Abendfalter

Part 1

Chapter 13,802 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Abendfalter

Geschichten der Sehnsucht

von

Georg Busse-Palma

Leipzig 1902 Hermann Seemann Nachfolger

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.

Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.

Sr. Durchlaucht dem Prinzen Emil von Schönaich-Carolath

in herzlicher und dankbarer Verehrung gewidmet.

Von demselben Verfasser ist ferner im Verlag von _Hermann Seemann Nachfolger_ in _Leipzig_ erschienen:

=Mord.= _Geschichten, die mein Dolch erzählt._

Br. M. 2.50, geb. M. 3.50.

Inhalt

Seite

Abendfalter 1

Ein Kind der See 27

Der alte Steffen 45

Amtsrichter Johnsons Höhepunkte 61

In der Anstalt 85

Im Pfarrhaus 107

Abendfalter.

An jedem Samstag Nachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres zu thun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der grossen Wiese herumzutollen. Es waren dies zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren, bei denen es lange währte, ehe sie ermüdet, aber jauchzend vor Vergnügen, sich in die Butterblumen warfen, die ebenso goldgelb waren wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte liess aber, ihrer eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht hatte, dann war auch die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten ihrer grossen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel.

Der pensionierte Oberförster Winterfeld besass, einen Büchsenschuss vom Dorfe entfernt, ein Landhaus, weilte aber jeden Sonnabend bis Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht eher losliessen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie war auch selber noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der Kleinen ihre eigene lichte Freude zu haben.

Nur einer störte sie mitunter in ihrer Fröhlichkeit.

Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr dreissig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis an ihren Wiesenplatz herangeritten kam und ihnen zusah, vermochte sie weder ruhig im Grase liegen zu bleiben, noch mit den Kindern um die Wette zu laufen. Seine Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre. Sie folgten jeder ihrer Bewegungen, die durch das dünne, schmiegsame Hängekleid allzusehr hervortraten, und liessen nicht eher ab, als bis ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen.

Es gab noch einen anderen, bei dessen Nahen sich ihre jungenhafte Ungezwungenheit verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie diesen sah, blieb sie auch nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich so weich und wohlig in der Sonne dehnten. –

Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten Lebensjahre, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift. Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten. Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften fielen, und auch an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen erkannte man auch äusserlich ihre unberührte Jugend. –

Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam.

Die Kinder sprangen ihm entgegen und hingen sich an seine Arme.

»Warum kommst du so spät heut, Onkel Otto?« –

»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Adieu sagen,« sagte er halb lachend und halb wehmütig.

Dann begrüsste er Brigitte.

»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?«

»Ja,« nickte sie. »Es thut mir sehr leid.«

»Ich freue mich, dass ich das Amt habe. Aber es ist doch schwer, alles hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüber kommen können, und manches werde ich arg vermissen. Sie auch, Briggi!«

Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.

Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die gehöhlten Hände als Sprachrohr benutzend, zum Essen. –

Otto Ehlers biss sich auf die Lippen.

»Bleiben Sie nach Tisch noch lange hier?« fragte er dann.

»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.«

»Dann komm ich noch einmal zu Ihnen heran. Von Ihrem Vater habe ich mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch endgültig thun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen. Es hängen doch viel Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her und dann erst später, als Sie immer grösser und schöner wurden ...«

Brigitte Winterfeld wurde rot.

»Für mich auch,« sagte sie hastig.

Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass bei ihr, die das Haus bewohnte, die Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie wohl verstanden. –

Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch den kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselte in jäher Folge ein glückliches Leuchten mit tiefer Traurigkeit. – – – –

* * * * *

Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung füllte das ganze Zimmer. Halbverdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah durch das Fenster.

Brigitte Winterfeld rollte sich einen Sessel an die Scheiben und setzte sich.

Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgestanden sein. Farben waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber.

Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem dunklen, verschwommenen Grunde, hoben sich hier und da schmale, lichte Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstrassen.

Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer.

Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder.

»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts mehr sein. In der grossen Stadt sind so viele Mädchen, die hübscher und klüger sind als ich.« –

Das klang in immer neuen Variationen immer wieder und wieder in ihrem Herzen.

Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Thür gegangen wäre. Und da hörte sie auch schon seine Stimme.

»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?« –

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie aber schon gänzlich munter.

»Ich war ein bischen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie doch herein, Otto!« –

Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte.

»Es thut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um ihre Rechte gekommen.« –

Sie lächelte fröhlich.

»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf. Ich hab an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und Ihre Abreise.« –

»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?«

»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie wissen, viel wert ist er nicht.« –

»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.« –

Dann aber schien er es sich zu überlegen.

