Allgemeine Physiologie

Part 7

Chapter 73,153 wordsPublic domain

Wie aber verhielte sich die zweite Grenze des Naturerkennens, wenn wir die erste als überschritten, wenn wir das Rätsel von Materie und Kraft gelöst dächten? Wäre sie dann auch noch unübersteiglich, oder wäre sie damit auch zugleich überschritten? Man kann sich offenbar vorstellen, daß das Bewußtsein oder vielmehr die einfachste Form der Psyche bereits zum Wesen eines Atoms gehöre, daß es also mit der Erkenntnis des Wesens der Materie gleichfalls erkannt wäre. Diese Vorstellung erscheint in der Tat zunächst als die einzige, welche ein mechanischer Erklärungsversuch des Bewußtseins allein annehmen könnte, und welche besonders ~Haeckel~, der energische Vorkämpfer einer monistischen Weltanschauung unter den Naturforschern, immer vertreten hat. ~Du Bois-Reymond~ selbst streift diese Möglichkeit nur kurz, indem er sagt: „Schließlich entsteht die Frage, ob die beiden Grenzen unseres Naturerkennens nicht vielleicht die nämlichen seien, d. h. ob, wenn wir das Wesen von Materie und Kraft begriffen, wir nicht auch verständen, wie die ihnen zugrunde liegende Substanz unter bestimmten Bedingungen empfindet, begehrt und denkt. Freilich ist diese Vorstellung die einfachste und nach bekannten Forschungsgrundsätzen bis zu ihrer Widerlegung der vorzuziehen, wonach, wie vorhin gesagt wurde, die Welt doppelt unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden darüber bleibt müßig.“ ~Du Bois-Reymond~ entschließt sich daher, „gegenüber dem Rätsel, was Materie und Kraft seien und wie sie zu denken vermögen“, zu völliger Entsagung und ruft der Naturforschung nicht nur ein augenblickliches „Ignoramus“ zu, sondern für alle Zeiten ein apodiktisches „+Ignorabimus+“.

2. Erkenntnistheoretischer Konditionismus.

Wir sind der Betrachtung ~Du Bois-Reymond~ so ausführlich gefolgt, um uns zu überzeugen, daß sich uns auf +dem+ Wege der Erkenntnis, den seine Betrachtung voraussetzt, sehr bald Grenzen entgegenstellen, die uns die Welt als unbegreiflich erscheinen lassen. Dem unermüdlich weiter denkenden Verstande, dem die ewige Entsagung schwer fällt, muß hier die Frage aufstoßen, ob dieser Weg der Erkenntnis der rechte war, ob die vorausgesetzte Definition des Naturerkennens, nach welcher Erkennen Auflösen in Mechanik von Atomen ist, eine zureichende Definition des Erkennens überhaupt vorstellt. Prüfen wir also zunächst diese Grundlage unserer Betrachtung und +fragen wir uns, was Erkennen sei+[5].

Wir wollen zu diesem Zweck den Begriff „Erkennen“ in seinem weitesten Umfange, in seiner allgemeinsten Form fassen.

In diesem Sinne heißt Erkennen nichts anderes als Erfahrungen bilden. Alles Erkennen reicht nur so weit wie die Erfahrung. Es ist aber nötig, den Begriff der Erfahrung genau zu präzisieren. Die Urform aller Erfahrung ist die +sinnliche Empfindung+. Aus dieser primären Form der Erfahrung gehen alle sekundären Erfahrungen hervor. Zunächst die +Vorstellungen+, die nichts weiter sind als Erinnerungsbilder von sinnlichen Empfindungen. Diese Erinnerungsbilder können hervorgerufen werden auf mannigfaltigen Wegen, durch mannigfaltige Impulse und bedürfen nicht des speziellen Sinnesreizes zu ihrer Auslösung, der die ursprüngliche Empfindung hervorrief. Durch die Vorstellungen werden wir also mit unserem Erkennen zeitlich und räumlich in hohem Grade unabhängig von den Sinnesreizen, die ja nicht jeden Augenblick und überall einwirken. Vorstellungen assoziieren sich zu Vorstellungsreihen oder +Gedanken+. Da die Bildung von Vorstellungsassoziationen von vornherein der Selektion durch die sinnliche Erfahrung unterliegt, insofern als nur diejenigen Assoziationen durch die sinnliche Erfahrung bestätigt werden, die wirklich zutreffend sind, so werden nur bestimmte Vorstellungsreihen oder Gedanken weiter gezüchtet, andere eliminiert. Es entwickelt sich ein „+logisches+“ Denken. So ergibt sich eine völlige Einheitlichkeit aller Erfahrungen, denn alle Erfahrungen, auch die sekundären, entspringen immer nur aus einer und derselben Quelle, aus der sinnlichen Empfindung.

