Alle guten Geister...: Roman

Part 1

Chapter 13,638 wordsPublic domain

Alle guten Geister ...

Roman

von

Anna Schieber

Vierzehnte Auflage

Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn 1908

Christliches Verlagshaus, Buchdruckerei, Stuttgart.

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Es sind allerlei Leute, die sich in diese Geschichte hereindrängen. Es ist eine ganze Versammlung von Leuten, alten und jungen, und es ist gar nicht leicht, sie alle an den richtigen Platz zu stellen. Da sind wohl solche darunter, die warten könnten, bis die Reihe an sie käme. Zum Beispiel der Rektor Cabisius, der mit seinen heitern, milden, jungen Augen durch den Garten geht und mit siebzig Jahren noch an die Freude glaubt, oder »jetzt erst recht«, wie er selber sagt. Und der Turmwächter und Schneidermeister Nössel und seine Schwester, Frau Judith, die so wunderbare Dinge sah, und der alte Hollermann, und immer noch mehrere, da nun das Tor offen ist. Da ist der alte Hirt, der dreimal über den Stock sprang, wenn er sein Morgengebet verrichten wollte, und der sinnige Küfermeister Riedel, von dem auch einiges zu sagen sein wird. Sie alle könnten wohl warten, bis die Reihe an sie kommt, denn das Warten haben sie unter andern guten Tugenden durch ein langes Leben hindurch gelernt und wenn sie gefragt würden, so würden sie sagen, wie so oft im Leben: nur immer die Jugend voran. Wir Alten gehen gern einen sachten, behaglichen Schritt, und dann: es ist auch besser, die Jungen im Aug' zu behalten. Und die Frau Rektorin Cabisius würde nach ihrer Gewohnheit ein paar rasche, trippelnde Schritte machen, dem Mittelpunkt zu, und dann wieder stehen bleiben und ihrem Mann zunicken: so komm doch, Alter. Ich sehe nicht ein, warum du dich so hinten hältst. Und dann würde sie selber zu ihm zurücktreten und nur die kleine Gertrud vorschieben und mit bescheidenem Stolz sagen: das Kind hat heute seinen ersten Schritt gemacht; das darf nicht übergangen werden.

So soll nun die Frau Rektorin Recht behalten, und der erste Schritt in das Buch hinein soll auch von einem ersten Schritt ins Leben hinein handeln. Und die andern mögen ihm zusehen, und es wird nach und nach ein jedes seinen Platz in der Geschichte finden, die einen kommend, die andern gehend, ganz wie im Leben draußen auch. Und es wird Lichter und Schatten darin geben und zuletzt wird die Sonne über die Schatten siegen, wie das so ihre Art ist.

* * * * *

Es ist wohl der Mühe wert, von dem ersten Schritt zu reden. Da ist so eine lange, lange Bahn, es ist nicht zu sagen, wieviel Schritte darauf zu tun sind. Und niemand weiß, wann er sie zum erstenmal betritt, was er auf ihr finden wird. Wo sollte sonst ein junges Menschenwesen den Mut hernehmen, sich auf die Füße zu stellen und sich auf den Weg zu machen?

Der Frühlingssonnenschein lag auf der alten Stadtmauer, auf den Giebeldächern des Städtchens und auf den Gärten, die in der Hut der Stadtmauer und der Giebeldächer lagen und sich darauf besannen, daß es ein schönes, festliches Ding um Frühling, Leben, Werden und Wachsen sei.

Die Luft war voll Schwalbengezwitscher und Starengeschwätze. Auf dem Kirchendach klapperten die Störche, in den Blüten der Frühkirschenbäume summten die Bienen wie toll vor ausgelassener Daseinsfreude. Eine Katze schnurrte auf dem Bretterzaun. Es war kein übler Zeitpunkt, den ersten Schritt zu wagen.

»Freude, Tochter aus Elysium,« sang die Schöpfung und ließ alle Instrumente dazu klingen. Es war ihr einerlei, daß es Leute gab, die behaupteten, es sei nicht der Mühe wert, in diese Welt herein geboren zu werden.

