Part 2
Zitternd vor Erregung steigt er aus dem Bett und tritt an das Fenster. Er öffnet es, doch jetzt hört er wieder nur Wind und Regen. Bald aber erhebt es von neuem die Stimme. Dumpf tutend, wie aus weiter Ferne, aber doch schon näher.
Seine Schläfe glühen, fiebernd späht er hinaus. Jetzt müssen die Augen ja auftauchen, die roten, glühenden Augen!
Es fällt ihm ein, wie er, seiner Erinnerung nach zum erstenmal, ein Nebelhorn gehört. Er war noch ganz klein und erschrak. Seine Mutter aber erklärte es ihm.
– »Das ist einer vom Bremer Lloyd,« sagte sie, »der jetzt einfährt.« Und ein anderes Mal fing sie an zu lachen. »Der brüllt wie ein sterbender Bulle. Das ist der ›Flandern‹ von der Red Star Line.« –
Oh, er hatte sie bald alle gekannt. Einige davon hatten eine Stimme wie keifende Marktweiber und andere, wie besonders das kleine Harwichboot, hatten eine Grogkehle und waren ewig heiser.
Dieses Horn aber kannte er nicht. Wind und Regen störten den reinen Klang, ebenso die Ferne, aus der es zu kommen schien.
Doch mit einem Male tönte es ganz in seiner Nähe. Und als er die fieberhaften, sehnsüchtigen Augen dorthin wandte, sah er einen alten, gebückten Mann, der ein mächtiges Kuhhorn an den Lippen hielt. Es war der Gemeindewächter.
Wind, Regen und Sehnsucht haben dich getäuscht, Henrik Jansen!
Henrik Jansen versuchte zu lächeln, sein Gesicht verzerrte sich aber nur. Langsam schloss er das Fenster, doch zu Bette ging er nicht.
Er setzte sich stumm an den eichenen Tisch und schlug die Hände vor das Gesicht. Dort blieb er bis zum Morgen, und sein ganzer, riesiger Körper bebte vor weinender Sehnsucht ...
Der alte Steffen.
Im Osten der Universitätsstadt erhebt sich das Armenhaus. Es ist aus massiven, grauen Steinen gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen befinden sich aber nur die Krankensäle, so dass die noch rüstigen Insassen von der schönen, kleinen Stadt fast nichts zu sehen bekommen. Denn aus ihren niedrig gelegenen Fenstern können sie die Mauern, die das Haus umschliessen, nicht überblicken, und Urlaub bekommen sie sehr selten.
Im Winter ist das zu ertragen. Wenn der Regen gegen die Scheiben schlägt oder die Flocken immer dichter und dichter herniederwirbeln, frieren die alten Leute und sehnen sich nicht nach draussen. Nur der alte Steffen vielleicht. Aber auch der denkt dann nicht an die deutschen Thäler und Gebirgsketten, die dann doch rauh und ungastlich sind. Er träumt von der heissen, brennenden Tropensonne, trotzdem gerade sie ihn so krank und elend gemacht hat.
Er ist schwach auf den Beinen und hat keine Kraft in den Händen.
Mehrere Jahre hindurch ist er Plantagenaufseher in Java gewesen und mit blossen Füssen über die Felder gegangen, bis sein Rückenmark verdorrt und er überflüssig geworden war. Da kam er nach Deutschland zurück, und fünf Jahre schon lebte er im Armenhause.
Aber in dem Druck der grauen, freudlosen Gegenwart kann er die Zeiten nicht vergessen, wo er als Lanzknecht die halbe Welt durchfahren. Er hat unter der Tricolore und unterm Halbmond gefochten, ist bei Sewastopol im Feuer gewesen und hat in Tonkin geblutet. Dann ist er zu den Holländern desertiert, und dort im Civildienst hat ihn das Unglück getroffen.
