21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 35

Chapter 353,321 wordsPublic domain

Die +Protestanten+ sind am zahlreichsten vertreten; aber die orthodoxen, »die feinen« Protestanten, sind eine kleine, sehr kleine Schaar. Die Regierung muss sich ja in religiösen Angelegenheiten nicht nur wegen der Staatsgrundgesetze, sondern auch wegen der Millionen Mohamedaner und Tausende von Heiden, über welche sie herrscht, jeder religiösen Propaganda enthalten. Die Art und Weise, wie sie sich gegen die Missionare der verschiedenen Religionen benimmt, kann geradezu mustergiltig genannt werden; sie hindert nicht im geringsten Grade die Freiheit der Religionen und ihrer Missionare; sie tritt aber überall jedem Zelotismus entgegen und duldet nicht den geringsten Uebergriff, von welcher Seite er auch kommen möge. Die Zahl der Protestanten ist, wie gesagt, sehr gross; wenn eine Regierung keinen grossen Eifer in religiösen Angelegenheiten zeigt, so ist auch die grosse Masse des Volkes indifferent, und vielleicht ist dieses eine der Ursachen, dass sich trotz der grossen Zahl der Protestanten kein reges, religiöses Leben in Indien offenbart. Nur zu oft geschah es, dass ein sterbender Kranker um die Ankunft eines »Domine« ersuchen liess, was, wie wir sofort sehen werden, bei den »Katholiken« niemals nöthig war, weil der »Pastor« täglich das Spital besuchte. Nur zu oft konnte dem Verlangen eines sterbenden Protestanten nicht entsprochen werden, weil der »Domine« sich in Djocja aufhielt und nur alle 14 Tage einmal nach Magelang kam, um etwaige Taufen u. s. w. vorzunehmen. Uebrigens ist der »moderne Domine« ein unglückseliges Mittelding zwischen Seelsorger und Geistlicher. Wissenschaft und Glauben lassen sich theilweise vereinigen; der »moderne Domine« leugnet dieses. Ich hörte einen solchen Domine an die Soldaten, ich möchte sagen im Angesicht des Feindes, eine akademische Rede halten, dass Jesus »ein braver Mann und nichts mehr als ein braver Mann gewesen sei«; ich ärgerte mich über diesen Mann, der zu den Soldaten, welche jeden Augenblick des Ausmarsches gegen den Feind gewärtig sein mussten, nichts anderes zu predigen wusste, als dass Jesus ein braver Mensch gewesen sei. Ihm stand jedoch die Wissenschaft höher als der Glaube, so dass er nicht einmal zu den Soldaten auf dem Kriegsschauplatze etwas anderes als über den Werth der Wissenschaft zu sprechen wusste. Dieser Mann hatte seinen Beruf verfehlt.

Darum ist der Indifferentismus der Protestanten[198] in Indien gross. An einigen hohen Feiertagen gehen sie in die Kirche, wenn eine solche existirt, im Uebrigen denken sie weder an Gott noch an die Bibel.

Die +Katholiken+ sind an Zahl eine viel kleinere Gemeinde, aber sie sind reger und unternehmender; in Magelang hatte »der Pastor« ein eigenes Haus und eine kleine Kirche; zahlreich sind diese über ganz Java zerstreut. Der Sitz des Bischofs von Mauricastro ist Batavia mit einer schönen Pastorie auf dem Waterlooplatze. Selbst in Atschin ist eine »Pastorie«, und der Pastor Verbaak dient dort schon seit mehr als einem Jahrzehnt, geehrt und geachtet von Freund und Feind.

Die +Mohamedaner+ sind in Java in grosser Zahl unter den Soldaten vertreten; von ungefähr 17000 eingeborenen Soldaten sind nur circa 1800 Christen, und zwar 12 Compagnien ambonesischer Soldaten (aus den Molukken). In der civilen Bevölkerung Javas ist der Islam die vorherrschende Religion; ungefähr 50000 Europäer und Halbeuropäer, 220000 Chinesen u. s. w. stehen circa 22 Millionen Mohamedanern gegenüber, wovon circa 11000 Araber und 5000 Armenier und Türken ihre Heimath ausserhalb Javas haben.

