21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 28
Auf dem Vulcane Lawu, welcher seit seinem letzten Ausbruch am 1. Mai 1752 seine jetzige Form und Gestalt bewahrt hat, bin ich zweimal gewesen, und jedesmal entzückte mich dieses Bild einer wildromantischen Natur, wo mächtige erratische Blöcke, Trachitfelsen, Lianen, Cäsarinen, Grotten, heisse Quellen, Mofetten, Abgründe und kahle, steile Wände in die Wolken gehüllt zu meinen Füssen lagen. Es war die Nordostseite, welche ich zu besteigen gezwungen wurde. In Djamus hatte Herr R.... eine Kaffeeplantage; um dahin von Ngawie zu gelangen, musste ich viermal die Reise-Vehikel verändern. Von Ngawie brachte mich meine Equipage nach Paron, wo ich die Eisenbahn bis Walikukung benutzte; hier erwartete mich ein Dos-à-dos, mit welchem ich bis Gidoro gelangte, ungefähr 1000′ hoch, wo Herr K.... eine reizende Plantage von Kaffee, und wenn ich nicht irre, auch von Muscatbäumen hatte. So ein gepflegter Kaffeegarten gewährt einen lieblichen, anmuthigen Anblick; der Baum wird zwar nicht höher als 6-7 Meter (der Liberia-Kaffeebaum, den ich in meinem Garten in Magelang hatte, erreicht nicht einmal die Höhe von 4 Metern), auch hat er keine stattliche, breite Krone, aber jede Baumreihe hat einen grossen Schattenspender; man wählt dazu am häufigsten den Dadapbaum (Erythrina indica), eine Papilionacee, welche grosse, scharlachrothe Blüthen hat, deren Blätter und Rinde von den Eingeborenen gegen Asthma und Fieber und deren Holz als Decoctum gegen Hämaturie gebraucht wird. Die Blüthe des Kaffeebaumes ist schneeweiss, hat ein herrliches Jasmin-Aroma und fällt schon nach 8 Tagen auf den Boden, der dadurch eine herrlich duftende, schneeweisse Decke bekommt. Nach einigen Monaten erscheinen die Früchte in grüner Farbe, welche sehr bald kirschroth werden und die Grösse einer halben Haselnuss haben. Zu dieser Zeit hat der Kaffeebaum einen gefährlichen Feind in dem Paradoxurus Musanga. Die reifen Früchte sind seine Lieblingsspeise, den Kern jedoch verdaut er nicht; er begnügt sich mit dem Fleische der Frucht, und die überflüssigen Kaffeekörner -- sind die theuerste und beste Kaffeesorte, NB. nachdem sie den Darm des Musangs verlassen haben. Mir wurde ein solches Excrement eines Musangs gezeigt; es bestand aus drei Kaffeekörnern, welche mit einer schwarzen Masse untereinander verklebt waren. Diese Kaffeekörner stehen in so hohem Ansehen, dass sie als besondere Gunstbezeigung den Europäern zum Geschenke angeboten werden. Wenn die Früchte kirschroth geworden sind, werden sie gepflückt und auf Platten aus Rohr dem Fermentiren überlassen. Hierauf werden sie getrocknet und gestampft. Ihre Heimath ist Arabien, von wo sie schon im Jahre 1698 importirt wurden; doch erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (seit 1723) nahm die Kaffeecultur einen bedeutenden Aufschwung, seitdem die Regierung mit sanftem Druck die Eingeborenen zum Bau desselben zwang.[154] Das Erträgniss des Kaffeebaumes ist sehr variabel. Ich erhielt von meinem Baume stets mehr als 1 Kilo Bohnen, und wie ich es damals auf dem Lawu mittheilen hörte, ist nur alle drei bis vier Jahre eine reiche Ernte zu erwarten.
Bei Herrn K.... konnte ich nicht länger bleiben, als die Zeit der »Rysttafel« dauerte. Nach dieser konnte ich noch bis Ngrambe von dem Dos-à-dos Gebrauch machen. Der Weg war gut und so breit, dass selbst ein zweiter Wagen passiren konnte, ohne besondere Vorsicht gebrauchen zu müssen. Hier wohnten einige Europäer, und darunter auch die Frau X. Ihr Mann ersuchte mich, sie zu untersuchen, weil sie schon seit vielen Jahren durch eine Schwäche in den Füssen kaum das Bett, aber niemals das Zimmer oder das Haus verlassen hätte.
