Altneuland

Part 21

Chapter 213,558 wordsPublic domain

„So gut wie alle Ihre Witze, Mr. Kingscourt; auch nicht besser,“ sagte Friedrich. „Aber mir scheint, Altneuland ist in seinem Wesen nicht erschöpft, wenn wir nur feststellen, daß alle Einrichtungen bei unserer Abreise aus der Kulturwelt vor zwanzig Jahren schon da oder dort existiert haben. Jawohl, alles war schon vorhanden. Die Naturkräfte waren genügend erforscht — ich meine, genügend für den jetzigen Zustand. Die technischen Möglichkeiten waren gegeben. Kein Gebildeter vom Jahre 1900 hätte sich über irgend etwas wundern können, was wir hier gesehen haben. Ja, sogar das Maß von sozialer Fürsorge, das man hier verwirklicht hat, kann einen zivilisierten Menschen unserer damaligen Zeit nicht überraschen. Im Bewußtsein der besseren Durchschnittsmenschen war die Forderung schon damals durchgedrungen, daß man dem rohen Egoismus in der Gesellschaft Schranken setzen müsse. Diese Schranken sind hier freilich nicht drückend, da der Einzelne in der Genossenschaft wieder zurückbekommt, was ihm individuell genommen ist. Aber auch die Formen der genossenschaftlichen Produktion und Konsumtion waren schon da. Und doch ist aus all dem Alten etwas Neues geworden. Altneuland ist noch mehr, muß noch mehr sein, als eine Zusammenfassung aller sozialen und technischen Fortschritte.“

„Warum? Ich finde schon das janz hübsch,“ warf Kingscourt ein.

„Als Jurist, als Europäer vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts frage ich mich, wie diese Gesellschaft im Gleichgewicht erhalten wird. Ich sehe eine Ordnung in der Freiheit, und doch bemerke ich nirgends eine staatliche Autorität hervorlugen.“

„Ja, Fritze, da liegt der Hase im Pfeffer. Die Juristerei und Europäertum verdunkeln Euch jar vieles. Man kann mit sehr wenig staatlicher Autorität auskommen. Wenn Sie, wie ich, drüben in Amerika jelebt und jeliebt hätten, wüßten Sie das besser. Nee, das verblüfft mich nu jar nicht. Wissen Sie, was mich verblüfft, schon die janze Zeit? Das sind die Bäume! Die Bäume in diesem Park sind unter Brüdern ihre fünfzig bis vierzig Jahre alt. Wo haben die Kerls das rausjekriegt?“

Er hatte so laut gesprochen, daß ein vorübergehender Herr ihn hörte, lächelte und stehen blieb. Kingscourt redete ihn natürlich sofort an:

„Ich sehe, daß Sie über mich in jelinde Heiterkeit jeraten, jeschätzter Vorüberjehender. Wissen Sie vielleicht Antwort auf meine Frage?“

„Gewiß, mein Herr,“ sagte der Angerufene. „Ich diene im Gesundheitsamte und kenne die Verhältnisse einigermaßen. Daß man auch erwachsene Bäume verpflanzen kann, ist eine bekannte Sache. In Köln, zum Beispiel, wo ich früher lebte, gab es einen Volksgarten, in dem man vierzigjährige Bäume einsetzte. Das ist freilich recht kostspielig, aber für die öffentliche Gesundheit wird bei uns viel aufgewendet. In den Parks, die für das Volk da sind, ist nichts zu teuer. Es rentiert sich in den kommenden Geschlechtern. Uebrigens haben wir nicht überall so alte und kostbare Bäume gesetzt. Wir haben namentlich von Australien jüngere Bäume, rasch wachsende Eukalyptusarten bezogen. Die Mittel wurden anfangs durch den nationalen Baumverein aufgebracht, der in allen Weltteilen Sammlungen einleitete, als das jüdische Volk noch zerstreut lebte. Die Spender haben schon damals für den Schatten gesorgt, in dem sie später sitzen wollten.“

„Danke,“ sagte Kingscourt; „das leuchtet mir ein. Und wenn Sie jetzt noch Ihre Wohlthat vollmachen wollen, dann erklären Sie, bitte, woher alle die Kinder sind, die man da auf den Wiesen sieht?“

Sie waren nämlich an Wiesengründen vorbeigekommen, auf denen Schwärme halbwüchsiger Knaben und Mädchen die Spiele Englands spielten: die Mägdlein Tennis, die Burschen Cricket und Fußball.