Unter der ungeheuren Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe der geistigen Entwicklung der Menschheit gewonnen haben, befindet sich eine, die als allgemeinste Erkenntnis eine dominierende Rolle spielt, das ist die Erkenntnis einer +Gesetzmäßigkeit+ alles Seins und Geschehens. +Gesetzmäßigkeit bedeutet nichts weiter als die Tatsache, daß jeder Zustand oder Vorgang eindeutig bestimmt ist durch die Summe seiner sämtlichen Bedingungen.+ Ueberall, wo die gleichen Bedingungen gegeben sind, findet sich auch der gleiche Zustand oder Vorgang. Ungleiche Zustände oder Vorgänge sind nur da, wo ungleiche Bedingungen vorhanden sind. +Daraus ergibt sich klar und eindeutig die Aufgabe aller wissenschaftlichen Forschung. Sie kann immer nur darin bestehen, die sämtlichen Bedingungen eines gegebenen Zustandes oder Vorganges zu ermitteln. Sind diese Bedingungen sämtlich erkannt, so ist der Zustand oder Vorgang auch wissenschaftlich erklärt. Eine weitere Erklärung existiert nicht.+

Es ist aber notwendig, diese fundamentale Tatsache noch etwas genauer zu betrachten, weil seit alter Zeit in den Begriff der Erklärung noch ein anderes Moment hineingetragen worden ist, das selbst in der Naturforschung von heute noch immer eine große Rolle spielt. Man pflegt als wissenschaftliche Erklärung eines Zustandes oder Vorganges gewöhnlich die „kausale Erklärung“ zu betrachten, d. h. den Nachweis seiner „Ursache“, denn man erblickt in der bestehenden Gesetzmäßigkeit eine „kausale Verknüpfung“ des Seins und Geschehens, ein Abhängigkeitsverhältnis der Dinge nach dem „Gesetz von Ursache und Wirkung“. Jedes Ding, d. h. jeder Zustand oder Vorgang, so meint man, muß seine „Ursache“ haben und der Zustand als Vorgang ist wissenschaftlich erst erklärt, wenn man seine „Ursache“ ermittelt hat. Was ist nun eine „Ursache“?

Wir geraten in einige Verlegenheit, wenn wir den Begriff etwas schärfer unter die Lupe nehmen, um ihn zu analysieren. Die Antwort ist nicht leicht zu finden, obwohl man gewöhnt ist, auf Schritt und Tritt mit dem Ursachenbegriff umzugehen und obwohl man die „kausale Naturbetrachtung“ in der Regel als den Gipfel der Exaktheit in der Naturforschung zu bezeichnen pflegt. Woher stammt der Begriff? Wie alle Begriffe ist auch der Ursachenbegriff vom Menschen geschaffen, um irgend eine Erfahrung zu charakterisieren, aber sein Ursprung verliert sich im Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit. Wo wir ihn zuerst fassen können, da bedeutet er ein den Sinnen nicht wahrnehmbares geheimnisvolles Agens, dem man eine dem menschlichen Willen analoge, bestimmende Bedeutung für die Vorgänge zuschreibt. Es ist wahr, das wissenschaftliche Denken hat diesen ursprünglich völlig mystischen Begriff allmählich zu klären versucht, und wir müssen uns ja doch an den +heutigen+ Ursachenbegriff halten. Aber auch dieser enthält noch immer einen Rest der ursprünglichen Mystik. Man pflegt zu sagen: jeder Zustand oder Vorgang hat „eine Ursache“. Dabei tritt der den Zustand oder Vorgang bestimmende Faktor, „die Ursache“ in der Einzahl auf. Hier liegt schon der Irrtum. Es gibt keinen Zustand oder Vorgang in der Welt, der nur von einem einzigen Faktor abhängig wäre. Immer sind es eine ganze Anzahl von Faktoren, die ihn bestimmen. Nehmen wir irgend ein Beispiel. Bringe ich Salzsäure auf kohlensaures Natron, so entweicht gasförmige Kohlensäure. Was ist „die Ursache“ der Kohlensäureentwicklung: die Salzsäure oder das kohlensaure Natron? In Wirklichkeit sind beide notwendige Bedingungen. Aber es gibt noch mehr Bedingungen, die ebenfalls notwendig sind für das Zustandekommen der Kohlensäureentwicklung, wie z. B. Wasser, eine gewisse Temperatur und ein bestimmter Druck. Ist eine von diesen Bedingungen nicht erfüllt, dann tritt keine Kohlensäureentwicklung ein. Diese Bedingungen sind also sämtlich gleichwertig, weil sie sämtlich notwendig sind für den Vorgang. Mehr als notwendig aber kann keine Bedingung sein. Es ist daher durchaus unberechtigt, aus dem Komplex von Bedingungen +eine+ Bedingung, etwa die Salzsäure, besonders hervorzuheben und ihr eine dominierende Rolle als „Ursache“ anzuweisen. Das gilt für jeden Vorgang und für jeden Zustand in gleicher Weise. Was ich feststellen kann, sind nur die Bedingungen, von denen er abhängt. Für eine „Ursache“ bleibt daneben kein Platz. Man hat deshalb vielfach darauf verzichtet, von „Einer Ursache“ in der Einzahl zu sprechen und hat den Begriff der „Ursache“ auf die sämtlichen bestimmenden Faktoren eines Vorganges angewendet. Aber dann zerfließt der Begriff der „Ursache“ in Nichts, denn er wird dann identisch mit dem Begriff der +Bedingung+.

