Part 2
~f.~ +Obstbäume.+ † 19. Die Obstbäume werden, damit sie reichlich tragen, beschenkt, d. h. der Hausherr umbindet sie in der Mitternachts- oder wenigstens in einer Abendstunde mit einem Strohseile (vgl. 10), wobei er den Spruch: „Wachse immer fort, Gott segne deine Frucht“ oder einen ähnlichen betet und dann den Baum dreimal im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes bekreuzt (allg.); oder man bindet den Obstbäumen etwas mittelst eines Tuches um. Das Tuch läßt man am Baume verfaulen (Geier), vgl. 81, 421 u. 465.
~g.~ +Witterung.+ 20. Wie die Witterung in jeder der Zwölften ist, so ist sie in dem entsprechenden Monat des Jahres (allg.). -- 21. „Ist auf Weihnachten viel Wind, im nächsten Jahr voll Obst die Bäume sind“ (Annaberg). Wodan, der wilde Jäger, schüttelt die Bäume. -- * 22. Wenn die Obstbäume während der Innernächte viel Schnee tragen, wird viel Obst (Frohnau, Raschau). -- * 23. Wenn es in den zwölf Nächten nicht von den Dächern tropft (d. h. thaut oder regnet), so geben die Kühe wenig Milch (Marienberg). -- * 24. Geht starker Wind, so wird Krieg (Raschau) oder viel Schadenfeuer (Saida). Vgl. auch 791-793.
~h.~ +Träume+ (vgl. § 29): 25. Was man je in diesen Nächten träumt, geht in den entsprechenden Monaten in Erfüllung (allg.), doch darf man die Träume Niemandem erzählen (Schneeberg), vgl. 281.
~i.~ +Andere Anzeichen und Vorbedeutungen+: * 26. Werden zufällig drei Lichter auf den Tisch gesetzt, so ist eine Braut im Hause (Raschau); gilt auch zu anderer Zeit, vgl. 240 u. 499. -- * 27. Wer das Licht aus Versehen auslöscht oder ausputzt, stirbt (Johann-Georgenstadt) oder es stirbt Jemand aus der Familie (Geier), vgl. 276 u. 530. -- † 28. Hat (am Sylvester) Jemandes Schatten an der Wand einen großen Kopf, so bedeutet es Glück (Marienberg); erscheint dagegen Jemandes Schatten ohne Kopf, so stirbt der betreffende im neuen Jahre (Annaberg, Raschau). Letzteres scheint mit dem von +Wuttke+ § 63 angeführten Aberglauben Tirols zusammenzuhängen, daß gewisse Leute in der Sylvester-Mitternacht die, welche im neuen Jahre sterben, um den Altar der Kirche zum Opfer gehen sehen; erblicken sie ihre eigne Gestalt ohne Kopf, so sterben sie selbst. -- 29. Es ist nicht gut, wenn etwas von der Wand fällt (Marienberg); gilt auch zu anderer Zeit, vgl. 247; oder wenn man etwas zerbricht (Marienberg, Annaberg) oder sich ärgert oder eine taube Nuß bekommt (allg.), vgl. 291. -- * 30. Wird (zum Sylvester) am letzten Brode gegessen, so wird das ganze Jahr nur Ein Brod im Hause sein (Elterlein), vgl. 397. -- * 31. Auch soll man nicht mangeln (mandeln), sonst hat man Mangel (Annaberg); bloßer Wortwitz. -- * 32. Wer beim Ankleiden zufällig etwas (z. B. die Weste) verkehrt anzieht, dem geht es im neuen Jahre verkehrt (Elterlein), vgl. 276. -- * 33. Läßt man das Feuer im Ofen ausgehen, so geht das Geld im Laufe des Jahres aus (Geier), vgl. 276. -- * 34. Wer sich beim Gebete verspricht, stirbt in dem Jahre (Raschau), vgl. 276, 397 u. 530. -- * 35. Wer (am Sylvester) recht arbeitet, ist das ganze Jahr fleißig (Sosa), vgl. 455. -- * 36. Fällt in der Weihnachts- oder Sylvestermette (vgl. § 49 und § 51) während der Predigt ein Sitzbret in der Kirche um, so stirbt bald Jemand (Ehrenfriedersdorf), vgl. 254 u. 530. -- * 37. Neigt sich während dieser Mette ein Licht auf dem Kronleuchter seitwärts, so bricht in dem nach dieser Richtung zunächst gelegenen Orte im folgenden Jahre ein großes Feuer aus (Elterlein), vgl. 256 u. 257.
