21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.

Part 10

Chapter 103,348 wordsPublic domain

Der Sohn des treuen Häuptlings Suto-Ono folgte in seiner Würde, und in dieser Eigenschaft schrieb er mir im Jahre 1880 einen Brief, und zwar in malayischer Sprache. Er theilte mir mit, dass in seinem Bezirke eine Dysenterie-Epidemie ausgebrochen sei, d. h. er gebrauchte diesen Ausdruck nicht; aber mit wenigen und doch so glücklich gewählten Ausdrücken beschrieb er die Symptome der unglücklichen Patienten, dass mir sofort das Bild der septischen Dysenterie deutlich wurde, und dass ich diese präcise und deutliche Schreibweise dieses Dajakers bewundern musste. Buntok lag in der Nähe der inficirten Gegend; ich fürchtete, dass die Epidemie unser Fort erreichen könnte, wenn sie in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten würde. Ich ging also mit diesem Brief zu dem Controleur, der ungefähr den Wirkungskreis eines Kreishauptmanns hat. Diesem routinirten Beamten kam der Brief sehr ungelegen, weil er in seinen stereotypen Bulletins: »Gesundheitszustand günstig, politische Verhältnisse günstig« Veränderung bringen sollte. »Wozu lassen Sie mich diesen Brief lesen?« frug er mich. »Vielleicht kann man diesen armen Dajakern Hülfe in ihren schweren Leiden bringen; vielleicht können die hygienischen Verhältnisse verbessert werden, so dass die Epidemie bald ein Ende nehme; nebstdem fürchte ich, dass sie das Fort erreiche, wo in einem relativ engen Raume 150 Menschen beisammen wohnen, und dass es dann zu spät sei, ›den Brunnen zuzudecken, wenn das Kalb schon ertrunken ist‹.« (Holl. Sprichwort.)

»Kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Dajaker, dass Sie auch nur den geringsten Nutzen von einer hygienischen Maassregel erwarten?«

»Ja, gerade darum will ich dahin gehen, um nicht nur zu sorgen, dass diese unglücklichen Patienten von ihren so fürchterlichen Schmerzen befreit werden und heilen, sondern auch, dass die Fäcalien ...«

»Ah, jetzt verstehe ich Sie, Doctor! ...« und dabei machte er mit seinen Fingern die Bewegungen des Geldzählens.

Darauf konnte ich nichts anderes erwidern, als dass es mir sehr gleichgiltig sei, wie er über mich denke, dass ich ihn jedoch warne, mir noch einmal solche Insinuationen in’s Gesicht zu sagen, weil ich dann auch meine Finger bewegen würde, und zwar nicht in der Luft, sondern auf seiner Wange.

Zu dieser unparlamentarischen Antwort liess ich mich hinreissen, weil er mit seiner Fingerbewegung andeuten wollte, dass meine Theilnahme für die »unglücklichen« Dajaker nichts anderes als reine Geldspeculation sei.

Ich ging darnach zum Militär-Commandanten, erzählte ihm den Vorfall und bat ihn um einen Privat-Urlaub für einige Tage, um wenigstens etwas gegen diese Epidemie thun zu können. Da er nur für vier Tage die Befugniss hatte, nebstdem in meiner Abwesenheit den ärztlichen Beruf im Fort auf sich nehmen musste, so wollte er noch einmal mit dem Controleur darüber sprechen. Obwohl mit dieser kleinen Expedition grosse Unkosten verbunden waren, bat ich doch den Lieutenant T., von diesem Plan abzustehen, weil ich mit einem solchen Manne überhaupt nicht verkehren wollte, und weil ich fürchten musste, dass ein solcher Mann noch Aergeres im Stande zu thun sei, wenn es gälte, ihn aus seinem Dolce far niente herauszureissen. Ich bekam also meinen Urlaub für vier Tage, miethete einen Kahn mit sechs Ruderern, nahm für vier Tage Lebensmittel mit, und mein Bedienter, welcher einige dajaksche Worte sprach, war mein Dolmetsch, Küchenmeister, Gesellschafter u. s. w.

