Part 2
»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn, daß er hinfiel und genug hatte.
In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte, daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.
Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.
Dann gingen wir weiter.
Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße Vierecke vor uns auftauchen.
Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen, das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.
Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir begehrten.
»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber ist,« sagte Huntley.
Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:
»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«
»Gut!« sagte das Mädchen.
Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht zu erschrecken.
Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.
Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam, hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur Beendigung der Ernte.
_V_
Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu verlassen -- wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt. Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.
Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich die Jacke aus und ging an die Arbeit.
Jeß sagte zu mir:
»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten. Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«
Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog mit Jeß von dannen.
Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine. Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze. Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der Bahn entlang hineinkommen.
»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.
»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut aussieht.«
»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.
Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:
»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«
»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst also nicht, daß Fred sie bekommt?«
»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das ist der Weg.«
Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.
Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht: als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.
»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.
Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ, daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt, einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.
Der Wirt fragte:
»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«
»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«
»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«
»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur nüchtern hält.«
Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen: er habe mit mir zu reden.
Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben stand: ^Hart & Co. Farmers Bank^; hier bat Jeß mich, einen Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte ich:
»Was hast du da drinnen gemacht?«
»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.
Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den Schienen entlang lag.
Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich, daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:
»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre, nicht wahr?«
»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.
»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun konntest.«
»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und das Geld zu versaufen.«
»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt, wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«
»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.
»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.
»Was ist das für ein Plan?«
»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.
»Ja --?«
»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«
»Ja, ich habe das gehört --?«
»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«
»So, so.«
»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«
»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«
Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er -- kurz und gut -- in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.
»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.
»Dann nehm ich Huntley mit.«
Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:
»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn du michs lehren willst ...«
»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus studiert.«
Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen, und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.
»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«
»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst, dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr hinzusparen.«
Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen, und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen, solange Gäste da waren.
»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er unternimmt,« sagte Jeß.
Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.
_VI_
George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo er sich für ein Stündchen aufhalte.
Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns beachtete er gar nicht.
Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit behandelt.
Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken, antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt war und Jeß nichts als ein Landstreicher.
»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.
»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein Taschenbuch vor.
Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um ihn zufriedenzustellen.
»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier, Burschen.«
Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.
»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.
»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«
Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.
Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus dem Taschenbuch.
Darüber verstrichen einige Stunden.
»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.
Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.
»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.
»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.
»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«
Und wir ließen uns überreden.
Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.
»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.
Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer Spannung war, -- wegen der Dinge, die bevorstanden.
George zählte sein Geld und sagte:
»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld holen.«
»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.
»Es reicht nicht,« erwiderte George.
Er taumelte zur Tür hinaus.
»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die Burschen.
»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«
Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.
Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts mehr trinken.
»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.
Ich sah ihn erstaunt an.
»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.
Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen nach dem andern, hinauszuwerfen.
Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.
Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.
»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.
»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.
Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.
Er machte dieselben Sprünge.
»Wo bist du gewesen?« sagte ich.
»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,« entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«
Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:
»Hörst du?«
Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.
»George ist es,« sagte Jeß.
Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.
»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«
George ging zu den Mädchen und taumelte stark.
»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,« sagte Jeß.
Im Gehen bemerkte ich:
»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«
»So?« sagte Jeß.
Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.
Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:
»Was zum Teufel ist das?«
Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie er hierhergekommen sei.
»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du nicht Antwort gibst.«
»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu Boden fallen.
Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.
»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein kleiner Fang geworden.«
»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte ich.
Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:
»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«
»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.
»Nun gehe ich,« sagte Jeß.
Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen. Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten lang fort sein.
Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen längs dem Geleise befanden.
Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.
Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran, hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.
»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.
»Was ist geschehen?« fragte ich.
»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch da.«
Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte und ihn fragte:
»Du hast also nichts an dich gebracht?«
»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas andres versuchen.«
Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:
»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir wollens aufgeben!«
»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.
Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.
»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.
Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.
Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden gesehen hätte.
»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.
»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.
Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:
»Ist er dir durchgebrannt?«
Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:
»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht, und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun haben will.«
Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!
Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre, bis zum letzten Blutstropfen!
Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen. Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem Goldschmied am Fenster gesehen hatte.
_VII_
»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,« sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort gehalten hast.«
»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich. »Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«
»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest. Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.
Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.
»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam. »Brauch es gut!«
»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.
Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so auf der Farm.