~k.~ +Erforschen der Zukunft+: 38. Man gießt Blei, setzt Korn- oder Salzhäufchen, wirft den Pantoffel, Aepfelschalen, guckt in die Esse, horcht auf das Geräusch, welches der Ofentopf macht oder draußen an einem Fensterladen, läßt Nußschalen schwimmen u. s. w. (allg.). Vgl. 227, 216, 288-294, 296-307, 309-315, 318-322.
~l.~ +Andere Maßregeln+: * 39. Man koche reichlich (Grünstädtel), vgl. 446. -- * 40. Man brenne keine ungerade Zahl Lichter auf dem Christbaum (Zwickau), vgl. 397. -- * 41. Man esse auf dem Säetuch (Grumbach, Mauersberg, Lauta bei Marienberg). -- † 42. Es darf nicht eine ungerade Zahl von Personen, namentlich nicht dreizehn, zu Tische sitzen, sonst stirbt Eines davon im Laufe des Jahres (allg.); gilt auch überhaupt, vgl. 234, 397 u. 530. -- * 43. Man schneide an jedem der drei heiligen Abende ein neues Brod an (Elterlein), vgl. 446. -- * 44. Wer viel Suppe ißt, lebt lange (allg.); gilt auch überhaupt, vgl. 242 u. 451. -- * 45. Man esse von den verschiedenen Speisen mindestens je drei Löffel voll (Elterlein), vgl. 446 u. 484. -- * 46. Wer am längsten ißt, lebt am längsten (Ehrenfriedersdorf), vgl. 451. -- * 47. Man esse sich recht satt, dann hungert man das ganze Jahr nicht (Zwickau). -- * 48. Man trinke viel Bier, damit man stark werde (Marienberg), vgl. 74 u. 454. -- * 49. Kein Gericht werde ganz aufgegessen, dann hat man immer gefüllte Küche (Elterlein), vgl. 376 u. 447. -- * 50. Während des Essens darf Niemand vom Tische aufstehen (Ehrenfriedersdorf), vgl. 397; oder wenn man eher aufsteht, als die Anderen, verlegen die Hühner (Voigtsdorf), vgl. 18, 78 u. 432. -- 51. Man verborge, verkaufe oder verschenke nichts, sonst giebt man den Segen weg oder wird verhext (allg.), vgl. 118, 132, 171, 386 u. 389. -- * 52. Wenn man sich das Licht bei einem Andern anzündet, so bedanke man sich nicht (Ehrenfriedersdorf), vgl. 393 u. 397. -- * 53. Man gebe (am Neujahrstage) kein Geld aus (Marienberg), vgl. 397 u. 457. -- † 54. Man halte den Ofentopf immer voll Wasser (Annaberg, Geier), vgl. 446. -- * 55. Man verschneide sich weder Nägel noch Haare, sonst bekommt man böse Gliedmaßen (Schwarzenberg), vgl. 397. -- * 56. Wenn man zur Metten (vgl. 36 u. 37) geht, nehme man das heilige Abendlicht (vgl. 58) nicht vom Tische weg, sonst stirbt man in dem neuen Jahre (Raschau), vgl. 397 u. 530.