Bei meiner Visite fand ich eine alte Dame, welche frischen Geistes ihr Leiden mit bewunderungswürdigem Gleichmuth ertrug; sie litt an Osteomalacie, d. i. einer Knochenerweichung, welche sie nach der letzten Entbindung erhalten hatte. Es war das erste Mal und leider auch das letzte Mal, dass ich sie damals sah. Einige Wochen später wurde sie ermordet, und die leichtfüssige Fama beschuldigte sie des Selbstmordes! Mir wurden davon während eines Festes beim Regenten in Ngawie die einzelnen Details mitgetheilt; man fand sie im Bette mit durchschnittenem Hals unter einer Bettdecke und nebstdem mit einem blutigen Messer im Aermel der Kabaya?? Ich theilte dieses dem Assistent-Residenten X. mit und erwartete, dass ich sofort mit einer gerichtlichen Commission zur Untersuchung dahin gesendet würde; der Herr scheint aber so bestimmte Nachricht von ihrem Selbstmord erhalten zu haben, dass er zu einem Einschreiten keinen Anlass fand. Mir freilich konnte es nicht einleuchten, dass eine Frau, welche seit vielen Jahren mit Knochenerweichung an das Bett gefesselt war, den Muth und die physische Kraft haben sollte, sich selbst den Hals durchzuschneiden!? Auch in der Affaire, welche mich nach Djamus führte, hatte Herr X. eine ganz unrichtige Auffassung der Verhältnisse; es war vielmehr seine Frau, welche auch den geschäftlichen Ideengang ihres Mannes beeinflusste; er weilt nicht mehr unter den Lebenden, und so kann ich etwas ausführlicher in der Mittheilung dieser Affaire sein, ohne fürchten zu müssen, jemandem direct oder indirect zu schaden.
In Gendingan konnte ich schon einige sichere Nachrichten über die junge Dame erhalten, deren Untersuchung von den Eltern von mir verlangt wurde, weil ein Angestellter sie beschuldigte, diese eine Tochter -- sie hatten deren 7 -- zu verwahrlosen und unter dem Vorwande, dass sie irrsinnig sei, ihrer Freiheit zu berauben! Dieser Privatbeamte schickte mir später die Abschrift der ganzen Correspondenz zwischen ihm und dem Vater dieses unglücklichen Mädchens; ich besitze sie noch heute, und fast möchte ich glauben, wenn ich sie wiederum lese, dass dieser bona fide gehandelt hat. In allen Briefen betont er die Nothwendigkeit, die Patientin der Einsiedelei auf dem Berge zu entreissen und sie der Gesellschaft zurückzugeben. Aber falsch sind die Motive, die er den unglücklichen Eltern in der Behandlung ihrer Tochter unterschiebt. Die Plantage gehörte in nomine der Frau, und ihr Mann sollte seine eigene Tochter zu dem geistigen Tode verurtheilt haben, um als gesetzlicher Vormund ihr Erbe zu werden. Diese Briefe wurden dem Assistent-Residenten X. gesendet mit der officiellen Anklage, dass der Herr X. seine majorenne Tochter der Freiheit beraube und sie durch schlechte Behandlung dem Wahnsinn in die Arme führen wolle!! Das Traurigste in dieser Affaire ist, dass dieser Beamte oder vielmehr seine Frau diesem Märchen Glauben schenkte, und als ich in dieser Sache als Gerichtsarzt vernommen wurde, mir die zweifellose Richtigkeit mit dem nöthigen Nachdruck vorgeleiert wurde. Ein Vater, der sieben Töchter hat, sechs von ihnen eine gute Erziehung in Europa angedeihen lässt und für jede derselben mehr als 1000 fl. jährlich bezahlt, ein solcher Vater sollte mit dem Wissen und Willen seiner Frau eine solche Missethat begehen!? Dieser Einwand blieb ohne Erfolg, und der Assistent-Resident liess als »Hilfsofficier der Justiz« dem Rechte seinen Lauf. Der Herr X. wurde von der gegen ihn erhobenen Anklage verständigt und beschloss nun, durch mich den Wahnsinn seiner Tochter constatiren zu lassen und bat mich, zu ihm zu kommen. Ich frug vorher jedoch bei ihm an, ob ich meine Frau mitnehmen könnte, welche gern einmal eine Plantage im Hochgebirge besuchen und besichtigen möchte. Im August des Jahres 1889 begaben wir uns also auf die Reise, die ich oben bereits angedeutet habe. In Ngrambe mussten wir das Dos-à-dos verlassen, weil hinauf ins Gebirge kein Fahrweg bestand. Für mich stand ein kleines Pferd und für meine Frau eine Sänfte zur Verfügung.