In der Tat ist die Einkleidung der durch die Erfahrung festgestellten Gesetzmäßigkeiten in die konditionale Form die einzige wissenschaftliche Darstellungsweise, denn sie bringt lediglich Tatsachen zum Ausdruck ohne irgend einen Deutungsversuch. Die Mathematik, die sich im Laufe der Zeit die exaktesten Ausdrucksformen für ihre Wahrheiten entwickelt hat, weiß das schon lange und kennt daher den Ursachenbegriff gar nicht mehr. Nicht „+weil+“, sondern „+wenn+“ zwei Größen einer dritten gleich sind, sind sie untereinander gleich. So muß auch die Naturforschung mehr und mehr danach streben, den Kausalbegriff aus ihrem exakten Denken zu eliminieren. Nicht +Kausalismus+, sondern +Konditionismus+!

Man könnte aber auf den ersten Blick geneigt sein, dem Konditionismus einen Vorwurf zu machen, indem man sagte: der Konditionismus stellt nur in formaler Weise Gesetzmäßigkeiten fest, ohne auf das „Quale“ der Dinge einzugehen. Indem er nur Bedingungen ermittelt, scheint er auf eine Erklärung eigentlich zu verzichten. Bei genauerem Zusehen wird man indessen finden, daß dieser Vorwurf nicht zutrifft.

Was sind denn die „+Bedingungen+“ eines Zustandes oder Vorganges? Es sind ebenfalls wieder Zustände und Vorgänge, also Dinge von bestimmten Qualitäten. Jede „Bedingung“ repräsentiert demnach von vornherein schon immer einen ganz spezifischen Komplex von Qualitäten, die wir als Sinnesempfindungen kennen. Indem wir einen komplexen Zustand oder Vorgang auf seine Bedingungen zurückführen, zerlegen wir ihn nur in seine Bestandteile und stellen sein gesetzmäßiges Abhängigkeitsverhältnis von diesen fest. +Der Vorgang oder Zustand _ist_ in Wirklichkeit nichts weiter als der gesamte Komplex seiner Bedingungen. Ist dieser gesamte Komplex von Bedingungen gegeben, so ist auch der betreffende Zustand oder Vorgang gegeben, denn er ist identisch mit ihm; etwas anderes ist nicht an ihm vorhanden. Indem wir also die Bedingungen eines Zustandes oder Vorganges analysieren, analysieren wir ihn selbst qualitativ.+