Der Kahn war so lang, dass ich darin liegen, während die dajakschen Ruderer und mein Bedienter bequem mit gekreuzten Füssen (nach ihrer Gewohnheit) sitzen konnten. Die hintere Hälfte des Kahnes hatte eine Decke aus Atap, welche mich vor Regen und Sonnenschein beschützte; Waffen nahm ich nicht mit, nach dem Princip, dass mir Einzelnen eine Waffe, Revolver oder Säbel, gegen eine Uebermacht unmöglich etwas helfen könnte, und dass »Vertrauen wieder Vertrauen gewinne«. Zwischen Buntok und Mengkatip befinden sich zahlreiche Nebenflüsse und Antassans; auf der Karrauw sollte ich das von der Epidemie heimgesuchte Gebiet erreichen. Dieser Fluss ist befahrbar und giebt den Weg nach dem Osten der Insel, in welcher ein langer Gebirgsstock von Nordwesten nach Südosten zieht. Zwischen ihm und dem Baritu sind zahlreiche Danaus mit ihrem düsteren, schwermüthigen Panorama. Telang war das Ziel meiner Reise, welches an einem kleinen Flusse desselben Namens liegt. Dieser ist wieder ein Nebenfluss des Sungei (kleiner Fluss), Siong, welcher zwischen dem S. Pattai und dem Karrauw (1° 37′ S. B.) in den Baritu sich ergiesst. Seine Ufer haben niedriges Gesträuch; seine Mündung ist mit Treibholz angefüllt, und unvergesslich bleibt mir die Reise, die ich damals auf diesem Wasser machen musste; dreimal habe ich die Kähne wechseln müssen, weil sie zu gross waren, und habe zuletzt ein Djukung, die nicht mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, benützt. Es schwamm aber so viel Treibholz, dass die Ruderer nicht einmal den kleinen Kahn vorwärts bringen konnten; sie stiegen aus und sprangen auf den Stämmen umher, wie Onkel Tom auf den Eisschollen. Zuletzt war das Wasser nur noch 1 Meter tief, so dass mir die Dajaker den Platz im Kahne gönnten, ins Wasser stiegen und ihn über das Treibholz zogen. Wir waren in einem Antassan, d. h. in einem Wasserkanal, den der Strom in den weichen Alluvialboden gräbt oder vielmehr bohrt. Sein Ende war bald erreicht, und vor mir lag eine schöne, schneeweisse Strasse aus Kalkstein, welche zum Hause des Missionärs F. führte. Hier verblieb ich sechs Tage (inclusive der Tage der Ankunft und Abreise, welche der Militär-Commandant im Interesse der guten Sache nicht rechnete), und wenn auch mein Gastherr klagte, dass nach zehnjähriger Arbeit nur acht Familien den protestantischen Glauben angenommen haben, so machte dennoch seine Arbeit auf mich den günstigsten Eindruck. Die Dajaker lernten Lesen und Schreiben; zur Sonntags-Uebung versammelten sich über 30 Personen in der Kirche und sangen christliche Lieder in dajakscher Sprache, und zu den täglichen Andachtsübungen, im Hause des Missionärs selbst, sangen die dajakschen Bedienten deutsche Lieder. Leider habe ich bei einer solchen Gelegenheit der Frau des Missionärs zu einem unangenehmen Missverständniss Anlass gegeben. Es war ein schönes Genrebild; die Frau F. sass am Phisharmonium, und daneben ihre zwei Kinder mit wahren Engelsköpfen. Hinter ihnen stand ein junges, schönes dajakisches Mädchen. Es herrschte eine gewisse heilige Weihe in diesem Raume, und dieser Zauber erfasste mich mit voller Macht. Als wieder ein deutsches Lied begann, wollte ich die Aussprache der Dajakerin genauer unterscheiden und näherte mein Ohr dem Kopfe des Mädchens. Herr F., der neben mir sass, sah und verstand auch mein Verlangen; die Frau F. jedoch verkannte meine Absichten, und mit lauter drohender Stimme drang das Lied durch das Haus: »Nur Gott ist meine Liebe«, und stärker und stärker fielen die Hände auf die Tasten, bis ich den Wink verstand und den Kopf zurückzog.[12]

