Allgemeine Physiologie

Part 9

Chapter 93,176 wordsPublic domain

Es ist, trotz aller Bemühungen der Vitalisten, bisher noch nicht gelungen, irgend eine besondere Kraft in den Organismen festzustellen, d. h. in der Weise aus ihren Wirkungen zu charakterisieren, wie die Physik und Chemie es für die Kräfte der anorganischen Natur getan haben. Für keine von den Leistungen des Körpers, die aus der Tätigkeit einer Lebenskraft entspringen sollen, haben die Vitalisten bis jetzt die Behauptung zu widerlegen vermocht, daß sie in Wirklichkeit nur Ausdruck komplizierter chemisch-physikalischer Verhältnisse sind. Man hat z. B. lange geglaubt, daß bestimmte Stoffe, die man ausschließlich im lebendigen Organismus findet, nur durch die Wirksamkeit der Lebenskraft entständen, daß sie auf chemisch-physikalischem Wege nicht darstellbar wären. Diese einst so wichtige Stütze für die Annahme einer Lebenskraft hat, wie wir sahen, ~Wöhler~[8] bereits im Jahre 1828 zum Wanken gebracht, indem er den Harnstoff, einen Körper, der nur im Stoffwechsel des lebendigen Organismus produziert wird, im Laboratorium synthetisch herstellte, und zwar aus cyansaurem Ammon (NH₄)CNO, das dem Harnstoff (NH₂)₂CO isomer ist, d. h. die gleiche Anzahl derselben Atome in anderer Anordnung besitzt. Das cyansaure Ammon aber wird aus rein anorganischen Stoffen dargestellt. Dieser Synthese des Harnstoffs folgte seitdem noch eine ganze Reihe anderer von derselben Bedeutung, die alle zeigten, daß sich charakteristische Stoffe des Organismus auch künstlich zusammensetzen lassen. Die Annahme einer besonderen Lebenskraft für ihre Erzeugung im Organismus war damit überflüssig geworden. Freilich ist es noch immer nicht gelungen, eine große Anzahl von Stoffen des Tier- und Pflanzenkörpers künstlich herzustellen. Es ist wahr, daß wir gerade die wichtigsten dieser Stoffe, die Eiweißkörper der lebendigen Substanz, bisher noch nicht im Laboratorium haben darstellen können, aber die Gründe dafür sind sehr naheliegend. Wir kennen noch nicht genau genug die chemische Zusammensetzung der im Organismus vorkommenden Eiweißkörper; wir wissen zwar jetzt, +welche+ Atome in ihnen enthalten sind, aber wir haben noch keine ausreichende Erfahrung darüber, +wie+ diese Atome aneinander gekoppelt sind. Daß wir demnach vorläufig noch nicht hoffen dürfen, mit Erfolg die künstliche Darstellung der von uns im Organismus gefundenen Eiweißkörper zu versuchen, liegt auf der Hand. Dennoch ist bekannt, wie die genialen Untersuchungen ~Emil Fischer~s über die Eiweißkörper bereits soweit gediehen sind, daß es gelungen ist, in der großen Gruppe der Polypeptide Stoffe künstlich herzustellen, die den natürlich vorkommenden Eiweißkörpern bereits außerordentlich nahe stehen.

Eine andere Ueberlegung, die uns die Annahme einer besonderen Lebenskraft als gänzlich unhaltbar erkennen läßt, ist folgende. Die kalorimetrischen Untersuchungen der neueren Zeit haben gezeigt, daß beim erwachsenen Tier, das sich in vollkommenem Stoffwechselgleichgewicht befindet, d. h. das genau so viele Atome aus seinem Körper als Ausscheidungsstoffe entfernt, wie es als Nahrung aufnimmt, auch vollkommenes energetisches Gleichgewicht besteht, d. h. daß genau dieselbe Energiemenge, die als chemische Spannkraft mit der Nahrung in den Körper eintritt, bei der Lebenstätigkeit des Tieres den Körper auch wieder verläßt. Wir müssen daher die sämtlichen energetischen Leistungen des Körpers allein ableiten aus den Energiemengen, die mit der Nahrung in den Körper gelangen. Wollten wir das nicht, so würden wir zu ganz absurden Konsequenzen geführt werden. Würden nämlich die Leistungen des Körpers aus einem besonderen Energiefonds, aus der „Lebenskraft“ bestritten, so müßten wir einerseits die Annahme machen, daß die Lebenskraft fortwährend aus nichts im Körper neu gebildet würde, um seine Leistungen dauernd zu unterhalten, und anderseits, daß die Energiemengen der Nahrung als überflüssig im Körper fortwährend in nichts verschwänden. Dazu dürfte sich aber heute wohl kein Naturforscher mehr entschließen.

