21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 29

Chapter 293,457 wordsPublic domain

Der »grosse Weg« führte mich auf der Ostseite des Schlossplatzes in eine schöne Allee mit europäischen Wohnungen bis zum Anfang des »Campement«, wo auf der einen Seite die Wohnung des Commandanten und zur rechten Seite das Hotel Kedú standen. Der Eigenthümer dieses Hotels war ein sehr braver Mann, ein Deutscher von Geburt, der durch seinen jahrelangen Aufenthalt unter den Holländern seine Muttersprache so verlernt hatte, dass sein Kauderwelsch dem grössten Philologen ein Räthsel blieb, weil er seinem deutschen und holländischen Wörterschatz noch englische und malayische Wörter beifügte und nach Gutdünken die Wort- und Satzbildung dieser vier Sprachen auf seine Rede anwandte. Dies ist allerdings eine alltägliche Erscheinung, dass die Deutschen, durch die Aehnlichkeit der beiden Sprachen, in den holländischen Colonien ihre Muttersprache verlernen und umgekehrt die Holländer nach einem kurzen Aufenthalt in deutschen Ländern die holländische Sprache geradezu misshandeln; aber niemand will es glauben, der es nicht selbst erfahren hat. Vor vielen Jahren sprach ich in Buitenzorg mit der Frau eines Collegen, welche in Preussen ihre Wiege gehabt hatte, und erzählte ihr einige drastische Fälle von solchem verdorbenen Deutsch unserer Landsleute; darauf antwortete sie mir mit einem Seufzer: Ach, wie kann man denn seine Mutter+zaal+ vergessen! Die Sprache heisst im Holländischen taal, und da viele deutsche Worte mit Z in der holländischen Sprache mit T beginnen, glaubte sie deutsch zu sprechen, wenn sie aus taal einfach zaal machte. Diese Dame war erst ein Jahr in Indien. Der Gastwirth des Hotels Kedú war als gewesener Corporal und in seiner jetzigen Stellung schon Jahrzehnte in Indien und hatte also ein Idiom angenommen, das ein mixtum compositum der vier Sprachen war, welche er in seiner Eigenschaft als Wirth täglich am meisten gebrauchen musste. Er empfing mich auch mit den Worten: »Es wird Sie freuen, dass Sie hier +geplatzt+[157] sind, und ich +soll+ Ihnen so viel als möglich helfen.« Ich hatte jedoch seine Hülfe nicht nöthig, weil der Regimentsarzt, welcher mich in Ngawie ablöste, vor seiner Abreise aus Magelang auf mein Ersuchen sein »Haus« für mich gemiethet hatte. Dadurch wurde es mir möglich, in kürzester Zeit das Hotel verlassen und mein eignes Heim beziehen zu können. Am folgenden Tage meldete ich mich zunächst beim Platzcommandanten, welcher unweit vom Hotel sein Bureau hatte. Eine schöne breite Strasse führte in das Campement; die linke (westliche) Seite war von zwei grossen Officierpavillons eingenommen, und rechts von ihr lag ein grosses schönes Exercierfeld mit Casernen in der Form eines offenen Oblongums [|¯¯¯¯¯|] im Hintergrunde. Neben dem Bureau dieses Officiers befand sich auch das des Zahlmeisters, dem die Abrechnung mit seinem Collegen in Ngawie überreicht wurde. Mein Chef in loco, ein Stabsarzt, hatte sein Bureau im Spital, welches sich damals am Fusse des Berges Tidar befand; ich nahm also eine Equipage, um nicht den Weg von 1½ Kilometer zu Fuss zurücklegen zu müssen. Ich nahm meine Frau mit, weil ich unterwegs diverse Einkäufe besorgen wollte. Auf dem »grossen Wege« befanden sich nämlich zwei europäische Geschäfte; das eine gehörte einem pensionirten Hauptmann, der zu meiner Ueberraschung im Geschäft von einem der Anwesenden mit Herr General-Major angesprochen wurde. Erstaunt blickte ich Beide an, und lächelnd gab mir der Kaufmann die Erklärung dieser seltsamen Titulatur; er sei als pensionirter Hauptmann Mitglied des Officierclubs und bespreche natürlich jeden Abend schon seit 15 Jahren an der »Kletstafel« das Avancement seiner Zeitgenossen; von jeher wurde er scherzweise mit jenem Titel angesprochen, den seine Zeitgenossen erlangt hatten, und als einer derselben vor Kurzem General-Major geworden war, wurde auch »auf sein Avancement« getrunken und unter Toasten seine Ernennung zum General-Major gefeiert. Von dem »grossen Wege« gelangten wir auf den Schlossplatz, ohne uns mit der Besichtigung der Moschee aufzuhalten, welche wir passiren mussten, um in die Mörderallee zu gelangen. Dies war nämlich die Strasse, welche zum Spitale führte, und die diesen Namen (mordenaars-laan) erhalten haben soll, weil täglich die Militärärzte diesen Weg nahmen. Ein reizendes Panorama bot sich unsern Blicken dar, welches den Namen »Garten von Java« begründete und rechtfertigte. Links war die Strasse von einer Reihe hoch liegender europäischer Häuser in altgriechischem Stile begrenzt; rechts erhob sich im Hintergrunde der Berg Sumbing, und an seinem Fusse spiegelte sich die Sonne in dem farbenreichen Bild alter und junger Sawahfelder und zahlreicher Gemüsebeete. Die Mordenaars-laan ging über in die grosse Strasse nach Salaman. Vor dem Tidar bog jedoch der Weg in einem rechten Winkel noch zweimal, bevor man das Spital erreichte. Dieses bestand aus Bambus-Baracken und hatte nur zwei steinerne Gebäude; das eine für die Bureaux und das andere war -- ein Pulvermagazin!! Seit dem 2. November 1892 ist es verlassen und niedergerissen worden, so dass es nicht der Mühe werth ist, einige Worte darüber zu verlieren. Nachdem ich mich meinem Chef und den übrigen Officieren vorgestellt hatte (meine Frau blieb im Wagen, um auf mich zu warten), fuhr ich zurück und zwar längs dem Tidar, um von dort in das chinesische Quartier zu kommen, wo sich die Möbelfabrikanten und zahlreiche Tokos befanden.

