Part 58
Sehr interessant sind schließlich die Untersuchungen ~Hertel~s[435] über die Einwirkung von Lichtstrahlen auf die histologischen Elemente des +Nervensystems+. Bei lokaler Belichtung einer Partie des Bauchstranges vom Regenwurm mit ultravioletten Strahlen von der Wellenlänge 280 µµ beobachtete ~Hertel~ in der von dieser Partie aus innervierten Muskulatur heftige Kontraktionen. Bei dem gleichen Versuch mit sichtbaren Lichtstrahlen dagegen war keinerlei Wirkung zu sehen. ~Hertel~ war nun sehr überrascht, als er bei dem Wurme +Sipunculus+ bei Belichtung sowohl mit ultravioletten wie auch mit sichtbaren Lichtstrahlen eine deutliche Reizwirkung vom Nervensystem aus erzielte. Die Erklärung für dieses verschiedene Verhalten der beiden Wurmformen ergab sich aus den histologischen Verhältnissen. +Sipunculus+ hat große Mengen von Pigment im Nervensystem, der Regenwurm nicht. Es ist also hier offenbar das Pigment der Faktor, der bei Sipunculus durch die Absorption des Lichtes die Wirksamkeit auch der langwelligen, sichtbaren Strahlen vermittelte, die beim Regenwurm von den pigmentlosen Bestandteilen des Bauchstranges in der verwendeten Intensität des Lichtes nicht oder nicht in genügendem Maße absorbiert werden.
b) Lähmungswirkungen.
Bis in die letzten Jahre war von lähmenden Wirkungen des Lichtes nur wenig bekannt, und bei dem wenigen, was bekannt war, blieb es auch noch zum Teil zweifelhaft, ob es sich dabei um wirkliche Lähmungswirkungen des Lichtes handelte.
So könnte man z. B. die Tatsache, daß das Wachstum der Pflanzen im Licht ein geringeres ist als im Dunkeln, für eine Lähmungswirkung halten; man könnte sich vorstellen, daß das Licht direkt gewisse Stoffwechselprozesse, die zum Wachstum notwendig sind, herabsetzt. Allein das Wachstum der Pflanzen ist ein sehr komplizierter Vorgang, bei dem viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, und wie bereits ~Sachs~[436] hervorgehoben hat, ist es zurzeit noch nicht möglich, zu beurteilen, wie weit das Licht als solches in das Zustandekommen dieses Komplexes eingreift.
Eine andere Lähmungswirkung des Lichtes könnte man in seinem Einfluß auf die Lichtproduktion mancher leuchtender Seetiere suchen. Es ist nämlich mehrfach die Angabe gemacht worden, daß pelagische Tiere, wie Ctenophoren, Siphonophoren etc., aus dem Hellen ins Dunkle gebracht, nicht leuchten und erst, nachdem sie einige Zeit im Dunkeln gestanden haben, durch Reize zu einer anfangs schwachen, später stärkeren Lichtentwicklung veranlaßt werden können. Die Lichtproduktionsfähigkeit dieser Organismen scheint also durch Lichteinwirkung gelähmt zu werden, und da sich auch die einzelligen Noktiluken ebenso verhalten sollen, so dürfen wir nicht annehmen, daß es sich um eine sekundäre Wirkung des Lichtes handelt, die erst durch Sinnesorgane und Zentralnervensystem vermittelt würde. Allein auch dieser Fall einer lähmenden Wirkung des Lichtes ist noch recht unsicher, da die fragliche Tatsache zwar von mehreren Autoren beobachtet, aber bisher noch niemals näher analysiert worden ist.
