21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.

Part 21

Chapter 213,634 wordsPublic domain

Jene Civilärzte, welche im Innern des Landes eine monatliche Zulage als Gerichtsärzte bekommen, sowie der erste Stadtarzt in den grossen Städten sind mit der Aufsicht über die Impfung betraut. Die Oberaufsicht über die Vaccination führt jedoch ein »Inspector« von der »bürgerlijk geneeskundige dienst«. Die Impfung geschieht nämlich nicht von Aerzten, und nicht einmal von den »Doctoren djawa«, sondern von Vaccinateuren, d. h. von Eingeborenen, welche bei einem alten Vaccinateur Monate oder Jahre lang assistiren, sich nach einiger Zeit bei irgend einem Arzte einer Prüfung unterwerfen, von diesem ein Zeugniss ihrer theoretischen und praktischen Befähigung ausstellen lassen, und bei einer etwaigen Vacatur auf Grund dieses Zeugnisses sich um diese Stellung bewerben. Sein Gehalt beträgt 30-50 fl. monatlich. Dieses System hat sich bis jetzt sehr gut bewährt, und es geschieht sehr häufig, dass selbst europäische Mütter von dem eingeborenen »Mantri Djadjar« = Vaccinateur ihre Kinder impfen lassen, weil er mit einem bescheidenen Honorare sich zufrieden giebt. Der Vaccinestoff ist seit einigen Jahren vorherrschend ein animaler; er wird in Weltevreden auf gewöhnliche Weise gewonnen und nach dem ganzen Archipel an die Vaccinateure und Doctoren gesendet. Die Ersteren, welche von Dorf zu Dorf wandern müssen, gebrauchen natürlich noch sehr oft die humanisirte Lymphe; die Doctoren jedoch, welche zur Impfung gerufen werden, lassen sich in der Regel, ich glaube gegen eine Bezahlung von 2 fl., eine Phiole animaler Lymphe kommen, um damit gleichzeitig einige Kinder ihrer Clientel zu impfen. Dort, wo keine Civilärzte sind, ist der älteste Militärarzt mit der Aufsicht über die Vaccination betraut, muss jedes Jahr eine Inspectionsreise in seinem Vaccinationsbezirk machen und darüber einen ausführlichen »Rapport« einreichen. Nur einmal, und zwar im Jahre 1882, sah ich mich bei einer solchen Inspectionsreise veranlasst, radicale Maassregeln an den Residenten vorzustellen und hierüber an den Sanitätschef zu berichten, welcher mir auch einige Worte der Anerkennung dafür schriftlich sandte. Im zweiten Theile werde ich darüber ausführlicher sprechen, weil es ein schönes Fest war, welches ich damals im Innern von Sumatra gesehen habe; aber das Resultat meiner Inspection war damals ein trauriges. 500 junge Mädchen wurden mir vorgeführt, und bei einer grossen Anzahl derselben waren die alten Narben die von grossen Geschwüren; auch unter den jüngsten, d. h. welche erst vor 14 Tagen eingeimpft waren, befanden sich zahlreiche grosse Geschwüre. Mich mit einer genaueren Untersuchung dieser Geschwüre einzulassen, war nicht möglich, wie wir sehen werden. Ich stellte jedoch dem Residenten, der gleichzeitig dort anwesend war, vor, den Vaccinateur nach dem Hauptplatze zurückgehen zu lassen, um bei mir einige Lectionen zu nehmen, den alten Vaccinestoff aussterben und neue Lymphe von Batavia kommen zu lassen.

Seit einigen Jahren wird eine antiseptische oder vielmehr aseptische Impfung von den Vaccinatoren verlangt; ich zweifle aber sehr, ob ohne Controle diese auch ausgeführt wird. Der Vaccinateur führt zwar ein Fläschchen mit Carbol und Sublimat mit sich; wenn er jedoch im Kampong 50-100 eingeborene Kinder zu impfen hat, wird sich seine Antisepsis wohl nur darauf beschränken, mit einem schmutzigen Lappen den Arm mit Carbol zu befeuchten und das Messer damit abzuwischen. Aber, wie gesagt, dennoch ist der Vaccinateur »the right man in the right place«; denn ohne grosse Auslagen wird der Segen der Vaccination bis in die entferntesten Kampongs des ganzen indischen Archipels eingeführt.

