ob unser Schiff keinen falschen Kurs hatte, als wir die selige Insel dort drüben suchten. Womit habe ich nun zwanzig schöne Jahre verbracht? Mit Jagen, Fischen, Essen, Trinken, Schlafen, Schachspielen ...“

„Und mit einem alten Esel, was?“ brummte Kingscourt verletzt.

„Den alten Esel schieben Sie mir unter,“ lachte Friedrich, „ohne Sie könnte und möchte ich ja nicht mehr existieren. Aber es ist doch schade, daß man nicht nützlicher war. Da ist nun die Welt um solch ein Stück weiter gekommen, und man hatte kein Teil daran, kein Verdienst.“

„Nee, so was. Nu war der Mensch zwanzig Jahre in meiner Schule und hat noch solche Gedanken. Sagen Sie gleich, daß Sie Mitglied der Neuen Gesellschaft sein möchten.“

„Ich sage es nicht, weil ich sie noch nicht genügend kenne. Aber minder abstoßend, als die frühere, kommt sie mir doch vor.“

„Minder abstoßend? Minder abstoßend!“ schäumte der Alte. „Bitte, treten Sie nur in die saubere Gesellschaft ein. Ich kann ja allein weiterdampfen und sehen wie ich mit mir fertig werde.“

„Regen Sie sich nicht auf, Kingscourt! Ich werde nicht länger hier bleiben, als Sie selbst.“

„Das ist ein Wort?“

„Mein Ehrenwort ... Und ich werde auch nicht in Davids Neue Gesellschaft eintreten. Es wäre denn ...“

„Was?“

Friedrich lächelte bei diesem Gedanken:

„Es wäre denn — daß Sie auch eintreten.“

So gelacht hatte Kingscourt schon lange nicht.

„Fritze, hahaha, was haben Sie doch für pudelnärrische Einfälle. Oh hoh hahaha. Sehen Sie mich als Mitglied einer jüdischen Gesellschaft! Mich, Adalbert von Königshoff, einen königlich preußischen Offizier und christlichen germanischen Edelmann. Nee, Fritze, das ist zu jut, zu jut.“

„Der Junker spricht.“

„Da is er nu gleich pikiert. In meinen Augen sind Sie ja ’ne Ausnahme. Einer is Keiner.“

„Und was haben Sie gegen David Littwak einzuwenden?“

„Vorläufig nischt. Scheint ’n ganz strammer Kerl zu sein ...“

Ihr Gespräch wurde durch den Hausherrn unterbrochen, der kam, sich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Ob sie sich schon für ein Theater oder Konzert entschieden hätten. Er legte ihnen den Vergnügungsanzeiger einer Zeitung vor.

Kingscourt deutete auf das Blatt, ohne zu lesen:

„Wachsen noch immer so viele Lügen in der Welt?“

„Nur so viele, als die Leser wollen,“ entgegnete David.

„Also enorm viel,“ schmunzelte Kingscourt.

„Das ist ganz verschieden. Im allgemeinen sind die genossenschaftlichen Blätter wahrheitsliebend und anständig.“

„Was für Blätter?“

„Die genossenschaftlichen. In unserer mutualistischen Wirtschaftsordnung mußten auch die Tageszeitungen natürlich diesen Charakter annehmen.“

Kingscourt unterbrach ihn:

