Altneuland

Part 20

Chapter 203,628 wordsPublic domain

Kunst und Philosophie hatten ihre unabhängige Pflegestätte in der Jüdischen Akademie, die ja auch keine funkelnagelneue Erfindung war, sondern in der Französischen Akademie ein jahrhundertealtes Vorbild besaß. Die Mittel zur Errichtung dieser Akademie waren von einem reichen Amerikaner gestiftet worden, der als Gast die Reise des Dampfers Futuro mitgemacht hatte. Der Geist vom Futuro sollte auch immer die Jüdische Akademie erfüllen, dafür war in den Satzungen nach Möglichkeit vorgesorgt. Vierzig war die Zahl der Mitglieder, gleichwie im Palais Mazarin, und wenn ein Fauteuil durch Todesfall frei wurde, so wählten die übrigen Mitglieder den würdigsten Nachfolger. Die Mitglieder bezogen einen Gehalt, welcher sie jeder Sorge um den Lebensunterhalt enthob, so daß ihre Kunst, Philosophie und Gelehrsamkeit nach keiner Gunst auszuschielen brauchte. Es ergab sich auch von selbst, daß die vierzig Juden der Akademie von nationalem Chauvinismus frei waren. Als dieses Institut errichtet wurde, kamen seine ersten Mitglieder aus verschiedensprachigen Kulturen zusammen und einigten sich auf dem Boden der Menschlichkeit. So schuf ihr Beisammensein einen Geist, welcher nicht entthront werden konnte, weil sie selbst sich die folgenden Genossen wählten. Die erste Satzung des Stifters aber lautete:

„Die Jüdische Akademie hat die Aufgabe, das Verdienst einzelner um die Menschheit aufzusuchen.“

Diese Aufgabe war selbstverständlich nicht an die Grenzen des Landes gebunden.

Die Vierzig der Jüdischen Akademie bildeten auch das Ordenskapitel der Judenehre, die ebenfalls nach einem französischen Muster geschaffen war: nach der Ehrenlegion. Das Abzeichen war ein gelbes Band im Knopfloch. Friedrich hatte dieses Bändchen schon bei mehreren gesehen, aber es nicht sonderlich beachtet. Es war offenbar die wohlbekannte Ordensnarrheit der früheren Zeit. Dennoch machte es auf ihn einen gewissen Eindruck, als Meister Isaaks, der gleich dem Professor Steineck das gelbe Bändchen besaß, in dieser Weise davon sprach:

„Sie dürfen nicht glauben, lieber Doktor Löwenberg, daß wir das aus lauter Dummheit und Eitelkeit eingerichtet haben. Die Ehre verlangt auch nach einer Umlaufsmünze, das haben die Staatskünstler der alten Gesellschaft wohl erkannt. Warum hätten wir dieses Mittel verschmähen sollen, womit man für die Gemeinschaft so viel erzielen kann? Nur haben wir seinen Wert von vorneherein hoch zu halten uns bemüht, indem wir es schwer erreichbar machten. Die höheren Grade sind sehr selten. Großmeister ist der Präsident unserer Akademie, und diese, das Ordenskapitel der Judenehre besteht aus Leuten, die keinerlei Privatinteressen haben und von allem politischen Treiben entfernt sind. Daraus ergiebt sich, daß diese Auszeichnung für Geld oder Parteidienste nicht zu haben ist. Wenn einer gute Geschäfte gemacht hat, so zeichnen wir ihn dafür nicht aus. Darum waren ja die Orden in der alten Gesellschaft lächerlich. Bei uns bedeutet dieses sonst so komische Bändchen ernste Leistungen, die dazu dienten, das allgemeine Niveau zu heben. Die Farbe aber soll uns an die schwersten Zeiten unserer Volksgeschichte erinnern und uns noch im Erfolge zur Demut mahnen. Aus dem gelben Fleck, den unsere unglücklichsten, standhaften Väter tragen mußten, aus dem Zeichen der Schande haben wir das Zeichen der Ehre gemacht.“

„Sie verstehen?“ rief Steineck.

Friedrich nickte nachdenklich.