In der Schar seiner Hausgenossen ist er immer noch eine imposante Erscheinung. Unter Zwergen und Krüppeln und zahnlosen, ewig kauenden Bettlergestalten tritt seine stämmige Figur wirkungsvoll hervor. Der massige Kopf mit der kräftigen Nase, mit dem kurzen, grauen Vollbart und den hellen Augen muss gut aussehen, wenn eine Fahne über ihm flattert.
Gewöhnlich scheint er recht gleichmütig und ruhig. Manchmal aber fangen seine Augen an zu glühen und zu blitzen. Das ist, wenn die Sonne scheint. Jedem Sonnenstrahl sieht er dann nach.
Jetzt ist die Zeit seiner Marter und qualvollsten Wonne. Es ist Frühling geworden.
Stundenlang sitzt er täglich auf der verwitterten Holzbank im Hofe. Wenn er die Wimpern hebt, sieht man eine verzehrende Sehnsucht hervorlodern. Denn die Schwalben haben unter dem Giebel gebaut, und ihre Schwingen streifen um sein Gesicht, die Bäume grünen und sind voll junger Knospen, zwischen den Steinen im Hof schiessen schmale Gräser hervor, und die Vergangenheit wird in ihm lebendig.
Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gesprochen und wird noch weitere Tage nicht sprechen. Seine Kameraden aber wissen, dass jetzt die Abende kommen, wo er erzählen wird, heiser vor Erregung, aber ein Poet in seiner sehnsuchtsreichen Qual.
Wenn sie alle zu Bette sind und nur die Nachtlampe rötlich glühend durch den dunklen Schlafsaal schaukelt, richtet er sich auf in den Kissen. Und er spricht von seiner Jugend und ihrer Sonne und Selbstherrlichkeit. Wie er in schimmerndem Segler über blaue Meere gefahren, und von den grünen Küsten Kleinasiens Marmorhäuser herüberwinkten und der glänzende Ölbaum. Wie er in Albanien biwakierte und mit Baschi Bozuks um ein Marschallsross gewürfelt, das feinere Glieder hatte als eine Königstochter und dessen Nüstern rosig waren wie der duftigste Nelkenkelch. Wie er in Algerien Feldwache gestanden in Palmenhainen und Dattelwäldern und einen Kabylen erschlagen um einen Trunk Wasser. Wie er in schaukelnder Dschunke den heiligen Strom durchglitten, vorüber an rauschenden, undurchdringlichen Dschungeln, unter Bäumen, die, im Lande wurzelnd, sich weit über das Wasser reckten und in deren dichtem Astwerk schlanke, bunte Königstiger lauerten, lautlos mit geschmeidigem Schweife die Flanken peitschend. Er spricht von Tropensternen und zierlichen havanesischen Frauen, von wirbelnden Trommeln und toten Freunden; nur von seiner Sehnsucht spricht er nicht.
Wenn er dann aufhört, beisst er in den Bettpfosten und zerreisst sein Leinen. Der Verwalter straft ihn dafür, aber seine Zuhörer schenken ihm Cigarren und Kautabak, weil sie ihn bewundern.
All die Jahre schon ist es ihm sauer genug gewesen, hier sein Leben zu verbringen. Doch hat er sich darein gefunden, wenn es ihm auch in jedem Frühling fast passierte, dass ihn Landleute meilenweit von der Stadt hilflos am Wege trafen und zurückbrachten. Beim Ausgehen hatte er nie daran gedacht, zu entrinnen, aber was soll denn ein alter Landstreicher nur machen? Ist der Frühling nicht stärker als sein Wille? Der Frühling hatte ihn verlockt, weit hinaus, immer weiter, bis die kranken Füsse ihn nicht mehr trugen.
Jetzt hat er nur noch _eine_ Furcht und _eine_ Sorge. Leben _muss_ er im Armenhaus, aber sterben will er nicht in den dumpfen, drückenden Mauern. Es graut ihm davor, und er zittert, wenn er nur daran denkt. Er will sterben, wie das Wild stirbt, einsam im Wald, wenn die Dämmerung durch die Zweige tropft und die Sonne im Verglühen ist. Auch der Tod ist ein scheuer Gott und milder in der Einsamkeit. Seine Hände sind dort weicher und seine Lippen liebreicher. Eine Hirschkuh darf dabei sein und eine singende Drossel, aber nimmermehr ein Mensch.
