21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 30
Schon nach vier Tagen konnte ich meine Wohnung beziehen, d. h. in meinem eigenen Hause essen und schlafen. Das Bett hatte ich nämlich von Ngawie mitgenommen und überhaupt niemals unter den Hammer bringen lassen, um eben so bald als möglich in meine Wohnung einziehen zu können. Es bestand aus schwarzen Stäben mit kupfernen Verzierungen und konnte bequem zu zwei kleinen Collis gebunden werden. Die zwei Matratzen, zwei Kopfpolster und zwei Gulings (= Rollpolster) wurden ebenfalls zu zwei Collis in Matten eingerollt, und so konnte ich überall sofort nach der Ankunft meine eigene Schlafstätte haben, ohne fürchten zu müssen, dass in einem Orte[167] kein neues Bett zu kaufen war, oder dass erst nach langer Zeit eine Auction stattfinden würde, welche mir Gelegenheit bot, dieses unentbehrliche Möbelstück theuer zu erstehen. Glas- und Essservice konnte ich im chinesischen Viertel kaufen, Küchengeräthe verschaffte ich mir vom Pâsar, und auf diese Weise gelang es mir, schon am fünften Tage nach meiner Ankunft meinen regelmässigen Haushalt zu haben und meiner Frau häusliche Thätigkeit zu verschaffen. Nun traten auch die gesellschaftlichen Pflichten an uns; wir mussten alle Empfangsabende frequentiren und so viel als möglich Antrittsvisiten machen. Diese Empfangsabende sind eine sehr praktische Einrichtung und sollten sich nicht auf die Spitzen der Behörden und Officiere beschränken.
Die Städte sind in Indien gross, weil Jeder ein Haus bewohnt, das in der Regel von einem Garten umgeben ist. Die Besuchszeit ist 7 Uhr Abends, und um diese Zeit regnet es wenigstens in 100 Tagen des Jahres; es ist sehr unangenehm, wenn man Jemanden besuchen will, vielleicht wegen des Regens eine Equipage nimmt, und man findet Niemanden zu Hause. Solche jours fixes fanden in Magelang zahlreich statt; der Platzcommandant, 4 Bataillonscommandanten und ihre Adjutanten, der Resident, der Secretair, der Controlor, der Landesgerichts-Präsident, der Director der Schulen für Häuptlings-Söhne, einige Oberlehrer und einige Hauptleute. Auch ich entschloss mich, einen solchen zu halten, und theilte mit, dass ich »jeden Sonnabend zu Hause sei«. Die Empfangsabende dieser genannten Herren besuchte ich mit meiner Frau, ohne gleichzeitig die jüngeren Collegen zu vergessen, welche aus Bescheidenheit keinen jour fixe hielten. In Magelang war es nicht nöthig, eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten, aber wehe! wenn man dieses in einem kleinen Orte thäte und es wagen sollte, erst den Controlor und dann den Assistent-Residenten oder erst den Adjutant und dann den Platzcommandant zu besuchen; ich glaube nicht, dass dies ungestraft geschehen würde. Diese »ersten« Visiten thut man nicht unangemeldet, sondern man theilt im Laufe des Vormittags mit, »dass man wünscht, Herrn und Frau X. seine Aufwartung zu machen, wenn dies gelegen käme«. Etwas Langweiligeres als solche Empfangsabende kann man sich kaum vorstellen. Dazu kommt noch, dass das Haus, oder vielmehr die Veranda des Platzcommandanten in Magelang sehr klein war und dass deshalb bei den Empfangsabenden die meisten Herren stehen mussten. Die Damen häuften sich in der einen Ecke an und fanden bald Stoff zu einem Discurs; in der andern Ecke stand ein runder Tisch, beladen mit Cigarren und Getränken, denen die Herren tüchtig zusprachen, um sich hin und wieder in den Kreis der Damen zu wagen und bei dieser oder jener ihre Anwesenheit durch eine Verbeugung und ein paar Worte in Erinnerung zu bringen. Die Jugend fand sehr bald einen Ausweg aus dieser steifen, langweiligen und ceremoniösen Gesellschaft. Vor dem Hause spielte zwar die Militärmusik ihre Salonstücke oder Arien aus verschiedenen bekannten Opern und Operetten; aber in der hinteren Veranda stand ein Piano. Die Tochter des Hauses wechselte mit ihrer Mama einen stillen Wink und darauf hin zogen die Mädchen und alle jungen Männer durch die hellerleuchtete »Binnengallery« nach der hinteren Veranda. Dort konnte die Jugend flirten und tanzen, bis die Mamas sie zur Abreise abholten, d. h. bis der Resident aufgestanden war, sich bei dem Gastgeber und der Hausfrau empfohlen hatte und seine Frau am Arme des Colonels zu ihrer Equipage gebracht worden war.