In diesem Augenblicke meldete ein Diener den Doktor Marcus. Meister Isaaks erhob sich rasch und eilte dem weißbärtigen alten Herrn entgegen:

„Sie kommen wie der Wolf in der Fabel, Herr Doktor!“ sagte Isaaks und stellte den Lord und Friedrich vor. „Herr Doktor Marcus ist der Präsident der Jüdischen Akademie ... Ich habe meinen lieben Gästen soeben einiges von der Akademie erzählt. Lord Sudbury wußte ja das meiste schon, aber diesem Herrn, obwohl er ein Jude ist, war alles neu.“

„Wie ist es möglich?“ fragte Doktor Marcus.

Friedrich berichtete mit wenigen Worten seine Schicksale. Der Präsident der Akademie hörte mit leisem Kopfschütteln zu. Dann sagte er:

„Vor zwanzig Jahren! Ja, ja, ich begreife Ihre Verwunderung. Und doch war schon alles vorhanden. Erinnern Sie sich der Worte des Koheleth: Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man gethan hat? Eben das man hernach wieder thun wird; und geschieht nichts neues unter der Sonne ...“

„Erlauben Sie, mein lieber Präsident!“ schrie Steineck auf. „Das ist denn doch wohl nur cum grano salis zu verstehen. Alles was ist, war noch nicht da, und alles was kommen wird, liegt noch nicht hinter uns. Ich erinnere Sie nicht an Koheleth, aber an Stockton-Darlington. Sie verstehen?“

„Was ist das mit Stockton-Darlington?“ erkundigte sich Lord Sudbury. „Meinen Sie die erste Eisenbahnlinie der Welt, die George Stephenson vor hundert Jahren baute?“

„Ganz recht, Mylord!“ rief der Professor. „Wir haben in unserer Akademie vor einigen Tagen den Beschluß gefaßt, der gesamten zivilisierten Welt einen Vorschlag zu machen. Es soll im Jahre 1925 die Feier von Stephensons That begangen werden, und zwar in würdiger Weise. Es sollen nämlich in der Minute, wenn die hundert Jahre voll sind, alle eben fahrenden Lokomotiven auf allen Linien der Erde drei lange Signalpfiffe ertönen lassen. Das ist die Stockton-Darlington-Feier, die wir proponieren. In der ganzen Welt werden die Menschen, die in dieser Minute im Coupé sitzen, an Stephenson denken müssen, an den Bringer der neuen Zeit ... Sie werden mir zugeben, mein guter Präsident, daß die Weisheit des Koheleth zwischen Stockton und Darlington entgleist.“

Doktor Marcus entgegnete freundlich:

„Das gebe ich gerne zu, um so lieber, als ich es gar nicht bestritten habe. Ich dachte nur an die Coexistenz der Dinge, die mich oft beschäftigt. Es ist der Gedanke meiner Ruhe, meiner Beruhigung. Die Jahre oder Monate oder Tage, die ich noch im Lichte zu verbringen habe, sind mir darum angenehm. Ich sage keineswegs: sie gefallen mir nicht. Es ist mein Trost, daß alle Dinge, die waren, da sind. Auch das Künftige ist schon vorhanden, und ich kenne es: es ist das Gute. So komme ich aus denselben Voraussetzungen zu einem anderen Schlusse, als der Prediger, der Sohn Davids, der über Israel König war zu Jerusalem. Aber vielleicht hat auch der Prediger Salomo dasselbe gemeint, obwohl er sagte, daß alles ganz eitel sei, und obwohl er fragte, was der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe unter der Sonne habe. Alles ist eitel, jawohl, wenn wir es aus dem vergänglichen Gesichtspunkte unserer Person ansehen. Aber es ist nicht eitel, wenn wir imstande sind, unsere eigene Person davon hinwegzudenken. Dann sind sogar meine Träume ewig, denn andere werden sie träumen, wenn ich nicht mehr da bin. Schönheit und Weisheit gehen nicht verloren, auch wenn ihre Hervorbringer sterben. Gleichwie es keinen Gebildeten giebt, dem die Erhaltung der Energie unbekannt ist, so müssen wir uns auch von dem Lehrsatze durchdringen lassen, daß es eine Erhaltung der Schönheit und Weisheit giebt. Ist etwa die Kunst der heiteren Griechen vergangen? Nein, sie wird in anderen Zeitaltern immer wieder neugeboren. Sind die Sprüche unserer Weisen etwa erloschen? Nein, sie leuchten fort, wenn sie auch am Tage des Glückes weniger sichtbar sind, als in der Nacht des Unglücks. Darin gleichen sie allen Flammen ... Und was folgt daraus? Daß wir es uns sollen angelegen sein lassen, die Schönheit und Weisheit auf dieser Erde zu vermehren, bis zu unserem letzten Augenblick. Denn die Erde sind wir selbst. Wir sind von ihr und kehren wieder zu ihr hin. Sagt es doch schon Koheleth, und dem haben wir auch heute nichts hinzuzufügen: Die Erde bleibet aber ewiglich! ...“

