Abendfalter

Part 3

Chapter 33,711 wordsPublic domain

Es beherbergt nur Leute aus besseren Lebensschichten. In der Überzahl sind die Offiziere a. D. Etliche Geistliche sind auch darunter, mitunter auch ein Schriftsteller oder ein Redakteur.

Mannigfaltig ist ihre Schuld und ihr Schicksal; mannigfaltig sind die Wege, die sie hierhergeführt; allen gemeinsam aber ist der dumpfe Gram, der ihre Tage verbittert und der sie allmählich stumpf macht gegen das Aussenleben, der allmählich auch ihre Sehnsucht, wieder hinauszufliegen, erdrückt, und erst mit dieser Sehnsucht matter und matter wird.

Die meisten der Herren sind schon längere Zeit da. Man unterscheidet sie leicht von den übrigen Bewohnern der Anstalt. Sie tragen einen Zug schmerzlicher Resignation im Gesicht, und ihre Augen blicken auf ein vergangenes Leben.

Hier und da gemahnen noch Gang und Gebärde an die frühere gesellschaftliche Stellung. Sonst kommt sie selten zum Vorschein. Besonders nicht in der Kleidung. Wenn beim Essen ein Tropfen Suppe oder Bratensaft auf den Rock fällt – nun, so schadet das nichts. Gereinigt wird er deswegen doch nicht. Für wen auch? Untereinander hat man sich gegenseitig nichts vorzuwerfen und ausser der alten Dame, welche die Wirtschaft führt, und ihren beiden Dienstmädchen ist kein weibliches Wesen für sie vorhanden. In die Stadt zu gehen ist ihnen auch nicht erlaubt, weil es zum Teil der Alkohol war, der sie hierhergebracht.

Da ist der Hauptmann und Oberamtmann a. D. von Wegeler, der ein tüchtiger, pflichttreuer Beamter war, bis ihm sein junges Weib im ersten Kindbett starb. Von da ab hatte er keinen Sinn mehr für seine Akten gehabt und vom frühen Morgen an bei der Flasche gesessen. Man schonte ihn so lange als möglich; eines Tages aber war er schwer betrunken an das offene Grab eines alten Soldaten getreten, um ihm nach dem Geistlichen als Vorsitzender des Kriegervereins ebenfalls einige Worte nachzurufen. Hin und her taumelnd hatte er einige unzusammenhängende Sätze hervorgestossen, bis er endlich gänzlich das Gleichgewicht verloren hatte und auf den blumengeschmückten Sarg gefallen war. Es hatte einen dumpfen Schall gegeben, der oben einen entrüsteten Widerhall fand und laut genug war, um bis zum Minister zu dringen. Er hat nachdem nicht mehr amtiert und trug sein Weh in die stillen Räume der Anstalt. Vom Trunk liess er bald; auch die Wunden, die ihm der Tod seiner Frau geschlagen, vernarbten in der alles heilenden Zeit. Dafür überkam ihn aber die Energielosigkeit eines Lebens, dem jeder Sporn fehlt, die Resignation eines Lebens, das sich selber verloren giebt.

Sein Zimmergenosse, ein kleiner, pommerscher Pastor, der wie eine Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert aussieht und eine verbitterte, boshafte Zunge hat, bedurfte keines so jähen Anstosses, um ein Trinker zu werden. Fünfundzwanzig Jahre in einem elenden Dorfe, ganz einsam, ohne Verkehr, ohne Bücher und geistige Anregung hatten ihn ganz allmählich dazu gemacht. Die Bauern hatten oft Gelegenheit gehabt, einen Betrunkenen auf der Kanzel zu sehen, bis sich das hohe Konsistorium hineinmischte, und er abgesetzt wurde.

