Part 5
Vor ihnen weitete sich ein großer Platz, den die hochgeschwungenen Arkaden stattlicher Gebäude umgaben. In der Mitte war ein mit Gittern eingehegter Palmengarten. Palmen, hier ein gewöbnlicher Baum, standen auch überall rechts und links an den Rändern aller Straßen, die auf den Platz mündeten. Man sah gleich, daß diese Palmen doppelten Dienst hatten. Bei Tage spendeten sie Schatten, und nachts Licht, denn die elektrischen Straßenlampen hingen an ihnen wie große gläserne Früchte. Das war die erste Einzelheit, auf die Kingscourt ergötzt hinwies. Dann erkundigte er sich nach dem Charakter der Paläste, welche den großen Platz umgaben. David Littwak antwortete, es seien die Bureauhäuser verschiedener europäischer Seehandelsgesellschaften und Kolonialbanken. Der Platz führe darum den Namen Völkerplatz. Das war er in der That, nicht nur wegen der Gebäude, sondern auch wegen der Menschen, die ihn belebten.
Die Ankömmlinge staunten und starrten in das Gewühl. Es fand hier offenbar ein Verkehr aller Völker statt, denn man sah die buntesten Trachten des Morgenlandes zwischen Gewändern des Occidents. Chinesen, Perser, Araber wandelten durch die geschäftige Menge. Vorherrschend war freilich die Kleidung des Abendlandes, wie diese Stadt ja überhaupt einen durchaus europäischen Eindruck machte. Man hätte glauben können, daß man sich in einem großen Hafen Italiens befinde. Die Bläue des Himmels und des Meeres und das Leuchten der Farben gemahnten an die glückliche Riviera. Nur waren die Gebäude viel moderner und reinlicher, und der Straßenverkehr enthielt bei aller Lebhaftigkeit weniger Lärm. Das kam von der gemessen ernsten Art der vielen Orientalen, aber auch daher, daß keine Zugtiere in diesen Straßen waren. Man hörte weder den Hufschlag von Pferden, noch auch Peitschenknallen oder Rädergerassel. Die Fahrdämme waren so glatt, wie die Fußsteige, und die Automobile hasteten auf ihren Gummirädern ziemlich geräuschlos vorüber, nur mit einigem Getute der warnenden Signalhörner. Ein Rollen über ihren Köpfen machte die Fremden aufschauen.
„Alle Deibel, was ist das?“ schrie Kingscourt, indem er nach einem über den Palmenwipfeln vorbeisausenden großen Eisenwagen wies, aus dessen Fenstern Fahrgäste herunterblickten. Der Wagen hatte die Räder nicht unten, sondern oben, über dem Dach. Er hing und schwebte an einem mächtigen, eisernen Brückengeleise.
David Littwak erklärte:
„Das ist die elektrische Schwebebahn. Die müssen Sie doch auch in Europa gesehen haben.“
„Wir waren zwanzig Jahre nicht in Europa.“
„Die Schwebebahn ist ja nichts neues. Sie war schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zwischen Barmen und Elberfeld im Betriebe. Wir haben sie in unseren Städten gleich von vornherein eingerichtet, weil der Massenverkehr so leichter und gefahrloser bewältigt werden kann. Der Bau war auch billiger, als der von Straßen- oder Hochbahnen.“
„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ rief Kingscourt. „Sie sprechen von Städten! Es giebt demnach in Palästina noch mehr solcher Städte?“
„Das wissen Sie nicht, meine Herren?“
„Nein,“ sagte Friedrich; „wir wissen weder das noch etwas anderes. Wir wissen gar nichts. Wir waren zwanzig Jahre tot.“
„Für tot hielt ich Sie freilich, lieber Herr Doktor!“ sprach David Littwak, indem er Friedrichs Hand nahm und noch einmal drückte.
