Part 2
»Komm mit, Lore,« sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe für alles Feine, Zarte und Schwache hatte und die »die Affenlore« schon öfters mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. »Darfst du mit auf den Turm? Erlaubt's deine Mutter?« Lore nickte glücklich. Sie war so viel allein und mußte sich so oft anders fühlen als die andern, daß sie es als Glück empfand, wenn gute Bürgerskinder sie als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschätzung: »Die soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst noch vor den Glocken.« Er hatte noch keinen offenen Sinn für die Anmut und schätzte Größe und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die Kleine wußte sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und weiß geflecktes Kaninchenschwänzchen aus der Manteltasche. »Da, willst du das?« fragte sie. »Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud hält mich schon.« Da nahm der Junge das Schwänzchen und dann gingen sie mitsammen durch den Schnee. »Guck einmal,« sagte Gertrud, »meine Füße sind grad so groß wie die deinen.« Sie setzte vergnügt ihre breiten, kräftigen Stiefelabdrücke neben die ihres Freundes und verhieß ihm, der es sich auch von ihr gefallen ließ, daß sie immer mit ihm Schritt halten würde und ebenso groß, kräftig und gescheit zu werden gedenke; »oder auch noch ein bißchen mehr,« setzte sie hinzu, zog aber das letztere willig zurück, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun, nicht um den Wettbewerb. Während nun die beiden in gleichem Schritt und Tritt kräftig auszogen, trippelte Lore in ihren Fußtapfen hintendrein, flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fußabdruck in den großen der Vorgänger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fuß des Turmes an.
»Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung.« Meister Nössel setzte die Hornbrille mit den runden Gläsern auf und sah zu, wie eins ums andere von den blühenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann wünschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte: »Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag' ich. Da kommet ihr so herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stück ins Leben hineingewachsen und kaum war's doch, daß ihr hereingekommen seid, in die Welt, mein' ich, nackt und bloß, wie der Psalmiste sagt. Und vordem sind eure Väter da heraufgestiegen und haben mir am Läuten geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heißt das, deiner nicht, Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu. Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und muß in Geduld warten, bis ihr Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schönes Mädchen zu ihrer Zeit und mein Sohn hätte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man weiß nicht, was noch kommt und ist das Beste, daß unser Herrgott noch immer auf seinem Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Läuten gehen, und er walte das zu Anfang, Mittel und Ende.« Damit nahm er die Brille ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gästen, ob sie ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen sähen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Läutens gäbe. Sie faßten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, indeß Meister Nössel die große anzog. Lore drückte sich in die entfernteste Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kämen aus innerem Trieb zu Tage und strömten über und zu den Schalllöchern hinaus und würden ein Meer und füllten die ganze Welt, und überall müßte man sie rauschen hören, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.
»So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wärmt euch.« Meister Nössel klappte sein Lädchen an der Mauerluke auf und setzte sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tönen, es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der Gemeindegesang, der die Kirche füllte, über, und bis in die Stille hier herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten, aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wären, nicht hier. Aber sie wußten nicht, wo.
Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs und sagte leise und eindringlich: »Du Trampelliese.« Und das Wort war nicht aus einem streitsüchtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedürfnis heraus geboren, daß die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks ungestört nachhallen könne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte er sich aber noch erwerben.
