21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 36
Trotzdem die Bacteriologie bis jetzt eine hohe Entwicklung genommen hat, stehen wir in der Dysenteriefrage noch immer einem unsichtbaren und unbekannten Feinde gegenüber. Ob nun Amöben (Amoeba coli Lösch) oder Bacterien (Bacterium coli commune) oder Paromaecium coli oder Streptokokken die Krankheitserreger der Dysenterie seien, ist noch nicht entschieden (denn auch mechanische und toxische Reizungen des Dickdarmes [z. B. Stuhlverstopfungen, Quecksilber u. s. w.] erzeugen ruhrähnliche Erkrankungen); und dennoch stehen wir in der Prophylaxis nicht ohnmächtig der Dysenterie gegenüber, wenn wir uns die Verhältnisse vor Augen halten, unter welchen bis jetzt diese Krankheitsform in ihrer verheerenden Macht Einbusse erlitten hat. Die individuelle Prophylaxis kann bei dieser Krankheit mehr leisten, als der Staat helfen kann. Niemand fürchte sich vor dem Genuss der Früchte; denn sie treten der Stuhlverstopfung entgegen und lassen im Darme eine solche Menge nicht pathogener Bacterien entstehen, dass sie die der Dysenterie überwinden können; man trage den jeweiligen Temperaturverhältnissen Rechnung. In den kalten Nächten oder Morgenstunden trage Jedermann eine Leibbinde. Das Baden möge nie mehr als ein Reinigungsmittel sein, d. h. nicht so lange dauern, bis ein Frösteln den Eintritt der Erkältung verräth. Jede Diarrhöe werde sofort sorgfältig behandelt, und lässt sich vermuthen, dass eine Anhäufung von Koth die Ursache sei, nehme man sofort ein Liqueurglas voll Ricinusöl. In der Wahl der Getränke sei Jedermann vorsichtig; so wie für die Soldaten im Kriegsfalle eine bestimmte Menge von Munition und Lebensmitteln mitgenommen wird, muss auch für das Trinkwasser gesorgt werden; vor dem Ausmarsch überzeuge sich der Commandant, dass jeder Soldat in seiner Feldflasche Thee oder schwarzen Kaffee oder vollkommen reines Wasser mitgenommen habe. Im Bivouac müssen die grossen Kessel nach dem Kochen der Speisen sorgfältig gereinigt werden, oder es müssen eigene Kessel mitgenommen werden, in denen eine hinreichend grosse Menge Wasser ¼–½ Stunde lang in der Siedhitze gekocht wird; hat man keine Gelegenheit, sich in der Nähe Eis zu verschaffen, so werden sich manche Maassregeln finden lassen, um auch in den Tropen bald die Temperatur des abgekühlten Wassers so niedrig als möglich werden zu lassen, z. B. die Gefässe in den kühlen Grund zu senken. Das Ueberschütten in kleinere Gefässe für die einzelnen Unterabtheilungen der Armee wird immer hinreichen, um dem gekochten Wasser so viel frische Luft beizumischen als nöthig ist, ihm einen erfrischenden Geschmack zu geben; ich trinke z. B. noch jetzt nur gekochtes Wasser und habe durch dieses Verfahren niemals den erfrischenden Geschmack desselben entbehren müssen. Ich weiss, dass Hunger weh thut und dass der Durst quält; aber mir ist auch aus Erfahrung bekannt, dass mit einem geringen Maasse von Selbstbeherrschung der Durst einige Stunden ertragen werden kann. Der Soldat werde also mit dem nöthigen Nachdruck auf die Gefahren des Gebrauchs von ungekochtem Wasser auf dem Kriegsterrain aufmerksam gemacht, und er wird es dann über sich bringen, lieber einige Stunden Durst zu leiden, als sich der Gefahr der Cholera, Ruhr u. s. w. auszusetzen. Uebrigens haben wir ja in den Tropen eine +bis jetzt unbekannt+ gebliebene reichliche Quelle von chemisch reinem Wasser: die Lianen. Bei der Wahl eines Bivouacs wird ja immer dafür gesorgt, dass es in der Nähe eines Flusses oder Teiches angelegt, die Küche oberhalb und die Aborte und Badehäuser unterhalb des strömenden Wassers errichtet werden. Sollte jedoch trotz aller Vorsichtsmaassregeln die Ruhr ausgebrochen sein, dann tritt die Desinfection der Entleerungen mit der grössten Strenge und mit allen möglichen Mitteln in ihre Rechte, und wenn die Aborte nicht über einen grossen, starken Strom gebaut sind, dann ist es besser, Senkgruben zu errichten, in welche täglich eine 10 cm hohe Schicht von Asche, Gyps, Kalk oder Sand geschüttet werden muss. Eine sorgfältige Desinfection der Entleerungen wird in der Regel hinreichend sein, das Fortschreiten der Ruhrepidemie aufzuhalten, und es überflüssig machen, zu dem gewiss nicht unbedenklichen Transferiren des Bivouacs nach einer ruhrfreien Gegend übergehen zu müssen. Die Isolirung der Kranken und die grösste Reinlichkeit dürfen natürlich in einem solchen Falle nicht vergessen werden.