Auch unter den mohamedanischen Soldaten ist die Basis ihrer Religion Indifferentismus mit einem starken Beigeschmack von Fatalismus. Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben, ist das Um und Auf ihrer Lebensphilosophie. Ich habe niemals einen eingeborenen Soldaten die vorgeschriebenen religiösen Uebungen halten gesehen; bei der Geburt eines Kindes, beim Tode seiner Frau oder bei der Hochzeit seiner Tochter giebt er ein Salâmatan,[199] dem ein »Hadji« präsidiren und durch das Ableiern einiger arabischer Segenssprüche die nöthige Weihe geben muss; natürlich unterwerfen sie sich der Beschneidung, enthalten sich des Genusses des Schweinefleisches und trinken manchmal Schnaps, Bier oder Wein, ohne aber Missbrauch davon zu machen; d. h. wenn bei gewissen Gelegenheiten ein »Freischnaps« gegeben wird, finden sich immer einige eingeborene Soldaten, welche davon Gebrauch machen.

Der Javane ist nur ausnahmsweise ein Zelote; mein Kutscher z. B. war in jeder Hinsicht ein rechtgläubiger Mohamedaner, er ass kein Schweinefleisch, er trank keinen Alcohol, selbst wenn er ihm als Medicament von mir gegeben wurde. Aber das Gebot »Du sollst zu Gott, dem Herrn, fünfmal des Tages beten« befolgte er nicht, denn es kostet viel freie Zeit, dieser Vorschrift gerecht zu werden; er muss sich vor dem Gebete reinigen, weil man sich nicht im unreinen Zustande Gott nähern dürfe. Auch dieses Bad ist mit strengen Regeln verknüpft, so dass man also, wie erwähnt, sehr viel freie Zeit, wie z. B. ein Hadji, oder ein Hausirer haben muss, welcher durch die Heuchelei seiner ausserordentlichen Frömmigkeit kauflustige Dorfbewohner locken will. Sein Glaube ist ja nicht echt; er hat noch den ganzen Aberglauben der alten Hindureligion, gerade wie die Mythologie der alten Indier in allen ihren Heldenliedern und ihren Wâjangs Kulit fortlebt. Aber die äusseren Ceremonien befolgt er gern, so lange sie ihm nicht zu unbequem sind, z. B. er wird kein Huhn von unbefugter Hand schlachten lassen, wenn ein Mann bei der Hand ist, der das für diese Operation angewiesene Gebet sagen kann. Ist ein solcher Dorfpriester aber nicht bei der Hand, wird er -- das Huhn essen, auch wenn es nicht rituell geschlachtet wurde. Dasselbe gilt von den Salâmatans. Diese werden bei allen Phasen des täglichen, gesellschaftlichen und Familienlebens gegeben, und es erhält der Dorfpriester (modin) die Einladung, um bei dem Festmahle gegenwärtig zu sein, welches zu Ehren eines neugeborenen Kindes, des Baues eines neuen Hauses, beim Anlegen eines neuen Reisfeldes u. s. w. gegeben wird. Dieses Fest wird durch ein Gebet des Hadjis eingeleitet, und treuherzig sagen die Anwesenden bei jeder Pause ihr deutliches und lautes Amin, amin, obwohl sie kein einziges Wort von demselben verstanden haben; es ist ihnen auch gleichgiltig, was der Priester bei dieser Gelegenheit vor sich hinbrummt, wenn dieser nur in deutlicher und vernehmbarer Sprache den Anlass des Festes mitgetheilt hat, so dass Allah darüber keinen Augenblick den geringsten Zweifel hegen kann. Im Allgemeinen kümmert er sich auch mehr um die bösen Geister als um Tuwan Allah (Gott den Herrn), weil dieser gut und weise ihm nicht schadet, jene aber durch Geschenke (Opfer) bestochen werden müssen, um ihn nicht zu verfolgen. Helfen bei Krankheiten diese Opfer nicht, dann muss List gegen List gebraucht werden. Ist z. B. ein Kind krank und gelingt es der Dukun nicht, es zu heilen, so macht sie eine Puppe z. B. aus einem Stück eines Pisangstammes, welche mit alten Lappen umgeben wird. Diese Figur wird eine Zeit lang vor dem Hause des kranken Kindes liegen gelassen und hierauf begraben, um den bösen Geist glauben zu lassen, dass das Kind seinen Leiden schon erlegen sei, so dass seine Bemühungen schon überflüssig seien. Ein anderer, häufig angewendeter Streich ist folgender: Der Vater geht nach dem Brunnen, wo das Kind nach seiner Ansicht sich erkältet oder im Allgemeinen seine Erkrankung sich zugezogen hat; an dieser Stelle zündet er Weihrauch an, um den »bösen Geist« auf sich aufmerksam zu machen, öffnet seinen Gürtel und lässt das eine Ende ins Wasser fallen; ohne das andere Ende des Riemens loszulassen, entfernt er sich von diesem vom Teufel verhexten Orte (angkon), und zwar in einer der Wohnung des kranken Kindes entgegengesetzten Richtung; der böse Geist verliert dadurch die Spur des Kranken und -- dieser ist gerettet.

