21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.

Part 13

Chapter 133,436 wordsPublic domain

Mir ist nicht bekannt, ob noch heute alle diese Vorstädte, welche damals in einem grossen Bogen den Kraton umgaben, dieses Gehege aus Stacheldraht besitzen.

In Kuta radja blieb ich ein Jahr in Garnison und hatte im ersten Halbjahre (bis 1. Februar 1887) Spitaldienst, während ich bis zum 1. August als »Garnisonsdoctor« den täglichen Krankenrapport in den Casernen halten, die Frauen, Kinder und Revierkranken behandeln und die hygienischen Zustände der militärischen Gebäude u. s. w. controliren, resp. Vorschläge zu Verbesserungen einreichen musste, welche durch die Hände des Landessanitätschefs gingen. Zur Assistenz hatte ich einen jungen Oberarzt, dem ich den Revierdienst im Kraton und in der Vorstadt Nesuh zuwies, während ich selbst die übrigen Theile der Stadt täglich besuchte; den Officieren liess ich die freie Wahl, mich oder den Oberarzt X. zum Hausarzt zu wählen. Auch allen hygienischen Fragen in dem Kraton und in der Vorstadt Nesuh musste mein junger, lebenslustiger Assistenzarzt die nöthige Aufmerksamkeit schenken, ohne darum die Vertretungen derselben gegenüber dem Landessanitätschef und dem Platzcommandanten auf sich zu nehmen. Einer meiner Vorgänger, Dr. Kobler, von dem sofort noch mehreres mitgetheilt werden muss, hatte nämlich kurz vorher so manche üble Stunde sich dadurch bereitet, dass er den »hierarchikken Weg« verliess und seine Vorschläge zur Verbesserung der hygienischen Zustände direct an den Gouverneur einreichte und dabei, oder vielmehr dadurch seine zwei unmittelbar über ihm stehenden Chefs »passirte«.

Es handelte sich nämlich um die Frage der Contagiosität der Beri-Beri, welche Dr. Kobler damals behauptet hatte, und alle seine Vorschläge der Desinfection fanden bei dem Landessanitätschef nur taube Ohren, während der General Demmeni mit der ganzen Autorität seiner Stellung eine radicale Desinfection von allen Gebäuden, allen Utensilien der Casernen und Spitäler, ja selbst aller Personen auf Vorschlag des Dr. Kobler erzwang.

Man muss sich nur die Situation vergegenwärtigen, um das Vorgehen des Dr. Kobler und des Generals Demmeni zu verstehen und zu -- verzeihen. Im Jahre 1885 wurden an Beri-Beri

behandelt und starben

europäische Soldaten und Matrosen 507 25 = 5% eingeborene „ „ „ 2369 357 = 15,1% Sträflinge 3453 1193 = 34,6% Frauen 32 12 = 40%

Die Militärärzte standen dieser Epidemie rathlos gegenüber, weil sie von dem Wesen der Beri-Beri-Krankheit -- nichts wussten.

Im Jahre 1886 blieb die Epidemie in ihrer Ex- und Intensität stationär, und die Aerzte thaten wieder -- nichts. Da steht nun einer der Militärärzte auf und erklärt, das Geheimniss der Entstehungsweise dieser Krankheit und eine radicale Behandlung gefunden zu haben, und seine Chefs -- thun wieder nichts; sie schwiegen aber auch und beantworteten seine Vorschläge nur mit einem Zucken der Schulter oder mit einer spöttischen Bemerkung. Als dies General Demmeni erfuhr, erliess er an den Sanitätschef den Befehl, die Vorschläge des Regimentsarztes Dr. Kobler sofort und genau auszuführen. Es waren ja im Jahre 1886

I. Stand an Beri-Beri erkrankt, an Beri-Beri gestorben Europäer 1238 2252 = 181% 62 = 5% d. I. Standes Eingeborene 870 3186 = 366% 224 = 25% „ „ eingeb. Frauen 780 42 = 5% 16 = 2% „ „ eingeb. Kinder 240 3