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Wie den Fachleuten bekannt ist, giebt die Ruhr häufig Anlass zur Entstehung von Leberabscessen, indem das Gift der Ruhr ins Blut aufgenommen wird und auf dem Wege zur rechten Herzkammer in der Leber deponirt wird. Vom Jahre 1876-1894, also während 18 Jahren, war ich nicht in der Lage, in den Tropen Leberabscesse zu sehen, und in den Jahren 1894 und 1895 bekam ich beinahe jeden Monat einen oder den andern Fall dieser Krankheit zur Beobachtung oder zur Behandlung. Die grosse Zahl derselben hatte natürlich auch zur Folge, dass so mancher interessante Fall vorkam, der auch den Fachmann interessiren dürfte. Bei einem Europäer z. B. stand ich Tage lang im Zweifel, ob eine gewöhnliche Entzündung des Leberüberzuges vorhanden war, oder ob ein Leberabscess die Ursache seiner Schmerzen sei; während des Gespräches mit dem Patienten bekommt er plötzlich und unvermittelt einen Hustenreiz, auf welchen die starken Brechbewegungen folgten; er hustete den typischen Inhalt eines Leberabscesses aus, nach 14 Tagen verliess er geheilt das Spital. Der Abscess hatte das Zwerchfell und die Lunge durchbohrt, mündete in einen grossen Ast der Luftröhre, brach durch und -- heilte. Bei einem zweiten Patienten glaubte ich alle Symptome des Leberabscesses vor mir zu haben, und trotz wiederholter Probepunction gelang es mir nicht, den Sitz des Abscesses zu finden. Erst bei der 7. Probepunction mit einer langen Hohlnadel stiess ich auf den Eiterherd, ein Strom Eiter floss aus, ich nahm einen Theil der Rippe weg, um freien Zugang zu dem Abscesse zu finden, und ungefähr nach sechs Wochen verliess der Patient geheilt das Spital. Der Jahresausweis von 1895 berichtet nur von 38 Fällen von Leberabscessen (30 Europäer und 8 Eingeborene), wovon 9 starben (7 Europäer und 2 Eingeborene). Diese Ziffer entspricht nicht den thatsächlichen Verhältnissen, weil die Diagnosen für jeden Monat festgestellt werden müssen, und der eine Chef nach drei Tagen, der andere nach acht Tagen und ein dritter erst am Ende des Monats die Mittheilung der Diagnosen verlangt.
