21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.
Part 14
Seitdem England durch Tractat vom 2. November 1871 Holland »freie Hand auf Sumatra liess« und Atjeh sich weigerte, nicht nur die Souveränität von Holland anzuerkennen, sondern auch den Sclavenhandel auf der Insel Nias aufzugeben und den Seeraub in der Strasse von Malacca einzustellen, gab sich Holland alle Mühe, auf gütlichem Wege diese drei Bedingungen erfüllt zu bekommen, um endlich den 26. März 1873 den Krieg zu erklären und Atjeh dazu zu zwingen. Die Eroberung von Kuta radja gelang und ebenfalls das Errichten eines Forts in der alten Sultansstadt von Atjeh; aber die Fortsetzung blieb aus; bald bemühte sich Holland, durch Geld die anderen Fürsten zu gewinnen, d. h. die Souveränitätsrechte abzukaufen, bald durch die Waffen; der eine Gouverneur blockirte diesen oder jenen Theil der Küste, um die Ausfuhr der Landesproducte zu verhindern, der andere öffnete alle Hafenstädte und legte einen Ausfuhr-, der andere wieder einen Einfuhrzoll auf; der eine warb bei diesem oder jenem Fürsten Hülfstruppen und gab ihnen europäische Waffen; der andere nahm ihnen wieder alle Gewehre ab und liess ihnen nur das nationale Schwert, den Klewang. Bald wurde eine geringfügige polizeiliche Uebertretung zum Anlass genommen, einen Kampong (Dorf) dafür zu züchtigen, und bald wiederum wurde der Ueberfall einer Patrouille »als vereinzelt stehender« Racheact eines Privatmannes erklärt, welcher vor dem Friedensrichter sich verantworten musste. Die weitestgehende Veränderung der Politik geschah im Jahre 1885, welche, wie wir sehen werden, nach allen Richtungen hin traurige Folgen nach sich zog.
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Auch die Elemente brachten, wenn auch nicht angenehme, so doch reichliche und oft interessante Episoden in unser tägliches Leben.
Bekanntermaassen zieht von den Philippinen eine stattliche Reihe von Vulcanen um die Südküste Asiens bis zu der Westküste von Hinterindien. Ob nun Java oder Sumatra »das grossartigste Vulcanenland der Erde« sei, weiss ich nicht; auf Sumatra +sollen+ 60 Vulcane sich befinden, was bei einer Länge von 1117 km eine Durchschnittsziffer von 1 Vulcan auf 18 km Länge geben würde.
Wir hatten während unseres zweijährigen Aufenthaltes im Norden Sumatras also (?) häufig genug Gelegenheit, Erdbeben zu fühlen; aber einen thätigen Vulcan sah ich nicht; das Innere dieser Provinz ist beinahe ganz unbekannt, das Centrum des Erdbebens kam also stets aus einer terra incognita, umsomehr weil, wenigstens damals, auf ganz Atjeh sich kein Seismometer (Erdbebenmesser) befand. In der Regel beunruhigte man sich auf Sumatra sehr wenig durch das Auftreten von Erdbeben; mir selbst hätte ein solches (März des Jahres 1887) beinahe grosse Unannehmlichkeiten bereitet. Ich sass an diesem Tage im Officiersclub neben dem Dr. X., der seine Stellung als Stabsarzt etwas überschätzte. Er spielte L’hombre und meldete ein sans prendre an, welches wirklich sehr schwach war. Er gewann es, und ich wollte ihm das Lob geben, durch gutes Spiel dieses Solo gewonnen zu haben, und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter mit den Worten: Jetzt haben Sie gut gespielt. In diesem Augenblicke warf mich ein Erdbeben so stark gegen ihn, dass dieser Schlag auf die Schulter unbeabsichtigt empfindlich wurde. Dr. X. sprang auf und mass mich mit seinen Blicken und rief mir zu: Wie erlauben Sie sich eine solche Vertraulichkeit zu mir? Das Schlingern der Lampen und das Klirren der Gläser bestätigten hinreichend meine unbeabsichtigt etwas stärker ausgefallene Aeusserung der Anerkennung seines guten Spieles und der Friede wurde nicht gestört.
