Altneuland

Part 4

Chapter 43,620 wordsPublic domain

Friedrich zuckte leicht die Achseln, sprach aber noch einige höfliche Worte mit dem Unbekannten, dann gingen sie. Als sie am anderen Ende der Gasse waren und um die Ecke bogen, blickten sie zurück. Der russische Jude stand noch dort. Er war in ein stummes Gebet vor der Klagemauer versunken.

Abends, in dem englischen Hotel, in dem sie wohnten, sahen sie ihn wieder. Er saß bei Tische neben einer jungen Dame, offenbar seiner Tochter. Nach dem Essen traf man sich in der großen Halle. Das Gespräch vom Vormittag wurde zwanglos wieder aufgenommen. Der Russe nannte seinen Namen: Dr. Eichenstamm.

„Ich bin meines Zeichens Augenarzt. Meine Tochter auch.“

„Wie? Das Fräulein ist ’n Doktor?“ fragte Kingscourt.

„Ja, sie hat bei mir und nachher in Paris studiert. Sie ist jetzt meine Assistentin. Ein ganz gelehrtes Haus, meine Sascha!“

Das Fräulein Doktor errötete bei dem Lobe.

„Aber Papa!“ sagte sie abwehrend.

Dr. Eichenstamm fuhr sich mit der Linken über den langen grauen Kinnbart:

„Was wahr ist, kann man sagen. Wir sind auch nicht nur zum Vergnügen hier, meine Herren. Wir beschäftigen uns mit den Augenkrankheiten. Leider giebt es deren genug. Der Schmutz und die Verwahrlosung rächen sich. Alles liegt im Argen. Und wie schön könnte es sein. Das Land ist ja ein goldenes Land.“

„Dieses Land?“ sagte Friedrich ungläubig. „Die Geschichte von Milch und Honig ist doch nicht mehr wahr!“

„Sie ist immer wahr!“ schrie Eichenstamm begeistert. „Nur die Menschen müssen da sein, dann ist alles da.“

„Nee! Von Menschen ist gar nichts zu erwarten,“ erklärte Kingscourt mit Entschiedenheit.

Doktor Sascha wandte sich an ihren Vater:

„Du solltest den Herren raten, die Kolonien zu besichtigen.“

„Was für Kolonien?“ erkundigte sich Friedrich.

„Unsere jüdischen Ansiedelungen,“ antwortete der alte Herr. „Auch davon wissen Sie nichts, Herr Doktor? Es ist doch eine der merkwürdigsten Thatsachen im modernen Leben der Juden. In verschiedenen Städten Europas und Amerikas haben sich Gesellschaften gebildet, die sogenannten ’Liebhaber von Zion’, mit dem Zweck, hier in unserem alten Lande die Juden zu Ackerbauern zu machen. Es giebt schon eine Anzahl solcher jüdischer Dörfer. Auch einige reiche Wohlthäter haben der Sache Geld zugewendet. Unser alter Boden trägt wieder Früchte. Besuchen Sie diese Niederlassungen, bevor Sie Palästina verlassen.“

Kingscourt brummte:

„Können wir ja machen, wenn Sie Lust haben, Löwenberg.“

Friedrich bejahte schnell.

Am andern Tag unternahmen sie in Gesellschaft Eichenstamms und Saschas einen Ausflug nach dem Oelberge. Vor der Höhe kamen sie an dem eleganten Hause einer englischen Dame vorbei.

„Sie sehen,“ sagte der Russe, „daß man auf der alten Erde auch neue Paläste errichten kann. Das ist ein vornehmer Gedanke, hier zu wohnen. Wäre auch mein Traum.“

„Oder wenigstens eine Augenklinik,“ meinte Doktor Sascha mit feinem Lächeln.

Vom Oelberge aus bewunderten sie die hügelreiche Stadt, die steinernen Wellen der Berge im weiten Umkreise bis an das tote Meer.

Friedrich wurde nachdenklich.

