Part 7
„Das klingt verführerisch,“ warf da Friedrich ein. „Nur scheint mir, daß solche genossenschaftliche Zeitungen den Launen der Menge sklavisch unterworfen sein müssen. Die Redaktion, in ihrer ganzen Existenz von den Lesern abhängig, wird augendienern, dem Publikum schmeicheln, den Leidenschaften der Abonnenten zu fröhnen suchen.“
„Wenn dem so wäre,“ entgegnete David, „wäre das vielleicht etwas neues? Hat es nicht auch früher solche Erscheinungen gegeben? Es gab Redakteure, die ängstlich nach den Stimmungen des Publikums aushorchten und auslugten, die das Eine verschwiegen und das Andere übertrieben, je nachdem sie glaubten, es ihren Lesern recht zu machen. Und dabei waren sie erst noch im ungewissen, ob sie es auch trafen. Anders jetzt. In den jährlichen Versammlungen wird Rechenschaft gegeben, aber auch vom organisierten Publikum der Zeitung für die Zukunft eine Richtschnur erteilt.“
„Gräßlich!“ rief Kingscourt. „Versammlungen von hunderttausend Abonnenten!“
„Wo denken Sie hin? Die Abonnenten wählen hundert oder zweihundert Vertrauensmänner, die das besorgen. Der Vorgang ist einfach. In der Zeitung selbst kandidieren Leute für dieses kurze Amt. Der Abonnementsschein hat einen Koupon, der als Wahlzettel dient. Fünfhundert oder tausend übergeben ihre Wahlzettel einem Vertrauensmann für die Generalversammlung. Ein solcher pflegt in der Zeitung selbst zu inserieren: Ich gedenke in der Generalversammlung diesen und diesen Standpunkt einzunehmen. Wer mit mir einverstanden ist, möge mir seinen Zettel einschicken.“
„Schön,“ sagte Friedrich; „dem Publikum wird reichlich Rechnung getragen. Aber darin sehe ich noch keinen Vorteil für das Volk. Die neuen Gedanken und Bewegungen werden selten gleich verstanden. Sie könnten es ebensogut Kindern anheimstellen, ob sie etwas lernen wollen, wie dem Publikum, ob es seine Anschauungen verbessern, erneuern oder vertiefen will. Ihre öffentliche Meinungsgenossenschaft muß notwendig zur Volksverdummung in den extremsten Formen, nämlich zu Reaktion und Revolution führen. Die Leute werden entweder taub gegen den Wert des Neuen oder blind gegen den Wert des Alten sein. Der Nutzen einer geistigen Führung, die nur vom begabten Individuum kommen kann, geht Ihnen verloren.“
„Sie haben mich nicht ausreden lassen, Herr Doktor. Ich sagte nicht, daß die genossenschaftliche Zeitung die einzige Form sei. Diese ist nur an Stelle derjenigen Publizitätsunternehmungen getreten, welche durch den Umfang der Anlage, die Kosten der technischen Herstellung und den teuren Nachrichtendienst einen großindustriellen Charakter hatten. Wir haben aber auch Zeitungen, die von einzelnen gemacht und geführt sind. Ich selbst besitze eine solche. Ich brauche sie in dem Kampfe, den ich gegenwärtig in unserer Neuen Gesellschaft auszufechten habe. Mein Hauptgegner, der Rabbiner Dr. Geyer hat auch sein eigenes Blatt. Ich werde meine Zeitung nicht länger herausgeben, als der Streit dauert. Geyer wird es wahrscheinlich anders halten, denn er lebt von diesem Hader. Und so giebt es noch vielerlei im Eigentum einzelner befindliche und als solche kenntliche Zeitungen, die verschiedenen Zwecken dienen. Kommt eine neue Richtung, tritt ein schöpferischer Geist auf, so können sie sich in der öffentlichen Meinung bethätigen. Gewiß werden sie auch recht bitter zu kämpfen haben, gleichwie in der vorigen Zeit. Sie werden den Ernst ihrer Ueberzeugungen, ihren Mut, ihre Ausdauer erhärten müssen, und das ist nicht schlecht. Glauben Sie mir, wir sind durch unseren Mutualismus nicht ärmer geworden an kräftigen Individualitäten, sondern reicher. Der Einzelne wird bei uns weder zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt, noch von sozialistischer Gleichmacherei geköpft. Wir kennen und schätzen die Entwickelung des Individuums, so wie wir seine wirtschaftliche Basis, das Privateigentum, respektieren und schützen.“
