21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.
Part 12
Die Fahrt ging durch die »Sundastrasse«, welche ein liebliches und schönes Bild den Reisenden bietet. Wir liessen alle Inseln zur Rechten und durchschnitten mit Leichtigkeit die dünne Bimssteinschicht, welche seit dem Ausbruch des Krakatau (26. bis 27. August 1883) die See bedeckte. Bei dem Tandjong Sleman = Cap flache Ecke begann der Curs längs der Westküste Sumatras, und weit ins Land hinein (3 km) erstreckte sich die Zone, welche von den wüthenden Elementen jener Tage verwüstet worden war. Während der ganzen Reise sahen wir diese Küste und liessen die Inseln Enganon, Nassau, Mentawei, Batu (= Stein), Mansalar und Nias zu unserer Linken. Die Städte Kroë und Benkulen, bei welchen die Dampfer der gewöhnlichen Touren anlegen, bekamen wir nicht zu Gesicht; in Padang, der Hauptstadt des Gouverneurs der Westküste Sumatras, liessen wir zum ersten Male den Anker fallen, und zwei Tage später erreichten wir bei dem »Königspunkte« die Nordküste von Sumatra. Die »Surattepassage« ist ein gefährlicher Weg; zahlreiche Inseln versperren die Einfahrt in diese Strasse; die Inseln Bras (= Reis) und Nassi (= gekochter Reis) sind die bedeutendsten und grössten derselben. Auf der Reisinsel befindet sich ein Leuchtthurm und eine kleine Garnison. Die grösste aller dieser Inseln ist jedoch Pulu (= Insel) Wè, welche gegenwärtig eine Kohlenstation geworden ist und mit Vorliebe von den Franzosen und Russen bei ihren Fahrten nach Ostasien zur Ergänzung ihres Kohlenvorrathes benutzt wird. Wird es ein zweites Singapore werden?[65]
Wenn auch die Einfahrt in diese Strasse wegen der Nähe der Küste und der zahlreichen Inseln die ganze Vorsicht des Steuermannes erfordert, so ist dennoch die Fahrt in der »Malakkenpassage« eine angenehme und schöne. Endlich fuhren wir in den Hafen von Uléë Lhöë, und Arm in Arm stand ich mit meiner Frau auf dem Deck und wir Beide liessen unsere Blicke über das flache Ufer schweifen, dessen Hintergrund vom waldbedeckten Goldberge (1726 Meter hoch) zu unserer Linken und von der lieblichen Bergschlucht zu unserer Rechten begrenzt wurde, welche sich, von sanft absteigenden Hügeln begrenzt, bis zur Küste hinzog. Feindliche Kugeln, Fieber, Cholera und Beri-Beri waren die Gespenster, welche über dem Horizont unserer jungen Ehe ihr graues Haupt erhoben. Das Panorama, welches zu unseren Füssen lag, war ja auch ein düsteres, unfreundliches Bild und zeigte nur zu unserer Rechten durch die sanft absteigenden Hügel mit dem Thale von Lepong eine angenehmere und frischere Abwechslung zu dem monotonen, echt tropischen Strande der Hafenstadt Uléë Lhöë. Vor uns lag ein ungefähr hundert Meter langer Pier; dahinter mattgrünes, von Staub bedecktes Laub, aus welchem die schmutzigbraunen Häuser der Eingeborenen mit nicht weniger schmutzigen Atapdächern sich erhoben (Fig. 12). Hin und wieder störte das eintönige Bild eine schlanke dünne Palme, welche mit ihren zerrissenen, herabhängenden Blättern geradezu eine Travestie zu jenem überschwänglich beschriebenen Bilde gaben, welches die Touristen gewöhnlich von den Palmen in ihren Reisebriefen entrollen. Ich habe die gewöhnliche Palme (Cocos nucifera) im Urwalde gesehen, ich wandelte in schön