Dann wohnt ein junger, bildhübscher Mann dort, der kurz nach seiner Beförderung zum Oberleutnant in später Nacht einst angerauscht und durch einen Wortwechsel erregt aus dem Kreise seiner Kameraden geschieden und auf dem Heimwege mit der brennenden Cigarre einem Pulverschuppen zu nahe gekommen war. Der Posten hatte ihn auf die bestehenden Vorschriften aufmerksam gemacht, vielleicht in einem ungebührlichen Ton. Genug, der arme, betrunkene Leutnant hatte ihn mit der flachen Klinge über das Gesicht geschlagen. Verwundet hatte er ihn nicht, aber die Militärgesetze lassen nicht mit sich spassen. Er bekam den schlichten Abschied, und da er zu keinem anderen Berufe vorgebildet war, landete auch er hier.

Ach, es sind seltsame Schicksale, die sich hier zusammenfinden! ...

In dumpfem Gram, in stumpfer Resignation schleppen sie ihre Tage dahin. Die Erinnerung, in der sie überhaupt nur leben, das Fehlen des weiblichen Elementes, das schon manchen zu neuem Aufstieg trieb, das Fehlen jeglicher Berührung mit den brausenden Stürmen und Strömen der Freiheit, das lässt sie ganz verkümmern.

Einmal schlug aber doch eine Welle der Aussenwelt auch in ihren Frieden.

Eines Tages blieb Herr von Wegeler, der als erster der Herren gegen Mittag das Speisezimmer betrat, überrascht in dem Thürrahmen stehen. Auf seinem dicken, aber bleichen Gesicht spiegelte sich ein fassungsloses Erstaunen, das sich mehr oder minder auch in den Zügen der nachfolgenden ausdrückte.

Neben der Wirtschafterin, einer Pastorenwitwe, stand eine junge, hohe Mädchengestalt. Das Haar lag ihr in schweren, goldenen Flechten auf dem Haupte, und ihre Augen waren schön und klug. Sie hatte das Aussehen einer vornehmen Dame, wenn sie auch nur eine Erzieherin war, die ihre Tante besuchte.

Nach der Gesamtvorstellung, die von seiten des Hausvaters, eines weissbärtigen Greises, erfolgte, schien sich die allgemeine Erregung etwas zu legen. Man ass seine Suppe wie gewöhnlich, nur dass hier und da verstohlene Blicke zu dem Fremdling hinüberstreiften. Bald kam aber die zweite Sensation. Das Fräulein, das einige Zeit verwundert auf die schweigenden Gesichter gesehen hatte, begann ein Gespräch. Seit Menschengedenken plauderte man nicht am Anstaltstisch. Es war immer, als ob der allgemeine Gram jedes Wort in den Kehlen zurückgehalten hatte. Sie aber stellte harmlos dem ihr gegenüber sitzenden Hausvater allerhand Fragen, sprach dann über das Wetter, Krankheiten und den englischen Nationalcharakter und zog allmählich auch Herrn von Wegeler in die Unterhaltung.

Dabei bemerkte er plötzlich, dass sie mit einem Blick grenzenlosen Erstaunens seinen Rock betrachtete, und zum erstenmal seit langer Zeit dachte er daran, dass der ja ganz entsetzlich schmutzig sein musste. Eine brennende Röte flog über sein Gesicht. Dann aber trat der ehemalige Offizier in ihm hervor. Mit Gewalt seine Verlegenheit niederzwingend, setzte er sich durch lebhaftes Geplauder über das Peinliche dieses Augenblicks hinweg, und schon nach wenigen Minuten waren in ihm wie in den übrigen am Tische Sitzenden wenigstens die Formen der besseren Vergangenheit wieder lebendig geworden.

Kaum dass sie die Tafel verlassen hatten, wurde von allen Seiten nach dem Hausdiener gerufen, und eine halbe Stunde später trabte dieser, keuchend unter der Last von vierzehn Oberröcken der Reinigungsanstalt zu. Herr von Wegeler zog sich seinen Sonntagsstaat an, und selbst der Ministersohn, der so lange Jura studiert hatte, bis ihm die Haare ausgegangen waren, suchte sich eine frische, lachsfarbene Krawatte hervor, obwohl er dabei murmelte, dass es doch eigentlich nur eine Erzieherin sei.

