21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 34
Schönes Wetter begleitete uns; wir nahmen den Weg durch die Mörderallee, vorbei an dem Berge Tidar auf die grosse Strasse nach Djocja; sie wird von den sie umgebenden Kampongs in gutem Zustande erhalten; sobald die Regenzeit eintritt, wird der Schotter, welcher in gewissen Abständen zu pyramidenförmigen Haufen längs des Weges in Vorrath sich befindet, über die Strasse geworfen, und die schweren Lastwagen drücken ihn in den Boden, welcher durch den Regen weich geworden ist. Ungefähr ein Kilometer vor Muntilan geht eine schmale Strasse nach Westen und zwar an das Ufer des Elloflusses. Kurz vor der Einmündung dieses Flusses in den Progofluss sahen wir einen schönen Tempel, es war der Tjandi Mendút (Fig. 19) aus Trachitblöcken. Er hat acht Seiten und vier einspringende Ecken, ist pyramidenförmig und hatte vielleicht eine Höhe von 25 Metern.[192] Er ist erst seit 60 Jahren ausgegraben. Auf der Westseite befindet sich eine Treppe und ein Eingang zu einer Halle von ungefähr 40 ☐Metern; die Mauer desselben bestand aus porösen Trachitsteinen und war anfangs cylinderförmig und ging in einer Höhe von ungefähr vier Metern in die Form einer spitzen Pyramide über; ich wusste nicht, was ich zunächst bewundern sollte, die kunstvolle Weise, in welcher dieser Saal gebaut war, oder die darin befindlichen Statuen. Jeder Stein ruht nämlich in der angegebenen Höhe so auf seiner Unterlage, dass er diese um einige Centimeter überragt; ein weiterer Kitt oder Verbindungsmittel der Steine war nicht zu sehen. Durch die Ausbrüche des Merapis wurde dieser Tempel so erschüttert, dass der Eingang zahlreiche Risse zeigte, d. h. dass über dem Eingange die Würfel-Steine grosse Lücken zeigten, welche den ängstlichen Gemüthern der Damen selbst den Eintritt in die Halle verleideten. Im Hintergrunde derselben sass Buddha mit herabhängenden Beinen und wie zum Beten gefalteten Händen; er ist nackt, 4½ Meter hoch, der Gesichtsausdruck erinnert an eine sanfte, gutmüthige Frau (Fig. 25). Zu beiden Seiten befinden sich zwei weibliche Figuren, 2½ Meter hoch, mit Ringen an den Armen und Knöcheln und Tiaras. Sollte es, wie +Veth+[193] vermuthet, eine ihrem Gotte dargebrachte Huldigung zweier Halbheiligen sein?
Bald verliessen wir diesen Tempel und bestiegen wieder unsere Wagen; aber schon nach einigen Minuten erreichten wir den Ello, auf welchem sich zwischen zwei grossen Rottangstricken eine Fährte befand; sie war gross genug, um die acht Pferde und die zwei Wagen aufzunehmen. Zunächst wurden diese an das jenseitige Ufer gebracht, und dann bestiegen wir diese primitive Fahrgelegenheit. Noch ungefähr zehn Minuten fuhren wir, als wir plötzlich vor einem kleinen Hügel standen, wo sich nach links der Weg wandte. Keine hundert Meter weit lag der Tempel vor uns. Der erste Eindruck liess mich kalt. Als ich im Jahre 1884 mit Urlaub nach Europa ging, verliess ich bei Ismailia das Schiff und fuhr mit der Eisenbahn nach Kairo, um die Cheops-Pyramide und die Sphinx zu sehen; auch das Massenhafte und das hohe Alter dieser Denkmäler einer untergegangenen Kunstzeit packten keine Faser meine Nerven. Ich glaubte damals überhaupt keinen Sinn für architektonische Schönheit zu besitzen; als ich aber zwei Monate später zum ersten Male das neue Rathhaus in Wien sah, da fasste mich der Zauber dieses gothischen Baues mit aller Macht. Ich trat also mehr mit Neugierde als mit Entzücken dem Buru[194] Budur näher und sah die hunderte Gruppen und die tausende Figuren, welche sich an den Wänden dieses Tempels befinden. Diese Basreliefs bringen Buddhas oder Verehrer des Buddha in allen möglichen und unmöglichen Stellungen, Scenen aus dem Leben von Fürsten, Riesen, Schlangenkönigen, Eseln, Geistern, Thierfabeln. Leider fehlt uns der Ariadnefaden, der uns in diesem Labyrinth als Führer dient.