Es war ein Fusspfad, den das herabströmende Regenwasser in den Berg gegraben hatte; erratische Blöcke, Geröll und Sand wechselten mit Grasflächen, und sicheren Schrittes trug mich das kleine javanische Pferd über alle Hindernisse. Die Begleitung meiner Frau bestand aus 6 Kulis, von denen abwechselnd je vier die Sänfte bald auf den Schultern, bald mit den Händen trugen, je nachdem der Weg eben oder wellenförmig war. Bei jeder Pause erfreute uns das herrliche Panorama hinter unserem Rücken. Bald erhob sich das grosse Thal des Soloflusses in deutlichen Linien auf dem Horizont, hinter welchem das Wellisgebirge seinen breiten Bergrücken uns zeigte, später sahen wir den Smeru und den Kelut am östlichen Horizont auftauchen. Auf dem Berge Lawu selbst sahen wir nur niedriges Gesträuch, eine sanft aufsteigende Hochfläche, begrenzt von kleinen Hügeln, welche bald Tjemarabäume, bald Acacien, Gnaphalien und Vaccinia trugen.
Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir die Plantage Djamus in einer Höhe von 1500 Metern. Tief unter uns lagen dichte, schwarze Wolken, aus denen eine zweite Spitze des Lawu hoch hervorragte und nur mit Mühe die Schlucht zwischen beiden erkennen liess. Die dritte Spitze des Berges habe ich nicht zu Gesicht bekommen.
Der Kaffee war gepflückt, fermentirt, getrocknet und gestampft, und Frau X. sass mit eingeborenen Frauen, die Körner zu assortiren. Unsere Ankunft entriss natürlich die Familie ihrer täglichen Beschäftigung, und bald sassen wir in der Veranda, eine Schale warmen Thees zu trinken; es war kühl; vielleicht nicht mehr als 12° C., und wir Beide kamen aus »der Hölle Javas«. Die Familie kam unsern Wünschen entgegen, und wir zogen uns ins Haus zurück, wo auch die Fenster geschlossen werden mussten, um uns von dem unangenehmen Gefühl des Fröstelns zu befreien. Bald waren wir im Gespräche über die unglückliche Tochter, und es war das alte Lied: Den Anfang und die Ursache des Wahnsinns zu constatiren, welchen der Laie gern unvermittelt durch plötzliche Eruption, sei es durch Schreck u. s. w. entstehen lässt; das ganze traurige Familienleben entrollte sich vor mir, das ein irrsinniges Mitglied bedingt, weil der Wahnsinn in seinen ersten Symptomen verkannt wurde. Die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und psychischem Kranksein kann ja von niemandem gezogen werden. Endlich wurde mir mitgetheilt, dass die Patientin sich in ihrem Zimmer im danebenstehenden Pavillon befinde. Ich ging dahin und sah beim Fenster ein Wesen stehen, welches das traurige Bild des Wahnsinns in allen seinen Zügen zeigt. Verwahrlost in ihrer Kleidung, mit wirren Haaren, starrte sie mich mit fragenden Blicken an, und als ich ihr einen Gruss zurief, antwortete sie mir kurz, dass sie einen verheirateten Liebhaber nicht haben wolle, warf die Pantoffeln nach mir und sprang aus dem Fenster der andern Seite und verschwand im Gebüsche. Gegen das Abendessen gelang es mir, sie in der Nähe zu sehen und zu sprechen. Sie kam in die Küche, ihr Nachtmahl zu holen. Ich ging mit dem Vater dahin, und mit dem charakteristischen Lächeln des Wahnsinns liess sie mich näher kommen, ohne sich im Essen stören zu lassen. Der Schmutz hinter den Ohren und die schmutzige Kabaya, sowie die schmutzigen Nägel, begründeten meinen Vorschlag, die Unglückliche in eine Anstalt aufnehmen zu lassen, in welcher die geschulten Wärterinnen die Geschicklichkeit, Tact und Muth haben, solche Patienten zur Reinlichkeit anzuhalten.