„Schön muß Jerusalem einst gewesen sein! Vielleicht haben unsere Väter diese Stadt darum nicht vergessen können. Vielleicht wollten sie darum immer zurückkehren?“

Eichenstamm schwärmte:

„Mich erinnert es an Rom. Auf Hügeln könnte man abermals eine Weltstadt erbauen, etwas Herrliches. Denken Sie sich den Blick, den man dann von hier aus hätte. Prächtiger als vom Gianiculo! Ach, wenn meine alten Augen das noch sehen könnten!“ ...

„Das werden wir nicht erleben,“ sagte Sascha traurig.

Kingscourt wunderte sich im Stillen über diese Phantastereien. Als er wieder mit Friedrich allein war, sprach er:

„Das ist ein merkwürdiges Paar, der Doktorsvater mit der Doktorstochter. So praktisch und dabei so närrisch. Ich habe mir die Juden auch anders vorgestellt.“

Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied von den Beiden und fuhren richtig deren Rat befolgend nach den Kolonien. Sie sahen die Ortschaften Rischon-le-Zion, Rechoboth und andere, die als Oasen in der verdorrten Umgebung lagen. Viele fleißige Hände hatten sich da regen müssen, bis die Scholle wieder zum Leben erwacht war. Sie sahen wohlbebaute Felder, eine stattliche Weinkultur und üppige Orangengärten.

„Das ist alles in den letzten zehn — fünfzehn Jahren entstanden,“ erklärte ihnen der Vorsteher der Judenkolonie Rechoboth, an den sie von Eichenstamm empfohlen worden waren. „Nach den Verfolgungen in Rußland zu Anfang der Achtziger Jahre hat diese Bewegung begonnen. Es giebt aber noch verdienstlichere Kolonien als unsere. Zum Beispiel die von Katrah. Die ist von studierten Leuten angelegt worden. Sie haben die Bücher verlassen und sind auf den Acker hinausgezogen. Solche Bauern giebt es wohl nirgends auf der Welt. Gelehrte Männer, die auf dem Felde arbeiten.“

„Das ist ’ne starke Nummer!“ rief Kingscourt. Aber noch größer wurde sein Erstaunen, als der Vorsteher die jungen Burschen von Rechoboth zu Pferde steigen ließ. Eine Art arabischer Fantasia wurde vor den Gästen aufgeführt. Die Bursche stürmten weit weg ins Feld hinaus, warfen die Rosse herum, kehrten jauchzend zurück, warfen im vollsten Lauf ihre Mützen oder ihre Gewehre in die Luft, fingen sie wieder auf. Schließlich ritten sie in einer Reihe und sangen ein hebräisches Lied.

Kingscourt war hingerissen.

„Da soll doch ein mehrfach gesalzenes Donnerwetter dreinschlagen. Die Kerls reiten ja wie der Deibel!“

Mit so ’was hätte mein Ur-Ur auch die Attake bei Roßbach — — —

Aber Friedrich hatte wenig Interesse für die Bethätigungen einer gesunden Lebenslust, und er war froh, als sie die Ansiedelungen verließen, um nach Jaffa zurückzukehren.

Die Jacht war zur Abfahrt bereit. Sie schieden in den letzten Dezembertagen vom besonnten Strande Palästinas und steuerten nach Port Said. In diesem Hafen blieben sie zwei Tage, dann ging es durch den Suezkanal weiter. Am Abende des 31. Dezember 1902 kamen sie ins rote Meer. Friedrich hatte wieder eine Zeit völliger Niedergeschlagenheit. In dieser Stimmung war ihm alles gleichgültig.

Nach Sonnenuntergang rief ihn Kingscourt auf’s Verdeck:

„Heute, Doktor, wollen wir uns was besonders anthun! Da, sehen Sie unsere Tischkarte. Habe auch eine genügende Anzahl Silberhälse in Eis kühlen lassen.“

„Was ist denn heute für ein besonderer Tag, Mr. Kingscourt?“

„Das wissen Sie nicht, Mensch? Der letzte Tag des Jahres! Das ist kein banales Datum — wenn Daten überhaupt einen Sinn haben.“

„Für uns ist das ohne jede Bedeutung,“ sagte Friedrich müde. „Für uns beginnt nun die Zeitlosigkeit, ist es nicht wahr?“