Gegen das Ende dieser Strasse mässigte der Kutscher den Schritt der Pferde, weil eine grosse Menschenmenge wie ein Bienenschwarm sich hin und her bewegte. Wir befanden uns gegenüber dem Marktplatz, und es war »hari Paing« d. h. Markttag, genannt nach dem zweiten Tage der alten javanischen Woche, welche nur fünf Tage zählte und zwar Legi, Paing, Pon, Wageh und Kliwon.[158] Wir waren im Lande des Indigo,[159] denn die vorherrschende Farbe der Frauenkleider war blau; nur die Haushälterinnen der Soldaten und die europäischen Bewohner hatten eine weisse Kabaya mit Spitzen besetzt, oder eine dunkle, blaue, rothe oder grüne aus Sammet oder Seide. Die Sonnenschirme hatten dieselben grellen Farben, und ich muss gestehen, dass das Auge dies nicht unangenehm fand. Wie ein Bienenschwarm bewegte sich die Menschenmasse auf und ab. Wir stiegen aus dem Wagen, um uns dieses Gewoge näher zu betrachten. Der Marktplatz bestand aus einfachen Hallen, welche mit Schindeln aus gebackenem Lehm bedeckt waren. Früchte, Fische,[160] Hühner, Enten, Eier, Gewürze, Küchengeräthe, Kalk, Alaun, Arsenik, Kämme aus Horn, Hacken und Messer, Zwirn und Nadeln u. s. w. lagen bunt durcheinander auf kleinen Bále-bále, das sind Bänke aus gespaltenem Bambus. Die Gerüche Arabiens waren hier schwach vertreten, desto mehr aber ein fürchterlicher Gestank, der den längeren Aufenthalt für eine europäische Nase geradezu unangenehm machte. Die Ausdünstungen der Menschen, welche ihre Haare mit ranzig gewordenem Oel gesalbt hatten, mischten sich mit dem penetranten Gestank zahlreicher getrockneter Fischsorten (îkan kaju = Stockfisch, îkan sepát = Trichopus trichopterus u. T. striatus), dem trassi, Durianfrucht, Nangkafrucht, Djambu bidji und last not least mit den Blumen des von den Dichtern gepriesenen Melattibaumes (Jasminium Samboc). Alles, was eine indische Schöne für die Pflege ihres Körpers nöthig erachtet, bringt der pâsar; aber auch alle Gewürze, welche das Krankenzimmer desinficiren sollen, werden hier verkauft, wie dupa (Myrrha), menjang (Benzoë), stanggie (Mixtum compositun aus Rásse [Zibeth]), Kaju garu (das Holz von ficus procera), Menjang merra (Rothe Benzoë), Kaju tjindana (Sandalum album), Zucker u. s. w., Kanariharz (Canarium commune) u. s. w.