Der Rektor Cabisius gehörte nicht zu ihnen. Er ging in den sonnigen Wegen auf und ab, besah sich seine Obstbäume, wie sie mit ausgebreiteten Armen auf ihren Frühling warteten, paffte große und nicht besonders zierliche Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, und nahm ab und zu diese Pfeife aus dem Mund, um damit irgend eine Melodie zu taktieren, die ihm durch den Sinn zu gehen schien. Vielleicht war es dieselbe Melodie, die durch die Luft schwirrte; wer kann das wissen? Er sah nicht aus, als ob er irgend jemandem hätte den freundschaftlichen Rat erteilen mögen, nicht in diese Welt herein geboren zu werden.

Sein Haar war grau; auf der Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten, und unter den Augen hatte er unzählige feine Fältchen, ein ganzes Heer von Fältchen.

Aber was waren das für junge Augen, warme, lebendige, ungetrübte, die zwischen den Fältchen heraus sahen, so, als ob sie sagen wollten: »Ach, das ist ja alles nur äußerlich, das Alte, Graue, Faltige, Mitgenommene. Wenn ihr da innen hinein sehen könntet, wie da Leben ist. Aber das könnet ihr nicht.«

Ihn freute der Frühling. Er nahm sich das Recht dazu, sich zu freuen trotz allerlei trübem, das ihn durchaus aus dem Winter herüber begleiten wollte. Und es ist nicht zu sagen, wieviel Trauriges ein ehrlicher Mensch, der es von Herzen mit der Freude halten will, durch sie besiegen kann. Die lieblichsten Frühlingswunder zeigt sie ihm, und ein solches zeigte sie ihm jetzt eben, als er stillstehend nach dem grünen Rasenfleck hinübersah, wo auf einem ausgebreiteten, großen Tuch ein kleines Menschenkindlein saß. Es krabbelte mit den Händchen nach den rosa Blütenblättern, die der junge Pfirsichbaum über ihm von Zeit zu Zeit niederschweben ließ. Und als sich einige davon etwas zu entfernt niederließen, da kam ihm das Verlangen, sie zu holen.

Und da geschah es, daß das Kindlein seinen ersten Schritt auf dieser Erde machte, den ersten von so vielen, die ihm zu tun vorbehalten waren.

Die runden Händchen faßten den schlanken Stamm als Stütze, und als die Füße fest standen, etwas gespreizt und unsicher freilich, aber doch wirklich und wahrhaftig auf dem Grund, da ließen die Händchen los. Und da geschah der erste Schritt.

Der Großvater sah ihm zu. Er klopfte die Pfeife aus, legte die Hände auf den Rücken und sah in das blühende Wunder hinein, still, und ein wenig bewegt, und ein wenig belustigt. Das war so etwas Selbständiges, was da vor seinen Augen geschah, da regte sich so eine junge, sichere Kraft, die etwas werden wollte. Mit ernstem Gesicht vollbrachte die kleine Enkelin ihre brave Tat.

Aber dann kam die Angst über sie. Da war solch ein großer, leerer Raum, in den sie sich hineingewagt hatte; darin war sie so allein. Sie streckte die Händchen aus und wußte nicht weiter.

Nun war es Zeit für das Alter. »Da,« sagte der Großvater und trat vollends heran. Er streckte sein langes Pfeifenrohr aus. »Halt's fest,« sagte er. Da schlossen sich die kleinen Fingerchen darum, da kam nun die Sicherheit wieder, die im Alleinsein so kläglich vergangen war. Da war ja nun eine Stütze, und der unendliche Raum war liebevoll ausgefüllt durch ein Menschengesicht.

Und nun machten die beiden jungen Leute eine große, große Wanderung mitsammen, wohl fünf, sechs Schritte, und immer das Pfeifenrohr zwischen ihnen als Halt und Leiter. Dann nahm der alte Herr das kostbare, kleine Menschenwunder in die Arme, und sah zu, wie es über das ernsthafte Gesichtchen flog, wie lauter Sonne; da war ein Leuchten des Glücks zu sehen; bis unter die braunen Härchen auf dem runden, weichen Kinderkopf alles ein Lachen und ein Stolz.