Nach den Worten Doktor Marcus’ schwieg man ein Weilchen. Jeder gab sich seinen Gedanken hin. Und in dieser Stille hörte man auf einmal den Gesang einer Frauenstimme, die durch Mauern und Thüren gedämpft herausklang. Nun wollte erst recht keiner mit lauter Rede stören.

„Wer ist die Sängerin?“ sagte Friedrich flüsternd.

„Wie, Sie wissen es nicht?“ entgegnete Isaaks. „Fräulein Mirjam!“ Der Meister erhob sich und schritt in den Säulengang. Er öffnete geräuschlos die Thüre des Musikzimmers, in das die beiden Damen sich vorhin zurückgezogen hatten. Jetzt kam der herrliche Gesang voll heraus. Mirjam, die sich nicht belauscht wußte, sang der Lady Lillian Schumann und Rubinstein und Wagner, Verdi, Gounod — die Musik aller Völker vor. Unerschöpflich flossen die Melodien, und eine Seligkeit überkam den zuhörenden Friedrich im Kreise dieser erlesenen Geister, die still und hoch das Leben in den edelsten Formen verwirklichten: in Schönheit und Weisheit. Als aber die Sängerin Mirjam das Lied anhub, das er immer sehr geliebt hatte, das sehnsuchtsvolle Lied aus Mignon:

„Kennst du das Land, wo die Citronen blühn ...“

da sagte Friedrich halblaut vor sich hin:

„Dies ist das Land!“

3. KAPITEL.

Die Stunden im Hause des Malers vergingen wie ein Traum. Gegen Abend wurde Professor Steineck ans Telephon gerufen. Kingscourt war es, der ihn rief: er möge sofort heimkehren. Im Wagen, in dem sie mit Professor Steineck fuhren, sagte Friedrich:

„Fräulein Mirjam, ich danke Ihnen dafür, daß ich Sie durch Ihren Gesang kennen lernen durfte. Erst jetzt weiß ich, wer Sie sind.“

Sie errötete und schwieg.

Aber im Gasthofe, in dem die ganze Gesellschaft Littwaks wohnte, erwartete sie eine böse Ueberraschung.

Vor dem Thore stand Kingscourt unbedeckten Hauptes und schrie dem Professor entgegen:

„Zum Wetter, Sie hätten sich auch mehr beeilen können!“

„Ja, was giebt es denn?“ fragte der Professor ruhig.

„Was es giebt? Das Bübchen, Fritzchen — krank ist es! Nu fackeln Sie aber jefälligst nicht lange rum und kommen Sie zu Fritzchen.“

Sie eilten in das Zimmer des Kindes. Fritzchen lag mit heißen Wangen und fieberisch glänzenden Augen im Bette.

„Otto!“ schrie es dem alten Kingscourt entgegen. Und „Otto“ gehorchte schleunigst seinem kleinen Tyrannen. Er setzte sich auf einen Stuhl am Kopfende nieder, und diesen sollte er in den folgenden Tagen nicht oft verlassen. Denn war die Gewalt des gesunden Fritzchens über Mr. Kingscourt recht groß gewesen, das kranke Fritzchen gar konnte mit ihm machen, was es wollte.