Eine »Bandjir« (= Ueberströmung M.) brachte in der ersten Woche des Monat December (1886) ebenfalls hinreichende Abwechslung des täglichen Lebens und selbst mannigfache Zerstreuung. Damals war ich dem Spitale zugetheilt und wohnte demzufolge in der Vorstadt Pántej-Pérak (= Silberufer? M.) am linken Ufer des Atjehflusses. Ein Damm theilte diese Vorstadt in zwei Hälften; links standen die Kirche und das Pfarrhaus, und daran schlossen sich einige alte Häuser aus Bambus. Das Terrain war der alte angespülte Alluvialboden ohne Erhöhung, sodass das Entrée in dem Hause mit dem Damme in gleichem Niveau lag; am rechten Ufer war das Terrain im Niveau des Dammes, und die Häuser standen auf Pfählen von ein Meter Höhe.
Die Regenzeit des Jahres 1886 war eine ausgesprochene; täglich regnete es einige Stunden lang; der Atjehfluss wuchs täglich, und kaum hatte sein Wasser das Ufer erreicht, stand schon das Terrain links von dem Damme in der Vorstadt Pántej-Pérak unter Wasser; mein Haus hatte, wie gesagt, ½ Meter hohe Pfähle und blieb einige Tage von dem Eindringen des Wassers verschont; aber die Nebengebäude standen direct auf dem Lehmboden. In das Badezimmer, in den Abort und in die Küche konnte man nicht trockenen Fusses gelangen; schon am 1. December stand in diesen Räumen das Wasser 40 cm hoch, ohne dass die Köchin sich in ihrer Arbeit stören liess; sie schürzte einfach ihren Sarong bis zum Knie in die Höhe; dasselbe mussten ich und meine Frau thun, wenn wir die Nebengebäude benutzen wollten. Die Köchin wusste sich noch auf andere Weise zu helfen. In der Küche stand nämlich ein gemauerter Herd mit 5 Oeffnungen für das Holzfeuer; sie stieg einfach auf den Herd und bereitete auf diesem die Speisen in hockender Stellung, die sie ja bei allen ihren Arbeiten einzunehmen gewöhnt war. Bald stieg jedoch das Wasser bis über den Damm und drang auch in unsere Wohnung ein, und am 5. December sahen wir uns gezwungen, die Wohnung zu verlassen und von der Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, welche uns von dem Intendanten des Spitals angeboten wurde. Auch das Terrain rechts vom Damme bekam bald eine Wasserschicht von ungefähr ½ Meter Höhe, und die Aerzte, Apotheker und Administratoren des Spitals hatten die Wahl, per Kahn, zu Fuss oder per Grobak täglich dahin zu gehen. Am häufigsten geschah es per Grobak, d. h. in einem Bauernwagen, welcher von einem Büffel gezogen wurde und seine Bestimmung hatte, Utensilien und Lebensmittel für das Spital vom Bahnhofe zu holen oder dahin zu bringen. Konnten wir diese weniger elegante Equipage nicht erhalten, so gingen wir zu Fuss; bekleidet mit der Nachthose, welche bis über die Knie heraufgeschlagen wurde, wateten wir durch das Wasser, und im Spitale erwarteten uns die Bedienten mit Schuhen, Strümpfen und Hosen.
Das Spital selbst lag ebenfalls auf ein Meter hohen Pfählen und bestand aus sieben Pavillons, welche mit einem ungefähr 800 Meter langen und bedeckten Corridor verbunden waren.
Hinter dem Spitale lag eine Caserne in der Vorstadt Kóta âlam, deren Terrain ebenfalls beinahe dreiviertel Meter hoch mit Wasser bedeckt war, so dass der Commandant, der damalige Major Pompe van Meerdervort, sein Pferd in seine Veranda stellen musste; er hatte sich aber einen grossen Kahn zu verschaffen gewusst, welchen die Officiere und die Officiersfrauen zu ihrer Spazierfahrt nach Kuta radja benutzen konnten; oft genug thaten sie diese zu Fuss und hoben ihren Sarong coquet in die Höhe. In den Tropen ist ein solcher Marsch im Wasser gar nicht bedenklich; wenn auch im December in Europa eine Ueberschwemmung gewiss eine Reihe von Erkältungs-Krankheiten oder wenigstens von sehr unangenehmen Zuständen veranlassen würde, auf Sumatra beschränken sich diese Unannehmlichkeiten auf die Verkehrsstörungen und auf das Auftauchen -- vieler kleiner, aber sehr giftiger Schlangen, welche sich so viel als möglich auf trockenes Terrain flüchten und dadurch oft in die Nähe der Menschen gelangen; wenn sie auch, wie selbst die grössten Schlangen es nicht wagen, den Menschen zu attaquiren, so werden sie doch sehr gefährlich, weil man sie unbemerkt treten kann -- sie sind ja höchstens 25 cm lang -- und dann von ihnen gebissen wird.[72]
Der Marabu, welchen ich kurz vor meiner Abreise von Kuta radja erhielt, darf nicht unerwähnt bleiben, wenn ich von meinen Zerstreuungen in dieser Garnisonstadt Ausführliches mittheile; er ist ja ein drolliger, komischer Kauz, so dass es wirklich Mühe kostete, sich über ihn und mit ihm nicht zu amüsiren; in seinem ganzen Thun und Lassen trägt er das Gepräge eines alten Herrn und ist nebstdem geradezu ein nützliches Hausthier; er lebt nämlich von thierischen Abfällen und wird in Indien in den Dörfern darum gerne geduldet; in meinem Garten verscheuchte er die kleinen Schlangen und Frösche, erhielt aus der Küche die Abfälle des Geflügels und jeden Tag seine Portion kleine Fische, welche ich auf dem Markte kaufen liess. Als ich Kuta radja verliess, gab ich ihn einem meiner Freunde zum Geschenk, ohne dass ich mich dazu entschliessen konnte, ihm die schönen weissen Federn herauszuziehen, welche bekanntlich kostbarer als die schönsten Straussfedern sind.