Der Beamte gab willig Auskunft:

„Das sind Schulkinder aus den Instituten, die um diesen Park herumliegen. Abwechselnd werden alle Klassen herausgeführt zu den athletischen Spielen, die wir in der Entwickelungszeit für ebenso wichtig halten, wie das Lernen.“

„Das scheinen aber nur die Kinder wohlhabender Leute zu sein?“ fragte Friedrich. „Alle sind gleich schmuck und reinlich gekleidet, wie ich sehe.“

„Nein, Herr!“ erwiderte der Beamte. „Das sind die Kinder aller Leute. Es giebt in der Schule keinen Unterschied, weder in der Kleidung, noch in irgend etwas anderem — mit Ausnahme der Begabung und des Fleißes. In unserer Neuen Gesellschaft sind wir durchaus nicht für die Gleichmacherei. Jedem nach seinen Werken. Den Wettbewerb haben wir nicht abgeschafft. Aber die Bedingungen sind für alle gleich, wie bei einem Preiskampf oder Wettlauf. Am Anfang müssen alle gleich sein, nicht am Ende. In der früheren Gesellschaft konnte es vorkommen, daß ein einziges gutes Geschäft eines Mannes seinen Kindern und Kindeskindern zu allen Wohlthaten der höheren Erziehung verhalf und sie für immer sorglos machte. Auf der anderen Seite mußten wieder die Nachkommen nicht etwa nur für die Sünden, nein, sogar für die schlechten Geschäfte des Vaters büßen. Eine verarmte Familie geriet ins Proletariat, und es war Heldenkraft nötig, um sich daraus noch einmal zu erheben ... Bei uns aber werden die Kinder für die Geschäfte der Väter nicht belohnt und nicht bestraft. Für jede neue Generation stellen wir wieder den Anfang der Dinge her. Darum sind sämtliche Schulen, von der Elementarschule bis zur Zions-Universität unentgeltlich, und die Schüler müssen bis zur Reifeprüfung in der Mittelschule die gleiche einfache Kleidung tragen. Wir glauben nämlich nicht, daß es moralisch gut ist, wenn Rang oder Reichtum der Eltern die Kinder in der Schule unterscheidet. Das verdirbt alle. Die Kinder der Vornehmeren werden hochmütig und faul, die Kinder der anderen werden früh verbittert ... Aber Sie verzeihen, wenn ich Sie verlasse. Mich ruft meine Pflicht.“

Und mit einem höflichen Gruße entfernte er sich.

Friedrich und Kingscourt sahen ergötzt noch eine Weile dem lustigen und geschickten Völkchen zu. Kingscourt, der noch aus früheren Tagen mit Cricket und Fußball wohlvertraut war, fühlte in sich die alte Passion für diese Spiele erwachen. Er feuerte die Kinder mit Zurufen an. Am liebsten hätte er mitgespielt. Endlich zog ihn Friedrich am Arm fort:

„Wir wollen auch sehen, wie es Fritzchen geht, Sie Rabenottoh! Und vielleicht sind Nachrichten vom Präsidenten Eichenstamm da?“

Sie kehrten in das Hotel zurück. Fritzchen war schon frisch und munter und begrüßte seinen Freund mit einem Gesange, den Kingscourt an dem i-a-i-a-i-i als sein eigenes Lied vom Rodensteiner zu erkennen glaubte. Der Alte und das Kind waren auch bald in ein sehr intimes, allen Uebrigen unverständliches Gespräch verwickelt.

Von Eichenstamm kamen aber keine guten Nachrichten. Steineck sandte an David Littwak eine kurze Meldung: „Hoffnungslos!“ Und als es Abend wurde, kam der Professor zurück. An seinem Gesichtsausdruck erkannten die Freunde, was geschehen war.