„Haben Sie sich denn nach mir erkundigt? Ja, woher wissen Sie überhaupt meinen Namen? Ich glaube doch, ihn damals nicht genannt zu haben.“
„Als Sie sich unserem Danke entzogen, waren wir ganz trostlos. Ich dachte mir, Sie seien vielleicht ein Stammgast des Café Birkenreis. Dort habe ich viele Nächte vor der Thüre auf Sie gewartet. Mein Vater auch.“
„Lebt Ihr Vater noch?“
„Ja, Gott sei Dank, und meine Mutter auch, und Mirjam, die Sie als Wickelkind sahen ... Ich kam endlich auf den Einfall, Sie dem Kellner des Kaffeehauses zu beschreiben. Er erkannte Sie nach meiner Schilderung sofort und nannte mir Ihren Namen. Aber wie groß war mein Schmerz, als der Mann hinzufügte, Sie seien bei einer Bergbesteigung verunglückt, und die Blätter hätten Ihren Tod gemeldet ... Ich kann Ihnen sagen, Herr Doktor, wir haben um Sie viel geweint. Wir haben auch immer pünktlich die Jahrzeit für Sie angezündet an dem Tage, den ich aus den Zeitungen herausgefunden hatte.“
„Jahrzeit? Was ist das?“ fragte Kingscourt.
Friedrich gab Auskunft:
„Ein Brauch der Juden. Am Sterbetage des Hingeschiedenen zünden seine Angehörigen zum Gedächtnis ein Licht an.“
„Oh, ich habe Ihnen viel, viel zu erzählen, lieber Herr Doktor!“ sagte David Littwak. „Aber hier werden wir nicht stehen bleiben. Vor allem bringe ich Sie in mein Haus, daß Sie von jetzt ab als Ihr eigenes betrachten werden ... Kommen Sie, meine Herren!“
„Und unser Boot, unsere Jacht?“
David Littwak wandte sich zu einem livrierten Neger, der ihm in kurzer Entfernung nachgefolgt war, und gab leise einige Befehle, worauf der Diener verschwand. Jetzt sprach David zu seinen Gästen:
„Alles ist besorgt. Das Boot wird nach der Jacht zurückkehren, und in Friedrichsheim wird man Ihre Aufträge abholen.“
„Wo?“
„In Friedrichsheim. So heißt mein Haus. Sie ahnen schon, wem zu Ehren? Gehen wir, meine Herren! Das heißt, wir werden fahren.“
Er hatte bei aller Liebenswürdigkeit etwas Bestimmtes in seinem Ton. Kingscourt murmelte aber nicht unzufrieden:
„Fritze, der übernimmt das Kommando! Wollen mal sehen!“
David Littwak hatte ein Automobil herangewinkt. Er bat die Herren einzusteigen. Doch als er ihnen folgen wollte, wurde er von jemandem angerufen:
„Herr Littwak, Herr Littwak.“
Er drehte sich um:
„Ah, Sie sind’s? Was wünschen Sie?“
„In den Morgenblättern steht, daß Sie heute in Akka eine Versammlung abhalten. Ist es nicht wahr?“
„Ich wollte eben hinüberfahren. Aber ich muß die Versammlung absagen. Ich habe heute Wichtigeres vor. Richtig, ich will noch rasch hinübertelephonieren.“
„Darf ich es vielleicht für Sie thun, Herr Littwak?“
„Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
„Wahrscheinlich einen besonderen Besuch erhalten, Herr Littwak?“ forschte der Eifrige, indem er mit dem linken Daumen über die Schulter hinweg nach dem Wagen deutete.
David lächelte, antwortete aber nicht und nickte nur mit dem Kopfe. Dann rief er dem hintenauf sitzenden Heizer zu: „Nach Friedrichsheim!“
„Dieses Gesicht kommt mir bekannt vor,“ sagte Friedrich, als der Wagen davonrollte. „Ich muß es in einer anderen Form gesehen haben, ohne grauen Backenbart, ohne den Kneifer auf der Nase.“
„Ja, er ist auch aus Wien, er hat mir oft von Ihnen erzählen müssen. Ich wollte ihn nur jetzt nicht herankommen lassen. Heute gehören Sie mir allein ... Er war auch ein Gast des Café Birkenreis. Nun raten Sie!“
Eine Erinnerung blitzte auf.