Trotzdem blieb der Landes-Sanitätschef bei seinem passiven Widerstand, den er im Spitale als ausserhalb der Machtsphäre des Generals Demmeni stehend hielt; General Demmeni war jedoch nicht der Mann, um von seinen Untergeordneten passiven Widerstand zu dulden; ich erinnere mich noch heute dieser wirklich eigenthümlichen Scene in allen Details, welche die Folge dieses vielleicht (?) gerechtfertigten Vorganges war; es war an einem Samstag, als um 9 Uhr der General im Spital erschien und den Oberstabsarzt X. aufforderte, ihm zu zeigen, welche Maassregeln genommen worden seien, um im Spitale selbst die Infection durch die anwesenden Beri-Beri-Kranken unmöglich zu machen. Es war nichts geschehen. Ohne nur einen Augenblick aus seiner Ruhe zu kommen gab er folgenden Befehl: Um 11 Uhr komme ich zurück; bis dahin müssen alle Beri-Beri-Patienten isolirt sein; das Magazin für Leibwäsche u. s. w. muss ebenfalls in zwei Theile getheilt sein, um die Leibwäsche dieser Kranken nach dem Gebrauch einer radicalen Desinfection unterwerfen zu lassen. Die Krankenwärter müssten gerade so wie auf den Cholera- und Pockenabtheilungen ihre eigene Wäsche haben u. s. w.

So geschah es auch; die Aerzte mussten nach allen Krankensälen eilen und alle Patienten, welche gleichzeitig an Beri-Beri litten, heraussuchen, sie sofort nach den nördlichen Sälen transportiren lassen, und die Officiere der Administration sorgten für die nöthige Isolirung dieser Krankensäle und für die getrennte Administration und Verpflegung.

Ich war diesbezüglich weniger glücklich in meiner Stellung als Garnisonsdoctor; ich sah in der B.-B. eine miasmatische Krankheit, und niemand hielt es damals der Mühe werth, diese Auffassung auch nur in Betracht zu ziehen.

Es war nämlich auf Ansuchen der Regierung zu dieser Zeit Professor Pekelharing mit zwei Assistenten in Atjeh angekommen, um bacteriologisch die Krankheitsursache der Beri-Beri zu suchen und zu finden. Wenn auch durch diese Untersuchungen erst die Bestätigung für die Kobler’sche Infectionstheorie gefunden werden sollte, so war doch gewissermaassen eine Anerkennung ex cathedra dieser Theorie gegeben, und ich -- vertrat eine Theorie, welche unter dem Scepter der alleinseligmachenden Lehre, nämlich der Bacteriologie, nicht einmal einer Discussion würdig gehalten wurde.

Seit dieser Zeit sind 15 Jahre verflossen; die miasmatische Entstehungsweise der Beri-Beri wurde oft geleugnet, ebenso oft anerkannt, um endlich in diesem Kampfe der Ansichten Siegerin zu werden und zu bleiben -- es sei, dass die momentan herrschende Entstehungstheorie der Malaria auch auf die Beri-Beri übergehen wird, d. h. dass man Mosquitos, Mücken oder ähnliche Insecten suchen und finden wird, welche die bis jetzt unbekannte Beri-Beribacterie in ihrem Leibe züchten und daher (??) auch die Erreger dieser Krankheit sein sollen.

Von den Theorien, welche das Entstehen der Beri-Beri-Krankheit erklären sollten, verdienen einige gewiss, der Nachwelt überliefert zu werden. So z. B. die des Generalstabsarztes Y., welcher behauptete, diese Krankheit sei nichts anderes als die Folge des Heimweh, weil constatirt wurde, dass die eingeborenen Soldaten von ihrem Leiden befreit wurden, sobald sie den Dienst verlassen haben und in ihre Heimath zurückgekehrt seien. Eine andere vielleicht etwas weniger phantastische Entstehungsursache beschäftigte jahrelang die indische Regierung und zwar, dass der schöne weisse Reis durch den Mangel des »Silberhäutchens« die Beri-Beri-Krankheit errege, während die Kulis und Gefangenen, welche den rothen ordinären Reis täglich verzehren, von dieser Krankheit verschont bleiben sollten??.