Im Allgemeinen wird man nicht fehl gehen, wenn man die Quelle aller abergläubischen Gebräuche und Sitten in dem Hinduglauben der Vorväter suchen wird; aber ein kleiner Theil derselben ist auch ein Importartikel der Araber, und noch mehr der Hadjis. Diese Hadjis sind ja keine Priester stricte dictu; es sind nur Mekkapilger, welche auf ihrer Reise nach Mekka mit Mohamedanern der ganzen Welt verkehrt hatten und durch den Contact mit gleich wenig geschulten und gebildeten Männern im Austausch der gegenseitigen Anschauungen in erster Reihe das Mystische und Transcendentale angenommen haben und erst in zweiter Reihe das Positive und Rationelle des mohamedanischen Glaubens nach Hause mitnehmen. Dadurch sind sie auch gefährliche Elemente der Javanen geworden; ob aber die indische Regierung keinen Missgriff begangen hat, die Pilgerfahrt nach Mekka zu erleichtern, ist noch eine offene Frage. Je mehr Hadjis nach Java kommen, desto kleiner sollte ihr Einfluss werden; denn der Nimbus schwindet in demselben Verhältnisse, als die Zahl der Würdenträger zunimmt; die Erfahrung scheint jedoch damit nicht übereinzustimmen. Im Jahre 1888 war ein Aufstand in Bantam, der gerade durch den Einfluss der zahlreichen Hadjis entstanden war, um das »verhasste Joch der Kafirs« abzuschütteln; die Wohlfahrt des Landes, die Sicherheit des Eigenthums und der Personen, welche der Eingeborene unter der Regierung der Holländer geniesst, vergisst der Hadji, wenn er den Prang sabib (den heiligen Krieg) predigt; aber die grosse Menge der Javanen ist sich dieser Wohlthaten bewusst. Darum gelingt es niemals diesen unruhigen Friedensstörern, ein grösseres Feld für ihre Hetzereien zu finden. Seit dem grossen Javakrieg war niemals eine Provinz (Residentie) oder auch nur ein grosser Bezirk auf Java in Aufstand gegen die holländische Regierung; immer waren es nur einzelne Kampongs, welchen die Hadjis einen solchen Hass gegen die Europäer einimpfen konnten, dass sie zu den Waffen griffen. Leider scheint der türkische Consul das Treiben der mohamedanischen Priester wenn auch nicht gerade zu ermuthigen, so doch sicher auch nicht zu tadeln, obzwar die holländische Regierung den Islamismus in jeder Hinsicht unterstützt und hoch hält. Es sind ja ungefähr 15000 mohamedanische Religionsschulen auf Java mit ungefähr 230000 Schülern; also 1% der Bevölkerung lernt in solchen Schulen Schreiben (die arabische Schrift), etwas Rechnen, einzelne Capitel aus dem Koran; nebstdem giebt es auch zahlreiche Priesterschulen, in welchen die Liturgie, Dialektik und Moral des mohamedanischen Glaubens ausführlich gelehrt werden.

Die Stellung dieser Priester ist in den Dörfern keine lucrative, weil eben der Javane ausser bei festlichen Gelegenheiten seinem Seelsorger keine Geschenke giebt. Der Priester muss also theilweise selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen, und zwar durch Handel oder Landbau. Am meisten wird der Puasa oder der Fastenmonat gehalten, und am Ende desselben bringt wohl Jedermann seine Pitra dem Geistlichen des Dorfes. In Magelang sollte im Jahre 1895 die Moschee einen Neubau erhalten; der Kirchenrath fand es nicht rathsam, dafür die eigene Kasse in Anspruch zu nehmen. Bald wurde es jedoch bekannt, dass Jedermann ein gottgefälliges Werk ausüben und sicher einige Sprossen auf der Leiter zum Himmel erobern könne, wenn er sich an dem Bau betheiligte. Ich hatte damals eine Köchin, die vielleicht 60 Jahre alt war. Wenn um 1 Uhr Nachmittags und um 8 Uhr Abends ihre Arbeit beendigt war, ging sie mit einem kleinen Korbe hinab an die Ufer des Progoflusses, füllte ihn mit Steinen und brachte sie auf den Bauplatz der Moschee und warf jedesmal einen Duit (= ⅚ Cent) in die grosse, hölzerne Kiste, welche zu diesem Zwecke als Opferstock am Eingang der Moschee stand; dasselbe thaten meine übrigen Bedienten.