„Schiffmann!“ sagte Friedrich lachend. „Wie? Der ist auch hier?“
„Der und viele, viele andere Juden aus allen Städten und Ländern.“
Kingscourt, der neugierig nach allen Seiten hin ausblickte, warf jetzt die Frage ein:
„Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Rückkehr der Juden nach Palästina stattgefunden hat?“
„Freilich will ich das sagen.“
„Donner und Gloria!“ schrie der Alte. „Sie sind aus Europa ausgetrieben worden?“
David erklärte freundlich lächelnd:
„Nun, Sie dürfen sich das nicht so wie im Mittelalter vorstellen. Wenigstens in den Kulturländern hatte es nicht diesen Charakter. Die Operation war zumeist unblutig. Den Juden wurde am Ende des neunzehnten und zu Anfang dieses Jahrhunderts das Verbleiben an ihren Wohnorten unleidlich gemacht.“
„Aha! Rausgeekelt?“
„Die Verfolgungen waren sozialer und ökonomischer Art. Boykott im Geschäftsleben, Aushungerung der Arbeiter, Aechtung in den freien Berufen, von den feineren, moralischen Leiden gar nicht zu sprechen, die ein höher organisierter Jude um die Jahrhundertwende zu erdulden hatte. Die Judenfeindschaft war mit den neuesten, wie mit den ältesten Mitteln thätig. Das Blutmärchen wurde aufgefrischt, aber gleichzeitig hieß es auch, daß die Juden die Presse — wie einst im Mittelalter die Brunnen — vergifteten. Die Juden wurden von den Arbeitern gehaßt, als Lohnverderber, wenn sie ihre Genossen waren; als Ausbeuter, wenn sie die Unternehmer waren. Sie wurden gehaßt, ob sie arm oder reich oder mittelständig waren. Man nahm ihnen das Erwerben, aber auch das Geldausgeben übel. Sie sollten weder produzieren noch konsumieren. Von den Staatsämtern wurden sie zurückgestoßen, vor den Gerichten hatten sie das Vorurteil gegen sich, überall im bürgerlichen Leben fanden sie Kränkungen. Unter diesen Umständen war es klar, daß sie entweder die Todfeinde einer von Ungerechtigkeiten strotzenden Gesellschaft werden oder nach einem Zufluchtsorte ausblicken mußten. Das letztere ist geschehen, und hier sind wir. Wir haben uns gerettet.“
„Altneuland!“ murmelte Friedrich.
„Jawohl, das ist es,“ sagte David Littwak ernst und bewegt. „Auf unserem alten teuren Boden haben wir uns eine neue Gesellschaft eingerichtet. Sie werden sie kennen lernen, meine Herren.“
„Der Deibel, das ist furchtbar interessant. Da giebt es riesig viel zu sehen. Ich wollte Sie nicht stören in Ihrer geschätzten Anklageschrift gegen das olle Europa, sonst hätte ich Sie nach einigen Bauten gefragt, an denen wir vorbeigefahren sind.“
„Ich werde Ihnen alles zeigen.“
„Hören Sie ’mal, geschätzter Mann und Jude, ich will Ihnen zuerst ein Geständnis ablegen, sonst bereuen Sie nachher Ihre Aufmerksamkeiten. Ich bin nämlich kein Jude. He? Nu werden Sie mich wohl ’rausschmeißen oder gelinde rausekeln, was?“
„Aber Kingscourt!“ wehrte Friedrich ab.