So hat er sich denn einen Plan gemacht. Jetzt, wo es wieder Frühling ist, will er einen Ort suchen gehen, zu dem er sich flüchten kann, wenn er sein Ende nahen fühlt. Einen Ort des Alleinseins und eine Stätte des Friedens.
Die Sonntagsglocken läuten, und Steffen zieht seine besten Kleider an und bittet um Urlaub. Er erhält ihn auch und geht, so schnell ihn seine schwachen Füsse nur tragen wollen, durch die Stadt. Er achtet nicht der schmucken Giebelhäuser und der spielenden Kinder an den Wegen. Seine Augen glänzen, und seine Nasenflügel zittern vor Erregung. In tiefen Zügen trinkt er die weiche, köstliche Frühlingsluft.
Bald ist er ganz im Freien. Wohin er nur sieht, alles ist voll saftigen Grüns. Die sanft aufsteigenden Berge scheinen wie dunkler Sammet, und der Fluss, der sie weich und silbern umschmiegt, wie der Pelzbesatz am Saum eines Herzoginkleides. Kein Ast so klein, dass er nicht voller Knospen wäre, und überall schon heben sich junge Blütchen aus den Wiesen und der jungen Roggensaat. Er hört ein Rotkehlchen im Weissdorn singen und sieht einen Citronenfalter durch die Sonne tanzen, und sein Herz schwillt vor Jubel. Denn es ist das Herz eines Landstreichers und hat keine andere Liebe als Natur und Freiheit, die es nicht zu trennen vermag. Es ist das Herz eines Landstreichers und voll Ehrfurcht vor dem göttlichen Mysterium der ewigen Schönheit und Erneuerung.
Nun späht er umher. Oben auf dem Bergeskamme sind die dichtesten Wälder und dunkelsten Gründe. Dort will er sein Grab wählen.
Eine Stunde wohl wandert er durch den Forst. Endlich hat er etwas Passendes gefunden: eine tiefe Mulde, eng umstanden von verwitterten Kiefern. Die Gräser darin sind niedergedrückt, aber sein geübter Blick erkennt unschwer, dass es nur Rehe waren, die hier genächtigt haben.
Er kann darin liegen und sich strecken nach Herzenslust. Er sieht dem Himmel ins Gesicht und weiss, dass man ihn hier nicht finden wird. Das freut ihn, und fröhlich kehrt er zur Stadt zurück.
Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln, mit den blanken Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der Stadt, weil er gewiss ist, dass sie ihn nicht halten wird in seiner letzten Stunde.
Im Armenhause wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist geduldig. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine Finger das Kreuz umschliessen werden, wenn er seinen letzten Gang geht.
Er sieht die Stunde schon kommen in einem weissen, schimmernden Glanz. In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehn und unzählige Sterne. Die Luft wird duftig sein und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein grosser, mit sammetdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm die Augen schliessen, tausendmal weicher als jede Menschenhand – – – –
Amtsrichter Johnsons Höhepunkte.
Jeder Mensch hat in seinem Leben einige Höhepunkte, die ihm bis sein seliges oder unseliges Ende unvergesslich bleiben.
Auch Ernst Alexander Johnson hatte die seinigen.
Den ersten hatte er damals erreicht, als er, der eben Amtsrichter in dem kleinen polnischen Städtchen geworden war, seine alte Studentenliebe heimführte.
Am ersten Abend, als sie beisammen sassen, schmiegten sie sich fest aneinander und blickten wortlos in ihre neue Heimat.
Ernst Alexander, in dem ein gefesselter Dichter lag, seufzte tief auf. Auf den Goldgrund des gegenwärtigen Glückes malten seine Träume Blüten und Kränze einer späteren Zukunft, und das Grün der Hoffnung war überall.