* * * * *
»Da seid ihr denn nun,« sagte Frau Judith und öffnete ihre Stubentür, daß das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten Stube auf die dunkle Treppe floß. »Da seid ihr denn wieder einmal heraufgekrabbelt, und wißt ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles vorbei und kommt nicht mehr. Nun mögt ihr hinaussehen, so viel ihr wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts.« »Ach, gar,« sagte Gertrud und lachte ein bißchen unsicher, »laß mal sehen, Frau Judith, es muß doch sonst noch was da sein,« und sie zog ihren Kameraden, der mit großen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. »Siehst du, du mußts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg,« rief sie in ausbrechendem Jubel, »da sind alle Häuser und Gassen und der Himmel, und die Raben auf den Bäumen! O, o, Frau Judith, der Großvater sagt's auch immer, daß man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren. Komm, Lore, setz' dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mütze herunter, denn jetzt erzählt Frau Judith so lang fort, daß mans gar nicht sagen kann.«
»So meinst du?« Frau Judith stand an der Krücke in der Mitte der Stube und ihr breites Gesicht glänzte vor unsäglichem Vergnügen. Sie versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wüßte; Georg sah so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, daß ihr das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. »So, nun setz' dich einmal in deinen Stuhl und fang' an,« sagte sie. »Du kannst sagen, von was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Großvater kommt auch nächstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch bloß Spaß, du kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.«
Lore saß ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das konnte sie wohl sehen, sie aber fühlte sich fremd und scheu in ihrem Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut früh vor den Spiegel gestellt. »Herzig siehst du aus,« hatte sie gesagt, und noch anderes. Von der Zukunft, und daß Schönheit ein Reichtum sei. Jetzt hätte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wäre.
Da strich ihr plötzlich eine große, weiche Hand sacht und leise über das Haar. Sie duckte sich wie ein Vögelchen unter der ungewohnten Berührung. »Ich kenn' dich schon, du Kleines,« sagte Frau Judith. »Bist noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn' dich doch. Ich tu' dir nichts, mußt dich nicht so ducken.« Und Georg und Gertrud nickten ihr zu: »Sie tut dir nichts, natürlich nicht; mußt dich nicht so ducken,« sagten ihre Gesichter. Da fing sie plötzlich an zu lachen, und lachte und lachte, und hielt sich die Hände vors Gesicht und die Locken fielen ihr drüber her. Und kein Mensch wußte, warum sie lachte, und sie fragten und fragten, und lachten endlich mit und wußten auch nicht, warum, und als Frau Judith ihr die Hände vom Gesicht zog, da waren sie naß, über und über.
»Behüt uns,« sagte Frau Judith leise, und dann fing sie an, zu erzählen, was sie von ihrem Fenster aus gesehen habe all' die Zeit daher.
Sie kam nie mehr hinunter, seit sie ein hölzernes Bein und eine Krücke hatte, das war schon 10 Jahre her. Meister Nössel war ihr Bruder. Er hatte sie sich da herauf geholt, nachdem man ihr im Krankenhaus das Bein abgenommen hatte. »Und das ist ein solches Stück Arbeit gewesen,« sagte sie und meinte nicht ihr Unglück, sondern die Reise auf den Turm, daß ich nun hier oben bleibe, bis mich einmal die schwarzen Männer holen. Es sei denn, fügte sie hinzu, »der Turm falle vorher ein, was aber nicht wahrscheinlich ist. Da käme ich dann freilich schneller hinunter als ein Vogel fliegt.« Sie war in diesen Jahren und bei der sitzenden Lebensweise ungeheuer in die Dicke und Breite gegangen und es war ein gruselig machender Genuß, sich auszudenken, wie das alles vor sich ging. Es war alles, wie im Märchen; man konnte nie wissen, was mit Frau Judith geschah und mit dem Meister Nössel und mit dem ganzen Turm. Unten auf ebener Erde, da ging alles seinen nüchternen Gang. Aber hier oben, es war nicht auszusagen, was man hier oben alles erleben konnte. »Ja,« sagte Frau Judith, »und darum möchte ich auch nicht für Geld und einen neuen Fuß wieder in die Unruhe da hinunter, wo man nicht weiter sieht, als bis an die nächste Mauer. Wenn man nun zehn Jahre hinter einander hat am heiligen Abend die Christbäume im Himmel brennen sehen. Ja, im Himmel, und das ist sicher, denn von hier aus sieht man mitten hinein, wenn man rechte Augen hat und die Zeit nicht verpaßt, wo er offen ist.«
Daran war nicht zu zweifeln. Und wenn auch Gertrud hie und da den klugen Kopf schüttelte, im Grunde glaubte sie es doch. Um es recht zu sagen: es war wie im Märchen vom unsichtbaren Königreich. Die Königin ging an Krücken und kochte mühselig in irdenen Töpfen im Ofen, und der König war ein zusammengesessenes Männlein und flickte den Leuten die Hosen. Und die meisten Leute wußten nicht, daß sie ein Land hatten und ein Reich. Aber das tat nichts zur Sache. Das konnten die Leute halten, wie sie wollten. Man konnte daran nur sehen, daß sie nicht desselben Landes waren. Die beiden wußten es selber und das war die Hauptsache. Der Rektor Cabisius wußte es auch, und seine Frau, und der alte Korbmacher Hollermann. Und die Kinder, die fast am besten, obgleich sie keinen Namen dafür hatten.
