21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Part 22
Die Rache, die dafür die Fakire nahmen, war fürchterlich; ihre vereinigten Gebete und Büssungen »gingen wie eine +Feuerflamme aus und ergriffen Siva’s Zeugungstheile und trennten sie von seinem Körper+. Erzürnt über die Büsser, nahm sich nun Siva vor, die ganze Welt damit in Brand zu setzen .......« Wenn man selbst mit europäischer Anschauung diesen Satz kritisch beleuchtet, könnte man höchstens an einen phagedänischen Schanker denken, aber noch lange nicht an das Krankheitsbild der Syphilis. Auf den Inseln des indischen Archipelagos, von denen hier die Rede sein wird, findet man überall Spuren des altindischen Glaubens und seiner Sitten und Gebräuche, und auf Sumatra z. B. kann man doch nur, wie oben erwähnt, deutlich die Syphilis den Europäern bei ihrem Eindringen ins Innere folgen sehen, ohne die Syphilis dort heimisch zu finden. Was die indische Regierung dagegen thut, ist mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse bitter wenig;[43] sie nimmt sich eben nur europäische Verhältnisse als Muster und vergisst, dass gerade der Unterschied in den politischen Verhältnissen mehr Mittel zur Abwehr der Verbreitung dieser Seuche an die Hand giebt in Indien als in Holland, abgesehen davon, dass duo si faciunt idem, non est idem. Die autokratische Regierungsform durch das Intermedium der eingeborenen Fürsten macht Manches möglich, was die individuelle Freiheit in Holland zurückweisen würde. Im Jahre 1883 z. B. wohnte ich den Schiessübungen der Artillerie in der Preangerregentschaft bei. Beinahe täglich bekam ich neue Fälle von venerischen oder syphilitischen Erkrankungen. Die Quelle dieser Erkrankungen war mir bekannt. In der Nähe des militärischen Terrains befand sich ein kleiner Kampong (Dorf) von ungefähr 20 Hütten, in denen die Priesterinnen der Venus vulgivaga wohnten. Darüber erstattete ich dem Residenten dieser Abtheilung Bericht und machte auf die unvermeidlichen Folgen aufmerksam. Sofort erhielt ich zur Antwort, dass der Regent (der eingeborene Fürst) die nothwendigen Schritte thun werde, um meine Vorschläge zur Ausführung zu bringen. Diese waren in der Hauptsache folgende: »Die »=Prostituées=« jede Woche zur Visitation mir vorführen zu lassen, um die Erkrankten sofort ins Spital zu Bandong senden zu können, weil der dortige Bezirksarzt nur einmal in vier Wochen nach Batu Djadjar kommen dürfe.« Der Pâtih (Stellvertreter des Regenten) besuchte mich den folgenden Tag und theilte mir mit, dass in Folge meines Anschreibens auf Befehl des Regenten den folgenden Samstag »alle Frauen zur Visitation kommen müssten, welche keinen Mann hätten«. Schon dieses war über das Ziel geschossen und der Pâtih konnte auf meine Bemerkung, dass in meinem Briefe nur von »Prostituées« die Rede war, nur seinen Befehl vom Regenten entgegenhalten. Noch mehr jedoch erstaunte ich, dass unter den vorgeführten 32 Frauen 4 waren, die zufolge Behauptung des Dorfhäuptlings sicher keine Prostituées sein konnten, weil sie eben noch Jungfrauen seien.
Dieser Missbrauch der Amtsgewalt machte mich auch zum Ehestifter; denn viele brachten junge Männer mit, die erklärten, in den nächsten Tagen schon diese Frau heirathen zu wollen; die Untersuchung dieser Frauen bestätigte es auch, dass sie unmöglich Prostituées sein konnten.