Die Augen wurden ihm feucht. Er griff nach der Hand seiner Frau und küsste sie, so dass sie seine Thränen spürte.
Auch ihre Blicke waren verschwommen. Vielleicht hatte sie seine Träume mitgeträumt. Sie fuhr ihm mit den Fingern in das braune, wellige Haar.
»Wie kann man nur so weich sein,« sagte sie. »Wie kann man nur so weich sein, du Lieber?« ...
* * * * *
Sie lebten sehr glücklich zusammen. Nur einschränken mussten sie sich, denn das Gehalt war nicht gross. Das thaten sie aber gern. Ernst Alexander trank einen Schoppen weniger als früher, und gab nie mehr als fünf Pfennig Trinkgeld. Allmählich gewöhnte er es sich überhaupt ab, in ein Restaurant zu gehen. Wozu auch? Seine junge Frau machte es ihm daheim so behaglich wie möglich, und dass ihn der Kronenwirt, Herr Ignatz Malczewski, nur noch obenhin grüsste, liess sich verschmerzen. Als sie dann gar noch anfing, sich mit Schneiderei zu beschäftigen und ganz winzig kleine Häubchen und Jäckchen verfertigte, da brachte er es natürlich nicht mehr über das Herz, sie auch nur einen einzigen Abend allein zu lassen.
Es sollte aber früh genug anders werden. Nicht, dass ein Streit ihre Harmonie getrübt hätte! Aber eines Tages trat einer in ihr Häuschen, den sie beide noch in weiter Ferne geglaubt hatten. Der präsentierte die Rechnung für das stille, reiche Glück, das sie ein volles Jahr hindurch am Tisch des Lebens genossen hatten, und die Rechnung war hoch. Frau Marianne brachte ein totes Kind zur Welt, und drei Tage später folgte sie dem kleinen Wurm nach in die Grube.
Ernst Alexander blieb allein.
Fortan lebte er ganz einsam. Eine weiche Natur von Geburt an, schien der Verlust seines Weibes ihn ganz gebrochen zu haben.
»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« sagte der »Aufsichtführende« jeden Tag. »Er vergrämt und vereinsamt immer mehr. Wir müssen etwas thun, um ihn aus dieser Lethargie zu reissen.«
»Ja, es ist schade um ihn,« meinten auch die anderen Herren. »Aber was können wir thun?«
»Was wir thun können? Er muss wieder unter Menschen. Wir wollen ihn bitten, einmal des Abends mit uns zu kommen, zum Bier.«
Sie besuchten ihn auch. Aber er wehrte sich.
»Nein, nein,« sagte er eigensinnig. »Ich will zu Hause bleiben.«
Dann, als sie nicht aufhörten, in ihn zu dringen, wurde er weicher.
»Was soll ich wohl unter euch? Ich kann nicht mehr so fröhlich sein wie ihr und wäre ein trauriger Gast.«
Es fehlte ihm aber doch die Energie, um auf die Dauer zu widerstehen. Er liess sich überreden.
Im Gasthof zur Krone, wo sich die Honoratioren allabendlich versammelten, wurde immer tüchtig gekneipt. Diesmal aber, wo Ernst Alexander Johnson nach so langer Abwesenheit wieder in den verräucherten Räumen erschien, ging es besonders ausgiebig zu.
Von allen Seiten stiess man mit ihm an. Widerwillig, mit melancholischem Lächeln, kam er nach, in der Vornahme, bei der ersten schicklichen Gelegenheit die Gesellschaft zu verlassen.
So oft er sich aber sagte, dass es jetzt an der Zeit wäre, vermochte er doch nie, seinem Unbehagen ein Ende zu machen. Ratlos den fetten Oberkörper hin und her wiegend und ohne Freude, blieb er Stunde um Stunde an der Tafel. Des Trinkens ungewohnt, wurde er früh berauscht.
Es war kein angenehmer Rausch.
Seine Kollegen mussten ihn nach Hause führen.
