Part 22
Wir sind einfach eine Genossenschaft, eine große Genossenschaft, innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften giebt. Und dieser unser Kongreß ist im Grunde nichts als die Generalversammlung der Genossenschaft, welche die Neue Gesellschaft genannt wird. Dennoch aber fühlen wir alle, daß es hier um mehr geht, als um die rein materiellen Interessen einer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft. Wir pflanzen Parks und Schulen, wir bekümmern uns über die gemeine Deutlichkeit und Nützlichkeit der Dinge hinweg auch um die Weisheit und Schönheit. Denn auch dies wird als ein Vorteil der Genossenschaft von uns verstanden. Wir verstehen, daß für eine Gemeinschaft von Menschen das Ideal ein Nutzen, ein Vorteil — sagen wir es heraus: daß es unentbehrlich ist. Das Ideal zieht uns hinan. Auch diese Wahrnehmung haben wir nicht zuerst gemacht, sie ist alt wie die Welt. Was für den einzelnen Wasser und Brot ist, das ist für die Gesamtheit das Ideal. Und unser Zionismus, der uns hierher führte und höher hinaufführen soll in noch unbekannte Regionen der Gesittung, er ist nichts anderes, als ein endloses, endloses Ideal.
Glaubt jemand, ich sei abgeschweift? Nein, Freunde, ich bin bei der Sache, bei unserer Wahl. Der, den wir an die Spitze unserer Neuen Gesellschaft wählen sollen, der hat nur ein Pfleger des Ideals zu sein. Das Materielle geht ihn nichts an, umsomehr das Ideale. Er soll dabei ein ruhiger Mann, ein Gerechter und Bescheidener sein, entrückt dem Streite augenblicklicher Meinungen. Wir wählen ihn ja auf sieben Jahre. Freund Levy hat die Wahl abgelehnt, weil er in solchen sieben Jahren uns durch seine Arbeit mehr glaubt nützen zu können. Ich pflichte ihm bei. Aber auch ich lehne meine Wahl ab. Ich bin zu alt. Ich glaube nicht, daß ich die sieben Jahre noch leben werde. Zu häufige Wahlen sind aber nicht gut, sie reizen die Ehrbegierde in einer ungesunden Weise auf, sie führen zu persönlichen Parteiungen. Wählen Sie mich nicht, ich bin zu alt. Ich habe nicht mehr die Beweglichkeit des Körpers, vielleicht auch nicht mehr die des Geistes. Vielleicht verstehe ich die Ideale jüngerer Menschen nicht mehr. Denn auch das Ideal wird immer neugeboren, und es giebt Renaissancen, die unsereiner nicht mehr begreift.
Aber Levy und ich wollen nicht nur Nein sagen. Wir wollen Ihnen auch einen Vorschlag machen. Der Vorschlag ist von Levy, der sich auf die Auswahl von Menschen versteht, und das empfiehlt den Vorschlag; ich habe ihm nur von ganzem Herzen zugestimmt.
Der Mann, den wir Ihnen empfehlen wollen, ist noch jung, jünger als Levy, viel, viel jünger als ich. Er ist einer von den neuen Menschen, welche diese alte Erde wieder fruchtbar und schön machten. Er ist an der Seite seines Vaters hinter dem Pfluge gegangen, er hat aber auch hinter den Büchern gesessen. Er hat einen gesunden Sinn für das öffentliche Leben, ohne sich hervorzudrängen. Ich sehe ihn jetzt nicht im Saale. Wenn er aber hier ist, so ist er gewiß der Letzte, der meine Worte auf sich bezieht, so wahr ist seine Demut. Er ist auch tüchtig in seinen eigenen Angelegenheiten. Er hat sich aus den bescheidensten Verhältnissen ehrlich hinaufgearbeitet, ein Emporkömmling ist er nicht. Und gerade, daß er von ganz unten aufgestiegen ist, macht ihn uns wert. Wenn wir ihn wählen, so ehren wir nicht nur den wackeren Mann, der er ist, wir eifern auch eine ganze Jugend zu den edelsten Anstrengungen an, wir thun damit ein Werk von unermeßlicher Bedeutung für die Zukunft unserer Neuen Gesellschaft. Jeder Sohn Venedigs konnte Doge werden. Jedes Mitglied der Neuen Gesellschaft soll auf den höchsten Sitz gelangen können.“
Brausend erhob sich bei diesen Worten der Beifall im Hause. Viele riefen: „Den Namen, den Namen! Wer ist es?“ Dr. Marcus hob die Hand zum Zeichen, daß er noch etwas hinzufügen wolle. Da wurde es still, und er sagte:
„Ich will den Namen unseres Kandidaten nicht von der Tribüne herab nennen, weil es nach unserer hergebrachten Uebung nicht angeht, den Wahlkongreß zu einer Wahlbesprechung zu machen. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, die Sitzung zu unterbrechen.“
Dies geschah. In großer Bewegung verließen die Delegierten ihre Plätze. Marcus und Levy wurden umringt. Sie standen den stürmisch auf sie Eindringenden Rede. Sie nannten den Namen ihres Kandidaten. Die Näherstehenden schrieen ihn den Ferneren zu, in immer stärkeren Zurufen schwirrte der Name durch den Saal, und nach wenigen Minuten kam er zu den Galerien hinaufgeflogen, der Name — David Littwak.
