Allgemeine Physiologie

Part 8

Chapter 83,354 wordsPublic domain

Die erste Grenze lag für ~Du Bois-Reymond~ in der Unmöglichkeit, +das Wesen der Materie+ zu erkennen. Was ist Materie? Hier fühlt sich ~Du Bois-Reymond~ ratlos. In Wirklichkeit ist kein Grund zu irgendwelcher Verlegenheit. Wir müssen uns nur, wie immer und immer wieder bei allen Begriffen, die wir verwenden, erinnern, daß es sich hier um einen Begriff handelt, der einst vom Menschen geschaffen worden ist, um eine Reihe von Tatsachen unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenzufassen, der aber, wie alle Begriffe, sobald er bei weiter und weiter fortschreitender Erfahrung zu eng oder gar falsch wird, geändert oder ganz abgeworfen werden muß. Der Begriff der Materie ist sehr alt und läßt sich bis in die Zeiten der ionischen Naturphilosophie zurückverfolgen. Er entsprang aus der Annahme, daß alle Körper aus einem gemeinsamen Urstoff bestehen. Das ist aber eine Hypothese, für die auch heute noch nicht der Schatten eines Beweises existiert. Die Tatsache der Teilbarkeit von Körpern hat dann weiterhin dazu geführt, die Materie aus kleinen, diskreten Teilchen bestehend zu denken. ~Leukippos~ und ~Demokritos~ haben, wie es scheint, diese Corpuscularvorstellungen zuerst in ihrer Atomtheorie in ausgedehnterer Weise entwickelt. Die Atomtheorie ist dann bekanntlich von der modernen Chemie in unvergleichlich scharfsinniger Weise ausgebaut worden und hat sich in ihrer heutigen Form als ein unendlich fruchtbares heuristisches Prinzip erwiesen. Aber wir dürfen mit dem Begriff des Atoms keine unhaltbaren Vorstellungen verknüpfen. Und es ist nicht zu leugnen, daß sich das naive Denken durch die Atomtheorie und ihre plastische Anschaulichkeit selbst in der Naturforschung noch häufig zu ganz kindlichen Ansichten verführen läßt. Der Mensch ist gewöhnt, die Dinge, die er zergliedert und betrachtet, sich selbst gegenüberzustellen. So kommt der naive Geist unwillkürlich dazu, sich einen Standpunkt außerhalb der Welt zu konstruieren, von dem aus er die gesamte Welt, wie der Naturforscher das einzelne Objekt, betrachtet. Auf Grund der Atomtheorie erscheint ihm dann die vor ihm liegende Welt wie ein enormer Haufen kleinster Kügelchen, die er sich mikroskopisch vergrößert denkt, so daß er das einzelne Kügelchen herausgreifen, in die Hand nehmen und für sich isoliert untersuchen zu können glaubt. So ungefähr sieht das materialistische Weltbild aus, ein wahrer Rattenkönig von schiefen und falschen Vorstellungen!

Es wäre indessen verkehrt, wenn wir die großen Verdienste des Materialismus damit verkennen wollten. Es gibt Leute, die den Materialismus überwunden haben und sich nun nicht genug tun können, über den „krassen und rohen Materialismus“ zu schimpfen. Das ist undankbar, denn wir verdanken dem Materialismus viel: Wir verdanken ihm -- um nur den wichtigsten Punkt hervorzuheben -- den Sieg der Klarheit, der plastischen Anschaulichkeit über den unklaren Mystizismus und wunderverkündenden Kirchenglauben, den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Die Atomtheorie speziell ist auch heute noch eine äußerst fruchtbare, ja unentbehrliche Vorstellung, so z. B. in der Chemie. Was hat die Chemie alles mit diesem Erklärungs- und Forschungsprinzip erreicht! Es wäre undankbar, wenn wir verkennen wollten, was hier die materialistische Anschauungsweise vollendet hat. Es gibt Irrtümer in der Geschichte des menschlichen Denkens, die wertvoller sind als manche Wahrheit; ein solcher fruchtbarer Irrtum war auch der Materialismus. Aber wir müssen über ihn hinwegzukommen suchen, sobald wir auf seine Fehler stoßen. Jede Weltanschauung ist endlich. Sie wird alt und verfällt dem Tode, genau wie jeder Organismus. So ist auch der Materialismus als Weltanschauung heute im Absterben begriffen, weil er neben seinen brauchbaren Bestandteilen eine Menge von schiefen und falschen Vorstellungen enthält. ~Du Bois-Reymond~s Betrachtung hat recht deutlich gezeigt, wie die materialistische Weltanschauung zur völligen Ratlosigkeit führt.