Die Babu (Zofe), welche uns begleitete, war auf dem Bocke neben dem Kutscher zurückgeblieben. Um jedoch fachmännisch in die Geheimnisse der javanischen Kosmetik eingeweiht werden zu können, liess ich sie holen, und bei jedem Pulver, Salbe u. s. w. gab sie uns die Gebrauchsanweisung. Zuerst zeigte sie uns die Bestandtheile des »Kramas«, d. h. das Waschen des Kopfhaars: Der Reishalm wird verbrannt und seine Kohle 24 Stunden lang im Wasser aufgelöst und filtrirt. Diese Lauge heisst Merang und wird zum Waschen der Haare gebraucht. Das überschüssige Alcali wird mit Citronenwasser (aus Citrus Limonellus) entfernt, in welchem sich wohlriechende Blumen, als Melatti u. s. w. befanden; hierauf wird wohlriechendes Cocosnussöl tüchtig in die Haare eingerieben.

Auf dem Toilettentischchen befindet sich ein Schälchen mit der fein gestampften Rinde von Kapinango (Dysoxylum laxiflorum), mit welchem sie nach dem Bade den Körper einschmieren, ein Fläschchen Widjenöl (Sesamöl) und Kajaputiöl (Melaleuca leneadendron) oder Zimmtöl oder eine grosse Flasche mit Cocosnussöl, in welchem sich wohlriechende Blätter oder Blumen befinden. Mit diesen Oelsorten wird der letzte Act der Körperpflege vorgenommen. Jetzt zeigte sie uns alle Odeurs, welche nicht nur mit dem Oel zum Salben des Körpers gebraucht, sondern auch zwischen die Kleider und Wäsche gelegt oder verbrannt werden, um diese damit zu beräuchern; selbst unter die Kopfpolster des Bettes werden sie gelegt; ich konnte mich aber niemals für diesen Gebrauch begeistern. Sie riechen so stark, dass sie mir Kopfweh verursachten und ich mich genöthigt sah, sie wegwerfen zu lassen. Dazu gehören die akar wangi (Wurzel von Andropogon muricatus), die getrockneten, kleinen Zweige von Pogostemon, die Blätter von Pandanus odoratissimus, die Blüthen von Jasminum, von tandjong (Minusops Elengi), Kananga wangie (Uwaria odorata), akar tjampakka (Dianella montana), Garuholz (ficus procera) und Lakkaholz (Myristica iners)[161] u. s. w.