„Donner und Gloria!“ schrie Kingscourt begeistert.
Friedrich drückte ihm bewegt die Hand: „Und er sitzt jetzt am Sterbebette seiner Mutter ... Soll man es ihm telegraphieren?“
„Nee, mein Junge. Wir wollen was Jescheiteres thun. Der arme Kerl hat jetzt jenug Aufregung mit seiner Mutter. Wozu sollen wir ihn noch mit der Wahl quälen. Am Ende wird er jarnicht jewählt. Nehmen wir lieber den nächsten Zug nach Tiberias. Bis die hier mit der Wahl fertig sind, können wir dort sein. Dann treten wir ein und fragen einfach: Wohnt hier der Präsident der Neuen Jesellschaft, Herr Littwak?“
Reschid Bey wurde ins Vertrauen gezogen. Er solle ihnen das Resultat der Wahl schleunigst nach Tiberias telegraphieren. Den Aufenthaltsort Davids möge er aber bis nach der Wahl geheimhalten.
Im Affenkäfig wurde die Kandidatur Davids mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Grün und Blau machten schauerliche Witze.
Grün sagte: „Wer littwakt — gewinnt.“
Blau erklärte: „Wenn ich das nächste Mal auf die Welt komm’, werd’ ich auch der Sohn von ä Hausierer.“
Herr Schlesinger, der Vertreter der Barone von Goldstein, meinte mißmutig: „Nu frag’ ich Sie, kann man in eine solche Gesellschaft eintreten? Das nennt sich die Neue Gesellschaft.“
„Und wissen Sie, was wir sind?“ rief plötzlich Schiffmann, in dem eine Reue mächtig aufstieg. „Wir sind — eine schöne Gesellschaft.“
6. KAPITEL.
Als Kingscourt und Friedrich in den Gasthof kamen, um Frau Sarah und Fritzchen auf die Reise abzuholen, waren diese schon fort. Frau Sarah war ihrem Gatten mit dem nächsten Zuge nachgeeilt. Es ging aber gleich wieder ein Expreß nach Tiberias, und diesen benützten die Freunde. Im Wagen der elektrischen Eisenbahn sitzend, schauten sie in die Landschaft hinaus, die vorüberflog, und sie hielten auch eine Rückschau über die bisher wahrgenommenen Einrichtungen von Altneuland.