Machen wir uns die Irrtümer des Materialismus klar. Wenn wir uns nur immer streng an die Betrachtungsweise des wissenschaftlichen Konditionismus halten, wird uns das nicht schwer. Die Hypothese, daß allen Dingen ein gemeinsames letztes Substrat zugrunde liege, wird durch die Erfahrung in keiner Weise gestützt. In der Periode der Naturwissenschaft, deren Anschauungen in der Betrachtung ~Du Bois-Reymond~s zum Ausdruck gekommen sind, hielt man noch die Atome der sogenannten chemischen Elemente für die letzten Bestandteile der Wirklichkeit und der Satz von ihrer Unveränderlichkeit war ein allgemeines Dogma. Aber schon auf Grund dieser Vorstellungen hätte von einem einheitlichen Substrat der Dinge gar nicht die Rede sein können, denn man kannte ja nicht weniger als 70 verschiedene „Elemente“. Allerdings begann schon damals der Gedanke sich zu verbreiten, daß die chemischen Elemente in einem bestimmten genetischen Verhältnis zueinander stehen müßten, so daß die Elemente mit höherem Atomgewicht aus Elementen mit niederem Atomgewicht einmal entstanden seien. Das ~Mendelejew~sche natürliche System der Elemente gab für diese Anschauung eine starke Stütze. Aber erst die Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß unter bestimmten Bedingungen tatsächlich ein Zerfall von Elementatomen stattfinden kann in Teilchen von ganz unvergleichlich geringerer Größe. Die Untersuchungen über die radioaktiven Stoffe, deren sich überstürzende Resultate noch gar kein Ende absehen lassen, haben uns an die Existenz viel kleinerer Teilchen gewöhnt und die Elektronentheorie scheint berufen, das Gebiet dieser kleineren Bestandteile allmählich ebenso anschaulich aufzuklären, wie die Atomtheorie es für die Welt der Elementatome getan hat. Wenn man aber annehmen wollte, daß die Elektronen nun die letzten Bestandteile der Dinge seien, so wäre diese Annahme wiederum völlig aus der Luft gegriffen und durch keine Erfahrung begründet. Die Elektronen existieren, genau wie die Atome ebenfalls, als solche nur, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, und nichts hindert uns anzunehmen, daß die Elektronen unter anderen Bedingungen wiederum in kleinere Teilchen zerfallen. Schließlich ist die Annahme letzter, nicht weiter teilbarer Bestandteile der Dinge, in welcher Form sie auch auftreten mag, stets eine durchaus willkürliche Hypothese, und es existiert kein stichhaltiger Grund, die Teilbarkeit der Körper, die als unendlich +denkbar+ ist, irgendwo als begrenzt zu betrachten. Vor allem aber ist eine Vorstellung, die der Materialismus gezüchtet hat, vollkommen im Widerspruch mit aller Erfahrung, das ist die Annahme, daß irgend ein Substrat der Dinge existiere, das unter allen Umständen eine bestimmte Summe von unveränderlichen und ihm selbst stets immanenten Eigenschaften besäße. Eine solche absolute Materie, die von allen Bedingungen unabhängig wäre, existiert schlechterdings nicht. Es gibt nur bedingte Dinge. Absolute Dinge zeigt uns die Erfahrung niemals und nirgends. Ein Ding, und sei es selbst ein Atom oder ein Elektron, ist immer nur da, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind. Wo diese Bedingungen fehlen, da ist auch kein Atom, denn was ich ein Atom nenne, das ist ja identisch mit diesem System von Bedingungen.