Dieser Vorfall lehrte mich, dass bei der herrschenden Regierungsform eine energische Prophylaxis der Syphilis möglich sei, den guten Willen der europäischen Beamten vorausgesetzt. Dieser fehlt jedoch manchmal, wie folgender Fall zeigt: Im Jahre 1882 war ich in Telok Betong (Sumatra) in Garnison. Eines Tages kam zu mir der Doctor Djava, um folgenden Bericht zu erstatten:
Ein eingeborener Polizeimann habe eine Frau, die schon zweimal von ihm geschieden gewesen sei. (Nach mohammedanischem Rechte und vielleicht nur nach Sitte in der Provinz Lampong muss eine Frau dreimal von ihrem Manne geschieden sein, bevor die Ehe für immer aufgelöst werden kann.) Weil seine jetzige Frau ihn angesteckt habe, wolle er zum dritten Mal sie wegjagen und eine andere junge Frau nehmen. Wie gewöhnlich liess ich erst den Doctor Djava beide untersuchen, und er berichtete auch von der Frau, dass sie in der Vagina Ulcera hätte. Mir kam die ganze Sache recht verdächtig vor; ich sah selbst nach und fand von den Ulc. vaginae keine Spur, wohl aber beim Manne eine frische Urethritis, Ulcera mollia und Bubonen; ich entliess die Frau aus dem Spital und schlug vor, den Mann unter Behandlung zu stellen. Dies geschah jedoch nicht; mit Hinweis auf die herrschenden Bestimmungen, die nur von inficirten +Frauen+ sprächen, wurde der betreffende Polizeimann von dem Secretaris auf seinen Posten ins Innere des Landes zurückgesendet.
Schon an anderer Stelle (Geneeskundig Tijdschrift vor Nederl. Ind. 1883) sprach ich von der Thatsache, dass Indien nur ausnahmsweise schwere Formen der Lues sehe; gegentheilige Behauptungen müssen vorsichtig aufgenommen und kritisch abgewogen werden. Die Lues hat, wenigstens soweit meine Erfahrungen reichen, in Borneo, Sumatra und Java vielleicht an Extensität, aber für keinen Fall an Intensität Europa überflügelt; ziffermässig liesse sich das durch die officiellen Ausweise über den Krankheitsstand des Militärs bestätigen, wenn nur diese Ziffern irgend einen Werth hätten! Wie es damit in Europa aussieht, weiss ich nicht; wahrscheinlich um nichts besser als in Indien. Was kommt in die Rubrik Syphilis? Die Zeiten sind vorbei, wo jeder Tripper und jedes Ulcus am Penis mit S. I oder S. II in die Bücher eingetragen wurden; vielleicht nur, dass noch einige englische Aerzte jede venerische Affection mit Quecksilber behandeln. Auf Singapore wenigstens behandelt Dr. B., der Chef im Spitals der Prostituées, jede primäre Affection der Syphilis mit Sublimat-Einspritzungen; auf meine Frage, in wie viel Fällen die secundären Erscheinungen bei dieser Behandlung ausblieben, wandte sich Dr. B. überrascht zu seinem Apothecary und sprach stolz das grosse Wort aus: »Die kommen bei dieser Behandlung eben gar nicht vor.«
Wie viele weiche Schanker, wie viele unschuldige Ekzeme oder Herpes mögen es auf ihrem Gewissen haben, wenn Dr. B. in dem erhebenden Bewusstsein lebt, er sei im Stande, durch Sublimat den weiteren Verlauf der Lues zu coupiren?!
Wie oft ist an und für sich die Differentialdiagnose zwischen Ulcus induratum und Ulcus molle mit infiltrirtem Boden erst nach Tagen oder gar nach Wochen zu stellen? Und in allen Spitälern stand es früher nur wenige Tage dem Doctor frei, die Diagnose offen zu lassen.
Ein dritter Punkt nimmt den Ziffern allen Werth. Wie lange lässt man, wie lange kann oder darf man einen syphilitischen Soldaten unter Behandlung im Spitals halten? Klar ist, dass er, so lange das Leiden ein ansteckungsfähiges ist, in Spitalsbehandlung behalten werden soll. Abgesehen davon, dass darüber die Ansichten noch himmelweit auseinandergehen, nehmen die Verhältnisse noch einen enormen Einfluss. Ich z. B. würde keinen Augenblick anstehen, in einem kleinen Fort mit 70 bis 100 Mann, wo durch zufällige Umstände jede zweite oder dritte Nacht der Soldat Schildwach stehen müsste, alle Patienten mit Roseola, Angina, kleinen indolenten Bubonen, Sarcocele u. s. w. der Spitalbehandlung zu entschlagen und ambulatorisch zu behandeln.