Kingscourt war sehr überrascht, als Friedrich im Eifer dieses Gespräches plötzlich sagte:
„Ich möchte nach Europa hinüber.“
„Was, Sie launenhafter Schlingel? Nun haben Sie das Land Ihrer hebräischen Ahnen schon wieder satt bekommen?“
„Nein, mein lieber guter Kingscourt. Ich bin zu froh, daß Sie hier bleiben wollen, und daß ich wenigstens noch versuchen kann, ein nützliches Mitglied der Neuen Gesellschaft zu werden. Vielleicht kann ich meine juristischen Kenntnisse irgendwie verwerten? Vielleicht bekomme ich in irgend einem Zweige der Verwaltung eine Arbeitsgelegenheit? Aber ich möchte dennoch für kurze Zeit nach Europa hinüber, um zu sehen, wie sich die Verhältnisse seither dort gestaltet haben. Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, daß in den zwanzig Jahren unserer Abwesenheit nicht auch dort große Veränderungen eingetreten seien. Wenn ich bedenke, daß wir hier eigentlich nur die schon damals bekannten Materialien in einer neuen Ordnung wiedergefunden haben, so muß ich glauben, daß ähnliches, wie hier, auch dort existieren muß. Die Worte des Akademikers Marcus brachten mich auf diesen Gedanken. Er sagte: wir sind kein Staat, sondern eine große Genossenschaft ...“
„Die Jenossenschaft mit dem endlosen Ideal!“ schmunzelte Kingscourt.
„Ich frage mich nämlich,“ fuhr Friedrich ernst fort, „ob wir da nicht bei einer Antwort auf manche Frage unserer vergangenen Zeit stehen. Damals sprach man viel vom Zukunftsstaate, qualmig thaten es die einen, höhnisch die anderen, grimmig die dritten. Das Ausmalen künftiger Zustände war in den Augen der sogenannten praktischen Leute eine große Lächerlichkeit. Sie vergaßen, daß wir immer in künftigen Zuständen leben, denn das Heute ist die Zukunft von Gestern. Man sah den unmöglichen Zukunftsstaat nur auf den unwahrscheinlichen Trümmern der bisherigen Einrichtungen. Also ein Weltuntergang, an den wirklich nur ein Hasenfuß glauben kann. Zuerst ein Chaos, und dann irgend etwas, von dem es fraglich blieb, ob es besser wäre, als das Frühere. Aber derselbe Marcus sprach neulich ein Wort, welches mir nachgeht: daß es eine Koexistenz aller Dinge gebe. Das Alte muß nicht mit einem Ruck untergehen, damit das Neue entstehe. Nicht jeder Sohn ist ein Posthumus, in der Regel leben die Eltern noch eine Zeitlang mit den Kindern fort, und eine alte Gesellschaft geht noch nicht unter, weil eine neue kommt. Seit ich hier gesehen habe, wie man mit lauter alten Materialien eine neue Ordnung der Dinge errichtet, glaube ich weder an eine völlige Zerstörung, noch an eine völlige Erneuerung der Institutionen. Ich glaube — wie soll ich es nur sagen — an einen allmählichen Umbau der Gesellschaft. Ich glaube auch, daß ein solcher niemals planmäßig, sondern zufällig vor sich geht. Das Bedürfnis ist der Baumeister. Zur Auswechslung eines Fußbodens, einer Stiege, einer Mauer, eines Daches, einer Wasserleitung, einer Beleuchtungsform entschließt man sich erst, wenn die Not drängt oder eine Erfindung siegt. Das Haus bleibt als ganzes, was es war. So kann ich mir auch den Staat, den wir einst sahen, erhalten denken, auch wenn das Neue hinzukam. Und dies möchte ich in Europa suchen ... Als wir damals von der Kulturwelt Abschied nahmen, sahen wir schon überall neue Lebensformen aufsprießen. Ich verstehe das Stockton-Darlington-Jubiläum. Damit hat alles angefangen. Es ist die Feier der Entstehung einer anderen Zeit. Wie lange war diese da, neben der früheren, sie durchdringend, von ihr durchdrungen — und die klugen praktischen Leute sahen davon noch gar nichts. Die Grenzen bestanden fort, aber Menschen und Waren durchzogen die Welt. Und wo kam man mit den Maschinen und auf der Eisenbahn überall hin! In andere Verkehrs-, in andere Wirtschaftsverhältnisse. Das Alte lebte noch, und das Neue war schon da. Die Genossenschaft der Kleinen, das Kartell der Großen — die beiden Formen kannten wir schon. Warum sollten sich nicht auch die Genossenschaften kartellieren, wenn es die einzelnen Fabrikanten thun konnten? ...