Die Frau des Dr. A. hatte schon wiederholt diesen Tempel besichtigt; sie nahm also die Pflichten einer Hausfrau auf sich, um mit Hülfe des Tempelwächters und der mitgenommenen Bedienten für die »Reistafel« zu sorgen. Wir Andern bestiegen zunächst die Haupttreppe, welche von zwei grossen, steinernen Löwen bewacht wurde und uns zur Basis des Tempels brachte, welche die Form eines Quadrates von 151 Metern Seitenlänge hatte. Die äusseren Grundmauern bestanden aus Trachitblöcken, deren oberster Rand eine Reihe von Basreliefs einnahm (Fig. 26), welche den Typus des ganzen Gebäudes charakterisiren. Auf einigen Treppen stieg man auf die zweite Terrasse, auf welche wieder eine Galerie folgte, die auch eine Wand nach aussen hatte. Es sind im Ganzen zwölf Terrassen, und das Gebäude erlangt hierdurch die Höhe von ungefähr 50 Metern über dem Fuss des Berges. Diese Terrassen oder Galerien sind mit hundert Gruppen von Basreliefs verziert, in welchen Buddha meistens der Mittelpunkt der verschiedensten Scenen ist. Zahlreich sind die Nischen, in welchen er sitzt, und ebenso zahlreich sind die kleinen Kuppeln mit diesem Gotte.
Ein feenhafter Anblick war es für mich späterhin, wenn ich Abends dahin ging und der Mond den ganzen Tempel in seine silbernen Strahlen hüllte. Es war ein Zauberschloss, aus welchem von allen Seiten, von allen Ecken und Winkeln das sanfte, ruhige Antlitz des Gottes Buddha auf uns niederblickte.
Auf der Spitze des Tempels stand die grösste Kuppel von 3,6 Meter Höhe und 9,9 Meter Breite. Sie hatte eine Spitze von 9 Meter Höhe, darin war ein rundes Zimmer, in welchem früher wahrscheinlich das grösste Buddhabild, das Allerheiligste, gestanden hat.
Ich kann mich unmöglich in eine weitere Beschreibung dieses Riesentempels einlassen; die Photographie desselben (Fig. 27) möge dem freundlichen Leser einen schwachen Ersatz dafür bieten, und möge er mit mir die hohe Kunst der Javanen bewundern, die vor tausend Jahren geblüht und heute unter den fanatischen, kunstfeindlichen Bekennern des Islams beinahe bis auf das Niveau der Naturvölker gesunken ist.
+Rhaden Saleh+, dessen Mutter ich in Magelang behandelte, ist, wenn auch ein bedeutender Maler, doch der einzige Künstler, welchen Java in der Gegenwart aufweisen kann, natürlich, wenn wir von den dort lebenden Europäern absehen.
* * * * *
Am 2. August des Jahres 1894 war eine andere grosse Gesellschaft bei mir versammelt; es wurde 8½ Uhr, und Alle waren in so fröhlicher Laune, dass Niemand daran dachte, nach Hause zu gehen, und man das holländische Volkslied anstimmte: »Wir gehen noch lange nicht nach Haus«. Die Stunde des Nachtmahles war herangerückt, und eine Lehrerin stellte den Antrag, ein Picknick zu improvisiren, dass Jeder sein Nachtmahl in mein Haus bringen lasse, um auf diese Weise der Hausfrau ihr Amt zu erleichtern. Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag angenommen, und um 9½ Uhr sollten wir zu Tisch gehen; aber o weh! die zurückgebliebenen Gäste waren 13! Da die eine Lehrerin aufs Bestimmteste behauptete, unter solchen Verhältnissen nicht zu Tisch gehen zu wollen, liess ich meine Equipage anspannen und fuhr in den Officiersclub, der voraussichtlich noch nicht geschlossen sein würde. Ich täuschte mich nicht. Der erste Herr, welcher mir entgegentrat, war Lieutenant d’A..., welchem ich die Schwierigkeit meiner Lage auseinandersetzte und die Bitte vortrug, eine so verspätete Einladung anzunehmen; er fuhr mit mir nach Hause und -- drei Wochen später war er todt!