10. Capitel.

Geographie von Borneo -- Reise des dänischen Gelehrten Dr. Bock -- Besteigung des Berges Kinibalu -- Die Syphilis in Indien -- Beschneidung.

Dr. Posewitz, welcher mein Nachfolger in Buntok wurde, hat nicht nur die Geologie der Insel Borneo ausführlich beschrieben, sondern auch mit gründlichem Fleisse die Namen aller Gelehrten gesammelt, welche sich mit der Ethnographie, Geographie und allen verwandten Wissenschaften dieser Insel beschäftigt haben.

Ob aber die Karte von Borneo in dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff, welcher in den Jahren 1883-1885 verfertigt wurde, sich auch auf die Untersuchungen +dieses+ Geologen basirt, ist mir nicht bekannt; auch kenne ich die Quelle nicht, welcher diese beiden Kartographen die Höhenangaben der einzelnen Berge von Borneo entnommen haben.

Borneo zerfällt in drei Theile: 1. Der Süd-Osten Borneos, dessen Grenze im Norden der Gebirgszug ist, welcher von der nördlichsten Spitze zur Westküste parallel mit der Nordküste zieht, im Westen der »westliche Theil« von Borneo, im Süden die Javasee und im Osten die Strasse von Makassar. Das Innere und der Süden des Landes, welcher früher das Bandjermasingsche Sultanat genannt wurde, ist seit dem Jahre 1864 direkter holländischer Besitz, während die Ostküste aus einzelnen kleinen Staaten[37] besteht, welche unter malayischen Fürsten in grösserem oder kleinerem Maasse die Souveränität der holländischen Regierung anerkannt haben. Der mächtigste und einflussreichste dieser Fürsten ist der Sultan von Kutei.

2. Die »westliche Hälfte« der Insel mit der Hauptstadt Pontianak ist ebenfalls im Besitze der Holländer.

3. Der Norden Borneos steht unter englischer Oberherrschaft und besteht aus den Staaten Saba, Brunei und Serawak mit der Insel Labuan.

Die triangularische Aufnahme dieser Insel hat sich bis jetzt auf die der Küste beschränkt, während die anderen Inseln des indischen Archipels so ziemlich genau schon bekannt sind. So ist z. B. die triangularische Aufnahme der Insel Sumatra im 1. Grad und die von Java schon seit langer Zeit im 2. Grad vollendet. Wann es möglich sein wird, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche mit einer triangularischen Aufnahme von Borneo verbunden sind, lässt sich natürlich heute nicht feststellen.

Der Lauf der Flüsse wird von den europäischen und eingeborenen Beamten aufgenommen, wenn sie auf ihren Kähnen das Land durchziehen. Natürlich hat diese Aufnahme nur dann einen dauernden Werth, wenn es sich um den Lauf der Flüsse +jenseits+ des angespülten Landes handelt; denn im Alluvium und im Diluvium ist das Bett der Ströme ein ewig wechselndes.

Der Lauf der Gebirge hat die Form einer Gabel mit vier Zinken, und es hat also Borneo eine vierfache Wasserscheide, und zwar mit sehr grossen Strömen. Die bedeutendsten Flüsse dieser Insel sind folgende: An der Nordküste der Rajang- oder Redjangfluss, der Beram- und der Bruneifluss. An der Ostküste münden der Kinabalang-, Bulangan-, Mahakam- und der Pasirfluss. In die Javasee ergiessen sich der Baritu, Kapuas Murong (= kleiner Dajakfluss) und Kahajan (= grosser Dajakfluss), welche nicht weit von der Mündung ineinanderströmen und zwei Inseln bilden, und zwar die Inseln (Pulu) Petak und Kupang; nebstdem wären an der Südküste noch erwähnenswerth die Flüsse Katingan-, Sampit- und Pembuasfluss (Fig. 8). An der Westküste ist der Kapuas der einzige bedeutende Fluss, welcher mit zahlreichen Kanälen und Armen sich in die Karimatastrasse ergiesst.