Es kam schon früher vor, daß vernünftige Unternehmer die Fürsorge für ihre Arbeiter und deren Familien freiwillig übernahmen. Jede große Fabrik hatte ihre Wohlfahrtseinrichtungen, je größer das Unternehmen, umso größer konnte die Wohlfahrt eingerichtet sein. Die Kartelle wieder konnten, wenn sie wollten, das Los ihrer Arbeiter freundlicher gestalten, weil sie mehr Mittel hatten, als der einzelne Fabrikant, und weil sie sturmfester organisiert waren. Das weiß ich aus Ihren eigenen Erzählungen, Mr. Kingscourt. Die amerikanischen Trusts haben ja Sie mich kennen gelehrt.“
„Janz richtig. Und wo wollen Sie raus?“
„Ich meine, daß es eine notwendige Entwicklung war, wenn die Produktivgenossenschaft sich gegenüber dem Einzelunternehmen bildete. Das Betriebskapital war ursprünglich die schwache Seite dieser Genossenschaft, aber die Möglichkeit, auch den Konsum zu organisieren, war ihre starke Seite. Und die Genossenschaften mußten wachsen mit der allgemeinen Bildung. Und ich meine endlich, daß die großen Trusts wohlthätig wirken mußten, weil sie den Weg bahnten zur Organisierung der Arbeit. Die Genossenschaften konnten sich nach diesem Beispiel einmal kartellieren. Die Neue Gesellschaft, die wir hier gesehen haben, ist in meinen Augen nichts als ein Kartell von Genossenschaften. Ein großes Kartell, das alle Geschäfte in sich macht, die gemeine Wohlfahrt im Auge hat, und aus lauter Nützlichkeit auch das Ideal pflegt. Ich möchte nun sehen, ob dergleichen jetzt auch schon in Europa vorhanden ist.“
„Wollen Sie vielleicht jar sagen, daß so ’ne Neue Jesellschaft auch anderswo möglich ist?“
„Ja, das will ich sagen. Diese Neue Gesellschaft könnte überall existieren, in jedem Lande, ja es kann in jedem Lande mehrere solcher Genossenschaftskartelle geben. Der Uebergang zu dieser Form der Wirtschaft ist ja denkbar, wenn es Genossenschaften und Kartelle giebt. Dabei braucht der alte Staat keineswegs aufzuhören, er besteht vielmehr fort und schützt die Entwicklung der Neuen Gesellschaft, die ihm ja zugute kommt, die ihn stärkt und erhält. Das ist die Koexistenz der Dinge, und daran glaube ich ...“
Da waren sie in Tiberias angelangt.
Sie eilten vom Bahnhofe nach der Villa des alten Littwak. Ein Diener, der sie an der Thüre empfing, antwortete auf ihre Frage nach dem Befinden von Davids Mutter mit einem traurigen Kopfschütteln. Zugleich übergab er Kingscourt eine dringende Depesche, sie war soeben eingetroffen.
Kingscourt riß das Papier auf, indem er Friedrich bedeutsam anblickte. Und wirklich, da stand es zu lesen:
„David Littwak ist vom Kongresse mit 363 von 395 abgegebenen Stimmen zum Präsidenten der Neuen Gesellschaft gewählt worden.
Reschid.“
Sie stiegen die Treppe hinan und kamen in den Salon, an den das Krankenzimmer grenzte. Im Salon saß der alte Littwak mit Frau Sarah. Die Thüre stand offen, und sie konnten in die Leidensstube blicken. Sie sahen Davids Mutter im Bette liegen. Das Antlitz der Dulderin war schon so bleich, wie das Kissen, von dem es sich abhob, doch sie lebte noch. Ihre sanften Augen waren mit einem unendlich liebreichen Ausdruck auf ihre Kinder gerichtet, die am Fußende des Bettes standen und leise mit ihr sprachen. Der Arzt saß an der Seite des Bettes und betrachtete sie aufmerksam.
Kingscourt gab wortlos die eben erhaltene Depesche dem alten Littwak. Dieser nahm das Papier teilnahmslos, starrte darauf, dann gab es ihm einen Ruck. Er wischte sich die Augen mit dem Handrücken und las nochmals. Dann reichte er es seiner Schwiegertochter, seine Stimme zitterte:
„Sarah, les’ mir das vor!“
Frau Sarah überflog das Telegramm mit den Blicken. Sie wurde blutrot, es schossen ihr die Thränen in die Augen, dann las sie es mit erstickter Stimme dem Alten vor. Dann sprang sie auf, schwang das Blatt hoch und winkte damit ihren Mann heran.