In dieser Hinsicht war der Resident viel günstiger situirt. Er hatte ein grosses Haus, welches früher dem »chinesischen Major«[168] gehört hatte, während das des Colonels das Bureau des Controlors gewesen sein soll.
Wenn man der Nordseite des Schlossplatzes folgte, sah man neben dem Clubgebäude das Schloss des Regenten und im Anschluss daran die Pfarrei, welche mit einigen europäischen Wohnungen parallel mit der Eisallee, in welcher mein Haus stand, gegen das Ufer des Progoflusses abfiel, ohne dieses jedoch zu erreichen. Sie endeten in jener grossen Strasse, welche unter dem Namen die »kleine Tour« bei der Eisfabrik, d. h. am Schlossplatze anfing, auf der grossen Heeresstrasse den nördlichsten Punkt der Stadt erreichte, längs des Campements zum Schlossplatze zurück den Weg durch das chinesische Viertel nahm und vor dem Berge Tidar und durch die Mörderallee bei der Eisfabrik endigte. Die grosse Tour nahm dieselbe Route, ging jedoch hinter dem Tidar durch die Landstrasse nach Selaman durch die Mörderallee zurück; für die erste hatte man ¾ und für die grosse Tour 5/4 Stunden mit einer Equipage nöthig, welche in mässigem Schritt fuhr.
Das Residentengebäude konnte man jedoch am bequemsten durch die Residentenallee erreichen, welche parallel mit der eben erwähnten Strasse und mit der Eisallee lief; auch sie war an ihrem südlichen Ende steil abfallend, und bei den Empfangsabenden des Residenten war die Auffahrt an dieser Stelle geradezu gefährlich; wenn auch von dem nördlichen Theile der »grossen Tour« an diesem Kreuzungspunkte bei solchen Gelegenheiten nur ausnahmsweise eine Equipage kam, so geschah es desto häufiger von dem südlichen Theile her. Sie begegneten jenen, welche aus der Residentallee kamen und durch den steilen Fall der Strasse nicht in Passschritt fahren konnten. In Galopp ging es bei dem Pavillon für Gäste vorbei und um die Ecke der Strasse vor die Hauptfront des Gebäudes mit der Aussicht auf den Garten, der damals durch die Reichhaltigkeit der Rosensorten berühmt war; am Ende desselben stand ein Gartenhäuschen, von welchem aus man eine wunderschöne Aussicht auf beide Ufer des Progoflusses hatte. Den Eingang in das Haus bewachten zwei grosse Götzenbilder. Er führte zu einer »Voorgallery«, welche gross genug war, um selbst bei aussergewöhnlich besuchten Empfangsabenden, wie z. B. bei der Hochzeitsfeier der Tochter des Residenten, alle Anwesenden bequem +sitzen+ zu lassen. Ja noch mehr; sehr oft liess der Resident bei seinen Empfangsabenden die Militärmusik im Garten spielen, womit die Jugend nicht zufrieden war. Die »alten Herren« wurden nach der Peripherie des Saales gedrängt, wo zwei grosse »Kletstafeln« standen, die »Musik« postirte sich an dem seitlichen Eingang der Veranda, und Allen voran begann der Resident die Polonaise zu eröffnen. Die Jugend hatte den Sieg über die »alten Herren« errungen. Dem Beispiele des Residenten folgte Alles, was kein Zipperlein hatte, und trotz einer Temperatur von 25° C. bis 30° C. wird bis 8½ Uhr getanzt, bis endlich der Colonel das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Resident A. war ein braver und behülflicher Mensch; er war ein tüchtiger Beamter. Der Colonel P. war auch ein braver und behülflicher Mensch; auch er war ein tüchtiger Officier; in den Augen der weiblichen Jugend stand dieser jedoch tief unter dem Residenten. Er war damals gewiss schon 55 Jahre und tanzte mehr und besser als alle Lieutenants und Controlors zusammen! Die weibliche Jugend bewahrt ihm gewiss heute noch ein dankbares Andenken.