Mit schwerem Kopf und Bitterkeit in Herz und Kehle wachte er am nächsten Morgen auf. Ein schwerer Druck auf seiner Stirn liess den ganzen Tag nicht nach. Er vermochte nicht zu widerstehen, als Assessor Lindenborn, mit dem er gemeinschaftlich das Gericht verliess und der nicht weniger verkatert war, einige Auffrischungsschnäpse vorschlug. Sie setzten sich wieder in das kühle, halbdunkle Kneipzimmer und standen nicht eher auf, als bis es gegen Mitternacht ging.
Einmal aus der gewohnten Bahn geschleudert, fand er nun gar keinen Halt mehr. Der Kronenwirt grüsste ihn jetzt sehr höflich, aber seine Kollegen schüttelten aufs neue die Köpfe.
»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« meinten sie alle. »Wir müssen ihn zur Vernunft bringen. Er vertrinkt alles, und es ist schon jetzt nichts Seltenes, dass er am hellen Tage berauscht ist.«
Eines Abends, als sie in vorgerückter Stunde in ihrer Stammkneipe zusammensassen, machten sie ihm Vorhaltungen.
Er war schon betrunken, und unter ihren wohlmeinenden Worten packte ihn das graue Elend.
»Ich weiss, dass ich ein Lump bin,« sagte er schluchzend. »Ein Lump, jawohl, ein Lump. Aber warum habt ihr mich nicht sitzen lassen in meinem Jammer? Warum habt ihr mich gezwungen, mit euch zu trinken?«
»Aber, lieber Kollege! Es ist doch ein Unterschied zwischen Trinken und Trinken. Wir haben es doch gewiss nur gut gemeint.«
Amtsrichter Johnson lächelte bitter.
»Gut gemeint, jawohl. Alle haben es gut gemeint. Alle, nur der Herrgott nicht. Nur der Herrgott alleine nicht!« – – – –
* * * * *
Acht Tage später hatte er eine Sitzung des Schöffengerichts zu leiten.
Alle waren schon versammelt. Nur der Amtsrichter fehlte.
Da sandte man den Gerichtsdiener nach ihm aus.
Der alte Klemming traf ihn, wie er gerade, hin und her schwankend, sich vergebens Mühe gab, die Thür seines Hauses aufzuschliessen. Es war ersichtlich, dass er eben erst, gegen elf Uhr vormittags, die Schenke verlassen hatte.
»Nun, Klemming, was ist denn?« lallte er.
»Herr Amtsrichter möchten auf das Gericht kommen. Die Herren Schöffen warten schon alle.«
»Die Herren Schöffen? Wer denn, Klemming?«
»Herr Kaufmann Tietz, Herr Tischlermeister Maczkowski, Herr Rentier Priemchen« ...
»Was Priemchen ist auch da? Hat der Kerl denn schon ausgeschlafen? Na, ich komm schon!«
Ohne sich umgekleidet zu haben, Wäsche und Kleidung beschmutzt und zerknittert, ging er dem kopfschüttelnden Diener voran.
Unterwegs pfiff er ein Kneiplied vor sich hin. Es schien ihm gar nicht klar zu sein, wohin er gehen musste. Der alte Klemming wies ihn zurecht, sonst wäre er am Gericht vorüber geschritten.
Man warf ihm die Amtsrobe über. Dann trat er in den Saal.
Mit würdevollen Gesichtern sassen die Schöffen auf ihren Stühlen. Der Angeklagte, ein blasser, junger Bursche, erhob sich, als der Talar sichtbar wurde. Aller Augen wandten sich auf den Richter.
Mit schweren, unsicheren Schritten näherte er sich seinem Tisch.
Da bemerkte er den Rentier Priemchen, mit dem er oft zusammen getrunken hatte. Ein breites Lachen zog sich über sein gedunsenes Gesicht, das vor Betrunkenheit glühte.
»Na, alter Schwede,« rief er ihm mit heiserer Stimme zu, »auch hier?«
Erschrocken fuhren alle auf.