Im Jahre 1883 lag seit sechs Wochen ein europäischer Soldat zu Seruway (Sumatra) mit einem faustgrossen Tumor testis syphilit. im Spitale. Bei der Uebernahme des Dienstes äusserte der Patient den Wunsch, ambulatorisch behandelt zu werden. Mein an Dienstjahren wenigstens noch junger Vorgänger war nicht wenig überrascht, als ich sofort die Einwilligung dazu gab.
Darin sind alle Militärärzte einig, dass unmöglich der ganze Cyclus der Lues im Spitale abgewartet werden kann. Die Schwankungen in der Zeit, +wann+ der Patient zeitweilig keiner Behandlung oder wenigstens nur einer ambulatorischen zu unterziehen wäre, müssen natürlich auch die statistischen Angaben über Syphilis enorm unsicher machen. Darum bringe ich keinen ziffermässigen Beleg für meine obige Behauptung.
Dass die venerischen Erkrankungen in Indien sehr häufig sind, dass die indische Armee reiche Syphilisfälle aufweise (das grosse allgemeine Krankenhaus in Wien hat ja auch 10%), dass jedoch nur als seltene Ausnahme schwere erschöpfende Formen vorkommen, kann jeder Arzt bestätigen, der vorurtheilsfrei beobachtet und kritisch zu Werke geht.
Die Verhältnisse in Indien und die Lebensweise sind ja die günstigsten, das syphilitische Gift zu schwächen. Ich habe während meines 8jährigen Aufenthaltes in Indien kein einziges skrophulöses Individuum gesehen und nur einen einzigen Eingeborenen mit einer bedeutenden Kyphose. Das Leben in der freien Luft, die eiweissreiche Volksnahrung (Reis), die besonders für Europäer günstigen socialen Verhältnisse, die täglichen Bäder und vielleicht auch die reichliche Transpiration erhöhen gewiss die Widerstandskraft des Körpers gegen den syphilitischen Process.
Die Häufigkeitsscala der einzelnen syphilitischen Formen entspricht so ziemlich der in Europa bekannten. Ulcus, Adenitis, Roseola, Angina, Rupia, Iritis (cyclitis), Psoriasis u. s. w. folgen sich so ziemlich in Indien wie in Europa; auch das gleichzeitige Auftreten einzelner Symptome bindet sich dort an eine gewisse Regelmässigkeit, so dass z. B. die Rupia kaum jemals gleichzeitig mit der ersten Roseola beobachtet wurde. -- Von den schweren Formen, wie z. B. Psoriasis universalis, Knochensyphilis, Syphilis der inneren Organe, deletäre Iritiden, durch ihre zu grosse Ausbreitung erschöpfende Rupia- oder Ecthymageschwüre u. s. w. sah ich nur ausnahmsweise und hörte ebenso selten davon Erwähnung thun.