„Jawohl, jawohl. Aber es ist doch ’n verdammt kurioser Tag. Um Mitternacht wollen wir die Zeit ins Meer senken, in Euer rotes Meer, und wenn das blödsinnige Zeitalter um ist, in dem wir zu leben verurteilt waren, da wollen wir an etwas Großes denken! ... ’nen gediegenen Punsch lasse ich uns auch brauen. Das ist verhältnismäßig noch das Reellste, in der allgemeinen Niedertracht des Daseins.“

Und so thaten sie. Der Schiffskoch hatte sein Bestes geleistet. Auch die Weine waren vorzüglich. Kingscourt, ein gewaltiger Zecher vor dem Herrn, trank dreimal so viel wie Friedrich, und blieb dabei ziemlich klar und frisch, indessen sein junger Gefährte einen Nebel in sich aufsteigen fühlte und nur noch wie im Traum diese Worte vernahm, als es zwölf Uhr schlug:

„Mitternacht!“ rief Kingscourt mit dröhnender Stimme. „Verrecke, Zeit! Ich leere mein Glas auf deinen Tod. Was warst du? Schande, Blut, Gemeinheit und Fortschritt. Stoßen Sie an, Mensch, Mann, isolierter Zeitgenosse!“

„Ich kann nicht mehr,“ lallte Friedrich.

„Kleines Geschlecht! ... Hier sollten Sie sich doch auf die Fußspitzen stellen. Klassische Gegend! Hier hat Euer oller Moses eines seiner größten Kunststücke gemacht ... Sie gingen trockenen Fußes hindurch, offenbar grade Ebbe gewesen. Und das Vieh von einem Pharao hinterdrein mitten rin in die Flut. Keine Zauberei! Aber gerade das Natürliche daran imponiert mir! Die einfachsten Mittel! Aber sehen muß man sie, und gebrauchen können. Denken Sie mal, was war das für ’ne arme Zeit, und was hat Euer oller Moses vollbracht. Wenn der heute wiederkäme und sähe die Wunder alle — die Eisenbahnen, die Telegraphen, die Telephone, die Maschinen, die Jacht mit der Schraube, mit dem elektrischen Scheinwerfer. Er würde nichts davon verstehen. Man müßte ihm vielleicht drei Tage lang immerzu erklären. Aber nach drei Tagen hätte er alles raus. Und wissen Sie, was er dann thäte? Lachen würde er, furchtbar, grimmig lachen! Weil die Menschen mit all dem fabelhaften Fortschritt nichts anzufangen wissen. Im einzelnen Schicksal kommt man zur Ueberzeugung, daß die Menschen schlecht sind. Aber beim Gesamtüberblick entdeckt man, daß sie nur dumm sind. Namenlos dumm, dumm, dumm! Nie war die Welt so reich, und nie hat es so viel Arme gegeben, wie jetzt. Leute verhungern, während ungebrauchtes Korn verschimmelt. Mir kann’s recht sein. Je mehr zu Grunde gehen, umso weniger Undankbare, Lügner und Treulose giebt es in der Welt.“

Friedrich sprach mit schwerer Zunge:

„Glauben Sie nicht, Mr. Kingscourt, daß die Menschen viel besser wären, wenn es ihnen besser ginge?“

„Nee, wenn ich das glaubte, würde ich nicht nach meiner einsamen Insel ziehen, sondern mitten unter die Menschen. Ich würde ihnen sagen, wie sie’s anfangen müßten, um besser dran zu sein. Nicht tausend, nicht hundert, nicht fünfzig Jahre brauchte man zu warten. Heute! Mit den Ideen, Kenntnissen, Mitteln, die heute am 31. Dezember 1902 im Besitze der Menschheit sind, könnte sie sich helfen. Man braucht keinen Stein der Weisen, kein lenkbares Luftschiff. Alles Nötige ist schon vorhanden, um eine bessere Welt zu machen. Und wissen Sie, Mann, wer den Weg zeigen könnte? Ihr! Ihr Juden! Gerade weil’s Euch schlecht geht. Ihr habt nichts zu verlieren. Ihr könntet das Versuchsland für die Menschheit machen — dort drüben, wo wir waren, auf dem alten Boden ein neues Land schaffen. Altneuland!“

Das hörte Friedrich Löwenberg nur noch im Traum. Er war eingeschlafen. Und träumend fuhr er durch das rote Meer der Zukunft entgegen.