Bei diesen wenigen Fällen handelte es sich ausschließlich um die Wirkungen der sichtbaren Strahlen des Spektrums. Ganz anders wurde nun unsere Kenntnis von den lähmenden Wirkungen des Lichtes durch die bereits mehrfach genannten Versuche ~Hertel~s mit unsichtbaren ultravioletten Strahlen von 280 µµ Wellenlänge. Hier zeigte sich mit einem Male, nicht nur, daß alle untersuchten Organismen auf diese Strahlen stark reagierten, sondern ganz übereinstimmend auch, daß diese Strahlen bei genügender Intensität oder etwas längerer Einwirkung allgemein lähmende Wirkungen auf alle lebendige Substanz hervorrufen, die in kurzer Zeit zum Tode führen. Nach einem kurzen Erregungsstadium, das ~Hertel~ in einzelnen Fällen beim Beginn der Bestrahlung beobachtete, trat sofort vollkommene Lähmung ein. So fand ~Hertel~[437] bei den gesamten oben genannten +Bakterien+ und +Infusorien+, ferner bei +Pflanzenzellen+, bei +Diatomeen+ etc. eine schnell eintretende Lähmung der +Bewegung+. Die +Formbildungsprozesse+ werden ebenfalls gelähmt. Im Gegensatz zu ~Driesch~, der keinerlei Einfluß der Lichtstrahlen auf Eier von +Echinus+, +Planorbis+, +Rana+ feststellen konnte, weil er nur mit sichtbaren Lichtstrahlen experimentierte, fand ~Hertel~, daß durch seine ultravioletten Strahlen der Furchungsprozeß befruchteter Seeigeleier (+Echinus microtuberculatus+) stark gelähmt wird.
Da sich herausgestellt hatte, daß die Wirkungslosigkeit der sichtbaren Lichtstrahlen, abgesehen von der Intensität, im wesentlichen darauf beruht, daß sie von den betreffenden Objekten nicht absorbiert werden, so suchte ~Hertel~ Seeigeleier für sichtbare Lichtstrahlen zu „sensibilisieren“, indem er sie mit einem roten Farbstoff, dem Eosin belud, der ohne Schädigung des Protoplasmas von den lebenden Eizellen aufgenommen wird. Der Versuch gelang. Die so „sensibilisierten“ Eizellen werden nunmehr auch von den sichtbaren Lichtstrahlen in ihrer Entwicklung gehemmt, ein vollkommenes Analogon zu dem von der Natur angestellten Experiment am Nervensystem des +Sipunculus+, bei dem das natürliche Pigment die nervösen Elemente sensibilisiert hat (vergl. oben p. 475).
Die Untersuchungen von ~Hertel~ eröffnen hier ein außerordentlich weites Feld für weitere Versuche über die physiologischen Reizwirkungen des Lichts und die Bedeutung des Pigments, und so ist zu erwarten, daß uns die nächste Zukunft eine große Reihe neuer und wichtiger Erfahrungen nach dieser Richtung hin bringen wird.
_Die Wirkungen der ~Röntgen~-Strahlen._
Im Anschluß an die Wirkungen der Lichtreizung mögen zunächst die Erfahrungen Erwähnung finden, die in neuerer Zeit bei Einwirkung der unsichtbaren ~Röntgen~schen Strahlen auf Organismen gemacht worden sind. Es hat sich seit der Entdeckung dieser Strahlenarten eine ganze Reihe von Angaben über ihre Wirkung auf Organismen angehäuft, die aber zum großen Teil mit vorsichtiger Kritik aufzunehmen sind. Es sollen daher hier nur einige der zuverlässigeren Beobachtungen angeführt werden.
So hat z. B. ~Rieder~[438] größere Versuchsreihen mit Reinkulturen von verschiedenen Bakterienarten in der Weise angestellt, daß er die Plattenkulturen mit Hilfe eines durchbohrten Bleischirms einer partiellen Bestrahlung durch ~Röntgen~sche Strahlen aussetzte. Dabei fand er, daß z. B. Kolonien von Cholera- und Tuberkelbazillen schon nach einer Expositionsdauer von kaum einer Stunde zugrunde gegangen waren, während die Kolonien an den nicht exponierten Stellen der Platte weiter wuchsen.
An Pflanzenzellen stellte ~Lopriore~[439] Versuche mit ~Röntgen~-Strahlen an, bei denen sich ergab, daß die Protoplasmabewegung in den Zellen der +Vallisneria+ anfangs beschleunigt wird. Bei längerer Exposition machten sich indessen Veränderungen in der Struktur des Protoplasmas bemerkbar, indem dasselbe körniger und vakuolenreicher wurde, während die Chlorophyllkörper ihre grüne Farbe verloren.