Beim Nachmittagskaffee boten sie einen anderen Anblick. Selbst der kleine Pastor, der immer in den Kleiderschrank stieg, um dort einen heimlichen Kognak zu sich zu nehmen, hatte sich rasiert und seine Hände gründlicher als sonst gewaschen. Die, der zu Ehren das alles geschehen war, liess sich zunächst aber nicht blicken. Als sie endlich doch erschien, war sie im Ausgehkostüm und trug den Sonnenschirm in der behandschuhten Hand.

»Meine Herren,« rief sie fröhlich, »wer von Ihnen will so freundlich sein, mich auf die Ziegelburg zu begleiten? Tante hat natürlich keine Zeit dafür!«

Eine Sekunde blieb alles still. Jeder dachte daran, dass es ihnen streng untersagt war, das Anstaltsgebiet zu verlassen. Dann aber schoben sich dreizehn Stühle zurück, und bis auf den Pastor erklärten sie alle, dass es ihnen ein besonderes Vergnügen sein würde.

Ein Lächeln in den schönen Augen, sah sie von einem zum andern.

»Die Herren sind zu liebenswürdig,« meinte sie dann. »So viel Kavaliere auf einmal würde aber doch beängstigend sein. Herr von Wegeler und Sie, Herr Leutnant, wenn ich bitten darf. Auf Wiedersehen, meine Herren!«

Und nach einem graziösen Kopfnicken ging sie den beiden Auserwählten voran.

Nachdem sie den hohen Burgberg bestiegen und die entzückende Aussicht genossen hatten, die bei einem mässig guten Glase bis zur Porta Westphalica reicht, schlug sie vor, noch einmal in die Stadt zu fahren, wo sie einen kleinen Einkauf zu besorgen hatte. Herr von Wegeler und der melancholische Leutnant folgten ihr auch dahin. Zum zweitenmal übertraten sie damit die jahrelang eingehaltenen Anstaltsvorschriften. Aber was sollten sie thun? Der blosse Gedanke, ihr gestehen zu müssen, dass sie wie Schulkinder nur eine sehr begrenzte Bewegungsfreiheit genossen, trieb ihnen schon die Scham in das Gesicht, und beiden schoss es wie ein Blitz durch das Gehirn, dass es doch eigentlich schmachvoll wäre, in solcher Abhängigkeit zu stehen – sie, zwei kräftige, gesunde Menschen!

Als sie heimkehrend die auf das Anstaltsgebiet führende Thür öffneten, sahen beide noch einmal zurück und in ihre Augen trat ein seltsamer Ausdruck. Dort lag die Stadt. Ihre Lichter funkelten zu ihnen herüber, und wie ein dumpfes Brausen schlug der Lärm der geschäftigen Freiheit an ihr Ohr. Das Haus vor ihnen aber lag tot und still.

Herr von Wegeler konnte in der darauffolgenden Nacht nicht schlafen. Die Idee, wieder hinauszutreten, liess ihm keine Ruhe. Und am nächsten Tage nahm er einen grossen Bogen Papier zur Hand, auf dem er eine Eingabe an das Ministerium zu entwerfen begann. Er kam damit jedoch nicht zu Ende. Immer wieder hatte er zu streichen und zu verbessern, und so verschob er die Absendung denn von einem Tage zum andern und besserte tagtäglich daran herum.

Es war allmählich ein ganz anderes Leben in die Anstalt gekommen. Die Herren hielten wieder auf ihre Kleidung, bei Tische wurde geplaudert, die Tagesereignisse besprochen, hier und da auch ein Scherz gemacht. Selbst untereinander grüssten sie sich verbindlicher, und wenn einer das Rasieren vergessen hatte, trafen ihn missbilligende Blicke. Der melancholische Leutnant bürstete sogar seinen Schnurrbart hoch und legte regelmässig eine Bartbinde an, wodurch er gleich viel weniger melancholisch aussah.

An allen Ecken und Enden merkte man es, dass ein frischer Wind durch die modrige Luft der Resignation gefahren war.