2. BUCH.

HAIFA, 1923.

1. KAPITEL.

Die Jacht Kingscourt fuhr wieder durch das rote Meer, aber in umgekehrter Richtung.

Kingscourts Bart und Haare waren schneeweiß geworden. Auch Friedrich konnte, vor dem Spiegel seiner Kajüte stehend, an seinen Schläfen die ersten Silberfäden entdecken.

Der Alte rief ihn aufs Verdeck:

„Holla, Fritz! Kommen Sie ’n bißchen rauf!“

„Was wollen Sie, Kingscourt?“ sagte er, indem er hinaustrat.

„Hol mich der Deibel, wenn ich das verstehe. Seit wir da im roten Meere fahren, hab’ ich noch sehr wenige Personendampfer gesehen. Frachtschiffe, ja, viele. Erinnern Sie sich denn nicht, wie das vor zwanzig Jahren war, anno Neunzehnhundertundzwei? Da war doch Verkehr hier. Ostindienfahrer, Chinaschiffe! Die lumpigen Dampfer, die wir jetzt treffen, gehen nur nach den afrikanischen Häfen und Madagaskar. Ich habe mich bei dem Vieh von einem Lotsen nach jedem passierenden Schiff erkundigt. Es giebt keine Ostindier, Japaner und Chinesen mehr in diesen Gewässern; wie gesagt, nur Frachten. Am Ende hat England, seit wir weg waren, seinen indischen Besitz verloren? Kreuzmillionenschockschwerenot — an wen?“

„Fragen Sie doch den Lotsen, wenn es Sie interessiert!“

„Nischt wird jefragt! Das heb’ ich mir alles auf, bis wir in Europa sind. Ich bin nicht neugierig — sind Sie’s vielleicht, Fritzken?“

„Nein, Kingscourt. Mir ist alles gleichgültig. In den zwanzig Jahren hab’ ich jedes Interesse an den Vorgängen außerhalb unserer lieben Insel verloren. Mir lebt kein Freund mehr, kein Blutsverwandter. Wonach sollte ich mich erkundigen?“

Kingscourt hatte sich es auf einem ruhebettartigen Lehnstuhl bequem gemacht und schmauchte eine große Havanna:

„Na, übel ist Ihnen unsere Insel nicht bekommen, Fritz! Wenn ich denke, was Sie für’n grüner Judenjunge mit eingesunkenem Brustkasten waren, als ich Sie mitnahm. Heute sind Sie ’n Baum von einem Menschen. Mir scheint, Sie könnten jetzt den Weibern gefährlich werden.“

„Sie sind komplett verrückt, Kingscourt!“ lachte Friedrich. „Zu Ihrer Ehre will ich annehmen, daß Sie mich nicht nach Europa schleifen, um mich zu verheiraten.“

Kingscourt wälzte sich vor Lachen: „So’n Rabenvieh! Verheiraten! Für’n solchen Hornochsen halten Sie mich doch nicht? Was fing’ ich dann mit Ihnen an?“

„Na, vielleicht ist es eine feine Art, mich loszuwerden. Sie haben meine Gesellschaft wohl satt gekriegt?“

„Nu fischt das Rabenvieh noch nach Komplimenten!“ schrie der Alte, dessen Gemütlichkeit sich gern in Schimpfworten austobte. „Sie wissen doch sehr gut, Fritzchen, daß ich ohne Sie nicht mehr leben könnte. Die ganze Reise hab’ ich doch nur Ihretwegen unternommen. Damit Sie dann wieder ein paar Jahre mit mir Geduld haben.“

„Hören Sie, Kingscourt, Sie wissen, ich kann nicht grob sein — wenigstens nicht so grob, wie Sie. Aber das ist gelinde gesagt, eine ...“