„Er ist groß gestorben,“ sagte Professor Steineck. „Ich war bei ihm bis zur letzten Minute. Er sprach über das Sterben. Er sagte, es sei schmerzlos, wenn man sich damit schon lange vorher beschäftigt habe. ‚Ich fühle,‘ sagte er, ‚wie sich mein Bewußtsein allmählich verdunkelt. Ich höre mich noch sprechen, aber immer schwächer. Ich werde vielleicht noch denken, unter Schleiern, wenn ich nicht mehr reden kann. Ich habe von mir selbst schon Abschied genommen — wie schade, daß ich nicht auch von all den anderen Abschied nehmen kann, die mir im Leben gut waren.‘ Dann schwieg er lange, sein Blick war in eine Ferne gerichtet. Wieder kehrten seine Augen dann zu mir zurück. ‚Ich hatte Freunde,‘ sagte er. ‚Viele Freunde. Wo sind sie? Freunde sind der Reichtum des Lebens. Ich hatte viele, viele Freunde. Wo sind sie? ...‘ Es ging mit ihm zu Ende. Er murmelte dann noch, und mir schien, als sagte mir sein betrübter Blick: Du siehst, jetzt kann ich nicht mehr reden, aber noch denken. Und in einer letzten Anstrengung fand er sich wieder. Er sagte deutlich das Wort als letztes, das wir oft von ihm gehört haben: ‚Der Fremde soll sich bei uns wohl fühlen! ...‘ Dann wurden seine Augen starr. Ich drückte sie ihm zu.“

So starb Eichenstamm, der Präsident der Neuen Gesellschaft.

5. KAPITEL.

Auf den achten Tag nach Eichenstamms feierlichem Begräbnis war der Kongreß der Neuen Gesellschaft zur Wahl eines Präsidenten einberufen.

Die Delegierten, an die vierhundert, Frauen und Männer, waren schon am Abend vorher fast vollzählig eingetroffen. In vielen Klubs und Gasthäusern fanden hitzige Besprechungen statt. Soviel sich an diesem Vorabend erkennen ließ, lag die Wahl zwischen Dr. Marcus, dem Präsidenten der Akademie, und Joseph Levy, dem Generaldirektor der Neuen Gesellschaft. Die Aussichten der beiden waren ungefähr gleich. Wenn man nun annahm, daß mehrere weniger ernste Kandidaten einen Teil der Stimmen im ersten Wahlgange auf sich lenken würden, so durfte man vermuten, daß keiner die absolute Majorität erreichen und eine Stichwahl zwischen Marcus und Levy nötig sein werde.

Joseph Levy war übrigens von seiner Europareise noch gar nicht zurückgekehrt. Man erwartete ihn stündlich. Es gab Leute, die behaupteten, er wolle eine Wahl zum Präsidenten überhaupt nicht annehmen. Andere wieder sagten, dieses Gerücht werde nur von den Anhängern des Dr. Marcus ausgesprengt. Kurz, es entwickelte sich das Treiben, das man überall in der Welt um eine Wahl herum beobachten kann: Schliche der Parteigänger, Lärm, Zank, Scherz und Ernst. Kingscourt unterhielt sich dabei ausgezeichnet.

Aber am Morgen des Wahltages kam David Littwak mit bestürzter Miene in Friedrichs Zimmer:

„Sie müssen ohne mich in das Kongreßhaus gehen, meine Herren. Ich habe eine Depesche erhalten, die mich nach Tiberias ruft. Meine Mutter ...“ Sein Blick verdunkelte sich und seine Stimme brach: „Der Zustand meiner Mutter hat sich verschlimmert. Ich reise mit Mirjam sogleich nach Tiberias. Meine Frau wird mit Fritzchen später nachkommen.“

„Sollen wir nicht mit Ihnen fahren, lieber Littwak?“ fragte Friedrich teilnehmend.