Sobald als möglich liess ich mich von dem Districtshäuptling herumführen und fand ein grosses Feld für meine Thätigkeit. Nicht allein, dass ich zahlreiche Patienten behandeln konnte (der Herr F. war Homöopath), sondern auch die Hygiene trat in ihre Rechte. Der Dajaker[13] lässt nämlich die Leiche drei Tage im Hause liegen, bis er sie in den Sarg giebt, welcher aus einem schweren Baum besteht; dieser Sarg bleibt entweder im Hause oder wird auf das Feld gebracht, wo er auf ein Gestell gelegt wird, mit einem Sonnenschirm über seinem Kopfe; in beiden Fällen ist der Sarg mit einem Deckel aus demselben Holze geschlossen und hat in der Mitte des Bodens eine Oeffnung mit einer kleinen Röhre; durch diese läuft ununterbrochen das Wasser ab, oder besser gesagt, die Flüssigkeit, welche beim Faulen der Leiche sich abscheidet. Man corrigirt, wenn die Leiche im Hause bleibt, den damit verbundenen Gestank dadurch, dass in den Topf, welcher die Fäulnissflüssigkeit auffängt, Harz, Oel und Kalk gegeben werden. Ob nun die Leiche auf dem Felde oder im Kampong bleibt, dauert es noch lange, bis das »Todtenfest« den Schlussstein des Begräbnisses besorgt. Man wartet, bis die Leiche ganz ausgetrocknet ist, oder man wartet, bis man das Geld hat, welches das Todtenfest kostet; also es verstreichen oft 1-2 Jahre, bis die Leiche verbrannt oder beigesetzt wird.

Bei meiner Ankunft hatten die meisten Verstorbenen nicht einmal einen Topf unter sich, um die Flüssigkeit der Fäulniss aufzufangen; nun dass dies Zustände sind, welche geradezu das Aufhören einer Epidemie unmöglich machen, bedarf keiner weiteren Erörterung. Natürlich gelang es mir nicht, die sofortige Bestattung der Leichen zu veranlassen, aber sie willigten ein, die Excremente u. s. w. mit Kalk, Schwefel und Asche zu begraben, und die Cadaver nicht im Hause, sondern auf dem Felde den Fäulnissprocess abwarten zu lassen.

Den folgenden Tag zog ich weiter in das Gebiet des Häuptlings und kam nach Tameang Layang, wohin mich der Herr F. begleitete. Auch hier wohnte ein Missionär von der Barmer Missionsgesellschaft mit Frau und Kind. Man kann sich keinen grelleren Contrast vorstellen als diese zwei Männer, welche im Innern von Borneo die Civilisation und das Christenthum verbreiten wollen. Der Eine, ein philosophisch geschulter, geistreicher Mann, welcher den Segen des Christenthums, aber auch den der europäischen Civilisation erkannt hat und für +beide+ das dajaksche Volk gewinnen will; der Andere, dessen Ideenkreis sicher nicht den des dajakschen Districtshäuptlings übertraf, beklagte nur, dass die Dajaker solche verstockte Heiden seien und durchaus das Christenthum nicht annehmen wollten, während der Herr F. mit Genugthuung im erfolgreichen Unterrichte in der Schule schon ein schönes Ziel sah, das er erreicht hat. Jener war früher Schmied; aber noch in Borneo hämmert er nur Einen Amboss, und zwar, dass die Sünde die Ursache aller Uebel sei, und zwar die Sünde im banalsten Sinne des Wortes; sein College konnte mir gegenüber nach solcher banalen Debatte nur kopfschüttelnd beifügen: »Ja, ja, mein College hat viel Amtseifer.« Auch pries er mit überschwänglichen Worten die Verdienste und Talente des Controleurs seines Bezirkes, weil er den Markttag der Dajaker, der früher jeden Sonntag gehalten wurde, auf den Montag verlegt hatte. Umgekehrt war seine Frau eine einfache, geduldige, tolerante Frau, während die Frau des Philosophen etwas fanatisch angelegt war. Ich muss es jedoch wiederholen, dass die sechs Tage, welche ich bei den Missionären verlebt habe, zu den schönsten meines Aufenthaltes auf Borneo gehören.