Da saß denn die Frau Judith Tag für Tag an ihrem Fenster und nähte. Und dann kam die Sonne herauf und lachte, übers ganze Gesicht, zu ihr herein, und dasselbe tat Frau Judith, zu ihr hinaus. Und die Spatzen kamen, die ihr Nest an der Dachrinne hatten, und die Schwalben strichen hin und her und schwatzten von ihren Erlebnissen, und im Winter, wenn sie fort waren, hockten doch die Raben flügelschlagend auf dem Dach und holten sich mit Geschrei die Brocken, die ihnen Frau Judith zuwarf. Zuweilen kam eine große, schwarze Katze und guckte mit blanken, grünen Augen ins Fenster und machte einen Buckel und stellte den Schwanz in die Höhe. Und alle diese Geschöpfe wußten so viel zu erzählen, von den Leuten im Städtlein unten weniger, aber sonst eine ganze Menge wunderbarer Sachen, und das taten sie sonst niemanden, als nur der Frau Judith und etwa, der Verwandtschaft halber, ihrem Bruder; und daran »konnte man es mit Pelzhandschuhen greifen«, wie der Rektor Cabisius sagte, »daß etwas Besonderes an ihnen sei.« Am Abend war es noch viel wunderbarer. Da kam der Mond und füllte die Stube bis in den letzten Winkel mit seinem Licht, »und,« sagte Frau Judith, »wenn wir noch eine zweite hätten, dann bekämen wir die auch noch voll, aber wir haben nur die eine, und das ist gerade gut, denn dann haben wir alles näher beieinander.« (Es war fast alles »gerade gut«, und das sei das königlichste an der Frau Judith, sagte ihr alter Freund, der Rektor, und da er sie so genau kannte, so mußte er es ja auch wissen.)
Da glänzte dann die ganze Gegend in einem silbernen Schimmer, das ganze Tal war wie ein leise wallendes Meer von geheimnisvollen, verhaltenen Lichtfluten; das Städtlein und die Wiesen und Berge und Wälder, alles ruhte auf dem klaren Grund und die Flut ging hoch darüber hin. »Und da ist es denn, als sollte man mitschwimmen,« sagte Frau Judith zu den Kindern, »zum Fenster hinaus und ganz weich und sachte durch die Luft, nicht fliegen, schwimmen. Aber seht ihr, ich bin zu schwer dazu, das ist der einzige Grund, warum ich's nicht tue. Aber das kommt noch.« Und die Kinder horchten, mit großen Augen sahen sie in Frau Judiths Gesicht. Ja, die war freilich anders, als andere Leute. Man konnte nie wissen, was mit ihr noch geschehe. Sie wußten auch wohl, daß oben, ganz weit oben über den Wolken der liebe Gott sitze und, Meister Nössel hatte es gesagt, direkt durch die Fenster hier in die Stube sehe, da man sich denn freilich wohl in acht nehmen müsse, daß alles mit Ehren zugehe, weil man ihm ja doch nicht unter die Augen treten möchte mit irgend einer zweifelhaften Sache.
