Part 19
Aber anders war das Bild außen ringsum. Da waren moderne Stadtteile entstanden, von elektrischen Bahnlinien durchzogen, breite, baumbesetzte Straßen, ein Häuserdickicht, nur von grünen Anlagen unterbrochen, Boulevards und Parks, Lehrinstitute, Kaufhallen, Prunkgebäude und Belustigungsorte. David nannte die Bauten, die man hervorragen sah. Es war eine Weltstadt nach den Begriffen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Doch immer wieder kehrten die Blicke zur alten Stadt im Mittelpunkte des Bildes zurück. Vor ihnen, jenseits des Kidronthales, lag sie im Nachmittagssonnenglanze, und es war etwas Festliches in diesem Anblick. Kingscourt hatte schon alle möglichen Fragen gestellt und von David Auskunft erhalten. Jetzt erkundigte er sich nach einem gewaltigen und prunkvollen Bau, der weiß und goldig leuchtete, auf marmornen Säulen ruhte sein Dach, ja, es war ordentlich ein Wald von Säulen mit goldenen Knäufen, die man sah. Und Friedrich vernahm es mit einer eigentümlich tiefen Bewegung, als David sprach:
„Das ist der Tempel!“
Es war ein Freitag Abend, an dem Friedrich Löwenberg zum ersten Male den Tempel von Jerusalem betrat. David hatte für die ganze Gesellschaft Wohnung in einem der elegantesten Gasthöfe vor dem Jaffathore genommen. Als es Abend wurde, rief David seinen Freund zum Tempelgange. Friedrich Löwenberg schritt mit Mirjam voraus, David und Sarah folgten. Sie gingen durch die prachtvollen Straßen der Neustadt, die mittags noch das rauschendste Leben gezeigt hatten. Jetzt, plötzlich, sonderbar, begann dieser große Verkehr zu erlahmen, zu stocken. Die Zahl der fahrenden Wagen verminderte sich auffallend, und überall wurden die Läden geschlossen. Der Sabbath senkte sich langsam und feierlich auf die vorhin laute Stadt. Und in Scharen strömten die Andächtigen den Synagogen zu. Denn außer dem großen Tempel gab es in der alten wie in der neuen Stadt noch viele Häuser des unsichtbaren Gottes, dessen Geist von Israel Jahrtausende lang durch die Welt war getragen worden.
Schon ergriff ein Vorgefühl hoher Stimmung die Wallenden, als sie in den Frieden der heiligen Stadt eintraten. Denn was jetzt innerhalb der uralten Mauern von Jerusalem lag, das war nicht mehr die Unreinlichkeit, der Lärm, der üble Geruch, wie vor zwanzig Jahren. Damals mußten sich die Pilger aller Konfessionen innerlich verletzt fühlen, wenn sie oft nach langer Fahrt an dieses Ziel ihrer Sehnsucht kamen, so widerwärtig war mancher Anblick, der sich in verwahrlosten Straßen bot. Und bevor ein frommer Wanderer zum Heiligsten seines Glaubens gelangte, mußte er durch Unerfreuliches, Weiheloses hindurch. Anders war es jetzt. Die Gassen und Gäßchen waren mit neuen Steinen gepflastert, wohlgepflegt, glatt und sauber wie der Estrich einer guten Stube. Privathäuser gab es in der Altstadt nicht mehr. Alle Gebäude dienten Zwecken der Wohlthätigkeit oder Andacht. Es gab da Pilgerhäuser für die Gläubigen aller Bekenntnisse. Christen, Mohammedaner und Juden hatten ihre gemeinnützigen Anstalten, ihre Spittel und Siechenhäuser, die in bunter Reihe nebeneinander standen. Ein gewaltiges Viereck aber nahm der ernste und großartige Friedenspalast ein, in welchem die internationalen Kongresse von Friedensfreunden und von Gelehrten aller Wissenszweige abgehalten wurden. Die Altstadt war überhaupt ein internationaler Ort, welcher allen Völkern als eine Heimat erscheinen mußte. Denn hier war das Menschlichste zu Hause: das Leiden.