Was die Orographie dieser Insel betrifft, so lässt sie noch viel zu wünschen übrig; nur von einzelnen Bergen ist die Höhe bekannt. So z. B. sollen im Osten der Insel die Berge Melihat und Beratus +ungefähr+ 1000 Meter hoch sein, während in der Nähe der Nordküste (116° 30′ O. L. und 6° N. B.) der Kinibalu eine Höhe von 4170 Meter haben soll.

Es sind, wie oben erwähnt wurde, vier Gebirgszüge, welche Borneo durchziehen. Der erste beginnt von der nördlichsten Spitze und zieht beinahe parallel zur Nordküste nach Westen und bildet theilweise mit seinem Bergrücken die Grenzlinie zwischen Serawak und dem holländischen Borneo. Der zweite Gebirgszug zieht nach dem Südwesten und ist die Grenze zwischen dem westlichen und südöstlichen Theil von Borneo. Der dritte geht beinahe in senkrechter Linie nach Süden und der vierte in einer concaven Linie nach dem Südosten der Insel und scheidet die mehr oder weniger abhängigen Staaten mit eigenen Fürsten von dem ehemaligen Bandjermasingischen Reiche.

Der höchste Berg der Insel ist der bereits erwähnte Kinibalu, der durch seine Lage in der Nähe der Nordküste den Seefahrern nach China und Java hinreichend bekannt ist; auf der Westseite hat seine Spitze die Form eines abgestumpften Kegels.

Schon vor 40 Jahren, und zwar im Jahre 1858, wurde die Besteigung desselben versucht, und zwar von zwei Seiten. Die erste Expedition wollte die Quelle des Tampasuk aufsuchen und von dort aus den Gipfel erreichen (April 1858). Längs dieses Flusses drang man vorwärts; »die Schwierigkeiten waren nicht geringer Natur, denn bald war der Fluss zu durchwaten, bald ging es über zerbröckelte Granitfelder, bald durch Urwälder. Tief hatte der Strom und seine zahlreichen Nebenflüsse den Boden durchwühlt; Landstürze und Erdrutsche bedrohten die Reisenden von allen Seiten, und selbst ungeheure Granitblöcke, die ursprünglich auf dem Gipfel des Berges gelegen haben mochten, waren durch die Gewalt des Wassers weit ins Land hineingeführt. Nach den starken wolkenbruchartigen Regengüssen, die im Innern Borneos keineswegs zu den Seltenheiten gehören, steigen die wilden Ströme oft binnen wenigen Stunden 50 Fuss hoch und reissen dann mit unwiderstehlicher Gewalt Alles, was ihnen in den Weg kommt, selbst die schwersten Felsmassen, wie leichte Spielbälle mit sich fort. Die von ihnen weggeschwemmte Erde wird lange Zeit im Wasser schwebend erhalten und erst an den Küsten abgesetzt, wo sie dann den fruchtbaren Alluvialboden bilden hilft.«

»Die Natur an den Abhängen des Kinibalu ist ungemein reich, namentlich wachsen hier die schönen Nepenthes-Arten und rothe, gelbe oder violette Alpenrosen. Die Kälte nimmt zu, je näher man dem Gipfel kommt, und als die Reisenden die zweite Nacht nach ihrem Aufbruche in einer Höhle zugebracht hatten, fanden sie am andern Morgen alle Gebüsche mit Reif überzogen. Auf die Rhododendron-Büsche folgte nacktes granitisches Gestein, und aus diesem erhob sich, 3000 Fuss hoch, noch fast senkrecht ansteigend, der Gipfel des Berges. Hier und da strömten kleine Wassergerinnsel über den Granit, und kleines Strauchwerk wuchs spärlich in den geschützten Winkeln der Felsvorsprünge. Da die Felsen fast unter 40° ansteigen, so versuchte Spencer St. John (dies ist der Name des kühnen Gelehrten), die Ersteigung mit wollenen Strümpfen durchzusetzen; diese zerrissen jedoch bald, und seine Füsse begannen zu bluten. Ausser einigen Moosen und Gräsern wuchs an dieser Stelle nichts weiter.« (Friedmann.)