Die Gouvernante hatte aber nur einen kurzen Urlaub. Schon am nächsten Sonntag musste sie fort, über den Kanal zurück in die erwerbende Fron der Kindererziehung.

Als sie sich von den Herren verabschiedete, wurde es von keinem besonders schmerzlich empfunden. Verliebt war ja niemand in sie, und niemand hatte daran gezweifelt, dass sie über kurz oder lang wieder verschwinden würde.

Bei der nächsten Mittagstafel hatten aber dennoch alle ein eigentümliches Gefühl. Die alte Pastorenwitwe sass grämlich auf ihrem Stuhl, der Hausvater hatte den weissen Kopf beinahe ganz in die Schultern hineingezogen, und die Herren sahen trübe in ihre Suppe, die auch weniger Fettaugen zu haben schien wie früher. Einmal versuchte der Ministersohn mit der roten Krawatte, ein Gespräch einzuleiten. Er erhielt aber nur einsilbige Antworten.

Am nächsten Tage war der Stumpfsinn wieder in alle seine Rechte eingesetzt. Die Röcke wurden wieder fleckig, Herr von Wegeler überliess seine Eingabe den Mäusen, der Leutnant bürstete sich den Bart nicht mehr, der kleine Pastor fing wieder an, das Rasieren und Händewaschen für Zeitverschwendung zu halten, und wenn des Abends die Lichter der Stadt herüberfunkelten, sah sie niemand mehr an.

Für wen auch?

Es war eine Welle der Aussenwelt auch in ihren »Frieden« gedrungen, aber sie ebbte viel zu früh zurück. Ihre Seelen sinken wieder in den alten Schlaf. Wie das graue Haus in der Dämmerung liegen sie da, tot, still, träge, während doch ganz in ihrer Nähe das Leben sich in gigantischer Arbeit regt und mit roten, funkelnden, bösen Augen zu ihnen herübersieht.

Im Pfarrhaus.

Eine stille Geschichte.

»Auch dieses hat seine Geschichte. Auch dieses.«

Der alte Pastor sagte es mit einem halb wehmütigen, halb frohseligen Lächeln, und über seine hellen, kinderguten Augen legte es sich wie der feine, blaue Schleier einer lieben Erinnerung.

Dann, sich die erloschene Cigarette wieder über der Lampe anzündend, fuhr er fort: »Es haben mich schon viele gefragt, warum ich statt der Pfeife, die ja mit meinem Stande unzertrennlich verbunden scheint, an Sonntagen immer nur Cigaretten rauche, trotzdem es mir nicht gesund ist, und noch dazu aus so unbeholfenen Rohrspitzen. Ich will es Ihnen erzählen, wenn Sie vielleicht auch über die Thorheit eines altmodischen Mannes lächeln werden. Haben doch so viele irgend eine Gewohnheit, die anderen thöricht erscheint, die sie aber hegen und pflegen, weil sie ihnen hilft, ein liebes Gedenken wachzuhalten ... Schrauben Sie, bitte, die Lampe etwas niedriger, lieber Freund!«

Der Kaplan, der dem alten Herrn gegenüber sass, gehorchte. Ein halbes, gedämpftes Licht lag nun über den hier und da wurmstichigen, zwei oder drei Generationen alten Möbeln und den vergilbten Büchern und Schriften, die in grosser Anzahl, aber in bemerkbarer Unordnung darauf lagen. Die grossen Holzscheite in dem eisernen Ofen knisterten mitunter, und die Flamme und das erhitzte Petroleum surrten vernehmlich.