»Ja, ja,« sagte er, »ja, ja, das hätten sie sehen sollen,« und er meinte damit nicht die Leute im Städtchen, die Nachbarn und Freunde, sondern zwei andere Menschen, die vor allen hierhergehört hätten.

»O du Symboliste,« sagte seine kleine, heitere, behende Frau, als sie später las, was ihr Mann in das Büchlein geschrieben hatte, in dem er denkwürdige Ereignisse zu verzeichnen pflegte, »o du Symboliste,« das sagte sie öfters, wenn er mit weitsichtigem Blick in die Lebensfernen in den kleinen Geschehnissen des Tages wie durch einen Spiegel den tiefen Sinn des Lebens sah. Das war ihm eigen, und sie war stolz auf ihn und liebte ihn, gerade so, wie er war. Aber darum konnte sie es doch nicht unterlassen, ihn zu necken. Es hätte ihm auch gefehlt, wenn sie es eines Tages nicht mehr getan hätte.

Der Eintrag in das Büchlein aber lautete:

»Das war nun der Anfang. Sie hat sich tapfer auf den Weg gemacht, allein und ohne Hilfe. Das ist gut und nötig. Es wird noch oft nötig sein, daß sie das tut. Aber, o du Kind meines Kindes, mögest du nie im Alleinsein des Lebens vergeblich die Hände ausstrecken nach einem, der dir die Leere fülle.«

Jetzt eben kam die Frau Rektorin eilfertig durch den Küchengarten geschritten und trat zu den beiden. Sie hatte graues Haar, wie ihr Gatte, und äußerlich betrachtet, hatte sie keinerlei Grund, so strahlend auszusehen, wie sie es wirklich tat. Es lag eine traurige Geschichte in dem Lebensjahr, das die kleine Gertrud schon hinter sich hatte.

War nicht ihr Vater der jüngste Sohn der beiden alten Leute und seiner Mutter Liebling gewesen? Und hatten nicht beide Eltern das junge Pflänzchen auf Erden zurückgelassen, nachdem sie es in die Hut der Alten gegeben hatten?

Was für ein wackerer Helfer ist doch ein Kinderlachen, wenn es gilt, über so viel Leid und Sorgen hinüber wieder froh und jung und hoffnungsvoll zu werden.

Es war ein Festtag heute. Die Großmutter erfuhr das fröhliche Geschehnis und wollte es auch mit ihren eigenen Augen sehen; und als das geschehen war, da stimmten die drei, wenn's erlaubt ist, so zu sagen, ein Terzett an, das mit reinen Tönen in das Frühlingsorchester hinein klang: »Freude, schöner Götterfunken!« Gertrud fing an. »Mama, Mama,« rief sie, und darauf folgte allerlei Kauderwelsch, das man nicht widergeben kann.

Was die beiden Alten dazu taten, eignet sich gleichfalls nicht für den Druck, und so muß auch der Text hier verschwiegen bleiben und, zusamt der Melodie, dem Ahnungsvermögen derer überlassen werden, die gleich dem Herrn und der Frau Rektor schon die Sonne haben durch Tränentropfen hindurch scheinen sehen.

Zweites Kapitel

Es erkälte sich niemand, wenn unmittelbar nach diesem linden, sonnigen Tag im Frühling von Schnee und Eis, Nordostwind, knarrenden Wetterfahnen und Neujahrsglückwünschen die Rede ist. Denn man kann sich ja ebensowohl die Seele erkälten, als den Leib bei solch einem schroffen Wechsel. Und der Leser teilt nicht den Vorzug, den die Leute von Wiblingen haben, daß nämlich seit dem letztgenannten Tage alle Jahreszeiten in guter Ordnung an ihnen vorbeigezogen sind, wie das in dem Kreislauf der Dinge liegt, der sich seit den Tagen Noahs nicht geändert hat. Die Erde hat seitdem einige Male ihre gewiesene Bahn um die Sonne gemacht, und es liegt jetzt der Winter über der nördlich gemäßigten Zone.