~m.~ Als Erinnerung an den +Umzug der Götter+ in dieser Zeit kann Folgendes gelten, was namentlich am Christabend beobachtet wird. -- 57. Die Reste der Speisen läßt man die Nacht über auf dem Tische stehen oder wenigstens das in das Tischtuch eingeschlagene Brod daselbst liegen (allg.), damit die Abgeschiedenen -- oder vielmehr die auf Erden weilenden Götter -- davon genießen können (Sehma), oder damit es das ganze Jahr nicht an Brod fehle (Elterlein). -- * 58. Man brennt das sogenannte Heiligabendlicht, ein starkes Inseltlicht, welches während des Abendessens auf dem Tische bleibt und nicht hinweggenommen werden darf. Der Rest des Lichtes wird aufgehoben und bewahrt das Haus vor Blitzschlag (allg.), vgl. 334 u. 420. -- * 59. Man reinige die Tenne in der Scheune sorgfältig, weil die Abgeschiedenen -- die Götter, vgl. 57 -- um Mitternacht dort tanzen (Annaberg) oder ihre Metten halten (Raschau). -- 60. Alles Wasser verwandelt sich Nachts zwölf Uhr in Wein (allg.), vgl. 100. -- 60 ~b~. Am +zweiten Weihnachtsfeiertag+ gehen die Burschen zu den Jungfrauen: „Frischgrün-Peitschen,“ d. h. sie schlagen dieselben mit ausgeschlagenen Birkenruthen, die mit einem rothen Bande zusammengebunden sind. Dafür werden sie mit Stollen bewirthet. Am +dritten Weihnachtsfeiertag+ thun die Jungfrauen den Burschen desgl. (Zwickau), vgl. 93 und „die Zwölften in Thüringen,“ Aufsatz in der illustrirten Zeitung, 1861, Nr. 965.
Aus den Tagen des +Januar+ genießt noch der sogenannte „Knotentag“ Beachtung.
* 61. Am Knotentage, d. i. am Tage Fabian Sebastian (20. Januar) darf man keine Pflanzen stecken (Mittweida), vgl. 397 und auch 698-705.
§ 7 (27). +Fastnacht.+ Im Laufe des Februar begingen die alten Deutschen eine Vorfeier des Frühlings, die entweder je nach der nördlicheren oder südlicheren Lage in die erste oder in die zweite Hälfte des Monats fiel und deren Festlichkeiten später meist zu Fastnacht vereinigt wurden. Es fand nach altdeutscher Mythologie der Götterumzug der Hertha statt, der im Umzug der Priester und des Volkes nachgeahmt und jetzt noch in den Fastnachtsmummereien und den um „Kräppel“ bettelnden Kindern einen schwachen, entstellten Nachhall findet. Mancher Aberglaube der Weihnachtszeit, wo Wodan mit den Göttern dahinbrauste (vgl. 21), wiederholte sich daher hier, nur daß die Beziehung auf Hertha, als der Beschützerin häuslicher Geschäfte und namentlich des Flachsbaues, deutlicher hervortritt. Pfannkuchen und Fastenbretzeln, Gebäcke, die insbesondere zu Fastnacht gebacken und verspeist werden, sind wohl als Ueberreste heidnischer Opfer- und Festgerichte, jene als Abbilder der Sonnenscheibe, diese des Sonnenrades mit den Radspeichen oder von Thor’s Hammer (+Wuttke+ § 27) zu betrachten, die man christlich in Erinnerungszeichen an den Schwamm, mit dem Christus getränkt und in die Fessel, mit der er gebunden wurde, umdeutete. Daß auch die Fastnacht vorbedeutend für die Zukunft sei, lag nach der heidnischen Auffassung unserer Urväter nahe. Vgl. § 53 u. +Friedrich+, norddeutsche Fastnachtsgebräuche, Aufsatz in den Hausblättern von Hackländer und Höfer (Stuttgart), 1860. 5. Heft.
§ 8 (27). ~a.~ +Frühlingsfest+ oder +Festfeier der Sonne+ (?): * 62. Man baut Schneehütten, die man Abends mit inwendig aufgestellten Lichtern erleuchtet, die durch die hie und da dünngeschabten Wände hindurchschimmern (Marienberg).
