21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Part 11
Im Fort selbst wohnte der militärische Commandant; für den »Doctor« und den dritten Officier sollten zur Seite des Forts Wohnungen gebaut werden; unterdessen blieb ich im Kampong neben dem Controleur wohnen, und zwar zusammen mit dem Officiersstellvertreter v. E., welcher den Bau des Forts geleitet hatte. Meine kleine Menagerie hatte ich von Teweh mitgebracht; Jacob und Simon, die zwei kleinen jungen Orang-Utangs, konnten sich nur langsam an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Als ich den folgenden Morgen nach dem Fort gehen wollte, welches ungefähr 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt war, begleitete mich Jacob. Auf der Ebene bewegte sich der Orang sehr schwerfällig; die langen Arme gebraucht er zwar beim gewöhnlichen Gange, aber nicht mit der innern Fläche der Hand; er stützt sich auf den Rücken der eingeschlagenen Hand; dadurch kann er nur langsam vorwärts kommen; auch auf den Bäumen sind seine Bewegungen sehr langsam und träge, besonders im Vergleiche mit dem Gibbon, welcher mit Windeseile von Baum zu Baum springt, klettert oder sich schwingt. Um 8 Uhr sollte ich in der Caserne sein, weil um diese Zeit täglich der »Krankenrapport« gehalten wird. Mein Orang wollte sich, wie er es mit dem Bedienten zu thun pflegte, auf meinem Unterschenkel festhalten, um auf diese Weise meine Gesellschaft nicht zu verlieren. Dies war mir jedoch eine lästige Anhänglichkeit stricte dictu und ich erlaubte es auch diesmal nicht. Darauf begann er so ein jämmerliches Geschrei und humpelte mir nach, so dass ich mit ihm Erbarmen hatte. Ich überliess ihn dennoch seinem Schicksale und ging eilenden Fusses in die Caserne, wohin unter denselben klagenden Tönen mein Jacob mir folgte. Der Krankenrapport war beendigt, und ich ging in’s neue Spital, um die erste Anordnung zu treffen, als auch mein vierhändiger Freund erschien, ohne dass ich es bemerkte; er aber fasste mich bei der Hand, um mich zu begrüssen und auf seine Gegenwart aufmerksam zu machen. (Fig. 6.)
Jacob blieb die ganze Zeit bei mir und folgte mit seinen verständigen Augen all meinem Thun und Lassen; um 11 Uhr verliess ich das Fort und liess den Orang durch meinen Bedienten nach Hause tragen. Hier lebte ich schon in einem grossen Comfort; meine Wohnung bestand aus Holz und hatte Fenster; ich konnte Spiegel und Gemälde aufhängen; ich konnte mit Vorhängen die Fenster verzieren; ich hatte eine Veranda, in welcher ich Gäste empfangen konnte, und ich hatte europäische Nachbarn, den Controleur mit seiner Frau. Noch bequemer hatten es Simon und Jacob; an das Haus grenzte ein kleiner Garten und hinter ihm der Urwald. Zwischen beiden war ein breiter Streifen âlang-âlang (Schilfrohr) und hier hatten sie ein pied à terre sich gebaut; nach dem Frühstück verschwanden sie, kehrten zum Mittagessen zurück; Nachmittags machten sie denselben Spaziergang, um vor Eintritt der Finsterniss zurück zu sein. Natürlich war ich neugierig, wo und wie sie ihre Zeit zubrachten; ich folgte ihnen eines Tages und sah sie im Schilfrohr -- »Klima schiessen«.