Einen wohlthätigen Einfluss hatten die Maassregeln, welche auf Grund der +Ernährungsstörung+ als Entstehungsursache der Beri-Beri genommen wurden. Der Marinestabsarzt van Leent glaubte nämlich beobachtet zu haben, dass die Naturalverpflegung der europäischen Matrosen, welche durch einen grösseren Gehalt von Fleisch und Butter charakterisirt war, bei ihrer Anwendung in der Küche der eingeborenen Matrosen die Zahl der B.-B.-Fälle auf ein Minimum habe fallen lassen. Es wurde also im Jahre 1886 dieses Princip auf die Truppen der Landarmee angewendet; der wohlthätige Einfluss zeigte sich aber nur darin, dass -- die grossen Portionen an Fleisch, Butter, Erbsen u. s. w. den Frauen und Kindern der eingeborenen Soldaten zu Gute kamen, welche von der Regierung nur ½ Kilo Reis und 3 Loth Salz pro Tag erhielten.

Ich will mich nicht weiter mit der Theorie der Beri-Beri-Krankheit beschäftigen und nur den Schlusssatz meiner Abhandlung beifügen, welche in der Internationalen Klinischen Rundschau 1887 Nr. 28-33 erschienen war: »Die Beri-Beri ist eine miasmatische Krankheit«.

Ich kann aber nicht umhin, noch einige diesbezügliche Beobachtungen mitzutheilen, weil ich voraussetze, dass auch der Laie einiges über diese interessante und so wenig bekannte Tropenkrankheit gerne lesen wird.

So z. B. kam im Anfange des Jahres 1887 ein Bataillon Hülfstruppen von der Insel Madura nach Atjeh, welches nach den Mittheilungen ihrer eigenen (eingeborenen) Officiere und nach jenen des begleitenden europäischen Arztes niemals Beri-Berifälle aufzuweisen hatte. Nach einem Aufenthalt von einem einzigen Monat waren von diesen 360 Mann 33 = 9½%!! der Beri-Beri erlegen, und als Anfang April der Befehl ertheilt wurde, das Bataillon in seine Heimath zurückzusenden, war es gänzlich durchseucht. Zuvor untersuchte ich auf Befehl des Platzcommandanten als Garnisonsdoctor die in Kuta radja anwesenden Maduresen; ungefähr 100 Mann kamen zur Untersuchung; von diesen hatten 59, also mehr als die Hälfte! ein oder mehrere Symptome der Beri-Beri: Wassersucht, Kachexie (Blutarmuth), grosses Herz, beschleunigten Puls und aufsteigende Gefühllosigkeit (Anaesthesia ascendens). (Keiner von ihnen hatte aber die atrophische oder trockene[69] Beri-Beri.)

Die Degeneration der Nerven beginnt, wie ich schon erwähnt habe, an den unteren Extremitäten und steigt successive nach oben; ich habe mich damals während meines Aufenthaltes im Spitale oft genug bemüht, durch elektrische Untersuchung der einzelnen Nerven frühzeitig die Diagnose zu sichern; die Resultate waren so ungünstig, dass ich zuletzt jeden weiteren Versuch aufgab, obzwar diese Untersuchungsmethode gerade von Pekelharing und seinem tüchtigen Assistenten, dem jetzigen Professor Winkler, geübt und empfohlen wurde. Ich schrieb die mangelhaften Resultate theilweise meiner unentwickelten Technik und theilweise den unbekannten Gesetzen der elektrischen Verhältnisse in den Tropen zu.

Die ausgesprochenen Formen der Beri-Beri werden jedoch durch die klinischen Symptome so leicht diagnosticirt, dass die elektrische Untersuchung überflüssig ist.