~Johannes Müller~, der auch Vitalist war, hat, obwohl ihm noch nicht das Gesetz von der Erhaltung der Energie bekannt war, doch diese Schwierigkeit gefühlt und zu vermeiden gesucht, indem er die Lebenskraft nach chemisch-physikalischen Gesetzen wirken ließ. Aber damit ist eben eine spezifische Lebenskraft, die etwas anderes ist als chemisch-physikalische Kräfte, im Grunde schon beseitigt, denn der Begriff Lebenskraft ist dann nur ein Sammelwort für die komplizierten chemisch-physikalischen Verhältnisse, welche die Lebensvorgänge bedingen. In der Tat fassen manche Naturforscher das Wort nur in diesem Sinne auf, und wäre ~Johannes Müller~ bereits mit dem Gesetz von der Erhaltung der Energie bekannt gewesen, so hätte er das Wort Lebenskraft sicherlich auch noch vermieden.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist der alte Begriff der Lebenskraft vollständig aus der Physiologie verschwunden. Um so seltsamer muß es daher erscheinen, wenn die Schlagworte des Vitalismus seit einer Reihe von Jahren wieder von neuem hier und dort vernommen werden. Ein genauerer Einblick in diese Tatsache zeigt uns indessen, daß es sich hier meistens nur um eine sehr unglückliche Verwendung der alten Worte handelt, daß der Sinn derselben vollständig gewechselt hat, und daß da, wo man von „Vitalismus“ und „Neovitalismus“ spricht, in der Regel etwas ganz anderes darunter verstanden wird als in der alten Lehre von der Lebenskraft. Freilich ist in vereinzelten Fällen auch noch die unklare Mystik des echten Vitalismus der alten Zeit unter den neueren Vitalisten zu finden. Im allgemeinen kann man unter den Aeußerungen des neueren Vitalismus drei Gruppen unterscheiden, die man kurz bezeichnen kann als „mechanistischen“, „psychischen“ und „teleologischen“ Vitalismus[9].

Der „+mechanistische Vitalismus+“ ist die hier und dort vertretene Ansicht, daß zwar die Lebensvorgänge im Grunde auch auf der Wirksamkeit physikalischer und chemischer Faktoren beruhen, daß aber chemische und physikalische Bedingungen in den lebendigen Organismen zu einem so eigenartigen, bisher noch unerforschten Komplex verkettet sind, daß man diesen vorläufig als eine besondere, nur das Geschehen in den lebendigen Organismen charakterisierende Lebenskraft allen Faktoren der anorganischen Natur gegenüber stellen muß. Mit anderen Worten, man versteht unter Lebenskraft nur das spezielle Getriebe der chemisch-physikalischen Faktoren, das gerade den Lebensvorgängen zugrunde liegt. Es ist offenbar, daß sich gegen das Tatsächliche dieser Auffassung nichts einwenden läßt. Eine andere Frage ist es aber, ob die Bezeichnung „Lebenskraft“ und „Vitalismus“ in diesem Falle gerechtfertigt ist. Mit dem alten Vitalismus, der eine „force hypermécanique“ als „Ursache“ der Lebensvorgänge annahm, hat diese Vorstellung nichts zu tun. Es heißt daher nur den Vorteil, den uns die mühsam erkämpfte Ueberzeugung von der Einheitlichkeit der Prinzipien in der gesamten Natur bietet, wieder aufgeben, wenn man zu dem übel berufenen Wort, das bei uns ein ganz bestimmtes Vorurteil erweckt, zurückkehrt.

Etwas ganz anderes ist der +psychische Vitalismus+, wie ihn ~Bunge~[10] und im wesentlichen, wenn auch mehr poetisch als klar, ~Rindfleisch~[11] vertritt. Es ist nicht eigentlich eine physiologische Lehre, sondern mehr eine philosophische, die der richtigen Erkenntnis von der Unzulänglichkeit des Materialismus entspringt und sich in bedauerlicher Weise des äußerst ungeeigneten Namens „Vitalismus“ und „Neovitalismus“ bedient.