Und ebenda waren auch alle Formen der Hilfe versammelt, welche das menschliche Geschlecht im Laufe seiner Geschichte wider das Leiden gesucht hat: Glaube, Liebe, Wissenschaft.
Man mußte in eine andächtige Stimmung geraten, wenn man durch diese Gassen wandelte, wie immer man sich auch zu den Religionen stellen mochte. Die Leute, die einander begegneten oder überholten, grüßten stumm und freundlich. Es war ein Sabbath in den Herzen.
Mirjam und Friedrich kamen an einem alten Herrn vorbei, der ziemlich schwer an seinem Stocke daherging. Mirjam nickte ihm zu, und er schloß sich dann dem rückwärtigen Paare David und Sarah an, das ihm zuliebe den Schritt verlangsamte.
„Dieser Alte,“ sagte Mirjam leise zu ihrem Begleiter, „hat auch seinen Frieden hier gefunden. Sie müssen sich einmal von meinem Bruder die Geschichte erzählen lassen, wie er den Mann fand und bekehrte. Es war in Paris, wo David geschäftlich zu thun hatte. Er lernte Monsieur Armand Ephraim durch Zufall kennen. Sie wissen ja schon, wie unser David ist. Seine Liebenswürdigkeit gewinnt ihm alle Herzen. So fühlte sich auch der steinreiche Monsieur Ephraim zu David hingezogen, mehr als zu seinen eigenen Verwandten, die nur auf seinen Tod warteten, um als Erben zu lachen. Monsieur Ephraim hatte immer nur Geld verdient und Geld für sein Vergnügen ausgegeben. Nun war er zu alt, um sich zu unterhalten, und er fand in seinem ermüdeten Gehirn keinen Gedanken, was er mit dem vielen Gelde anfangen sollte. Nur eins wußte er: den lustigen Erben wollte er es nicht lassen. Da bewog ihn David, nach Jerusalem zu kommen. Hier könne er sich noch einmal für sein Geld unterhalten. Der Alte kam, und David führte ihn in den Friedenspalast. Dieser Prachtbau ist mit der Zeit ein merkwürdiger Mittelpunkt milder Bestrebungen geworden. Hier wirkt man keineswegs für das jüdische Land und seine Bewohner, sondern für andere Länder und Völker. Wir sind ja in unserer Neuen Gesellschaft mit einigen Problemen fertig geworden, welche der früheren Zeit Sorge machten. Aber es giebt leider noch genug Jammer auf der Erde, und nur die gemeinschaftliche Anstrengung aller kann erleichternd wirken. Im Friedenspalaste finden sich solche universellen Bestrebungen zusammen. Wenn zum Beispiel irgendwo in der Welt eine Katastrophe hereinbricht — Brände, Ueberschwemmungen, Hungersnot, Epidemien — so wird es hierher telegraphiert. Hier ist immer ein Hilfereservoir in großen Barmitteln vorhanden, weil ebenso wie die Bittgesuche auch die Spenden sich hier zentralisieren. Ein ständiger großer Rat, dessen Mitglieder von den verschiedenen Nationen gewählt werden, wacht über die gerechte Verteilung und Ausgleichung der Gaben. Hierher wenden sich aber auch Erfinder, Künstler, Gelehrte um Unterstützung ihrer Arbeiten. Es lockt sie der Spruch, der über dem Thore des Friedenspalastes leuchtet: „Nil humani a me alienum puto“. Und es wird ihnen, wenn sie würdig sind, nach Möglichkeit geholfen ... Hier hat nun Monsieur Ephraim die Unterhaltung gefunden, die ihm unser David versprach. Monsieur Ephraim besucht mit Vergnügen die Sitzungen der Kommissionen, in denen über die Hilfsgesuche berichtet wird, und er verläßt sie immer erleichtert. Er schenkt nämlich nach und nach sein ganzes Vermögen weg. Er behält sich nur den Nutzgenuß vor, den er bis zu seinem Tode braucht. Dann soll alles guten Zwecken zufallen.“
Friedrich sagte lächelnd: „Wenn er das durchführt, wird er es erreichen, daß seine Verwandten wirklich um ihn trauern.“
Sie blieben jetzt stehen, um auf die Nachkommenden zu warten. Sie hörten, wie Mr. Ephraim hüstelnd eine früher begonnene Erzählung schloß: „Und fünfhundert Pfund Sterling habe ich einem Seehospiz für verwahrloste Londoner Kinder gegeben. Im ganzen heute hunderttausend Francs. Kein schlechter Tag — höhö — kein schlechter Tag! Wenn ich nicht mehr da wäre, hätte vielleicht heute einer meiner Neffen beim Wettrennen ebensoviel verspielt ... So habe wenigstens ich meine Freude gehabt — und sie werden nicht lachen, meine Erben hehehe ... Sondern ich lache — hehehe! Und die kleinen Kinder von London werden auch lachen, wenn sie in die gute Luft kommen ... Die armen Kindlein.“
Und jetzt waren sie vor dem Tempel von Jerusalem angelangt.