„Ach, Sie können ja nicht helfen. Ich fürchte, da kann niemand mehr helfen ... Bleiben Sie ruhig beim Kongreß — für Sie wird es immerhin ein Erlebnis sein. Was aber mich betrifft, mir ist das alles gleichgültig geworden. Mögen sie wählen, wen sie wollen.“

Kingscourt sagte:

„Wir werden Ihre Frau und Fritzchen später nach Tiberias begleiten.“

„Danke!“ erwiderte David. „Ich habe nur die eine Bitte, daß Sie niemand etwas von meiner Abreise sagen. Es giebt Momente, wo einem auch die Freunde zu viel sind. Man würde mich mit Erkundigungen bestürmen. Ich will allein sein ... Leben Sie wohl!“

„Ich wünsche Ihrer Mutter eine baldige Besserung!“ sagte Friedrich.

David zuckte traurig die Achseln:

„Ich weiß, wie die Besserung aussehen wird. Leben Sie wohl!“

Nach Davids und Mirjams Abreise fuhren die Freunde nach dem Kongreßhause. Blauweiße, wegen Eichenstamms Tod umflorte Fahnen wehten, und eine große Menschenmenge wogte um das monumentale Gebäude.

Der Raum, in welchem die Wahl stattfinden sollte, war ein weiter, hoher, ernster Marmorsaal mit Oberlicht, das durch eine matte Glasdecke hereindrang. Die Bänke waren noch leer, denn die Delegierten hielten sich vor der Sitzung in den Vorsälen, Wandelgängen und Kommissionszimmern auf. Es ging heiß her, wie ab und zu einer auf die Galerien melden kam.

Die Galerien aber waren schon dicht gefüllt. In den Logen sah man mehr Damen als Herren. Gedämpfte Farben herrschten in der Frauentracht vor, denn es war noch die Trauerzeit für Eichenstamm. Nur in der Loge neben Kingscourt und Friedrich saßen einige Damen in sehr hellen Kleidern und mit schreiend bunten Hüten. Es waren die Damen Weinberger, Mutter und Tochter, die alte und die junge Laschner, Herr, Frau und Fräulein Schlesinger, und Dr. Walter, Schiffmann, auch Grün und Blau, die Humoristen, fehlten nicht. Am liebsten wäre Friedrich auf und davon in eine andere Loge gegangen, aber es gab nirgends mehr einen Platz. Auch wollte Kingscourt diese Nachbarschaft, die ihn höchlich amüsierte, nicht aufgeben. Sie hörten alles, was in der Nebenloge geredet wurde. Vorne an der Brüstung saßen die Damen und Herr Schlesinger, der Vertreter der Barone von Goldstein.

Der wortwitzige Herr Grün, der Mann mit den „uneingesäumten“ Ohren sagte:

„Also das is der Kongreß? Mir scheint, mehr Kohn als greß. Obwohl einem auch gräßlich zu Mut sein kann, wenn man ein Kandidat ist, was durchfallt.“

„Ich hab’ gehört, Marcus wird durchfallen,“ erklärte Herr Schiffmann.

„Woher wissen Sie das?“ fragte der Vertreter der Barone von Goldstein. „Mir is es, unter uns gesagt, ganz einerlei.“

Schiffmann lächelte geheimnisvoll:

„Ich hab’ meine Informationen. Alles soll man wissen, nix soll man brauchen.“

Blau bemerkte neidisch:

„Schiffmann is imstand und spielt auch damit auf der Börse.“

„Das möchte ich wissen, wie sich diese Wahl in Hausse oder Baisse ausdrücken soll,“ erkundigte sich Dr. Walter.

„Sehr einfach,“ meinte Schiffmann; „Levy ist ein unternehmender Kopf, also giebt es unter ihm mehr Geschäfte, also Hausse. Hingegen ist Marcus mehr eine beschauliche Natur, also nix zu handeln, also Baisse.“

„Großartig!“ höhnte Blau, „wenn ich einmal vierundzwanzig Stunden so wenig Verstand hätt’, wie Sie, Herr Schiffmann, hätt’ ich ausgesorgt für mein Leben.“

Schiffmann wehrte sich:

„Es ist besser, daß Sie mehr Verstand haben wie ich, denn sonst könnten Sie nicht auf Hochzeiten Spaß machen gehen.“

„Wer sind denn die Leute, die dort beim Maler Isaaks sitzen?“ fragte Ernestine Weinberger über die Logenwand hinweg Friedrich. „Ich sah vorhin, daß Sie sie grüßten.“