Professor Steineck hatte nach der Untersuchung den Kopf bedenklich geschüttelt. Zwar beruhigte er Frau Sarah, die ganz verzweifelt war; aber dem alten Kingscourt verbarg er seine Besorgnisse nicht. Das Kind war ernstlich krank: eine schwere Halsentzündung. Kingscourt erschrak heftiger, als er es zeigen wollte. Vor allem rief er Friedrich herbei, schleppte ihn in ein abgelegenes Zimmer und begann lästerlich zu fluchen. Die Erkrankung des Kindes werfe alle Pläne um, man könne jetzt nicht mehr thun, was man wollte, und es gelte, jetzt einen anderen Entschluß zu fassen.

„Ich verstehe, Kingscourt!“ sagte Friedrich bekümmert; „Sie wollen abreisen. Nun denn, ich bin bereit!“

„I wo werd’ ich!“ schrie Kingscourt hochrot. „Sie verstehen jar nischt mehr. Ihre Intellijenz hat im Verkehr mit diesem Frauenzimmer sichtlich jelitten. Das ist ja eben die Schlemastik, wie ihr Juden euch ausdrückt: daß wir jetzt schandenhalber nich abreisen können. Sie halten mich für nen netten Jemütsmenschen. Zuerst Jastfreundschaft jenossen, amüsiert, Schmarotzerpflanze jewesen — und wenn nu mal Schatten übers Haus kriechen, soll’ man gleich ausreißen. Nee, mein Lieber, Sie können meinetwejen abdampfen, wenn Sie Europa durchaus nicht länger entbehren wollen. Ich bleibe hier, bis Fritzchen jesund ist — aus reinem Anstandsjefühl. Das jehört sich einfach.“

Die Grobheit des alten Herrn, der er auch diesmal einen lustigen Anstrich geben wollte, kam aber nicht echt heraus. Er hatte mehr Angst um das Bübchen, als er es zeigen wollte. Er blieb auch die Nacht über im Krankenzimmer Fritzchens, wachte mit Frau Sarah und der Kindsfrau zusammen. Und als ob Fritzchen eine Ahnung von der über alles merkwürdigen Wandlung gehabt hätte, die im Gemüte des alten Menschenfeindes vorging, es klammerte sich an Kingscourt an, wie an keinen anderen. Professor Steineck suchte diese Erscheinung auf rationalistische Weise zu erklären: der schöne lange blütenweise Bart Kingscourts habe es dem Kinde angethan, oder vielleicht waren es die Grimassen und Späße, die der alte Herr machte.

Doch wie man es auch deutete, das stand fest, daß Fritz von seinem grimmigen Freunde nicht ließ. Im steigenden Fieber umspannte er mit seinem Händchen den Zeigefinger des am Bette sitzenden Alten. Kingscourt war der einzige, von dem er Arznei annahm; der einzige, von dem er sich in Schlaf summen ließ. Kingscourt verfügte über keinen großen Schatz an Liedern. Am besten gelang ihm noch:

„Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein Zu Heidelberg im Hirschen? Das ist der Herr von Rohodenstein, Auf Rheinwein will er pi-a-i-a-i-irschen.“

Mit diesem Gesange hatte er früher einmal bei Fritzchen Glück gehabt, und nun mußte der Rodensteiner ununterbrochen zu Heidelberg im Hirschen einreiten. Das zweite Lied Kingscourts war:

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der wollte keine Knechte.“

Mit diesen beiden musikalischen Leistungen lullte er sein leidendes Freundchen ein.

David Littwak war von der Erkrankung des Kindes nicht benachrichtigt worden. Man wollte ihn nicht beunruhigen, da er am nächsten Tage ohnehin nach Jerusalem kommen sollte. Er kam als Sieger im Wahlkampfe. Die Geyersche Hetzpartei war fast in allen Kreisen, wo sie zu kandidieren gewagt hatte, geschlagen worden. Dr. Geyer selbst hatte nur in einem einzigen Bezirke eine relative Stimmenmehrheit erlangt und mußte sich am folgenden Sonntag der Stichwahl unterziehen. Hingegen war David Littwak in einunddreißig Bezirken zum Delegierten gewählt worden. Er entschied sich, nur das Mandat von Neudorf anzunehmen.