~b.~ +Mummereien+: 63. Abgesehen von etwaigen Maskenbällen und andern Lustbarkeiten, kleiden sich Kinder in altmodische oder sonst entstellende Tracht (Tiroler, Soldat, Handwerksbursche, Handelsmann und dergl. sind die gewöhnlichsten Verkleidungen) und überraschen am Nachmittag als „Fastnachtsnarren“ (vgl. § 53) bekannte und befreundete Familien; ärmere ziehen wohl auch von dem Lärm der Gassenjugend begleitet von Haus zu Haus, um ein paar Pfennige zu verdienen. -- * 64. Auf Dörfern (Raschau, Pöhla) kommt zuweilen noch ein sonderbarer Umzug vor, zwei Bursche, der eine auf dem anderen, der auf allen Vieren geht und in Form eines Thieres ausgestopft ist, reitend, stellen zusammen Reiter und Roß vor und so wandert man in Begleitung der Genossen von Haus zu Haus. -- * 65. Der Bretzeljunge erscheint am Fastnachtsdienstag abenteuerlich ausstaffirt, z. B. mit geschminktem Gesicht und angeklebtem Schnurrbart, auf dem Kopf ein dreieckiger Hut mit einem großen Busch rother Papierstreifen als Federstutz, schwarze Jacke, auf der Brust mit weißer Schleife, weite Kniehosen, weiße Strümpfe und Schnallenschuhe. -- Hin und wieder sieht man auch ein mit Pfannkuchen hausirendes Mädchen mit einem schief auf dem Kopf sitzenden Tyrolerhut, unter dem die langen künstlich geflochtenen Haarzöpfe herunterhängen, mit einem grünen Jäckchen, schwarzem mit bunten Streifen besetzten Rock, weißen Strümpfen und Schnürstiefeln (vgl. 589).
~c.~ „+Kräppelschießen.+“ * 66. Aermere Kinder, die sich meist auch verkleidet haben, gehen mit vorn gespitzten Stöckchen zu den Bauern, um Pfannkuchen, auch Krapfen oder „Kräppel“ geheißen, zu erbetteln. Man nennt dieses Ansprechen „Kräppel schießen“ oder „Spießeinrecken,“ weil, was den letzteren Ausdruck anbelangt, dabei die Bittenden ihre Stäbchen oder „Spieße“ durch die halbgeöffnete Stubenthüre hereinhalten. Dabei werden gewisse Liedchen gesungen oder gesprochen, vgl. § 99.
~d.~ +Aehnliche Gebräuche wie Weihnachten+: ~aa~) +Reinlichkeit+ vergl. § 6 ~a.~ ~b.~: * 67. Man kehre den Schmutz aus allen vier Ecken der Stube, dann bleibt man vor Ungeziefer bewahrt (Marienberg). -- * 68. Tags vorher (Montag) werden alle Stuben, der Boden und den Hausflur gewaschen, sowie der Stall gereinigt (Sehma), vgl. 446. -- * 69. Die Fenster werden von innen und außen gewaschen, dann werden sie im Sommer nicht so sehr von den Fliegen beschmutzt (Sehma), vgl. 410. -- * 70. Man wasche Wäsche, dann wird sie recht weiß (Schwarzenberg), vgl. 447. -- * 71. Man ziehe, wenn man Abends zu Tanze geht, ein neues Kleidungsstück, mindestens weiße Wäsche an (Sehma), vgl. 11, 398 u. 445.
~bb.~ +Bestimmte Speisen+, vgl. 14 ff. 72. Allgemein ißt man (vgl. 398, 445 u. 589) besonders an diesem Tage Pfannkuchen und Bretzeln. In den Familien werden außer Pfannkuchen, wohl auch Hefenklöse oder Haferstollen als Zukost zum Kaffee gebacken. -- † 73. Hie und da sind Mittag neunerlei oder siebenerlei Gerichte gebräuchlich oder wenigstens bestimmte Speisen, namentlich (vgl. § 21, ~e~) Schweinefleisch mit Sauerkraut, geräuchertes Schweinefleisch mit Erbsen, Bratwurst mit Kartoffelbrei, Blutwurst mit Linsen, Häring mit Kartoffelsalat, Graupen, Grütze oder Hirsebrei (§ 23, ~q.~), Klöse, gebackene Pflaumen. -- * 74. Auch soll man viel Bier (vgl. 48) oder Warmbier trinken, sonst nehmen die Kräfte ab und man stirbt in dem Jahre, vgl. 530. -- * 75. Man esse nicht viel Butter, sonst stoßen einen die Kühe, vgl. 397.