„Das ist Lord und Lady Sudbury.“

Frau Laschner mischte sich ein:

„Man sieht auf Ehre, daß sie ist mindestens eine Lady. Auf Ehre! Den Hut hat sie sich gewiß in Paris gemacht.“

Dr. Walter wurde feierlich:

„Die Anwesenheit solcher Personen beweist immerhin, daß unsere Einrichtungen das Interesse auch besserer Kreise erwecken.“

Friedrich neigte sich zu Kingscourts Ohr:

„Wenn ich diese Leute höre, möchte ich wieder mit Ihnen auf unsere Insel zurückkehren.“

„Hohoh, ein Rückfall! ... Da bin ich doch schon weiter. Ich weiß, daß es in jedem besseren Tiergarten auch einen Affenkäfig jeben muß. So auch im Menschengarten.“

Jetzt begann es unten im Saale lebhaft zu werden. Einzelne Delegierte suchten ihre Plätze auf. Auf den Stufen zwischen den im Halbkreise ansteigenden Bankreihen bildeten sich Gruppen.

Auf der Rechten, in einem Knäuel weiblicher Delegierten, sahen die Freunde Mrs. Gothland sitzen. Sie schien ihren Zuhörerinnen eine kleine Agitationsrede zu halten. Es war bekannt, daß Mrs. Gothland zu den Parteigängern des Dr. Marcus gehörte. Daß der Architekt Steineck für Joe Levy hitzig eintrat, konnte man leicht wahrnehmen, wenn man ihn jetzt am Fuße der Rednertribüne gestikulieren sah und aus dem wachsenden Stimmengebrause seine schrille Stimme heraushörte: „Tschoh! Tschoh!“

Reschid Bey kam zu Kingscourt und Friedrich. Er brachte das Neueste aus den Couloirs: die Wahl Joseph Levys sei nahezu gesichert. Er werde schon im ersten Wahlgange durchdringen. Er sei nämlich im ganzen Lande, dessen Aufblühen ja seiner Energie zu danken war, volkstümlich, und die Delegierten wollten in der Mehrzahl darauf Rücksicht nehmen. Marcus hingegen stehe doch nur den Höhergebildeten nahe. Joseph Levy sei übrigens heute Morgens von der Reise zurückgekehrt und werde selbstverständlich in den Kongreß kommen.

„Den Mann müssen Sie mir schleunigst zeigen, wenn er kommt, jeliebtester Pascha,“ sagte Kingscourt. „Scheint nach alledem ein schneidijer Kerl zu sein. Ich bin bejierig, mit welcher Art Anstand er unter sein versammeltes Kriegsvolk tritt.“

Im „Affenkäfig“, wie Kingscourt gescherzt hatte, machte man indessen weiter Glossen und Witze. Je mächtiger das Bild der Versammlung wurde, umso schlechter wurde die Laune einzelner im Affenkäfig, als wäre dieser Zusammentritt befreiter, selbstbewußter Menschen für sie da oben eine persönliche Beleidigung.

Herr Schlesinger, der Vertreter der Barone von Goldstein, ließ sich vernehmen:

„Na also! Jetzt sieht man doch, auf was es herausgegangen ist. Der eine hat die Stelle und der andere jene Stelle haben wollen. Jetzt haben sie sie. Jetzt ist die Judenfrage gelöst.“

Herr Dr. Walter hatte schon die ganze Zeit gierig in den Saal hinunter geblickt, in dem leider für ihn kein Platz war, und er entgegnete dem übrigens hochgeschätzten Goldsteinschen Vertreter:

„Entschuldigen Sie, verehrter Herr Schlesinger, wenn ich da ein wenig widerspreche. In dem Erstreben eines Mandates von seinesgleichen kann ich an und für sich nichts Unschönes erblicken. Es kann ja im einzelnen Fall etwas Unschönes sein, gewiß haben Sie da Recht. Und ich begreife, daß ein Mann wie Sie, der einige dreißig Jahre im Hause Goldstein thätig ist, strenge Anforderungen an die Menschen stellt. Aber schließlich: warum soll man sich nicht um ein Amt in der Neuen Gesellschaft bemühen?“