Ruhig sprach David Littwak:
„Daß Sie kein Jude sind, erkannte ich schon an einer Ihrer früheren Fragen. Lassen Sie sich sagen, daß meine Genossen und ich keinen Unterschied zwischen den Menschen machen. Wir fragen nicht, welchen Glaubens und welcher Rasse einer ist. Ein Mensch soll er sein, das genügt uns.“
„Millionen Bomben und Haubitzen! Und alle Bewohner dieser Gegend denken wie Sie?“
„Nein,“ bekannte David offen; „das sage ich nicht. Es giebt noch andere Strömungen.“
„Aha! Das dachte ich mir auch gleich, verehrter Menschenfreund!“
„Ich will Sie jetzt nicht mit unseren politischen Kämpfen langweilen. Die sind so wie überall in der Welt. Aber das kann ich Ihnen sagen: die Grundsätze der Menschlichkeit werden bei uns allgemein in Ehren gehalten. Und was die Religionen betrifft, Sie finden bei uns neben unseren Tempeln die Gotteshäuser von Christen, Mohammedanern, Buddhisten und Brahmanen. Die beiden letzteren Glaubensgesellschaften sind allerdings nur in den Seestädten vertreten, zum Beispiel hier in Haifa, in Tyrus, Sidon und in den größeren Orten längs der Bahn, die nach dem Euphrat führt, etwa in Damaskus und Tadmor.“
Friedrich staunte:
„Tadmor! Die Stadt Palmyra lebt wieder?“
David nickte bestätigend:
„Das große Schauspiel des allgemeinen Gottesfriedens werden Sie aber in Jerusalem genießen.“
„Mein Kopf, mein Kopf!“ stöhnte Kingscourt. „Wie soll man denn das alles auf einmal behalten?“
Sie waren an einer Straßenkreuzung angelangt, wo der größere Wagenverkehr eine augenblickliche Stauung verursachte. Das Automobil mußte halten. Da erkannten sie, wie praktisch die Schwebebahn war. Unter den dicken eisernen Doppelgeleisen sausten die großen Kasten hoch in der Straßenmitte dahin, ohne die Fußgänger zu stören oder von ihnen gestört zu werden.
Von diesem Punkte ihres erzwungenen Aufenthaltes blickten sie in mehrere Straßen. Die Mannigfaltigkeit der Baustile erfreute ihre Augen. Dann ging die Fahrt weiter durch lebhafte Stadtteile. Die Wohnhäuser waren zumeist klein und zierlich, offenbar nur für den Gebrauch der einzelnen Familie berechnet, wie man sie in belgischen Städten sieht. Umso stattlicher ragten die Kaufhäuser und die öffentlichen Gebäude, die als solche leicht erkennbar waren. David Littwak nannte ihnen einige im Vorüberfahren: das Seeamt, das Handelsamt, die Arbeitsvermittelung, die Unterrichtsverwaltung, das Amt für Elektrizität. Ein großer heiterer Palast, dessen Vorderseite eine freskengeschmückte Loggia hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit.
„Das ist das Bauamt,“ sagte David. „Hier haust Steineck, unser erster Architekt. Von ihm ist der Stadtplan entworfen worden.“
„Der Mann hatte eine große Aufgabe,“ sprach Friedrich.
„Groß, jawohl, aber auch freudig. Er durfte aus dem Vollen schaffen, wie übrigens wir alle. Nie in der Geschichte sind Städte so rasch und herrlich erbaut worden, wie bei uns, weil man nie vorher solche technische Mittel zur Verfügung hatte. Die Leistungsfähigkeit der Kulturmenschheit war ja in dieser Beziehung schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kolossal. Wir brauchten nur die bekannten Dinge zu uns herüberzuverpflanzen. Wie das geschehen ist, werde ich Ihnen später noch erzählen.“
Sie waren jetzt in eine Villengegend der Stadt geraten. Der Fahrweg stieg an. Sie befanden sich auf dem Karmel. Hier standen schmucke Schlößchen inmitten duftender Gärten. An einzelnen Häusern maurischer Bauart bemerkten sie Holzgitter von engem Geflechte vor den Fenstern.