David kam auf den Fußspitzen heraus. Er sah Kingscourt und Friedrich im Hintergrunde stehen, da nickte er ihnen kurz und ernst zu. Er wandte sich an Sarah und sagte mit leisem Unwillen:
„Was giebt es denn?“
Sein Vater war aufgestanden und ging mit schwankenden Schritten auf ihn zu:
„David, mein Kind — David, mein Kind!“
Die Frau hatte ihm das Telegramm gereicht. Er las es ruhig und runzelte die Stirne:
„Nein, daß Reschid solche Scherze macht, hätte ich nicht geglaubt! Ich bin wahrlich dazu nicht aufgelegt.“
„Es ist kein Scherz!“ erklärte Friedrich und berichtete den Hergang, soweit er dessen Zeuge gewesen war.
„Nein, nein!“ sagte David. „Wie komme ich dazu? Es ist ja gar nicht möglich. Ich habe mich nicht beworben.“
„Eben darum!“ bestätigte Kingscourt.
„Ich eigne mich nicht dazu. Hundert andere sind eher berufen, als ich. Und ich nehme es auch nicht an. Bitte, telegraphieren Sie gleich an Marcus, daß ich es nicht annehme.“
Da sagte sein Vater stark:
„Du wirst es annehmen, David! Du mußt es annehmen — wegen deiner Mutter. Es ist die letzte Freude, was du deiner Mutter machen kannst.“
David bedeckte sich die Augen.
Mirjam trat aus dem Krankenzimmer:
„Was geht hier vor? Die Mutter ist unruhig; sie will wissen, was hier vorgeht.“
Und sie gingen an das Lager der Sterbenden.
„Mutter!“ sagte der alte Littwak, „der Herr Doktor Löwenberg hat uns etwas Gutes gebracht.“
„Ja?“ hauchte die Dulderin, ihre Züge verklärten sich. „Wo ist er? Ich will ihn sehn. Man soll mich aufrichten.“
Der Arzt holte Friedrich aus dem Salon, während Mirjam und David ihre Mutter aufsetzten und ihren schmalen Rücken mit Kissen stützten.
Nun stand auch Friedrich an dem Bette. Die Mutter blickte ihn so gut an. Sie murmelte:
„Ich — hab’ — mir’s — gleich gedacht — damals — wie Ihr — am Balkon war’s ... Da draußen ... Kinder! ...“ Sie tastete schwach in der Luft herum. „Mirjam hat mir — nichts gesagt ... Aber — eine Mutter — sieht das ... Kinder! ... Ihr sollts Euch — die Hand geben ... Meinen Segen — meinen Segen!“
Und so geschah es, daß Mirjam und Friedrich einander die Hände reichten. Aber sie thaten es so zögernd und verlegen, daß es ihr auffiel. Da blickte sie mit Angst von einem zum anderen und flüsterte:
„Oder — oder? ...“
„O ja!“ sagte Friedrich warm und drückte die Hand des Mädchens fester. „Ja,“ sagte auch Mirjam leise.
So wahr ist es, daß eine Mutter, auch wenn sie schon ganz schwach und hilflos ist, noch immer die Kraft hat, ihres Kindes Glück zu schaffen.
Sie lehnte nach dieser großen Anstrengung mit geschlossenen Augen in den Kissen und atmete kaum noch. Da erschrak der Alte, daß sie entschlummern könnte, bevor er ihr die Größe ihres Sohnes gemeldet hätte.
„Mutter!“ schrie er laut. Sie öffnete noch einmal die Lider, und es war ein Bedauern in ihrem Blicke, daß man sie in dem schönen Traume störe, den sie fein hinüberspinnen wollte — hinüber ....
„Mutter!“ rief der Alte. „Wir müssen dir sagen etwas Großes. Weißt du, wer geworden ist der Präsident von der Neuen Gesellschaft? ... Unser David ist geworden der Präsident! Mutter, unser David! ...“
Da lag David wie als Knabe auf den Knieen vor seiner kranken Mutter und weinte bitterlich auf ihre wachsbleiche, erkaltende Hand. Sie aber zog die Hand hervor und streichelte ihm sanft das Haar, als ob sie ihn hätte im voraus trösten wollen.