[14] Das Rohr war plattgedrückt, und sie lagen auf dem Rücken und zogen Grimassen, während der eine die Unterlippe schaufelförmig hervorstreckte und Speichel darin ansammelte, gab ihm der andere mit dem Zeigefinger einen kleinen Stoss, so dass der Speichel weithin spritzte. Die Ruhe ihrer Bewegungen, das Phlegma in allem ihrem Thun und Lassen steht im grellen Gegensatze zu dem sanguinischen Temperament und ausgelassenen Treiben der Gibbons. Eines Tages brachte ich meinen Wau-Wau, der ein Weibchen war, zu Jacob, der damals in seinem Käfig lag und sich in seine Decke eingewickelt hatte; Jacob stand auf, näherte sich dem Gibbon und spitzte die Lippen, wobei die Unterlippe die Form einer kleinen Schaufel bekam. Offenbar wollte er den Wau-Wau küssen. Dieser jedoch sprang zurück und verrieth deutlich, dass er von seiner Intimität nichts wissen wollte; dreimal wiederholte mein Orang seine Liebesbewerbungen, und als er zum dritten Male einen Korb geholt hatte, fasste er sein Kopfpolster, schlug es wüthend auf den Boden und zog sich schmollend in die Ecke seines Käfigs zurück. Wiederholt habe ich diese Scene aufführen lassen, und es wäre mir unmöglich gewesen, seinen Bewegungen eine andere Deutung zu geben, als die einer Liebeswerbung. Das Einwickeln in seine Decke ist für den Orang geradezu ein Bedürfniss, obwohl ich es nicht erklären kann, denn wenigstens in Teweh hatten wir keine Mosquitos und die Temperatur in der Nacht war zwar etwas niedriger als bei Tage, aber doch nicht empfindlich kalt. Das erste Mal, dass ich den Käfig des Abends nicht schloss, weil er schon an mich gewöhnt war, hatte er in der Nacht das Tischtuch vom Tisch genommen, um davon Gebrauch zu machen; natürlich musste am folgenden Tage das Tischtuch von dem Bedienten aufgehoben werden. In der Nacht wurde ich jedoch plötzlich wach; im ersten Halbschlaf glaubte ich, einen Gorilla vor meinem Bette stehen zu sehen; bald merkte ich jedoch, dass mein Jacob es war, der das Leinentuch unter meinem Körper hervorzuziehen trachtete. Den andern Tag gab ich ihm eine alte Militärdecke, und er war zufrieden. Die Intelligenz dieser Affen ist factisch sehr gross, und es ist kein Zufall, dass ein Dajaker und ein bekannter, seither verstorbener Larynkolog (im Jahre 1885) mich frugen, ob man dem Orang nicht sprechen lernen könnte. Wenn es auch sein grösstes Vergnügen war, auf dem Rücken zu liegen, mit den Füssen in der Höhe und die Lippen zu einer Schaufel zu spitzen und mit dem Speichel zu spielen, so suchte er doch Thätigkeit und fand sie in meinem Conversationslexikon; mit grösster Zufriedenheit betrachtete er die Bilder in diesem Buche, und als er eines Tages die Zeichnung des Elephanten zu Gesicht bekam, warf er das Buch weg; oder er stieg auf den Schreibtisch und zerlegte meine Lampe, er nahm Ballon und Cylinder ab und drehte den Dochtträger heraus. Auch war er sehr bald mein täglicher Gast zu Tisch; ich gebrauchte jedoch die Vorsicht, seinen Stuhl etwas von dem Tische entfernt zu halten, so dass er nicht mit seinen langen Armen in eine der Schüsseln greifen konnte; auf einem kleinen Teller bekam er seinen Reis mit Fleisch und Huhn u. s. w.: er ass Alles, was auf den Tisch kam, und wenn er genug hatte, gab er den Teller auf den Stuhl, ohne ihn jemals fallen zu lassen, und entfernte sich.