gepflegten und gereinigten Palmengärten, und immer und immer gab ich mir Mühe, das »Schöne und Reizende« der Palme zu suchen und zu sehen. Es soll ungefähr tausend »Palmensorten« geben; darunter sind natürlich einige Species, welche mit mehr oder weniger Recht jedes Künstlerauge befriedigen oder entzücken; ich spreche aber nur von der Cocos- oder Strandpalme, welche unter dem Namen »Klapperbaum« auf den Inseln des indischen Archipels eine so häufige Erscheinung ist, dass sie als Prototyp der Palmensorten dieser Inseln gelten kann. Diese Palme kann ich unmöglich schön nennen. (Vide Fig. 21.) Es ist ein ungefähr 30 cm dicker Stamm, welcher eine Höhe von 30 bis 40 Metern erreicht; in seiner ganzen Länge ist er ast- und blätterfrei, besitzt nur Ringe, welche von den abgefallenen Blättern stammen, und nur an der Spitze des Baumes befinden sich die jeweiligen zerfetzten und zerrissenen Palmenblätter, zwischen welchen die bis zu Mannskopf-Grösse entwickelten Früchte herabhängen -- und manchmal selbst gefährlich werden. Ich selbst sollte dieses im Jahre 1881 erfahren. Ich stand mit dem Controleur von Malimping unter einem »Klapperbaum« im Gespräche, als eine überreife Frucht herabfiel und kaum einen Centimeter entfernt von meinem Kopfe zu Boden fiel. Vor zwei Jahren wurde das Söhnchen meines Collegen, des jetzigen Stabsarztes X., von einer solchen mit grosser Wucht herabstürzenden Cocosnuss getödtet! Anderseits ist allerdings der Nutzen eines solchen Baumes ein so vielseitiger und ein so grosser, dass er in dem Leben der Eingeborenen eine grosse Rolle spielt und die Dichter geradezu zu überschwänglichen Hymnen begeistert. Während meines Aufenthaltes in Magelang (Java) hatte ich einen Kutscher, welcher ein ebenso frommer Mohamedaner, als ein treuer Bedienter war. Seine Frau bekam ein Kindchen, und an demselben Tage bat er mich um die Erlaubniss, in dem Garten, welcher mein Haus umgab, eine »Klapper« pflanzen zu dürfen und diesem symbolischen Acte durch meine Gegenwart die Weihe zu geben. Mich überraschte diese Einladung, weil ich noch niemals gehört hatte, dass ein Malaie auf fremdem Grund und Boden dieses gethan hatte, und ich frug ihn also um Aufklärung für diesen aussergewöhnlichen Vorgang.
»Barangkâli,« erwiderte der Kutscher, »Tuwan Allah kassih.« »Vielleicht giebt es Gott der Herr, dass auch mein Sohn so alt wie dieser Baum wird; und wenn in zehn oder zwanzig Jahren dieser Baum viele Früchte trägt, wird mein Sohn auch so brav und so nützlich wie dieser Baum sein, und ich werde ihm dann erzählen, dass Sie, Herr Doctor! die Saat dem Boden anvertraut haben und dass Sie, Herr Doctor, stets gut gegen seinen Vater gewesen sind. Auch bitte ich Sie, zum Slametan (= Feste) zu kommen, welches ich zu Ehren dieses neugeborenen Kindes geben werde.« Ich versprach ihm, dies zu thun, natürlich mit dem üblichen Vorbehalte, durch ein Geldgeschenk mich davon loszukaufen. Er schickte mir auf einem grossen Tablet die Einladung zu dem Feste. Darauf lagen eine Cocosnuss, zehn Hühnereier, ein Kolben Pisang, zwanzig Mangistan und ein Huhn. Ich gab dem Ueberbringer einen Ryksdaalder (= 4¼ Mark) und meine Glückwünsche, ohne meinen Kutscher durch meine persönliche Anwesenheit bei dem Feste in Verlegenheit zu bringen.