* * * * *

Unter der Tür von seines Vaters Haus stand ein Bub von zehn Jahren. Er hatte einen kurzen, steil aufstrebenden Haarschopf, blaurote Ohren und ein vergnügtes Gesicht. Die Hände hatte er in den Taschen vergraben. Er sah nicht aus, als ob er sie an diesem sicheren Zufluchtsort zu Fäusten geballt hielte.

Auf der Straße lag ein frischer Schnee, der über Nacht gefallen war. Am Himmel hing weißes, zerrissenes Gewölk und dazwischen sah ein kräftiges, reines Blau heraus. Es fuhr ein scharfer, lustiger Wind durch die Straßen. Er wirbelte einzelne Schneeflocken in der Luft umher, bis er ihnen gestattete, sich zu ihren Vorfahren zu versammeln und tat sehr herrisch, weil er zugleich mit dem neuen Jahr in Wirkung getreten war.

Dem Jungen gefiel es nicht übel bei diesem Zustand der Welt. Er ließ sich auf die Nase schneien und pfiff dazu vor sich hin. Über ihm baumelte an einem eisernen Haken die große, goldene Bretzel, die das Abzeichen des Hauses war. Der Wind spielte mit ihr und sie knarrte beim Hin- und Herschwanken wie ein ungeöltes Wagenrad. Er hieß Franz Ehrensperger und sein Vater hieß auch so, und vor ihm hatte dessen Vater und Großvater auch so geheißen. Und über ihnen allen hatte die goldene Bretzel gebaumelt und im Winde geknarrt und sie war von jeder neuen Generation frisch vergoldet worden. Die Ehrensperger hatten es dazu. Sie hatten von jeher ihr Brot zu backen gewußt, wie es sich gehörte und ihre Mitbürger erkannten das auch an. Es war zu erwarten, daß auch Franz der Junge in späteren Jahren die Bretzel neu vergolden würde; es lag gar kein Grund vor, etwas anderes anzunehmen.

Und so konnte er an diesem Neujahrsmorgen wohl mit Seelenruhe ins Wetter schauen und, wenn ihm die erfreuliche Gegenwart nicht genügte, auch in eine erfreuliche Zukunft blicken, die wie eine weiße, saubere, wohlgeebnete Landstraße vor ihm lag und an der es freundliche Rastorte zur Rechten und zur Linken gab.

Es ist nicht gesagt, daß er es getan habe. Der Erbe des Hauses Ehrensperger war nicht so veranlagt, daß er allzuweit in die Ferne gesehen hätte und mit neun Jahren pflegt man das auch nicht zu tun. Jungfer Liese tat es für ihn; und sie tat es mit Wohlgefallen, mit innerlichem Schmunzeln. Sie stand hinter dem Ladentisch und verkaufte die Neujahrsbretzeln und legte den honorigen Kunden noch eine extra obendrauf zusamt dem Prosit Neujahr, das sie mit wohlwollend zugespitztem Munde im Namen der Firma aussprach. Und lächelte breit und sonnig, wann die Kundschaft ebenfalls ihre Glückwünsche hergab und legte sie alle säuberlich auf die Seite, einen zum andern, nicht für sich, behüte, für das Haus, und für den Franz besonders. Es war eine stattliche Anzahl von Bretzeln, die sie verkauft, und von Glückwünschen, die sie eingeheimst hatte, Jungfer Liese konnte schon mit Behagen um sich blicken. Drinnen in der Ladenstube saß Franz Ehrensperger, der Ältere, und hielt einen kleinen Nicker im Großvaterstuhl. Das runde Haupt mit dem Doppelkinn ruhte auf dem Brustlatz der weißen Schürze, die Hände waren auf dem stattlichen Bauch gefaltet, er drehte noch halb im Traum die Daumen umeinander, dann hörte auch diese Bewegung auf. Über ihm an der blauen Tapetenwand hingen ein paar Öldruckbilder, ein Ritter und ein Edelfräulein; sie sahen einander mit feurigen Blicken an. Der Mann unter ihnen schlief in Gelassenheit und Jungfer Liese sah ihm durch das Guckfenster in der Zwischentür zu, es war ihr erbaulich zu Mute.