Die Behandlung der Syphilis in Holländisch-Indien richtet sich unter den europäischen Aerzten so ziemlich nach der betreffenden heimathlichen Schule; der Eine behandelt die secundäre Form mit Quecksilber, der Andere alle Fälle, die ihm unterkommen, ohne einen Unterschied in dem Stadium der Erkrankung zu machen, beinahe Alle jedoch unterscheiden scharf zwischen Ulcus molle und Syphilis und behandeln ersteres entweder exspectatif oder mit Jodoform oder Cuprum sulf. u. s. w. und beschränken die Mercurbehandlung nur auf Syphilis; einzelne enthalten sich dieser ganz und gar. Von einer einheitlichen Behandlung der +Eingeborenen+ jedoch kann kaum die Rede sein; in Sumatra z. B. werden alle Geschwürsformen von den Chinesen ebenso mit Mercurius vivus bekämpft wie in Bantam mit kupfernen durchlöcherten Blättchen. Der zweite Theil von Dr. van de Burg: »De Geneesheer in Indien« wird wohl mehr darüber bringen, und ich will hier nicht zu weitläufig werden.[44]
Die Prophylaxis der Syphilis und ihre Verbreitung im indischen Archipel ist enge gebunden an das sociale, politische und religiöse Leben der indischen Nationen. Nur Java, Borneo und Sumatra können hier besprochen werden, weil ich nur diese drei Inseln aus Autopsie kenne und die Aufnahme von Erfahrungen Anderer nicht in den Bereich dieser Abhandlung ziehen möchte. Die malayische Bevölkerung dieser drei Inseln ist mohammedanischen Glaubens; sie kennen also die Circumcision bei den Knaben und Mädchen und die Depilation des Mons veneris. (Rosenbaum: Lustseuche im Alterthume.) Es ist aber unrichtig, die Depilation als allgemeine Volkssitte in Asien hinzustellen; denn nur Tänzerinnen, Prostituées u. s. w. ziehen sich die Haare vom Venushügel aus, wenn sie noch nicht den Rubikon (18. bis 20. Lebensjahr) überschritten haben; sie wollen sich dadurch das Air einer +sehr jungen+ Frau geben. Der prophylaktische Werth dieser Operation ist nicht zu verkennen, wie auch das Glätten der Haut mit Bimsstein (Rosenbaum) und das Beschmieren des Körpers mit Oel die Empfänglichkeit für die Aufnahme des syphilitischen Giftes schwächt.
Im Norden Sumatras ist Päderastie[45] landesüblich, und noch bei meinem letzten Aufenthalte in Seruway (Atschin) hatte ein Atjeër einen jungen Mann (Knaben) getödtet, der einem Dorfgenossen zu Willen gewesen war, ihn jedoch verschmähte. Die Mohammedaner baden von Gesetzeswegen wenigstens einmal täglich, waschen sich nach den diversen Entleerungen und ebenso nach dem Coitus.
In Borneo wohnen im Innern des Landes, mit Ausnahme des unteren Laufes der grossen Ströme (z. B. des Baritu, wo die Bekompeyer dem Islam angehören), Dajaker, Heiden, welche Jahr aus Jahr ein Feste feiern. Aus den grossen Blanggas (Töpfen aus der Hinduzeit) wird der Tuwak (gegohrenes, braunliches, schwachalcoholisches Getränke aus Reis oder Blüthe der Saquerns saccharifer, oder Boranus flabelliformis u. a.) in grossen Schalen von Alt und Jung, von Mann und Frau Tage lang getrunken. Erst die Nacht macht dem Trinken ein Ende.
Ein ganzes Dorf (besonders auf dem Ufer des erwähnten Baritu) wohnt in einem langen Hause; in einer Veranda versammeln sich alle Gäste zur Nachtruhe; das kleine Lämpchen, gefüllt mit Damarharz, erlischt sehr bald, und zügellos blindlings werden da Orgien verübt, vor denen nicht nur die keusche Diana, sondern auch Venus sich beschämt verhüllt. Wenn Schiffe nach Java aus Europa und Amerika kommen, besonders Segelschiffe, die Monate lang auf der See schwammen, sieht man ganze Boote oft mit 30-40 Frauen von Batavia oder Surabaya in die hohe See stechen, um die liebesdurstenden Matrosen zum schaukelnden Schäferstündchen zu verlocken. Nach 10 Uhr Nachts fahren in den belebtesten Theilen von Batavia kleine Wagen mit je einer Frauensperson, welche sich anbietet, auf und nieder. Auch im Punkte der ehelichen Treue scheinen alle Nationen etwas auf dem Kerbholze zu haben, obschon gewisse Maulhelden offenbar der Uebertreibung Meister sind. Die sogenannten Haushälterinnen jedoch, welche den besser situirten europäischen Beamten, Officieren u. s. w. ein Surrogat der Ehe bieten, seien sie Eingeborene oder seien sie halbeuropäische Frauen, sind beinahe ausnahmslos mehr oder weniger Allerweltsfreund. Feste, Kartenspiele, die Gluth der Tropensonne und eigenthümliche sociale Verhältnisse erhöhen also im Vergleich zu Europa das geschlechtliche Leben in Indien und mit diesem auch die Gelegenheit zur Verbreitung der venerischen Krankheit.