Es war nämlich der Krieg mit Lombok[195] ausgebrochen und die Truppen waren zum grössten Theil aus der Garnison von Magelang genommen. Lieutenant d’A... war eines der ersten Opfer, welche der Leichtgläubigkeit des Truppen-Commandanten zum Opfer gefallen waren.
Die Sássak hatten schon zu wiederholten Malen bei dem Residenten von Buleléng (auf der Insel Bali) über den Despotismus ihres Fürsten geklagt. Alle Vorstellungen der holländischen Regierung, seinen mohamedanischen Unterthanen, den Sássakern nämlich, einen erträglichen Zustand zu gönnen, wie sie ihn bei ihren Glaubensgenossen auf Java und Bali kannten, fanden immer ein zustimmendes »Ja-Ja«; aber eine Veränderung brachte der Fürst weder in den politischen noch in den socialen Verhältnissen der Sássak, und am 24. Juli 1893 liess er selbst einen Controlor sechs Tage lang in Ampenan warten, um die Nachricht ihm zukommen zu lassen, dass er weder ihn, noch einen Brief empfangen wolle. Endlich musste Holland sich zur That aufraffen und organisirte 1894 eine Expedition, um unter dem Schutze von zwei Bataillonen Soldaten den Fürsten von Lombok zu einer thatsächlichen und radikalen Reorganisation seines Reiches zu zwingen. Unter dem Commando des Generals Vetter, dem der Resident Dannenborgh als Civil-Commissar und General van Ham als Stellvertreter zugetheilt wurde, zogen zwei Bataillone, also ungefähr 1000 Mann, nach Lombok (6. Juli 1894). Sie wurden aus der Garnison von Magelang genommen. In gehobener Stimmung marschirten sie aus ihren Casernen, am Ende der Stadt erwartete sie eine Commission von Bürgern, mit dem Residenten A. an der Spitze. Die Soldaten erhielten Cigarren, Bier und Genevre, und den Officieren sprach man bei einem Glase Champagner ein herzliches Lebewohl zu, ein dreimaliges Hurrah auf die Gesundheit der Königin-Wittwe schloss diese ergreifende Scene, und unter den Klängen eines Marsches zogen die Soldaten zu Fuss nach Willem I, wo sie ebenfalls festlich empfangen wurden. Am andern Morgen gingen sie per Eisenbahn nach Samarang, wo sie sofort nach der Rhede marschirten, um sich zur Reise nach Lombok einzuschiffen.
Mehrere Bivouacs wurden errichtet: auf dem Landungsplatz Ampenan, in der Hauptstadt Mataram und in der Fürstenstadt Tjakra negara. Es geschah, was zu erwarten war. Der Fürst erklärte sich zu allem bereit, was die holländische Regierung zu Gunsten der »armen Sássaker« verlangte; er trat in Unterhandlung und verkehrte sehr gemüthlich und freundschaftlich mit den Führern der Expedition, liess sich selbst Arm in Arm mit dem General Vetter photographiren und zog die Verhandlungen so in die Länge -- bis alles zur Vernichtung der holländischen Armee vorbereitet war.