Ferner hat vor einigen Jahren ~Schaudinn~[440] an einer größeren Anzahl von Rhizopoden- und Infusorienformen die Wirkung der ~Röntgen~-Strahlen studiert und gefunden, daß diese Strahlen auf die verschiedenen Formen in ganz verschiedenem Grade wirksam sind. Während bei manchen Rhizopoden, wie z. B. +Labyrinthula+ und +Hyalopus+, selbst bei 14-stündiger Expositionsdauer keinerlei Wirkung zu beobachten war, reagierten andere, wie z. B. +Amoeba princeps+, +Pelomyxa palustris+, +Difflugia pyriformis+, +Polystomella+, +Actinosphaerium+ etc. nach kürzerer oder längerer Exposition dadurch, daß sie ihre Pseudopodien einzogen und schließlich in totaler Kontraktion abstarben. Bei manchen flagellaten und ciliaten Infusorien wurde die Bewegung der Geißeln und Wimpern allmählich gelähmt, bis sie abstarben. +Spirostomum ambiguum+ blieb dabei vollkommen ausgestreckt und starb ohne Kontraktion seiner Myoidfäden, während es bei Einwirkung anderer Reize gewöhnlich sofort heftige Kontraktionsbewegungen ausführt. Vermutlich ist das Ausbleiben derselben bei der Bestrahlung mit ~Röntgen~-Strahlen auf die außerordentlich langsam sich entwickelnde Wirkung zurückzuführen.
Sodann haben ~Joseph~ und ~Prowazek~[441] Versuche mit kurzdauernder Einwirkung von ~Röntgen~-Strahlen auf verschiedene Organismen angestellt und dabei gefunden, daß manche freibeweglichen Organismen wie +Paramaecium+ und +Daphnia+ sich von der Einfallsrichtung der ~Röntgen~-Strahlen fortbewegen. Auch konnten sie eine Lähmung resp. Schädigung der Funktionen des Protoplasmas in den Zellen feststellen, wie z. B. der Strömung des Protoplasmas in Pflanzenzellen, der Frequenz der Vakuolenpulsationen in Infusorienzellen etc. Im allgemeinen gingen bei ihrer kurzen Einwirkungsdauer der Strahlen die Schädigungen nach Abstellung der ~Röntgen~-Strahlen wieder zurück.
~Aschkinass~ und ~Caspari~[442] dagegen fanden bei Bestrahlung von Kulturen des +Micrococcus prodigiosus+ mit ~Röntgen~-Strahlen keinerlei Wirkung. Das Wachstum und die Lebensfähigkeit der Kulturen wurde in keiner Weise durch die Bestrahlung beeinflußt.
So sind die vorliegenden Untersuchungen über die Wirkung der ~Röntgen~-Strahlen bisher noch wenig geeignet, eine Gesetzmäßigkeit erkennen zu lassen und ein genaueres Studium der Frage, wieweit die ~Röntgen~-Strahlen erregend oder lähmend wirken, welche Rolle ihre Intensität spielt, ob sie bei starker Intensität auf alle lebendige Substanz wirksam sind usf., bleibt der Zukunft vorbehalten.
_Die Wirkungen der ~Becquerel~-Strahlen._
Auch über die physiologischen Wirkungen der von den radioaktiven Stoffen wie Uran-, Thorium-, Radium-, Barium- und Poloniumpräparaten entsendeten Strahlenarten sind die gesicherten Erfahrungen noch so wenig zahlreich, daß eine bestimmte Gesetzmäßigkeit sich aus ihnen bisher noch nicht entnehmen läßt. Die Widersprüche, die zum Teil noch in den Beobachtungsergebnissen zum Ausdruck kommen, dürften wohl zum großen Teil darauf zurückzuführen sein, daß die verschiedenen Untersucher sehr verschiedenartige Präparate benutzt haben, die jedenfalls sehr verschiedene Strahlenarten lieferten und außerdem sehr verschiedene Intensität der Strahlen besaßen. Im allgemeinen aber scheinen die meisten der unter dem Namen der ~Becquerel~-Strahlen zusammengefaßten Strahlenarten sehr starke physiologische Wirkungen hervorzurufen, die an die Wirkungen der ultravioletten Lichtstrahlen von sehr geringer Wellenlänge erinnern, denn die lebendige Substanz wird bei stärkerer und längerer Bestrahlung stark geschädigt.