Noch +eine+ Tatsache ist hierbei von Wichtigkeit. Die Erfahrung zeigt uns immer nur Dinge, die in Abhängigkeitsbeziehungen voneinander stehen. Absolute, isolierte, unabhängige Dinge kennen wir nicht. Wenn uns irgend ein Körper, z. B. ein Organismus, ein Mensch oder ein Tier als ein selbständiges, in sich geschlossenes, isoliertes System entgegentritt, so beruht das auf ungenauer oder unvollständiger Beobachtung. In Wirklichkeit befindet sich dieses System in engster Abhängigkeit von der Umgebung. Unsere Sinnesorgane zeigen uns das nur nicht alles mit einem Male. Sie greifen aus dem ganzen Zusammenhange elektiv nur einzelne Momente heraus, und es bedarf eingehenderer Analyse, um die Abhängigkeiten sämtlich zu ermitteln. Dann finden wir aber, daß der Organismus in einem fortwährenden Stoffaustausch mit seiner Umgebung steht, daß er fortwährend Stoffe von außen aufnimmt und andere nach außen abgibt, daß er auch von der Temperatur der Umgebung und vom Drucke des Mediums im höchsten Grade abhängig ist. Die Feststellung dieser äußeren Lebensbedingungen ist eine Hauptaufgabe der Physiologie. Was aber für den Organismus gilt, gilt für jedes körperliche System. +Ueberall finden wir bei genauerer Untersuchung Zusammenhänge zwischen den Dingen und erkennen, daß jedes Ding selbst ein Bedingtes ist und zugleich wieder eine Bedingung für ein anderes bildet.+

Nach alledem ist es klar, daß wissenschaftliche Forschung, auf welchem Gebiete auch immer es sei, allein nur darin bestehen kann, die Gesetzmäßigkeit in den Abhängigkeitsverhältnissen der Dinge untereinander zu ermitteln. Sind die sämtlichen Bedingungen, von denen ein Zustand oder Vorgang abhängig ist, festgestellt, so ist der Zustand oder Vorgang damit vollständig erkannt.

Fassen wir daher die beiden Hauptsätze des erkenntnistheoretischen Konditionismus noch einmal zusammen, so lauten sie folgendermaßen:

1. +Ein Zustand oder Vorgang ist eindeutig bestimmt durch die Gesamtheit seiner Bedingungen.+

Daraus ergibt sich die Ableitung: Gleiche Zustände oder Vorgänge sind stets Ausdruck gleicher Bedingungen; ungleiche Bedingungen finden ihren Ausdruck in ungleichen Zuständen oder Vorgängen.

2. +Ein Zustand oder Vorgang ist identisch mit der Gesamtheit seiner Bedingungen.+

Daraus ergibt sich die Ableitung: Ein Zustand oder Vorgang ist wissenschaftlich vollständig erkannt, wenn die Gesamtheit seiner Bedingungen festgestellt ist.

Von dieser durch induktive Erfahrung gewonnenen Basis des Konditionismus aus kommen wir nun auf deduktivem Wege wieder einen Schritt weiter in der Erkenntnis.

Zunächst müssen wir uns erinnern, daß alle Erkenntnis der Dinge auf sinnliche Empfindungen zurückgeht. Was ich von den Dingen unmittelbar weiß, sind nur meine eigenen Empfindungen. Analysiere ich nur einmal irgend ein Ding, z. B. ein Stück Kreide! Was kann ich von ihm sagen? Die Kreide ist weiß. +Weiß+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist schwer. +Schwer+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist hart. +Hart+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist kalt. +Kalt+ ist meine Empfindung. Die Kreide hat eine bestimmte Form. Die +Form+ ist nichts weiter als eine bestimmte Anordnung meiner Empfindungen. Wie ich auch das Stück Kreide untersuchen mag, ich finde immer nur meine eigenen Empfindungen. Was aber von der Kreide gilt, das gilt von allen Dingen.