„Na, Gott sei Dank!“ sagte Kingscourt, „ich dachte schon, Ihr hättet den Unterschied von Mein und Dein aufgehoben.“
„Dann wäre wohl das alles, was Sie schon gesehen haben und noch sehen werden, nicht entstanden,“ erklärte David. „Nein, so verrückt waren wir nicht. Den Ansporn zur Arbeit, Bemühung, Entdeckung und Erfindung haben wir nicht aus der Welt geschafft. Die größere Begabung muß ihre größere Talentrente, die größere Anstrengung ihren größeren Lohn haben. Den Reichtum brauchen wir, als Lockung für die Strebsamen und als Nahrung für die seltene Kunst. Ich selbst gehöre zu den besser Bemittelten. Ich bin Schiffsrheder. Meine Unternehmung ist von der Art derjenigen, die nach wie vor nur von einzelnen oder von Aktiengesellschaften mit Erfolg betrieben werden können. Das ist ja ein Hauptvorzug des Mutualismus, daß er das Fortbestehen und Neubegründen anderer wirtschaftlicher Formen nicht ausschließt. In meinem Hause werden Sie zum Beispiel eine interessante Mischform finden. Ich bin der Eigentümer der Firma. Meine Arbeiter bilden untereinander eine Genossenschaft, die mir gegenüber immer selbständiger wird, und zwar mit meinem Willen, meiner Unterstützung. In den Anfängen meiner Unternehmung und ihrer Genossenschaft hatten sie nur einen Konsumverein, der sich zur Sparkasse erweiterte. Sie müssen bedenken, daß unsere Arbeiter als Mitglieder der Neuen Gesellschaft ohnehin für Unfälle, Krankheit, Alter und Tod versichert sind. Ihre Sparkraft wird somit nicht zersplittert. Ich habe freiwillig ihre Spargenossenschaft durch Zuweisung eines Gewinnanteiles gestärkt. Ich that es nicht aus Edelmut, sondern aus Egoismus, weil ich mir dadurch außer ihrer Arbeitshingebung auch noch den günstigen Verkauf meines Unternehmens sicherte für den Zeitpunkt, in dem ich mich vom Geschäfte zurückziehen werde. Dann verwandle ich meine Rhederei in eine Aktiengesellschaft und habe für diesen Fall der Spargenossenschaft meiner Arbeiter das Vorkaufsrecht auf Grundlage einer mäßigen Verzinsung schon im Vorhinein eingeräumt. Darum sind meine Arbeiter auch meine besten Freunde. Es giebt zwischen uns weder Lohnstreitigkeiten, noch andere. Es ist, wenn Sie wollen, das patriarchalische Verhältnis, aber in den modernsten Verkehrsformen ausgedrückt. Wenn ein Aufwiegler zu meinen Arbeitern käme, brauchte ich ihn nicht gewaltsam entfernen zu lassen — sie würden ihn einfach hinauslachen. Sie wissen, woran sie sind, und damit hat aller unklare Sozialismus ein Ende.“
Kingscourt brummte gemütlich:
„Sie sind noch ein junger Mensch und halten schon so verdammt weit.“
„Ich habe eben früh angefangen. Wir waren unter den ersten Einwanderern. Persönliches Verdienst war es nicht, oder nur zum geringeren Teile. Der allgemeine Aufschwung hat mich mit hinaufgetragen. Aber das will ich Ihnen erst in Tiberias erzählen.“
„Warum in Tiberias?“ fragte Friedrich.
„Sie werden dort den Grund erfahren, da Sie wahrscheinlich keine Ahnung haben, welches Fest wir begehen ... Jetzt aber wählen Sie endlich Ihre Abendunterhaltung, meine Herren. Wollen Sie lieber das Programm aus der gesprochenen Zeitung hören?“ Er nahm zwei Hörmuscheln von der Wand, an der sie hingen, und reichte sie seinen Gästen.