Einen schönen Schlag der Dajaker sah ich in diesen beiden Orten; an und für sich ist der Dajaker nicht so dunkel als der Malaye an der Küste, und doch fiel mir ihre blanke Hautfarbe auf, so dass ich den Districtshäuptling um Aufklärung ersuchte. Lächelnd zeigte er nur in der Ferne -- die Ruinen eines Forts, welches vor zwanzig Jahren dort gestanden hatte. Diese Rasseverbesserung durch europäische Soldaten wird wohl dort ein Unicum gewesen sein, denn in Muarah Teweh hätte zwanzig Jahre später gewiss kein europäischer Soldat es gewagt, mit einer dajakschen Frau ein Liebesverhältniss anzuknüpfen. Eines Tages bekam ich Nachricht, dass im Kampong des Häuptlings Djatra die Blattern ausgebrochen seien. Bevor ich in Bandjermasing das Ansuchen um Vaccinestoff und um einen malayischen Vaccinateur machen wollte, musste ich wissen, ob die Berichte des Häuptlings richtig seien und wie viel Blatternkranke schon vorkämen. Ich machte mich also mit dem Districtshäuptling auf den Weg und kam per Kahn vor den Kampong, bei welchem alle Einwohner zu einem Feste vereinigt waren und, da es schon Nachmittag 5 Uhr war, dem Tuak (schwach alkoholisches Getränk) gut zugesprochen hatten. Kaum hatte ich den Fuss auf das Ufer gesetzt, als zwei junge hübsche Mädchen, nur mit dem Saloi gekleidet, auf mich zukamen. Hinter ihnen aber schwankte ein Dajaker, mit seinem Mandau bewaffnet, den Mädchen halb betrunken nach, streckte die Hand zum Grusse aus und rief wiederholt: Ich kenne Dich (saja kanal samah kowe). Die liebeslüsternen Augen der beiden jungen dajakschen Schönen waren mir zu gefährlich, und ich zog mich in den Kahn zurück und begnügte mich, die Ziffern der Blatternkranken, welche Dakop mitgetheilt hatte, nach Bandjermasing einzusenden. -- Auch habe ich zum ersten Male in Telang diese Andeutung gehört, dass die europäischen Soldaten sich mit den dajakschen Frauen abgegeben hätten.

* * * * *

Den sechsten Tag verliess ich also die beiden Missionäre mit dem Bewusstsein, was unter den herrschenden Umständen in so kurzer Zeit zu thun möglich war, auch gethan zu haben; d. h. ich gab den Missionären Winke zur Behandlung der Unglücklichen und zur Verbesserung der hygienischen Zustände. Unterwegs wurde mir ein Sägehai angeboten (Pristis antiquorum), welcher sich bis in die Nähe von Teweh verirrt hatte und dort eingefangen wurde, und zu Hause angekommen, berichtete ich meinem Chef nach Bandjermasing alle Maassregeln, die ich getroffen hatte. Da ich übrigens den Häuptling ersucht hatte, mich durch wöchentlichen Rapport von der Ausbreitung der Epidemie auf dem Laufenden zu erhalten, so erhielt ich ein gutes Bild von ihrem Verlaufe, der mich leider sehr beunruhigte; denn mit jeder Woche bekam ich Rapport aus Kampongs, welche näher dem Fort lagen, und nach zwei Monaten beschloss ich, wieder eine Inspectionsreise zu unternehmen. Ich ersuchte den Militär-Commandanten um einen eintägigen Urlaub, weil ich nur die Kampongs auf dem Ufer des Baritu besuchen wollte, von welchen ich aus dem erhaltenen Rapport den Krankenstand kannte. Den Abend vor meiner Abreise ging ich zu dem Controleur, um ihn davon zu verständigen. Er billigte zu meiner Ueberraschung meinen Plan, rieth mir aber, erst um 8 Uhr aufzubrechen, weil er um 6 Uhr denselben Weg nehmen müsse, um dem Residenten (Statthalter) bis zur Grenze seines Bezirks entgegen zu fahren. Arglos willigte ich natürlich ein, und als ich am folgenden Tage bei allen Kampongs, wo ich anlegte, hörte, dass zwei Stunden vorher der Controleur gewesen sei und dass +gar keine Dysenterie-Patienten+ sich unter ihnen befänden, dass diejenigen, von welchen sie in ihren Rapporten gesprochen hatten, schon gesund oder gestorben seien, und als sich dieses bei jedem Kampong wiederholte, und als ich nebstdem bei den meisten Kampongs oft Minuten lang warten musste, bis sich ein Häuptling oder überhaupt jemand am Anlegeplatz zeigte, da -- fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich kehrte um, weil ich doch keinen Nutzen von meiner Reise erwartete, und weil denselben Abend der Resident ankommen sollte. Bei dem officiellen Empfange erzählte mir der Schiffskapitän des Dampfers folgenden Dialog zwischen dem Residenten und dem Controleur, welcher in seiner Gegenwart an Deck des Schiffes geführt wurde. Bei Mengkatip wäre der Controleur auf das Schiff gekommen und hätte ein Resumé von den Verhältnissen des Bezirkes gebracht. Zuletzt frug der Resident: »Wie steht es mit der Gesundheit am obern Lauf des Dussons?«