Am 26. August, es war ein Sonntag, schickte der Commandant der Marinetruppen ein Telegramm nach Batavia, dass ein bedeutendes Gewehrfeuer auf Lombok gehört werde. Ein zweites Telegramm meldete, dass ein Kahn mit der Nachricht von einem Massacre angekommen war, und dass er sofort die Marine zu Hülfe schicken werde, und am 27. August kam die Trauermär, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. August ein Ueberfall der Lomboker stattgefunden habe, bei welchem beinahe die ganze Armee aufgerieben wurde. Das 7. Bataillon lagerte zwischen Mataram und Tjakra und bekam die volle Ladung aus erster Hand. Ahnungslos lagen die holländischen Soldaten zwischen den niedrigen Lehmmauern, als aus Hunderten von Oeffnungen von beiden Seiten ein mörderisches Feuer begann; auf der Flucht durch Mataram war derselbe schaurige Höllenlärm, und erst ausserhalb der Stadt konnten sich die Truppen zur kunstgemässen Vertheidigung vereinigen. Das 6. Bataillon verliess sofort sein Bivouac und besetzte die leerstehende »Puri«, in welcher es sich zwei lange Tage und drei Nächte ohne Wasser befand und nur von den wenigen Speisen lebte, welche die Soldaten in ihren Beuteln mitgenommen hatten. Major B. war Bivouacs-Commandant. Am Abend des 25. August ging er allein, wie er mir später erzählte, längs der Schildwachen spaziren und sah plötzlich einen Lomboker vor sich stehen, welcher ihm mit geheimnissvoller Stimme zuflüsterte, ihm zu folgen; er wolle den tuwan Major zu einem reizenden Mädchen bringen, welche alle Bewerbungen bis jetzt verschmäht habe und nur einem »hohen« Manne ihre jungfräulichen Reize opfern wolle. Zwei Stunden später begann das Schiessen; Major B. liess sofort die zurückgebliebenen Truppen in Alarmstellung treten und pries das Geschick, dass er dem Sirenengesang dieses Verräthers nicht Gehör gegeben hatte. Ein Schrei der Entrüstung über die Sorglosigkeit und Leichtgläubigkeit der Anführer übertönte den Jammer der zurückgebliebenen Frauen und Kinder der Officiere und Soldaten in Magelang. Als die lange Liste der Verwundeten und Todten an der Mauer des Clubs angeschlagen wurde, da entlockte der Schmerz um den gefallenen Freund mir und jedem anderen Menschenfreunde vielleicht zu scharfe, aber doch verdiente Verwünschungen und Flüche über den Vertrauensdusel von Männern, welche sich, an die Spitze eines Feldzuges gerufen, wie kleine Kinder mit allen ihren Truppen in die Falle eines schlauen und verrätherischen Fürsten locken liessen. Zwei Damen fuhren sofort nach Surabaya, um dem Kriegsschauplatze näher zu kommen und die Ankunft ihrer Männer abzuwarten; die übrigen blieben in Magelang und zählten die Stunden, bis sie die Detailberichte von ihren Männern erhalten konnten. Die Frau des Capitäns K. war die Unglücklichste, der Name ihres Mannes stand mit dem eines Arztes und eines Lieutenants auf der Liste der Vermissten. Der Gouverneur-General van Wyk schickte sofort Ersatztruppen, zu denen von Magelang das 2. Bataillon gehörte. Wiederum geleitete eine Commission die Truppen bis an das Ende der Stadt, und wiederum leerte der Resident A. ein Glas Champagner auf das Wohl der Truppen, welche diesmal ihre durch den Verrath eines treulosen Fürsten gefallenen Kameraden rächen sollten. Ich bedauere, nicht ein Maler gewesen zu sein, um eine Scene zu zeichnen, welche mich damals mächtig erschütterte und so ergriff, dass ich trotz aller Mühe die Thränen nicht unterdrücken konnte. Der Ausmarsch der Truppen aus den Casernen war begleitet von lautem Jubel und Trompetenschall, besonders die Compagnie der Amboinesen gab durch laute Rufe ihrer Freude Ausdruck, für Vaterland und Königin den Tod ihrer Kameraden und ihrer Freunde rächen zu dürfen. Eine grosse Menschenmenge umstand das Exercierfeld vor der Caserne, und in lauter Aufregung rief die Menschenmasse ein Glückauf den braven Soldaten zu, welche ihr Leben opfern gingen, um die erlittene Schmach auszulöschen -- und im Hintergrunde sass auf der Treppe ihrer Wohnung die Frau des Capitäns K., in thränenlosem dumpfen Schmerz versunken, brütend über die Qualen und Martern, mit welchen ein grausamer, verrätherischer Feind ihren Mann in diesem Augenblicke foltern würde. Sie war eine schöne, stattliche Dame und sass in ihrem Schmerze gebrochen auf der Treppe. Dort zog eine jubelnde Schaar kräftiger, lebenslustiger Männer, begleitet von ihren Freunden, von Frau und Kindern, und hier sass verlassen und einsam mit starrem, angstvollem Blick wie eine Niobe eine unglückliche Frau, welche das Schrecklichste für ihren in den Händen eines Eingeborenen befindlichen Mann fürchtete.
Die braven Soldaten hielten ihr Wort: Mataram und die Fürstenstadt Tjakra negara wurden erobert, ihre Mauern niedergerissen und die Schatzkammer nach Holland gebracht. Der Fürst wurde nach Batavia verbannt, wo er auch nach kurzer Zeit starb.