»Wein möchte ich nicht,« sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse Thee bekommen könnte ...«

Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im Sommer Thee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten.

Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in die Hand gestützt und sah sie lächelnd an.

»Wissen Sie auch, warum ich um Thee bat?« –

Sie schüttelte den Kopf.

»Es fiel mir grad’ ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draussen ganz dunkel ist und die Theetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer fünfzig Jahre, und da dacht’ ich, wie das erst sein muss, wenn ich _Ihnen_ so gegenüber sitz’ ...«

Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf.

Da pochte es stossweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es waren drei Abendfalter mit grossen, dicken Köpfen, die, durch das Licht verlockt, hineinwollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das glatte Glas und die runden, rotglühenden Augen hingen gebannt an der leuchtenden Glocke.

Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben.

»Die hässlichen Tiere,« sagte sie.

Aber da legte Otto Ehlers ihr seine Hand auf den Arm.

»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Lichte wollen.« –

Gehorsam liess sie das Tuch sinken.

»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich,« fuhr er dann fort, mit weicher, bewegter Stimme, »ich glaube wirklich, dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie wenigstens durch die Scheiben spähn. Und ich weiss, wenn ich von hier fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.« –

Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf.

»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!« –

Über den Tisch hin fasste er ihre Hände.

»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, eh’ aus der armen Hilfskraft ein königlich preussischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen Theetisch wird? Auch dann nicht?« –

Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber.

»Auch dann nicht, Otto,« sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.«

Da zog er sie an sich und küsste sie.

Als er eine Stunde später das Haus verliess, rief sie ihm noch über den Garten hinaus nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie wieder!« –

Und Otto Ehlers, der die schwarzen Kiefern entlang im Dunkeln dem Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und schöner war als jeder Schwur.

Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer in die Höhe. Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Male die weissen Vorhänge zu.

»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –

* * * * *

Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast in der Villa Waldfried. Erst kam er immer nur in Begleitung des alten Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch allein, und auch des Tages, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht mehr aus dem Wege. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an seine Augen, trotzdem die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, wenn ihr auch das Blut von Monat zu Monat heisser und schwerer durch die Adern rollte.

So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich das Mädchen gestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es war kein einziger feinerer Zug in seinem Gesicht, aber es war massig, braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen Schenkeln, über die Felder ritt.

So war Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte ein freudiges Ereignis in das Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch dort eingekehrt, und da es ein Bube war, liess der Pfarrer, der ein lebensfreudiger Herr war, etwas draufgehen am Tauftage.

Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Erst hatte sie in der Küche mitgeholfen, dann musste sie auch zu Tisch und bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.

Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer von neuem wurde Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.

»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreis bei solcher Fülle verdursten sollte,« sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste sind, wissen Sie wohl selber!« –

Dabei sah er sie mit seinen brennenden Blicken an, dass es ihr heiss und kalt über den Rücken lief.

Sie war den Wein nicht gewohnt. Ihr schon von Natur aus heisses und leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatten. Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich hintüber und liess die Wimpern halb herniedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heisse Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht. –

Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zuviel getrunken hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem Vorwande auf und ging allein nach Hause.

Sie zündete die Lampe an und liess sich an ihrem gewohnten Fensterplatz nieder. In denselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf. Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die Stille that ihr wohl, und bald schlief sie ein.

Mit einem Male fuhr sie jäh in die Höhe.

Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder und wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund.

Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war.

Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Beide Hände stemmte sie gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht.

Und immer wieder kam dieser heisse Schauer, diese tollen, brennenden Küsse, die sein heisses Blut dem ihren entgegendrängten, und denen sie nicht lange widerstehen konnte.

Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heisser und immer schneller.

Als er sie endlich losliess, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft, nach Kühlung.

Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten. –

Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein grosser, dunkler Falter in das Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das lichtverführt sich schon lange an die Gläser gedrängt hatte.

Lautlos, mit schwerer Flugbewegung, kreiste er um Brigitte Winterfelds heisse, glühende Stirne.

Dann wandte er sich dem Lichte zu.

Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weitaufgerissenen, entsetzten Augen starrte sie ihm nach.

Nach einer Minute stiess sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –

Ein Kind der See.

Er war ein Antwerpener.