»Es sind jetzt gegen dreissig Jahre her, dass mich mein seliger Vorgänger in dieser Pfarre als Kaplan zu sich berief. Ich war damals wohl so alt wie Sie, fünfundzwanzig. Von vielen Seiten wurde ich noch gedrängt, erst, wie die meisten meiner Kommilitonen, nach Deutschland zu gehen, nach Leipzig oder nach Rostock, wo wir Ungarn grössere Stipendien geniessen, um dort meine theologischen Studien zu vervollständigen. Aber mir war das Studentenleben sauer geworden. Arm wie ich war, hatte ich mir durch Stundengeben fast jeden Bissen Brot selber verdienen müssen. Ich nahm also an, und so kam ich in diese Gemeinde. Das damalige Pfarrhaus war noch nicht so vornehm wie dieses. Es stand auf demselben Platze, aber das Dach war mit Stroh gedeckt, die Wände waren viel niedriger und die Öfen rauchten. Mitunter froren wir im Winter, aber es hat mir doch leid gethan, als es abgerissen wurde. In dem alten bin ich jung und glücklich gewesen, in das neue bin ich schon mit grauen Haaren eingezogen, vereinsamt bis auf meine Tochter. Meine selige Frau hat es nicht mehr erlebt ... Mit dem geistlichen Herrn kam ich in ein so freundschaftliches Verhältnis, dass ich mich ihm gegenüber bald mehr als Sohn des Hauses, denn als sein Kaplan fühlte. Weniger gut gelang mir dies bei seiner Tochter. Er war Witwer und sie, die ebenso alt wie unsere Böske sein mochte, also neunzehn Jahr, führte ihm die Wirtschaft. Schüchtern und ohne Erfahrung im Verkehr mit Damen, ging ich ihr beinahe aus dem Wege, so dass wir uns eigentlich nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen.

Wenn ich nach beendetem Nachtmahl mit meinem seligen Vorgänger, wie es gewöhnlich war, noch ein Stündchen am Tische sitzen blieb, um über Weltläufte oder Gemeindeangelegenheiten zu plaudern, sass sie immer ganz still am anderen Ende der Tafel, mit einer Häkelei beschäftigt oder in alten Jahrgängen einer illustrierten Zeitschrift blätternd. Mitunter glaubte ich dann zu bemerken, dass sie hier und da das feine Köpfchen hob und mich verstohlen von der Seite ansah. Es hätte aber auch eine Täuschung sein können, und so gab ich denn einige Zeit hindurch acht, bis es mir gelang, ihre Augen mehrmals auf frischer That zu ertappen. Wenngleich ich mir nichts dabei dachte, beunruhigte mich das doch, und ich musste mir Mühe geben, mit meinen Gedanken bei dem Thema des Gesprächs zu bleiben, das der geistliche Herr mit mir führte.

Ich mochte schon gegen sechs Monate ihr Hausgenosse gewesen sein, als unser Schullehrer nach einer benachbarten Stadt gewählt wurde. Mitten im Sommer ging er uns davon, und nun begann für uns die schwere Aufgabe, einen neuen zu suchen. Beinahe jeden Sonntag kam einer, einmal sogar zwei zugleich, die aber alle den Beifall der Gemeinde nicht fanden. Da sagte eines Abends der alte Herr lachend zu mir: ›Wissen Sie, am liebsten hätte ich einen jungen und unverheirateten. Das gäbe dann vielleicht noch einen Mann für die Böske!‹

Sie sass wie gewöhnlich über einer Häkelei und wurde ganz rot, als sie das hörte. Dann blickte sie zu uns herüber. ›Sag das nicht, Papa! Ich mag keinen Schullehrer!‹

Sie hatte nervös, beinahe heftig gesprochen, wie ich es noch nie von ihr gehört hatte. Ich sah ganz deutlich, als sie dann den Kopf wieder über ihre Arbeit bog, dass ihr rechtes Ohr ordentlich glühte, was bei ihr – Gott habe sie selig! – ihr lebelang ein Zeichen der Erregung blieb.

Ihr Vater war aber gut aufgelegt.

›Warum denn nicht, Kind?‹ fragte er heiter. Und da sie ihm keine Antwort gab, wandte er sich direkt an mich.

