Abenteurer

Part 3

Chapter 34,099 wordsPublic domain

Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich, und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen. Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald, Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.

Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt, es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt haben mochte.

Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte, immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich konnte mich mit Fred nicht messen.

Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon, geboren und folglich Städter war.

Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten, weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.

So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice, obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und antwortete mir nicht.

Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben, ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.

»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.

Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und mit ihm redete sie.

»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.

»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.

»Gewiß.«

»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.

»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«

»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht hatte.

Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:

»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«

»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt zum zweitenmal hier.«

»Und du, Freddie?«

»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.

»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.

Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht deutsch.

»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was hast du mit deinem angefangen, Nut?«

»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«

»So, so,« sagte Alice.

_VIII_

Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze Stunden.

Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin fiel um und lag wie tot da.

Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.

Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an seinem Arm zu schneiden.

Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen; hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.

Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das Kind wieder ein wenig nieder und horchte, -- das Herz schlug ein wenig. Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder. »Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.

»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.

Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener; ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen Streifen ab als Binde.

Alice kam wieder herein und sagte:

»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«

»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.

Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu ihrer Tochter:

»Schweig still, Alice.«

Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.

Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.

»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.

Und da war mir wie einem Gotte zumut.

Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.

Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich, die Tiere für heute auszuspannen.

Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann war.

Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:

»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«

»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte Rodgers hinzu.

»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.

Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.

Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:

»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch einmal!«

Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig; sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so, als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und Fred war nicht dabei.

Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung statt.

Fred kam zu mir und sagte:

»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was wirst du dann anfangen?«

»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon Rat finden.«

Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren verliebt.

Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von ihm lassen solle.

Fred sagte zu mir:

»Du mußt uns helfen, Nut.«

Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:

»Bittest du mich mit Alicens Willen?«

»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«

Ich sagte:

»Dann werde ich es tun!«

Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde, Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.

Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.

»Von einer Farm,« war die Antwort.

Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen lerne?

Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen treffe man nicht.

Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen Vorbeiziehenden nehme?

Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.

Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen andern kenne und nicht die Wahl habe.

Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.

Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie wir es wären, sagte ich zum Schlusse.

Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.

Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von meiner unheimlichen Einsicht bekommen!

Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie uneigennützige Seele ich sei.

Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie zuerst zum Reden veranlassen.

»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.

»Was habe ich getan?«

»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«

Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich Schlechtes über Fred gesagt hätte.

»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.

»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne dich, Nut!«

Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und Alicens Benehmen sei der Grund dafür.

_IX_

Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne Zusammenhang.

»Über Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was Sie verlangen.«

Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im Stall und hörte uns zu.

»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«

»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals gesagt.«

»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß, daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«

»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn Freddie ist der, den ich liebe.«

»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«

»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«

»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte eines Menschen übersteigen.«

»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.

»Mehr aber nicht?«

»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du schreibst wie der Blitz.«

Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.

»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.

»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«

Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:

»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred machen?«

Alice schwieg.

»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.

»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor. Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich schlag dich tot wie nen Hund.«

Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich, Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.

»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und stach mit der Heugabel nach mir.

Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,« war alles, was sie sagte.

»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die Heugabel beiseite, Mörder du.«

Aber Fred wollte mich nicht schonen.

»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich nieder,« sagte er.

Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.

»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.

»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich will dir keinen Gefallen tun.«

Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und holte ihren Vater heraus.

»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«

»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«

»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.

Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres, als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als ich lag und schlief.

Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit, wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte Mr. Rodgers:

»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«

Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab ihnen zu fressen.

»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,« sagte Mr. Rodgers.

Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam, der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem neuen Hut aus der Stadt.

Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.

In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche aufstand und die Jacke anzog.

»Wo willst du hin?« fragte ich.

Er gab mir keine Antwort.

Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am Morgen erwachte ich wieder.

Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht zurückgekommen.

»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.

»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.

Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder und sagte:

»Wo mag nur Alice sein?«

Ihr Gesicht war aschgrau.

Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.