Betrachten wir z. B. den Standpunkt von ~Bunge~ etwas genauer. Mit dem Satze: „Wenn aber die Gegner des Vitalismus behaupten, daß in den lebenden Wesen durchaus keine anderen Faktoren wirksam seien als einzig und allein die Kräfte und Stoffe der unbelebten Natur, so muß ich diese Lehre bestreiten“, spricht zwar ~Bunge~ unzweideutig das vitalistische Glaubensbekenntnis aus. Indessen geht aus seinen weiteren Ausführungen ebenso deutlich hervor, daß sein Vitalismus in Wahrheit gar kein Vitalismus ist. In Wirklichkeit zeigt sich nämlich, daß ~Bunge~s Vitalismus im wesentlichen ein „philosophischer Idealismus“ ist[12]. Dabei begeht ~Bunge~ nur die Inkonsequenz, daß er der gesamten organischen Natur eine Psyche zuschreibt, der anorganischen dagegen nicht. Die Psyche ist ihm der Faktor, der die Leistungen der lebendigen Körperwelt gegenüber denen der leblosen auszeichnet. ~Bunge~ sagt, anknüpfend an das Gesetz ~Johannes Müller~s von den spezifischen Sinnesenergien: „Ich meine das einfache Gesetz, daß ein und derselbe Reiz, ein und derselbe Vorgang der Außenwelt, ein und dasselbe ‚Ding an sich‘ auf verschiedene Sinnesnerven einwirkend stets verschiedene Empfindungen veranlaßt (‚auslöst‘), und daß verschiedene Reize auf denselben Sinnesnerv einwirkend stets dieselbe Empfindung veranlassen, daß also die Vorgänge in der Außenwelt mit unseren Empfindungen und Vorstellungen nichts gemein haben, daß die Außenwelt für uns ein Buch mit sieben Siegeln, daß das einzige unserer Beobachtung und Erkenntnis unmittelbar Zugängliche die Zustände und Vorgänge des eigenen Bewußtseins sind. Diese einfache Wahrheit ist das Größte und Tiefste, was je der Menschengeist gedacht. Und diese einfache Wahrheit führt uns auch zum vollen Verständnis dessen, was das Wesen des Vitalismus ausmacht. Das Wesen des Vitalismus besteht nicht darin, daß wir uns mit einem Worte begnügen und auf das Denken verzichten. Das Wesen des Vitalismus -- richtiger +Idealismus+ -- besteht darin, daß wir den allein richtigen Weg der Erkenntnis einschlagen, daß +wir ausgehen von dem Bekannten, von der Innenwelt, um das Unbekannte zu erklären, die Außenwelt+. Den umgekehrten und +verkehrten+ Weg schlägt der Mechanismus ein -- der nichts anderes ist als der Materialismus -- er geht von dem Unbekannten aus, von der Außenwelt, um das Bekannte zu erklären, die Innenwelt.“

Man sieht hieraus, daß ~Bunge~s Standpunkt in der Tat mit dem Vitalismus nichts zu tun hat. Seine Betrachtungen sind vielmehr nichts anderes als ein Ausdruck seines Strebens, aus den Schwierigkeiten und Widersprüchen, zu denen der Materialismus führt, herauszukommen. Leider verfällt er dabei in neue Widersprüche und Schwierigkeiten, weil er nicht bis auf die Basis der Erkenntniskritik zurückgeht.

Der +teleologische Vitalismus+ endlich ist ein wirklicher Vitalismus von altem Schrot und Korn, denn er glaubt in der Tat die Lebensäußerungen nicht anders erklären zu können, als durch das Walten von mystischen Zweckvorstellungen in der organischen Natur. Indessen gibt es unter den wissenschaftlichen Forschern wohl nur sehr wenige Anhänger dieser naiven Vorstellung, und es ist charakteristisch, daß ihr Standpunkt gerade von seiten der +physiologischen+ Forschung nirgends Berücksichtigung gefunden hat. Da indessen ihre Vertreter durch ihre Darstellungsweise den Eindruck zu erwecken suchen, als ob es sich dabei tatsächlich um eine wissenschaftliche Erkenntnis handele, so sei hier kurz darauf eingegangen.