Das Bedák fehlt in keinem Haushalt; auch alle europäischen Familien gebrauchen dieses Cosmeticum, welches nichts anderes als das europäische poudre de riz ist. Auf dem Pâsar kommt es jedoch in der Form von kleinen, weissen Zeltchen in den Handel, welche dann gestampft werden müssen. Sie werden dadurch wohlriechend gemacht, dass sie zwischen wohlriechenden Blättern oder Blüthen aufgehoben werden. Hierauf zeigte sie uns die Bestandtheile für die Boreh, für das Schwarzfärben der Zähne, für das Sirihkauen, für das Malen der Augenbrauen und das Rothfärben der Nägel. Die Babu fühlte sich ausserordentlich geschmeichelt, in so zahlreichen Fragen Rathgeberin sein zu können, und zeigte uns auch einige »djamu«, welche ihr von den Verkäufern angepriesen wurden. Meinem Princip getreu, die abergläubischen Ideen der Bedienten mir gegenüber nicht einmal äussern zu lassen, schnitt ich ihre diesbezüglichen Mittheilungen mit dem Worte »sudah« ab und ging zu dem nächsten Krämer, welcher mit lauter Stimme rief: »patjar kuku«. Es war der Saft von Lawsonia alba, welcher mit Oel gemischt zum Rothfärben der Nägel gebraucht wird. Wer sich gut über die Bestandtheile der indischen Panaceen = djamu informiren will, findet im III. Theil des Buches von Dr. +van der Burg+ eine stattliche Reihe derselben genau beschrieben; sie entsprechen ungefähr unsern Thees zur Blutreinigung und werden von den erwachsenen Eingeborenen entweder täglich oder nur hin und wieder genommen. Ich kann nicht umhin, die Zusammenstellung eines solchen »djamu« nach +van der Burg+ hier mitzutheilen:

Djinten (Carum caroi). Massooi (Cortex Cinnamomi Kiamis). Sintok (Cort. Cinnamomi sintok). Saparantu (Fructus Myrsinis avenis). Ketúmbar (Semina coriandri). Pala (Nuces moschatae). Mungsi (Semina anethi). Tawas (Aluman crudum). Tjabé wungu (Capsicum bicolor). Kamunkus (Piper cubebae). Maridja (Piper nigrum). Kedáwoong (Parkia intermedia). Tjenké (Caryophili aromatici). Djuruk nipis (Cotrus limonellus). Ingu (Asa foetida). Kaju manis tjina (Kadix liquiritiae). Kasoh angin (Saccharum spontaneum?). Kajus manis djawa (Cortex Cinnamomi aromatici). Kuntji (Radix kampheriae rotundae). Rawang merah (Allium cepa). Mata Kentjur (Radix kampheriae galangae). Daun lampas (Folia Ocimi basilici). Daun kasimbukan (Folia Paederiae foetidae). Klabet (Colocasia antiquorum). Kembang Kasumba (Flores Bixiae orellanae). Djongrahap?