Er war wieder aufgerichtet worden, weil die Zeiten sich erfüllten. Er war wie einst aus Kalkquadern aufgebaut, die aus den nahen Steinbrüchen kamen und an der Luft zu härtestem Gestein sich festigten. Wieder standen die Säulen, aus Erz gegossen, vor dem Heiligtume Israels. Es hieß die linke Säule Boaz, die rechte aber hieß Jachin. Im Vorhofe stand ein gewaltiger erzener Altar, und auch der weite Wasserbehälter war da, den man das eherne Meer nannte, wie in den alten Zeiten, da Salomo der König regierte.
Sarah und Mirjam waren nach der Frauenabteilung gegangen. Friedrich stand im Tempel neben David in der hintersten Reihe.
„Ich habe mir,“ sagte David, „als die Tempelplätze vergeben wurden, den allerletzten ausgesucht, und ich möchte keinen anderen haben.“
Durch den herrlichen Raum begannen Gesänge und Lautenspiel zu rauschen. Wundersam ergriffen diese Klänge das Gemüt Friedrichs. Sie trugen ihn zurück in Fernen seines eigenen Lebens und in andere Zeiten Israels. Die Beter um ihn herum singsalierten und murmelten die vorgeschriebenen Worte. Ihm aber kamen schöne deutsche Verse in den Sinn: die „Hebräischen Melodien“ von Heinrich Heine. Da war Prinzessin Sabbath wieder „die man nennt die stille Fürstin“. Der Tempelsänger hob das alte Lied zu singen an, das in vielen hundert Jahren dem zerstreuten Volke heimwehweckend erklungen war, in unzähligen Synagogen auf dem Erdenrunde, das Lied des edlen Dichters Salomon ben Halevy:
„Lecho Daudi Likras Kalle ...“
Und wie es Heine deutsch gemacht:
„Komm, Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht!“
Ja, Heine fühlte als ein wahrhafter Poet die Romantik, welche im Schicksale seines Stammes enthalten war. Und daß er die innigsten deutschen Lieder sang, hinderte ihn nicht, auch die Schönheit der hebräischen Melodien zu finden. Friedrich aber besann sich jetzt einer schmählichen Zeit, in der die Juden sich alles jüdischen schämten. Sie glaubten vornehmer auszusehen, wenn sie sich nicht als Juden zu erkennen gaben. Aber gerade dadurch zeigten sie die Gesinnung von Bedienten oder Freigelassenen. Und sie konnten sich noch über die Geringschätzung wundern, die ihnen zu teil wurde, da sie doch wahrlich keine Selbstachtung an den Tag gelegt hatten. Nachgekrochen waren sie den anderen, und es ereilte sie dafür die gerechte Strafe: sie wurden abgelehnt. Aber in seltsamer Verblendung zogen sie daraus nicht die richtige Lehre, sondern eine ganz verkehrte. Diejenigen, die gute Geschäfte gemacht oder sich sonst irgendwie hervorgethan hatten, fielen öffentlich vom Glauben ihrer Väter ab. Sie bemühten sich, ihre Herkunft und Stammeszugehörigkeit wie einen Makel zu verbergen. Und wenn diejenigen, die vom Judentume herkamen, die also genau wissen mußten, was es war, sogar ihre eigenen Väter und Mütter verleugneten, nur um damit nichts zu schaffen zu haben — so mußte es wohl etwas recht Gemeines, Verwerfliches und Böses sein. Freilich entkamen die Abtrünnigen dennoch nicht, und es erging ihnen wie den Flüchtlingen aus einer verseuchten Gegend. Sie waren verdächtig und blieben gleichsam in der Quarantaine liegen. Marranen hießen im Mittelalter die getauften Israeliten in Spanien. Das Marranentum war die Quarantaine der entflohenen Juden.