Die zahlreichen Verwundeten, sowie die durch andere Krankheiten erschöpften und invaliden Soldaten wurden mit einem Dampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft zunächst nach Surabaya gebracht. Hier hatten sich natürlich ebenfalls Commissionen aus den Bürgern gebildet, um den Opfern des Krieges bei ihrer Ankunft Cigarren, erfrischende Getränke, Briefpapier und Couverts u. s. w. zu geben, und auch das Rothe Kreuz betheiligte sich mit Lust und Eifer an diesem menschenliebenden Werke. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubte, wurden sie nach dem Gesundheits-Etablissement im Tengergebirge evacuirt, wo sie sich in der Regel sehr bald von den überstandenen Miseren erholten. So dauerte es einige Wochen, selbst oft zwei bis drei Monate, bis sie sich so weit erholt hatten, dass sie auf ihr Verlangen wieder nach Lombok geschickt werden, oder aber nach Magelang zurückkehren konnten, wo Viele ihre »Frauen« und Kinder wieder fanden. Es wurde nämlich, wie bei jedem Feldzuge, beim Abmarsch der Truppen nach Lombok nur 20 Soldaten pro Compagnie, also ungefähr 12%, gestattet, ihre Haushälterinnen mitzunehmen. Wie ich schon an anderer Stelle mittheilte,[196] hat man kein Recht, von einem anderen Standpunkte als von dem der geschlechtlichen Moral diese Frauen zu verurtheilen. Wenn auch die Haushälterinnen der Officiere ihre »Männer« manchmal in allem Thun und Lassen, in ihrem Denken und Fühlen auf das Niveau eines Eingeborenen bringen, so sind, wie die Erfahrung lehrt, die Haushälterinnen der +Soldaten+ geradezu ein nothwendiges Element der Disciplin. Die wenigsten Strafen haben Soldaten, welche eine Haushälterin haben, und am wenigsten dem Alcohol ergeben sind jene europäischen Soldaten, welche die »Njai« (mit oder ohne Kind) zwingt, von ihrem Solde einige Cents täglich zum gemeinsamen Haushalte abzutreten. Nebstdem giebt es ja viele »Soldatenfrauen«, welche mit den eingeborenen Soldaten gesetzlich verheiratet sind.
Die zurückgebliebenen »Frauen« waren gewissermaassen versorgt; sie konnten in der Caserne wohnen bleiben und erhielten pro Tag ½ Kilo Reis und 3 (?) Decagramm Salz. Ein Lieutenant führte das Commando über die Frauencompagnie, d. h. er überzeugte sich täglich von ihrer Anwesenheit, bei welcher Gelegenheit sie militärmässig vor ihrem Bette standen und die Frau eines Sergeanten über die Vorfälle der letzten 24 Stunden rapportirte. Nebstdem nahm sich die Frau eines Hauptmanns der Intendantur, welcher Verwalter des grossen Militärspitales war, der verlassenen Frauen und Kinder an; sie sorgte, dass die Kinder regelmässig die Schule besuchten, dass sie von Zeit zu Zeit ihrem Vater einen Brief schrieben, dass von dem errichteten »Lombokfonds« die verwaisten Kinder mit Kleidern und Wäsche unterstützt wurden, dass die zurückgekommenen halbinvaliden Soldaten mit Bier, Wein, Cigarren u. s. w. bewirthet wurden und, last not least, dass die zurückgebliebenen Frauen sich nicht der officiellen Prostitution in die Arme warfen. Unterstützt wurde sie in ihrem humanen Werke von einem Missionare der Sabbatarier, welcher kurz vorher, von einigen holländischen Damen reichlich unterstützt, nach Indien gekommen war, um die Moral der europäischen Soldaten auf ein höheres Niveau zu bringen, als sie bis jetzt hatten. Die Basis seines Thuns und Lassens war, die Macht des Alcohols und der eingeborenen Frau zu brechen. Zu diesem Zwecke errichtete er am nördlichen Ende der Stadt ein Clubgebäude für die Soldaten, in welchem zahlreiche illustrirte Blätter auflagen und Kaffee, Thee, Chocolade, Limonade u. s. w. für einen sehr mässigen Preis zu bekommen waren. Diese Concurrenz der militären Cantine hatte Erfolg; es waren genug Soldaten, welche dem Alcohol in jedweder Form aus dem Wege gehen wollten; wenn man auch in der Cantine Limonade, Syrup und Mineralwasser erhielt, so war es doch sehr schwer, und für willensschwache Individuen geradezu unmöglich, dem Alcohol fern zu bleiben. (Sagte mir ja selbst ein deutscher Militärarzt, dass er sich dem allgemeinen Gebrauch des Genevre nicht entziehen konnte, weil er damit den Schein auf sich genommen hätte, den holländischen Collegen und übrigen Clubgenossen den Gebrauch des Genevre als Untugend vorzuwerfen.) Es herrschte also in seinem Club ein ruhiger und gelassener Ton, und dieser Theil seines Strebens und Wirkens hatte gewiss die Sympathie jedes unbefangenen Beurtheilers der herrschenden Verhältnisse.