Sie war vor zwei Jahren ins Haus gekommen, eine arme Base des Hausherrn, aus einem ärmlichen, mageren Leben heraus, selbst ein leibarmes Persönchen, das, wie der Herr Vetter in einer scherzhaften Stunde sagte, »wohl hätte eine Gais zwischen den Hörnern küssen können.« Seither war ihr außer einigen Anfängen zur körperlichen Rundung ein unbegrenzter Respekt gegen alles, was nahrhaft, wohlhabend und stattlich aussah, angewachsen. Sie bewegte sich ehrfürchtig zwischen den Mehlsäcken und Brotschränken des Hauses und wenn sie mit dem Inhalt der ledernen Geldtasche klimperte, so tat sie es verstohlen und mit Furcht vor böser Hoffart.

Es stolperte etwas die Treppe vom Oberstock herunter und dann kam ein kleiner Ehrensperger herein, der jüngere Sohn des Hauses. Er hieß Georg und seine Zukunft war noch nicht so über jeden Zweifel hinaus klar und sichergestellt wie die seines Bruders. Es hatte noch Zeit dazu, denn er war erst acht Jahre alt, aber das hinderte Jungfer Liese nicht, ihn zuweilen mit einigem Mitleid zu betrachten, weil er ja doch später einmal ins Leben hinaus mußte, Gott mochte wissen, wohin. Inzwischen tat sie ihre Pflicht an ihm. Es wäre ein anderer Grund zum Mitleid vorhanden gewesen, da nämlich die Mutter der Kinder seit Jahren fern von ihrer Familie in einer Anstalt lebte und kaum eine Aussicht war, daß sie je wieder einmal gesunden Geistes zu den Ihrigen zurückkehre. »Aber,« sagte diese ihre Stellvertreterin, wenn die Rede drauf kam, »ein Kreuz ist ein Kreuz, der Herr Vetter muß es tragen, und er trägt es auch, das muß man ihm lassen. Die Kinder vermissen nichts. Denn erstens sind sie zu jung dazu, und zweitens bin ich da.« Und sie spitzte den Mund zu einem bescheidenen Lächeln und schluckte alles Lobenswerte, das sie über sich selbst zu sagen gehabt hätte, hinunter, doch so, daß es der Beschauer wenigstens ahnen konnte. Georg wollte durch den Laden eilfertig ins Freie entwischen. Aber seine Ziehmutter hatte erst noch Pflichten an ihm auszuüben. »Halt,« sagte sie und faßte ihn am Grips, »an diesem heiligen Neujahrsmorgen willst du mit Mehl am Ärmel und einem solchen Strobelkopf hinaus? Und in der Küche bist du mir gewesen und hast einen Rußfleck am Kinn.« Und sie begann ihn zu säubern und zu bürsten, und machte des Rußflecks halber ihren Schürzenzipfel auf sehr natürliche Art feucht. Der Junge tat borstig, wie ein Igel, aber das half nichts, er mußte aushalten. »So,« sagte Jungfer Liese und gab dem aufrechtstehenden Haar des Buben noch einen Strich nach hinten, »so, jetzt bist du sauber, um und um. Paß' auf, verlier' dein Sacktuch nicht wieder, wie gestern. Und ungebetet kommst du mir auch nicht hinaus. Das walte Gott der Vater und der Sohn und der heilige Geist. So leg' doch die Hände zusammen, Bub', es hat keine Art, dazu mit den Füßen zu trippeln.«

Es ist betrüblich zu sagen, aber Georg lief ihr unter den Händen weg, eh' sie noch Zeit gefunden hatte, ihre Ermahnung zu beendigen.

Draußen rief eine helle Stimme seinen Namen. Da tat er einen Ruck und schlüpfte hinaus. Jungfer Liese stand und schüttelte den Kopf, und mit ihr schüttelt ihn vielleicht mancher, der es liest.