Alle meine Antrittsvisiten musste ich mit einem Miethwagen machen, weil ich zwar meine Equipage, aber noch keine Pferde hatte. Billig war es, für einen solchen Abend einen Wagen zu miethen; denn man zahlte nur 1,20 fl. = 2 Mark für die Stunde, oder aber, man liess den Wagen nicht warten, sondern nur »bringen« und um 8½ Uhr holen, wofür nur 1 fl. verlangt wurde. Auf den grossen Plätzen, wie Batavia, Samarang u. s. w., sind die Preise zwar nicht höher als 1,20 fl. pro Stunde, aber die »Wagenvermiether« geben nur für 3 bis 4 Stunden einen »Wagen ab«, wofür sie sich 2,50 bis 4 fl. zahlen lassen. Wegen der Unkosten brauchte ich mich also nicht zu beeilen, Pferde anzuschaffen. Aber die gemietheten Wagen waren so alt, so schmutzig und so defect, dass man glauben sollte, dass sich die Polizei gar nicht damit beschäftige. Ich muss auch sagen, dass die öffentlichen Miethwagen in Singapore und Ceylon viel netter, schöner und besser als in ganz holländisch Indien sind.
Einen Pferdemarkt hatte Magelang nicht; eine Auction war voraussichtlich vor einigen Wochen nicht zu erwarten, d. h. eine Auction, auf welcher »ein Span« Pferde verkauft werden sollte. Ich beschloss also, Pferde im Kampong kaufen zu lassen. Bald erfuhr ich die Adresse eines chinesischen Pferdeagenten, ich liess ihn zu mir kommen und theilte ihm meine Wünsche mit. Jeden Tag brachte er mir ein Paar Pferde »zur Ansicht«, und endlich wählte ich ein Paar Kedupferde; sie waren klein, 120 Centimeter hoch, schwarz, elegant und zierlich gebaut, hatten keinen Fehler, wenigstens wie der Agent behauptete, und ich konnte sie acht Tage lang probiren; er verlangte für sie 130 fl., sie waren vier Jahre alt, und er demonstrirte mir dies an der Form der Schneidezähne. Ein Pferdekenner war ich nicht, ein Thierarzt lag nicht in Garnison, weil wir weder Cavallerie noch Artillerie hatten. Ich wandte mich also an einen Officier, welcher sich seit vielen Jahren ein Reitpferd hielt. Dieser bestätigte mir die Angaben des Pferdehändlers, dass meine Pferde nicht älter als vier Jahre sein könnten. Der freie Rand der Schneidezähne schleift sich nämlich im Laufe der Jahre ab, und da diese Zähne conisch zur Wurzel ablaufen, so wird der abgeschliffene Zahnrand eine wechselnde Form und Grösse haben und besonders deutlich die Schichten des Zahnes zeigen, welche blossgelegt werden. Das geübte Auge kann daraus mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit das Alter des Pferdes bestimmen. Dieser Process hat aber