Natürlich wollte ich auch die Mittel kennen lernen, mit welchen sie die Zähne schwarz färben; die weissen Zähne sind für den echten Javanen so hässlich, dass er sie mit denen eines Hundes vergleicht, welcher hâram = unrein ist; die Zofe nannte mir zahlreiche Mittel, welche zu diesem Zwecke gebraucht werden, flocht aber so häufig Anmerkungen über das Sirihkauen und über das Abschleifen der Zähne ein, dass ich im Zweifel war und blieb, ob denn nicht die Hauptquelle in dem Blosslegen der Pulpa der Zähne zu suchen sei. Wenn ich auch manchmal die schwarzen Zähne sehr gern sah, so war doch im Allgemeinen der Anblick eines solchen Mundes geradezu widerlich; der verliebte Javane mag so einen Mund mit einem Granatapfel vergleichen, den Europäer jedoch widern die vom Sirih rothgefärbten Lippen und die entblössten Zähne in hohem Maasse an. Ich glaube auch, dass in erster Reihe das Sirihkauen die Zähne färbt; der Saft von Tater (Solanum verbascifolium), von Kimerak (Scepasma buxifolia), Cocosmilch, worin 8 Tage lang ein Stück Eisen gelegen war, und zahlreiche andere Pflanzen sollen diese Procedur befördern; aber die Hauptsache bleibt nach meiner Ansicht das Sirihkauen. Der Vorgang desselben ist folgender: Zwei oder drei Blätter der Schlingpflanze Chavica siriboa werden mit nassem Kalk bestrichen, darauf werden ein kleines Stückchen Pinangnuss,[162] ein kleines Stückchen Catechu[163] und ein wenig feingeschnittener Tabak gelegt und zu einem Kügelchen gefaltet in den Mund genommen und stundenlang gekaut; der Speichel wird dadurch rothbraun gefärbt. Der Javane steht diesbezüglich hoch über dem Perser; als im Jahre 1873 der Schah von Persien Gast des österreichischen Kaisers war, sprachen die Wiener Blätter von grossen braunen Flecken, welche auf den Tapeten der Zimmer gefunden wurden; es war der braune Speichel, welchen die Sirihkauer gern in kräftigem Strahl ausspritzen. Der Javane hat dafür immer seinen grossen Spucknapf (tampat luda) bei der Hand. Eines Tages brachte der Regent zu Magelang seine junge Frau zu uns. Diese Contrevisite war angekündigt, und ich und meine Frau erwarteten also um 7 Uhr das junge Ehepaar in der Veranda. Die Equipage fuhr vor. Es war ein offener Mylord mit sechs Personen; auf dem Bocke sass neben dem Kutscher ein Bedienter mit dem geschlossenen Pajong; im Wagen sassen zu Füssen des fürstlichen Paares zwei Babus; die eine hatte die goldene Sirihschale und die andere die vergoldete Spuckschale in den Händen. Sobald der Wagen stehen blieb, sprang der Bediente vom Wagen herab und stellte sich rechts zur Seite der Treppe auf, die zwei Babus setzten sich auf den Boden der Veranda und das junge Ehepaar nahm neben uns Platz. Die Dame machte jedoch weder von dem Sirih, noch von dem Spucknapf Gebrauch, während der Regent die angebotene Manillacigarre annahm.

Solche Sirihdosen und Spucknäpfe, welche aus getriebenem Kupfer bestanden, sah ich in grosser Zahl auf dem Pâsar. Die letzteren waren beinahe 50 cm hoch und hatten ungefähr die Form unserer Papierkörbe. (Fig. 20.) Die Sirihdosen waren kupferne Kistchen mit einem Deckel, auf welchem kleine kupferne Näpfe für die verschiedenen Ingredienzien standen, und hatten nebstdem eine kleine Zange zum Zerschneiden der Pinangnuss. Zuletzt zeigte uns die Babu eine schmutziggelbe Wurzel,[164] welche gegen Gelbsucht, bei Stuhlverstopfung, Blasen- und Nierensteinen, bei Hämorrhoiden und bei Urethritis von den Eingeborenen in der Form eines Aufgusses gegeben wird; nebstdem sei sie der am häufigsten gebrauchte Färbestoff für Salben, um den Oberleib und die Arme gelb zu salben. Bei festlichen Gelegenheiten, wie z. B. am Hochzeitstage, erscheint nämlich der Mann ohne Bekleidung der Brust und Arme und die Braut trägt nur einen Sarong, welcher über der Brust mit einem Gürtel befestigt ist. Die unbedeckten Theile werden mit Curcuma gesalbt oder mit dem Safte von Pandamblättern[165] eingerieben.