Es sind hauptsächlich die Tatsachen der Entwicklung und Regeneration, die zu solchen vitalistischen Spekulationen geführt haben. So gelangt z. B. ~Driesch~[13] durch folgende Betrachtung zu seinem Vitalismus. Es ist seit langer Zeit bekannt, daß bei vielen Pflanzen und niederen Tieren nach Abtragung beliebiger Substanzmassen von bestimmten Teilen eine vollständige Regeneration der verloren gegangenen Organe oder anderer dem Organismus eigentümlicher Organe an der Schnittstelle erfolgt. Ob man viel oder wenig an den betreffenden Stellen abträgt, jede beliebige Schnittstelle regeneriert immer wieder normal gebaute Organe. ~Driesch~ zieht daraus den Schluß, daß die Elementarteile dieser Organismen oder gewisse Gewebe derselben, obwohl sie sämtlich die gleiche „prospektive Potenz“, das soll heißen, die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten, haben, doch unter allen ihnen offenstehenden Möglichkeiten nur diejenige wählen, deren Verwirklichung mit den Entwicklungsprodukten der anderen Elementarteile zusammen ein harmonisches Organ zur Ausbildung bringt. Daraus wiederum schließt ~Driesch~ auf das Wirken einer ~Aristotel~ischen „Entelechie“, also einer Zweckvorstellung in jedem Teilchen, durch die sich alle organischen Systeme von allen anorganischen Körpern fundamental unterscheiden.

Der Fehler dieser ganzen Schlußfolgerung liegt in der Voraussetzung mehrfacher Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Elementarteile, unter denen das einzelne Elementarteilchen eine Wahl vornehmen könnte. Vom Standpunkte des Konditionismus hätte sich ~Driesch~ vor diesem Fehler ohne weiteres bewahren können, denn von diesem Standpunkte aus springt der Fehler deutlich genug hervor. Das einzelne Elementarteilchen +hat+ gar nicht verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten, unter denen es auswählen könnte, denn seine Entwicklung ist +eindeutig+ bestimmt durch die ganze Summe von Bedingungen, unter denen es steht. Diese Bedingungen sind aber für jedes einzelne Elementarteilchen schon allein infolge seiner +Lage+ völlig verschieden, denn jedes wird ja von einer anderen Umgebung beeinflußt. Infolgedessen +können+ gar nicht alle Teilchen sich übereinstimmend weiter entwickeln und die Annahme einer gleichen „prospektiven Potenz“ aller Teilchen ist falsch. Damit fällt aber auch die ganze weitere Schlußfolgerung einer Auswahl und Zweckvorstellung zusammen, und von „Beweisen“ für den Vitalismus, wie ~Driesch~ geglaubt hat, ist gar nicht die Rede[14].

Wiederum bewahrt uns ein konsequenter Konditionismus hier vor falschen Schlußfolgerungen und ihren Fallstricken. Für die streng konditionale Betrachtungsweise gibt es nur überall eindeutig bestimmte Gesetzmäßigkeit und diese gilt für die organische Natur ebenso wie für die anorganische. Die Physik und Chemie sind die Wissenschaften, die diese +allgemeine+ Gesetzmäßigkeit des Seins und Geschehens in der Welt formulieren. Es ist also logisch selbstverständlich, daß die Vorgänge in der organischen Natur auch den Gesetzen der Physik und Chemie folgen müssen. Die Physiologie ist und kann daher nie etwas anderes sein als Physik und Chemie der lebendigen Organismen. Auf der anderen Seite darf nicht vergessen werden, daß Physik und Chemie auch heute noch keine fertigen Wissenschaften sind, daß sogar ganz wesentliche Ansichten auf diesen Gebieten in Zukunft noch tiefgehende Aenderungen erfahren werden. +So viel aber steht fest: niemals kann sich für die Physiologie ein anderes Erklärungsprinzip der Lebensvorgänge ergeben als für die Physik und Chemie bezüglich der Vorgänge in der leblosen Natur. Die Annahme einer besonderen Lebenskraft, die etwas prinzipiell anderes wäre als die Gesetzmäßigkeit in der anorganischen Welt, ist in jeder Form nicht nur durchaus überflüssig, sondern auch unzulässig, denn sie beruht immer nur darauf, daß man die Analyse einer Lebensäußerung nicht weit genug durchgeführt hat.+