David kam der Frage zuvor:
„Hier wohnen einige vornehme Mohammedaner. Da sehen Sie gerade meinen Freund Reschid Bey.“
Vor dem schmiedeisernen Thore eines Gartens, an dem sie vorbeifuhren, stand ein schöner Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Zur dunklen europäischen Kleidung trug er das rote Fez. Er grüßte nach orientalischer Art, indem er mit der Rechten den Luftschnörkel machte, der das Aufheben und Küssen des Staubes bedeutet. David rief ihm einige Worte in türkischer Sprache zu, worauf Reschid mit leicht norddeutscher Betonung zurückgab:
„Wünsche eine recht anjenehme Unterhaltung!“
Kingscourt riß die Augen auf:
„Was ist denn das für’n Muselmännchen?“
David lachte:
„Er hat in Berlin studiert. Sein Vater war einer derjenigen, die den Vorteil der Judeneinwanderung sofort begriffen. Er machte unseren ökonomischen Aufstieg mit und wurde reich. Reschid ist übrigens auch Mitglied unserer neuen Gesellschaft.“
„Der neuen Gesellschaft?“ wiederholte Friedrich. „Was ist das für eine?“
Kingscourt setzte hinzu:
„Hochgeliebter Mann, uns müssen Sie wie neugeborene Kälber in allem Wissenswerten unterweisen! Wir kennen weder die alte noch die neue Gesellschaft.“
„Doch!“ sagte David. „Die alte kennen oder kannten Sie. Unsere neue werde ich Ihnen vorstellen, wenn wir mehr Muße haben. Jetzt ist dazu nicht mehr Zeit. Wir sind gleich dort, wo Sie sich fortab zu Hause fühlen sollen.“
Immer freier öffnete sich der Ausblick auf dem geschlängelten Wege. Nun lagen Stadt und Hafen von Haifa, die weite Bucht mit dem Gartenkranze und am anderen Ende Akka mit seinem Berghintergrunde vor den entzückten Augen der Fahrenden. Und nun waren sie ganz oben auf der Nordspitze des Karmel. Rechts und links, nach Norden und Süden dehnte sich das herrliche Gestade von Palästina, und vor ihnen weitete sich blau und goldig die endlose Fläche des Meeres. Weiße Schaumkämme flatterten wie Möven darüber hin, dem hellbraunen Strande zu.
David hatte den Wagen halten lassen, damit sie den einzigen Anblick genössen. Er stieg aus, und die Beiden folgten ihm. Er wandte sich zu Friedrich:
„Sehen Sie, Herr Doktor, das ist das Land unserer Väter!“
Und Friedrich wußte nicht, warum ihm bei diesen einfachen Worten des jungen Mannes die Augen von Thränen warm wurden. Doch war es eine andere Stimmung, als in jener Nacht von Jerusalem, zwanzig Jahre früher. Damals hatte er den mondbeglänzten Tod vor sich, und jetzt ein sonnenfreudiges Leben. Er blickte David an. Was war aus dem bettelhaften Judenjungen geworden! Ein frei und ernst schauender, gesunder, gebildeter Mann, der fest in seinen eigenen Schuhen zu stehen schien. Noch hatte David kaum eine Andeutung über seine eigenen Verhältnisse gemacht, aber es mochte ihm nicht schlecht ergehen, da er in dieser eleganten Gegend wohnte, wo es nur Villen und Schlösser gab. Er mußte aber auch ein angesehener Bürger sein, denn sie hatten unterwegs bemerkt, wie viele Leute ihn grüßten. Selbst ältere Personen kamen ihm mit dem Gruße zuvor. Jetzt stand er mit einem Ausdrucke tiefen Glückes in den Mienen auf der Karmelhöhe und sah hin über Land und Meer. Und jetzt erst glaubte Friedrich in dem freien Manne den merkwürdigen Knaben von der Brigittenauer Lände zu erkennen, der einst gesagt hatte, er wolle zurück nach dem Lande Israels!
3. KAPITEL.
Friedrichsheim war ein helles, hohes Schloß maurischen Stils, umgeben von Gärten. Vor der weißen Freitreppe lag in Stein gehauen ein Löwe. Wieder mußte Friedrich an die Worte des kleinen Hausierersohnes denken, da vom Löwen Judas die Rede gewesen. „Was Juda gehabt hat, kann es wieder haben. Unser alter Gott lebt ja noch!“ hatte der Junge damals gerufen. Der Traum war erfüllt ...
Der Pförtner hatte ein Glockenzeichen gegeben, als David Littwak mit seinen Gästen durch das Gitterthor kam. Sie wurden an der Freitreppe von zwei Dienern erwartet.