Ein Fall von atrophischer Beri-Beri oder trockener Beri-Beri, wie sie von den Malaien genannt wird, welchen ich damals im grossen Militärspital zu Kuta radja beobachtete, betraf einen wirklich beklagenswerthen Sträfling; er war an allen vier Extremitäten gelähmt und die Abmagerung war so stark, dass man zweifeln konnte, ob er denn wirklich Muskelfleisch besessen habe. Nicht einmal soviel Kraft hatte er, dass er die Speisen zum Munde führen konnte; dennoch heilte er in 4 Monaten so weit, dass er nach dem Hochlande der Provinz Padang transferirt werden konnte, wo die meisten Beri-Beri-Patienten sich beinahe bis zur Norm erholten.

Wenn ich auch an dieser Stelle die medicinischen Streitfragen der Beri-Beri nicht ausführlich besprechen kann und will -- die Motivirung meiner Behauptung, dass sie eine miasmatische Krankheit sei, kann ja Jeder im oben erwähnten Aufsatze in der Internationalen Rundschau 1887 Nr. 28 ff. finden --, so glaube ich doch noch einige markante Momente aus jener fürchterlichen Beri-Beri-Epidemie mittheilen zu müssen.

Die indische Regierung stand damals (und steht noch heute) im Norden Sumatras auf dem Kriegsfusse. Der Guerillakrieg wüthete schon seit 1873, und in diesen 13 Jahren war durch den ewigen Wechsel des Regierungsprincipes, wie wir noch sehen werden, Holland gezwungen, sich auf den äussersten Punkt im Norden Sumatras und noch einige Küstenplätze zurückzuziehen. Diese wenigen Punkte musste sie, coûte que coûte, besetzt halten, wollte sie überhaupt den Norden Sumatras nicht verlieren und England dadurch zwingen, an ihre Stelle zu treten. Die Atjeer waren ja von jeher die gefürchtetsten Seeräuber, welche nicht nur die Strasse von Malacca stets bedrohten, sondern ihre Raubzüge bis auf den Continent und die entferntesten Inseln des Archipels ausstreckten.

Durch die Concentrirung im Jahre 1885 wurde der Feind aber übermüthig; er wagte es selbst, Kuta radja zu attaquiren; die Garnison musste also eine gewisse Stärke besitzen, sei es zur Vertheidigung, oder sei es, um hin und wieder Ausfälle zu machen und dadurch den Feind in unschädlicher Entfernung zu halten. Dazu gehört eine hinreichend grosse Zahl valider Mannschaften. Das epidemische Auftreten der Beri-Beri decimirte aber die Garnison, und die am Leben Bleibenden waren zu schwach, um Ausfälle oder Patrouillen zu machen. Es war daher ein steter Wechsel der Garnison nöthig. Aus dem ganzen Reiche: von Java, von Borneo, selbst von den Molukken mussten die Truppen nach Atjeh gesandt werden, um die erschöpften invaliden Soldaten abzulösen; im Hochgebirge des westlichen Sumatra oder Java erholten sich diese allerdings in der Regel in 4-5 Monaten; aber im Laufe der Zeit wurde die ganze indische Armee auf diese Weise durchseucht. (Der europäische Theil war gegen die Beri-Beri widerstandskräftiger als die Eingeborenen, und auch die Mortalität war nur unter den eingeborenen Soldaten eine sehr hohe.) Diese Andeutungen sind hinreichend, die Schwierigkeiten erkennen zu lassen, mit welchen diesbezüglich die holländische Regierung zu kämpfen hatte.