Das sind natürlich Ausnahmefälle, welche die Regel bestätigen, dass auf Java die Hadjis in den Dörfern von den Liebesgaben ihrer Schutzbefohlenen nicht leben können.

Ich muss noch bemerken, dass über ganz Java Volksschulen verbreitet sind, welche sich wesentlich von jenen oben erwähnten unterscheiden, welche quasi reine Religionsschulen sind. Die Kinder der Häuptlinge besuchen oft die Volksschulen der Europäer (im Jahre 1887 waren nach »Schulze’s Führer auf Java« 256 Eingeborene unter 8500 Schülern aller Volksschulen), während für das Gros der Eingeborenen sich zahlreiche Schulen befinden, in welchen Rechnen, Lesen und Schreiben, etwas Naturkunde, Geographie und Geschichte von Ostindien, Zeichnen und Singen gelehrt werden. Ich selbst habe zu wiederholten Malen Bediente gehabt, welche schreiben und lesen konnten. Wie viel Analphabeten Java in seiner Einwohnerzahl von ungefähr 25000000 besitzt, lässt sich nicht einmal annähernd angeben. Diese Zahl kann nicht klein sein, weil erst die gegenwärtige Generation unter dem Einflusse der neuen Schulen steht und bei deren Entstehen nicht sofort alle Kinder daran theilnahmen.

Nebstdem wird ein höherer Unterricht an die Söhne von Häuptlingen ertheilt, welche das Cadre der künftigen Beamten bilden sollen. Leider muss auch von diesen Schulen gesagt werden, dass die indische Regierung im Unterrichtswesen der Eingeborenen des Guten zu viel gethan hat; es wird z. B. in den Schulen für eingeborene Lehrer viel zu viel auf die naturwissenschaftlichen Fächer verwendet -- ich sah ja im Seminarium zu Bandjermasing ein vollständig eingerichtetes chemisches Laboratorium --, und in der Schule für die Söhne von Häuptlingen in Magelang wird -- Nationalökonomie docirt!! Der dafür angestellte Doctor der Rechte versicherte mir zwar, dass diese Schüler der holländischen Sprache vollkommen mächtig seien; aber auf meinen Einwand, dass solche abstracte Theorien in dem Gehirn eines Javanen noch keinen Platz hätten und von den 16-18jährigen Burschen unmöglich verdaut werden könnten, konnte er mir nur entgegnen, dass in seinen Vorträgen mehr der politischen Organisation gedacht werde, obwohl er für die Nationalökonömie angestellt worden sei.

Der Vollständigkeit halber muss ich auch die im ersten Bande: Borneo erwähnten Doctor-djawa-Schulen für eingeborene Aerzte und die Schule der ambonesischen Christen in Magelang anführen.

+Heiden+ hat die Insel Java nur sehr wenige; im Osten Javas sind die Bewohner des Tenggergebirges, ungefähr 4000, und im Westen auf dem Berge Kentjana ungefähr 2000 Seelen, welche dem Hinduglauben treu geblieben sind. In der Armee ist gegenwärtig die Zahl derselben sehr klein, weil die africanischen Compagnien aufgehoben wurden, und die Mohren, welche kein Verlangen hatten, in ihre Heimath zurückgesendet zu werden, siedelten sich in der Provinz Bageléen an.