„Ich lasse meine Frau und meine Schwester in den unteren Salon bitten,“ sagte David dem einen, der hierauf über die teppichbelegte Treppe der großen Eingangshalle in den ersten Stock hinaufeilte. Der andere Diener öffnete den Herren die Salonthüre. Sie traten in einen hochgewölbten Raum, der mit herrlichen Kunstwerken geschmückt war. Die Wände mit rosiger Seide verkleidet, die Möbel von der zarten englischen Bauart, an der Decke ein elektrischer Kronleuchter, schimmernd von Gold und Krystall. Eine Thüre und vier Fenster ließen durch hohe Spiegelscheiben das volle Tageslicht hereindringen. Man sah hinaus auf ein weiches Rasenparterre mit Blumenbeeten bis zur marmornen Brüstung, hinter welcher das Meer blaute. Im Salon standen zu beiden Seiten der Hauptthüre siebenarmige Leuchter von Mannshöhe aus Silber. An der einen Schmalwand ein großes Gemälde, das einen alten Mann mit einer alten Frau in einfacher dunkler Kleidung darstellte.
„Meine Eltern!“ bemerkte David, als er Friedrichs Augen darauf gerichtet sah.
„Ich hätte sie gewiß nicht erkannt,“ lächelte Friedrich. „Und wer ist das?“ Er deutete nach einem Oelbilde, das über dem mächtigen Kamin hing. Es war das Porträt einer schlanken, schwarzlockigen, jungen Dame von großer Schönheit.
„Das ist meine Schwester Mirjam. Sie werden sich gleich selbst überzeugen können, ob es ähnlich ist.“
Im nächsten Augenblicke traten die Damen ein: Mirjam und eine blühende junge Frau, die Gattin Davids.
„Sarah, Mirjam!“ rief der Hausherr mit leicht bebender Stimme. „Wir haben den teuersten, unerwartetsten Besuch erhalten. Dieser Tag hat mir die größte Freude meines Lebens gebracht. Ihr könnt nicht erraten, nicht einmal ahnen, wen wir zu beherbergen das Glück haben. Denjenigen, den wir für tot hielten, der unser Wohlthäter, unser Retter war!“
Die Damen blickten verwundert drein.
„Doch nicht — Friedrich Löwenberg?“ fragte das junge Mädchen.
„Er selbst, Mirjam! Er selbst! Da steht er.“
Da eilte sie auf den Gast zu, streckte ihm beide Hände entgegen, begrüßte ihn freudestrahlend wie einen alten Freund.
Es war ihm wunderlich und selig zu Mute, als er von dieser lieblichen Stimme seinen Namen aussprechen hörte. Er kam sich wie verzaubert vor an dem herrlichen Orte, unter den prächtigen Menschen.
„Und das ist Mr. Kingscourt, der Freund des Doktors, also auch unser Freund und werter Gast.“ Er berichtete kurz, wie er die Herren im Hafen erblickt und Friedrich sogleich erkannt hatte. Denn er hatte sich als kleiner Knabe die Züge des Nothelfers tief eingeprägt, und Friedrich war eigentlich wenig verändert. Selbstverständlich dürften die Herren in kein Hotel gehen, sondern müßten hier wohnen.
Frau Sarah wollte die Gäste gleich nach ihren Zimmern geleiten lassen. David übernahm dies aber selbst. Er bat die Herren, ihm zu folgen.
„Gehen wir hinauf! Ich möchte Ihnen oben auch einen jungen Mann vorstellen, der den hier nicht mehr ungewöhnlichen Namen Friedrich führt.“
So schritten alle fünf die Halltreppe hinauf in den ersten Stock. David führte und blieb vor der letzten Thüre des Korridors stehen.
„Hier hält sich dieses Individuum auf,“ sagte er glücklich lachend und öffnete.
Es war ein weißes Zimmer. In der Mitte thronte auf seinem hohen Kinderstuhl ein pausbackiges Baby. Es hatte sich die Schuhchen von den Füßen gestreift und war eben bemüht, auch die kleinen Strümpfe durch beharrliches Reiben der Zehen an den drallen Wädchen loszuwerden. Vor ihm stand seine ältliche Pflegerin mit einem Teller Milchspeise. Das Kind schlug lustig seinen Löffel auf den Brei, daß es nur so patschte, und schien diese Unterhaltung für wichtiger zu halten, als das Essen.