Man kann ihn eine Caricatur von einem Menschen nennen; auf dem Stuhl sass er nämlich mit gekreuzten Füssen wie die Eingeborenen und fasste mit denselben den Teller; sein grosser Bauch erinnerte mich immer an den »Reisbauch« der indischen Kinder, wenigstens er hat dieselbe Form und dieselbe Grösse; sein Gesicht ist haarlos, und der übrige Körper ist mit Ausnahme der innern Flächen der Hände und Füsse mit rothbraunen Haaren bedeckt; er hat in der Jugend eine schöne, hohe Stirn, welche im Alter zurücktritt und zwar mit einer scharfen Kante von rechts nach links; dazu entwickeln sich im hohen Alter grosse Drüsen zu beiden Seiten des Gesichts (die Ohrspeicheldrüsen?), so dass er den menschlichen Typus verliert und ein geisterähnliches Ansehen erhält. Dieses erklärt auch, dass die Dajaker von zwei Sorten Orang-Utangs sprechen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass zwei so verschiedene Wesen denselben Ursprung haben könnten. (Nun, der vom hohen Alter gebückte Greis ist auch dem jungen Knaben sehr wenig ähnlich.) Nach Friedmann heissen die alten Orang-Utangs Pappan und die ohne die erwähnten Drüsen Rambi; ich habe jedoch nur alte Orang-Utangs mit diesen grossen Drüsen gesehen, während Friedmann erzählt, dass es auch junge Pappan gäbe. Ich habe ungefähr 25 Orang-Utangs bekommen, gewöhnlich um den Preis von 5-7.50 fl. per Stück, von diesen waren nur die zwei erwähnten, Simon und Jacob, lebend; die andern waren mit Pfeilen oder Gewehren geschossen; der grösste war 150 cm. lang und hatte einen so versteinerten Schädel, dass ich sein Alter auf 80-100 Jahre schätzte; ich habe noch keinen Menschenschädel gesehen, der ein so hohes Alter gezeigt hätte.
Vieles habe ich bereits über den Orang gelesen, und manches war insofern übertrieben, als ihrem Thun und Lassen manchmal Motive untergeschoben wurden, welche offenbar zu hoch gegriffen waren. Mein Simon liebte es z. B., in der Küche sich bei der Köchin aufzuhalten und ihr von Zeit zu Zeit den Sarong aufzuheben; ich habe niemals etwas anderes darin gesehen, als einen unschuldigen Zeitvertreib, während die Köchin ihn dafür einen »Nâckal« nannte, d. h. ausgelassener Junge, weil sie in dieser Bewegung seiner Hände etwas anderes suchte.
Ich kann nicht umhin, eine Erzählung von Spencer St. John mitzutheilen, obwohl sie wenig Vertrauen verdient, weil er offenbar zu viel den Mittheilungen der Eingeborenen vertraute; er spricht ja von einem 5′ 2″!! grossen Orang. Er theilt also folgende Erzählung eines Dajakers mit: »Ein junger Dajaker wanderte an einem heissen Tage durch das Dickicht; er kam zu einem kleinen Bache, dessen klares Wasser ihn zum Baden einlud. Schnell entkleidete(?) er sich, legte seine Waffen, Schwert und Blasrohr, auf die Seite und sprang hinein. Als er sich erfrischt hatte und wieder aus Ufer stieg, bemerkte er, dass ein mächtiges Orang-Utang-Weibchen vor seinen Kleidern(?) Wache hielt und auf ihn zukam. Sprachlos vor Erstaunen stand er da; dasselbe steigerte sich noch mehr, als das Thier ihn beim Arme ergriff und ihn zwang, mit auf einen laubreichen Baum zu klettern. Dort musste er sich zu ihm setzen und bekam Früchte zu essen, doch bewachte es ihn eifersüchtig und litt nicht, dass er hinabstieg. Dies dauerte einige Zeit, bis die Wächterin sorgloser wurde. Der Mann benützte den günstigen Augenblick und entschlüpfte nach dem Platze, wo er seine Waffen gelassen hatte. Als der Orang ihm dahin folgte, erschoss er ihn aus dem Blasrohr mit einem vergifteten Pfeile.
Wer die Behendigkeit und die Schnelligkeit kennt, mit welcher sich ein Dajaker bewegt, und nur einmal die Unbeholfenheit des Orang gesehen hat, oder vielmehr, wie langsam dieser auf dem Boden geht und wie ruhig, gelassen, ich möchte fast sagen schwerfällig von Ast zu Ast auf den Baum klettert, den erfasst sofort die Unwahrscheinlichkeit dieser Erzählung.