Weder die alten Römer, noch die Griechen, noch die Araber erwähnen der Syphilis; dass sie zu jener Zeit noch nicht existiert habe, ist dadurch noch nicht erwiesen. (Dass in den Inseln des indischen Archipels syphilisfreie Reiche seien, kann man sich jedoch durch Autopsie überzeugen.) Doch von Affectionen der Genitalien sprechen schon Celsus und andere Schriftsteller. Dioskorides giebt auch Heilmittel gegen Kondylome an den Geschlechtstheilen u. s. w. an. Auch im Mittelalter waren venerische Krankheiten sehr gut bekannt, und 1347 verlangte Königin Johanna I., dass »die Puellae publicae im Bordell zu Avignon alle Samstage von der Frau Amtmännin und einem Wundarzte untersucht werden, und wenn eine mit dem aus der Hurerei entstandenen Uebel behaftet gefunden wird, soll man sie von den übrigen entfernen, damit sie sich Keinem mehr preisgebe und die Jugend anstecke«. Selbst die neueste Zeit fasst Krankenbilder in einem Rahmen und bringt sie in einen causalen Zusammenhang, die noch im vorigen Jahrhundert in ihrer Totalität unbekannt waren, z. B. Morb. Basedowii. So ist es ganz verständlich, dass specifische Ulcera u. s. w. mit consecutiver Roseola u. s. w. vorkamen, ohne dass man deren Zusammenhang ahnte und ihnen einen gemeinsamen Namen gab. Man hat also nur wenig Anlass, einen exotischen Ursprung der Syphilis zu suchen.
Im Jahre 1521 erscheint zum ersten Male dieser Collectivname. Natürlich musste Amerika der Sündenbock und als die Pflanzstätte der Lustseuche verschrieen sein. 1493 kam zum ersten Male Columbus nach Europa zurück, und schon 1483 war ein epidemisches Auftreten in Rom constatirt worden. Demungeachtet citiren alle Schreiber (auch Prof. Bäumler in Ziemssens »Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie«) den Gonzalo Hernandez de Oviedo als maassgebende Autorität für die Abstammung der Syphilis aus Amerika, weil er bei seinem Aufenthalt in Haiti 1513 diese Thatsachen constatiren zu können glaubte.
Sei die Syphilis ein amerikanisches Product, hätten sie die Franzosen, oder die Italiener, oder die Deutschen in die Welt gebracht, in Indien und speciell in dem indischen Archipel folgt sie nur der Spur der Europäer. Java entzieht sich heute schon einem diesbezüglichen objectiven Nachweis; nicht so das jungfräuliche Borneo und Sumatra. Im Jahre 1877 sass ich im Herzen Borneos, in Muarah Teweh; hier sah ich, was eine zweckmässige und gut durchgeführte Prophylaxis leisten könnte; während 3½ Jahren kam kein einziger Fall von recenter Syphilis vor. Auf dieser Insel lässt sich die Ausbreitung der Syphilis gut verfolgen. Die malayischen Frauen auf der Küste und dem unteren Theile der grossen Ströme stehen in innigem Verkehr mit den Europäern, sei es als Haushälterinnen, sei es als Prostituées oder dienstwillige verheirathete Frauen; auch im Innern des Landes, so weit eben Garnisonen liegen, die mit den dajakschen Frauen in Contact kommen, wurde Syphilis unter den Eingeborenen gesehen. Von diesen kann nur schwer eine weitere Verbreitung erfolgen, weil die freien und relativ unabhängigen Stämme im Innern des Landes in steter Feindschaft mit den übrigen stehen; auch die Handelsleute, Bekompeyer oder Chinesen, die sich ins Innere des Landes, selbst bis in das Reich der Waldmenschen wagen, können die Lues nicht verpflanzen; sie haben ihren Kopf zu lieb, um ihn einem Schäferstündchen zu opfern. Auch die Soldaten in Muarah Teweh gaben kein einziges Mal sich mit den Dajaker-Frauen ab, darum