„Wenn es etwas einträgt!“ ergänzte der Spaßmacher Herr Blau, und er fügte, als er das ermunternde Lächeln Schlesingers bemerkte, hinzu: „Aber ich glaube, Herr Doktor Walter, da hätten Sie früher aufstehen müssen, wenn Sie hätten eines bekommen wollen.“

Dr. Walter wurde rot vor Zorn und brummte dem Spötter zu:

„Sie haben, Herr Blau, schon lange keine fremde Hand im Gesicht gehabt.“

Aber Schiffmann stiftete Frieden, indem er die Empfindungen aller in die wehmütigen Worte zusammenfaßte:

„Mir scheint, wir haben alle die Ueberfuhr versäumt. Wir stehn schon wieder alle und sehn beim Gitter heraus, wo die freien Menschen sein. Es is mir gegangen so seit meiner Jugend — wo ich immer bin hingekommen, hab’ ich nur Schlesinger und Laschner, Grün und Blau getroffen. Es is ein Pech ...“

Ein Glockenzeichen ertönte. Das kündigte das Erscheinen des Kongreßpräsidiums an. Die Galerien wurden mit einem Schlage still, und auch der Affenkäfig verstummte.

Die Delegierten strömten zu allen Thüren herein in den Saal.

„Der dort ist Joe Levy,“ sagte Reschid Bey und zeigte hinunter. „Der mit dem buschigen grauen Schnurrbart und der Glatze. Der jetzt dem Architekten Steineck die Hand giebt.“

Sie sahen ihn. Es war ein hagerer Mann von Mittelgröße, sehr gebräunt im Gesicht und an der Stirne bis an die Hutlinie, sehr rasch und energisch in seinen Bewegungen. Er drückte viele Hände, weil sich die Delegierten an ihn herandrängten, um den Heimgekehrten zu begrüßen. Den Ferneren nickte er lächelnd zu, winkte wohl auch mit erhobener Hand. Er sah unbefangen und gar nicht feierlich aus.

Ein zweites längeres Glockenzeichen. Alle nahmen ihre Plätze ein, hinter dem erhöhten Sitze des Präsidiums öffneten sich beide Flügel der vergoldeten Thüre, und der Vorsitzende des Kongresses erschien mit seinem ganzen Bureau.

Vor allen Dingen hielt er dem hingegangenen Präsidenten der Neuen Gesellschaft einen schönen Nachruf, den alle stehend anhörten. Dann verkündigte er:

„Wir haben uns heute versammelt, um einen neuen Präsidenten zu wählen.“

Da ertönte zum allgemeinen Erstaunen die Stimme Joseph Levys, der in der dritten Bank im Centrum saß:

„Ich bitte ums Wort!“

Der Vorsitzende sprach:

„Herr Joseph Levy hat das Wort.“

Ein leichtes Brausen stieg aus dem Saale auf, während Joe Levy mit elastischem Schritte der Rednerbühne zustrebte. Was hatte er vor? Jetzt war er oben:

„Geehrte Kongreßmitglieder! Ich habe nur eine kurze Erklärung abzugeben. In meiner Abwesenheit waren einige meiner Freunde so freundlich, meine Kandidatur aufzustellen. Sie haben mich vorher nicht befragt, ob es mir auch recht ist.“

Kleiner Lärm in den Reihen der Marcus-Partei: „Hört, hört!“

Architekt Steineck schrie:

„Ausreden lassen!“

Joe Levy wiederholte:

„Ich habe nur eine ganz kurze Erklärung abzugeben. Es ist für mich eine hohe Ehre. Aber ich will dem Kongreß nicht die Mühe einer namentlichen Abstimmung machen. Nach unserer Wahlordnung für die Präsidentschaft muß bei Namensaufruf jeder Delegierte persönlich seinen Stimmzettel hier auf der Tribüne abgeben. Dieser Vorbeimarsch dauert vier Stunden. Dann wird das Scrutinium vorgenommen. Das dauert wieder zwei Stunden. Dann kommt es vielleicht erst noch zu einer Stichwahl. Diesen Zeitverlust kann ich nicht auf mein Gewissen nehmen. Schade um die Zeit. Denn ich bin fest entschlossen, die Wahl, wenn sie auf mich fiele, nicht anzunehmen.“