Und das Judentum kam bei alledem immer tiefer herab. Es wurde das „Elend“, ganz im Sinne des alten deutschen Wortes: nämlich das Aus-land, das fremde Land, der Aufenthaltsort von Verbannten. Wer im „Elend“ war, der war ein Unglücklicher, und wer unglücklich war, es zu nichts bringen konnte, der suchte seinen Schlupfwinkel im Elend. So kamen die Juden aus eigener wie aus fremder Schuld immer tiefer hinein. Elend, Golus, Ghetto! Worte in allen Sprachen für dasselbe Ding. Verachtet werden, und sich schließlich selbst verachten! ...
Und aus diesem tiefsten Zustande hatten sie sich nun herausgehoben! Alles, was Friedrich umgab, zeigte ihm, wie es gekommen war. Das Judentum sah jetzt einfach darum anders aus, weil die Juden sich seiner nicht mehr schämten. Nicht nur die Bettler, Hilfesucher und Verstauchten bekannten sich in einem verdächtig einseitigen Solidaritätsgefühle dazu. Nein, auch die Starken, Freien, Erfolgreichen waren heimgekehrt, und sie empfingen wahrlich mehr, als sie gaben. Denn immer noch waren ihnen die Menschen anderer Völker dankbar, wenn sie etwas Großes leisteten. Das Judenvolk aber verlangte von ihnen nichts anderes, als daß sie nicht den vergeblichen Versuch machen sollten, sich von ihm loszusagen. Jedem Großen ist die Welt dankbar, wenn er ihr etwas bringt; er muß ihr etwas bringen. Nur das väterliche Haus ist seinem Sohne dankbar, auch wenn er nichts bringt, als sich selbst ....
Plötzlich, in diesen Betrachtungen, die von den hebräischen Melodien durchrauscht waren, ersah und verstand Friedrich die Bedeutung des Tempels. Einst, in der Zeit, da Salomo der König regierte, war der Tempel ein mit Gold und Edelgestein geschmücktes Wahrzeichen für den Stolz und die Macht Israels. Mit kostbaren Erzen, mit Oliven-, Cedern- und Cypressenholz war der Tempel im Geschmack der Zeit geziert, daß er eine Lust der Augen sei. Aber wie herrlich für die Begriffe jener Tage dies alles auch gewesen, um den sichtbaren und greifbaren Bau konnten die Juden doch nicht achtzehn Jahrhunderte hindurch gejammert haben. An den Trümmern konnten sie nicht um das zerstörte Mauerwerk geklagt haben — für eine Dauer von achtzehn Jahrhunderten wäre ein solcher Jammer zu läppisch gewesen. Nein, sie ächzten um etwas Unsichtbares, für das der Tempel nur ein steinerner Ausdruck gewesen. Und dieses Unsichtbare fühlte Friedrich im neuerstandenen Tempel zu Jerusalem. Es wurde ihm weit und frei zu Mute. Da standen die heimgekehrten Söhne von Gottes altem Volk und erhoben ihre Seelen zum Unsichtbaren. Sie standen wie einst ihre Väter auf dem Berge Moria.
Salomos Worte waren wieder lebendig: „Gott hat verheißen, in einer Wolke zu weilen, gebaut hab’ ich einen festen Wohnsitz dir, o Gott! eine Stätte für dein Bleiben für immer“.