Der zweite Punkt seines Programmes ist jedoch nicht frei von Einwand. Die Ertödtung der fleischlichen Gelüste der ledigen Soldaten hätte er nicht anstreben sollen; wenn der Herr van der St... seine Anhänger veranlasst hätte, mit den Töchtern des Landes eine Ehe einzugehen, so hätte er weder gegen die heiligen Gesetze der Natur, noch gegen die christliche Religion gesündigt; er aber verkündigte nur die Schändlichkeit des unehelichen Lebens mit den Eingeborenen.
Von der grossen Truppenzahl, welche in Magelang lag, also von ungefähr 4000 Mann,[197] hatten nur 13 diesen Theil des Programms angenommen, und mein Berichterstatter selbst machte mir den Eindruck, dass diese gewaltsame Unterdrückung des Geschlechtstriebes nur auf Kosten der Gesundheit, d. h. gegen Tausch mit dem ekelhaften Laster der Onanie erfolgt war. Ich muss aber bekennen, dass der Herr van der St... praktisch und tolerant genug war, Jedermann die Thore seines Tempels zu öffnen, und die Zahl der Besucher war so gross, dass gewiss sein Clubgebäude im Laufe der Zeit zu klein wurde. Ja noch mehr; er nahm sich jener Kinder an, welche der Vereinigung der Soldaten mit den eingeborenen Frauen ihr Dasein verdankten, und sorgte mit seiner Schwester für ihre Erziehung und für ihren Unterricht, wenn der Vater durch Krankheit oder durch den Tod seinen Pflichten nicht gerecht werden konnte. Leider kam er dabei in Conflict mit den Gesetzen des Unterrichts. Eine gewisse Zahl von Kindern darf nur von einem diplomirten Lehrer Unterricht erhalten; er wurde also gezwungen, alle seine Schutzbefohlenen die öffentliche Schule besuchen zu lassen, da er nicht im Stande war, für sie einen diplomirten Lehrer anstellen zu können. Jetzt machte sich wieder eine andere Schwierigkeit geltend. Er war Sabbathist und hielt als solcher den Sonnabend und nicht den Sonntag für den von Gott festgestellten Ruhetag; demzufolge liess er alle seine Zöglinge +Sonnabends+ die Schule nicht besuchen. Da der Unterricht in Indien confessionslos ist und unmöglicher Weise eine solche Störung des Unterrichtes gestattet werden konnte, musste er den Staatsgesetzen sich fügen und seine Pfleglinge Sonnabends in die Schule gehen lassen. Seine Arbeit war mir auch so sympathisch, dass ich im September des Jahres 1896 keinen Augenblick zögerte, durch meine Unterschrift das segensreiche Unternehmen des Herrn v. d. St... zu empfehlen und die Stiftung eines Vereins zu veranlassen, der die verlassenen Soldatenkinder und Soldatenfrauen zu nützlichen Gliedern des Staates erziehen sollte. Dieser Verein sollte allen hülfsbedürftigen Soldatenkindern ohne Unterschied der Religion zur Seite stehen und die Erziehung eine christliche resp. protestantische sein.
Die herrschende Religion in Indien ist -- der Indifferentismus.
Zahlreiche +Juden+ befinden sich in der indischen Armee, im Corps der Beamten, im Handel und unter den Pflanzern; es besteht jedoch keine einzige jüdische Gemeinde, kein einziger jüdischer Tempel, und es ist mir nicht bekannt, dass die rituellen Speisegesetze und die schönen Familienfeste der Juden jemals in Indien gehalten wurden.