Jetzt lärmten wieder seine Anhänger: „Warum, warum?“

„Die Gründe, verehrter Kongreß, sind einfach. Ich fühle in mir noch die Kraft, zu arbeiten, und wenn Sie mit mir zufrieden sind, so lassen Sie mich weiterarbeiten. Wenn Sie mich wählen, schicken Sie mich eigentlich in Pension. Ich glaube, dazu bin ich trotz meiner grauen Haare noch zu jung. Im übrigen wird Ihnen Herr Dr. Marcus meine Meinung sagen. Ich habe ihn nämlich heute früh, gleich nach meiner Ankunft aufgesucht, weil er, wie ich hörte, der Gegenkandidat ist. Wir haben uns verständigt. Wir sind nämlich nicht so weit auseinander, wie unsere beiderseitigen Freunde ...“ (Heiterkeit.) „Herr Dr. Marcus wird Ihnen seine und meine Ansicht sagen — besser als ich es kann. Was mich anbelangt, bei meinem Entschluß bleibt es. Meine lieben Freunde, ich danke Euch für die Absicht! Geehrte Kongreßmitglieder, wählen Sie mich nicht!“

Es entstand nun eine allgemeine Unruhe im Saale. Rufe des Unwillens, der Ueberraschung, der Enttäuschung rauschten auf. Levy, der die Tribüne verließ, wurde von seinen Anhängern umringt und mit Fragen bestürmt. Er lächelte und zuckte die Achseln.

„Der Mann jefällt mir,“ sagte oben Kingscourt. „Reden kann er nicht, aber ein nobler Kerl scheint er zu sein.“

Anders wurde der Vorfall im Affenkäfig kommentiert.

„Die Trauben werden ihm zu sauer gewesen sein,“ vermutete Blau.

„Seine Nation is die Resignation,“ bemerkte Grün witzig.

Schiffmann aber sagte:

„Nu, Herr Schlesinger? Da is gleich einer, der kein Amt schnappen will. Was sagen Sie jetzt?“

„Wie heißt, was ich sag’? Weiß ich denn, was ihm seine jetzige Stellung eintragt? Wahrscheinlich kann er bestehen. Ein praktischer Mensch is er ja. Wer weiß, was er abgemacht hat mit Marcus? Das müßte man auch wissen.“

Friedrich hörte diese Bemerkungen und war empört, obwohl er dem Dr. Marcus erst einmal begegnet war und Mr. Joe Levy heute zum ersten Male sah. Er hatte nur den Wunsch, daß Kingscourt und Reschid Bey diese Abscheulichkeiten nicht ebenfalls hören mögen. Er schämte sich des Affenkäfigs. Zum Glück waren die beiden mit den Vorgängen im Saale beschäftigt.

Der Vorsitzende läutete stark, um Ruhe zu schaffen für den Akademie-Präsidenten Marcus, der das Wort erbeten hatte. Dr. Marcus stieg nicht ohne Mühe die wenigen Stufen hinan, und er wartete, bis der Saal ganz ruhig war, sonst hätten sie seine schwache Stimme nicht vernommen. Jetzt war lautlose Stille eingetreten, und er sprach:

„Geehrter Kongreß! Mein Freund Levy hat in seiner tüchtigen Weise vom Zeitsparen gesprochen. Ich glaube, wir werden mit der kostbaren Zeit der Neuen Gesellschaft gut zu Rate gehen, wenn wir uns vor allem verstehen. Erst verstehen, dann entschließen!

Wir sind hier nicht, um ein Staatsoberhaupt zu wählen, denn wir sind kein Staat.

Wir sind eine Gemeinschaft, in neuen Formen zwar, aber zu einem Zwecke, der so alt ist, daß er schon im ersten Buche von den Königen vorkommt. Dort heißt es, daß Juda und Israel sicher wohneten, ein jeglicher unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis gen Beer-Seba.