seine Grenze, welche ungefähr mit dem neunten Jahre abgeschlossen ist. Der Zahn schleift sich nicht mehr ab, und von dieser Zeit an kann das Alter des Pferdes nicht mehr geschätzt werden; das Pferd »zeichnet« nicht mehr. Ich behielt die Pferde acht Tage zur Probe und liess den Kutscher das letzte Wort sprechen, ob ich sie behalten sollte. Dass sie nicht blind oder lahm waren, konnte ich selbst beurtheilen; ob sie aber Temperamentsfehler oder andere Untugenden besässen, welche sie für den Gebrauch ungeeignet machen würden -- konnte ich nicht beurtheilen. Bis jetzt waren sie nur Pickulpferde gewesen, d. h. sie hatten nur Kaffee getragen. Man sieht oft Colonnen von 20 Pferden hintereinander gehen, welche je zwei Säcke Kaffee zu beiden Seiten des Rückens tragen; ein solches Pferd muss zum Ziehen eines Wagens erst dressirt werden. Zu diesem Zwecke borgte ich mir einen Lastwagen, der gewöhnlich von einem Karbouw oder Rinde gezogen wurde. Diese erste Probe gelang ausgezeichnet, ruhig und gelassen zog jedes Pferd den Lastwagen (Grobak)[169]. Jetzt sollte es sich zeigen, ob sie auch den guten Willen hätten, zusammen und gleichzeitig ihre Dienste zu leisten. Dazu hatten sie jedoch gar keine Lust. Mit gespreizten Beinen standen sie still, trotzdem die Peitsche nicht geschont wurde. Natürlich wollte mein Kutscher die landesüblichen grausamen Mittel, wie die Flamme u. s. w., anwenden, um ihren Eigensinn zu brechen. Ich gestattete aber weder dieses noch andere heroische Mittel; er durfte nicht einmal mit dem Peitschenstiel schlagen. Am andern Morgen bekamen sie nichts zu fressen und wurden wieder vor den Grobak gespannt; ihr Starrsinn blieb derselbe. Ich liess aber das Gespann umkehren, so dass sie den Stall und das Futter sehen konnten; sie zogen den Wagen an, und als sie bei dem Stall angelangt waren, bekamen sie einen kleinen Theil des Futters und mussten wieder hinaus auf die Strasse. Dies Mittel half, und nach zwei Tagen gingen sie mit dem Grobak, wohin ich wollte. Ich hatte jedoch zu früh gejubelt. Als ich sie vor meinen Mylord lege artis spannte, der sich bequem und leicht ziehen liess, da begann ihr Starrsinn eine neue Form anzunehmen. Sie bäumten sich und drohten den Wagen umzuwerfen, und zuletzt verwirrten sie sich mit den Strängen. Die Hungercur musste wieder beginnen, und endlich wurde aus ihnen ein tüchtiges Paar Dienstpferde, welches mir fünf Jahre lang vortreffliche Dienste leistete, obwohl mein Wagen geradezu ein schwerer zu nennen war.