Gebetet hatten sie mit mehr oder weniger Andacht in vielen Tempeln auf dem Erdenrunde, in prächtigen und armen, in allen Sprachen der Zerstreuung. Ihr unsichtbarer Gott, der Allgegenwärtige, mußte ihnen doch überall gleich nah oder fern sein. Dennoch war nur hier allein der Tempel. Warum?
Weil sie erst hier zu der freien Gemeinschaft gediehen waren, in der sie für die höchsten Zwecke der Menschheit wirken konnten. Sie hatten in früheren Seiten die Gemeinsamkeit gekannt, in der Verfolgung, im Druck, im Ghetto. Sie hatten später die Freiheit gekannt, als ihnen die Kulturvölker die Gleichberechtigung schenkten. Aber in der Judengasse waren sie ehrlos, wehrlos, rechtlos, und als sie die Gasse verließen, hörten sie auf Juden zu sein. Beides mußte da sein: Freiheit und Gemeingefühl. Da erst durften sie das Haus des Unsichtbaren und Allmächtigen errichten, welchen die Kinder sich anders vorstellen, als die Weisen, der aber als der Wille zum Guten im All gegenwärtig ist.
Und als sie nach beendetem Gottesdienste hinaustraten, als die vielen stattlichen, ernst und frei blickenden Menschen einander mit Freundlichkeit zunickten und „Guten Sabbath!“ wünschten, da sagte Friedrich zu seinem Freunde David:
„Jawohl, Sie hatten auf dem Oelberg Recht, als Sie mir dieses Haus zeigten. Das ist der Tempel!“
2. KAPITEL.
Am folgenden Sonntag fanden im ganzen Lande die Delegiertenwahlen statt.
David war in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag nach Haifa gefahren, um den Wahltag vom Mittelpunkte der Bewegung aus zu leiten. Die Partei Geyer machte überall die größten Anstrengungen. Geyers Zeitungen brachten den Tag über in rasch aufeinander folgenden Extraausgaben zuversichtliche Stimmungsberichte. Damit waren unbestimmte Verdächtigungen vermischt. Eines dieser unsauberen Blätter nahm den Generaldirektor der Neuen Gesellschaft Joseph Levy besonders aufs Korn. Es wurde von der allzu unbeschränkten Gewalt dieses Mannes über die Millionen der Neuen Gesellschaft gesprochen. Der Schreiber des Artikels beteuerte zwischendurch immer wieder, daß er Herrn Joseph Levy nicht anklagen wolle; es handle sich lediglich um das allgemeine Wohl, um die sauer erworbenen Groschen der Armen, um die Existenz der uns allen so teueren Gemeinschaft. Geschrieben war das Ganze in einem süßlichen Tone und mit Bibelworten fromm unterspickt.
Professor Steineck, der dieses Blatt im Beisein Kingscourts erhielt, wurde beim Lesen hochrot im Gesichte, und stieß fort und fort dumpfe Wutrufe aus:
„Oh du Rabenvieh! ... Oh du Schweinehund! ... Oh du — du — du Geyer! ... Der Schuft weiß ganz gut, daß unser Joe die Ehrlichkeit selbst ist. Er weiß, daß Joe sich geschunden und gerackert hat, um die Neue Gesellschaft in die Höhe zu bringen. Denn das weiß jedes Kind, das weiß die ganze Welt. Und dieser Lumpenkerl wagt es, Joe’s Namen in seinen verruchten Lügenmund zu nehmen. Alles nur wegen der Wahlen — Sie verstehen? Das soll die Leute bei der Abstimmung beeinflussen, daß sie Delegierte der Opposition wählen. Sie verstehen?“
Grimmig zerriß er das Blatt, ballte die Fetzen zu einem Knäuel und schleuderte diesen mit einem Ausruf des Ekels zum Fenster heraus.