Die zweite Expedition, welche einige Monate später erfolgte, war aus denselben Ursachen nicht glücklicher. Sie folgte dem Lauf des Flusses Tawaran (auf der Westseite des Berges), ohne die Quelle dieses Flusses zu finden oder den Gipfel des Berges zu erreichen.

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Wenn auch im letzten Capitel die Geschichte der südöstlichen Hälfte Borneos mitgetheilt und es unvermeidlich sein wird, einige Namen von Städten, Bezirken und kleinen Reichen anzuführen, so glaube ich doch, an dieser Stelle mich nicht mehr, als gethan ist, mit der Geologie, Hydro- und Orographie des Landes beschäftigen zu müssen, weil jeder, der sich dafür interessirt, in Dr. Posewitz’s Geologie von Borneo eine reiche Quelle findet, aus welcher er nicht nur alles findet, was die Geologie des Landes betrifft, sondern auch eine übersichtliche Angabe aller Reisenden, welche diese Insel auch im Interesse anderer Wissenschaften durchzogen haben.

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Die südöstliche Hälfte Borneos wurde bis jetzt nur von einer kleinen Anzahl von Gelehrten durchforscht. Der erste war ein Sergeant der indischen Armee, Namens F. J. Hartmann, welcher im Jahre 1790 den Baritustrom bereiste, und der letzte war Dr. Bock, ein dänischer Gelehrter, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes, und zwar im Jahre 1879, mit dem Sultan von Kutei die Reise durch das Innere des Landes anfing und den letzten Theil allein zurücklegte. Der bedeutendste Forscher jedoch war Schwaner, welcher in den Jahren 1844 bis 1847 Borneo vom Süden nach dem Westen durchzog und geradezu ein standardwork über die Ethnographie der Dajaker schrieb, welches jedoch leider in vielfacher Richtung schon veraltet genannt werden muss. Uebrigens haben auch G. Müller 1825, Hallewyn 1824-25, Dalton 1827, Henrici 1831, S. Müller, Horner und Korthals 1836-39, Heinrich von Gaffron (gleichzeitig mit Schwaner) und Dewall 1846 bis 1849 zur Erforschung dieses Theiles von Borneo bedeutende Beiträge geliefert,[38] welcher 361653 ☐kmeter gross ist und im Jahre 1883 645772 (??) Einwohner zählte.

Wie erwähnt, zog Dr. Bock im Jahre 1880 mit dem Sultan von Kutei (Ostküste von Borneo) von der Hauptstadt dieses Reiches, Samarinda, über Land nach Bandjerma+sing+.

So manchem Leser wird es aufgefallen sein, dass ich constant von Bandjerma+sing+ schreibe, während die meisten Reisenden, und auch der erwähnte grosse Atlas von Stemfoort und ten Siethoff, der Hauptstadt des südöstlichen Borneos den Namen Bandjerma+sin+ geben. Für meine Schreibweise habe ich jedoch eine historische und etymologische Rechtfertigung.

In vielen alten Handschriften wird von dem Lande von Banjerma+singh+ gesprochen. So z. B. schreibt die »hohe indische Regierung« in ihrem Briefe vom 25. Februar 1660 an den »Kaufmann« Dirk van Lier: »Omdat het land van Banjerma+singh+ groote Quantiteit pepers jaarlijks mitgeven kann .... dat zij zich vermeten hebben Oud-Banjerma+singh+ ...« Auch der bekannte Reisende Valentyn schreibt den Namen mit einem gh am Ende.[39]