Wir hatten z. B. in Teweh vor dem Fort eine Hütte stehen, wo wir nach unserm Spaziergange um 6 Uhr uns niederliessen und gewöhnlich ein Glas Limonade tranken; Jacob wartete auf den Augenblick, dass wir genug entfernt waren und, ich weiss nicht, ob es Zufall war oder Absicht, er stieg jedesmal hinauf, um das Glas des militärischen Commandanten zu nehmen und auszutrinken; sobald ich das sah, eilte ich natürlich zurück, und der Orang ergriff die Flucht; ich möchte sagen, dass +jeder Mann+, ohne gerade zu laufen, jeden Orang-Utang einholen kann und muss; Jakob wurde auch immer eingeholt und für seine Genäschigkeit bestraft, wobei er ein so jämmerliches Geschrei erhob, dass ich Mitleid mit ihm haben musste; wenn jedoch mein Gibbon bei irgend einem muthwilligen Streiche ertappt wurde, da war er auch, wie ein Wirbelwind, schon entflohen, und beinahe niemals gelang es, ihn einzuholen und sofort zu bestrafen.
Eines Tages sass ich bei der Theetafel, als er sich mit erhobenen Armen näherte, hin und wieder sich in der Achselhöhle kratzte und mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt den Kopf nach allen Seiten hin drehte; ich kannte meinen Pappenheimer zu gut, um nicht zu wissen, dass mein Gibbon irgend einen Bubenstreich ausführen wolle, wenn er solche Gleichgiltigkeit zeigte. Kaum hatte ich mich auch zur Seite gewendet, um ein Stück Zucker zum Thee zu nehmen, sprang der kleine Gibbon auf den Tisch, packte den silbernen Theelöffel und eilte hinweg. Es war das Werk eines Augenblickes stricte dictu; sofort sass er auf der Fallklappe, welche vom Dach des Hauses zur Palissade bei Sonnenschein oder Regen gelegt wurde. Mit dem Löffel in der Hand sah er mich mit seinen schelmischen Augen triumphirend an, und weder mein Bitten noch Drohen erreichten ihr Ziel. Endlich liess ich die Klappe schliessen, so dass entweder er oder der Löffel in die Chicane fallen musste. Der Löffel war dort nicht zu sehen, und der Affe sass hoch oben auf dem Dache. Zufällig fanden wir später den Löffel zwischen den Latten der geflochtenen Fallklappe.
Eines Tages sah ich, dass mein Gibbon einen traumatischen Staar am rechten Auge hatte; zu gleicher Zeit hatte ich einen malayischen Patienten, welcher centrale Flecken an einem seiner Augen hatte; durch Entfernung eines Stückes der Regenbogenhaut konnte er wieder den Gebrauch seines Auges bekommen. Ich schrieb also nach Bandjermasing an den Landes-Sanitäts-Chef d. G., welcher ein bekannter Oculist war, und bat ihn, die Augeninstrumente, welche zu diesen zwei Operationen nöthig waren, mir zu borgen. Vor der Operation liess ich den Gibbon von unten bis zum Halse einwickeln, um ihn zur Ruhe zu bringen; es half nichts; ich narcotisirte ihn also und führte die Staaroperation nach den Regeln der Kunst aus. Die Operation war bei ihm schwieriger als bei einem Menschen, weil zum Fixiren des Augapfels mir der Platz fehlte. Der Rand der Orbita ist nämlich beim Wau-Wau gerade so gross als die Cornea; den Augapfel durch die Cornea fixiren zu lassen, hielt ich für gefährlich; ich musste also mit der Pincette in die Orbita eindringen, um