Wenn wir aber diese schiefen und irrigen Vorstellungen aus dem Begriff der Materie eliminieren, dann verändert dieser Begriff sein Aussehen vollständig. Dann besteht die Welt nicht aus einem Haufen von teilbaren kleinsten Teilchen, von denen jedes eine Summe von absolut unveränderlichen Eigenschaften besitzt, sondern aus einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Dingen, die alle untereinander in eindeutig bestimmtem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Die Aufgabe der Forschung ist es, dieses Abhängigkeitsverhältnis zu ermitteln. Wie wir oben sahen, erforschen wir damit die Dinge selbst.

Das Problem einer absoluten Materie als des letzten allgemeinen Bestandteils aller Körper ist also ebenfalls ein Scheinproblem, das vor der konditionellen Betrachtungsweise zerschmilzt wie der Schnee vor der Sonne. Infolgedessen liegt hier auch keine Grenze der Erkenntnis, denn erkennbar sind alle Dinge, die ich zu mir in Beziehung setzen kann, und mit der Erkenntnis eines jeden Dinges mache ich einen Fortschritt in der Erkenntnis der Welt.

Aber gibt es nicht Dinge, die ich +nicht+ zu mir in Beziehung setzen kann, weil sie sinnlich nicht wahrnehmbar sind, Dinge, die demnach unerkennbar wären?

Seit alter Zeit hat man bekanntlich zwei Arten von Dingen unterscheiden zu müssen geglaubt, die körperlichen und die geistigen Dinge. Die Unterscheidung der menschlichen Natur in Leib und Seele geht weit in die prähistorische Steinzeit zurück. Wenn wir aus dem primitiven Denken der heute noch lebenden Naturvölker einen Rückschluß ziehen dürfen auf die prähistorische Geistesentwicklung, so ist diese dualistische Spaltung des menschlichen Wesens entstanden aus der Beobachtung der Todestatsache und des Traumlebens. Man sah einen Menschen, der eben noch sich bewegte und sprach, atmete und empfand, plötzlich daliegen regungslos und stumm, ohne Atemzug und ohne Empfindung. Es mußte etwas aus ihm heraus geflogen sein, etwas Unsichtbares, das vorher in ihm atmete und sprach, sich bewegte und fühlte. Das war die Seele. Unverändert aber, wie er immer gewesen war, blieb der sichtbare Körper zurück, der Leib. Im Schlafe sah man dann bei sich selbst, ebenso wie bei anderen im Tode, häufig die Seele sich vom Körper trennen und auf die Wanderschaft gehen in ferne Gegenden zu fernen Leuten. Aber diese Trennung war nur vorübergehend. Die Seele kehrte des Morgens wieder in ihren Körper zurück, der während dessen ruhig auf seinem Lager gelegen hatte. Auch die Seele eines Verstorbenen sah man bisweilen des Nachts im Traume ganz in der Gestalt des Lebendigen wiederkehren, während sein toter Körper noch in seiner Hütte oder tief unter Steinen vergraben mit fest an den Leib gefesselten Beinen und Armen im Erdboden lag. Das alles +mußte+ den naiven Geist zu der Annahme von zwei ganz verschiedenen Wesen im lebendigen Menschen führen, zu der Annahme, daß ein unsichtbares Wesen, die Seele, in dem sichtbaren Leibe wohne, wie ein Mieter in einem Hause. Diese Konzeption des steinzeitlichen Menschen hat eine wahrhaft unendliche Fülle von Spekulationen angeregt. Ja man kann sagen, daß sich an ihr das gesamte Denken der Menschheit vervollkommnet und emporgerankt hat bis zur seiner heutigen Blüte. Bei ~Descartes~ hat diese Idee ihren schärfsten Ausdruck gefunden in der Charakterisierung der Körper als ausgedehnter Dinge, der Seele als eines Dinges ohne Ausdehnung. Allmählich ist dieser so einleuchtende Gedanke eines Dualismus von Leib und Seele fast allen Völkern der Erde in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr, daß selbst das Denken des Kulturmenschen von Jugend auf von ihm durchtränkt wird.