habe ich auch keinen einzigen Fall von recenter Syphilis unter ihnen gesehen, obwohl ich 100-200 Dajaker zur Behandlung bekam. Ich besuchte ihre Dörfer, ihre Feste, ich stand durch meine Beschäftigung mit dem Ausstopfen der Thiere im innigen Verkehr zu ihnen, ich wurde zur Behandlung von Patienten in ihre Wohnräume gerufen, und niemals sah ich ein luetisches Individuum, obwohl ich dieser Sache die grösste Aufmerksamkeit schenkte; ihre Priester und Priesterinnen sind im strengsten Sinne des Wortes Prostituées; ihre zahlreichen Feste, ihre mangelhafte Toilette und das enge Zusammenleben auf einem kleinen Raume würden die Verbreitung der Lues, falls dieselbe überhaupt vorkäme, enorm begünstigen.
Java erfreut sich diesbezüglich leider schon eines grösseren Terrains. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurden die Holländer nach und nach Herren der Insel, und selbst die zwei selbständigen Kaiserreiche Solo und Djocja haben europäische Garnisonen. Und doch giebt es noch einzelne Strecken, die frei von Syphilis sind. Mir ist z. B. der +Süden+ der Provinz Bantam etwas mehr bekannt. Abseits der grossen Strassen liegen noch Kampongs (Dörfer), wohin niemals ein Europäer kommt und deren Bewohner kaum jemals ihren Geburtsort verlassen.[46] Dort sind die Frauen auch nicht so liederlich, zeigen eine weitgehende Zurückhaltung gegen die Europäer und geben also wenig Gelegenheit, die Syphilis aufzunehmen und zu verbreiten. Kam ich (1881) in ein solches Dorf, um die armen Menschen, die durch Malariafieber und Hunger erschöpft, auszusterben drohten, wenn die holländische Regierung sich ihrer nicht erbarmt hätte, so war es mir Anfangs nicht möglich, die Frauen zu Gesichte zu bekommen; nach und nach erst entschlossen sie sich, Medicamente und Lebensmittel von mir anzunehmen, die durch europäische Krankenwärter vertheilt wurden. Sumatra bietet Verhältnisse, die mehr jenen von Borneo gleichen.
Die politische Abhängigkeit der Stämme auf dieser Insel unterliegt allen möglichen Abstufungen. Der südliche Theil -- die Provinz Lampong -- die Provinzen Palembang und Benkalen haben eine geregelte europäische Verwaltung und sind daher sanitären Maassregeln zugänglich. Die sogenannte Ostküste befindet sich erst in einem Uebergangsstadium; das Innere des Landes hat bis jetzt nur wenigen Europäern den Zutritt erlaubt. So ist die »Lampong« besonders durch die Frauen von der Küste Bantams schon eine Brutstätte der Syphilis geworden, und in der Ostküste mit dem Hafenplatz Labuan Deli beginnt diese Krankheit mit Riesenschritten ihren siegreichen Einzug in das Land zu nehmen.
»Noch vor 25 Jahren,« so berichtet der »Javabote« in einer Nummer des vorigen Jahres aus Anlass einer von mir erschienenen Abhandlung, »war das Medan (Hauptplatz der Provinz) frei von Syphilis; heute ist sie auf dem Hafenplatz und in der Hauptstadt in floribus, und schon unter den Bewohnern der »Tamiang« konnte ich einige Fälle constatiren. Kommen einmal die einzelnen Stämme zur Ruhe, die sich jetzt an der Grenze Atjehs und Battakers bekämpfen, und tritt dann ein inniger Verkehr zwischen den Soldaten und den eingeborenen Polizisten ein, dann wird auch das Innere Sumatras schon in wenigen Jahrzehnten der Lues und dem Branntwein verfallen sein; denn weder +alle+ Officiere noch die +jungen+ Beamten, welche im Innern des Landes die Pioniere der Civilisation vergegenwärtigen, begreifen die prophylaktischen Bestimmungen in ihrer ganzen Tragweite.