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Brachte der Krieg mit Lombok auch den zurückgebliebenen Officieren viel Abwechselung und viel Arbeit, so sollte das Jahr 1896 diesen und also auch mir die Miseren des Kriegslebens nicht ersparen. In Atschin hatte Tuku Umar seine Maske fallen lassen und sich feierlich der Sultan-Partei angeschlossen. Ein neuer Feldzug musste wieder unternommen werden, und das 6. Bataillon, welches unterdessen auf den completen Stand eines vollkommen kriegstüchtigen Feldbataillons[202] gebracht worden war, sollte daran theilnehmen. Schon Anfangs April hatte sich das Gerücht in Magelang verbreitet, dass das 6. Bataillon wieder »nach Atjeh gehen werde«; die Gesuche der jungen Lieutenants, diesem Bataillon zugetheilt zu werden, kamen von allen Seiten nach Batavia. Wir bekamen Befehl, die Soldaten strenge auf ihre Kriegstüchtigkeit zu untersuchen. Endlich wurde den eingetheilten Officieren officiell mitgetheilt, sich marschbereit zu halten, und erst als am 23. April der Befehl kam, am 24. um 6 Uhr früh abzumarschiren, wurde ich telegraphisch angewiesen, das 6. Bataillon nach Atjeh »zu bringen«. Ein gleiches Schicksal hatten zwei Jahre früher die Aerzte, welche nach Lombok gehen sollten. Die Infanterieofficiere wussten Wochen lang vorher, dass sie (mit dem 6. und 7. Bataillon) in den Krieg marschiren mussten; die Aerzte bekamen erst 2-3 Tage vorher den Marschbefehl.[203] Im Mobilisirungsplane sind schon Wochen vorher die Zahl und die Namen der Aerzte aufgenommen, welche den Feldzug mitmachen müssen; aber die Landes-Sanitätschefs halten sich strenge an die »geheime Ordre« und theilen die Namen der angewiesenen Aerzte nicht mit; die anderen Corpschefs fürchten sich nicht, ihren Officieren zur rechten Zeit einen Wink zu geben. Ich hatte also kaum 24 Stunden Zeit, mich marschbereit zu machen. Der Inhalt des Telegramms war nicht deutlich genug, um zu wissen, ob ich das 6. Bataillon nur auf der Reise begleiten, oder ob ich auch weiterhin den Feldzug mitmachen sollte. Ich musste also für alle Fälle sorgen und mir verschaffen: Gamaschen, Revolver, dünne Matratze mit Mosquitonetz und Polster, eine Commishose, einen Helmhut,[204] Militärschuhe, Flanellhemden, Kerzen, Essbesteck, zwei Meter Lackleinwand, Feldflasche mit Becher, Zwirn und Nadel und Spennnadel und Scheere, Briefpapier, Bleistift und Taschentintenfass, Streichhölzer u. s. w. Dies alles nebst der üblichen Wäsche und den Kleidern packte meine Frau in einen Koffer, während ich die dienstlichen Angelegenheiten besorgte. Mein Gärtner erklärte sich bereit, gegen eine Erhöhung seines Lohnes um 5 fl. mit mir zu gehen, und so zogen wir am 24. April von Magelang aus. Wieder begleitete eine grosse Menschenmasse die Truppen, und am Ende der Stadt, bei dem Club des Herrn van der Steur nahm eine Commission von Bürgern von uns Abschied, und bei einem Glas Champagner drückte der Resident die üblichen Glückwünsche für unser Wohl, für den Sieg unserer Waffen im Kampfe gegen den treulosen und verrätherischen Tuku Umar, für Vaterland und Königin in herzlichen Worten aus.
Unterdessen hatten die Soldaten Zeit und Gelegenheit, von diesem ersten »Halt« den möglichst besten Gebrauch zu machen. In der Eile und Aufregung des Abschiedes von Frau und Kind (auch diesmal durften nicht mehr als 20 Frauen per Compagnie mitgehen) war vieles vergessen worden, was bei bedächtigem Thun gewiss nicht geschehen wäre. Hier öffnete der Eine den Schuh, dessen Zugriemen ihn drückte, dort entfernte sich ein Anderer, um gewissen Bedürfnissen Genüge zu leisten, ein Dritter lüftete die zu straff gebundene Cravatte, ein Anderer lief zum Train, um ein Sacktuch aus dem Tornister zu holen, ohne ihn natürlich aus der grossen Menge herausfinden zu können; ein Unterofficier bat den Herrn van der Steur, seiner Frau und seinen Kindern hülfreich zur Seite zu stehen u. s. w. Es war eben die sogenannte »Pishalte«, welche bei dem Ausmarsch von Truppen die erste unerlässliche Pause bedingt. Einige Officiere und Damen begleiteten uns bis zum »Paal« 4. Linksab befand sich ein schmaler Weg, welcher nach Kali benéng führte, welches ein sehr belebter Badeplatz für die Bewohner von Magelang ist. Eine Quelle mit frischem reinen Bergwasser entspringt an dem Fusse eines Hügels; ein Häuschen mit vier Cabinetten bietet Gelegenheit zum Auskleiden, und da das Wasser auf der einen Seite nicht tiefer als 1½ Meter wird, ist hier eine willkommene Badegelegenheit für Damen und Kinder. An der andern Seite des Häuschens hat der Bach eine grössere Tiefe und wird von den Männern gebraucht, welche des Schwimmens kundig sind. Nebstdem befindet sich dort ein europäischer Pächter, welcher auf Verlangen Getränke und Speisen liefert.
Es war unterdessen 8½ Uhr geworden, die Sonne begann schon lästig zu werden, und der Commandant der Truppen, Major X., gab Befehl, die Cravatten und Röcke im oberen Theile zu öffnen.