* * * * *

Nach der Eroberung von Tjákranegára kehrten die Truppen denselben Weg zurück, den sie bei ihrem Auszuge genommen hatten. Das Schiff brachte sie nach Samarang, dort bestiegen sie die Eisenbahn, und 4 Stunden später kamen sie in Willem I an, wo sie ebenso herzlich als in Samarang begrüsst wurden. Am andern Tage gingen sie zu Fuss bis nach Pringsurat, wo für durchgehende Truppen ein ständiges Gebäude bestand. Da ein Marschtag 27 Kilometer beträgt und dieser Ort von Magelang 25 Kilometer entfernt ist, so konnten sie zwischen 9 und 10 Uhr in ihrer Garnison anlangen. Auf dem grossen Exercierplatz zwischen der Caserne wurden aus Bambus Hallen gebaut, und Jung und Alt, Arm und Reich war schon um 8 Uhr auf diesem Felde versammelt, um die wackeren und braven Soldaten zu begrüssen. Es war schon 10 Uhr, als die ersten Töne der Militär-Musik an unsere Ohren drangen, und lauter und immer lauter wurde der Jubel, als die Truppen zwischen den Häusern der Officierpavillons erschienen. Es war ein trauriger Anblick, und manches Herz erzitterte bei dem Gedanken, wie viel Elend und Entbehrung diese jungen Männer gelitten haben mussten, dass sie so schmutzig, so blass und so verfallen aussahen. Dennoch hatte Niemand mit ihnen Erbarmen; von Allen, die durch ihre Stellung sich berechtigt hielten, eine Ansprache zu halten, wollte kein Einziger seine schönen Worte der Menschheit vorenthalten, und so mussten diese durch Krankheit und den Marsch von 25 Kilometern ermüdeten und erschöpften Soldaten noch eine ganze Stunde lang in »Habt Acht«-Stellung den gewiss gut gemeinten, aber auch recht unzeitgemässen Redestrom über sich ergehen lassen. Endlich hatte der letzte Redner sein Hip-hip Hurrah donnernd ihnen zugerufen; das Commando: Eingerückt, marsch! erscholl, und sie zogen in ihre Caserne, wo eine Tafel für sie hergerichtet stand, und umgeben von ihren Frauen, Kindern und Freunden vergassen sie alles Leid, das sie erlitten, und alle Entbehrungen, die sie erschöpft hatten. Die Reaction blieb natürlich nicht aus. Am nächsten Tage kamen Viele ins Spital, und schon am zweiten Tage war das Spital überfüllt. Hatte die Erwartung, ihre Garnison, ihre Freunde, Frau und Kind wiedersehen zu können, sie während ihrer Reise »auf den Beinen erhalten«, so forderte nach dem Rausche der ersten Freude des Wiedersehens die Erschlaffung der überspannten Nerven ihr Recht. Die grösste Zahl bestand aus Erkrankungen des Darmes und Fieberpatienten, die Zahl der Dysenteriefälle und der Leberabscesse überstieg alle, welche ich seit meinem Aufenthalte in Borneo (1877-80) beobachtet hatte. Im Jahre 1880 herrschte im Südosten dieser Insel eine heftige Dysenterie-Epidemie. Unter dem Drucke der herrschenden Verhältnisse konnte ich nicht mehr thun, als dem Häuptlinge des Districtes und den beiden dort weilenden Missionaren einige Rathschläge für die Behandlung der Patienten und betreffs der nothwendigen hygienischen Maassregeln zu geben. Ich konnte mir weder über den Verlauf der Krankheit, noch über ihre Folgen ein Urtheil bilden, ich konnte nichts über die Ursachen und die Entstehungsweise erfahren; ich konnte aber aus den officiellen Mittheilungen einen Ueberblick über die geographische Verbreitung dieser Epidemie gewinnen. Diesmal war ich unter günstigeren Bedingungen. Mir war Zeit, Ort und das Wie des Entstehens bekannt. Die meisten der Dysenteriefälle waren Recidivisten von Lombok; aber ich bekam auch solche Kranke zur Behandlung, welche diesen Feldzug nicht mitgemacht hatten und nicht einmal auf Lombok gewesen waren. Diese Fälle blieben jedoch glücklicher Weise isolirt, und es entstand keine Epidemie, weil in Magelang dazu alle Bedingungen fehlten. Nicht locale oder meteorologische Verhältnisse habe ich dabei im Auge, denn »ohne Einfluss sind Elevation und Figuration des Bodens, sowie geologische Formation und physikalischer Charakter desselben«[200] auf das Entstehen der Dysenterie-Epidemie. Ich kann mir auch keinen grösseren geologischen und topographischen Unterschied vorstellen, als den der Länder, aus welchen Beobachtungen von Dysenteriefällen stammen. In Island und Grönland, in Africa, in Europa, in America und in China und Japan kommen Dysenteriefälle entweder vereinzelt oder in grossen Epidemien vor. Ich selbst sah den ersten Fall im Jahre 1873 in den Karpathen am Fusse des Gletschers Tartara; sieben Jahre später befanden sich die von mir beobachteten Dysenteriefälle im östlichen Randgebirge Borneos mit vorherrschender Kalkformation. Auf Lombok 1894 war der reinste Typus des Alluvium, und in Magelang die schönste tertiäre Formation. Wir müssen also dem Krankheitserreger der Dysenterie die Ubiquität stricte dictu zuerkennen. Auch seine Lebensdauer ist eine fürchterlich grosse. Schon 2000 Jahre vor Christus wird dieser Krankheit in den indischen Schriften Erwähnung gethan, und +Herodot+ wie +Hippokrates+ geben schon eine ausführliche Beschreibung dieser Krankheit. Dieser fürchterliche Feind der Menschheit hat also einen sehr alten Stammbaum; aber auch ihn trifft das Schicksal alles Irdischen; »er ist werth, dass er zu Grunde geht«, und er verschwindet unter dem mächtigen Einfluss der Hygiene. +Bleeker+ erzählt in seinem Buche »Dysenteria tropica«, dass von 31879 Europäern, welche zwischen den Jahren 1816-1832, also innerhalb 17 Jahren, nach Indien gegangen waren, 24330 (!!) gestorben sind, und dass