Doch als er in dieser frohen Stimmung zu Jerusalem eintraf, erwartete ihn die Trübung des Glückes im Kinderzimmer. Weinend fiel ihm Frau Sarah um den Hals:

„Wir waren zu glücklich, David. Nun sucht uns Gott so fürchterlich heim. Vielleicht waren wir hochmütig oder nahmen das Gute als zu selbstverständlich hin?“

Er entgegnete sanft und ernst:

„Wir wollen uns jedenfalls an die Brust schlagen und uns selber zur Demut mahnen. Das kann nie schaden. Im übrigen aber wollen wir mit der Krankheit kämpfen, was in unserer Macht ist.“

Und sie kämpften. Die besten Aerzte versammelten sich früh und abends zur Beratung. Alle Kunst der Heilung wurde aufgeboten, um das kleine Leben zu retten. Aber die Krankheit schien dieser Anstrengungen zu spotten. Des Kindes Zustand verschlimmerte sich mehr und mehr. Es kam ein Abend, an dem die Aerzte traurig und kopfschüttelnd das Haus verließen; nur Professor Steineck blieb da. Er und Kingscourt hielten gemeinschaftlich mit der Pflegerin im Krankenzimmer aus. Frau Sarah war vor Aufregung und Ermüdung zusammengebrochen und selbst erkrankt. Man hatte sie zu Bette bringen müssen. Mirjam und Mrs. Gothland wachten bei ihr. David Littwak aber hielt sich zwischen den beiden Krankenzimmern seiner Lieben in einem Salon auf. Er ging bald hier und bald dort nachsehen, ob alles beim Rechten war. Besonnen traf er die nötigen Anordnungen, und Friedrich, der nebst Reschid Bey dem bekümmerten Manne Gesellschaft leistete, mußte ihn bewundern, wenn er diese Gelassenheit sah. David gab den näheren Freunden, die Nachrichten einholten, ruhig Auskunft. Doch auch seine Kraft überstieg es endlich. Er bat einen der Freunde, hinunterzugehen und die Besucher im Vestibule des Gasthofes zu empfangen. Reschid Bey übernahm diese Aufgabe. Im Bekanntenkreise Davids hatte sich die Nachricht eilig verbreitet, daß es um den kleinen Kranken schlecht stand, und von allen Seiten eilten die Leute herbei, um sich zu erkundigen. Der Präsident der Neuen Gesellschaft ließ sich jede Stunde berichten. Die Liebe und Achtung, deren David Littwak sich bei seinen Mitbürgern erfreute, kamen bei diesem Anlasse zum Vorschein. Vor dem Gasthofe stauten sich die Teilnehmenden. Die Wenigsten kannten das gute Fritzchen, aber daß es David Littwaks Sohn war, genügte. Viele beteten für dieses schwache kleine Leben, das vielleicht dereinst ein großer Segen für die Gemeinschaft werden konnte, wenn es erhalten blieb.

Und oben redete David gebeugt aber ruhig mit Friedrich:

„Sehen Sie, mein lieber Dr. Löwenberg, das haben wir nicht anders machen können, als es war. Als es war vor zwanzig und vor zweitausend Jahren. Wenn die Stunde des früher glücklichen Hiob schlägt, muß er sich fassen und sagen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen ...“

Bei diesen Worten trat Steineck aus Fritzchens Zimmer und flüsterte:

„Noch nicht!“ Aber es klang wenig Hoffnung daraus. Der Professor fügte hinzu: „Wenn das Kind nur einschlafen könnte. Ein ordentlicher Schlaf wäre ein Glück, vielleicht die Rettung.“

„Stört das Gebrumm Kingscourts das Kind nicht?“ fragte Friedrich.

„Nein,“ entgegnete Steineck. „Er muß weitersingen, ob er will oder nicht. Wenn Fritzchen aus dem Halbschlummer erwacht, muß der Alte singen. Es ist rührend, wie er es thut.“

„Er hat das Kind unendlich gern,“ sagte Friedrich.