Die Spitalpraxis brachte die erste Zeit wenig oder vielmehr gar nichts Interessantes. Das Spital selbst bestand aus Bambus-Baracken und wurde ein Jahr später verlassen; auch darüber lässt sich nichts Interessantes mittheilen. In die Privatpraxis konnte ich nur langsam kommen, weil sechs Militär-Aerzte hier waren und das europäische Publicum zu klein war, um einem einzigen Civil-Arzte hinreichend Beschäftigung zu bieten, wieviel weniger noch, einem neu angekommenen siebenten Militär-Arzte Material zuzuführen. Die chinesische Bevölkerung jedoch war nicht nur viel grösser, sondern liebte es auch, häufig den Arzt zu wechseln. Auf diese Weise bekam ich bald genug Chinesen in Behandlung; einer der ersten chinesischen Patienten war ein gewisser Kau-Sui King, welcher von Temanggong kam, mit der Mittheilung, dass er Opiophag sei, täglich 2 fl. für Opium ausgebe und neben Impotenz an habitueller Verstopfung leide; er habe nur alle acht Tage Stuhlgang, er ersuche mich also um ein Gegengift, d. h. um eine Arznei, welche ihn von der üblen Gewohnheit des Opiumrauchens abbringen könnte. Ich habe später einen zweiten ähnlichen Fall zur Beobachtung und in Behandlung bekommen, in welchem der Patient jedoch durch den Missbrauch des Opiums in hohem Maasse heruntergekommen war;[170] er war mager, hatte eine fahle Gesichtsfarbe und litt an einem hochgradigen Emphysem; eine Blutdiarrhöe hatte ihn so erschöpft, dass er dem Tode nahe war; der Puls war fadenförmig, der Herzschlag schwach zu hören -- und doch gelang es mir noch, ihn dem frühzeitigen Tode zu entreissen; ich muss sofort bemerken, dass die Gefahren +des mässigen Opiumgebrauches+ für Leib und Seele im Allgemeinen zu hoch angeschlagen werden und nicht viel grösser als die des Alcohols sind. Ich habe vielleicht in 500 chinesischen Familien (während meines 20jährigen Aufenthaltes in Indien) gewiss 1000 Patienten behandelt, ich habe zahlreiche Morphiophagen (leider waren gerade Aerzte diese unglücklichen Opfer ihrer körperlichen Leiden) unter den Europäern gesehen und ich kann mir daher ein Urtheil in dieser Sache erlauben: Der +mässige Gebrauch+ des Opiums schadet ebenso wenig als der des Alcohols, und der +Missbrauch+ desselben ist ebenso perniciös als der der Spiritualien. Im Jahre 1887 behandelte ich einen Collegen, welcher bis zur täglichen Dosis von 1 g Morphium gestiegen war; der Bauch war von Stichen der Injectionsspritze so bedeckt, dass er die Spritze nicht mehr gebrauchen konnte und das Morphium in Form von Pillen nahm; erst im Jahre 1899, also zwölf Jahre später, starb er. Aber auch unter den zahlreichen chinesischen Patienten fand ich nur vereinzelte Opfer dieses Genussmittels; oben erwähnter Kau-Sui King hatte bereits ein Jahr lang täglich um 2 fl. Opium gebraucht, und nur relativ wenig hatte dieses ungeheure Quantum von Opium seine Körperkraft untergraben; ebenso wenig als ich den mässigen Gebrauch des Alcohols auf Grund meiner Beobachtungen und Erfahrungen verurtheilen kann, ebenso wenig möchte ich einen Stein auf den mässigen Gebrauch des Opiums werfen, um so weniger, als die Europäer, welche sich dem ergeben, in der Regel unglückliche Patienten sind, welchen schmerzhaftes Leiden das Leben zur Last macht. Aber wie der +Missbrauch+ des Alcohols den Menschen zum Thiere erniedrigt, ebenso sehr untergräbt der +Missbrauch+ des Opiums Leib und Seele des Menschen. Allerdings muss ich auch noch mehr vor dem mässigen Gebrauch des Opiums als dem des Alcohols meine warnende Stimme erheben; der +mässige Gebrauch+ des Opiums führt beinahe sicher, oder wenigstens viel leichter zum +Missbrauch+, als dieses der Alcohol thut. Wer in der Lage ist, und wem es die Geldmittel erlauben, wird sicher dem Morphium oder dem Opium zum Opfer fallen, wenn er einmal angefangen hat, zur Morphiumspritze zu greifen, um Erleichterung von seinen körperlichen Leiden zu finden, und darum rufe ich jedem Arzte zu: gieb keinem Patienten die Spritze in die Hand! Principiis obsta!