Ueber den vielseitigen Nutzen dieses Baumes will ich kein Wort verlieren, weil dieser im Allgemeinen bereits hinreichend bekannt ist; ich glaube aber, bevor ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, die Rolle andeuten zu müssen, welche dieser Baum im Arzneischatze der Malaien spielt. Aus dem Blüthensafte wird Sagower, Tuwakwein und Legèn bereitet, welche mit Lontar-Zucker gemischt gegen Urin-Erkrankungen gegeben werden; die jungen getrockneten Früchte werden innerlich gegen Diarrhoe und äusserlich gegen die Krätze verwendet; die Cocosmilch ist ein Diureticum und der Saft der unreifen Frucht ein Antilueticum und wird auch bei Lungenkrankheiten angewendet; auch der Ausbruch der Masern soll durch das Trinken von Cocosmilch befördert werden. Selbstverständlich wird das aus der Nuss gewonnene Oel in der Pflege der Haut, der Haare und in der Behandlung zahlreicher Hautkrankheiten häufig gebraucht.
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Kaum war der Anker gefallen, sah ich einen Kahn mit der Gouvernementsfahne am Steuerruder befestigt sich dem Schiffe nähern, und bald stieg auf der Falltreppe Lieutenant X. auf’s Schiff, um mir mitzutheilen, dass ich in der Hauptstadt = Kuta radja = Königsstadt dem grossen Militärspital zugetheilt, und dass mir eine Wohnung in der Vorstadt Pantej Perak angewiesen sei, welche zwar nicht ganz den Ansprüchen einer Officierswohnung gerecht werde, aber für ein junges Ehepaar, wie er lächelnd hinzufügte, mehr als genug Raum biete; übrigens würde ich für den Mangel an Comfort, welchen die Wohnung gewiss biete, weil sie ganz aus Bambus bestehe, durch den Erhalt von Quartiergeld von 70 fl. = 116 Mark monatlich entschädigt werden.
Meine Frau hatte allerdings in diesem Augenblick keine Ahnung, in welchen Räumlichkeiten sie ihre Flitterwochen zubringen sollte. -- Auf sein Anrathen beeilten wir uns, unser Gepäck in seinen Kahn bringen zu lassen, um mit dem nächsten Zug nach der Hauptstadt fahren zu können, weil wir im andern Falle bis in die späte Nachmittagsstunde warten müssten. Vielleicht zwanzig Treppen führten auf den Brückenkopf des Pier, und kaum hatten wir ihn bestiegen, so bemächtigten sich einige chinesische Kulis lärmend unsers Gepäckes und liefen damit zum Stationsgebäude. (Für grössere Waarentransporte geht allerdings vom Stationsgebäude ein Zweig der Eisenbahn bis gegen das Ende des Pier.)
Zu unserer Rechten stand das »Kampement« mit seinen Officierswohnungen, und links zog sich der Seestrand mit seinen Clubgebäuden und einigen europäischen »Tokos« 1 km weit nach Osten. Von dem westlichen Ende des Kampement hatte man eine schöne Aussicht auf den Hafen und über den Sumpf hin auf ein kleines Fort, welches von dieser Seite Uléë-Lhöë beschützen sollte, anderseits mit seinen Kanonen auch das westliche Ende der »Ceinturebahn« bestrich, welche rings um die Königsstadt zog, von sechs Forts in einem Abstand von je 1000 Metern beschützt wurde und bei Pakan Krung Tjut wieder das sumpfige Ufer der See erreichte.
Schon bei dieser ersten Fahrt im feindlichen Lande sollte uns ein kleiner Schrecken nicht erspart bleiben, der glücklicher Weise nur ein blinder Schuss war. Während unser Wagen mit einer Geschwindigkeit von 15 km durch die Sümpfe von Uléë-Lhöë fuhr, öffnete ein Herr plötzlich die Thüre und rief: »Ein Stoss, Acht geben!« Alle Anwesenden verstanden jedoch »ein Schuss«, und mit Blitzeseile waren alle Damen +unter+ den Bänken. Der gepanzerte Waggon hatte nämlich nur zwei Bänke. Gleich darauf erfolgte thatsächlich ein Zusammenstossen mit einem vom Stationsgebäude abgesandten Rangirzug.