„Halt, halt! Nicht zu schnell! In welcher Wirtschaftsordnung leben Sie?“

„In der mutualistischen. Stellen Sie sich aber darunter keine eisernen Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes, Steifes, Doktrinäres vor — sondern einen harmlos und natürlich fließenden Gebrauch. Auch das hat schon zu Ihrer Zeit existiert, wie alles andere, was Sie bei uns sehen. Es gab Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften aller Art. Alle Arten werden Sie auch bei uns wirksam finden. Das ganze Verdienst unserer Neuen Gesellschaft besteht nur darin, daß sie das Aufkommen und Gedeihen der Genossenschaften durch Kredit und — was wichtiger war — durch die Unterweisung der Massen gefördert hat. In der Wissenschaft des vorigen Jahrhunderts war die Bedeutung der Genossenschaften längst klar gestellt worden. Im praktischen Leben rangen sie sich nur schwer und zufällig durch. Die Genossen waren in vielen Fällen zu schwach, um bis an den Erfolg, der kommen mußte, durchzuhalten. Sie hatten auch mit der dumpfen oder offenen Gegnerschaft bedrohter Interessen zu kämpfen. Die Lebensmittelhändler waren selbstverständlich über die Konsumvereine nicht sehr froh. Die Möbelfabrikanten waren von den Tischlergenossenschaften nicht entzückt. Alle Trägheit, alle Reibungswiderstände, alle Hemmungen eingealterter Zustände wirkten gegen die Entstehung der Genossenschaften. Und doch ist das die mittlere Form zwischen Individualismus und Kollektivismus. Der Einzelne wird nicht der Anregungen und Freuden des Privateigentums beraubt, und dennoch kann er sich im Zusammenstehen mit Genossen der kapitalistischen Uebermacht erwehren. Der Jammer, der Fluch ist von unseren Armen genommen, daß sie am Erzeugnisse weniger verdienen und den Verbrauch teurer bezahlen, als die Reichen. Bei uns ist das Brot des Armen ebenso billig, wie das des Reichen. Es giebt keinen Lebensmittelwucher. In der alten Gesellschaft wären hunderttausende von Händlern dabei zu Grunde gegangen. Wir ließen die Händler alten Stils gar nicht erst entstehen, sondern richteten von Anfang an die Konsumvereine ein. Da haben Sie wieder den Vorzug unserer Lastenfreiheit. Wir mußten niemanden zu Grunde richten, um unseren armen Massen zu helfen.“

„Aber die Zeitung?“ fragte Friedrich. „Wir sprachen von Zeitungen. Wie können die genossenschaftlich eingerichtet werden? Gehören sie sämtlichen Redakteuren, oder wie ist das?“

„Sehr einfach. Die genossenschaftliche Zeitung gehört den Abonnenten. Der Abonnementsbetrag ist die Einlage der Mitglieder, die darüber hinaus nicht haften. Je größer der Leserkreis, umso bedeutender sind die Einnahmen aus Inseraten und Ankündigungen verschiedener Art. Dieser Gewinn gebührt eigentlich den Lesern oder wenigstens den Abonnenten, und er wird zum Jahresschluß den Mitgliedern rückvergütet. So daß in besonders günstigen Fällen die Abonnenten schließlich ihre Einlage ganz wiedererhalten. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie mehr als die Einlage erhielten.“

„Fabelhaft! Unglaublich fabelhaft,“ schrie Kingscourt. „Da kriegt man also eine Prämie für fleißiges Zeitungslesen?“

„Ja, haben Sie denn in Europa und Amerika nie davon gehört, welche Einkünfte die großen Zeitungen hatten? Sie wurden auch immer billiger, obwohl die Ausgaben für Depeschen und Mitarbeiterhonorare sich riesig steigerten. Die größten Blätter wurden unter den Entstehungskosten hingegeben, und dabei wuchs der Gewinn der Unternehmer doch immer mehr. Darin war also schon das Prinzip der Gewinnvergütung an die Abonnenten enthalten. Dasselbe finden Sie hier bei uns, nur gelangt auch der Löwenanteil des Unternehmers zur Verteilung an die Mitglieder der Zeitungsgenossenschaft. Die Redaktion ist der geschäftsführende Ausschuß, und Sie können versichert sein, daß diese hochstehenden Arbeiter, deren Geist ja das bedruckte Papier erst lesenswert macht, besser daran sind, als früher. Sie sind es, die das Geld für die Abonnenten verdienen, und dafür hat auch der gewöhnliche Mann das Einsehen. Es kommt die Dankbarkeit für die guten, schönen und gerechten Aufsätze hinzu, durch die Tag um Tag die allgemeine Bildung gepflegt und erweitert wird. Unsere Zeitungen ergänzen den Volksunterricht unermüdlich, sie belehren, aber sie unterhalten auch; sie dienen den praktischen Bedürfnissen des Verkehrs, des Handels und der Industrie nicht minder eifrig, als der Kunst und Wissenschaft. Und wie anders freudig arbeiten diese Journalisten im Bewußtsein ihrer öffentlichen Wichtigkeit und des zu erwartenden rückhaltlosen Dankes. Um wieviel ernster nehmen sie ihre Aufgabe, für die es nunmehr auch eine Verantwortung giebt.“