Kingscourt lachte:
„Euer Hochwohlgeboren, damit imponieren Sie mir nicht. Den Zauber kenn’ ich. Eine solche Telephonzeitung war schon vor fünfundzwanzig Jahren in Budapest im Betrieb.“
„Ich wollte Ihnen durchaus nichts neues zeigen. Uebrigens ist auch diese gesprochene Zeitung eine genossenschaftliche.“
„Die wird aber kein Erträgnis abwerfen, da es keine Inserate giebt?“
„Im Gegenteil. Diese Ankündigungen werden am höchsten bezahlt. Den Inseratenteil der gedruckten Zeitungen muß der Leser nicht anschauen, er kann darüber hinwegblättern. Hingegen ist er gegen die Reklame wehrlos, die aus diesen Muscheln kommt. Horchen Sie, vielleicht wird gerade eine verlesen.“
Sie nahmen die Hörmuschel ans Ohr. Zuerst vernahmen sie die Anzeige eines Dockbrandes in Yokohama, dann den kurzen Bericht über eine Pariser Theaterpremière, die neuesten Baumwollkurse von New-York — und jetzt erscholl es deutlich, noch schärfer betont, als das Frühere:
„Bei Samuel Kohn bekommt man die edelsten Edelsteine, sowohl echte wie falsche, zu den garantiert brillantesten Preisen. Bei Sa—mu—el Kohn, Große Galerie 47.“
Sie lachten herzlich.
David sagte noch:
„Das wird oft auf eine witzige Weise gemacht, daß der Hörer nicht merkt, es werde auf eine Reklame hinauslaufen. Das Erträgnis dieser Zeitung ist kolossal. Die Abonnenten zahlten ursprünglich einen Schekel monatlich und bekamen mehr zurück. Diese Zeitung hat ja weder Druck- noch Papier- noch Zusendungskosten. Aber die Stadt Haifa und die Neue Gesellschaft machten sich das Unternehmen tributär. Es steht übrigens auch unter besonderer Aufsicht. In der Zentrale wachen Beamte der Neuen Gesellschaft darüber, daß kein Unfug begangen, keine Lügen, Alarmnachrichten oder Unanständigkeiten in den Apparat hineingesprochen werden.“
Friedrich war ein Wort aufgefallen:
„Tributär?“ „Wie kann sich die Stadt oder Ihre Neue Gesellschaft, deren Verfassung Sie uns noch schuldig sind, ein Privatunternehmen einfach tributär machen, wenn es ergiebig wird?“
„Das ist ein ganz besonderer Fall. Die Telephonzeitung muß ihre Kabel doch irgendwohin legen. Nun haben wir unter unseren Straßen Hohlräume zur Aufnahme aller möglichen schon vorhandenen und noch kommenden Drahtleitungen und Röhren für Gas, Wasser und Kanalisation. Unter dem Fahrdamm läuft dieser Tunnel mit Mündungen an jedem Hause. Jedes Haus hat einen unterirdischen Eingang für solche Röhren und Drähte. Man muß nicht erst das Pflaster aufreißen, wenn man etwas neues einführen will. Sie können darin meinetwegen auch einen symbolischen Zug unserer Einrichtungen erblicken. Die großen Städte, die Sie kannten, waren zufällig und planlos entstanden. Leuchtgas, Wasserversorgung, Kanäle, elektrische Leitungen verursachten immer wieder ein Aufreißen der kranken Eingeweide jener Straßen. Dabei wußte man nie genau, in welchem Zustande sich die einzelnen Leitungen befanden, erfuhr es gewöhnlich erst nach einem Schaden, einer Explosion. Wir aber kannten schon die Bedürfnisse moderner Städte, als wir die unsrigen anlegten und bauten deshalb die Straßen vernünftig mit diesem Hohlraum in der Mitte. Das war ziemlich kostspielig, rentiert sich aber großartig. Wenn Sie das Budget von Haifa mit dem von Paris oder Wien vergleichen, werden Sie sehen, was wir durch die unterirdischen Hohlräume ersparen. Da drin liegen unter andern auch die Drähte der Telephonzeitung, und es muß dafür eine mit dem Erträgnis gewachsene Miete gezahlt werden. Das kommt ja wieder nur der Allgemeinheit zu statten.“
Kingscourt bekannte:
„Das ist das erste, was mir bei Euch imponiert: daß Ihr die edelsten Edelsteine des Samuel Kohn zur Straßenpflasterung verwendet. Ihr seid doch ein verflucht pfiffiges Volk! Darauf wäre ich nie gekommen.“
„Ihre Komplimente schmecken bitter, Mr. Kingscourt!“ sagte David freundlich. „Aber vielleicht wird sich Ihr Urteil noch ändern, wenn Sie erst einige Zeit bei uns sind.“
„Schön! Mich sehen Sie prinzipiell bereit einzugestehen, daß ich ’n oller Esel bin — aber ich verlange Beweise dafür! ... — Und nun führen Sie uns in Deibelsnamen ins Theater.“
„In welches Sie wollen, lieber Littwak,“ ergänzte Friedrich.