D. Zellularphysiologie.

Wie kommt es, daß ganz moderne Bestrebungen in der Naturforschung, nachdem die berüchtigte Idee von der Existenz einer Lebenskraft jahrzehntelang für endgültig beseitigt gehalten worden ist, trotz ihrer großen Verschiedenartigkeit gerade dieses verfehmte Wort als Devise von neuem hervorsuchen? Worin liegt der Reiz, den die Worte: „Lebenskraft“, „Vitalismus“ etc. in der Neuzeit noch auf Forscher, wie ~Hanstein~[15], ~Kerner~[16], ~Bunge~[17], ~Rindfleisch~[18], ~Driesch~[19] und andere auszuüben vermögen? Das psychologische Motiv ist nicht schwer aufzudecken. Es ist dasselbe, das einst zu ~Haller~s Zeiten die Idee von der Lebenskraft geboren hat, nämlich das Unvermögen, gewisse Lebensäußerungen bisher mechanisch erklären, d. h. auf chemisch-physikalische Prinzipien zurückführen zu können. Freilich hat diese Tatsache während der verflossenen Jahrzehnte auch bestanden, aber man hat sie mehr vernachlässigt, solange die Aufmerksamkeit durch die epochemachenden physiologischen Entdeckungen ~Ludwig~s, ~Claude Bernard~s, ~Du Bois-Reymond~s, ~Helmholtz~s und anderer gefesselt war. Heute, wo die glänzenden Entdeckungen der großen Physiologen des 19. Jahrhunderts bis in ihre nächsten Konsequenzen hinein bereits verfolgt sind, wo die Mechanik der gröberen Leistungen des Körpers in ihren wesentlichen Zügen bekannt ist, heute, wo man die in der alten Richtung gewonnenen Ergebnisse zwar noch bis in ihre Einzelheiten zu vertiefen bemüht ist, wo man aber mit den alten Methoden keine wesentlich neuen, hervorragenden Ergebnisse mehr erzielt: heute ist man sich dieser Tatsache mehr bewußt geworden. Dazu kommt noch ein weiterer unterstützender Umstand. Die heutige Naturforschung befindet sich zum großen Teile noch immer unter dem Banne jener mächtigen Zauberformel, mit der ~Du Bois-Reymond~ den ungehindert vorwärts strebenden Geist gelähmt und abgeschreckt hat, indem er der Forschung mit seinem „Ignorabimus“ eine ewige Entsagung auferlegte, deren Notwendigkeit man um so bereitwilliger anerkannte, als sie von solchem Munde und in so gewaltig packender Form gepredigt wurde. Diese Entsagung in Verbindung mit der Tatsache, daß man mit den bisher gebräuchlichen Methoden gewissen Problemen des Lebens gegenüber in der Tat große Schwierigkeiten findet, dürfte psychologisch die Neigung zur Koketterie mit dem Vitalismus, sei es, daß er sein altes Gewand trägt, sei es, daß er in modernem Kleide erscheint, genügend erklären.

Indessen dem menschlichen Geiste fällt die Entsagung schwer, und selbst ~Du Bois-Reymond~ entschließt sich nicht leicht dazu. Diese natürliche Abneigung des Denkens gegen ewige Entsagung läßt schon allein vermuten, daß der Entsagungsstandpunkt kein in der Natur des menschlichen Geistes begründeter, kein berechtigter sein dürfte, und unsere frühere Betrachtung gibt uns darin recht. Wenn aber der Entsagungsstandpunkt gegenüber den Rätseln des Lebens, den übrigens in praxi die meisten Forscher verleugnen, nicht der richtige ist, wenn die Aeußerungen des Lebens dennoch auf mechanischen Vorgängen beruhen, dann bleibt nur eins übrig, nämlich, daß die physiologische Forschung ihre Methoden erweitert.

+Wir sind im letzten Jahrzehnt des verflossenen Jahrhunderts bei einem Wendepunkt in der Physiologie angelangt, wie er deutlicher sich nicht bemerkbar machen kann.+ Die Wiederkehr des Vitalismus ist ein Anzeichen dafür. Wie vor großen Wendepunkten in der Geschichte bei hellsehenden Leuten vorbedeutungsvolle Geister erscheinen, so taucht in unseren Tagen bei manchen Naturforschern das alte Gespenst der Lebenskraft wieder auf.