»Gut! Resident! Der Menschenmörder behauptet zwar, dass wir eine Dysenterie-Epidemie hätten, und er ist auch hier in der Nähe »+auf Inspection+«; aber nach meiner 19jährigen Erfahrung in den Tropen geschieht es immer in den Kenteringen, dass mehr Menschen sterben als sonst.«

»Wer ist das, der Menschenmörder?«

»Der Doctor!«

»So, der +Doctor+ sagt, dass hier eine Dysenterie-Epidemie ist, und Sie sagen: dies hätte keine Bedeutung!! Vorläufig genug darüber!«

Nach dem officiellen Empfang, welcher auf dem Schiffe selbst stattfand, ging der Resident auf’s Land und besuchte zuerst den Militär-Commandanten und dann mich. Nachdem ich alles erzählt hatte, fand er nicht nur Anerkennung für meine Bemühung, sondern forderte mich auch auf zu »declariren«, d. h. für die zwei Reisen, welche ich im Interesse der armen Patienten gemacht hatte, nach dem üblichen Modus die Rechnung einzureichen; in meinem Range konnte ich 6 fl. per Tag Diät und sieben Ruderknechte für 1 fl. per Tag und Kopf in Rechnung bringen, so dass ich keinen Schaden erlitten hatte.

Bald darauf verminderte sich die Zahl der Kampongs, welche Dysenterie-Kranke bekamen, und die Zahl der Todesfälle, und zuletzt war die Epidemie ganz und gar erloschen.

Dieses war die erste, und beinahe möchte ich sagen, die einzige Dysenterie-Epidemie, welche ich in Indien gesehen habe; im Jahre 1895 habe ich in Magelang (Java) auch zahlreiche Dysenterie-Kranke gesehen; aber wie wir im Capitel »Java« sehen werden, kann in diesem Falle von einer Epidemie stricte dictu nicht gesprochen werden. Ja noch mehr, es ist noch die Frage, ob gegenwärtig in Java überhaupt noch Dysenteriefälle vorkommen. Von Laien wird die Diagnose »Dysenterie« sehr häufig gestellt, d. h. immer, sobald Blut im Stuhl sich zeigt; aber diese Diagnose erfordert noch ein wenig mehr. Der Arzt wird aber in gewöhnlichen Verhältnissen auf »Java« kaum alle Jahre einen Dysenteriefall zu Gesicht bekommen; mit Recht wurde sogar vor dem Jahre 1894 bezweifelt, ob überhaupt die Dysenteria tropica auf Java noch vorkomme; denn in der ganzen Armee wurden von 1891-94 12, 10, 9, 14, also durchschnittlich 11 Dysenterie-Kranke behandelt. Dieser Zweifel ist gerechtfertigt gegenüber jenem Theil der Bevölkerung, mit welchem der europäische Arzt in Berührung kommt; denn dieser Theil, mag es ein Europäer oder ein Eingeborener sein, trinkt kein Sawahwasser, ohne es zu filtriren, oder gebraucht nur artesisches Wasser (in den grossen Städten). Ob jedoch in jenen abgelegenen Kampongs, deren Bewohner niemals einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen, noch gegenwärtig die Dysenterie vorkomme, weiss ich nicht; in der Armee, welche allein eine Statistik von nennenswerther Bedeutung herausgiebt, waren bis zum Jahr 1894 die Dysenteriefälle immer nur vereinzelt. In diesem Jahre brachte der Krieg auf Lombok mit seinen elenden und traurigen Erlebnissen eine grosse Zahl von Dysenteriefällen, welche nach Java evacuirt wurden; meistens kamen sie nach Magelang, wo auch noch später einzelne Fälle vorkamen, jedoch keine Epidemie sich einstellte. Diese einzelnen Fälle recrutirten sich auch aus Soldaten, welche +nicht+ auf Lombok gewesen waren, wenigstens die letzten Wochen oder Monate vor ihrer Erkrankung, so dass, was übrigens nicht mehr eines Beweises bedarf, der infectiöse Charakter dieser Krankheit constatirt werden konnte.