Major X. war für mich ein unerwünschter Commandant; im Jahre 1886 waren wir beide in Atschin und er bekleidete damals den Rang eines Oberlieutenants, und ich war schon 4 Jahre Regimentsarzt; ich duzte ihn also damals; seit dieser Zeit war er Major geworden, und ich war noch immer Regimentsarzt, stand unter seinen Befehlen, und als Zeichen seiner Herablassung sprach er jetzt gegen mich mit jy und jou (= du), ohne dass es mir die Disciplin erlaubt hätte, ein Gleiches zu thun. So ein goldener Kragen verändert in hohem Maasse den Mann. Ich hatte einen Collegen, mit dem ich Jahre lang im brieflichen Verkehre das »Du« gebrauchte; er wurde Stabsarzt und ... mit Wohlgefallen liess er sich mit Herr Stabsarzt und »Sie« tituliren.
Ich hatte alle Ursache, auf dem Marsche auf dem vom Reglement vorgeschriebenen Platze zu bleiben, d. h. ich blieb mit der Ambulanz am Schlusse der Colonne, und hinter mir folgte der Train, welcher aus den Officiersdienern, den Lastwagen, den Kulis und den Soldatenfrauen bestand. Um 10 Uhr kamen wir nach Sedjang, wo uns die letzten Begleiter, einige Officiere zu Pferde nämlich, verliessen. Bis dahin war die Strasse beinahe wie eine Spiegelfläche. Im Hintergrunde erhoben zu unserer Rechten der Telojo und der Merbabu, und zu unserer Linken der Sumbing ihre stolzen Häupter. Hier erwartete uns der Regent von Temunggung, um uns Glück auf! zu unserer Reise zu wünschen. Die Truppen hielten ¼ Stunde Rast, weil wir einen steilen Weg zu ersteigen hatten, und um 1 Uhr erreichten wir Medono, das Endziel des ersten Tagemarsches. Wir hatten also 18 Paal = 27 Kilometer zurückgelegt, ohne dass mehr als ein einziges Mal meine Hülfe in Anspruch genommen wurde. Ein Officier hatte mich um ein Stückchen Pflaster für eine Blase an der Ferse ersucht. (Die Soldaten erhalten keine Lappen, sondern Strümpfe.) Hier in Medono hatte der »Quartiermacher«, Lieutenant-Kwartiermeester M. für uns gut gesorgt; die Soldaten bezogen das Bivouac in Prins Surat, und die Officiere fanden bei dem Häuptlinge des Bezirkes nicht nur ein gutes Bett, sondern auch ein gutes Essen.
Zunächst war es meine Pflicht, mich den Soldaten zur Verfügung zu stellen, und ich ersuchte den Major X., das Signal »für den Doctor« geben zu lassen; er sah mich an, als ob ich dem Irrenhause entsprungen wäre; er besann sich jedoch nur einen Augenblick, liess »für den Doctor« blasen und sah zu seinem Erstaunen eine stattliche Reihe von Soldaten ankommen, welche meine Hülfe gegen diverse kleine Leiden nöthig hatten. Die meisten unter ihnen klagten über Diarrhöe und ersuchten mich um »einen Bauchtrank«. Ich hatte zu meiner Verfügung zwei Verbandtaschen, eine Feldmedicinkiste und eine Feldverbandkiste, nebstdem hatte ich eine grosse Büchse mit Medicin mitgenommen, welche nicht in der officiellen Liste der Medicamente für den Feldgebrauch aufgenommen war, wie z. B. Antipyrin u. s. w. Der »Bauchtrank« bestand aus 10 Tropfen der auf Seite 196 erwähnten Choleraessenz oder Laudanumtinctur, welche in dem Feldbecher mit Wasser gegeben wurde; aber auch einige Officiere ersuchten mich um »ein beruhigendes Mittel für den Bauch«.