Der Opiumhandel ist in Indien in den Händen des Staates; dieses Monopol hat natürlich die widerlichsten und garstigsten Schmuggelscenen zur Folge, an welchen sich nicht nur Chinesen, sondern leider zu oft auch Europäer[171] betheiligen, und gerne stimme ich in den heftigen Tadel ein, welcher gegen den Schmuggel des »Höllensaftes« erhoben wird; ich würde aber auch und gerade wegen dieser widerlichen Schmuggelscenen mit so vielen Andern auch gegen den +mässigen Gebrauch+ des Opiums meine Stimme erheben und überhaupt empfehlen, wie es s. Z. im Westen Javas in der Preangerprovinz der Fall war, die Einfuhr von Opium im Allgemeinen zu verbieten; aber hat eine Regierung das Recht und die Pflicht, dem Volke ein Genussmittel mit Gewalt zu entziehen, das wie der Alcohol nur durch den Missbrauch schädlich wird? Ich weiss es nicht.[172]
Das Opium ist bekanntlich der getrocknete Saft einer Mohnkapsel aus der Familie der Papaveraceen; als solcher kommt er unter dem malayischen Namen Madat (= ampiun J.) in den Handel. Er wird nun in warmem Wasser aufgelöst, filtrirt, abgedampft und heisst dann tjandu. Dieses präparirte Opium wird mit Zucker und feingeschnittenem Tabak oder anderen aromatischen Blättern gemischt und geraucht oder getrunken (mit Kaffee) oder gekaut (mit Tabak). Die Pfeifen, aus welchen das Opium geraucht wird, bestehen aus einem mehr oder weniger verzierten Bambusstock, an dessen Ende sich eine kleine Oeffnung befindet, mit oder ohne Pfeifenkopf.
Den momentanen Einfluss des Opiumrauchens kann ich aus eigener Erfahrung nicht beurtheilen; ich konnte mich niemals entschliessen, diesen Genuss einmal zu probiren; wenn ich die Chinesen, welche ich darüber interviewte, gut verstanden habe -- es geschah in malayischer Sprache --, so ist der Opiumrausch gewissermaassen dem Nirwâna der Indier zu vergleichen, welcher mit wenigen Worten charakterisirt wird: Absolute Ruhe, Glückseligkeit, beruhend +auf dem Wegfall des Gefühls der Existenz+, also ein potenzirtes »Klimaschiessen«.
Die Javanen rauchen (ngesis) auch Opium; ich sprach bis jetzt nur von den chinesischen Opiumrauchern, weil ich in diesem Capitel mich vorherrschend mit diesem Volke beschäftigen will, welches Jahrhunderte lang, vielleicht 1000 Jahre lang an der Spitze der Civilisation stand und wie die Juden noch heute gleich einer ehernen Säule aus den Ruinen der Völker des Alterthums hoch über mehr als die Hälfte der Menschen hervorragt; schon zur Zeit Abraham’s, Ramses’ und Lycurgus’ blühte ein chinesisches Reich; »seitdem sind die Aegypter, Griechenland und Rom untergegangen. Die Civilisation der alten Hindus, Chaldäer, Assyrier und Perser ist verschwunden von dem Platz ihrer Entstehung; nur das chinesische Volk lebt fort, und unsere hochgerühmte Bildung von einem kleinen Theil Europas ist mit seiner Civilisation verglichen, als von gestern.«[173]
»Fan Tsjhi frug, was Humanität sei; der Meister sprach: Alle Menschen lieben; er frug, was Wissenschaft sei; der Meister sprach: Alle Menschen kennen.«
Diese Worte des Confucius[174] sind Perlen der Weisheit und stammen aus einer Zeit als in Nord-Europa kaum Spuren einer menschlichen Civilisation zu finden waren und im Westen die Bewohner noch in den Urwäldern ohne Staatsorganisation als Wilde hausten.
Heute freilich zeigt das chinesische Volk nur das Bild einer alten, versteinerten und verknöcherten Masse, welche den Fortschritt des fernen Westens nicht begreifen kann und nur mit Gewalt gezwungen der europäischen Civilisation die Thore öffnen wird, ob zu seinem Wohl oder ob zu seinem Wehe, ist nicht zu entscheiden.