5. Capitel.

Fort Buntok -- Orang-Utang -- Operationen -- Prostitué bei den Affen -- Darwinisten -- Indische Häuser -- Möbelfabrikanten -- Französische Mode -- Gefährliche Obstbäume -- Einrichtung der Häuser -- Dajakische Häuser -- Götzenbilder -- Tuwak oder Palmwein -- Wittwenstand der Dajaker -- Opfern der Sclaven -- Todtenfest.

Als mein Vorgänger im April 1877 Teweh verliess, nach Batavia ging und von dort aus mir einen Brief schrieb, meldete er mir unter anderem, dass ich nicht lange in dieser abgelegenen Garnison bleiben würde, weil, wie ihm der Armee-Commandant mitgetheilt habe, die Aufhebung Tewehs eine beschlossene Sache sei. Es dauerte aber drei Jahre, bis (am 1. Januar 1880) das Fort eingezogen und nach Buntok verlegt wurde. Es war für alle drei Officiere eine mit strenger Arbeit verbundene Zeit, weil jeder einzelne in seinem Fach dafür sorgen musste, dass alles so gut als möglich eingepackt zur Uebersiedlung an diesem Tage bereit gehalten werde. Am 31. December kam ein Kriegsschiff uns holen; die Soldaten und Sträflinge brachten alles an Bord, und den folgenden Morgen sollten die letzten Geräthe mit der Mannschaft eingeschifft werden. Es regnete fürchterlich; in Strömen fiel der Regen zur Erde; gegen 11 Uhr war alles eingeschifft, und schon ertönte das Signal »Vorwärts«, als die drei Mächte, der Militär-Commandant, der Assistentresident und der Schiffscapitän, zu einer Besprechung am Hinterdeck des Schiffes sich zurückzogen. Der Commandoruf: »Stop« erscholl, und wir, »dii minores gentium«, suchten vergebens eine Erklärung für diesen Vorgang. Die Boote wurden wieder herabgelassen, und die ganze Besatzung mit den Sträflingen ging wieder ans Land -- um die Palissaden niederzureissen. Erst im letzten Augenblick hatte der Assistentresident es für bedenklich erklärt, ein Fort zurückzulassen, welches dem Feinde bequem und leicht der Sammelplatz für seine Truppen werden und verhindern könnte, dass späterhin, wie beabsichtigt war, die Palissaden aus dem Boden gerissen und nach Buntok gebracht würden, um dort wieder in Gebrauch genommen zu werden. Sie bestanden nämlich aus Eisenholz (Sideroxylon), welches trotz der 15 Jahre, welche sie im Gebrauch standen, noch immer ein theures, gut verwendbares Material war. Also unter einem heftigen Tropenregen zogen die Truppen die verbindenden Stangen aus den Balken, rissen sie aus dem Boden, und auf diese Weise blieben sie liegen, ohne eine Palissade zu sein; das Ganze war eine überflüssige Plagerei der Soldaten, weil ein etwaiger Feind in 1-2 Tagen, wenn er hätte wollen, die Palissade wieder in Ordnung bringen konnte. Wenn das Kriegsschiff schon die grossen schweren Baumstämme nicht mitnehmen konnte oder wollte, so war es auch zwecklos, im heftigsten Regenwetter die Soldaten Stunden lang arbeiten zu lassen. Endlich konnten wir unter Dampf gehen und kamen nach Buntok. Es war ein neues Fort in Viereckform mit zwei Bastionen im Westen und Osten; kopfschüttelnd betrachtete ich das neue Fort; vielleicht keine 15 Meter war es vom Ufer entfernt und die westliche Bastion keine 10 Meter!! Buntok liegt beinahe ganz im alluvialen Land; der Fluss Baritu kommt gerade oberhalb des Forts in einer scharfen Strömung gegen das Fort an; mit mathematischer Genauigkeit liess sich berechnen, dass in 5-6 Jahren das Fort einstürzen müsse, weil der Baritu die Palissaden in dieser Zeit erreicht haben müsse; und factisch hat schon zur Zeit meines Aufenthaltes der Kampf mit dem Wasser angefangen; es wurden Strombrecher angelegt, aber ohne Erfolg; ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Unterspülungsprocess dauerte; Buntok musste verlassen werden, und das Fort wurde wieder nach Teweh verlegt.