8. Capitel.
Eine sogenannte Friedensgarnison -- Campierpfähle -- Ein Deserteur(?) -- Ein freigebiger Compagniecommandant -- Eine Kirmes -- Ein Klewang-Anfall -- Im Kugelregen -- Geringschätzung der Militärärzte -- Chinesen in Atjeh -- Kleider und Schmuck der Atjeer -- Musikinstrumente der Atjeer -- Atjeische Prüderie.
Im Jahre 1885 kehrte, wie schon angeführt wurde, die indische Regierung in ihrer Politik zum Principe der alten indischen Compagnie zurück, d. h. sie beschloss, von der Offensive zur Defensive überzugehen und sich vorläufig mit dem eroberten Gebiete, so klein es auch war, zu begnügen. Zu diesem Zwecke wurde dieses Terrain mit einem Damme begrenzt, auf welchem eine »Ceinturebahn« gebaut und in einer Entfernung von je tausend Metern Forts und Blockhäuser errichtet wurden, von denen vier direct mit dem Centrum, d. h. mit Kuta radja verbunden waren. Jenseits der »Linie« wurde tausend Meter breit das Terrain »rasirt«, ohne dass die Herren am grünen Tische bedachten, dass in den Tropen die Flora zu üppig ist, um auf Commando sich unterdrücken zu lassen; beinahe sofort spross auf dem entwaldeten Boden das Alang-Alang so üppig aus dem Grunde, dass der Feind sich nach Belieben in diesem hohen Schilfgrase ungesehen und unbemerkt bewegen konnte. Der südliche Theil »der Linie« bekam einen eigenen Commandanten, welcher in dem Fort Lambaro den Sitz hatte, und den 15. August des Jahres 1887 bekam ich den Auftrag, dahin zu übersiedeln und mich »unter die Befehle des Liniencommandanten zu Lambaro zu stellen«. Da die meisten Aerzte von Atjeh ein Jahr lang in der »Linie« dienen mussten, überraschte mich diese Transferirung keineswegs, und meine Frau bekam die Gelegenheit, zum ersten Male Auction unserer Einrichtung halten zu müssen. Wir bekamen ja in Lambaro nur ein einziges Zimmer, das nur 3½ auf 4 Meter gross war, zu unserem Gebrauche angewiesen. Der Ertrag der Auction war nicht gross (355 Fl. 50 Ct.), und mit Thränen in den Augen nahm meine Frau von den Möbeln Abschied, welche nur ein einziges Jahr in unserem Besitze gewesen waren. In Holland hatte sie beinahe ⅕ Jahrhundert lang in demselben Sessel geträumt, in demselben Bett geschlafen, an demselben Schreibtische ihren Freundinnen ihre Herzensfreuden und -leiden mitgetheilt, und hier an den Ufern des Atjehstromes musste sie schon nach einem Jahre ihre kaum liebgewordenen Kasten, Tische, Sessel u. s. w. verlassen und hatte nebstdem beinahe gar keine Hoffnung, auch in Zukunft jemals ein festes und trautes Heim sich gründen zu können, d. h. Jahrzehntelang sich des Besitzes ein und derselben styl- und geschmackvollen Einrichtung erfreuen zu können. Der Officier der indischen Armee hat ja ein Zigeunerleben; er ist ein Bohême, der heute -- ich spreche nur von Friedensgarnisonen -- auf einem der Küstenplätze des indischen Archipels in seinem »Hause« sich mit dem ganzen Luxus der europäischen Civilisation umgeben kann, um sich schon ein Jahr später mit einer sehr bescheidenen Wohnungseinrichtung begnügen zu müssen und vielleicht schon nach einigen Monaten sich auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse des alltäglichen Lebens zu beschränken.