Ob denn, fragte Georg einmal, der liebe Gott auch in die Taschen sehe? Es war ihm nicht recht behaglich dabei, das konnte man ihm ansehen. »Natürlich,« sagte Meister Nössel, »in die Taschen, und durch und durch.« Da drückte sich der Bub so an der Wand hin und suchte mit guter Manier zur Tür hinaus zu kommen, und polterte die Treppen hinunter, daß er sich fast überschlagen hätte. Unten aber auf dem Kirchplatz gab er Kindern und Hunden ein Fest mit zerdrückten, verkrümmelten Eierwecken, die er sich aus der Backstube gemaust hatte und die ihm plötzlich die Taschen verbrennen wollten. Es war ihm noch nicht so ganz wohl dabei, er hätte sie am liebsten wieder nach Haus getragen. Aber wer konnte sie so noch gebrauchen? Auch war niemand da, bei dem man eine Lossprechung von dem unbehaglichen Gefühl erhoffen konnte, das sich da auf einmal eingestellt hatte. Da mußte es denn auch so gehen. Er kehrte die Taschen um, daß der liebe Gott so recht deutlich sehen konnte, es sei nichts unrechtes mehr darin, und dann ließ er sie fröhlich heraushängen und erstieg neuerdings die Höhe mit verhältnismäßig gereinigtem Gewissen.
Meister Nössel schien nichts gemerkt zu haben. Er saß auf seinem Tisch und flickte einen Arbeitskittel, und als das geschehen war, putzte er noch die Flecken heraus, mit Wasser und grüner Seife, und bügelte die Runzeln glatt, und es war nichts zu verbergen, in der ganzen Stube nicht. Und das war eine so fröhliche Sache, daß man den lieben Gott wohl einladen konnte, zuzusehen. Meister Nössel aber blinzelte zu Frau Judith hinüber, und sie zu ihm. Und er nahm die Brille ab, deren er nur in der Nähe bedurfte, und sah mit hellen Augen über sein Königreich hin. Das reichte, so weit man sehen konnte, und noch weiter, und die Beiden nahmen es niemanden weg und niemand hatte einen Schaden davon. Denn es war ihnen alles zu eigen, weil sie sich an allem zu erfreuen vermochten. Und sie »fülleten die Erde und machten sie sich untertan« mit ihren stillen und fröhlichen Gedanken; und alle guten Geister halfen ihnen dazu.
Viertes Kapitel
Es saßen drei alte Männer beisammen auf dem Kanapee. Es war ein breites, geräumiges, altes Kanapee, ohne Sprungfedern und schwellende Polster, hart und zusammengesessen, und es hatte einen rot und blau gewürfelten Überzug. Die drei Männer hatten bequem Platz darauf; es tat ihnen auch in ihrem Behagen keinen Eintrag, daß sie mit den Ellenbogen zusammenstießen, wann einer sich rührte, um seine Pfeife frisch zu füllen. Sie waren alle drei Wiblinger Stadtkinder, der Rektor Cabisius, der Korbmacher Hollermann und der Meister Nössel. Einst waren sie miteinander auf einer Schulbank gesessen und hatten miteinander in den Freistunden ihre überschüssige Kraft vertobt. Dann waren sie ihrer Wege gegangen, ein jeder den seinigen, und hatten nichts mehr von einander gewußt. Und nun waren sie alte Männer und saßen eng beisammen, und waren hier zusammengekommen, um eine Reise in ihr Jugendland zu machen.