»Setzen Sie sich doch, um Gottes willen,« flüsterte Priemchen.
»Gleich, Priemchen, gleich! Erst den Cantus.«
Und der königliche Amtsrichter Ernst Alexander Johnson stellte sich in seiner vollen Amtstracht an den Rand des Podiums und erklärte feierlich:
»Zur Eröffnung einer urfidelen Schöffensitzung beginnen wir mit dem schönen Liede:
Wer kommt dort von der Höh’? Wer kommt dort von der Höh’? Wer kommt dort von der ledernen Höh’, Ça, ça ledernen Höh’, Wer kommt dort von der Höh’?« ...
Während er den ersten Vers mit dröhnender Stimme absang, verbreitete sich eine Todesstille um ihn.
Niemand vermochte zu lächeln. Bleich und fassungslos blieb jeder auf seinem Stuhl, und jeden durchzuckte die Ahnung, dass hier ein Menschenschicksal seinem Ende zuneigte.
Er begann noch den zweiten Vers. Mit den weiten Ärmeln seiner Robe stiess er beim Taktschlagen an das schwarze Kreuz, das den kleinen, silbernen Leib Christi trug. Es stürzte vom Tisch und schlug mit dumpfem Hall auf die Dielen.
Da unterbrach er sich.
Mit blöden, blutunterlaufenen Augen blickte er hinunter und dann auf die Beisitzer.
»So, so, ach – so –« stammelte er dann.
Ein Zucken ging durch seinen Körper. Schwer liess er sich in den Sessel fallen.
Aber die Besinnung war ihm zu spät gekommen. Die Sitzung wurde vertagt, und wenige Tage darauf war Ernst Alexander Johnson aus dem Richterstande entfernt. – –
Wochen, Monate und Jahre vergingen. Der Amtsrichter a. D. war ein stadtbekannter Trunkenbold geworden.
Als ihm niemand mehr Kredit gab, fing er an, seine ganze Habe zu verkaufen. Ein Stück nach dem andern wanderte zum Trödler.
Eines Abends sass er in seiner leeren, unfreundlichen Wohnung, aus der selbst die Wandbilder schon lange zu Geld gemacht worden waren, und zerbrach sich den Kopf, was er noch verkaufen könnte. Aber nichts fiel ihm ein. Ein Tisch und einige Stühle bildeten ausser einem kleinen Wäscheschrank sein gesamtes Mobiliar. Verkäufliches war aber nur noch in der letzten Schublade des Schrankes, und vor der hatte er eine heilige Scheu.
Endlich entschloss er sich doch, das Fach zu öffnen, und zitternd und scheu, wie ein Dieb, sah er hinein. Da lag alles noch so wie vor Jahren: die Häubchen und die Jäckchen, die Windeln und das spitzenbesetzte Taufkleidchen. Es war in zwei grössere Abteilungen gesondert, die mit blauseidenen Bändern umwickelt waren. Daneben lagen noch einige Untersachen seiner Frau.
Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als er diese letzten äusserlichen Erinnerungen an so viel Glück und Hoffnung vor sich sah.
Er kämpfte innerlich. Dann aber griff er doch, während die Schamröte ihm bis in die Stirn stieg, die Pakete heraus.
In der Nähe seiner Wohnung befand sich eine kleine Branntweinschenke, in der wandernde Burschen, verkommene Handwerker und der Amtsrichter a. D. verkehrten. Der Wirt war ein gefälliger Mann und nahm ebenso gern Kleidungsstücke und andere Sachen in Zahlung, als bares Geld. Zu dem begab er sich.
Er bestellte einen Schnaps und ein Käsebrot. Der Besitzer des Lokals, ein dicker, aufgedunsener Riese, der auf einem Auge blind war, musterte ihn misstrauisch. Er brachte das Verlangte erst, als er das Bündel sah, das Ernst Alexander neben sich gelegt hatte.