Diese Vorlesung der Babu hatte schon zu lange gedauert, um sich noch länger die javanischen Cosmetica und Früchte u. s. w. erklären zu lassen, und wir fuhren weiter, bis wir ungefähr in der Mitte der Strasse auf die Geschäfte einiger chinesischer Möbelfabrikanten stiessen. Vor einem derselben sass ein dicker, feister Chinese, nur mit einer schwarzen, dünnen, weiten Hose bekleidet; die grosse Fleischmasse füllte ganz den grossen Faulenzer aus, weil er seine schuhlosen Füsse unter dem Leibe gekreuzt hatte. Seine Opiumpfeife hielt er in der Hand, und der lange, schwarze Zopf war um den Kopf geschlungen. Als der Wagen anhielt und wir ausstiegen, erhob sich zwar diese unförmliche, halb nackte Fleischmasse aus seiner allzu bequemen Lage und starrte uns mit fragenden Blicken an. Gewöhnlich pflege ich mich nicht mit den guten oder schlechten Sitten meiner Nebenmenschen zu bemühen. Ich war jedoch in Uniform und fand es unschicklich, dass er seinen Zopf nicht fallen liess, die Hausschuhe anzog und den nackten Oberleib bekleidete, obwohl auch meine Frau sein Geschäft betrat. Ich begnügte mich jedoch, meinen Blick unverändert auf den um seinen Kopf geschlungenen Zopf zu richten, er verstand diesen Wink, liess den Zopf fallen und holte sich eine Kabaya. Er stammte aus der Stadt Tsjang Tsjowfu in der Provinz Fuki-ën und war der malayischen Sprache nur sehr mangelhaft mächtig. Mit Hülfe eines Nachbars, welcher schon lange in Magelang lebte und sich schon ein kleines Vermögen erworben hatte und daher mit Bába titulirt wurde, gelang es uns, uns mit ihm zu verständigen. Der grösste Theil unserer Bedürfnisse wurde aus seinem Vorrath gedeckt. Das Uebrige bestellten wir, und er versprach uns, es in acht Tagen zu liefern. Die Möbel waren schön, solide und billiger, als ich sie bei gleicher Qualität in Europa hätte kaufen können. Es waren Kasten, Tische und Stühle aus gutem und schwerem Djattiholz (Tectonia grandis), welches auch indisches Eichenholz genannt wird.

Damit war das Programm für diesen Tag erledigt. Es war unterdessen 12 Uhr geworden, wir gingen nach Haus, ich zog Civilkleidung an und meine Frau die indische Toilette. Es ist nämlich in den Hotels vom ganzen indischen Archipel Sitte, dass die Damen zum Lunch, d. h. zur sogenannten »Rysttafel«, in der Haustoilette kommen, während den Herren dieses untersagt ist Auch diese Sitte hat ihre raison d’être. Die Damen verwenden im Allgemeinen mehr Sorgfalt auf die Toilette als die Herren, und es wird gewiss keine Dame zur Table d’hôte gehen, ohne auch in der Haustoilette der Eitelkeit und somit auch der Nettigkeit und der Reinlichkeit Rechnung zu tragen. Von den Männern kann dies leider nicht immer gesagt werden; zum Frühstück geht Jedermann zwischen 7-9 Uhr in der Haustoilette zur Tafel; da sieht man oft Männer in einer Kabaya erscheinen, welche das Licht der Oeffentlichkeit scheuen sollte. Es geschieht selten, dass Viele gleichzeitig ihr erstes Frühstück einnehmen, aber das zweite Frühstück, die Rysttafel, wird gemeinsam von allen Gästen des Hotels um 12½-1 Uhr genommen; es ist also besser, dass zur Table d’hôte die Herren »gekleidet« kommen. Vielleicht wäre es schicklicher, wenn auch die Damen in voller Toilette bei der Rysttafel erschienen. Sarong und Kabaya kleidet die Damen (Fig. 21) sehr gut; aber es ist eine Haustoilette, und es ist gewiss schicklicher, dass man nicht in einer Haustoilette unter Menschen geht. Die Engländer finden solches selbst shocking, und weder in Calcutta, noch in Singapore, noch in Ceylon sah ich die Ladies anders als in Strassen- oder Salontoilette beim zweiten Frühstück erscheinen. Wer weiss, ob nicht nach abermals 20 Jahren auch diese Unsitte wegfallen wird. Ich sah während meines 20jährigen Aufenthaltes die europäische Mode sich mit solcher Macht in Indien einbürgern, und nicht immer zum Vortheil, dass ich hoffen kann, dass sie auch die Haustoilette der Damen aufs Haus und aufs Zimmer beschränken wird.