„Da Sie keine Wahl treffen wollen, meine Herren, so denke ich, wird’s am besten sein, wir überlassen die Bestimmung den Damen.“
Damit waren die Gäste einverstanden.
5. KAPITEL.
Die Damen waren schon in Abendtoilette. Frau Sarah sagte:
„Die Herren werden wohl hier im Theater nicht etwas sehen wollen, was sie ebensogut in London, Berlin oder Paris genießen können. Obwohl wir gerade jetzt eine vorzügliche französische und die beste italienische Schauspielergesellschaft in Haifa haben. Ich meine, die jüdischen Schauspiele werden Sie mehr interessieren.“
„Es giebt jüdische Schauspiele?“ staunte Friedrich.
Kingscourt scherzte:
„Haben Sie denn nicht immer jehört und jelesen, daß das Theater janz und jar verjudet ist?“
Frau Sarah warf einen Blick in die Zeitung:
„Man spielt heute im Nationaltheater ein biblisches Drama: Moses!“
„Das ist eine sehr erhabene Dichtung,“ erklärte David.
„Aber doch zu ernst. In der Oper giebt man Sabbatai Z’wi. In einigen Volkstheatern werden Possen im Jargon aufgeführt. Die sind lustig, aber nicht sehr geschmackvoll. Ich würde die Oper empfehlen.“
Dafür war auch Mirjam. Es sei das schönste jüdische Tonwerk der letzten Jahre, die doch so reich waren an musikalischen Hervorbringungen. Aber man müsse sich beeilen, weil die Fahrt nach dem Opernhause eine halbe Stunde dauere.
„Werden wir noch Plätze kriegen?“ fragte Kingscourt.
David antwortete:
„An der Kasse wäre wohl um diese Stunde nichts mehr zu haben, weil die meisten Genossenschafter heute ihr Bezugsrecht ausgeübt haben dürften. Aber ich habe von der Gründung des Hauses her meine Loge.“
„Auch die Oper eine Genossenschaft?“ rief Löwenberg.
„Abonnement, Fritze! Sie nennen das hier Genossenschaft. Wird ähnlich sein wie bei der Zeitung.“
„Ganz ähnlich,“ lachte David. „Lassen Sie sich nicht verblüffen, Mr. Kingscourt. Es giebt nichts neues bei uns, es sieht nur so aus.“ Er hatte ein paar weiße Handschuhe hervorgeholt und begann sich sie über die Finger zu ziehen.
Handschuhe! Und gar weiße. Weder Kingscourt noch Friedrich hatten welche. Auf ihrer Insel im stillen Ozean waren sie zwanzig Jahre lang solcher Flausen enthoben gewesen. Aber da man doch nun wieder in die verzweifelte Lage geraten war, mit Damen ins Theater gehen zu müssen, wollte man sich wie ein zivilisierter Mensch benehmen. Kingscourt fragte, ob man auf dem Wege nach der Oper beim Laden eines Handschuhmachers vorbeikäme. Nein. Es gebe überhaupt keine derartigen Läden. Da wäre der alte Herr beinahe böse geworden:
„Uzen Sie mich? Sie haben doch selbst schon die Lederhülsen auf den Däumen. Oder machen Sie sich die selbst? Sie sind wohl auch in der Genossenschaft der Handschuhmacher?“
Es war ein Mißverständnis, das unter allgemeiner Heiterkeit aufgeklärt wurde. Es gab nämlich keine besonderen Geschäfte für Handschuhe, weil man diese wie alle anderen Bekleidungsgegenstände in den großen Kaufhäusern feil hielt.