Bei +Micrococcus prodigiosus+ konnten ~Aschkinass~ und ~Caspari~[443] in sehr sorgfältigen Untersuchungen, die mit Berücksichtigung aller Fehlerquellen ausgeführt wurden, eine wachstums- und entwicklungshemmende Wirkung der ~Becquerel~-Strahlen feststellen. Aus den zahlreichen Versuchen, die diese Forscher anstellten, sei hier nur der folgende angeführt. Sie brachten in ein breites ineinander stülpbares Glasschalenpaar (sog. ~Petri~-Schalen) auf den Boden der unteren Schale ein offenes Messingschälchen mit dem radioaktiven Präparat _P_, das aus 1 g Barium-Radium-Bromidkristallen bestand und befestigten an der Innendecke der oberen Schale eine Nähragarplatte _A_, die in ihrer Mitte, dem Radiumpräparat gegenüber, eine +Micrococcus+-Kultur _C_ enthielt. Setzten sie dann diese Kultur der Bestrahlung aus, so fand sich nach mehrstündiger Einwirkung stets eine ganz enorme Entwicklungshemmung der bestrahlten Kultur gegenüber den der Bestrahlung nicht ausgesetzten, gleichzeitig angelegten Kontrollkulturen. Bei Zwischenschaltung einer dünnen Aluminiumfolie zwischen das radioaktive Präparat und die Kultur blieb der Erfolg aus, obwohl die eine Art von ~Becquerel~-Strahlen auch jetzt noch die Kultur traf. Es waren also speziell die leichter absorbierbaren Strahlen, welche die entwicklungshemmende Wirkung ausübten. Schützten ~Aschkinass~ und ~Caspari~ die Kultur zur Hälfte durch ein übergelegtes Kupferblech _B_, das die ~Becquerel~-Strahlen nicht durchließ, so entwickelte sich auf der beschatteten Seite die Kultur weiter, während sie auf der bestrahlten Seite in ihrer Entwicklung zurückblieb (Fig. 205).
Mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Präparaten, die teils primär radioaktiv, teils sekundär induziert waren, hat dann bald darauf ~H. von Baeyer~[444] die Ergebnisse von ~Aschkinass~ und ~Caspari~ an der gleichen Bakterienform bestätigt und ebenfalls gefunden, daß speziell die leicht absorbierbaren α-Strahlen, sei es, daß sie von primär aktiven, sei es, daß sie von induzierten Präparaten stammten, bakterizide Wirkungen entfalten.
Schließlich haben ~Pfeiffer~ und ~Friedberger~[445] bei +Typhus+-, +Cholera+- und +Milzbrand+bakterien nach längerer Bestrahlung (16 Stunden bis 3 Tage) ebenfalls eine bakterizide Wirkung feststellen können.
Es ist zu erwarten, daß die nächsten Jahre die Erfahrungen beträchtlich erweitern werden, besonders auch mit Rücksicht auf die Frage, ob außer diesen lähmenden Wirkungen nicht durch schwächere oder kürzer dauernde Bestrahlung bei geeigneten Objekten etwa auch erregende Anfangswirkungen zu erzielen sind. Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß hier ein ganz analoges Verhältnis vorliegt, wie bei der Wirkung der kurzwelligen Lichtstrahlen, die bei kurzer oder schwacher Einwirkung ebenfalls eine erregende, bei länger dauernder und stärkerer Einwirkung stets eine lähmende ist.
6. Die Wirkungen elektrischer Reizung.
Der elektrische Reiz steht den anderen Reizqualitäten in mancher Beziehung eigenartig gegenüber. Einerseits kommt der elektrische Reiz wohl in der freien Natur nur in Ausnahmefällen mit den lebendigen Organismen in Berührung, was sonst nur noch von manchen chemischen Reizen gilt. Andererseits aber besitzt er mancherlei Eigenschaften, die seine Anwendung auf die lebendige Substanz ganz besonders leicht und bequem gestalten. Der elektrische Reiz läßt sich so bequem wie kein anderer in seiner Intensität abstufen, mit einer Feinheit, die den höchsten Anforderungen entspricht. Ferner läßt er sich zeitlich auf jede beliebige Weise in seiner Anwendung begrenzen. Diese großen Vorzüge, die mit der genial entwickelten elektrischen Reizmethodik ihre höchste methodische Bedeutung erlangt haben, sind der Anlaß dafür geworden, daß man in der gesamten Physiologie überall, wo es sich um die Untersuchung von Reizwirkungen auf Zellen, Gewebe, Organe handelt, fast ausschließlich den elektrischen Reiz verwendet. So ist in der physiologischen Forschung der elektrische Reiz zum Reiz „par excellence“, zum alleinherrschenden Reiz geworden.