Dimana gula, disana semút, wo Zucker, dort Ameisen, sagt der Chinese in Java und charakterisirt damit die Macht des Goldes, und nur das goldene Kalb betet der heutige Chinese an, wenn auch sein Gottesdienst in erster Reihe ein reiner Ahnencultus ist; es ist aber unrichtig, zu behaupten, dass dieses Volk baar aller hohen Ideen und Gefühle sei, dass nur die nackte Gewalt sie beherrschen könne. Alles, was das Menschenherz erregt, ist dem Chinesen nicht fremd. Ich wurde in Atschin selbst zu einem Selbstmörder gerufen! Die Noth aber hatte ihn nicht dazu getrieben.
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Das chinesische Jahr hat 12 Monate zu 29 und 30 Tagen, der Rest wird zu einem 13. Schaltmonat vereinigt; sie kennen auch eine Eintheilung des Jahres in 24 halbe Monate nach dem jeweiligen Stande der Sonne im Thierkreise; die Namen derselben entsprechen den jeweiligen meteorologischen Verhältnissen, sie heissen: Anfang des Frühlings (5. Februar), Regenwasser (19. Februar), Wiedergeburt der Insecten (5. März), Frühlings Tag- und Nachtgleiche (20. März), Reine Luft (5. April), Regen über das Korn (20. April), Anfang des Sommers (5. Mai) u. s. w.
Die Schrift ist eine Hieroglyphenschrift, oder besser gesagt, ist dies ursprünglich gewesen und bis zum heutigen Tage geblieben; darum können sich die Chinesen durch die Schrift immer verständigen, auch wenn ihre Dialekte so stark abweichen, wie z. B. das Englische und das Deutsche.[175] Allgemein ist bekannt, dass sie kein Alphabet haben und jedes Wort durch ein bestimmtes Zeichen ausgedrückt wird; es ist Sache des Studiums, eine grössere oder kleinere Zahl von Wörtern lesen und schreiben zu können. Ich besitze z. B. ein Bild, welches eine Scene aus dem Kriege mit den Franzosen bei Tonkin darstellt; rings um die etwas primitiv ausgeführte Zeichnung sind zahlreiche Sprüche, deren Bedeutung mir kein einziger meiner chinesischen Patienten in Magelang mittheilen konnte. Endlich wandte ich mich auf Anrathen eines befreundeten Chinesen an den Major-tschina, der ein grosser Gelehrter sei. Seinen Mittheilungen über die Bedeutung musste ich um so eher Glauben schenken, weil sie thatsächlich controlirt werden konnten; diese waren die Namen der Städte, des Flusses, an welchem der Kampf stattgefunden hatte, und die Jahreszahlen.
In Magelang befand sich der chinesische Tempel auf dem Schlossplatz, und zwar am Eingange der Hauptstrasse des chinesischen Quartiers -- in allen Städten dürfen sie nämlich nur in bestimmten, in der Regel scharf abgegrenzten Stadttheilen wohnen. -- Welcher Secte dieser Tempel angehörte, und ob die Chinesen dieser Stadt, welche grösstentheils von Amoy herstammen, Bekenner des Buddhismus, Taoismus oder des Confucionismus sind, ist mir nicht bekannt; auch muss ich mich enthalten, mich in eine Besprechung dieser drei Secten zu vertiefen, weil ich darin, ich möchte sagen, gar nicht versirt bin; aber ich kann es nicht unterlassen, eines ihrer Feste zu erwähnen, welches überall mit grossem Pomp gefeiert wird, und welches ich jedes Jahr in Magelang zu beobachten Gelegenheit hatte, weil meine Wohnung in der Nähe des Schlossplatzes und des chinesischen Quartiers lag.
Es ist das Tsáp gow mê^{ng} Fest = (dem Fest) der fünfzehnten Nacht geweiht der Verehrung des Herrn der drei Welten = siong goân, oder wie es von den Europäern auch genannt wird: Das Laternenfest.
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