›Nun, was sagen Sie denn dazu?‹

Ich wusste eigentlich gar nichts darauf zu sagen. Es schien mir unschicklich, in Gegenwart eines jungen Mädchens von ihrem künftigen Manne zu reden, und so wurde ich beinahe so rot wie sie. Nach einigen Minuten des Stillschweigens fühlte ich aber doch die Verpflichtung, etwas zu erwidern, und so antwortete ich denn so vorsichtig wie möglich: ›Wenn er ein ehrenhafter Mann ist, wäre es das Schlimmste noch lange nicht. Man kann auch in einem Schulhause glücklich werden, Fräulein Böske!‹

Da blickte sie wieder auf, aber diesmal gerade mir in das Angesicht. Ihre Wangen wurden ganz bleich. Die grossen, braunen Augen hefteten sich wohl eine Minute lang auf mich. Dann rollten langsam zwei Thränen daraus, und sie beugte sich wieder über die Häkelei. Sie sagte keine Silbe, aber nach diesem Blicke war es mir plötzlich, als ob ich eine Todsünde begangen hätte.

Bald darauf stand sie auf und ging in die Küche. Ich hörte sie dort mit dem Geschirr herumhantieren. Heute weiss ich, dass sie damals mehr geweint als gewirtschaftet hat. Damals fühlte ich das nur, und sobald es thunlich war, verabschiedete ich mich und nahm in meine Stube ganz seltsame und unerklärliche Empfindungen mit.

Ich hatte sie bis dahin immer ›Fräulein Böske‹ angeredet, was, wie Sie wissen, eine Koseform von Erszibet ist, weil ich es nie anders gehört hatte. Das ganze Dorf nannte sie so. Am nächsten Tage aber redete ich sie mit ihrem Vatersnamen an. Ich kann es heute eben so wenig sagen wie damals, warum ich es that, aber ich weiss noch, dass es mich schmerzte, dass sie so gar kein Zeichen des Erstaunens darüber sehen liess. Sie war gleichmässig freundlich wie immer; es schien mir aber oft, auch wenn sie mitten in der Mittagssonne stand, dass ein Schatten auf ihrem Gesichte läge. Seit diesem Abende ging es mir überhaupt ganz seltsam mit ihr.

Ich ertappte mich dabei, dass ich in der vorgefassten Absicht, auf ihre heimlichen Blicke acht zu geben, in das Speisezimmer trat, und dass es mich ordentlich schmerzte, wenn sie hartnäckig alles andere eher ansah als mich. Wir hatten die Rollen ganz getauscht. Jetzt spähte ich so oft wie nur möglich zu ihr herüber und dabei passierte es mir, dass ich mit einem Male bemerkte, wie wunderschönes Haar sie doch hatte. Es war hellbraun, und wenn gerade ein volles Lampenlicht darauf schien, blitzten ihre Stirnlöckchen ganz goldig. An einem der folgenden Tage fing ich gar an, mich über ihren graziösen Gang zu freuen. Sie war etwas schwächlich, aber sehr zierlich gebaut, und beim Gehen stiess sie mitunter mit den Knieen an die Röcke, was mir immer sehr lieblich vorkam.

So ging es Tag für Tag. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues an ihr, und am Ende konnte ich auch meine Gedanken gar nicht mehr losreissen von so viel Schönheit.

Ich erinnere mich gut, wie ich einst an meinem Schreibtisch in die Höhe fuhr. Die Lampe war weit heruntergebrannt. Ich musste wohl stundenlang geträumt haben und ich weiss, dass ich in diesen Träumereien ihre leichtgeöffneten, roten Lippen ganz dicht vor mir gesehen und sie wieder und wieder geküsst hatte. Ich war darüber erschrocken und legte mich eilig zu Bett, bis zum Morgen beinahe in einer alten Postilla, gedruckt bei Hans Lufft, anno domini 1567, lesend, ehe mir der Schlaf kam.

Diese Postilla besitze ich noch heute. Ich habe mir noch oft daraus andere Gedanken angelesen und halte sie in hohen Ehren. Sie ist reich mit Holzschnitten verziert und trägt als Titelbild den gekreuzigten Heiland, zu dessen beiden Seiten Doktor Martinus Luther und der sächsische Kurfürst knien. Aber mir ist sie mehr wegen dieser Erinnerungen wert als wegen ihres Altertums.