Natürlich kamen auch die Motive zur Sprache, welche den Privat-Beamten X. veranlassten, den Anwalt dieser Unglücklichen zu spielen. In seinen Briefen ist das Mitleiden mit seiner »Nichte«, welche keinen Bruder habe, um ihr Recht zu vertheidigen, der einzige Grundton, und in allen Tonarten äusserte sich dieses Mitleiden. Herr X. aber fand ein egoistisches Motiv, welches mir nicht recht einleuchten wollte. Seine Tochter musste wiederholt aus der Wohnung des Privat-Beamten X. geholt werden, welche sich am Fusse des Berges befand; vielleicht hoffte dieser durch eine Ehe mit dieser Unglücklichen sich dann in den Besitz eines Theiles dieser grossen Plantage zu setzen. Es waren im Ganzen 7 Töchter, und im günstigsten Falle wäre ⅛ Antheil nach dem Tode der Mutter dem Manne dieser Irrsinnigen zugefallen; um einen solchen Preis eine irrsinnige Frau zu erhalten -- wäre eine schlechte Speculation.
Diese Pflanzer waren so an die niedrige Temperatur ihres Ortes gewöhnt, dass sie keine Oefen im Hause hatten. Die Biologie liegt in allen Fragen darnieder, welche die »Gewohnheit« betreffen. Als ich im Jahre 1897 Ende April durch das rothe Meer fuhr, war es so kalt, dass nicht allein ich -- dann könnte es individuellen Empfindungen zugeschrieben werden, sondern alle Passagiere ihre Ueberzieher, Mäntel oder Plaids u. s. w. in Gebrauch nehmen mussten, und das Thermometer zeigte 17° C.! Es ist richtig, dass wir aus warmen Ländern kamen und dass wir so niedrige Temperatur nicht +gewöhnt+ waren. -- Welcher chemische Vorgang erklärt das »Gewohntsein«? Was geschieht z. B. im Rachen oder im Gehirn oder im Magen des jungen Mannes, welcher nach der ersten Cigarre den heftigsten Gastricismus bekommt und nach ½ Jahren anstandslos die schwerste Cigarre raucht? U. A. w. g.
Wir sassen also den ganzen Abend bei geschlossenen Fenstern und Thüren, und für die Nacht holte die liebenswürdige Hausfrau alle wollenen Decken herbei, um uns in ihrem Heim nicht eine ganze Nacht »frieren« zu lassen. In einem schönen Gedichte hat diese Dame den Berg Lawu besungen. Mit Bedauern verliessen wir unsern Gastgeber am folgenden Tage, weil mich meine Berufspflichten nach Ngawie riefen. Aber länger als eine Woche über den Wolken nur die bewaldeten Gipfel eines Berges zu sehen -- NB. ohne Berufspflichten oder andere Arbeit zu haben -- d. h. dort zu logiren, das wäre doch zu viel verlangt.
Hierauf beantwortete ich alle Fragen des »Officiers der Justiz« über das Wesen der Krankheit dieser unglücklichen jungen Dame und über die Symptome, welche mich bewogen hatten, in diesem Falle den Wahnsinn zu constatiren. Sie wurde entmündigt, ihr Vater zum Curator ernannt und der Assistent-Resident X. wurde nach Kudus transferirt.
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Die westlichen Grenzpfähle der Provinz Surakarta, die Berge Merapi und Merbabu mit ihrem Ausläufer Telomojo (1883 Meter hoch) habe ich fünf Jahre lang beobachten können, und ich will ihrer im folgenden Capitel erwähnen. Die »Fürstenthümer Javas« sind reiche Länder und hochinteressant wegen ihrer Vergangenheit und zahlreichen Denkmäler aus der Zeit der Hindu-Herrschaft.
9. Capitel.
Die Provinz Kedú -- Der Berg Tidar -- In Magelang -- Auf dem Pâsar (= Markt) -- Javanische Schönheitsmittel -- Haustoilette der europäischen Damen -- Mein „Haus“ -- Empfangsabende -- Magelang -- Opiumrauchen -- Die Chinesen auf Java -- Die gerichtliche Medicin der Chinesen -- Ein zu grosses Militärspital -- Die Königin von Siam in Magelang -- Ein Oberstabsarzt „gestellt“ -- Nachtheile der Pavillons aus Bambus -- Organisation des Rechtswesens -- Zum Theaterdirector gewählt -- Die Journalistik Indiens.