Sein Vater, dessen Glieder die Gicht gekrümmt hatte, verzehrte sich vor Sehnsucht nach dem offenen Meer, das er Jahrzehnte lang befahren hatte. Als kleiner Hafenbeamter wohnte er dicht am Wasser, und über die Wiege seines Kindes flogen die herben, salzigen Seewinde. In die Schlummerliedchen, die ihm die Mutter sang, schrillten die Dampfpfeifen, und wenn er des Nachts sein heisses Köpfchen aus den Kissen hob und durch das Fenster sah, glotzten ihn aus der Ferne böse, rotglühende Augen an. Er fürchtete sich aber nicht lange vor ihnen, denn ehe er noch sprechen konnte, wusste er schon, dass sie kein Spuk, sondern nur die Laternen mächtiger, dunkler Schiffskolosse waren, die sich schwerfällig durch den Kanal dem geräumigen Hafen zu bewegten.

Kaum, dass er die Kinderschuhe ausgetreten hatte, ging auch er zur See. Als Leichtmatrose fuhr er auf einem Kauffahrteischiff.

Da kam es, dass sein Grossvater mütterlicherseits, der tief im Binnenlande wohnte, um eine Mitternacht den Tod an die Thüre seines Gehöftes pochen hörte. Auch die Klinke hatte geknirscht, aber der hagere Schnitter war noch einmal vorübergegangen. Nur gemahnt hatte er den Alten. Am Tage darauf ging dieser zu dem Geistlichen des Ortes und liess sich einen Brief schreiben an seine Tochter, die Mutter von Henrik Jansen junior. Einen Brief des Inhalts, dass sein Enkel zu ihm kommen solle, damit, wenn der Schnitter wiederkäme, einer da wäre, der die gemähte Garbe in die Scheuer bringe und ihm ein Erbe, dem Gehöft aber ein neuer Herr sei.

Jansen jun. stiess anfänglich nur ein unartikuliertes Grunzen aus, als seine Mutter ihm davon Mitteilung machte. Da er gerade nicht geheuert war, reckte er seine mächtigen jungen Glieder auf der Ofenbank und faulenzte. Er dachte aber immer daran, dass er bald wieder fahren würde, und es wollte ihm durchaus nicht in den blonden Schädel, dass er überhaupt von der See weggehen und als Binnenländer leben könnte. Zwischen Leuten, die noch nie einen schwimmenden Balken unter den Füssen gehabt! Lächerlich war dies einfach. Und am Schluss dieser Gedankenkette spie er verächtlich ein Stück Kautabak in weitem Bogen durch das geöffnete Fenster.

Seine Mutter, die früh verhärmt und früh gealtert aussah, liess aber nicht nach. Für sie, die tief im Lande Geborene, waren Meer und Schiffahrt immer nur unersättliche Mörder gewesen. Zwei Brüder ihres Mannes hatten sie auf dem Gewissen. Der eine war ertrunken, der andere hatte sich das gelbe Fieber geholt und war in der Fremde verscharrt worden. Sie fürchtete für ihren Sohn und wurde nicht müde, auf ihn einzureden.

Es dauerte aber lange, bis sie seine schwerfälligen Gedanken auf den Punkt gebracht hatte, von dem aus gesehen das Binnenland lieblich war. Als er jedoch einmal sich selber sagte, dass es prächtig sein müsse, auf eigenem Grund und Boden zu stehen, wo er keinem Kapitän und keinem Steuermann zu parieren brauchte – da hatte sie gewonnenes Spiel.

Jansen jun. erhob sich von der Ofenbank, trank einen Genever und siedelte dann zu seinem Grossvater über.

Das Dorf, in welchem dieser wohnte, war fett und nahrhaft und seine eigene Wirtschaft desgleichen. Als der Alte seinen Enkel bei sich hatte, neigte er das Haupt, so tief wie eine Ähre im Juli. Bald knirschte die Klinke zum zweiten Male, und diesmal ging der Fremde nicht vorüber; im Gegenteil gab er dem Landwirt gewordenen Matrosen Gelegenheit, ein würdiges Leichenbegängnis zu veranstalten und sich als Herrn eines gesegneten Ackers, eines stattlichen Gebäudes und mehrerer Joch Ochsen zu fühlen.

Ein alter, erfahrener Knecht war da, so dass es an der kundigen Hand nicht fehlte und Jansen jun. Zeit hatte, die Schönheit des Binnenlandes kennen zu lernen.

Anfänglich erregte alles seine Bewunderung und Freude. Die wogenden, goldgelben Ähren, die ihm fast bis an die Schulter reichten, die fruchtstrotzenden Obstbäume und nicht zum mindesten der sagenumwobene Klapperstorch, der sich hier auf der sumpfigen Wiese behaglich Frösche fing, – es waren ihm entweder ganz fremde Erscheinungen, oder doch nur wie flüchtige Traumbilder, irgendwo in der Vergangenheit gesehene. So verging ihm der Sommer schnell und fröhlich. Solange ihm alles neu und fremd war, gefiel ihm das Dorf, den Herbst hindurch und auch den Winter über. Wenn es ganz grimmig kalt war und er in dem mollig erwärmten Zimmer sass, schmunzelte er sogar mitunter bei dem Gedanken, dass er das Jahr vorher um diese Zeit an der englischen Küste getrieben hatte, wo es so kalt war, dass die Haut der arbeitenden Hände in Fetzen an den gefrorenen Tauen kleben blieb. Ach, da war es hier am Kamin doch behaglicher! Und er stopfte sich eine neue Pfeife, trank einen neuen Genever und war zufrieden.