Da begann David zu weinen. Aus dem Nebenzimmer aber hörten sie Kingscourts Stimme:

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der wollte keine Knechte ...“

Und dann ging es in den Rodenstein über, der auf Rheinwein pi-a-i-a-i-irschen wollte. Doch immer trübseliger ritt der Herr von Rodenstein zu Heidelberg im Hirschen ein, und im Nebenzimmer horchten sie mit Bangen, ob der Gesang nicht jetzt und jetzt völlig verstummen werde.

Jetzt — eine Pause. Man hörte nichts mehr. Und im nächsten Augenblick erschien Kingscourt in der Thüre. Seine Augen waren blutunterlaufen, und er legte den Finger bedeutsam auf den Mund:

„Still! Er schläft! ... Keinen Ton mehr im Hause! Wer mir da draußen auf dem Korridor Lärm macht, den schlag’ ich nieder. Ich setze mich raus ... Wenn Fritzchen aufwacht, ruft ihr mich!“

Und so that Kingscourt. Er setzte sich in den Gang vor Fritzchens Zimmer auf einen Stuhl und wachte. Er blickte Diener und Gäste, die vorbeiwollten, so fürchterlich an, daß sie vor ihm erschraken. Dazu knurrte er heiser, sie möchten anderswohin gehen, hier sei ein Kranker.

Eine Stunde verging so, dann eine zweite. Da ging Friedrich zu Kingscourt hinaus vor die Thüre. Der Alte fuhr von seinem Stuhle auf:

„Hat es mich jerufen?“

„Nein,“ flüsterte Friedrich. „Es schläft noch immer.“ Im selben Augenblick fühlte er sich beim Kopfe gepackt. Kingscourt hatte ihn umschlungen und raunte ihm ins Ohr:

„Fritze, wenn das Wurm aufkommt, bleib’ ich hier, für immer. Das jelobe ich hiermit feierlich. Dieses Opfer bring’ ich für seine Jenesung, so wahr ich Adalbert von Königshoff heiße ...“

Stunde um Stunde verrann. Fritzchen schlief und schlief. Er schlief sich in die Gesundheit hinüber. Aus Nacht ward Morgen. Und mit der Sonne ging auch wieder die Hoffnung auf. Als man in der Frühe Kingscourt an das Bett des Kindes rief, hatte es schon wieder helle Aeuglein und es jauchzte ihm entgegen: „Ottoh! Ottoh!“

„So ’n Kerl!“ brummte Kingscourt und versuchte eine unzufriedene Miene zu machen, weil er sich seiner nächtlichen Verzagtheit vor Friedrich schämte. „Nun gehen Sie aber auch schlafen, Kingscourt!“ sagte dieser. „Sie brauchen jetzt Ruhe. Und was Ihre Worte vom Korridor betrifft, die will ich einfach nicht gehört haben.“

„Nee, mein Lieber!“ entgegnete Kingscourt stolz, „da kennen Sie mich doch erst zur Hälfte. Was ich einmal jeschworen habe, ist jeschworen ... Aber vor allem denk’ ich einen langen Schlaf zu thun ... Nachher wollen wir sehen, wie wir uns hier in die Neue Jesellschaft aufnehmen lassen. Jawohl!“

Friedrich wußte noch immer nicht, ob der Alte scherzte. Hier zu bleiben war ja sein sehnlichster Wunsch. Ein nützliches Mitglied der Neuen Gesellschaft werden, mitarbeiten an all dem Guten, was er gesehen hatte, dauernd ein Genosse der Wackeren sein — es war sein bisher verschwiegener Traum. Und noch etwas anderes, das er sich gar nicht zu gestehen wagte.