Auch die Provinz Kedú hat auf ihrer westlichen und östlichen Grenze grosse und mächtige Grenzpfeiler, im Osten die bereits erwähnten Merapi, Merbabu und Telomojo, während der Sumbing, 3336 Meter hoch, der Sindoro, 3124 Meter hoch, und der Berg Bisna, 2363 Meter hoch, diese Provinz im Westen von der Provinz Bagelen scheiden. Die Ausläufer dieser Berge durchziehen die ganze Provinz, und selbst die Thäler des Progo- und des Elloflusses sind zu schmal, um den gebirgigen Charakter dieser Provinz in hohem Grade zu beeinflussen. (Nur von Magelang zieht nach Norden eine 10 Kilometer grosse Ebene.) Diese Provinz ist reich an Kunstdenkmälern, unter denen der schönste, grösste und mächtigste Tempel vielleicht der ganzen Welt der Buru-Budur ist. Obwohl der grösste Theil des Landes Communalbesitz ist, die Provinz bei einer Grösse von 37,05 ☐Meilen ungefähr 800,000 Einwohner, somit mehr als 20,000 Seelen auf die ☐Meile zählt, so ist sie doch eine arme Provinz. Vielleicht wird die Vollendung der Eisenbahn einen günstigen Einfluss auf die Wohlfahrt des Landes nehmen; erst vor zwei Jahren wurde die Linie Djocja-Magelang gebaut, und es fehlt noch die Linie Magelang-Ambarawa, um die ganze Provinz durch den Schienenweg mit dem Norden Javas[155] zu verbinden.
Im Jahre 1891 konnte ich mich bei meiner Transferirung von Ngawie nach Magelang, der Hauptstadt dieser Provinz, nur bis Djocja der Eisenbahn bedienen. Mein Mylord, welcher bei der Auction in Ngawie keinen Käufer fand, traf zu gleicher Zeit in Djocja ein; ich miethete im Hotel Tugu nur vier Pferde (mit Kutscher und Palfenir) um 12 fl. und konnte also in meiner bequemen Kutsche die Reise fortsetzen. Die Reisewagen, welche man s. Z. in Djocja und in Magelang zu dieser mehrstündigen Reise miethen konnte, waren alte, hässliche Wagen und hatten eine lothrechte Rückenlehne, so dass ich mich oft verwundert frug, woher sie denn diese unpraktischen Reisevehikel in so grosser Zahl auftreiben konnten.
Bei Salam verliess ich die Provinz Djocja, und sofort fühlte ich den Einfluss der holländischen Regierung. Wenn es auch ununterbrochen bergauf ging, so war die Reise doch nicht unangenehm, weil sich der Weg sofort hinter der Grenze in sehr gutem Zustande befand. In Muntilan wurden die Pferde gewechselt, und noch immer stieg der Weg sanft mit zahlreichen Wellen an, so dass wir von der Grenze, welche 331 Meter absolute Höhe hatte, hier 355 Meter und in Magelang 384 Meter Höhe, im Ganzen 53 Meter gestiegen waren. Hinter Muntilan lag eine schöne, wenn auch schmale Strasse, welche links ab zu dem schönen Tempel Mendut (Fig. 19) und mittelst Fähre über den Ellofluss zum Buru-Budur führte. Gegen 5½ Uhr näherte ich mich der Stadt Magelang, d. h. ich sah den Berg Tidar, welcher 504 Meter über dem Meere und 120 Meter hoch sich über Magelang erhebt. Es ist der pâku = Nagel oder der pusar = Nabel (= der Mittelpunkt von Java), durch dessen Spitze der Nagel getrieben wurde, mit dem diese Insel auf der Erde befestigt wurde. Nicht allein auf mich machte dieser Hügel den Eindruck, dass auch er die Ruinen eines grossen Tempels bedecke, sondern es wurde so oft diese Vermuthung geäussert, dass Ausgrabungen stattfanden, welche jedoch ein negatives Resultat hatten. Der »Tidar« musste eben durch seine isolirte Stellung zu solchen Vermuthungen Anlass geben; er steht nämlich ganz isolirt in der Ebene zwischen den beiden Bergriesen Merapi und Sumbing. Auf den Berg Tidar folgte der europäische Kirchhof, für dessen Verschönerung ich späterhin als Präsident der »Kirchhofs-Commission« zu sorgen hatte, hierauf der grosse Marktplatz, das chinesische Quartier mit der chinesischen Kirche, und am Ende dieser Strasse lag der Schlossplatz (Alang-âlang) mit der Moschee,[156] dem Palaste des Regenten, dem Officiersclub, der Schule für Häuptlings-Söhne, dem Postamt, einem Hotel und der Volksschule für Eingeborene.