Als es aber Frühling wurde, ging er umher wie ein Verlorener. Es drückte ihn etwas. Wie ein Stein lag es auf seiner Brust. Manchmal war es ihm, als ob er an dem fetten, kräftigen Erdgeruch ersticken müsste. Die ganze Luft war durchtränkt von ihm und selbst der Wind war fett und erdig.

Er klagte dem Geistlichen sein Leid.

Der behäbige Herr hob nachdenklich seine linke Hängebacke ein wenig in die Höhe und gab ihm dann einen Rat.

– »Wissen Sie, Jansen,« sagte er ihm, »Sie müssen heiraten! Sie haben hier weder Freunde noch Verwandte, und das drückt. Die Einsamkeit schadet Ihnen. Denn sonst,« er schnüffelte dabei behaglich umher, »muss ich sagen, dass die Luft hier sehr angenehm ist. Durchaus angenehm!« –

Jansen beugte sich der geistlichen Autorität.

Unter den breiten Hauben des Dorfes war eine, deren Trägerin ihm besonders gefallen hatte. Zu der ging er, und sie sagte nicht nein. Im Herbst sollte es Hochzeit geben.

Den dumpfen Druck wurde er dadurch aber nicht los. Die wilde, prächtige Romantik des Seelebens wurde in seinem einfältigen Herzen übermächtig, seitdem das Rauschen der Wellen und der Schrei der Möwen nicht mehr an sein Ohr schlugen.

In der Nacht, wenn ein toller, übermütiger Wind die alten Fichten in dem nahen Gehölz bog, dass sie ächzten und stöhnten, richtete er sich oft im Bette auf, und es schien ihm, als müssten es Maste sein. Als ob er wieder wie einst an der See lebte, schlürfte er mit durstigen Atemzügen dann die Luft ein. Aber vergebens suchte er den herben, prickelnden Geschmack. Die fette Erde spürte er nur, und seine Lungen schlossen sich wieder, soweit es nur möglich war.

Auch am Tage brütete er oft stundenlang vor sich hin. Seine beste Freundin dabei war die Geneverflasche. Unaufhörlich schenkte er sich daraus ein. Beim zehnten oder zwölften Glas biss es ihm dann in der Nase, als ob ein Seewind hineingeblasen hätte, und seine Träume wurden immer lebhafter, bis er mit schwerer Faust auf den Tisch schlug und in die Kammer ging, seinen Rausch und seine Sehnsucht miteinander zu verschlafen.

Sein Hochzeitstag war trübe und stürmisch. Ein kräftiger Wind sprang ihm in den Nacken, als er in die Kirche ging, und als er mit seiner jungen Frau Hand in Hand wieder hinaustrat, verfing sich derselbe Wind so heftig in ihren weiten, bauschigen Röcken, dass sie für einen Augenblick von ihm lassen musste und es kalt und gell zwischen sie hindurch pfiff. Des jungen Ehemanns Nüstern öffneten sich weit und gierig. Nein, der roch nicht nach fetter Erde! Der kam von der See. Von der endlosen, rauschenden See! –

In der darauf folgenden Nacht schlug der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben, und der Sturm hörte nicht auf zu blasen. Er blies durch die in der Mitte gehöhlten Dachziegel, die Hunderte von Pfeifen bildeten, und wüst und phantastisch klang es bis in das Schlafzimmer hinab.

In später Stunde, als sein Weib schon eingeschlafen war, richtete sich Henrik Jansen plötzlich jäh empor.

Was war das?

Die Hand hinter der Ohrmuschel, lauschte er hinaus. Seine Brust hob sich keuchend, der Schweiss trat auf seine Stirn.

Hatte ihn ein Spuk geäfft?

Aber nein, da war es ja wieder!

Durch das Pfeifen des Windes, durch das Rauschen des Regens schlug deutlich vernehmbar ein dumpfes, dröhnendes Tuten, wie aus weiter Ferne, an sein Ohr.

Das ist ein Nebelhorn!

Das ist die Stimme eines Schiffes, die warnend die Finsternis zerreisst!

Wo kommt es her?