Der Name Bandjermasing wird aber auch dem Barituflusse gegeben. Dies ist jedoch ganz unrichtig. Die Stadt Bandjermasing liegt nämlich gar nicht an den Ufern dieses Stromes, sondern an seinem Nebenflusse Martapura. Auch die Dajaker nennen diesen Strom niemals Bandjermasing, sie sprechen nur von einem Baritu- oder Dussonflusse. Von der Mündung bis ungefähr zum Kampong Baru (1° 20′ S. B.) nennen sie ihn den Baritustrom; von hier aus bis zum Nebenflusse Montalat (0° 35′ S. B.) führt er den Namen Dusson ilir = unterer Dusson, und Dusson ulu = oberer (Lauf des) Dusson heisst er bis zur Vereinigung der Belatong- und Murongflüsse (0° 45′ N. B.), welche für die Quellen dieses mächtigen Stromes gehalten werden.

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Wenn ich mit einigen Zeilen das Werk des dänischen Dr. Bock »Unter den Kannibalen auf Borneo«, oder vielmehr seine Reise vom Osten nach dem Süden der Insel Borneo bespreche, leiten mich mancherlei Motive. Wenn er z. B. im 21. Capitel schreibt: »Was die Sittlichkeit betrifft, so bin ich geneigt, den Dyaks eine hohe Stufe der Civilisation zuzugestehen,« so fehlt mir jedes Verständniss für diese Phrase.

Ich weiss, dass Dr. Bock nur kurze Zeit auf Borneo geweilt hat, dass Dr. Bock wie alle andern Reisenden nur ein Ziel kannte: In möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen; dass Dr. Bock zur Erwerbung ethnographischer Thatsachen nur die Mittheilungen seiner Dolmetscher oder Führer benutzen konnte; Dr. Bock konnte also gar nicht in die Tiefe der Sitten und Gebräuche der Eingeborenen eindringen, und doch -- fällt er ein Urtheil. Ja noch mehr. Vom 16. Juli 1879 bis 3. März 1880 war er auf Borneo, hörte in Teweh, dass sich in Buntok ein Arzt befinde, der sich mit dem Sammeln von Fischen und Schlangen beschäftige und tausende und tausende Käfer bereits nach Europa gesendet hatte u. s. w. Am helllichten Tage zog er mit seinem Kahn bei Buntok vorbei und fand es nicht der Mühe werth, diesen Collegen aufzusuchen und seine Sammlungen anzusehen, obzwar dieser drei Jahre lang an der Mündung des Teweh gewohnt hatte und gewiss mehr als er (Dr. Bock) Gelegenheit hatte, ein Urtheil über die Fauna von Borneo sich anzueignen. Ich kenne die Ursachen dieser beschleunigten Rückreise nach Bandjermasing; ich kann sie aber nicht billigen.

Nachdem Dr. Bock seinen Ausflug zu den O. Punang beendigt hatte, und zwar, indem er den Mahakamfluss und seine Nebenflüsse Telen und Klintjoû stromaufwärts mit Kähnen gefahren war, war er nach Samarinda zurückgekehrt, um mit dem Sultan von Kutei die Reise nach dem Strome Baritu über Land zu machen. Er zog noch einmal den Mahakamfluss stromaufwärts bis zum Semajangsee, den er, wie auch den folgenden Djempangsee, mit einem Kahn befuhr, und auf dem Lawafluss kam er in die Wasserscheide des östlichen Gebirgszuges. Eine kurze Strecke mussten sie zu Fuss das Gebirge überschreiten, um in dem Renangonfluss, welcher ein Nebenfluss des Teweh ist, wieder mit Kähnen die Reise fortsetzen zu können.

Das Reisetempo des Sultans war ihm jedoch zu langsam, so dass er sich entschloss, seinen Reisebegleiter zu verlassen, und allein Teweh erreichte, wo sich bereits ein holländisches Kriegsschiff befand, um ihn und den Sultan von Kutei cito et jucunde nach Bandjermasing zu bringen.