Und es ist nur zu hoffen, daß wir zu einer anderen Zeit erfahren, daß noch allerlei Gutes in dieses junge Leben hereinkam, dem es nicht unter den Händen weglief, und daß sich noch andere Hände fanden als die der braven Jungfer Liese, um es ihm darzureichen. Denn es war nicht jedermanns Meinung gleich der ihrigen, daß die Kinder der traurigen Frau, deren Geist hinter schweren Riegeln saß, keinerlei Mangel an irgend einem Gut aufzuweisen hätten.

»Georg,« rief es noch einmal, »komm schnell, sonst kommen wir zu spät zum Läuten, es muß gleich anfangen.«

»Natürlich,« sagte Jungfer Liese hinter ihrer Ladentür, »natürlich, ist mir doch das Mädchen, die Gertrud, schon wieder auf der Gasse, und stapft durch den Schnee wie ein Storch, in ihren roten Strümpfen. Und Röcke bis an die Knie, und alles fliegt an ihr, das Haar am meisten. Behüt' mich. Wenn ich ihre Großmutter wär'.« Es verlautete auch diesmal nicht alles, was sie zu sagen hatte, vielleicht versagte ihr die Phantasie, wann sie versuchte, sich an die Stelle der Frau Rektorin Cabisius zu versetzen.

Drittes Kapitel

Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und überließ das Alter seinen Betrachtungen.

Es führte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bäckerhaus in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein schmuckloses, nüchternes, weißgetünchtes Bauwerk, an dem nur der Turm bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei und stark aufstieg und über die nah herangebauten Häuser hinwegragte, wie ein großer Mann über die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der Höhe dieses Turmes, gleich über den Glocken, hauste der Nacht- und Feuerwächter Nössel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine hundertundfünfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewänder an ihren Ort zu bringen und neue Schäden zur Heilung mit sich hinauf zu nehmen.

Wann er schlief, wußte man nicht so recht. Die Mitbürger hörten, sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstündliches, hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich getrost die Decke über die Ohren, da ja außer dem Herrn im Himmel auch noch der alte Nössel auf dem Turm über die Sicherheit der Stadt wachte. Am Werktag flickte er die Löcher, die der Kampf ums Dasein in die Gewänder riß, und außerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu den Betzeiten das Läuten der Glocken. Er saß nie unter den Andächtigen in der Kirche, sondern blieb in der Höhe bei den Glocken und streckte seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser, so verschwand, zur großen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf fast mehr achtete als auf das Schlußgebet, der Kopf an der Öffnung und allsogleich begann das Läuten.

Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder zugedacht, und es war nicht das erste Mal, daß er denselben entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Fülle an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. »Gehst du mit, Franz?« fragte Gertrud und pflanzte sich vor dem größeren Nachbarssohn auf. »Dann komm, aber schnell.« Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im richtigen Wärmezustand sich befinde.

Georg strebte mit langen Schritten voran; er hörte mit Wohlgefallen das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die scharfumrissenen Abdrücke seiner genagelten Schuhe in der reinen weißen Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spät zu dem erwünschten Genuß des Läutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz aufgehalten hatte, einen Augenblick zurück, und ihr Spielkamerad sah sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches, feingebautes Mädchen mit rötlichblondem Haar, das in Locken unter einem hellgrünen Samtmützchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten und etwas eigenartig zugeschnittenen Mäntelchens lag ein Machwerk von gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewöhnlichen Eindruck, den die Bürgerskinder, auch die bessersituierten, in einem kleinen Städtchen zu machen pflegen.

Das Kind gehörte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von sich sagte, »unglücklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen Frau, die nur zu gutmütig und zu ideal für diese Welt sei.« Man war gewöhnt, es in einem etwas ungewöhnlichen Aufputz zu sehen. Und die Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht gehörte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, daß in einer solchen Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste übrig blieben, die dann das Kind vollends auftrage. Es hieß Lore und war, obgleich im gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als diese.