Aber Kingscourt hielt Wort. Gleich am folgenden Tage, als Fritzchen wieder frisch und munter war und auch Frau Sarah sich vom Schrecken erholt hatte, der ihre ganze Krankheit gewesen, mahnte Kingscourt selbst an die Ausführung des Vorhabens. Erriet er die Freude, die er dem Genossen seiner zwanzig Inseljahre machte? Man durfte es ihm wohl zutrauen, dem angeblichen Menschenfeinde, der dem Zauber des Kindes erlegen war. Sein Verhältnis zu Fritzchen suchte er wenigstens auf eine prinzipientreue Weise zu rechtfertigen, nachdem er es nicht mehr zu leugnen vermochte. Er könne das Bübchen allerdings recht gut leiden, aber nur ungefähr so, wie man ein unschuldiges Tierchen gern habe. Fritzchen sei eben noch kein Mensch, folglich vergebe sich ein Menschenhasser nichts, wenn er so ’n Kerlchen liebgewinne.

„Die Motivierung, Kingscourt, schenke ich Ihnen,“ lachte Friedrich; „mir genügt die Thatsache. Wann sollen wir uns zum Eintritt in die Neue Gesellschaft melden?“

4. KAPITEL.

Sie beschlossen, es ohne Verzug zu thun. Sie wollten dem Präsidenten Eichenstamm, der sie schon damals in Haifa eingeladen hatte, einen Besuch machen und ihn um Rat fragen, wie sie es am besten anfingen, in die Neue Gesellschaft als ordentliche Mitglieder einzutreten. So fuhren sie nach dem Hause des Präsidenten. Das war ein Gebäude, das an die Palazzi der genuesischen Patrizier erinnerte. Unmittelbar vor ihnen war ein Motorwagen vorgefahren, dem zwei ältere Herren und Professor Steineck entstiegen. Der Professor stand schon auf der Freitreppe, als er die beiden Freunde sah, die mit dem Portier parlamentierten. Er winkte ihnen einen Gruß zu, und das hatte die Folge, daß der Pförtner weiter keine Schwierigkeiten machte und sie durchließ. Aber Steineck war im nächsten Augenblicke verschwunden.

Kingscourt und Friedrich hatten nach Dr. Werkin, dem Sekretär des Präsidenten, gefragt. Ein Diener führte sie in dessen Bureau, und dort hieß man sie warten. Sie warteten ein Weilchen in dem schönen hohen Vorsaale, dann wurde Kingscourt ungeduldig:

„Nee, das mach’ ich nicht länger mit. Sieben Jahre werd’ ich nicht im Vorzimmer dienen. Reden Sie mit einem der Sklaven, Fritze! Am Ende hat man uns nicht jemeldet.“

„Sklaven scheint es hier nicht zu geben,“ lächelte Friedrich. „Aber der Maschinenschreiber dort wird uns Auskunft geben.“

Der Schreiber an der Maschine gab Auskunft. Dr. Werkin sei schon seit zwei Stunden beim Präsidenten, und es heiße, daß der Präsident plötzlich schwer erkrankt sei.

„Ah — hah! Nu jehn mir die Lichter auf. Darum ist Steineck so schnell verschwunden? Wissen Sie vielleicht auch, verehrtester Maschinist, wer die zwei Herren waren, die mit Steineck kamen.“

„Ja. Das waren zwei Professoren der Medizin von der Zions-Universität.“

„Ich glaube, Kingscourt,“ sagte Friedrich, „wir ziehen uns zurück. Wir lassen unsere Visitenkarte für Dr. Werkin hier und wollen wiederkommen, wenn es dem Präsidenten besser geht.“

So verließen sie unverrichteter Sache das Haus des Präsidenten. In der Stadt Jerusalem war von dem Ereignis noch nichts bekannt. Der Verkehr rauschte mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit durch die Neustadt. Die Freunde, die sich schon in den Straßen zurechtfanden, bogen von den Boulevards ab und betraten einen großen Park, der nach englischem Muster angelegt war. Am Eingange dieses Parks bemerkten sie ein ausgedehntes Gebäude mit der Aufschrift: „Gesundheitsamt der Neuen Gesellschaft“.

Kingscourt lachte laut auf:

„Sieh mal, da haben sie wieder was Jescheutes nachjemacht. Das ist offenbar dem Deutschen Reichsjesundheitsamte nachjebildet. Da brauch’ ich nicht erst die Einjeborenen zu befragen. Ich kenne mich schon janz aus in Altneuland. Es ist ’ne Mosaik — eine mosaische Mosaik. Juter Witz, was?“