Hier ist nun der Punkt, an dem man leicht in einen Fehlschluß verfällt, der zu absurden Konsequenzen führt. Man sagt: wenn ich an den Dingen nichts anderes finden kann als meine eigenen Empfindungen, dann ist die Existenz einer außer mir bestehenden Außenwelt eine reine Hypothese, und die Welt ist nur ein Spiel meiner Empfindungen. Man hat diese wunderliche Vorstellung als „+Solipsismus+“ bezeichnet. Der Solipsismus glaubt besonders exakt zu sein, denn er hält sich frei von jeder Hypothese und folgt nur der Erfahrung. Nach seiner Auffassung wäre aber die Welt höchst seltsam. Wenn nur ich allein selbst existiere, und wenn die Welt identisch ist mit meinen Bewußtseinsvorgängen, dann würde die Welt vollkommen zusammenhangslos sein, ein buntes Gewirr von Empfindungen und Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen, das jeden Abend in Nichts zerfließt, um am Morgen sein kaleidoskopartiges Spiel von neuem zu beginnen. Das wäre absurd. Es muß also in dem Gedankengang, der zum Solipsismus führt, ein Fehler sein. Wo steckt er? Es ist nicht schwer, ihn zu finden. Er liegt darin, daß der Solipsismus sich zwar streng an die Erfahrung hält, aber daß er nicht die +ganze+ Erfahrung berücksichtigt. Er verwendet nur die primären Erfahrungen, die Empfindungen, und übersieht völlig die sekundären Erfahrungen, die uns die Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit liefern.

Die Tatsache, die im ersten Hauptsatz des erkenntnistheoretischen Konditionismus zum Ausdruck kommt, die Tatsache, daß ein Vorgang oder Zustand eindeutig bestimmt ist durch die Gesamtheit seiner Bedingungen, diese Tatsache gestattet mir, den Nachweis zu führen, daß die Dinge auch weiter existieren, wenn ich sie nicht wahrnehme. Wenn ich die sämtlichen Bedingungen eines Vorganges ermittelt habe, und ich stelle sie her, dann +muß+ der Vorgang sich mit unabwendbarer Notwendigkeit abspielen, ganz gleichgültig, ob ich ihn währenddessen beobachte oder nicht, vorausgesetzt, daß die Beobachtung nicht selbst zu den notwendigen Bedingungen des Vorganges gehört, wie bei dem Vorgange der Empfindung. Jedes Experiment, das ich ausführe, ist im stande, mir eine Probe auf die Richtigkeit dieser Deduktion zu liefern. Bringe ich z. B. in ein Becherglas von bestimmtem Durchmesser bei bestimmter Temperatur eine bestimmte Quantität Formaldehydlösung von bestimmter Konzentration, und setze ich dazu eine bestimmte Quantität konzentrierter Salpetersäure, so erfolgt nach bestimmter Zeit eine explosionsartige Reaktion, indem der Formaldehyd durch Sauerstoffaufnahme aus der Salpetersäure zu Kohlensäure und Wasser verbrennt, während die Salpetersäure durch Sauerstoffabgabe zu Stickoxyd, Stickstoffdioxyd und Wasser zerfällt nach folgender Formel: CH₂O + 2 HNO₃ = CO₂ + 2 H₂O + NO + NO₂. Stelle ich nun die genannten Bedingungen her, so muß unter allen Umständen diese Reaktion nach bestimmter Zeit erfolgen. Ich kann jetzt die Augen schließen. Nach Ablauf der bestimmten Zeit höre ich an dem charakteristischen Geräusch, daß die Reaktion erfolgt ist. Oder ich kann währenddessen hinausgehen. Kehre ich nach Ablauf der bestimmten Zeit zurück, so erkenne ich an den vorhandenen braunen Dämpfen, daß die Reaktion in der gesetzmäßigen Weise erfolgt +ist+. Oder ich bleibe draußen und ein anderer, der von der ganzen Vorbereitung nichts weiß, ist im Zimmer und bestätigt mir, daß die Reaktion nach der bestimmten Zeit in der vorausgesagten Weise erfolgt ist. Das alles zeigt mir, daß die Vorgänge sich in ihrer gesetzmäßigen Weise auch abspielen, wenn ich sie nicht wahrnehme, mit anderen Worten, daß die Dinge auch außerhalb meines Bewußtseins existieren. Sie bilden nur keine Empfindungen mit mir, weil die Bedingungen für die Entstehung von Empfindungen bei mir durch die Ausschaltung meiner Sinnesorgane nicht hergestellt sind.

Hier pflegt nun die Frage aufzutauchen: was sind denn eigentlich, die „Dinge an sich“ losgelöst von meiner Empfindung, wenn ich sie nicht wahrnehme? Machen wir uns klar, was diese Frage eigentlich bedeutet! Sie bedeutet einen vollkommenen Unsinn, denn sie enthält nichts weniger als die Forderung: ich soll erkennen, was die Dinge sind, ohne daß ich sie meinen Erkenntnismitteln zugänglich mache, also ich soll die Dinge erkennen, +ohne+ sie zu erkennen! Der Widerspruch liegt auf der Hand. Es handelt sich hier gar nicht um ein wirkliches Problem, sondern um ein Scheinproblem, das bei genauerer Ueberlegung in Nichts zerfließt.