Nach einer viertel Stunde erreichten wir die Hauptstadt.[66] Ein niedriges unansehnliches Stationsgebäude empfing uns, wir gingen bei dem schönen Clubgebäude vorbei und kamen auf einen Damm, welcher am rechten Ufer des Atjehflusses lag. Eine Brücke führte auf das jenseitige Ufer und zwar nach Pantej Perak. Der erste Weg in dieser Vorstadt war eine hübsche Allee, welche auf ihrer rechten Seite eine Reihe schöner hölzerner Officierswohnungen mit Dächern aus galvanisirtem Eisen hatte; zur linken Seite standen das Pfarrhaus (Fig. 13) und eine Reihe alter verfaulter Wohnungen aus Bambus, von denen eine unser »Heim« werden sollte. Eine Wachstube schloss sich daran an, und zehn Schritte davon entfernt war schon das Gehege aus Stacheldraht, welches die ganze Hauptstadt vor einem unerwarteten Ueberfalle der Atjeer beschützte.
Während wir wehmüthigen Blickes unser »Haus« besichtigten, ertönten hinter uns auf dem Wege, welcher nach dem grossen Militärspitale und nach dem Kampong Kuta Alam führte, die dumpfen Klänge einer Trommel, welche mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Ein eingeborener Sergeant war der Beri-Beri erlegen, und die Hälfte seiner Compagnie begleitete ihn zu seiner ewigen Ruhestätte. Da wir unser Hôtel aufsuchen mussten, wo unterdessen unser Gepäck unter Begleitung unserer Bedienten angelangt sein konnte, folgten wir dem Trauerzuge, nachdem ich -- ich war ja in Uniform -- dem Sarge den militärischen Gruss gegeben hatte. Wir gingen zurück über die schöne eiserne Brücke und hatten vis-à-vis dem Clubgebäude das Hôtel »Kugelmann« und zwar auf dem Wege nach Gedáh. Der Leichenzug ging hinter dem Stationsgebäude nach dem Kirchhof, welcher in der Nähe des Kunstberges auf dem Terrain des ehemaligen Kampongs Petjut lag.
Im Hôtel fanden wir vorläufig unser Unterkommen, und wir hatten genug Gelegenheit, für die Einrichtung »des Hauses« zu sorgen. Das Hôtel hatte nämlich »einen Toko« = »einen Kaufladen« für +alle+ täglichen Bedürfnisse, und an dieses schloss sich eine Reihe von »Häusern«, in denen sich noch andere europäische Geschäfte befanden, so dass thatsächlich die ganze Einrichtung der neuen Wohnung aus dem Vorrath dieser Geschäfte gedeckt werden konnte. Da wir ja doch das Meiste mitgebracht hatten (selbst ein eisernes Bett mit Mosquito-Netz), so beschränkten sich unsere Einkäufe auf Möbel und Küchengeschirr.
So manche stillen Thränen sind aus den Augen meiner Frau, wie sie späterhin mittheilte, geflossen, als sie zum ersten Male das Innere dieses »Hauses« betrat und nichts als kahle, schmutzige, gelblichbraune, mit Staub und Spinnengewebe bedeckte Wände sah, zwischen welchen sie das trauliche Heim ihrer jungen Ehe gründen sollte. Nicht einmal Fenster hatte die Wohnung; nur Oeffnungen, welche mit kleinen Thüren aus demselben Material geschlossen werden konnten. Wo sollten die zahlreichen Nippessachen, die Hochzeitsgeschenke hingehängt oder aufgestellt werden? Wir hatten einen grossen Spiegel und zwei grosse Stahlgravüren mitgebracht und fanden Wände aus Bambusmatten vor, in welchen Nägel keine Stützen finden konnten.