Unter diesen Umständen konnte ich es mir nicht länger verhehlen, dass ich eine innige Liebe zu ihr hegte, und nach den gemachten Beobachtungen schien es mir auch, als ob dieselbe keineswegs einseitig wäre. Obwohl mich dieses letztere nun mit einem ganz merkwürdigen, schamhaften Stolz erfüllte, trug es doch nur dazu bei, meine Schüchternheit zu erhöhen, und wenn sie mir bei Tisch, wie es späterhin hier und da doch wieder der Fall war, einen freundlich schelmischen Blick zuwarf, wurde ich rot wie ein Schulbube und vermochte vor Verlegenheit keinen Bissen mehr hinunterzubringen. So lebten wir, gegenseitig unsere Liebe ahnend, monatelang nebeneinander her, ohne dass ich je den Mut gefunden hätte, ihr auch nur ein einziges vertrauteres Wörtchen zu sagen. Es wurde zum zweiten Male Herbst, als in einem weiter entfernteren Dorfe der Geistliche starb und ich mich, da ich ja nicht ewig Kaplan bleiben konnte, um die vakante Stellung bewarb.

Meine Probepredigt war gerade auf einen Sonntag angesetzt worden, an dem der alte Herr eine Eheschliessung in Neograt, das auch zu seinem Sprengel gehörte, vorzunehmen hatte. Sein Ziel lag mitten auf meinem Wege, und so benutzten wir beide denselben Wagen.

Als wir abfahren wollten, trat die Böske zu uns heran. Erst küsste sie ihren Vater, dann reichte sie mir die Hand und wünschte mir Glück. Aber ihre Augen waren traurig dabei und ihre Stimme kaum hörbar.

Ich wurde gewählt.

Als ich gegen Abend nach Hause kam, war der alte Herr noch nicht da. Nur seine Tochter kam mir entgegen. Ich war voller Freude und teilte ihr fröhlich meine Neuigkeit mit. Ein stummer Händedruck war ihre Entgegnung. Da es schon dämmerte, konnte ich den Ausdruck ihres Gesichtes nicht erkennen. Als ich dann aber in das Speisezimmer trat, bemerkte ich, dass sie ganz blass war und verweinte Augen hatte. Und plötzlich fiel es mir schwer auf das Herz, dass meine Wahl ja auch eine Trennung von ihr bedeutete. Das Dorf war weit entfernt. Selten nur hätte ich auf einige Stunden zum Besuch herüberkommen können. War es darum, dass sie so traurig aussah?

Ich konnte nicht daran zweifeln. That mir doch selber bei aller anfänglichen Freude das Herz weh. Und es wurde immer ärger. Die Kehle war mir wie zugeschnürt, und ich fühlte, dass ich keinen Bissen würde hinunterbringen können. Ich entschuldigte mich damit, dass ich schon gegessen hätte, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Trübselig sass ich am Tisch und brannte mir eine Cigarette an, während wenigstens sie so that, als ob sie einige Brocken zu sich nähme.

Mit jeder Rauchwolke, die ich in die Luft blies, verfinsterte sich auch mein Gedankenkreis. Ich würde also von ihr gehen, ohne ihr meine Liebe gestanden zu haben! Wir würden meilenweit voneinander wohnen und alt und grau werden, ohne uns zu finden! Denn ich kannte meine Schüchternheit gar gut und wusste, dass ich, einmal fort von hier, es nie zu einem förmlichen Antrage bringen würde. Der Gedanke, jetzt, wo wir so schön allein waren, einfach auf sie zuzugehen und ihr Köpfchen in beide Hände zu nehmen und es zu küssen, kam mir auch. Aber mir fehlte jeglicher Mut dazu, und wir hätten uns wohl wirklich für ewig verloren, wenn der gute Gott uns nicht durch ein ganz unscheinbares Ereignis geholfen hätte.