Was diesen Wendepunkt in der Physiologie charakterisiert, ist nicht schwer zu sehen. Wenn wir uns fragen, was haben wir in der Physiologie erreicht, so finden wir, daß wir die groben chemischen und physikalischen Leistungen des Körpers zum größten Teil kennen gelernt haben, und zwar dank den genialen Forschungsmethoden und den gewaltigen Entdeckungen der Forscher unserer Zeit vielfach bis zu einer Genauigkeit, wie sie sonst nur die Entdeckungen der Physik und Chemie noch auszeichnet. Wir kennen die Gesetze der Herztätigkeit, der Blutbewegung, des Luftwechsels in den Lungen, der Muskelzuckung, der Nervenleitung; wir kennen die Leistungen der Sinnesorgane; wir wissen, in welcher Weise die Verdauungssäfte auf die Nahrung einwirken; wir kennen die spezielle anatomische Lokalisation der Bedingungen vieler Bewußtseinsvorgänge. Aber alles das sind nur die Massenleistungen großer Teile des Körpers, sind nur die letzten Enderfolge der Lebensvorgänge. Alles, was wir jetzt noch mit den speziellen Methoden, die von den großen Meistern in der Physiologie eben für +diese+ Zwecke geschaffen wurden, weiter erreichen, ist im wesentlichen nur eine Vertiefung unserer bisherigen Kenntnisse bis in feinere Einzelheiten und eine Anwendung auf analoge Verhältnisse. Das beweist jeder Blick in die physiologische Literatur, das lehrt jedes neu erscheinende Heft der Archive. Daher gibt es augenblicklich auch keine dominierende Richtung in der Physiologie, wie es noch vor kurzer Zeit die physikalische Richtung war. Eine neue größere Entdeckung wird auf dem bisherigen Wege trotz eines häufig bewundernswerten Aufwandes an Scharfsinn und Kenntnissen nur selten noch gemacht, und doch sind die eigentlichen Rätsel des Lebens noch nicht gelöst. Wir wollen nicht so weit gehen wie ~Bunge~ und behaupten, daß alle Lebensäußerungen, die bisher mechanisch erklärt wurden, überhaupt keine Lebensäußerungen sind; aber es kann dennoch kein Zweifel darüber bestehen, daß wir gerade die allgemeinen, die elementaren Lebensvorgänge bisher nicht erklären konnten. Diese Machtlosigkeit der heutigen Physiologie gegenüber den einfachsten Lebensvorgängen weist offenbar darauf hin, daß die Methoden, welche die Mechanik der groben und speziellen physiologischen Leistungen erklärt haben, so genial sie für diesen Zweck erdacht waren, uns für andere Zwecke, für die Erforschung der Lebensvorgänge in ihren +tieferen+ und +allgemeinen Bedingungen+, vielfach im Stiche lassen.

Um den allgemeinen Rätseln des Lebens beizukommen, müssen wir einen ganz anderen Weg einschlagen. Aber es gibt einen Weg, und auf diesen Weg sind wir bereits deutlich genug gewiesen, als wir nach unserem Ueberblick über die Entwicklungsgeschichte der physiologischen Forschung die Ergebnisse kurz zusammenfaßten. +Worauf uns die Betrachtung jeder einzelnen Funktion des Körpers immer wieder hindrängt, das ist die Zelle. In der Muskelzelle liegt das Rätsel der Herzbewegung, der Muskelkontraktion; in der Drüsenzelle liegen die Bedingungen der Sekretion; in der Epithelzelle, in der weißen Blutzelle liegt das Problem der Nahrungsaufnahme, der Resorption, und in der Ganglienzelle schlummern die Geheimnisse der geistigen Vorgänge sowie der Regulierung aller Körperleistungen. Längst hat uns die Zellenlehre gezeigt, daß die Zelle der Elementarbaustein des lebendigen Körpers, der „Elementarorganismus“ ist, in dem die Lebensvorgänge ihren Sitz haben; längst haben Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Zoologie und Botanik die Bedeutung dieser Tatsache erkannt, und längst hat das mächtige Aufblühen dieser Wissenschaften die Fruchtbarkeit der zellularen Forschungsweise glänzend bewiesen. Nur in der Physiologie hat man erst in der jüngsten Zeit angefangen, die einfache und mit so logischer Schärfe auftretende Konsequenz zu beachten, daß, wenn die Physiologie die Erforschung der Lebensvorgänge als ihre Aufgabe betrachtet, daß sie dann die Lebensvorgänge an dem Orte untersuchen muß, wo sie ihren Sitz haben, wo der Herd der Lebensvorgänge ist, d. i. in der Zelle. Will daher die Physiologie sich nicht bloß damit begnügen, die bisher gewonnenen Kenntnisse von den groben Leistungen des menschlichen Körpers noch weiter zu vertiefen, sondern liegt ihr daran, die elementaren und allgemeinen Lebensvorgänge zu erklären, so wird sie das nur erreichen als =Zellularphysiologie=.+