Von den verschiedenen Methoden Elektrizität zu gewinnen (Reibung, Influenz, Berührung, Induktion), wendet man zu Reizzwecken in der Physiologie fast allein den durch Berührung oder Induktion gewonnenen galvanischen Strom an, weil dieser durch seine Konstanz und Zuverlässigkeit, durch seine bequeme Handhabung und Anwendbarkeit, durch seine feine Abstufbarkeit an Intensität und Dauer die größten Vorteile bietet. Da die Methodik der galvanischen Reizung sich aber bis zu einer überaus großen Feinheit entwickelt hat, wird es zweckmäßig sein, erst kurz auf einige der wichtigsten Apparate einzugehen.
Wie wir bereits a. a. O.[446] sahen, entsteht eine galvanische Spannung, wenn wir zwei Streifen von verschiedenartigen Metallen oder gewissen anderen Körpern mit je einem Ende in eine schwach angesäuerte Flüssigkeit eintauchen. Haben wir z. B. einen Streifen von Kupfer und einen Streifen von Zink, die mit ihren unteren Enden in ein Gefäß mit verdünnter Schwefelsäure tauchen, während die oberen Enden frei in die Luft ragen, so haben wir die +primitivste Form eines galvanischen Elements+ (Fig. 206), in welchem zwischen den freien Enden des Zinks und Kupfers eine Spannung besteht in der Weise, daß sich das freie Kupferende elektrisch positiv, das freie Zinkende elektrisch negativ verhält. Verbinden wir die beiden freien Metallenden durch einen metallischen Leiter, z. B. einen Draht, so kann sich in dem Moment, wo diese Verbindung hergestellt wird, die elektrische Spannung ausgleichen. Da sie aber an der Berührungsstelle der Metalle mit der Flüssigkeit immer wieder von neuem entsteht, so resultiert auf diese Weise eine kontinuierliche Ausgleichung der Spannung, die wir als +einen konstanten galvanischen Strom+ bezeichnen. Die Kontinuität von Kupfer, Draht, Zink, Flüssigkeit, Kupfer bildet gewissermaßen einen geschlossenen Kreis, in dem der Strom fließt. Dieser galvanische Strom hat immer die gleiche Richtung; er fließt, wenn wir die außerhalb der Flüssigkeit befindlichen Enden der Metalle ins Auge fassen, vom Kupfer, dem positiven Pole, durch den Draht zum Zink, dem negativen Pole. In der Flüssigkeit selbstverständlich umgekehrt: vom Zink durch die Flüssigkeit wieder zum Kupfer zurück. Da wir aber konventionell immer die außerhalb der Flüssigkeit befindlichen Pole als positiven und negativen Pol bezeichnen, so ist jeder Irrtum ausgeschlossen: das Kupfer ist der positive, das Zink der negative Pol, oder, wie wir, um die Stromesrichtung im Namen zum Ausdruck zu bringen, auch sagen, +das Kupfer (+) ist die Anode, das Zink (−) die Kathode+.
Diese Form des primitiven galvanischen Elements, wie sie z. B. in geringer Modifikation dem sehr starken Chromsäuretauchelement (Fig. 208) zugrunde liegt, bei dem Kohle und Zink in verdünnte Chromsäure tauchen, diese Form hat sich für manche Zwecke als unbrauchbar herausgestellt. Wenn man nämlich den Stromkreis lange Zeit geschlossen läßt, d. h. die metallische Verbindung zwischen beiden Metallenden lange Zeit nicht unterbricht oder, wie man sagt: den Strom nicht „öffnet“, so findet man, daß er nach längerer Zeit nicht mehr so stark ist als anfangs. Das beruht darauf, daß sich an den beiden in der Flüssigkeit befindlichen Metallenden durch elektrolytische Zersetzung gewisse Stoffe, sogenannte „Polarisationsprodukte“, gebildet und angehäuft haben, die nun ihrerseits durch Berührung mit der Flüssigkeit zur Entstehung eines galvanischen Stromes Anlaß geben, der dem ursprünglichen Strome entgegengesetzt ist, ihn also allmählich mehr und mehr schwächt. Um die Entstehung dieses „+Polarisationsstromes+“ zu verhindern und so den ursprünglichen Strom auf möglichst konstanter Intensität zu erhalten, hat man den Ausweg gefunden, daß man beide Metalle in verschiedene Flüssigkeiten taucht, die durch eine poröse Tonscheidewand voneinander getrennt und so beschaffen sind, daß sie die sich bildenden Polarisationsprodukte im Moment ihrer Entstehung gleich wieder unwirksam machen. So kann sich kein Polarisationsstrom entwickeln, und die elektromotorische Kraft des Elements bleibt konstant. Solche „+konstante Elemente+“ sind in verschiedenen Formen im Gebrauch. Die bekanntesten und in der Physiologie am meisten benutzten sind die von ~Daniell~ (Fig. 207), bei denen Zink in verdünnte Schwefelsäure und Kupfer in konzentrierte Kupfersulfatlösung taucht, ferner die von ~Bunsen~, bei denen Zink in verdünnte Schwefelsäure und Kohle (die das Kupfer vertritt) in konzentrierte Salpetersäure taucht, und schließlich die von ~Grove~, bei denen Zink in verdünnte Schwefelsäure und Platin (statt des Kupfers) in konzentrierte Salpetersäure taucht. Der freie Zinkpol ist bei allen die Kathode.