Vor der Freitreppe von Friedrichsheim standen zwei Motorwagen bereit, als die Gesellschaft aufbrach, um nach dem Opernhause zu fahren. Im ersten nahmen Frau Sarah, Mirjam und Friedrich Platz, im zweiten Kingscourt und David. Es war ein Abend des Südens, an die weichen Nächte der Riviera gemahnend. Unter ihnen lag das Lichtmeer von Haifa. Im Hafen und auf der Rhede bis nach Akka hin gab es Schwärme von Glühkörperchen im spiegelnden Wasser, das waren die Lampen der vielen Schiffe.
Als sie am Hause Reschid Bey’s vorbeikamen, hörten sie den Gesang einer wundervollen Frauenstimme heraus.
Mirjam sagte:
„Die da singt, ist die Gattin Reschid Bey’s. Sie ist unsere Freundin, ein sehr artiges, gebildetes Geschöpf. Wir kommen oft mit ihr zusammen, aber nur in ihrem Hause. Die mohammedanischen Gebräuche, an denen Reschid festhält, machen es ihr schwer, zu uns zu kommen.“
„Aber Sie dürfen nicht glauben, daß Fatma sich darum nicht wohl fühlte,“ fügte Sarah hinzu.
„Es ist eine vollkommen glückliche Ehe. Sie haben reizende Kinder. Nur tritt die Frau nicht aus ihrer friedlichen Abgeschlossenheit heraus. Das ist gewiß auch eine Form der Glückseligkeit. Ich begreife sie ganz gut, obwohl ich ein vollberechtigtes Mitglied der Neuen Gesellschaft bin. Wenn es der Wunsch meines Mannes wäre, würde ich ohne weiters das Leben Fatmas führen.“
„Das kann ich bestätigen,“ ergänzte Mirjam, indem sie ihre Hand liebkosend auf die Hand der neben ihr sitzenden Schwägerin legte.
Friedrich sprach nachdenklich:
„Ich verstehe. Hier in Ihrer Neuen Gesellschaft kann jeder nach seiner Façon leben und selig werden.“
Sarah erwiderte:
„So ist es, Herr Doktor! Jeder und jede.“
Nun waren sie wieder in den hellerleuchteten Straßen der Stadt. Vor einem riesigen Gebäude, aus dessen weiten Fensteröffnungen Lichtfluten herausdrangen, hielten die beiden Wagen. Das war doch nicht etwa die Oper? Nein! Ein Warenhaus nach Pariser Art war es.
„Das ist ja der Bon-Marché!“ rief Kingscourt.
David lächelte:
„Etwas ähnliches. Wir haben nur solche Kaufhäuser. Es giebt gar keine kleinen Läden.“
„Was? Die habt Ihr alle umgebracht? Die armen kleinen Schufte von Händlern habt Ihr mausetot gemacht?“
„Nicht doch, Mr. Kingscourt! Wir haben sie nicht zu töten gebraucht, weil wir sie gar nicht entstehen ließen.“
Friedrich, der mit den Damen ein wenig nach den ausliegenden Modeschätzen geblickt hatte, mischte sich nun in das Gespräch:
„Wie? Sie haben den Kleinhandel verboten! Ist das Ihre Freiheit?“
„Bei uns ist jeder frei und kann thun oder lassen, was er will,“ entgegnete David. „Bestraft werden nur dieselben Verbrechen und Vergehen, die man in den Kulturländern Europas zu ahnden pflegte. Verboten ist bei uns nichts, was nicht auch dort verboten war. Und wir halten ja den Kleinhandel nicht für eine Schlechtigkeit, sondern für etwas Unwirtschaftliches. Das war eines der Probleme, die unsere Gesellschaft lösen mußte. Es war höchst wichtig, besonders in den Anfängen, weil ja große Massen unserer Leute vom Kleinhandel herkamen. Mein guter Vater selbst — Sie erinnern sich wohl noch, Herr Doktor — verdiente sich unser bißchen hartes Brot als Hausierer, und das ist die ärmste, unglücklichste Art des Kleinhandels. Er ging mit seinem Kästchen von Schenke zu Schenke.“
„Hören Sie ’mal, Herr Littwak,“ brummte Kingscourt; „Sie scheinen sich dessen nicht zu schämen?“
„Ich? Ich bin weit davon entfernt, mich dessen zu schämen. Für mich hat er sich geplagt und schinden lassen. Da wäre ich doch der letzte Mensch.“
„Lassen Sie sich die Hand drücken! Das gefällt mir.“ Und er schüttelte die Rechte des jungen Mannes ganz energisch.