Es fragt sich aber, ob die Gründe, die einst den primitiven Geist des steinzeitlichen Menschen zu diesem Dualismus geführt haben, für uns auch heute noch bindend sein können.

Auf der einen Seite hat die moderne „+Lehre vom psycho-physischen Parallelismus+“ der steinzeitlichen Idee ihre wissenschaftliche Sanktion erteilt, ja sie hat sogar diese Vorstellung noch schärfer formuliert. Nach der Lehre vom psycho-physischen Parallelismus gehen bestimmte körperliche Vorgänge in den Bestandteilen der Großhirnrinde stets und unabänderlich parallel mit bestimmten psychischen Vorgängen, ohne daß aber zwischen beiden Reihen von Vorgängen eine „kausale“ Abhängigkeit bestände. Die Reihe der körperlichen Vorgänge ist nach dieser Vorstellung vollständig in sich geschlossen, ihre einzelnen Glieder stehen in untrennbarem „Kausalzusammenhange“ untereinander und nirgends ist zwischen ihnen eine Lücke, die durch ein psychisches Glied ausgefüllt würde. Die Glieder der körperlichen Reihe sind schließlich allein objektiv sinnlich wahrnehmbar, die der psychischen Reihe sind nur aus subjektiver Erfahrung bekannt. Das ist die Lehre, die sich heute einer weiten Wertschätzung in manchen Kreisen der Philosophie und der Naturwissenschaften erfreut.

Auf der anderen Seite ist man seit langer Zeit unbefriedigt gewesen von dem psycho-physischen Dualismus. Zahlreiche Denker haben versucht, diesen Dualismus in monistischem Sinne zu lösen. Es sei nur an die Versuche ~Spinoza~s, der Materialisten ~Haeckel~s und in neuerer Zeit ~Ostwald~s erinnert. Aber man kann nicht sagen, daß einer dieser Versuche allgemeine Zustimmung erfahren hätte.

Suchen wir nach der Begründung, die heute noch für die Annahme des Dualismus von Körperwelt und Psyche angeführt wird, so ist es immer ein und dasselbe Moment. Man sieht eine unüberbrückbare Kluft zwischen körperlichen und geistigen Vorgängen darin, daß die ersteren der sinnlichen Wahrnehmung objektiv zugänglich sind, die letzteren nicht. ~Du Bois-Reymond~s Betrachtung glaubt das besonders schlagend gezeigt zu haben. Aber täuscht man sich nicht etwa hier? Sehen wir zu! Nehmen wir an, ein ~Laplace~scher Geist im Sinne ~Du Bois-Reymond~s könnte in das Gehirn eines lebendigen Menschen hineinsehen, während dieser die Empfindung einer Rose hat, die er ansieht, so würde ein solcher idealer Geist die sämtlichen physiologischen Vorgänge in den Ganglienzellen beobachten, die sich während der Empfindung des betreffenden Menschen abspielen, +aber+ -- so nimmt nun ~Du Bois-Reymond~s Art der Betrachtung an -- er würde niemals die Empfindung der Rose selbst wahrnehmen und würde nicht verstehen, wie diese zu stande kommt. Ja, was denkt man denn eigentlich zu finden, wenn man die Empfindung selbst in den Ganglienzellen des Beobachteten sucht? Hier liegt der Fehler der ganzen Betrachtungsweise. Man glaubt, der Beobachter müßte die Empfindung der Rose selbst +haben+, die der andere hat, wenn der Beobachter während dessen in sein Gehirn hineinsähe. Man denkt im Stillen, daß in den Ganglienzellen des anderen irgend ein schattenhaftes, körperloses, verkleinertes Bild der Rose zu sehen sein müßte, etwa von der Art, wie der alte „Orbis pictus“ die Seele des Menschen abzubilden pflegte.