Auf dem Tisch stand Frau Judiths braune Kaffeekanne, und Frau Judith hantierte am Ofen mit den Töpfen und bereitete den Trank. Sie konnte gut mitreden, denn sie war einst als wildes Mädchen mit den drei Jungen über die Hecken gestiegen, und sie war, wie sie selbst sagte, »jetzt noch jünger, als sie alle drei zusammen.«
Die Frau Rektorin saß im Lehnstuhl und klapperte mit ihren Stricknadeln, als ob es ums Geld geschähe. Sie hatte einen kleinen Ärger zu verstricken. Denn erstens war sie kein Wiblinger Stadtkind und konnte darum die Reise nicht so recht mitmachen. Und zweitens verspürte sie einen unangenehmen Kitzel in der Nase, weil sich ihr Gemahl mitten zwischen die zwei alten Schulkameraden gesetzt hatte, und weil er nun soeben sagte: »Aber natürlich dutzen wir uns. Das wäre noch schöner. Wie, ich soll wohl Herr Hollermann sagen?« Denn der alte Korbmacher war die ganze Zeit bisher in der Fremde gewesen und war nun vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrt, ohne Frau und Kinder und ohne viel Habe, und wohnte in einem Häuschen ganz draußen an der alten Synagoge, die auf freiem Felde stand, und schien der Frau Rektorin ganz und gar kein Mann zu sein, mit dem sich ihr Gatte zu dutzen brauche.
Er war ihm einerlei, das wußte sie wohl, was die andern »Herren« des Städtchens zu dem Verkehr sagen würden, er war darum doch überall beliebt. Aber das schloß nicht aus, daß es #ihr# nicht einerlei war. Sie hatte sonst gute Augen, die wohl geeignet waren, durch abgetragene Kleider und kümmerliche Gesichter und Gestalten hindurch zu sehen und sich die Seele eines Menschen anzuschauen und zu fragen: »Was bist du für ein Mensch? Ich meine, du selbst, dein eigentlichstes Ich. Bist du ein froher Mensch, ein wackerer, ehrlicher, tapferer? Oder schleppst du dich mit dem Leben? Und warum?«
Aber heute abend waren sie nicht so hell wie sonst. Sie war eine Dekanstochter, ihr Großvater war Oberamtsrichter gewesen. Das stieg ihr noch hie und da nackensteifend auf. Und nun saß ihr Mann hier auf dem alten Kanapee und tat, als ob er sein Leben lang als Handwerksbursche durch die Welt gezogen wäre. Er war ja doch auf Schulen gewesen. Er war ja doch akademisch gebildet und war Rektor der Lateinschule. Und nun sagte er eben: »Ach, Hollermann, weißt du noch, wie wir zu deinem Großvater auf die Weide gingen? Weißt du noch, wie sein schwarzer Schäferhund nach der Flöte tanzte, immer rundum, hinter seinem eigenen Schwanz drein?«
Sie war noch nicht recht reif für die Jugenderinnerungen. Sie hatte heiße Backen. Warum war sie auch mitgegangen? Was hatte sie keuchen müssen die engen Wendeltreppen herauf. Aber ihr Gatte hatte es gewollt. »Du wirst deine helle Freude haben, Anne,« hatte er gesagt. »Es wird sein wie eine _laterna magica_, immer ein Bild nach dem andern. Wie ein leibhaftiges Stück Jugend wird es sein.« Er war ein großes Kind. Er sah es gar nicht ein, daß er denn doch etwas anderes geworden sei, als der Flickschneider und der Korbmacher. Warum hatten sie sich nicht auch geregt? Warum waren sie nicht auch so klug? »Was,« dachte die Frau Rektorin, »nun soll ich wohl einen Kranz mit ihnen halten, immer reihum, bei uns, und auf dem Turm, und in der Villa Hollermann, dem windschiefen Lehmhäuschen? Das könnte eines Tags mit uns umfallen und dann hieße es in der Stadt, daß wir ganz ordnungsgemäß mit unseren besten Freunden zusammen unter den Trümmern liegen.«