Warum Dr. Bock in der Einsiedelei dieses Ortes, welcher kurz vorher von uns verlassen war, auf dem Kriegsschiffe seine Aufwartung +nicht+ machte, weiss ich nicht. Als jedoch zwei Tage später der Sultan ankam und am Bord des Kriegsschiffes festlich empfangen werden sollte, schloss sich Dr. Bock uneingeladen dem Zuge an, und zwar in Reisetoilette. Der Officier, welcher an der Falltreppe die Gäste empfing, glaubte ihn zurückweisen zu müssen. Dies kränkte Dr. Bock mit mehr oder weniger Recht so sehr, dass er ans Land ging und sofort sans adieu Teweh verliess und fünf Tage und Nächte in seinem Kahne nach Bandjermasing reiste, ohne andere Lebensmittel als Reis bei sich zu haben.

Diese Details dieser übereilten Reise des Dr. Bock erfuhr ich später von dem Häuptlinge Dacop +und+ von dem Seeofficier, welcher bei dem festlichen Empfang des Sultans von Kutei »du jour« gehabt hatte.

Als Dr. Bock auf seiner Eilfahrt nach Bandjermasing mein Haus in Buntok passirte, war es 5 Uhr Nachmittags, und ich sass in der Vorderveranda, meinen Thee zu trinken. Neben mir wohnte der Controleur der Abtheilung, und vor seinem Hause stand ein Polizeimann auf der Wache. Als dieser einen Kahn mit der holländischen Fahne vorbeifahren sah, rief er sein »Werda« zu und bekam zur Antwort: Tuwan blanda = ein holländischer Herr. So räthselhaft mir und den übrigen Officieren die Reise eines Tuwans auf einem Kahne sein musste, während ein Kriegsschiff, wie wir wussten, sich bei Teweh befand, so wenig liess sich daran etwas verändern, weil der Kahn die holländische Fahne führte und nebstdem mit grösster Eile fortgefahren war.

Ich kann also die Bemerkung nicht unterdrücken, dass ich es wohl verstehe, wenn Dr. Bock sich gekränkt oder beleidigt fühlte, dass er mit dem Kriegsschiffe, auf dessen Boden er beleidigt wurde, nicht die Reise machen wollte; es ist mir aber nicht verständlich, dass er darum nicht in Buntok Halt machte, um die einzigen Europäer dieser Gegend aufzusuchen, und meine Sammlung von Fischen, Schlangen, Käfern, Insecten und Thierfellen zu besichtigen, von welcher ihm der Häuptling Dacop, wie ich später erfuhr, ausführliche Mittheilungen gemacht hatte.

Dr. Bock ist Zoologe; er hätte bei mir so manches Neue und Unbekannte sehen können, wie z. B. die nach mir benannte Python Breitensteini,[40] Parachella Breitensteini[41] und Breitensteinia insignis,[42] und doch liess er sich diese Gelegenheit entgehen, sein Wissen von der Fauna Borneos zu bereichern!

Aber auch als Ethnograph hat, wie schon oben erwähnt, Dr. Bock durch seinen kurzen Aufenthalt auf Borneo der Wissenschaft nur schlechte Dienste geleistet; er hat nur weniges gesehen und zu viel den Mittheilungen seiner Führer vertraut, welche oft nicht einmal der Sprache der Gegenden mächtig waren, welche sie im Fluge durchreist hatten.

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Während meines Aufenthaltes in Teweh und Buntok hatte ich nur wenig Material für das Studium der Magen-, Leber- und Darmkrankheiten, welche in den Tropen so häufig beobachtet werden, weil beinahe niemals die Eingeborenen bei solchen Krankheiten meine Hülfe in Anspruch nahmen; aber auch von der Syphilis sah ich viel weniger Fälle, als ich erwartet hatte. Es giebt ja einige Autoren, welche nach Indien die Heimath der Syphilis verpflanzen wollten. In +Borneo+ fand ich sie (d. h. die Heimath der Syphilis) damals ebenso wenig, als später auf Sumatra und Java.