Atjeh war ja auch eine Friedensgarnison de nomine, und als wir am 15. August nach einer Fahrt von ½ Stunde mit der Dampftramway in Lambaro eintrafen, bekamen wir von meinem Collegen, den ich ablösen sollte, eine ganz eigenthümliche Illustrirung des Begriffes: Friedensgarnison.
Das Fort bestand aus zwei Theilen: Die Caserne für die Truppen, die Cantine, die Wohnungen der Officiere, das Marodenzimmer und das Pulvermagazin waren von 3½ Meter hohen Palissaden in Quadratform eingeschlossen, während die »Häuser« des Liniencommandanten und der Officiere des »kleinen Stabes« im Westen des Forts nur durch ein eisernes Gitter gegen einen Ueberfall der Atjeer geschützt waren.
Zu dem »kleinen Stabe« gehörten der Adjutant des Bataillons, der Garnisondoctor und der Bezahlmeister.
Der Liniencommandant bewohnte ein eigenes Haus, während diese drei genannten Officiere ihre Wohnungen in einem langen Gebäude hatten, welches durch zwei Zwischenwände in drei »Häuser« getheilt war. Das Haus des Garnisondoctors nahm die Mitte des Gebäudes ein und bestand aus zwei Zimmern mit einer vorderen und einer hinteren Veranda. Die erstere hat durch das Gitter des eisernen Geheges die Aussicht auf die Ceinturebahn und auf ein Blockhaus, welches 1000 Meter von Lambaro entfernt war. Die Schilderhäuser bewachten zwar das umliegende Terrain, so dass bei Tage man ungefährdet in dieser Veranda sitzen konnte. Im Dunkel der Nacht war jedoch die hier brennende Petroleumlampe für die schiesslustigen Atjeer geradezu eine hellerleuchtete Scheibe, welche so häufig das Ziel ihrer Schiessübungen wurde, dass mein Vorgänger nur selten Abends in der Veranda sitzen konnte; ja noch mehr; sobald in seinem Hause die Lampen angezündet wurden, bedeckte er die hintere Wand seiner Veranda mit Matratzen, um die durchrasenden Kugeln der Atjeer unschädlich zu machen.
Auch erzählte er, dass er eines Abends mit einigen Officieren an dem L’hombretische sass und ein »Solo« verlor, weil ihm eine durchfliegende Kugel das Pique As aus der Hand geschossen hatte. Hierauf erklärte meine Frau ganz einfach, diese Wohnung nicht beziehen zu wollen, um so weniger, weil in dem durch Palissaden geschützten Fort eine Wohnung leer stände. Ce que femme veut, Dieu le veut; ich legte dem »Liniencommandanten« die kategorische Erklärung meiner Frau vor und, etwas von Pantoffelheld murmelnd, gab dieser gute Mann die Einwilligung, die von +Mevrouw Doctor+ gewünschte Wohnung von mir bewohnen zu lassen. Diese lag in der Mitte eines langen hölzernen Hauses (mit einem Dach aus galvanisirtem Eisen) ohne Stockwerk. Die mir zugewiesene Wohnung bestand aus einem Zimmer von 3½ Meter Länge und 4 Meter Breite; ein 1 Meter breiter Gang führte von der vorderen zur hinteren Veranda; dies war alles; die vordere Veranda (Fig. 16) war unser Empfangszimmer und die hintere unser »Tagverbleib«. Beide waren nicht tiefer als 1½ Meter und hatten eine Länge von 4 Meter. Vor uns war ein Platz mit einem Baum in der Mitte und im Hintergrunde (15 Meter weit) die Caserne. Zur Linken standen das Bureau des Compagniecommandanten und die »inwendige« Cantine. Von der hinteren Veranda sahen wir auf unsere »Nebengebäude«: Küche, Abort und Badezimmer. Von unseren beiden Nachbarn waren wir durch eine Bretterwand getrennt. Da wir voraussichtlich ein Jahr in diesem Käfig wohnen mussten, machte ihn meine Frau so viel als möglich comfortabel. Die vordere Veranda bekam einen kleinen runden Tisch mit 6, sage sechs Sesseln. Waren alle besetzt, mussten die Besucher an der vorderen Seite sehr ruhig und vorsichtig sitzen bleiben; sonst wären sie über den Rand der Veranda gefallen, welche ungefähr 50 cm. über dem Boden lag. Sie lag gegenüber der südwestlichen Front der Palissaden, welche den Weg und Damm nach Anagalong bestrich. Dort lag beinahe das ganze Jahr der Feind und schoss auf das Fort. In der Regel gingen die Kugeln über das Fort hinweg. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in diesem Fort, also während eines Jahres, niemand im Fort getroffen. Wurde das Schiessen zu stark, flüchtete sich meine Frau in die hintere Veranda und schützte sich den Rücken durch Aufhängen der Matratzen aus den Betten. Dreimal hat während dieser Zeit das feindliche Blei unsere Wohnung getroffen; das erste Mal schlug es in die vordere Veranda ohne jemand zu verletzen. Die zweite Kugel streifte so schwach die Köchin, dass sie schreiend und weinend in die vordere Veranda zu mir mit den Worten lief: Kòkki mâti = die Köchin stirbt. Nur der Sarong war durch den Streifschuss versengt. Die dritte Kugel -- wurde eine Atjehsche Berühmtheit. Eines Tages erschütterte ein gewaltiger Schlag das Dach des Hauses; ich sah über meiner Küche ein grosses Loch im eisernen Dach. Wir suchten überall die Kugel, welche hier herabgefallen sein musste; wir fanden sie nirgends. Bei der »Rysttafel« wurde das faschirte Fleisch auf den Tisch gebracht und der erste Schnitt traf -- die gesuchte Kugel. Lange Zeit behielt meine Frau den Namen: die Dame mit der Kugel im »Fricadel«.
Rings um die Palissade lief ein Laufgraben mit diversen »Chicanen«, welche von dem wuchernden Grase bedeckt waren; sie bestanden aus einem Drahtnetze und grossen Stiften aus Eichenholz, welche mit der oberen Spitze schief nach aussen standen; hinter diesen war ein kleiner Damm, auf welchem in gemessener Entfernung Laternenpfähle standen. Vor Sonnenuntergang ging ein Sträfling hinaus, um die Laternen anzuzünden; eine Patrouille von 4 Mann begleitete ihn auf dem Banket. Beinahe ohne Ausnahme wurde täglich der Sträfling beschossen, und die Patrouille feuerte vom Banket aus zurück; aber nur einmal wurde dieser wackere Missethäter verwundet. Noch zwei Opfer hatte ich während dieses Jahres zu behandeln, welche auf diese Weise durch feindliche Kugeln getroffen wurden. Vor Sonnenaufgang beschossen die Atjeer ebenfalls den Sträfling, welcher unter gleichen Vorsichtsmaassregeln die Lampen auslöschen ging. Eine Kugel flog eines Tages über das Fort hinweg und traf eine Frau, welche zum nahen Flusse gegangen war, um zu baden. Das dritte Opfer war ein Soldat, welcher im hohen Schilderhaus Wache hielt. Dieses stand zwischen dem Stationsgebäude und der grossen Cantine vor dem chinesischen Viertel. So ein »hohes Schilderhaus« (Fig. 17) steht auf vier Pfählen von ± vier Metern und wird auf einer Seite von den Soldaten bestiegen. Bei Nacht wird die Leiter von der Schildwache zu sich hinaufgezogen, nachdem die »Kosakenwacht« sich eingestellt hat. Diese besteht aus drei bis vier Mann, von denen nur Einer Wache hält, während die Anderen schlafen. Natürlich ist auch die nächste Umgebung dieses Postens erleuchtet, um zu verhindern, dass ein Feind sich heranschleiche, auf den Pfählen hinaufklettere und in einem »Klewanganfalle« Alle ermorde. In diesem Schilderhause wurde zufällig ein Soldat verwundet.