Kingscourt lachte: „Ob ich das verstehe! Geliebter Mikrobenvater, ich habe doch auch in der Welt jelebt. Ich werde doch wissen, was die Menschen für jemeine Bestien sind. Wissen Sie, offen jestanden hab’ ich an manches in Eurer Neuen Jesellschaft, trotz Oojenschein nich jeglaubt. Die janze Jeschichte war mir ’n bißchen zu rosenrot und potemkinisch. Seh’ ich aber, daß Ihr auch Hallunken von allen Sorten auf Lager habt, dann fängt es an, mir einzuleuchten. Dann muß auch ich oller Wüstenpilger zujeben, daß die Jeschichte wahr ist.“
Im übrigen war aber in diesem Kreise von den Wahlen nicht mehr viel die Rede, so schwer es auch schien, dem Tagesereignis auszuweichen, das durch alle Ritzen hereindrang. Man bedauerte David Littwak, weil er sich so tief in den Streit eingelassen habe; doch nun kam er ja bald zur Ruhe. Er hatte oft erklärt, daß er gleich nach den Wahlen zu seinen gewohnten Arbeiten zurückkehren werde. Das Mandat eines Delegierten strebte er zwar an und wollte es ausüben, aber der Kongreß tagte nur wenige Wochen im Jahre.
Auf Mirjams Anregung benutzten Friedrich und die Freunde gerade diesen Wahltag, um einen von der Politik weit abgelegenen Ort aufzusuchen, nämlich eine Künstlerwerkstatt. Mirjam und Friedrich fuhren mit dem Professor hinaus nach dem Atelier des Malers Isaaks. Das Haus des Meisters lag in einer stillen Gegend im Osten der Neustadt. Es enthielt Kunstschätze erlesener Art. Isaaks liebte die edle Geselligkeit, und die Feste, die er öfters in seinem Palästchen veranstaltete, waren durch ihre Pracht und Feinheit berühmt.
Die Mauer des Künstlerhauses, die der Straße zugekehrt war, ließ noch nichts von der heiteren Eleganz des Inneren ahnen. Um so freudiger war man überrascht, wenn man den Vorhof betrat. Isaaks hatte sich ein reizendes Heim geschaffen. Die Vorhalle, deren Glasdach auf den vergoldeten Knäufen schlanker Marmorsäulen ruhte, war mit alten Gobelins verkleidet. Hier standen einige meisterhafte Nachbildungen antiker Skulpturen. Die Gäste wurden von einem Diener weitergeführt und kamen in einen Hof, der die Mitte des Hauses einnahm. Es war dies eigentlich ein Salon ohne Zimmerdecke. Der blaue Himmel war sein Plafond. Auf drei Seiten war der mit großen Steinplatten belegte Hof von Säulengängen umgeben, auf der vierten Seite grenzte ihn gegen den Garten ein auf Rädchen verschiebbares vergoldetes Gitter ab, das jetzt weitgeöffnet stand. Man blickte in den Garten hinaus, der um mehrere Stufen tiefer lag und nicht sehr groß war, jedoch durch eine kunstvolle Stellung der Gebüsche den Eindruck bedeutender Tiefe machte. Aus dem Palmengrün leuchtete da und dort der Marmor edler Bildsäulen. Im Hofe selbst befand sich in der Mitte ein Springbrunnen mit weitem Becken, dessen Wasser leise rauschten. Gute Lehnstühle von reicher Verschiedenheit der Formen waren in Plauderwinkeln gruppiert. Der breite um einige Stufen erhöhte Säulengang, der von drei Seiten den Hof umgab, konnte in einen geschlossenen Raum verwandelt werden, indem man aus der Tiefe Glaswände aufsteigen ließ. Aber in der milden Jahreszeit war alles offen. Dieser Hof mit seinen Kolonnaden bildete einen einzigen herrlichen Saal. Es führten aus dem Säulengange hohe, geschnitzte Thüren nach anderen Räumen des Hauses. Einzelne waren geöffnet, man erblickte den Prunk ihrer Ausstattung. Es war der Palast eines Fürsten der Kunst.