„Eselei?“

„Etwas dergleichen!... Wann habe ich eine Ungeduld gezeigt? Ich war glücklich auf unserer Insel, vollkommen glücklich. Diese zwanzig Jahre sind mir vergangen, wie ein Traum. War es gestern, daß Sie hier Ihre Abschiedsrede an die Zeit hielten? Ich wäre auch nie mehr weg von unserer seligen Insel, ich nicht! Und nun wollen Sie mir weiß machen, daß Sie meinetwegen nach Europa fahren. Schämen Sie sich, alter Mann, daß Sie solche faule Ausreden gebrauchen. Sie sind neugierig, wie’s drüben aussieht, Sie wollen hin — nicht ich! Der beste Beweis, daß ich mir nichts mehr aus der bewohnten Welt mache, ist der, daß ich alle die Jahre hindurch keine Zeitung in die Hand genommen habe.“

„Kunststück, wir hatten keine auf unserer Insel. Das war meine oberste Gesundheitsmaßregel: keine Zeitung!“

„So? Vor einigen Jahren kam eine Sendung von Rarotonga. Da waren alle Gegenstände der Kiste in englische und französische Tagesblätter eingewickelt. Einen Augenblick war ich in Versuchung, sie zu lesen. Wenn sie auch Monate oder Jahre alt waren, für mich enthielten sie jedenfalls neues. Wir schrieben damals 1917, und ich hatte seit fünfzehn Jahren nichts mehr von der Welt gehört. Aber ich raffte die Blätter alle zusammen und verbrannte sie ungelesen. Und jetzt sagen Sie noch, daß ich mich zurücksehne.“

Der Alte schmunzelte behaglich:

„Na, wenn Sie mir auf meine Lügen kommen, dann will ich’s gestehen. Ja, ich möchte wissen, was aus der niederträchtigen Welt geworden ist. Ob die Menschen noch immer so schlecht und dumm sind, wie dazumal.“

„Mein guter Kingscourt, ich wette, wir werden froh sein, wenn wir nach unserer stillen Insel zurückkehren können.“

„Bei der Wette finden Sie keine Kontrepartie. Ich wette dasselbe.“

Die Jacht durchlief die Wasserstraße von Suez. In Port Said stiegen sie wieder ans Land. Im Hafen war ein lebhafter Güterverkehr, aber zwischen den verfallenden Bazaren der Stadt war der bunte, vielsprachige Spaziergang nicht mehr zu sehen, der einst die Originalität des Ortes war. Hier kreuzten sich ehemals die Wege der Menschen, die vom Westen nach dem Osten und von Osten nach Westen zogen. Man war hier ehemals den elegantesten Globetrottern begegnet, und jetzt lungerten vor den schmutzigen Kaffeehäusern außer den Eingeborenen nur einige halbbetrunkene Matrosen.

Kingscourt und Friedrich waren in einen Laden eingetreten, um Zigarren zu kaufen. Sie verlangten bessere Sorten. Da sagte der griechische Händler klagend:

„Führen wir nicht. Kommen ja keine Käufer mehr. Kommt niemand mehr, der feine Zigarren will. Nur Matrosen um Kautabak, schlechte Zigaretten.“

„Wie ist das möglich?“ fragte Kingscourt. „Wo sind denn die Reisenden, die nach Indien, Australien, China gehen?“

„Oh die sind schon lange fort. Die fahren jetzt auf dem anderen Weg.“

„Auf einem anderen Weg?“ rief Friedrich. „Was giebt es denn für einen anderen? Doch nicht um das Kap der guten Hoffnung?“

Der Händler sagte ärgerlich:

„Der Herr will über mich lachen. Das weiß doch jedes Kind, daß man nach Asien nicht mehr durch den Suezkanal fährt.“

Die Rückkehrenden sahen einander betroffen an. Dann brummte Kingscourt:

„Natürlich weiß das jedes Kind. Sie werden uns doch nicht für so unwissend halten, daß wir nichts von dem verdammten neuen Kanal gehört haben.“

Da schlug der Grieche wütend auf den Ladentisch:

„Machen Sie, daß Sie hinauskommen! Zuerst foppen Sie mich mit teuren Zigarren, dann machen Sie solche dumme Witze. Hinaus!“

Kingscourt wollte über den Tisch langen und dem Griechen eins über den Schädel geben, aber Friedrich zog den alten Hitzkopf fort:

„Es scheint, in unserer Abwesenheit ist etwas Großes vorgegangen, was wir nicht wissen, Kingscourt.“

„Hol’ mich der Deibel, das glaub’ ich auch. Das müssen wir also zuerst ’rauskriegen.“

Im Hafen erfuhren sie es vom Kapitän eines deutschen Kauffahrers. Der Verkehr zwischen Europa und Asien hatte einen neuen Weg genommen: über Palästina.