Die Liniencommandanten, welche abwechselnd in diesen Forts das Commando führten, hatten ganz verschiedene Ansichten, wie sie sich gegenüber diesen Schiessübungen der Atjeer verhalten sollten. Mein Commandant, der Oberst X., huldigte dem Principe, die Atjeer in ihrem Vergnügen nicht zu stören. Sie lagen ja in einem Laufgraben, welcher 600 Schritt weit entfernt war; wer von ihnen zu Hause nichts zu thun hatte, zog nach dem Laufgraben und schoss auf’s Fort. Rückte in früherer Zeit eine Patrouille aus, um diese Ruhestörer unschädlich zu machen, liefen sie davon, feuerten einige Kugeln in die Patrouille, trafen hin und wieder einen Soldaten; sie selbst jedoch wurden niemals erreicht, weil die Patrouille sich nicht zu weit von »der Linie« entfernen durfte, um sich den Rücken gedeckt zu halten.
Am meisten von allen Forts wurde das benachbarte Siroen beschossen, welches am linken Ufer des Atjehflusses lag und thatsächlich jahraus, jahrein täglich dem Feuer der Atjeer ausgesetzt war; aber auch in diesem Fort wurde während meiner Dienstzeit im Fort Niemand verwundet. Ich muss jedoch von Schüssen Erwähnung thun, welche wirklich einen interessanten Lauf nahmen. Lieutenant Y. war der Commandant von Sirun; einmal näherten sich in der Nacht die Feinde so stark dem Fort, dass die Schildwacht Alarm schlug und Lieutenant Y. aus seinem Bette hinauseilte, um die nöthigen Maassregeln zu treffen. Er liess seine Leute antreten, und einige Salvenfeuer trieben die Leute in respectvolle Entfernung. Auch die Schildwache unseres Forts hatte an den Flammen der Gewehre ihr Vorrücken bemerkt; auch sie schlug Alarm, und der Artillerieofficier feuerte auf Befehl des Liniencommandanten einige Kartätschen in die angegebene Richtung ab. Endlich war das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht; Lieutenant Y. kehrte in sein Schlafzimmer zurück, und eine Kugel hatte in seiner Abwesenheit -- das Kopfpolster zerfetzt!
Einen ähnlichen günstigen Zufall erfuhr auch mein Nachbar, Lieutenant X. Er sass eines Tages in der Veranda der Cantine, sein »Bitterchen« zu trinken, und war mit einem Kameraden im eifrigen Gespräche über den sonderbaren Weg, welchen oft Kugeln unter dem Einflusse verschiedener Muskelbewegungen im Körper nehmen können, so dass es sehr oft unmöglich sei, aus dem Orte der Eingangs- und Ausgangsöffnung auf die Richtung des Wundcanals oder auf den Ort des Schützen einen Schluss zu ziehen. In dem Augenblicke, dass er sich über den Tisch beugte, um ein Stück Kreide in die Hand zu nehmen, sauste eine feindliche Kugel zwischen seinem Rücken und der grossen Lehne des Sessels hindurch und zerschmetterte die seitliche Lehne.
Der Dienst während meines Aufenthaltes in Lambaro war mitunter anstrengend, in der Regel jedoch forderte er nicht viel Mühe oder Arbeit. Reglementär musste ich zweimal in der Woche nach den Forts Lampörömey und Tjot Iri in der östlichen Richtung der Ceinturebahn und zweimal nach Lamrö-eng (im Westen) gehen, um dort die petites misères der Garnison zu behandeln und die Soldaten auf gewisse Haut- und andere ansteckende Krankheiten zu untersuchen. Natürlich geschah es oft genug, dass eine Verwundung oder plötzliche Erkrankung aus einem dieser drei Forts telephonisch dem Liniencommandanten gemeldet wurde; dann wurde ich davon verständigt, mit einer Patrouille von 40 Mann unter Commando eines Lieutenants dahin zu gehen, wenn nicht zufällig die Eisenbahn benutzt werden konnte, welche zweimal des Tages Lambaro passirte.
Am unangenehmsten war der Marsch nach Lampörömey in nächtlicher Stunde. In der Nähe der Cantine machte nämlich die Eisenbahn eine starke Krümmung nach dem Osten und zwar durch ein Gebüsch, so dass weder von Lambaro noch von Lampörömey die Patrouille gesehen werden konnte. Spione umgaben ja immer unser Fort, und durch diese musste ja mein Marsch den »feindlichen« Atjeern bekannt werden; sie konnten natürlich bis zu meiner Rückkehr sich hier versammeln und unter dem Schutze der Nacht und des Gesträuches uns überfallen. Dieses ist gerade bei Nacht niemals geschehen. Nur einmal wurde ich beim Eintritt in diesen kleinen Wald mit Kugeln aus Lîlahs[73] beschossen, welche jedoch 20-30 Meter vor uns niederfielen und daher niemanden trafen.