Die konditionale Betrachtungsweise zeigt uns auch hier wieder sofort, welche kindliche Auffassung diesen Erwartungen zugrunde liegt und weshalb sie sich nicht erfüllen +können+. Gleiche Vorgänge oder Zustände können ja nur immer da sein, wo gleiche Bedingungen sind. Wenn ich also das Gehirn eines anderen ansehe, während dieser eine Rose betrachtet, so kann ich unmöglich die Empfindung der Rose +haben+, die jener hat, sondern nur die Empfindung seines Gehirns. Bei mir und bei ihm bestehen ja vollständig verschiedene Bedingungen und infolgedessen müssen natürlich auch die Empfindungen bei ihm und bei mir verschieden sein. Gleiche Empfindungen können bei ihm und bei mir nur vorhanden sein, wenn bei uns beiden die gleichen Bedingungen bestehen, d. h. wenn wir +beide+ die Rose ansehen. Aber daraus, daß ich nicht ein verkleinertes Bild der Rose im Gehirn des anderen finde, wenn ich sein Gehirn ansehe, während er die Empfindung der Rose hat, darf ich doch nicht den Schluß ziehen, daß seine Empfindung nicht wahrnehmbar wäre. Nach unserer konditionalen Betrachtungsweise ist die Empfindung wie jedes Ding eindeutig bestimmt durch die Gesamtheit ihrer Bedingungen, denn sie ist identisch damit. Wenn ich die Bedingungen einer Empfindung analysiere, so analysiere ich damit die Empfindung selbst. Hätte ich also, wie der ~Laplace~sche Geist ~Du Bois-Reymond~s, „astronomische Kenntnis“ von den sämtlichen Vorgängen, die sich abspielen vom Einfall der von der Rose reflektierten Lichtstrahlen bis zur Erregung der Ganglienzellen in der Sehsphäre der Großhirnrinde, so hätte ich damit die Empfindung erforscht, und es wäre absurd, noch weiter nach etwas anderem Unbekannten zu suchen oder einen unerkennbaren Rest anzunehmen. Bei konditionaler Betrachtungsweise ist eine Empfindung genau ebenso ein Objekt sinnlicher Wahrnehmung, wie jedes andere Ding, und damit erledigt sich der Dualismus von Leib und Seele von selbst.

Die naive Konzeption des steinzeitlichen Menschen erweist sich also als ein Irrtum, allerdings als ein Irrtum, der in der Geschichte des menschlichen Denkens von unvergleichlicher Fruchtbarkeit war. In Wirklichkeit existieren nicht zwei Reihen von Vorgängen, die parallel nebeneinander laufen, sondern nur eine einzige. Was der psycho-physische Parallelismus wirklich nachweisen kann, ist nicht das Nebeneinander von körperlichen und geistigen Vorgängen, sondern nur die Tatsache, daß die Bewußtseinsvorgänge unter anderem durch bestimmte Vorgänge im Gehirn +bedingt+ sind. Wir dürfen aber dabei nie vergessen, daß wir auch die physiologischen Vorgänge im Gehirn, wie überhaupt alle Dinge der Welt, nur als unsere eigenen Empfindungen und Vorstellungen +kennen+. So sind also die Bewußtseinsvorgänge unserer objektiven Forschung genau so zugänglich wie alle anderen Dinge. Indem wir sie mit unseren Erkenntnismitteln untersuchen, d. h. indem wir von ihnen Empfindungen und Vorstellungen bilden, lernen wir sie in allen ihren einzelnen Bedingungen kennen. Haben wir einmal ihre sämtlichen Bedingungen ermittelt, so sind sie auch vollständig erforscht und es bleibt uns kein Rest weiter übrig. +Die Prinzipien für die Erforschung der Bewußtseinsvorgänge können immer nur dieselben sein wie die Prinzipien aller Forschung, d. h. die Ermittelung ihrer sämtlichen Bedingungen. Auf diesem Wege aber stellen sich uns prinzipielle Grenzen nirgends entgegen. Die Forschung ist frei und unbegrenzt und reicht so weit wie die unendliche Welt.+