im Jahre 1819 im Allgemeinen 1175 und an der Dysenterie 597 starben, 1820 „ „ 1315 „ „ „ „ 472 „ (Cholera) 1821 „ „ 2260 „ „ „ „ 801 „ 1822 „ „ 1363 „ „ „ „ 572 „ 1823 „ „ 1326 „ „ „ „ 505 „ Krieg {1824 „ „ 1412 „ „ „ „ 423 „ geg. Celes {1825 „ „ 1869 „ „ „ „ 512 „ [1826 „ „ 2409 „ „ „ „ 992 „ [1827 „ „ 3213 „ „ „ „ 1199 „ Krieg {1828 „ „ 4243 „ „ „ „ 2126 „ in [1829 „ „ 3492 „ „ „ „ 1632 „ Java [1830 „ „ 2265 „ „ „ „ 1019 „ [1831 „ „ 1548 „ „ „ „ 629 „ ------- ------- 27890 11479

Die Zahlen der behandelten Dysenteriepatienten waren[201]

im Jahre 1819 5585 Soldaten 1820 5050 „ 1821 6963 „ 1822 5681 „ 1823 6063 „ 1824 4393 „ 1825 5719 „ 1826 6414 „ 1827 10985 „ 1828 12980 „ 1829 9818 „ 1830 8939 „ 1831 6490 „ ------ 95080 „

Es wurden also in diesen 13 Jahren 95080 europäische und eingeborene Soldaten an Dysenterie »inclusive Diarrhöen« behandelt, davon starben 11479, während im Ganzen 27890 mit dem Tode abgingen; also 41% (!!) der Gestorbenen fielen in diesem Zeitraume der Dysenterie und den Diarrhöen zum Opfer. Interessant ist es, dass schon für diese Zeit +Bleeker+ berichtet: »Die dysenterischen Krankheiten haben sowohl an Extensität als an Intensität bedeutend abgenommen, so dass ihr Charakter und Behandlung viel günstiger geworden ist.« Die Abnahme der Dysenterie in der indischen Armee hält gleichen Schritt mit der Entwicklung der Hygiene. Vom Zeitraume 1878-1885 berichtet Dr. +van der Burg+ von 6324 Dysenteriefällen mit 857 Todten, d. h. also 107 im Jahre, und in den Jahren 1891 bis 1895 kamen nur 4, 6, 2, 5 und 8 Todesfälle der tropischen Dysenterie vor, und wenn wir billiger Weise auch die katarrhale Form der Dysenterie nicht vergessen, welche in der Statistik der früheren Jahre zu der tropischen Form gerechnet wurde, so ist dennoch der Unterschied ein grosser. Im Jahre 1895 wurden in der indischen Armee von der tropischen Dysenterie 8 und von der katarrhalen Dysenterie 41 Soldaten unter 750 Todten im Allgemeinen hingerafft; d. h. 6½% der Todten waren Opfer der Dysenterie, während vor 70 Jahren 41% daran gestorben waren. So sehr sich alle diese Ziffern bestreiten lassen, steht doch diese Thatsache fest, dass die Dysenterie in Indien bedeutend an In- und Extensität verloren hat, und nach meiner Ansicht spielt die grössere Sorgfalt, welche dem +Trinkwasser+ gewidmet wird, darin die Hauptrolle.