Wie ich schon früher mittheilte, mochte ich mir über diese Frage ein Urtheil erlauben, weil ich mit den Dajakern mehr als jeder andere Officier oder Beamte verkehrte; ich wurde zu allen ihren Festen eingeladen, bei einzelnen Krankheitsfällen wurde von meiner ärztlichen Kunst Gebrauch gemacht, und durch meine Dilettantenarbeiten im Ausstopfen und Sammeln der Thiere kam ich ebenfalls vielfach mit diesen primitiven Menschen in Berührung.

Als im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang nach Teweh kam, suchte ich bei und von ihm die Lösung aller offenen Fragen zu finden, z. B. die Existenz von Vulkanen in Borneo und die der Elephanten und Schwanzmenschen; am wichtigsten war mir jedoch die Frage, ob unter den Waldmenschen (Olo-Ott) die Lues vorkäme, und ob die venerischen Erkrankungen ebenso häufig als im übrigen Theile des indischen Archipels bei den Urbewohnern Borneos beobachtet werden.

Wenn ich auch seinen Mittheilungen keinen höheren Werth beimessen will, als sie eben verdienen, so muss ich doch mittheilen: +Borneo ist nicht die Heimath der Syphilis, und die auf dieser Insel jetzt vorkommenden Luesfälle sind ein Importproduct der Europäer+. Aber auch auf den Inseln Sumatra und Java ist die Syphilis (ich spreche nur von +dieser+ und nicht von den sogenannten +venerischen+ Krankheiten) von den Europäern eingeführt worden, wie ich in der W. M. P. im Jahre 1884 und in der B. K. W. im Jahre 1886 nachzuweisen mich bemühte.

Ich schrieb damals:

»Genau so weit als die Europäer in Indien vordringen, findet sich die von ihnen verstreute Aussaat der Syphilis. In neuester Zeit konnte man dies in Deli (Ostküste von Sumatra) Schritt auf Schritt verfolgen.

Swediaux, Beckmann und Andere behaupten zwar in Ostindien den Ursprung der Syphilis gefunden zu haben; es ist aber unbegreiflich, in dem Mythus vom Lingamdienste (= Venusdienst) auch eine Schilderung syphilitischer Krankheiten lesen zu können. Sonnerat (Voyage aux Indes I. Band) erzählt uns diese folgendermaassen:

»Die Büsser hatten durch ihre Opfer und Gebete grosse Gewalt erlangt; aber ihre und ihrer Frauen Herzen mussten stets rein bleiben, wenn sie sich in dem Besitze derselben erhalten wollten. Siva hatte aber die Schönheit dieser rühmen gehört und fasste den Entschluss, sie zu verführen. Zu diesem Zwecke nahm er die Gestalt eines jungen Bettlers von vollkommener Schönheit an, hiess den Vishna sich in ein schönes Mädchen zu verwandeln und sich an den Ort begeben, wo sich die Büsser aufhielten, um sie in sich verliebt zu machen ..... +Ihre Leidenschaften nahmen dadurch noch mehr zu; am Ende schienen sie ganz leblos, und ihre schmachtenden Körper glichen+ dem Wachs, das in der Nähe +des Feuers schmilzt+.« Bei diesem bilderreichen Satze kann man nur an eine Erschöpfung durch übermässigen Geschlechtsgenuss denken. Dies ist ersichtlich aus dem weiteren Verlaufe: »Siva selbst begab sich an den Wohnort der Frauen. Wie Bettler trug er in der einen Hand eine Wasserflasche und sang dabei, wie diese zu thun pflegen. Sein Gang war aber so entzückend, dass sich alle Frauen um ihn versammelten, worauf sie durch den Anblick des schönen Sängers erst völlig in Verwirrung geriethen. Diese war bei einigen so gross, dass sie ihren Schmuck und ihre Bekleidung verloren und ihm im Gewande der Natur folgten, ohne es zu bemerken. Nachdem er das Dorf durchzogen hatte, verliess er es, aber nicht allein; denn alle folgten ihm in ein benachbartes Gebüsch, wo er von ihnen erhielt, was er wünschte. Bald darauf wurden die Büsser gewahr, dass +ihre Opfer die vorige Kraft nicht mehr hatten, dass ihr Vermögen nicht mehr dasselbe, wie ehedem+.«