Die Noth macht erfinderisch. In den Querlatten der Wände wurden lange hölzerne Stifte eingeschoben und daran wurden der Spiegel, die Gemälde und zahlreiche petits riens aufgehängt. Wir hatten ja zwei Zimmer (?) und eine vordere Veranda; hinter dem Hause befanden sich die Küche, das Badezimmer und die Aborte. Das Haus lag tief, ½ Meter unter der Strasse, und stand auf kleinen Pfählen, so dass der Eingang des Hauses im gleichen Niveau des Dammes lag; die Küche hatte jedoch keine Treppe; ihr Flur war die des alluvialen Landes und bestand nur aus Lehm, und sobald es regnete, drang das Wasser sofort in die Küche. Als später im December der Atjehfluss während der Regenzeit aus seinen Ufern trat, stand das Wasser mehr als einen halben Meter hoch in der Küche.
Dennoch gelang es meiner kleinen, aber energischen Frau, aus diesem »Stalle« ein trautes Heim zu schaffen, in welchem wir bis 1. Februar 1887, also sechs Monate, angenehm wohnten.
Es drängt sich hier unwillkürlich eine Frage auf, welche oft bald im Scherz, bald im Ernste von berufener und unberufener Seite besprochen wird, die Frage nämlich, ob überhaupt den Officieren gestattet sein sollte, »ihre Frauen nach Atjeh mitzunehmen«.
Die Gegner dieser Zustände verneinen diese Frage auf Grund folgender Argumente: (Die Zustände haben sich seit dieser Zeit in Atjeh bedeutend gebessert; der Guerillakrieg hat sein Terrain seit vier Jahren weit hinaus über das Gebiet von Kuta radja verlegt; auf anderen Inseln können sich aber diese Zustände wiederholen; es ist also die Besprechung dieser Verhältnisse keine überflüssige!) Der Eine behauptet, dass die Misèren des Lagerlebens überhaupt seiner Frau erspart werden sollten; sie stünde für ihn zu hoch, um sie solchen unwürdigen Verhältnissen auszusetzen; er selbst müsse sich diesen Zuständen unterwerfen, weil es sein Beruf sei; seiner Frau aber wolle er jedwelchen Comfort des Lebens verschaffen, und dieses sei in Atjeh geradezu unmöglich. Andere Officiere motiviren ihr Strohwittwerthum auf empirische Weise. Sehr oft sei es geschehen, dass Kuta radja von einem Anfall der Feinde bedroht wurde. Die anwesenden Officiersfrauen wurden nervös und aufgeregt; hin und wieder sei eine Dame unter dem Schreck der Gefahr ohnmächtig geworden, so dass die Officiere nicht mit Ruhe ihre Maassregeln nehmen konnten. Nur zu häufig sei es geschehen, dass Officiere ihre übliche Patrouille machten, verwundet oder sogar getödtet wurden, und eine Frau unerwartet ihren verwundeten oder getödteten Mann in’s Haus erhielt, wodurch wiederum eine störende »Scene« veranlasst wurde. Endlich giebt es Officiere, welche ein freiwilliges Strohwittwerthum aus praktischen Ursachen auf sich nahmen. Nach der gesetzlichen Bestimmung war ein verheiratheter Officier, welcher seine Frau nicht bei sich hatte, nur zu einem Aufenthalte von vierzehn Monaten in Atjeh verpflichtet und bekam für jeden Fall Quartiergeld ausgezahlt, ob er nun eine standesgemässe Wohnung in Atjeh erhielt, oder eine Bambushütte, wie sie oben geschildert wurde, beziehen musste; ein Lieutenant erhielt nämlich in Atjeh 840 fl. = 1400 Mark, ein Hauptmann 1200 fl. = 2000 Mark u. s. w. Quartiergeld[67] u. s. w. Mit diesem Betrage allein kann in der Regel die in einer Friedensgarnison zurückgebliebene Frau ihren Lebensbedarf decken.