Während sie nach der Abteilung der Handschuhe weitergingen, forschte Friedrich noch:
„Wie sind Sie nun der Frage des Kleinhandels beigekommen, wenn nicht durch ein Gesetz oder Verbot?“
„Ganz einfach! Durch das, was Sie hier sehen: durch das große Warenhaus. Diese Riesenbazare und Versandtgeschäfte mit Zweigniederlassungen an vielen Orten mußten im Zeitalter der Dampfmaschinen und Eisenbahnen entstehen. Es war keinem Zufall, keinem Genieblitz eines geistreichen Kaufmannes zu verdanken. Es lag eiserne Notwendigkeit in dieser Entwicklung. Die Art der Massenproduktion erzwang sich diese Art des Absatzes. Natürlich gingen dabei die kleinen Geschäftsleute dumpf und fassungslos zu Grunde, wie die Fuhrmänner auf der Landstraße, wenn die Eisenbahn erschien. Nur pflegten die Kutscher ihr Los schneller zu erraten, als die Ladenmenschen mit ihrer kurzsichtigen Pfiffigkeit. — Diese waren übrigens auch viel hilfloser, weil ihr Geschäftchen hauptsächlich aus ihrem Kapitälchen bestand, und das war in der Regel schon verloren, wenn ihnen die erste Ahnung der Gefahr aufstieg. Sie waren an ihrem Ruin unschuldig, die guten Krämerseelen. Sie waren von der neuen Zeit ohne Kriegserklärung überfallen worden. Bei uns aber — das ist einer der Schlüssel unseres Erfolges — kam es gar nicht zur Einrichtung der überlebten Wirtschaftsformen. Wir fingen gleich mit der Neuzeit an. Niemand war so dumm, sich einen kleinen Laden neben einem großen Kaufhause zu errichten. Niemand ging mehr mit dem Pack auf dem Rücken von Haus zu Haus oder von Ort zu Ort, wenn er wußte, daß ihm die Versandtgeschäfte mit Preislisten, Mustersendungen und Zeitungsannoncen längst zuvorgekommen waren. Kleinhandel und Hausierhandel versprachen keinen Gewinn mehr — darum wandten sich unsere Leute diesen Erwerbszweigen gar nicht erst zu, als sie in die neuen Verhältnisse kamen. Im alten Europa, das so vielerlei erworbene Rechte ungleichen Datums zu schützen hatte, war das eine böse Frage. Der untere Teil des kaufmännischen Mittelstandes geriet durch die großen Magazine in Todesgefahr. Sollte man die großen Kaufhäuser von amtswegen sperren — bei welchem Umfange begann das Warenhaus „groß“ zu sein? Sollte man sie durch Steuern erschöpfen? Davon hatte der Fiskus eine Kleinigkeit und die Händler nicht viel. Aber das Publikum wollte, brauchte diese Häuser, wo man ohne Zeitverlust alle möglichen Gegenstände zu Preisen des Massenumsatzes findet. Der Fabrikant kann den großen Häusern billiger liefern als den kleinen. Kurz: Produktion und Konsumtion forderten das moderne Warenhaus. Bei uns wurde dadurch niemand ruiniert, weil das Verkehrsleben erst begann. Dagegen war damit für uns ein sozialpolitischer Zweck verknüpft: wir konnten so die Seele und den Leib unserer kleinen Leute von gewissen alten, unwirtschaftlichen und schädlichen Formen des Handels heilen.“
Die Damen gaben leichte Zeichen der Ungeduld, als David so ausführlich erklärte. Man würde zu spät in die Oper kommen. Aber Kingscourt wollte doch noch etwas wissen, während er seine großen, roten Hände der Verkäuferin hinhielt, die sie ihm in die weißen Handschuhe pressen mußte:
„Da stimmt mir etwas nicht, Euer Hochwohlgeboren! Heute, seh’ ich, habt Ihr ’nen großen Verkehr. Aber so war’s doch nicht gleich? Man hat doch nicht diese Warenpaläste auf die nackte Erde hingestellt, und dann sind plötzlich die Kunden ’reingeströmt. Das können Sie Ihrem Fritzchen erzählen, nicht so ’nem alten Wüstenpilger wie mir.“
„Nein, Mr. Kingscourt, so war es auch nicht. Die Dinge haben sich natürlich und selbstverständlich entwickelt. Als die Judenwanderung nach Palästina im großen Maßstabe begann, da war von einem Tag auf den anderen ein enormer Warenbedarf eingetreten. Wir produzierten noch gar nichts und brauchten alles. Dieser Zustand war in der ganzen Welt bekannt, weil sich die Judenwanderung in größter Oeffentlichkeit vollzog. In Folge dessen beeilten sich die Inhaber von Warenhäusern, an den wichtigsten Punkten Palästinas Zweigniederlassungen zu errichten. Nicht nur Juden benutzten diese Konjunktur, ihre Ladenhüter loszuwerden. Deutsche, englische, französische, amerikanische Kaufhäuser waren im Handumdrehen aufgebaut. Zuerst waren es nur eiserne Baracken. Als mit dem Strom der Einwanderung die Bedürfnisse sich mehrten und verfeinerten, als es nicht mehr galt, die armen Ankömmlinge der ersten Zeit zu versorgen, weil sie anfingen, seßhaft und bemittelt zu werden — da verwandelten sich die Baracken allmählich in steinerne Kaufhäuser. Die Neue Gesellschaft hütete sich davor, sie zu bedrängen oder zu unterdrücken. Im Gegenteile, sie wurden begünstigt, weil sie den doppelten Vorteil boten, die notwendigen Massenartikel rasch und billig ins Land zu schaffen, und unsere kleinen Leute vom unfruchtbaren Handel abzuhalten. Wir wollten kein Volk von Krämern sein.“
„Wirklich?“ fragte Friedrich. „Es gibt keine Händler außer den großen Warenhäusern?“
„O doch!“ war die Antwort. „Die Menschen sind ja bei uns nicht reglementiert. Es giebt weder eine monarchische noch eine sozialistische Tyrannei. Jeder treibt es, wie er’s will. Die kostbarsten und die mindestwertigen Sachen, zum Beispiel Schmucksachen und alter Trödel werden von einzelnen gehandelt. Aber das sind durchaus nicht lauter Juden. Griechen, Levantiner, Armenier, Perser stellen zu diesen Beschäftigungen ein ansehnlicheres Kontingent, als die Juden, insbesondere als die Juden, die Mitglieder unserer Neuen Gesellschaft sind.“
„Wie? Giebt es auch Juden, die nicht zu Ihrer Gesellschaft gehören?“
„Jawohl ... Aber nun wollen wir gehen.“ David wandte sich zur Verkäuferin: „Was kosten die Handschuhe der beiden Herren?“
„Sechs Schekel.“
Kingscourt blickte verwundert:
„Alle Deibel! Was ist das?“
David lächelte:
„Unsere Währung. Wir haben unsere althebräische Münze neu gewertet. Ein Schekel ist so viel, wie ein französischer Franc. Da Sie nicht vorgesehen sind, erlauben Sie wohl, daß ich für Sie bezahle.“
Er warf ein Goldstück auf den Kassentisch, erhielt einige Silberlinge zurück, und dann schritten die Damen und Herren dem Ausgange zu.
Kingscourt kniff David in den Arm und schnauzte ihn lustig an:
„Das Jeld habt Ihr also nicht abgeschafft in Eurer Gesellschaft? Hätte mich auch von Euch gewundert.“