Die Ankunft der Truppen war natürlich vorher bekannt gewesen, und eine grosse Schaar Klontongs (Hausirer) erwartete uns, wodurch das Lagerleben einen romantischen Anstrich bekam. Sehr Viele eilten natürlich zunächst nach dem Badehause, um durch Siram[205] den Körper zu erfrischen, Andere belagerten die Klontongs, welche erfrischende Getränke feilboten, und Einige suchten einen passenden Platz, auf welchem sie das Leder für das Würfelspiel ausbreiten konnten. Das Würfelspiel (màïn dâdu) wird an besonderen Festtagen auch in der Caserne gestattet und ist eine Concession an den Charakter der eingeborenen Soldaten. Auf dem Marsche ist es eine erwünschte und willkommene Zerstreuung in der Ruhepause, und es bleibt in der Hand des Commandanten, sie bis zu jener Zeit zu gestatten, welche der Nachtruhe gewidmet werden muss. Selbstverständlich betheiligte sich auch mancher europäische Soldat an dem Spiel. Die Hausirer mit Früchten, erfrischenden Getränken und Bäckereien machten den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend ein glänzendes Geschäft; aber auch die wandernde Garküche fehlte nicht und erfreute sich eines reichlichen Absatzes. Wenn bei Manövern in Europa die Bevölkerung ersucht wird, auf der Heeresstrasse für die durchziehenden Truppen Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, so lässt sich wenig dagegen einwenden, ja vielleicht ist dies sehr empfehlenswerth, weil in den meisten (??) Fällen das Wasser rein und gut ist. In Indien wäre ein solches Ersuchen geradezu gefährlich, weil in den seltensten Fällen ein gesundheitsschädliches Wasser ausgeschlossen wäre. Ich muss es jedoch wiederholen, dass für das Trinken der Soldaten ebenso viel Sorge als für das Essen getragen werden sollte, und dass +ebenso wenig die Besorgung des Trinkwassers als die des Fleisches der Gunst des Zufalles überlassen werden sollte+.
Gross war die Zahl der Getränke, welche den Soldaten von den Hausirern männlichen und weiblichen Geschlechts zum Kauf angeboten wurden. Hier sass eine Frau mit einem Haufen alter Cocosnüsse,[206] deren harte Schale handbreit abgeschlagen war, so dass man das weisse Fleisch derselben sehen konnte. Die Milch der Nuss, welche Klapperwasser genannt wird, ist ein erfrischendes, kühlendes, süss-säuerliches Getränk, welches jedoch bei Diarrhöe nicht genommen werden darf. Jede Nuss hat ungefähr zwei Gläser dieser bisweilen mit weissen Flocken getrübten Flüssigkeit. Dort stand ein Javane mit einem Pack grosser Bambusstöcke, welche wie eine Schreibfeder zugespitzt waren; die Namen, welche er mit kreischender Stimme den Passanten zurief, waren mir unbekannt; ich weiss also nicht, was für ein Getränk er den durstigen Soldaten für einen Cent pro Glas anbot; vielleicht war es nur warmes Zuckerwasser, welches von den Eingeborenen gern getrunken wird. Auch Tjien tjau, Zuckerwasser mit Agar-agar und den Körnern der Sulassifrucht (Ocimum gratissimum), und Tjien tjau idju wurde verkauft, das ist eine Flüssigkeit von hellgrüner Farbe, welche aus den Blättern des Cissampelos hirsuta gewonnen wird. Hier stand eine wandernde Garküche: Auf einem Dâpur stand ein thönerner Topf mit warmem Zuckerwasser und kleinen Stücken von Agar-agar und kleingeschnittenen Blättern von Djeruk purut (Papeda Rumplin). Selbst Oghio wurde verkauft, d. h. Zuckerwasser mit Agar und Eis, welches die Hausirer aus Magelang mitgebracht hatten; ein Chinese rief mit lauter Stimme Stéh als Verkürzung für das herrliche Sasâté, das sind kleine Stücke Schweinefleisch (bei den mohamedanischen Eingeborenen wird natürlich Rind-, Ziegen- oder Lammfleisch verwendet), welche in einer Kerrysauce gekocht und mit einem Stäbchen durchbohrt über dem Feuer geröstet werden.