In diesen galvanischen Elementen besitzen wir nunmehr Elektrizitätsquellen, von denen wir jeden Augenblick einen galvanischen Strom in bequemster Weise ableiten können, wohin wir ihn haben wollen. Um irgendein lebendiges Objekt, etwa ein Nervmuskelpräparat vom Frosch, galvanisch zu reizen, brauchen wir daher nur den Draht, der die beiden Metalle eines Elements verbindet, zu durchschneiden und zwischen seine Enden das Präparat einzuschalten; dann fließt der Strom durch das Präparat (Fig. 209 _I_). Um aber bequem jeden Augenblick den Stromkreis unterbrechen und wieder schließen und so die Einwirkung des Reizes auf das Präparat willkürlich beherrschen zu können, schalten wir in den einen Draht noch einen sogenannten „+Stromschlüssel+“ ein. Dieser besteht aus einem in isolierenden Hartgummi eingelassenen Quecksilbernäpfchen, in welches das eine Drahtende eintaucht, während das andere mit einem kleinen Hebel in metallischer Verbindung steht, den man beliebig jeden Augenblick in das Quecksilber tauchen oder herausheben kann, so daß die metallische Leitung jeden Augenblick hergestellt und wieder unterbrochen oder, mit anderen Worten, der Strom geschlossen und geöffnet werden kann (Fig. 209 _II_).
Wenn man länger einwirkende Ströme auf ein Präparat anwendet, so darf man nicht die Metalldrähte selbst als Elektroden an den Nerven oder Muskel etc. anlegen, da sonst an der Berührungsstelle des Metalls mit dem Präparat, das ja einen feuchten Leiter vorstellt, wieder Anlaß zur Entstehung von Polarisationsströmen gegeben wäre, die das Präparat selbst reizen und so den Versuch stören würden. Um diesen Uebelstand zu vermeiden, hat man daher sogenannte „+unpolarisierbare Elektroden+“ konstruiert, die an der Berührungsstelle mit dem Präparat keinen Polarisationsstrom entstehen lassen[447]. Diese unpolarisierbaren Elektroden bestehen in ihrer bequemsten Form je aus einer kurzen Glasröhre, die unten mit einem Pfropfen von plastischem Ton verschlossen ist, in dem ein kurzer, weicher Pinsel steckt, während das Lumen der Röhre mit einer konzentrierten Zinksulfatlösung gefüllt ist, in die ein mit dem Zuleitungsdraht verbundener Zinkstab eintaucht (Fig. 210). Diese Elektroden stecken in verstellbaren Stativen und können ungemein leicht gehandhabt und an das Präparat mit ihren spitzen Pinseln angelegt werden.
Nachdem wir in den galvanischen Elementen eine zuverlässige Quelle der Elektrizität kennen gelernt haben, handelt es sich nunmehr darum, die Intensität des galvanischen Stromes beliebig fein abzustufen. Zu diesem Zwecke müssen wir das Grundgesetz, das die Intensitätsverhältnisse des Stromes formuliert, etwas näher ins Auge fassen. Es ist +das ~Ohm~sche Gesetz, welches sagt, daß die Intensität eines Stromes proportional ist der elektromotorischen Kraft der Stromquelle und umgekehrt proportional den Widerständen+: _I_ = _E_/_W_.