Glücklicherweise beherrschte dieses graue Gespenst keineswegs die allgemeine Stimmung der (europäischen) Officiere und ihrer Familien. In Indien muss man Fatalist sein oder es werden, und im Bivouak muss man es bleiben. Der Officiersclub war jeden Abend stark besucht, jeden Sonnabend concertirte die Militärmusik nach dem Nachtmahl (von 9 Uhr ab) für die Freunde des Kartenspiels, und jeden Sonntag spielte die Musik von 6 bis 8 Uhr ihre fröhlichen Weisen für die Jugend und für die Damen. Die Officiere hatten nebstdem einen Dilettantenverein für die Aufführung von Operetten und Lustspielen errichtet, und die Unterofficiere gaben oft genug schöne Tingel-Tangelvorstellungen. Regelmässig hielten die angesehensten Officiere und Beamten ihre festen Empfangsabende, und häufig genug gab der Gouverneur »van Atjeh en Onderhoorigheden« einen Ball, auf welchem bis in die frühe Morgenstunde getanzt wurde, obwohl es nur zu oft geschah, dass um 5 Uhr früh das Alarmsignal die Officiere zum Ausmarsch rief vom Clubgebäude weg, wohin sie sich nach dem Tanze geflüchtet hatten, um das Fest ungestört durch die Anwesenheit von Damen oder Chefs besprechen zu können.

Auch die Freimaurer »arbeiteten«, d. h. sie hielten häufig Vereinsabende und feierten besondere Anlässe. Den 10. März 1887 hielten sie z. B. von 3-6 Uhr eine Trauerloge zur Ehre ihres verstorbenen Präsidenten und Meisters »Civil- und Militär-Gouverneur von Atjeh und Vasallenstaaten, Generalmajor der indischen Armee Henri Demmeni«, welcher zu spät den Schauplatz seiner Thätigkeit verliess und in Paya Combo (im Hochland von Padang) Heilung und Rettung von seiner schweren Beri-Beri vergebens suchte; er starb den 13. December 1886.

»Schwesterlogen« wurden gehalten, z. B. am 18. März 1888, zu denen die Frauen resp. die Töchter der Freimaurer Zugang hatten, und welche hauptsächlich in einem gemeinsamen Souper bestanden. Die Neugierde der Damen wurde dabei natürlich nur in geringem Maasse befriedigt.

Das Gebäude hiess im Volksmunde rumah séthan = das Haus des Teufels, war ein einfaches unansehnliches Haus und stand auf dem Wege nach Gedáh zwischen zwei Tokos (= Geschäftshäusern). Mir war immer unverständlich, welchen Zweck die Loge »Prins Frederik« +damals+ in Kuta radja, am 20. August 1880 constituirt, erfüllen sollte. Damals war die Hauptstadt +im Kriegszustande+; ein Verkehr mit den Eingeborenen des Landes fand nicht statt; die kosmopolitischen und menschenfreundlichen Principien der Freimaurer können in Kriegszeiten unmöglich ein Feld zur Bethätigung finden. Sollte die Loge also nur den Zweck gehabt haben, den Gesinnungsgenossen den Austausch ihrer Erfahrungen, Ansichten und Zukunftspläne in freundschaftlichem Verkehr (den ersten Mittwoch eines jeden Monats) zu ermöglichen?

Der Krieg auf Sumatra wüthete damals schon seit vierzehn Jahren mit allen seinen Schrecken; aber, wie ich schon oben erwähnt habe, er vermochte nicht, die Officiere in ihrem fröhlichen täglichen Leben zu hindern, und zahlreiche Gelegenheiten wurden gesucht und gefunden, um den Ernst des Lebens durch Feste und Spiele vergessen zu lassen.

Ich und meine Frau betheiligten uns an diesen Festlichkeiten nur als passive Zuschauer; die erste Operette, welche wir in dieser Garnison sahen, war die »Grande Duchesse«, welche wir kurz vorher in Wien von Berufs-Schauspielern aufführen gesehen hatten. Einstimmig war unser Beider Urtheil, dass in Wien nicht schöner gesungen, nicht besser gespielt wurde, und die Ausstattung nicht schöner war, als in Atjeh, im Bivouak von Kuta radja. Auch ein Assaut, welches von Unterofficieren am Geburtstage des Königs aufgeführt wurde, war geradezu vortrefflich vom Stapel gelaufen. Es herrschte wirklich eine fröhliche und zielbewusste gute Stimmung unter uns Allen, obzwar täglich, oft selbst stündlich des Lebens Ernst mit der grössten Anforderung an uns trat. Die Beri-Beri, die Cholera, die Malaria und die Dysenterie mordeten in den Reihen der eingeborenen[70] Soldaten ebenso stark als die feindlichen Kugeln; oft hörten wir an einem Tage sechs bis sieben Mal den Trauermarsch, mit welchem diese Opfer zu Grabe getragen wurden.