~cc.~ +Hausthiere+: * 76. Die Kühe, Ochsen und Pferde bekommen Abends jedes ein Stück Brod, auf welches sogenanntes Bockauer Gesundheitspulver, mit Salz vermengt, gestreut ist, damit dieselben stark und gesund bleiben (Raschau), vgl. 16, 96, 397, 426 u. 462 ff. -- * 77. Man führe das Vieh nicht aus dem Stall, weil man sonst keinen glücklichen Kauf thut (Annaberg, Raschau). -- † 78. Vor Sonnenaufgang füttere man die Hühner innerhalb eines Reifens, oder flechte aus Stroh ein Hühnernest und stecke es dreimal, indem man sagt: „Bleib beim Haus, wie’s Bein beim Leib,“ durch die Beine, dann verlegen die Hennen die Eier nicht (Frohnau, Marienberg), vgl. 18 u. 432. -- * 79. Nach dem Abendessen oder um Mitternacht verstutzt man den Hühnern Flügel und Schwanz (Sehma, Raschau), vgl. 464.
~dd.~ +Obstbäume+ und +Feldfrüchte+, namentlich +Flachs+: * 80. Man beschneide die Obstbäume, dann kommen die Raupen nicht hinauf (Annaberg), vgl. 422 u. 465. -- † 81. Man behänge die Obstbäume mit Strohkränzen, dann tragen sie reichlich (Jöhstadt, Marienberg), vgl. 19, 421, 465 und +Wuttke+ § 320. -- * 82. Vor Sonnenaufgang binde man Strohbänder, dann kommen keine Mäuse in das Getreide (Frohnau), vgl. 412. -- † 83. Damit der Flachs gerathe, binde man zu den Arbeiten am Tage eine blaue Leinwandschürze um (Raschau, Lauter), verstecke am Abend die Spinnräder und tanze daheim (Zöblitz) oder gehe zu Tanze in die Schänke (vgl. § 53), wozu die Hausfrau eine weiße Leinwandschürze umbinde. Dabei springe man recht hoch, d. h. man mache den sogenannten „Fosentsprung“ (Fastnachtssprung). Oder die Tänzer heben die Tänzerinnen in die Höhe und rufen dabei: „nätt wahr, su lank muß der Flachs wär’n“ (allg.), vgl. 471. -- 84. Fastnacht -- oder auch Sylvester -- Mitternachts 12 Uhr mit dem ersten Schlage springe die älteste Jungfrau des Hauses in ihrer Kammer auf den Tisch und mit dem letzten Schlage rückwärts herunter; so hoch wächst der Flachs (Annaberg, Raschau, Sehma), vgl. 471.
~ee.~ +Witterung+: * 85. Wenn Fastnacht die Sonne scheint, gedeiht der Flachs (Ehrenfriedersdorf, Mildenau), oder genauer: ist am Tage Sonnenschein, Abends aber Regen oder Thauwetter („tropft es vom Zaune“), so gedeiht der Flachs (Sehma, Raschau), vgl. 723.
§ 9 (27). An Fastnacht schließt sich unmittelbar die +Aschermittwoch+ und daher hat man auch diese in den Kreis des Aberglaubens gezogen, vgl. 593 ff.
86. Man zerstöre die Maulwurfshaufen, damit die Saat gedeihe (Marienberg), vgl. 422 u. 467. -- * 87. Man wasche die Stube nicht, sonst wird sie grau (Geier), vgl. 397.
§ 10 (20). +Osterzeit.+ Die eigentliche Frühlingsfeier fiel bei den alten Deutschen in den Monat April und die Erinnerungen daran finden sich noch vielfach an dem in diese Zeit verlegten Osterfeste mit dem ihm vorangehenden Gründonnerstag und Charfreitag. Vgl.: „Deutsche Volksgebräuche der Osterzeit,“ Aufsatz in der illustrirten Zeitung, 1860, Nr. 875.