dort die Conjunctiva sclerae zu fassen. Kaum war die Operation beendigt und ein Verband angelegt, als auch schon der Affe erwachte, sich den Händen der assistirenden Krankenwärter entriss, davon eilte und den noch unvollkommenen Verband vom Kopfe riss. Ich war jedoch unter den herrschenden Verhältnissen mit dem Resultat der Operation zufrieden. Die Wunde heilte mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut. -- Auch folgende Operation einer Phlegmone bei einem Affen ist mittheilenswerth. Es war ein alter grosser Gibbon, 90 cm lang, welcher gefesselt mir gebracht wurde. Unter den Soldaten war ein Europäer, der in gewisser Hinsicht das Factotum des Forts war. Tilly hiess er und war ein Belgier. Das Wort Furcht kannte er nicht, und er verstand alles. Ging eine Taschen-Uhr schlecht, reparirte er sie; brach ein Instrument von mir, von der Genie oder von der Artillerie, er brachte es in Ordnung; wollte ich eine Blechbüchse für meine Spirituspräparate haben, er machte sie mir aus Petroleumbüchsen u. s. w. Auf meine Frage, warum er noch nicht Korporal oder Feldwebel sei (denn auch seine Aufführung liess nichts zu wünschen übrig), antwortete er mir: Wozu soll ich Korporal u. s. w. werden? Mein Essen und Trinken habe ich; durch meine Arbeiten verdiene ich viel mehr als ein Feldwebel und habe gar keine Verantwortung; als Korporal ist man der Sündenbock von jedem und für jeden. Also, ich thue meinen Dienst und bin dann frei, zu thun, was ich will. Als mir dieser grosse Wau-Wau gebracht wurde, ersuchte ich den Dajaker, die Fesseln zu lösen, weil eine Hand stark geschwollen war und beim Palpiren die Anwesenheit von Eiter verrieth. Der Dajaker wagte dies jedoch nicht zu thun, weil er sich vor den starken Zähnen des alten Wau-Wau fürchtete. Ich liess also Tilly holen, welcher den Wau-Wau mit fester Hand im Nacken fasste, der Dajaker löste die Fesseln und legte sie über die Hüfte an und befestigte den Strick an einem grossen Nagel der Palissade. Mit traurigem und schmerzhaftem Gesichtsausdruck sass der Gibbon zwischen den Spitzen der Palissade und zeigte selbst meinem jungen Gibbon die Zähne, wenn er sich ihm näherte. Nun war das auch für mich eine gefährliche Nachbarschaft; ich gab jedoch den Muth nicht auf; ich nahm eine Wundspritze mit warmem Wasser und spritzte ihm diese aus respectvoller Entfernung auf die geschwollene Hand; offenbar war durch die Entfernung der Fesseln oder durch das Bespritzen mit warmem Wasser ihm deutlich geworden, dass ich gute Absichten mit ihm habe; genug an dem, schon nach ein paar Stunden konnte ich mich ihm nähern, streicheln und die Hand gut untersuchen und ihm die Phlegmone öffnen!! Nach der Operation legte er selbst seinen Kopf auf meine Schulter. Mit einem gut angelegten Verbande überliess ich ihn dann der Ruhe. Leider konnte ich ihn nicht auf der Palissade lassen, weil an dieser Stelle die Patrouille in der Nacht auf und ab ging. Vor Schluss des Thores liess ich ihn von Tilly hinausbringen und an einem Baume anbinden. Den andern Morgen war er geflüchtet, indem er die Fesseln vom Unterbauch abgestreift hatte.