Jeden Tag gingen Patrouillen von 40 Mann nach allen Richtungen das Terrain untersuchen, welches sie zwischen Kuta radja und der »Linie«, d. h. der Grenze des eroberten Landes durchstreiften; nur zu oft durchbrachen grosse Schaaren des Feindes die Linie und bedrohten die Hauptstadt. Dies geschah auch am 4. April 1887, ohne dass die Regierung von ihrer Anzahl auch nur eine Ahnung hatte. An diesem Tage kam die Nachricht nach Kuta radja, dass eine Schaar bewaffneter Atjeer sich bei Kuta radja bedil, also nur ungefähr 2-2½ Stunden von der Hauptstadt entfernt, versammelt hätte, um an den alten Sultansgräbern zu beten, und die »befreundeten Atjeer« zur Theilnahme an dem Kriege gegen die »Kâpirs« aufzufordern. Ein Bataillon Soldaten wurde sofort dahin geschickt, um sie anzugreifen und -- gefangen zu nehmen. Um 10 Uhr Morgens ging ich von Gedáh nach Kôta álam und passirte den Anfang des Pedirdammes. Hier kam im Laufschritt der Capitain van den Generalenstab, Hauptmann X., athemlos gelaufen und rief mir zu: »Keine Tragbahren, keine Artillerie, 30 Todte, keine Medicamente und 69 Verwundete!« Ein trauriges Ende einer Patrouille, welche ein »paar Fanatiker« gefangen nehmen sollte!

Sofort ging natürlich Hülfe dahin ab, und alle Aerzte bekamen den Auftrag, um 5 Uhr im Spital sich zu versammeln und die heimgebrachten Opfer in Behandlung zu nehmen. -- Die Gefangennahme war nicht gelungen. Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, in der Nacht eine zweite Expedition dahin zu senden, um Rache zu nehmen. Ich bekam den Auftrag, mit einem Assistenzarzt und der nöthigen Ambulanz die Expedition mitzumachen, und wurde Abends um 9 Uhr eingeladen, mich an dem Kriegsrath zu betheiligen. Es wurde der Plan entworfen, um ½4 Uhr Morgens aufzubrechen, um gerade bei Sonnenaufgang das Lager der Feinde angreifen zu können. Es war ein kühler Morgen; der Himmel war unbedeckt, und die Sterne erhellten hinreichend das Terrain, um ungehindert auf dem Damme marschiren zu können, zu dessen beiden Seiten nur niedriges Alang-Alang den trockenen Sumpfboden bedeckte; um 5¾ Uhr erhob sich die Sonne zu unserer Rechten, und hohes Schilfrohr bedeckte das Terrain der alten Sultansgräber. Oberst Barthelemy, der Commandant der Expedition, liess eine Salve geben, um sich zu vergewissern, dass im Schilfrohr kein Feind sich verborgen halte, und -- »der Vogel war geflogen«.[71] Der Feind hatte sich mit dem moralischen Erfolge des vorigen Tages begnügt, die Gewehre der getödteten und verwundeten Soldaten mitgenommen und das Schlachtfeld verlassen -- ohne die Truppen »+nach Hause zu begleiten+«.