An den Nachbartischen, die klebrig waren und wie das ganze Lokal nach vergossenen Getränken rochen, sassen mehrere junge Leute. Als es ans Zahlen kam, musste er das Paket öffnen. Wie die Jäckchen und Windeln zum Vorschein kamen, erscholl ein rohes Gelächter.
»Von wo haben Sie das denn?« fragte der Wirt verdutzt.
»Von meinem Kinde.«
»Haben Sie denn ein Kind?«
Ernst Alexander biss die Zähne zusammen.
»Es ist tot,« sagte er finster. »Sonst säss’ ich nicht hier.«
Der Wirt schien sich zu erinnern.
»Ach so, Ihre Frau starb ja auch damals.«
»Ja, sie starb auch.«
»Und das wollen Sie jetzt verkaufen?«
Der Amtsrichter a. D. hörte die Verachtung in diesen Worten und wagte nichts zu erwidern. Mit gesenktem Kopf verliess er das Zimmer und trat hinaus. Zwölf Silbergroschen hatte er in der Hand.
Nach einer unruhigen Nacht wachte er am nächsten Morgen früh auf. Noch unangekleidet sass er mit wirrem Hirn auf dem Bettrand, und allmählich trat ihm wieder ein Bild vor die Seele, das ihn im Schlafe gequält und gepeinigt hatte.
Es war im Traume seine tote Frau zu ihm gekommen. Sie trug ein weisses, faltiges Gewand, und an ihrer Rechten führte sie ihr Kind. Das Kind war nackend und weinte bitterlich.
»Du hast ihm seine Hemdchen verkauft. Nun friert es,« sagte die Mutter.
Ernst Alexander bekam das nicht mehr aus dem Gedächtnis. Den ganzen Tag trug er daran, und der Nebel, der jahrelang vor seinen Augen gelegen hatte, verschwand mehr und mehr. Er sah alles, wie es wirklich war, nackt und nüchtern. Er sah, dass der letzte Teil seines Lebens nichts als Schmutz und Schande gewesen war, und Verzweiflung überfiel ihn. Er sprach mit sich und mit den Toten, die ein Traum ihm heraufbeschworen hatte, und alles in ihm ward voll von Bitterkeit und Selbstverachtung.
»Es ist keine Liebe mehr für mich, nicht im Himmel und nicht auf der Erde,« sagte er laut.
Seine Worte dröhnten in dem leeren Gemach.
Er schrak zusammen.
Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und spie aus. – –
* * * * *
Die Abendsonne funkelte und sprühte auf dem Schieferdach des alten Klosterturmes. Sie brach sich auch in den Scheiben des stillen, kleinen Hauses und drang bis in das Zimmer.
Dort blieb sie lange und leuchtend.
Inmitten der gemalten Decke, an der kleine Amoretten mit roten Rosen spielten, steckte ein eiserner Haken, der früher eine Hängelampe gehalten hatte.
Die Lampe war schon lange fort und brannte schon lange nicht mehr.
Jetzt hing ein hänfener Strick daran, und an dem Strick hing ein fetter, gedunsener Leichnam.
Das war der zweite Höhepunkt im Leben Ernst Alexander Johnsons. Sein zweiter und letzter im Leben und im Sterben: zwei Fuss über den Dielen. –
In der Anstalt.
Ein Bild aus dem Leben.
Nicht weit von einer westdeutschen Industriestadt liegt eine grössere Zahl schmucklos, aber gefällig gebauter Häuser. Durch grössere Entfernungen voneinander getrennt, verstreuen sie sich über ein weites, hügeliges Gelände, das hier und da mit Wald bestanden ist. Grösstenteils werden sie von Kranken bewohnt, denen die kräftige Luft und der tiefe Frieden wohlthut.
In einem der Häuser jedoch werden keine körperlich Leidenden aufgenommen. Dies ist das Haus, das am weitesten der Stadt zugeschoben und durch ein eisernes Gitterwerk von der Landstrasse getrennt ist. Es ist die Domäne derer, die Schiffbruch im Leben gelitten haben, das Asyl der Gestrandeten.