Die individuelle Prophylaxis gegen die Syphilis muss besonders in Indien gegen die staatliche in den Hintergrund treten; denn die Eingeborenen zeigen sich bis jetzt beinahe unzugänglich selbst den einfachsten hygienischen Begriffen gegenüber; die dazu berufenen Lehrer, die eingeborenen Heilkünstlerinnen, nicht viel mehr, so dass von dieser Seite sehr wenig zu erwarten ist; Condome, abgesehen von ihrer fraglichen Wirksamkeit, können an und für sich niemals in der grossen Menge Gebrauch finden, und die Waschungen der Genitalien u. s. w. werden dort aus religiösen Anschauungen besonders bei den Frauen Schwierigkeiten finden, wenn sie sich weiter erstrecken sollten, als auf ein oberflächliches Abspülen. Mässigung und Vorsicht in der Befriedigung der Geschlechtslust würde der Eingeborene ebenso wenig acceptiren, als etwa der europäische Soldat im Gebrauche der Alcoholica. Die staatlichen Vorsichtsmaassregeln können nur dann viel leisten, wenn die damit betrauten Organe auch den Geist der gesetzlichen Bestimmung erfassen.
So lange im Innern des Landes +junge+ Männer die Regierung repräsentiren, die nur zu oft dem Kitzel, von den Eingeborenen als +unbeschränkte+ Alleinherrscher angesehen zu werden, alles opfern, und so lange einzelne Officiere, in ähnlichen kleinlichen Ideen befangen, dem Militärarzt nicht die nothwendige Unterstützung verleihen, wird dem Fortschritt der Syphilis kein Damm gesetzt werden. Die Dukuns, eingeborene Frauen, die in der Regel Hebammen sind, jedoch für alle möglichen Krankheiten die Kräuter sammeln, stehen ganz ohne Controle; Unterricht geniessen sie keinen.[47] Die Tradition von Grossmutter auf Mutter u. s. w. ist der einzige Lehrmeister; äusserliche Manipulation in allen möglichen Formen (selbst bis zum Besteigen des schwangeren Uterus, um die verzögerte Geburt zu beschleunigen), und die Verabreichung von einer grossen Zahl von Medicamenten sind ihre geburtshilflichen Wissenschaften, für die gewöhnlichsten Anforderungen der Reinlichkeit haben sie kein Verständniss. Der Verbreitung der Syphilis mag +ihr+ künstlerisches Wirken eher zu statten kommen, als hinderlich sein.
Die Ammen kommen hier kaum in Betracht, weil die meisten eingeborenen Frauen stark entwickelte Brustdrüsen haben und daher selten ihre Kinder von Anderen säugen lassen, und die Europäerinnen, falls sie sich schon den Luxus einer Amme verschaffen müssen, die nöthige Vorsicht bei der Aufnahme einer solchen Frau üben. Diese Vorsicht kann nicht genug geübt werden, weil nur der Auswurf der malayischen Bevölkerung eine Amme abgiebt; sie wird ja nach mohammedanischen Begriffen dadurch verunreinigt.
Die Vaccinateurs sollten jedoch besser beaufsichtigt werfen, als es bis jetzt geschah. Auspitz’ Experimente zeigen, dass der Inhalt der Vaccinepustel niemals Träger des Syphilisgiftes sei; also nur das Blut. Alle Aerzte sind per se in Indien betraut mit der Aufsicht über die Vaccination. Nur selten jedoch geht diese weiter als bis zur Uebernahme der statistischen Berichte von den Vaccinateurs.