Vor dem Fort hatte ich mir in Teweh ein Affenhäuschen bauen lassen, in welchem die Affen von niedrigem Range gemüthlich beisammen lebten. Der Cercopithecus nemestrinus, der Schweinsaffe, ist ein wilder Cumpan mit starkem Gebiss; er hat Backentaschen, Steissschwülen, kurzen, gekrümmten Schwanz und eine gelbliche Farbe. Ich hatte späterhin einen solchen Lampongaffen, welcher abgerichtet war, Cocosnüsse zu pflücken; zu diesem Zwecke wurde er mit einem langen Stricke zu der Cocospalme gebracht, an der er sofort schnell hinaufkletterte und begann, die einzelnen Nüsse um ihren Stiel zu drehen oder abzubeissen. Sah ich, dass die Frucht noch grün, d. h. zu jung war, so schüttelte ich nur mit dem Strick, und er nahm eine andere in Arbeit. In Sumatra werden die »Lampongaffen« allgemein zu dieser Arbeit abgerichtet; sie sind jedoch wie alle Affen im höheren Alter falsch und -- ist es Zufall oder nicht -- mein Exemplar eilte immer, sobald es losgekommen war, in die Küche gegen die weiblichen Bedienten, obzwar oder vielleicht eben, weil es selbst ein Weibchen war. Jene, welche ich jedoch auf Borneo hatte, waren noch jung und lebten friedsam mit den übrigen beisammen. Wenn ich hin und wieder meinen Gibbon in den Käfig brachte, so gab es fürchterliche Eifersuchtsscenen; denn mein Gibbon (ein Weibchen) zeigte in so auffallender Weise sein Verlangen, wieder einmal Liebesgenuss zu kennen, dass man ihn eine -- Prostituée nennen musste. Das Geschrei der übrigen weiblichen Affen wurde so fürchterlich, dass ich um sein Leben besorgt war; gern folgte er in einem solchen Falle meinem Rufe, den Käfig zu verlassen. Affen gewöhnen sich leicht an den Menschen; wie oft entkam einer oder der andere, und er flüchtete höchstens auf das Dach des Forts; gegen den Abend kamen sie ohne Ausnahme zurück; hin und wieder selbst brachte ich meinen Hund vor den Käfig, welcher nun geöffnet wurde. Das neckische Spiel der Affen mit dem Hunde war interessant. Die Thür war noch keinen Meter hoch; der Hund stand vor der Thüre, und die Affen tänzelten um ihn herum, bis sie endlich einer nach dem andern den Käfig verlassen hatten; der Hund eilte ihnen nach; endlich sprang einer nach dem andern in den Fluss, und mein Hund that dasselbe; ruhig liess jeder Affe den Hund näher kommen, um im rechten Augenblick unterzutauchen. »Bela«, mein treuer Jagdhund, dreht sich rechts und links und sieht endlich in einer Entfernung von 20-30 Metern wieder ein Köpfchen auftauchen; er schwimmt dahin; endlich ist jeder der Affen des Spieles müde und lässt sich von dem Hunde packen, der sie, ohne sie zu verletzen, mit den Zähnen ans Ufer bringt. Hier werden sie von meinem Bedienten in Empfang genommen und wieder ins Häuschen gebracht. Wiederholt wurde behauptet, dass die Affen auch in der Gefangenschaft sich paaren; ich habe es jedoch niemals gesehen und kann daher diese Behauptung nicht unterschreiben.
Bevor ich dieses Thema verlasse, muss ich noch mittheilen, dass die Dajaker, zufolge einer Sage im Dusongebiete, Darwinisten sind; die Schöpfung der Menschen geschah auf diese Weise, dass Tempon Telon mit einem fürchterlichen Blasen in die Versammlung der aufrührerischen Thiere flog und dadurch drei Sorten von Affen Menschengestalt gab; aus dem Keesch (Cercopithecus cynomolgus) wurde der Javane, aus dem Orang-Utang der Dajaker und aus dem Nasenaffen mit weisser Glabella, und weissem Präputium der Europäer; da ich unsern Stammvater, d. h. den Nasenaffen, niemals besass, weiss ich nicht, ob der Nasenaffe dieser Sage mit dem Nasalis larvatus identisch sei.
Von den Halbaffen Borneos hatte ich nur den Tarsius spectrum und den Plumplori (Stenops tardigradus).