„Mutter!“ rief der Alte noch einmal angstvoll, „hast du gehört?“
„Ja!“ hauchte sie, „mein — mein David ...“
Und ihre Augen brachen.
Man begrub sie.
Man sang die alten hebräischen Gesänge, und der gute Rabbi Samuel von Neudorf sprach die Gebete. Es wurde keine Grabrede gehalten. David hatte es nicht gewünscht.
Aber als er mit den Freunden vom Friedhofe kam und im Trauerzimmer niedersaß, da hielt er selbst ihr den Nachruf:
„Sie war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden.
Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so daß mir die Augen übergingen, wenn ich sie nur sah.
Ich werde sie nicht mehr sehen, und sie war meine Mutter.
Sie war unser Haus und unsere Heimat, als wir nicht Haus noch Heimat hatten.
Sie hielt uns aufrecht, als wir im Elend waren, denn sie war die Liebe.
Sie lehrte uns Demut, als es uns besser ging, denn sie war das Leiden.
Sie war in bösen und guten Tagen die Ehre, die Zierde unseres Hauses.
Als wir so arm waren, daß wir auf Stroh lagen, da waren wir doch reich, weil wir sie hatten.
Sie dachte immer an uns, und nie an sich.
Unser Haus war nur eine kümmerliche Stube, und es barg einen Schatz. Mancher Palast hat keinen solchen Schatz. Das war sie, die Mutter.
Sie war eine feine Dulderin. Das Leiden beugte sie nicht, es erhöhte sie.
Da habe ich sie manchmal angeschaut als das Judentum in der Zeit der Leiden. In ihrer Gestalt sah ich es.
Sie war meine Mutter — und ich werde sie nicht mehr sehen. Nie mehr, Freunde!
Nie mehr. Und ich muß es tragen ...“
Die Freunde hörten seinem Schmerze zu, und sie schwiegen.
Allmählich kamen ihrer mehr herein in das Trauergemach. Es waren alle da, welche David Littwak und seinem Hause näher standen.
Dr. Marcus begann das Gespräch hierhin und dorthin zu führen. Es war erkennbar, daß er Davids Gedanken ablenken, ins Leben zurückgeleiten wollte. Die Reden hatten einen ernsten und hohen Zug.
In dieser Stimmung warf Friedrich Löwenberg die Frage auf, die sie nacheinander beantworteten. Jeder that es in seiner Weise.
Dies aber war die aufgestellte Frage:
„Wir sehen hier eine neue, eine glücklichere Form des Zusammenlebens von Menschen — wer hat das nun geschaffen?“
Der alte Littwak sagte: „Die Not!“
Architekt Steineck sagte: „Das wiedervereinigte Volk!“
Kingscourt sagte: „Die neuen Verkehrsmittel!“
Dr. Marcus sagte: „Das Wissen!“
Joe Levy sagte: „Der Wille!“
Professor Steineck sagte: „Die Naturkräfte!“
Der englische Prediger Hopkins sagte: „Die gegenseitige Duldung!“
Reschid Bey sagte: „Das Selbstvertrauen!“
David Littwak sagte: „Die Liebe und das Leiden!“
Der alte Rabbi Samuel aber stand feierlich auf und sagte: „Gott!“
ENDE.
NACHWORT DES VERFASSERS.
.... Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe.
Ich gedachte, eine Lehrdichtung zu verfassen. Mehr Dichtung als Lehre! werden die einen sagen — — mehr Lehre als Dichtung! die anderen.
Denn jetzt, nach drei Jahren der Arbeit, müssen wir uns trennen, und es beginnen deine Schmerzen, du mein liebes Buch. Durch Feindschaften und Entstellungen hindurch wirst du deinen Weg nehmen müssen, wie durch einen finsteren Wald.
Wenn du aber zu freundlichen Leuten kommst, so grüße sie von deinem Herrn Vater. Er meint: das Träumen sei immerhin auch eine Ausfüllung der Zeit, die wir auf der Erde verbringen. Traum ist von That nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Thun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traume.