Abenteurer

Part 1

Chapter 13,942 wordsPublic domain

Langens Mark-Bücher

Band 3

Langens Mark-Bücher

Eine Sammlung moderner Literatur

Dritter Band:

Knut Hamsun

Abenteurer

Albert Langen, München

Knut Hamsun

Abenteurer

Ausgewählte Erzählungen

Albert Langen, München

Ein Verzeichnis von

Knut Hamsums Schriften

findet man am Schluß dieses Buches.

_Copyright 1914 by Albert Langen_

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Albert Langen Knut Hamsun

Inhalt

Seite

Vagabondage 7

Zachäus 71

Auf den Bänken von New-Foundland 94

Vagabondage

_I_

»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.

Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher. Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt, wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.

Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende ab in diesem Gejage.

Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.

Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.

Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend die Dunkelheit da ist.

»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte Huntley, der Irländer.

Und Nut, das war ich.

Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.

Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.

Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter aus, er erklärt sich ganz offen:

»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«

»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.

Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.

Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.

Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.

Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke hinüber.

Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf kam auch der Landstreicher Jeß.

Ich fragte:

»Soll auch Jeß dabei sein?«

»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest ja nicht.«

»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.

»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns zwei.«

Wütend sagte ich:

»Dann meld ichs dem Aufseher.«

»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«

Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.

»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«

Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er sagte:

»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf mir das Fleisch zu.

Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.

_II_

Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen, und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.

Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen, daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand gestützt, ein.

Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.

»Auf, Leute!« rief er.

Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.

Jeß erwiderte:

»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«

»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«

»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.

Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.

»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt fragt er nach uns.«

Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.

»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.

Ich hörte mein Herz schlagen.

»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«

»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte ich, um Mut zu markieren.

»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals erreichen.«

Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.

Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen. Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.

Jeß sagte:

»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«

»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach Norden reiten, -- er wird uns nicht finden.«

Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.

Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen. Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.

Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!« Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.

Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und im hohen Grase rauscht die Brise.

_III_

Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war. Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«

Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre Bezahlung zu bekommen.

»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm niederbrennen,« sagte Huntley.

Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte, brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab hatte ein jeder seinen Vorrat.

Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft. Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.

Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.

Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:

»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns dann hinlegen.«

Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.

»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.

Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.

Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley, der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«

Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm teilen mußten.

Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene, aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.

Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:

»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«

Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und lachten uns aus.

Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:

»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht hier habe.«

Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen; Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor seinen Augen.

»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley haßerfüllt.

Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten, den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft, der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.

Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her, schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem Trittbrett.

»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras aus dem Munde.

Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.

Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den Tabak zum letztenmal mit ihm.

Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.

Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk taugt nichts.

»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.

»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.

Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner Brust nach, aber er hatte nichts.

Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.

»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine Menschenseele getroffen.«

»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«

Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.

Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten, begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.

Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.

Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen. Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir uns zur Ruhe.

_IV_

Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:

»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«

»Fred,« entgegnete der Mann.

»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«

»Von Geburt, ja.«

»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.

Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen, hatte er sich niedergesetzt.

Der Landstreicher Jeß sagte:

»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«

Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.

»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.

Da zuckte Jeß zusammen.

»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«

»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer Mensch ist als du?«

Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.

Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein geladener Motor, den wir anzünden könnten.

»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«

»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«

Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.

»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.

»Weiß ichs?« war meine Antwort.

»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach Orange Flat? Und was solltest du da?«

»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.

Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.

Huntley bemerkte:

»Du sagst ja nichts, Fred.«

»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.

Das reizte Huntley.

»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.

Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand, den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.

Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht mit.

Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah hinaus.

»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«

Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob er um einen guten Ort wüßte.

»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«

Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.