Und dort die Thüre, die jetzt aufging, war die seines Ateliers. Isaaks, dem die Gäste gemeldet worden, kam in Begleitung eines vornehm aussehenden Paares. Professor Steineck stellte Friedrich vor, und Isaaks nannte die Dame und den Herrn, die bei ihm waren: Lord Sudbury und Lady Lillian, dessen Gemahlin. Sie hielten sich in Jerusalem auf, weil Isaaks das Porträt der schönen Lady Lillian malte. Meister Isaaks war ein stattlicher Mann von etwa vierzig Jahren. Er bewegte sich und sprach mit einer heiteren Würde; man sah ihm die Gewohnheit an, mit eleganten Leuten als Gleichgestellter zu verkehren. Und doch war auch er ein armer Judenjunge gewesen, der es nur von Talentes Gnaden zu seinem jetzigen Range in der Welt gebracht hatte.
Isaaks weckte durch seine liebenswürdige Art sehr bald ein Gefühl des Behagens bei seinen Gästen. Diener trugen Erfrischungen herbei. Dann brannten die Herren Cigarren an — duftende Kräuter, die, wie der Hausherr lächelnd bemerkte, in Palästina gewachsen waren. Es war das Einzige, worauf er mit sichtlichem Stolze hinwies. „Blume des Jordans“ nenne man die Sorte. Die Tabakspflanzungen lagen nämlich im Jordanthale.
Während die Herren schmauchten und plauderten, hatte sich die schöne Lady Lillian der ihr schon von früheren Besuchen her bekannten Mirjam genähert und flüsterte ihr bittend etwas zu. Mirjam schien abzulehnen und milderte ihre Weigerung durch ein Lächeln. Es kam Friedrich vor, als hätte Mirjam beim verneinenden Kopfschütteln nach ihm hingeblickt. Auch Lady Lillian sah ihn daraufhin flüchtig an. Die Damen standen jetzt am goldenen Gitter, zwei schlanke Gestalten, die den Blick erfreuten. Mirjam, dunkelhaarig und von etwas kleinerem Wuchs, machte in ihrer sehr einfachen Kleidung doch keine schlechte Figur neben der hochragenden, blonden Engländerin, deren Toilette auf die Kunst eines Pariser Schneiders hinwies. Friedrich hatte ein unbestimmtes Gefühl von Stolz, als er das Judenmädchen, die Tochter des Hausierers in so bescheidener und doch nicht unsicherer Haltung neben der englischen großen Dame sah. Und im Tone seines abwesenden Freundes Kingscourt dachte er sich:
„Alle Deibel — nu bringen wir es sogar zu einem bescheidenen Auftreten in der Gesellschaft.“
Aber die Lady und Mirjam schritten jetzt langsam in den Garten hinaus, und Friedrich, so gern er ihnen auch gefolgt wäre, mußte dableiben, denn das Gespräch wandte sich hauptsächlich an ihn. Ihm erklärte man Dinge, die er noch nicht wußte: die Rolle der Kunst und Philosophie in der Neuen Gesellschaft. Jetzt erst, als Meister Isaaks mit seiner wohlklingenden Stimme davon sprach, fiel es Friedrich ein, daß ihm ein Aufschluß über die Fragen bisher gefehlt hatte. Er hatte den Tempel und die elektrischen Maschinen, das alte Volk und die neuen Formen seiner Vergesellschaftung in Altneuland gesehen. Aber wie stand es mit den Bedürfnissen feiner Geister in Kunst und Wissenschaft? Dies war ja vor Zeiten ein gewichtiger Einwand der sogenannten modernen Menschen gegen die zionistische Bewegung gewesen. Man hatte die Idee von der Wiedergeburt des jüdischen Volkes als eine blödsinnige Reaktion, als eine Art chiliastischen Schreckens hingestellt. Und nun hörte Friedrich vom Maler Isaaks, daß es mit nichten so war. In der Neuen Gesellschaft herrschte alles eher als Volksverdummung, wenn man auch einen jeden nach seiner Façon selig werden ließ. Glaubenssachen waren ein- für allemal von der öffentlichen Beeinflußung ausgeschaltet. Ob einer im Tempel, in der Kirche, in der Moschee, im Kunstmuseum oder im philharmonischen Konzerte die Andacht suchte, die ihn mit dem Ewigen verbinden sollte, darum hatte sich die Gesellschaft nicht zu kümmern. Das machte jeder füglich mit sich selbst aus.