„Da, giebt es denn dort Häfen, Eisenbahnen?“ fragte Friedrich.

Der Kapitän lachte herzlich:

„Ob es in Palästina Häfen und Bahnen giebt? Herr, von wo kommen Sie denn? Haben Sie denn nie eine Zeitung oder einen Fahrplan gesehen?“

„Nie, will ich nicht sagen. Aber einige Jahre ist es doch schon her ... Palästina kennen wir übrigens als ein wüstes Land.“

„Ein wüstes Land! ... Gut, wenn Sie das ein wüstes Land nennen wollen, ich bin es zufrieden. Nur sind Sie dann sehr verwöhnt.“

„Hören Sie, Kapitän,“ rief Kingscourt, „wir wollen Ihnen reinen Wein einschenken. Wir sind ein paar verdammt unwissende Bengels. Wir haben uns zwanzig Jahre um nichts als um unser Vergnügen gekümmert. Also was ist das mit dem ollen Palästina?“

„Wenn ich Ihnen das erzählen wollte, brauchte ich mehr Zeit als Sie, um von hier hinzufahren. Kommt es Ihnen auf ein paar Tage nicht an, so machen Sie doch den kleinen Umweg. Sie finden übrigens in Haifa und Jaffa die schnellsten Schiffe nach allen europäischen und amerikanischen Häfen, falls Sie Ihre Jacht verlassen wollen.“

„Nee, unsere Jacht verlassen wir nicht. Aber den Umweg können wir ja machen, Fritze? Was meinen Sie? Woll’n wir nochmals das Land Ihrer p. t. Vorfahren besichtigen?“

„Mich zieht es dahin ebensowenig, wie nach Europa. Ganz egal!“

Und sie steuerten nach Haifa.

Es war eines Frühlingsmorgens nach einer der in diesen Meeren so weichen Nächte, als die Küste Palästinas in Sicht kam. Die beiden standen auf der Kommandobrücke und lugten seit zehn Minuten unverwandt durch ihre Ferngläser, nach derselben Himmelsgegend aus.

„Man möchte schwören, daß dort die Bucht von Akka ist,“ sagte Friedrich.

„Man könnte auch das Gegenteil schwören,“ meinte Kingscourt. „Ich habe noch das Bild dieser Bucht in der Erinnerung. Vor zwanzig Jahren war sie leer und öde. Aber da rechts, das ist doch der Karmel, und da drüben links ist Akka.“

„Wie verändert!“ rief Friedrich. „Da ist ein Wunder geschehen.“

Sie kamen näher. Nun konnten sie schon durch ihre guten Gläser die Einzelheiten etwas besser sehen. Auf der Rhede zwischen Akka und dem Fuße des Karmel ankerten riesige Schiffe, wie man deren schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu bauen pflegte. Hinter dieser Flotte sah man die anmutige Linie der Bucht. An der Nordspitze Akka in alter orientalischer Bauschönheit, graue Festungsmauern, dicke Kuppeln und schlanke Minarets, die sich vom Morgenhimmel reizend abhoben. An diesen Umrissen war nicht viel anders geworden. Aber südwärts unterhalb der ruhmreich schwergeprüften Stadt, am Bogen des Uferbandes, war eine Pracht entstanden. Tausende weißer Villen tauchten, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akka bis an den Karmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekrönt mit schimmernden Bauten.

Da sie vom Süden kamen, verdeckte ihnen der Bergvorsprung zuerst den Anblick des Hafens und der Stadt Haifa. Nun aber lag auch diese vor ihnen, und da waren die Deibel Kingscourts überhaupt nicht mehr zu zählen.

Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Großartige Steindämme ruhten im Wasser und ließen den weiten Hafen dem Blicke der Fremden sogleich als das erscheinen, was er wirklich war: der bequemste und sicherste Hafen des mittelländischen Meeres. Schiffe aller Größen, aller Arten, aller Nationen hielten sich in dieser Geborgenheit auf.