Es würde mich zu weit führen, von allen Speisen und Getränken, welche hier feilgeboten wurden, eine ausführliche Beschreibung zu bringen; ich muss mich begnügen, den Totaleindruck dieses romantischen Bildes anzudeuten. Um 6¼ Uhr brach so ziemlich unvermittelt die Finsterniss ein, und ein Meer von kleinen Lämpchen bedeckte das bunte Lager. Um 7 Uhr kamen alle Officiere in die Veranda des Bezirkshäuptlings zum Souper. Als rangältester Hauptmann sass ich neben dem Major X. und betheiligte mich an dem lebhaften Gespräche, welches so ziemlich zeitgemäss war. Ein junger Bramarbas behauptete nämlich, dass derjenige ein schlechter Officier sei, der nicht mit Freuden in den Krieg ziehe, und wäre es nur, um eine Gelegenheit zu finden, den militärischen Willemsorden 4. Classe verdienen zu können. Major X. glaubte diesem in jeder Hinsicht beistimmen zu müssen, und entrollte hierauf ein Bild seines Gemüthslebens von der Stunde an, in welcher er den Marschbefehl erhielt, bis auf den jetzigen Augenblick. Ganz rührend war die Schilderung von dem Momente, in welchem er von seinem in Europa weilenden Sohne brieflich Abschied nahm und ihn ermahnte, falls er im Kriege fallen sollte, eine Stütze seiner Mutter und seiner Schwestern zu werden. Sie gab mir aber auch Gelegenheit, dem jungen Bramarbas auf Grund meiner Erfahrungen und Beobachtungen das Unnatürliche seines Ideenganges auseinanderzusetzen. Im Anfange der Debatte hatte dieser junge Lieutenant ein Wörtchen fallen lassen, welches dem unter den jungen Officieren landläufigen Glauben entsprach, dass der Militärarzt »eigentlich kein Officier sei«, weil er »nicht combattant« sei. Bei den älteren Officieren fand er damit keine Zustimmung, weil sie aus dem letzten Kriege in Lombok nur zu gut wussten, dass der Militärarzt alle Misèren und alles Elend des Kriegslebens wie jeder andere Officier mitgemacht habe, und dass von dem Militärarzt oft mehr als von jedem Andern gefordert werde; ich selbst hatte vor einigen Monaten Manöver mitgemacht, und musste neunmal den Truppen nachlaufen, weil neunmal Kranke sich gemeldet hatten, welchen ich Hülfe leisten musste; die Truppen blieben nicht stehen, und ich musste oft 10-15 Minuten lang in Laufschritt nacheilen; dazu kam noch, dass ich nicht wie jeder »Combattant« Monate oder Jahre lang vorher im Marschiren geübt und trainirt war. Last not least frug ich den jungen Marssohn, wozu denn mehr Muth gehöre, im Kampfe mit dem Feinde den Säbel zu schwingen, den Revolver abzuschiessen und im vollen Eifer und Feuer sein Leben zu vertheidigen, oder wie ich es z. B. in Atjeh gethan hatte, unter dem Feuer der Truppen ruhig und gelassen den Verwundeten die erste Hülfe zu leisten und mit Ueberlegung z. B. die Quelle der Blutung zu suchen, während die feindlichen Kugeln um mich flogen und sausten. Im weiteren Gespräche betonte ich, dass nach meiner Ansicht jeder nachdenkende Officier den Krieg verabscheuen könne und müsse. Der Krieg sei ein nothwendiges Uebel, und die Soldaten seien +verpflichtet+, in diesem schaurigen Spiele die erste Rolle zu spielen. Der Officier, welcher für dieses traurige Amt richtige Erkenntniss habe, sei ein denkender Mensch, und wenn er den Ausmarsch zu dieser Arbeit mit Wehmuth und Schmerz antrete, so sei er ein fühlender Officier, und nicht, wie der junge Held glaube, ein schlechter Officier. In Betreff der individuellen Seite charakterisirt die momentane Stimmung beim Ausmarsche das Temperament des betreffenden Officiers. Dem Einen winkt Ehre und Ruhm, dem Andern Krankheit, Wunden und Tod; der Eine ist darum weder ein Officier mit Leib und Seele, noch ist der Andere darum ein schlechter Officier. Der Eine denkt an Frau und Kind, und der Andere an -- Nichts. Beide thun ihre Pflicht, vielleicht noch mehr als die Pflicht erfordert, und ich möchte auf zwei Thatsachen hinweisen, dass die Sorge um Frau und Kind den Muth nicht lähme, und dass der sorglose Blick in die Zukunft nicht immer den Muth erhöhe. Der Herr Y. möge nur das Verzeichniss der Officiere nachsehen und nachrechnen, wie viel der Decorirten verheiratet seien, und wie viel von ihnen das Joch der Ehe noch nicht tragen; er würde finden, dass die Sorge um Frau und Kind das Pflichtgefühl gewiss nicht einschränke, und zweitens möge er constatiren, ob mehr verheiratete oder mehr ledige Officiere -- mich heute um ein Medicament zur Beruhigung des Bauches ersucht haben.