Es gingen nämlich jeden Tag regelmässig Patrouillen in der Stärke von 40 Mann von der Hauptstadt aus, um in verschiedenen Richtungen das Terrain innerhalb der »Linie« zu durchsuchen und jeden Atjeer, der bewaffnet war, ohne einen Pass dafür zu besitzen, gefangen zu nehmen; oder aber es zogen grössere Truppenmassen aus, weil der Spionenbericht eingelangt war, dass auf irgend einer Stelle »der Linie« eine Schaar feindlicher Atjeer einen Einfall unternommen habe. Wurden in diesen Fällen feindliche Truppen angetroffen, so blieben sie nicht stehen und wichen so lange aus, bis die Patrouille der Verfolgung ein Ende machen zu müssen glaubte und umkehrte. Dann erst gingen die Atjeer zu dem Anfalle über; entweder griffen sie die letzten Männer der Nachhut mit dem Klewang (grosses Schwert) an oder legten sich in den Hinterhalt und schossen einige aus der Haupttruppe nieder und flüchteten sofort, sobald die Soldaten zum Angriffe übergingen; dieses wiederholte sich so lange, bis die Patrouille sich dem Hauptplatz genähert hatte. Die Atjeer combinirten nämlich ganz richtig, dass diese Patrouillen auf ihrem Rückwege schon ermüdet und übrigens auch weniger vorsichtig als beim Ausmarsch seien; in diesem damals schon 15jährigen Guerillakriege hat dieses »nach Hause begleiten« der Truppen vielleicht gerade so viel Opfer gekostet, als alle grösseren oder kleineren offenen Feldschlachten zusammen. Glücklich hat dieser »kleine Krieg« schon seit einigen Jahren aufgehört, weil die Holländer sich endlich entschlossen haben, ihr Ziel, Atjeh zu unterwerfen, unentwegt vor Augen zu halten, d. h. dem ewigen Laviren in der Weise von Kriegführen ein Ende zu machen. Einer der bedeutendsten Officiere der indischen Armee, der damalige Major Pompe van Meerdervort, theilte mir nämlich mit, dass Holland schon längst in den Besitz von Atjeh hätte sein können, wenn es nur ein einziges Mal an »Einem Princip« einige Jahre lang festgehalten hätte.

Das Princip der »alten ostindischen Compagnie« war ein sehr einfaches: sie eroberte sich an der Küste einer Insel einen Hafenplatz, erbaute ein Fort, errichtete eine Factory und wartete und wartete, bis die eingeborenen Fürsten in ihren ewig dauernden Fehden abwechselnd die Hülfe der Factory anriefen und dann: divide et impera.

Auch die Küste von Gross-Atjeh besass eine grosse Zahl von kleineren oder grösseren Fürsten, die sich von jeher stark bekämpften; ein Sultan, welcher +mit Recht+ Sultan von Atjeh oder sogar von Gross-Atjeh genannt werden könnte, hat niemals existirt. Allerdings erhoben einzelne Sultane von Gross-Atjeh Anspruch auf Souveränitätsrechte von ganz Atjeh, von Deli, Siak, ja selbst von Djohor (auf Malacca); aber die Zahl dieser Prätendenten war zu gross, um praktische Erfolge zu haben; die Fürsten von Pasir, Pedir, Segli, Samalangan und Edi auf der Ostküste und die von Tenom, Analabu, Trunom, Singkel und Baros auf der Westküste Atjehs haben abwechselnd grossen politischen Einfluss gehabt, ohne dass ein Einziger von ihnen de jure und noch weniger de facto Sultan von Atjeh sich nennen konnte. Noch weniger hatte auf diesen Titel jener »Sultan von Kamala« Anspruch, welcher in der gegenwärtigen Zeit das Haupt der feindlichen Opposition auf Atjeh genannt wird.

Es trachteten die Holländer, getreu dem Princip: Divide et impera, die eifersüchtigen Streitigkeiten aller dieser zahlreichen Fürsten zu ihrem Ziele zu gebrauchen, aber über das »Wie« hatte jeder Gouverneur-General von N.-Indien und jeder Gouverneur von Atjeh eine andere Ansicht, und nur der oben erwähnte Pompe van Meerdervoort legte sein Amt nieder, als sich seine Ansichten in Widerspruch mit jenen des Gouverneur-General in Batavia stellten.