„Dieser Dummkopf ist mein Sohn Friedrich,“ rief David und es klang zum erstenmal etwas wie Stolz aus seinen Worten.
Aber Jung-Friedrich ließ den Löffel fahren. Kingscourts weißer Bart hatte es ihm angethan. Er jauchzte hoch auf und reckte dem Alten beide Aermchen entgegen. Kingscourt reichte ihm seinen Zeigefinger, und das Bübchen klammerte sich fest an.
Die Anderen wollten dann hinausgehen, Kingscourt blieb wie angewurzelt stehen.
Friedrich wandte sich in der Thüre um:
„Kommen Sie denn nicht mit, Kingscourt?“
„Der Kerl läßt mich nicht los!“ erwiderte er geschmeichelt. Und er blieb dann auch richtig noch eine ganze Stunde beim kleinen Friedrich.
Mit diesem Augenblicke begannen die Beziehungen zwischen dem alten Menschenfeinde Kingscourt und dem jüngsten Littwak. Man konnte nie Genaueres über den Inhalt ihrer Unterredungen erfahren, weil der kleine Fritz noch nicht sprechen konnte, und Kingscourt unter den furchtbarsten Flüchen leugnete, daß er das Kind lieb habe. Indessen wurde später durch Aussagen der Dienstleute festgestellt, daß Kingscourt oft in die Kinderstube geschlichen kam, wenn er wußte, daß kein anderer da war, und daß er sich zu den unvernünftigsten Streichen hergab. Er ließ das Kind auf seinen Schultern reiten oder legte sich platt auf den Boden, damit das Bürschchen gefahrlos an ihm herumklettern könne. Wenn das Fritzchen aber weinte, führte er, um es zu trösten, sehr erstaunliche Tänze auf und sang ihm uralte deutsche Lieder vor, wobei er seine rauhe Stimme recht wohlklingend zu machen versuchte.
Am ersten Tage seiner Bekanntschaft mit dem Kleinen fand sich Kingscourt ein wenig verlegen beim Mittagstische ein. Doch gab es so vielerlei zu fragen und zu erzählen, daß seine plötzliche Schwäche für das Bübchen unbemerkt und unerörtert blieb.
Sie saßen in dem holzgetäfelten Speisesaale und hielten eine gute Mahlzeit. Die Weine erregten besonders die Zufriedenheit Kingscourts. Er bekam die Auskunft, daß es durchwegs Palästinensische Weine seien, zum Teile sogar Eigenbau Davids. Mit der Weinkultur hatte ja die Kolonisation des Landes schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen. Die besten Rebensorten waren gepflanzt worden und gediehen vortrefflich.
Mirjam erhob sich vor Ende des Mahles. Sie mußte fort, zur Schule. Nachdem sie hinausgegangen war, beantwortete David eine Frage Löwenbergs:
„Ja, Mirjam ist Lehrerin. Sie unterrichtet im Mädchengymnasium. Ihre Fächer sind Französisch und Englisch.“
Kingscourt brummte:
„So? Das arme Mädel muß sich mit Stundengeben schinden?“
Es lag ein geheimer Vorwurf darin, den David lächelnd aufgriff:
„Sie thut es nicht um den Lebensunterhalt. So weit bin ich, Gott sei Dank, daß ich meine Schwester nicht darben lasse. Aber sie hat Pflichten und erfüllt sie, weil sie auch Rechte besitzt. In unserer Neuen Gesellschaft sind die Frauen gleichberechtigt mit den Männern.“
„Alle Deibel!“
„Daß sie das aktive und passive Wahlrecht haben, ist selbstverständlich. Sie haben treu mit uns gearbeitet am Aufbau unserer Einrichtungen, ihre Begeisterung für unseren Hochgedanken hat den Mut der Männer beflügelt. Es wäre die häßlichste Undankbarkeit gewesen, wenn wir sie an den Gesindetisch unseres Hauses oder in ein verschämtes Serail verwiesen hätten.“
„Sie sagten uns unterwegs,“ warf Löwenberg ein, „daß Reschid Bey auch ein Mitglied Ihrer Gesellschaft sei. Ihr Wort vom Serail bringt mich auf eine Frage.“