Natürlich giebt es auch Haudegen, welche aus Principien allgemeiner Natur gegen den Aufenthalt der Officiersdamen in Atjeh sind und kurzweg erklären, dass »Frauen in einem militärischen Lager nichts zu thun und zu schaffen hätten und durch ihre Launen und nervösen Charakter und durch ihre Bemühsucht und durch ihre Unbeständigkeit überhaupt den Officierskreisen fern bleiben, für jeden Fall jedoch aus einem militärischen Lager entfernt werden sollten, weil sie eben durch diese genannten Eigenschaften den Officieren in der genauen Erfüllung ihrer Pflichten hinderlich seien«. Ja noch mehr; sie bedauerten es selbst, dass durch Aufhebung der Caution die Ehen der Officiere in schreckenerregender (?!) Weise zugenommen hätten.
Die angegebenen Motive dieses Frauenhasses sind +manchmal+ nur der Deckmantel anderer Ursachen; es giebt ja Officiere, welche ein schweres, ja sehr schweres Ehejoch zu tragen haben; für diese ist eine vierzehnmonatliche Trennung von ihrer besseren (?) Ehehälfte natürlich -- eine Erleichterung. Aber gerade diesen unglücklichen Ehekrüppeln spielt das Schicksal den traurigen Streich, dass die eigene Frau die Richtigkeit seiner Argumente nicht anerkennt und darauf besteht, ihn nach Atjeh zu begleiten. Sie behauptet mit mehr oder weniger Recht, dass Eheleute Freud und +Leid+ theilen müssen; wenn er verurtheilt sei, Entbehrungen zu leiden, so könne sie sich unmöglich einem üppigen und luxuriösen Leben in einer Friedensgarnison ergeben. Nebstdem sei er ja zahlreichen Gefahren ausgesetzt; sie selbst werde ja Tag und Nacht von der grauen Sorge verzehrt, dass jeden Augenblick sein Leben bedroht sei; durch die grosse Entfernung werde diese Sorge noch gesteigert; in Atjeh jedoch sehe sie ihn täglich und wisse sich täglich seiner Gesundheit zu erfreuen. Wenn er jedoch krank würde, oder wenn er durch den Klewang (= langes Schwert) oder durch die feindliche Kugel verwundet nach der pflegenden Hand seiner liebevollen, aber abwesenden Frau Verlangen habe, würde es Tage oder Wochen dauern, bis er sein Sehnen erfüllt sehen könne. Die übrigen Argumente des Haudegens lassen sich ebenfalls leicht widerlegen.
Wenn die Regierung seinerzeit durch Abschaffen der Caution das Eingehen der Ehe erleichterte, hat sie vollkommen Recht gehabt. Eine Soldatesca passte nicht in den Rahmen einer Colonial-Politik und noch weniger in das moderne Staatsleben. Der Berufssoldat vertritt in den Colonien den erhaltenden, schützenden und -- +vermehrenden+ Theil der europäischen Civilisation. »Die Armee ist das Korkholz, auf dem die ganze Colonialpolitik schwimmt«, und da die Ehe die Basis des ganzen modernen gesellschaftlichen Lebens ist, so müssen auch die Vertreter einer colonisirenden Macht die Ehe in ihr Programm aufnehmen. Nebstdem wird ja nicht immer gekämpft; nur ein kleiner Theil der Armee ist jederzeit auf dem Kriegsfusse; selbst der eingefleischte Haudegen wird den civilisirenden Einfluss der Ehe auf das Individuum nicht ableugnen; warum sollte also der Officier diesem entzogen bleiben? Was den Aufenthalt in einem militärischen Lager betrifft, so ist dieser Haudegen ebenfalls im Streite mit der Erfahrung. Ich habe zwei Jahre in Atjeh gelebt und habe als +Arzt+ nur zu oft Gelegenheit gehabt, hinter die Coulissen des ehelichen und Familienlebens