* * *

Nach unserer obigen Betrachtung erscheint es als ein Widerspruch, die Natur (φύσις) und etwas „hinter“ der Natur (μετὰ τὴν φύσιν) zu unterscheiden. Es gibt nur +eine+ Welt, mag man diese als Natur oder Psyche oder Wirklichkeit oder sonstwie bezeichnen, das sind nur Namen. Infolgedessen gibt es auch nur +eine+ Art von Erkenntnis und nicht zwei. Sobald es sich daher um die Frage nach den Prinzipien und Grundlagen der Erkenntnis handelt, fallen alle künstlichen Grenzen fort. Täuschen wir uns also nicht! Das Ziel, das dem Menschengeist in der theoretischen Forschung vorschwebt, ist nicht allein Erkenntnis der leblosen Körperwelt, ist auch nicht allein Erkenntnis der lebendigen Körper, es ist auch nicht bloß Erkenntnis dieser oder jener psychischen Vorgänge, sondern +wonach der Menschengeist strebt, wonach er dürstet, ist zuletzt die Erkenntnis der Welt+. Eine +Arbeits+teilung innerhalb der +Forschung+ dagegen ist nicht nur nicht zu verwerfen, sondern sogar praktisch geboten durch die ungeheuere Fülle der Dinge; nur muß man sich des rein äußerlichen Zweckes derselben bewußt bleiben und die Grenzen zwischen den einzelnen +Arbeits+gebieten, die man selbst gezogen hat, nicht verwechseln mit natürlichen Grenzen im +Objekt+. Es ist ein Verhältnis, das sich in den kommenden Jahrhunderten bitter rächen muß, wenn die Kluft zwischen Philosophie und Naturforschung von beiden Seiten her künstlich noch immer erweitert wird, indem auf der einen Seite die ungebundene Spekulation, auf der anderen die einseitige Spezialforschung immer mehr überhand nimmt, statt daß eine Annäherung zu wohltätiger gemeinsamer Arbeit von beiden Seiten stattfände. Die Naturforschung +kann+ nicht auf die Dauer ohne einen philosophischen Arbeitsplan ersprießliche Fortschritte machen, und wir sehen ja auch in der Geschichte der Wissenschaft, daß niemals durch beschränkte Spezialforschung, sondern stets nur von wahrhaft philosophisch, d. h. planmäßig, methodisch und zielbewußt arbeitenden Naturforschern große Fortschritte gemacht wurden. Ebensowenig aber kann die Philosophie auf rein spekulativem Wege wirklich bedeutende Erfolge erzielen, wenn sie sich nicht eng an die sichergestellten Tatsachen hält und ihre Spekulationen streng unter die kritische Kontrolle der Erfahrung stellt. Ein wahrer Fortschritt kommt, wie die Geschichte der Wissenschaft am besten beweist, immer nur zu stande durch +denkende Forschung+. Die ganze vorstehende erkenntnistheoretische Ueberlegung soll uns eine Grundlage für die Forschung geben, wie sie jeder denkende Forscher sich einmal gebildet haben und immer weiter und freier ausbauen muß, um fruchtbar arbeiten zu können.