Nach der »Rysttafel« nahm ich mein Mittagsschläfchen, darnach meinen Thee und mein Bad, kleidete mich in Civilkleidung und machte mit meiner Frau einen Spaziergang nach der Wohnung, welche mein Nachfolger in Ngawie für mich gemiethet hatte.

Auf der Westfront des Schlossplatzes zog eine schmale Gasse mit starker Neigung hinab zu den Ufern des Progoflusses.

Im ersten Drittel des Weges stand das Frauenspital, und ihm vis-à-vis das Haus, welches Dr. B... vor mir bewohnt hatte. Es stand, wie beinahe alle Häuser in Indien, in einem Garten, dessen vorderer, der Strasse zugekehrter Theil nur Blumen, z. B. Rosen, Reseda, Heliotrop, Cactus theils in Töpfen, theils in den Boden gepflanzt, während der hinter dem Hause gelegene Theil nur Fruchtbäume enthielt. Ich hatte einen Muscatbaum, zahlreiche Pisangbäume, einen Kaffeebaum, einige Melonen-, Papaya- und Manggabäume, eine Reihe von Ananassträuchern, eine kleine Plantage von Vanille, einige Pompelnussbäume und einige Palmen. An der Westseite des Hauses stand ein Pavillon für Gäste, und daran grenzte die Kudang,[166] die Küche und die Bedientenzimmer; daneben standen ein zweiter Pavillon für das Badezimmer und für die Aborte. Hinter diesen stand der Stall für zwei Pferde, an diesen grenzte ein Ziehbrunnen (Fig. 22) für mich und meine Nachbarn, und an der Ostseite des Hauses stand die Wagenkammer mit einem Zimmer, welches der Kutscher bewohnte.

Das Hauptgebäude (Fig. 23) bestand aus vier Zimmern und zwei Veranden, welche durch einen »Gang« zwischen je zwei Zimmern miteinander verbunden waren. Nebstdem hatte ich eine »Binnengallery«, d. h. ein grosses Zimmer, welches hinter der vorderen Veranda die ganze Breite des Hauses einnahm. Bei schlechtem Wetter, d. h. wenn der Wind den Regen in die Veranda trieb, diente sie als Empfangszimmer und wurde darnach auch eingerichtet. Der Silberkasten und das Pianino fanden nebst zahlreichen Phantasiestühlen und kleinen Tischchen in diesem Raume Platz. Zum Schlafzimmer mit dem Ankleidezimmer meiner Frau wählte ich die zwei Zimmer im östlichen Flügel des Hauses, während mein Bureau und das Gastzimmer an der Westseite des Hauses lagen. Die hintere Veranda diente als Aufenthalt für meine Frau, wenn sie mit den häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war. Hier war auch das Speisezimmer mit einem langen Tisch, der durch eine Einlage selbst für zwölf Menschen Platz hatte. Auch das Büffet und der Speisekasten sowie ein kleiner runder Tisch für die Handarbeiten meiner Frau standen in diesem Zimmer. Es war eigentlich ein Salon, denn es hatte an allen vier Seiten Mauern und war eine »geschlossene Hinter-Veranda«. Da diese der Aufenthaltsort für die ganze Familie ist und die Temperatur in Magelang des Abends oft bis auf 16° C. sinkt, so ist es in einer offenen Veranda zu kalt, um in der Haustoilette das Nachtmahl einzunehmen und dann noch 1-2 Stunden zu lesen. Darum besassen die meisten Häuser von Magelang eine geschlossene »Achtergallery«, was beinahe niemals in den Städten mit hoher Temperatur, wie Batavia, Samarang u. s. w. der Fall ist.