Dies heidnische Osterfest (der Name von +Ostara+, der deutschen Erd- oder Frühlingsgöttin) galt hauptsächlich als Fest der Keime, die beim Beginn des Frühlings der Erde anvertraut werden, und Reste dieser Feier des wiedererwachten Naturlebens finden sich noch in dem bis auf den heutigen Tag gebräuchlichen Osterfeuer, den Ostereiern, dem Osterwasser u. s. w.
~a.~ +Osterfeuer+: 88. Es werden Freudenfeuer angezündet. Dies ist jedoch nur vereinzelt der Fall; zahlreicher geschieht es zu Walpurgis (vgl. 129) und hie und da auch zum Johannisabend. Als moderne Zugabe wird auch zu Ostern mit Böllern, Pistolen etc. geschossen.
~b.~ +Ostereier+, vgl. Gründonnerstag 110 u. 598.
~c.~ +Osterwasser+: 89. Man holt früh am ersten Osterfeiertage fließendes Wasser, ohne auf dem Hin- und Herwege mit Jemandem zu sprechen (allg.). Ehe man das Wasser schöpft, bete man mit entblößtem Haupte ein stilles Vaterunser, dann schöpfe man das Wasser und bekreuze sich (Marienberg). -- † 90. Man wäscht sich mit diesem Wasser, wodurch man vor Krankheiten, namentlich Hautkrankheiten, bewahrt bleibt (allg.), und von Krankheiten, mit denen man behaftet ist, befreit wird (Geier); kranke Kinder werden darin gebadet (Lauter); das Brod damit bestrichen (Lößnitz), vgl. 398, 399, 440, 445, 498. -- 91. Das Osterwasser kann man viele Jahre aufheben, ohne daß es verdirbt (Sehma, Lößnitz). -- 92. Das Wasserholen kann auch am Gründonnerstag, Charfreitag geschehen, und am zweiten Feiertage wiederholt werden (Lößnitz), vgl. 112, 113 u. § 38 ~A a.~
~d.~ +Andere Gebräuche+: * 93. Knechte, Mägde und Kinder treiben frühzeitig die Langschläfer mit „Gerten“ von Birkenreisern aus dem Bett (allg.), vgl. 455. Dieser Gebrauch findet sich anderwärts zu Weihnachten oder Fastnacht, vgl. 60 ~b.~ -- * 94. Am zweiten Feiertag soll man sich peitschen oder peitschen lassen, dann thuen im ganzen Jahre die Beine nicht weh (Sosa), vgl. 399. -- † 95. Am Ostermorgen steckt man in den Ställen grüne Tannenzweige (vgl. § 38 ~A g.~) auf, um das Vieh vor den Hexen zu sichern (Saida), vgl. 413 u. 427. Nach +Wuttke+ (§ 223) legt man in Schlesien zu diesem Zweck Fichtenreiser vor die Ställe. -- * 96. Die Kühe bekommen vor Sonnenaufgang Bockaer Kräuterpulver, damit sie nicht behext werden (Sehma), vgl. 16, 76 u. 426. -- * 97. Man fährt vor Sonnenaufgang Asche auf das Feld, dessen Fruchtbarkeit dadurch befördert wird (Lauter), vgl. 466.
~e.~ +Speisen+: * 98. Mittags ißt man „Ostersuppe“, d. i. Biersuppe, aus Bier oder Kovent, Eiern, Milch, Rosinen und Brod bestehend (allg.). -- * 99. Zum Frühstück hat man vom Gründonnerstag an „Osterbrödchen“, ein Semmelgebäck mit Anis und Fenchel (Lauter, Lößnitz), vgl. 398 u. 445.
~f.~ * 100. Das Wasser hat sich bis früh vor drei Uhr in Wein verwandelt (Raschau), vgl. 60. Dasselbe führt auch +Montanus+, die deutschen Volksfeste etc. (Iserlohn und Elberfeld 1854), 1. Bdchen. S. 26, an: „Auch geht eine alte Sage, daß in der Osternacht alle Wasser zu Wein würden, ähnlich der Christnacht.“ -- Ueber die +Witterung+ vgl. 736-738.