C. Der Vitalismus.

Wenden wir uns jetzt wieder unserer eigentlichen Aufgabe zu. Unsere Ueberlegung hat uns die Möglichkeit gezeigt, alle Vorgänge die körperlichen wie die geistigen, nach den gleichen Prinzipien, zu analysieren, und wir haben gefunden, daß sich unserer Forschung keine prinzipiellen Grenzen entgegenstellen. Beschränken wir uns aber nunmehr auf das spezielle Gebiet der Physiologie, auf die Erforschung der Lebensvorgänge. Die Gesetze, nach denen sich die Vorgänge in der leblosen Körperwelt abspielen, hat uns bekanntlich, soweit wir sie bis heute kennen, die Physik und Chemie erschlossen. Es entsteht hier nun für uns die Frage, ob auch die Vorgänge in der Organismenwelt sich nach den gleichen Gesetzen vollziehen.

Der +Vitalismus+ sagt: Nein. In den Organismen herrscht eine besondere Kraft, welche die Lebensvorgänge hervorbringt: die +Lebenskraft+. Die Lebenskraft ist nur auf die lebendige Organismenwelt beschränkt und ist nicht identisch mit den chemisch-physikalischen Faktoren der leblosen Natur.

In diesen Worten ist der wesentliche Inhalt des Vitalismus enthalten. Prüfen wir, welche Berechtigung der Hypothese von der Lebenskraft zukommt, und worauf sie sich stützt. Wir haben bei unserem Ueberblick über die Entwicklungsgeschichte der physiologischen Forschung die Geschichte der Lebenskraft kennen gelernt; wir haben gesehen, wie diese Lehre entstand im Anschluß an die Tatsachen der Irritabilität, und wir haben gefunden, daß der Begriff der Lebenskraft nie einheitlich definiert worden ist, daß er vielmehr immer ein verschwommener war und meistens nur als Bequemlichkeitsprinzip diente. Diese Unklarheit des Begriffes einer mystischen, unbekannten Lebenskraft ist die Hauptschwierigkeit für seine kritische Beleuchtung. Wäre der Begriff faßbar und scharf definiert, so könnte man ihn leichter erörtern.

+Die Behauptung einer Lebenskraft stützt sich allein auf die Tatsache, daß sich bestimmte Lebensäußerungen bisher nicht haben auf chemisch-physikalische Gesetze zurückführen lassen.+ In der Tat haben wir bereits, als wir das Fazit aus der bisherigen physiologischen Forschung zogen, die entmutigende Wahrnehmung gemacht, daß, was wir von Lebensäußerungen erklärt haben, immer nur die groben physikalischen und chemischen Leistungen des Körpers waren, daß, wo wir diese Leistungen weiter auf ihre tiefer gelegenen Bedingungen untersuchten, sich immer ungelöste Rätsel uns entgegenstellten. Ja, ~Bunge~ behauptet sogar[7]: „Je eingehender, vielseitiger, gründlicher wir die Lebenserscheinungen zu erforschen streben, desto mehr kommen wir zu der Einsicht, daß Vorgänge, die wir bereits geglaubt hatten, physikalisch und chemisch erklären zu können, weit verwickelter Natur sind und vorläufig jeder mechanischen Erklärung spotten.“

Wie wenig auch die Tatsache zu bestreiten ist, daß viele, ja ganz besonders gerade die elementaren und allgemeinen Lebensvorgänge +bisher+ einer genügenden chemisch-physikalischen Analyse entbehren, so ist doch aus dieser Tatsache noch keine logische Berechtigung abzuleiten für die Behauptung, daß diese Vorgänge +überhaupt+ nicht nach chemisch-physikalischen Gesetzen zu stande kommen, und daß eine besondere Lebenskraft existiert, die sie hervorbringt. Dagegen gibt es wohl Umstände, welche direkt +gegen+ die Existenz einer Lebenskraft sprechen.