Die Phantasie der Frau Rektorin war im besten Zug, ins Kraut zu schießen und ganz üppige Blüten zu treiben. Die Stricknadeln klapperten dazu. »Man kann die Menschenfreundlichkeit auch zu weit treiben,« eine Nadel; »wenn das mein Großvater wüßte,« die zweite; »aber so ist mein Mann, immer ist er so,« die dritte. Da fühlte die Frau Rektorin eine leichte Berührung am Arm. Sie kannte sie. Das war ihr Mann, der sie über den Tisch herüber mit der Mundspitze seines Pfeifenrohrs antippte, ganz leicht und leise. Und als sie aufsah, mit einem hellen, raschen Blick, da lagen seine Augen auf ihr; sein ganzes Gesicht fragte in das ihrige hinein und gab zugleich die Antwort, lächelnd und warm, und ein bißchen belustigt. »Ja, was ist denn, Anne? Was denkst du dir denn für krause Sachen zusammen, Weib? Bist doch sonst so klug. Ein bißchen Kastengeist, was? So, jetzt komm, jetzt laß das; jetzt paß einmal auf, was das für Leute sind, du hast ja selber deine Freude dran. Alle guten Geister, Anne. So, so.« Er nickte ihr noch ein paarmal zu, kaum merklich, die andern sahen von dem allem nichts. Aber es war, als ob man einem Kind beschwichtigend auf den Rücken klopft, ganz sachte und gelind. Da glätteten sich die Wogen. Da fiel es ihr wieder ein, wie er sie gelehrt hatte, durch sich selbst, durch sein eigenes, ehrliches, aufgeschlossenes Wesen, all' die Jahre daher, seit sie seine Frau war, an das unsichtbare Königreich der schlichten, frohen, kindlichen Menschen zu glauben und sie sich unter allen Hüllen herauszusuchen, und sie als Landsleute der besten Art zu begrüßen. Und sie war froh, daß nur er ihre Gedanken gelesen hatte, und nickte ihm auch zu und schüttelte sich ein wenig, als wolle sie etwas los werden. Und dann legte sie den Strickstrumpf in den Schoß und die Hände behaglich übereinander und hörte zu, wie die Bilder der Vergangenheit lebendig wurden und ins Reden kamen.
Sie tat einen suchenden Blick nach dem alten Korbmacher hin. Der hatte ein braunes, hageres Gesicht und hängte die Schultern etwas nach vorn, und über den Augen liefen die dichten, struppigen Brauen zusammen. Die Augen selbst und der Mund aber waren weich, fast kindlich, als wären sie nicht auf einer beschwerlichen, weiten Lebensreise gewesen. »Der muß wohl fromm sein,« dachte die Frau Rektorin, »so auf eine stille, in sich gekehrte Art. Der muß wohl nicht viel wissen von den Dingen rings um ihn her. Der hat sich da innen irgend etwas aufgebaut, das wird man ja noch erfahren, was.«
Und sie war schon geneigter, ihm zu verzeihen, daß er's im Leben nicht weiter gebracht habe.
»Ja,« sagte er jetzt eben, »ich habe oft an ihn gedacht, draußen herum, an meinen Großvater, meine ich, den alten Schäfer Hollermann. Meinen Vater hab' ich nie gekannt und meine Mutter war so still und gedrückt, wie meine Großmutter laut, stark und entschlossen. Da sagte er, als ich noch ein kleiner Knirps war, oft zu mir: »Komm, Bub, geh' mit mir hinaus, das ist nichts für uns zwei. Geh' mit mir auf die Weide.« Da saß ich denn unter einem Weidenbusch und ringsum war die Welt ganz rund um mich her, ich saß ganz in der Mitte. Die Schafe grasten auf den Brachäckern, die Staren saßen ihnen auf den Rücken, und flogen ab und zu, und mein Großvater stand und lehnte sich auf seinen Stock und sah still um sich. Es muß im Frühling gewesen sein. Er sagte nie viel. Aber wenn er auf der Flöte blies, dann verstanden wirs Beide, der Schäferhund und ich. So war es uns auch zu Mut, gerade so. Das kann man nicht sagen. Ich habe die Flöte überkommen, ich habe sie noch.«
Er schwieg wieder und sah still vor sich hin. Da kam Frau Judith in den Kreis. »Jetzt das von dem Stock,« sagte sie, »das war das Geheimnisvollste, was man sich denken kann, das ist ein Märchen.«