§ 11 (21). +Gründonnerstag+ und +Charfreitag+ haben viele Gebräuche, die ebenfalls an die altdeutsche Frühlingsfeier, und überhaupt an heidnische Ursprünge, vermischt mit christlichen Elementen, erinnern. Der abergläubischen Bedeutung der +Charwoche+ dagegen liegt deren Feier im christlichen Sinne zu Grunde.
~a.~ Die +Charwoche+ (Char vom altdeutschen kara d. i. Trauer) empfing den Begriff der Sühnung oder des vorbedeutenden Unglücks.
* 101. Stirbt Jemand in der Marterwoche, so machen die Gewitter im Laufe des Jahres keinen Schaden (Mildenau), vgl. 125, 420 u. 532. -- * 102. Die in dieser Woche getauften Kinder sind unglücklich (Mildenau), vgl. 397 u. 480. -- * 103. Man nehme keinen Aus- oder Einzug vor (Lauter), vgl. 397. -- † 104. Man fahre keinen Dünger (Raschau), vgl. 13 u. 397. Nach +Wuttke+, § 27, gilt dasselbe in Hessen zur Fastnacht. -- † 105. Man wasche keine Wäsche; geschieht es mit der Wäsche eines Bergmanns, so verunglückt derselbe (Sosa); auch hänge man kein gewaschenes Bettzeug in’s Freie (Lauter), vgl. 397 u. 530. Aehnlich nach +Wuttke+, § 17, in Mecklenburg am Johannistage: „man lasse keine Wäsche im Freien, weil der, welcher sie dann auf dem Leibe trägt, den Krebsschaden bekommt.“
~b.~ +Gründonnerstag.+ Der Name rührt von der altdeutschen Sitte her, an diesem Tage einen Muß aus neunerlei frischen Kräutern (Bachbungen ~veronica beccabunga~, Brunnenkresse ~sisymbrium nasturtium~, Schlüsselblumen ~primula veris~, Hollundersprossen ~sambucus nigra~, Gierenblätter ~sium sisarum~, Frauenmantel ~alchemilla~, Lauch ~allium~, Nessel ~urtica~, Kukuksmus ~oxalis~) zu essen. Als Sinnbilder der Fruchtbarkeit opferte und aß man Eier mit den Farben der Sonne gelb und roth bemalt. -- † 106. Man sammle Kräuter, diese helfen gegen dicke Hälse; gilt auch vom Charfreitag, vgl. 122 u. 435. -- † 107. Wenn man Weizen vor Sonnenaufgang säet, so gedeiht er gut (Raschau), vgl. 468. -- † 108. Die ersten Kartoffeln muß man am Gründonnerstag legen (Frohnau, Raschau), vgl. 468. -- * 109. Wenn es am Gründonnerstag während der Nacht gefroren hat, so friert es vierzig Nächte hindurch. Friert es aber auch am Charfreitag (128), so gehen von den vierzig Nächten zwanzig zurück und die anderen sind für das Feld nicht gefährlich (Raschau).
110. +Ostereier+ (vgl. § 10): Es werden hart gesottene Eier, meist bunt gefärbt, gegessen (allg.), vgl. 398 u. 445. Man versteckt dieselben und läßt sie von den Kindern suchen (Marienberg). -- † 111. Die Männer müssen vor Sonnenaufgang ein gestoßenes Gänseei essen, so nehmen sie bei schweren Arbeiten keinen Schaden (vgl. 123), bekommen keine Kreuzschmerzen (Raschau, vgl. 399), es sticht sie kein giftiger Wurm (Zschopau), es begegnet ihnen überhaupt kein Unfall (Lauter). Letztere Wirkung hat auch das Ei einer schwarzen Henne (Annaberg).
112. +Osterwasser+ wird geholt (vgl. 92), sowie Osterbrödchen (Raschau) gegessen, vgl. 99.