Auch die Frage von dem Vorkommen von Elephanten auf Borneo muss ich mit wenigen Worten besprechen, weil, um nur ein Beispiel anzuführen, ich in Batavia im Jahre 1896 darüber interpellirt wurde. Meines Wissens nach kommen sie +nicht+ auf Borneo vor; ich sass ja im Herzen von Borneo, niemand hatte sie gesehen, die dajaksche Sprache hat kein Wort für diese Ungeheuer des Waldes und der gebildete Dajaker spricht nur von gâdja, welches Wort malayisch ist; niemals sah ich einen Zahn oder sonst einen Theil eines Elephanten, und jede Information, die ich darüber nahm, hatte kein anderes Resultat als dass eine Rhinocerossorte, aber kein Elephant auf der Insel Borneo vorkomme. Bekanntlich wird erzählt, dass vor ungefähr 140 Jahren die ostindische Compagnie an den Sultan von den Sulu-Inseln (im Osten von Borneo) einige Elephanten zum Geschenk gegeben habe, dass er jedoch gefürchtet hatte, dass diese »theuren« Gäste seinen Vorrath von Reis in kürzester Zeit auffressen würden, und dass er sie also auf die Küste von Borneo bringen und weglaufen liess. Selbst Friedmann, welcher ebenfalls diese Erzählung mittheilt, fügt hinzu, dass jedoch Elfenbein allein von todten Thieren gefunden worden, und dass zu seiner Zeit niemals ein lebender Elephant gesehen worden sei. Aus obiger Ursache jedoch muss ich sogar annehmen, dass überhaupt die ganze Erzählung jeder historischen Basis entbehre.
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Bei unserer Ankunft in Buntok am 1. Januar 1880 war das Fort fertig, aber für zwei Officiere fehlten noch die Wohnungen; der Platz-Commandant wohnte im Forte, ich zog zum Aspirant-Officier der »Genie« (= Ingenieurs), und der dritte Officier bezog vorläufig im Fort die Wohnung eines Feldwebels. Natürlich wurde der Bau passender Häuser für zwei Officiere sofort angefangen, und zwar wenige Schritte entfernt von der Südseite des Forts. Nicht nur in Holland, sondern auch in Indien bewohnt in der Regel jede Familie »ein Haus« und nicht »eine Wohnung«, und der echte holländische Spiessbürger hat nur Mitleiden für den Wiener oder Berliner, welcher kein eigenes »Haus« bewohnt, sondern mit vielen Andern den Gebrauch eines Hauses theilt. In Indien, wo der Grund ausserordentlich billig ist, hat nebstdem jedes Haus einen grösseren oder kleineren Garten, welcher in erster Reihe Fruchtbäume und nur ausnahmsweise Blumenanlagen hat. Natürlich sind die Häuser ohne Stockwerke, haben die Villaform im entarteten altgriechischen Stile und sind aus Bambus, Holz oder Stein gebaut. Wenn ich auch im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien, und zwar in Samarang, Häuser im Schweizerstil erbauen sah, so ist im Allgemeinen der Typus +aller+ Häuser folgender: Das Haus hat die Form eines Oblongums und besteht aus einer vorderen und hinteren Veranda, welche mit einem Gange verbunden sind und zu dessen Seite je 2-3-4 Zimmer sich befinden. Ausserhalb des »Hauses« befinden sich die Speisekammer, Bedientenzimmer, Küche, Aborte, Badezimmer, Stall, Wagenremise und der Brunnen. Eine solche Wohnung wurde also auch für mich gebaut, und zwar aus Holz; die inwendigen Wände wurden mit Tapeten belegt, was ich seitdem niemals mehr gesehen habe. Es stand auf Pfeilern von ungefähr ½ Meter Höhe; dies ist eine zweckmässige Maassregel. Wenn auch der Grund des Hauses mit Steinen, trockenen Korallen oder Sand ausgefüllt ist, so dringt bei hohem Stande des Flusses das Wasser im weichen Alluvialboden nicht nur +bis+ an, sondern auch +in+ die Grundmauern des Hauses. Ist aber das Material des Unterbaues nicht gut trocken, was sehr oft der Fall ist, wenn es lange Zeit vor dem Gebrauche am Bauplatze aufgespeichert lag, oder wenn junge Korallen angewendet wurden, von welchen z. B. die Thiere noch nicht abgestorben sind, dann ist ein solches Haus auch bei niedrigem Wasserstande feucht; es entwickeln sich Miasmen und verpesten das Haus.