Kingscourt und Friedrich waren wie betäubt. Auf ihrer zwanzig Jahre alten Seekarte fand sich nichts von dieser Hafenstadt, und nun war sie wie hergezaubert. Die Welt war also während ihrer Abwesenheit nicht stillgestanden.

Die Jacht ging vor Anker. Dann fuhren sie im Landungsboote durch das verblüffende Gewühl der Schiffe hindurch nach dem Qai. Sie tauschten in kurzen abgerissenen Sätzen ihre Eindrücke aus.

An den steinernen Stufen des Uferdammes legte ihr Boot an. Sie stiegen aus. Einige Schritte von ihnen entfernt wollte eben ein Herr die Stufen hinabgehen, zu der elektrischen Barke, die offenbar seiner harrte. Als dieser die beiden erblickte, blieb er betroffen stehen. Er starrte Friedrich mit weitaufgerissenen Augen an.

Der Alte bemerkte es und brummte:

„Was hat denn der Kerl? Sollte er noch nie zwei zivilisierte Menschen gesehen haben?“

Friedrich lächelte:

„Das ist nicht anzunehmen. Die Leute da auf dem Quai schauen zivilisierter aus als wir. Es könnte eher sein, daß wir ihm veraltet vorkommen. Sehen Sie doch da hinauf! Dieses weltstädtische Treiben auf der Straße. Die vielen gutgekleideten Menschen. Ich glaube, unsere Anzüge sind ein bißchen aus der Mode.“

Sie hatten dem Bootsmanne aufgetragen, sie an derselben Stelle zu erwarten und schritten über andere Steintreppen der erhöhten Straße zu, von deren Treiben sie am Wasserrande schon etwas gesehen hatten. Um den Unbekannten, der sie so auffallend anstarrte, kümmerten sie sich nicht weiter. Doch er folgte ihnen. Er bemühte sich, die Sprache zu erlauschen, in der sie redeten. Jetzt war er dicht hinter ihnen, jetzt streifte er vorbei und blieb mit einem Ruck vor ihnen stehen.

„Herr!“ brauste Kingscourt auf, „was wollen Sie eigentlich von uns?“

Der Fremde gab ihm keine Antwort, sondern wandte sich an Friedrich, mit einer männlich warmen, aber vor Erregung zitternden Stimme:

„Sind Sie der Doktor Friedrich Löwenberg?“

Aufs Tiefste überrascht, an so fremdem Ort plötzlich seinen Namen zu hören, entgegnete dieser:

„So heiße ich.“

Da riß ihn der Unbekannte stürmisch an seine Brust und küßte ihn auf beide Wangen. Dann ließ er ihn los und wischte sich die Thränen aus den Augen.

Es war ein junger, kräftiger, hochgewachsener Mann von dreißig Jahren mit sonnegebräuntem Gesichte, das ein kurzer, schwarzer Bart umrahmte.

„Und wer sind Sie?“ fragte Friedrich, nachdem er sich von der stürmischen Begrüßung erholt hatte.

„Ich! Sie werden sich wohl meiner nicht mehr erinnern. Ich heiße David Littwak.“

„Der kleine Junge vom Café Birkenreis?“

„Ja, Herr Doktor! ... Derselbe, den Sie vom Hungertode gerettet haben, samt seinen Eltern und seiner Schwester.“

„Ach, sprechen wir nicht davon!“ wehrte Friedrich ab.

„Im Gegenteil! Wir werden noch viel davon sprechen. Was ich bin und habe, verdanke ich Ihnen. Zunächst sind Sie mein Gast — und wenn dieser Herr Ihr Freund ist, so ist auch er bei mir zu Hause.“

„Das ist mein bester, einziger Freund in der Welt, Mr. Kingscourt.“

2. KAPITEL.

Noch ehe sie recht wußten, wie ihnen geschah, hatten Friedrich und Kingscourt sich von David Littwak die Dammtreppe hinaufführen lassen.

Erst als sie oben, auf dem Straßenniveau angelangt waren, begann ihnen der volle Eindruck dieser wundervollen Stadt und ihres Verkehres aufzugehen.