Wenn wir die Geschichte der Probleme überblicken, die während der langen Entwicklung des menschlichen Geisteslebens auf der Erde den Verstand der Denker beschäftigt haben, so finden wir, daß manche Probleme, die bereits das graue Altertum bewegten, sich erhalten haben, unverändert und ungelöst bis auf den heutigen Tag, daß andere Probleme dagegen gelöst sind, daß aber viele Probleme, die einst jahrhundertelang im Vordergrund des Interesses standen, vollkommen von der Bildfläche verschwunden sind, obwohl sie keine Lösung fanden. Das uralte Problem von der „Quadratur des Zirkels“, an dem sich mancher Kopf vergebens zergrübelt hat, das Problem des „Perpetuum Mobile“, das seit alter Zeit eins der Hauptprobleme der Physik gebildet hat, und viele andere sind spurlos verschwunden, und doch hat niemand die „Quadratur des Zirkels“ gefunden, und doch hat niemand ein „Perpetuum Mobile“ konstruiert. Fragen wir aber, wie kommt es, daß sich in unserer Zeit kein Mensch mehr um diese Probleme kümmert, so lautet die einfache Antwort: weil wir eingesehen haben, daß die Fragestellung, die diesen vermeintlichen Problemen zugrunde lag, falsch war. Wenn wir falsche Fragen stellen, so können wir nicht erwarten, eine richtige Antwort zu bekommen, so können wir uns im Schweiße unseres Angesichts abmühen Tag und Nacht, wir werden keine Lösung finden.

Ein solches Problem +ist die Frage nach den „Dingen an sich“+. Noch jetzt beschäftigt diese Frage den Geist eines jeden, der unbefriedigt ist, wenn er meint, daß ihm zur Entwicklung seines Weltbildes Schranken gesetzt seien: noch jetzt aber findet jeder, daß er mit seinem ernstesten Denken der Lösung des Problems nicht näher rückt. Nur ganz allmählich wird sich erst die Ueberzeugung Bahn brechen, daß das Problem jenen anderen Problemen gleicht, an deren Lösung der Verstand von Jahrhunderten scheitern mußte, +weil die Frage falsch gestellt war+.

Noch viel schlimmer aber wird die Verwirrung, wenn man aus der Unlösbarkeit eines absurden Scheinproblems noch einen falschen Schluß zieht und sagt: Da wir nicht erkennen können, was die „Dinge an sich“ sind, so wird uns die Wirklichkeit für ewig verschlossen bleiben. Darin liegt ein großer Irrtum und eine völlige Verkennung der Tatsachen. Die Wirklichkeit ist uns durchaus nicht verschlossen, denn wir erkennen sie ja fortwährend. Erkennen heißt eben Empfindungen und Vorstellungen bilden, und Empfindungen und Vorstellungen von den Dingen kann ich nur bilden, wenn ich die nötigen Bedingungen dazu herstelle, d. h. wenn ich die Dinge zu mir in Beziehung setze. Damit erkenne ich die Dinge, und damit erkenne ich die Wirklichkeit. Es wäre eine grobe Täuschung, wenn man die Bewußtseinsvorgänge +nicht+ als Wirklichkeit betrachten wollte. Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken etc. sind genau so „Dinge an sich“ wie irgend welche anderen Dinge! Es liegt auch nicht die mindeste Veranlassung vor, zwischen ihnen und anderen Dingen eine Kluft zu konstruieren. Die Bewußtseinsvorgänge sind von anderen Dingen nicht mehr verschieden als andere Dinge untereinander. Sie sind sämtlich Bestandteile der Wirklichkeit. In meinen Bewußtseinsakten fällt Erkennen und Sein oder Geschehen zusammen, in meinen Empfindungen und Vorstellungen erlebe ich die Wirklichkeit selbst[6].

3. Körperwelt und Psyche.

Wie gestaltet sich nun vom Standpunkte des erkenntnistheoretischen Konditionismus aus die Erforschung der Welt? Sind ihr in der Tat Schranken gesetzt an den beiden Punkten, an denen ~Du Bois-Reymond~ einst zu seinem „Ignorabimus“ gelangt war?