zahlreicher Officiere blicken zu können, und kann also aus eigener Erfahrung mittheilen: Kein einziges Mal hat ein Officier durch die Anwesenheit seiner Frau sich zu einer Pflichtverletzung verleiten lassen. Jener Officier, welcher +scheinbar+ davon eine Ausnahme machte, ist wirklich der Uebermacht erlegen; er war ein zweiter Falstaff, d. h. nur was seinen Körperumfang betrifft; seine Frau warnte ihn immer und immer, den Strapazen des »Ausrückens und des Patrouillirens« sich auszusetzen. Endlich stürzte er einmal auf offenem Felde zusammen, und seine Frau bewies dem behandelnden Regimentsarzte, dass ein Sonnenstich ihn »beinahe getödtet« habe. Seine 113 Kilo Körpergewicht zwangen ihn, Atjeh zu verlassen, und nicht der Einfluss seiner Frau. Ja noch mehr. Wenn ich die Liste der Officiere nachsehen würde, welche während meiner Dienstzeit wegen ihrer Heldenthaten mit dem »Willemsorden« decorirt wurden, so würde ich gewiss die verheiratheten Officiere in grösserer Zahl als die der ledigen finden. Ich kann aber auch aus eigener Erfahrung versichern, dass die Anwesenheit der Frau auf das Pflichtgefühl und den Muth der Männer gar keinen Einfluss nimmt und genommen hat. Die Frau ist ja eitel -- wie der Mann, und sie will ihren Mann ob seines Muthes nicht minder geehrt und geachtet wissen, als jeder Officier es nur wünschen kann.
Mit dem wahren Pflichtgefühl ausgerüstet wird kein Officier mit Absicht oder im Leichtsinn einem gefährlichen Unternehmen sich entziehen. Der Muth dazu stellt sich bei dem pflichteifrigen Officier in allen Situationen des Soldatenlebens ein.
Niemand wird also mit Recht behaupten, dass verheirathete Officiere weniger Pflichtgefühl als ledige hätten. Warum sollte also die Regierung das Heirathen der Officiere erschweren? Auch fehlt jede Ursache, den Aufenthalt der Officiersfrauen in einer militärischen Colonie zu erschweren oder zu verweigern. Das »Lagerleben« ohne die gesetzlich getrauten Frauen mag für einige Officiere einen Reiz haben; die Mehrzahl sehnt sich nach des Tages Mühe und Arbeit nach dem ruhigen und gelassenen Familien- und ehelichen Leben.
Die Officiersfrauen fanden ja übrigens, wie wir sehen werden, auch in Kuta radja ihre Rechnung.
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Nachdem wir in dem Hôtel uns für einige Tage eingemiethet und ich mich beim Gouverneur von Atjeh, beim Platzcommandanten und beim Spitalschef gemeldet hatte, war es Zeit zur »Rysttafel« und zur Nachmittagssiesta geworden, und um 5 Uhr machten wir unsern Spaziergang, um uns die »Königsstadt« näher anzusehen. Vom Hôtel aus sahen wir vor uns eine kleine Strasse, die »Kratonallee« mit dem Officiersclub zur rechten und der Amtswohnung des Landesingenieurs zur linken Hand. Nebstdem standen noch drei schöne Häuser aus Holz, von denen das eine für den »Garnisonsdoctor« bestimmt war und welches auch ich sechs Monate später bezog. Die beiden anderen »Häuser« wurden von dem Controleur der Hauptstadt und von dem Assistent-Resident von Atjeh bewohnt. Die Jury fand unter dem Vorsitze des Assistent-Residenten gewöhnlich in einem dieser beiden Häuser statt. (Fig. 14.)
Diese vielleicht 120 Meter lange Allee stiess auf die Mauer des Kraton, während links ein Weg nach Pendéëti und rechts nach dem Stationsgebäude führte. Der Name Kraton[68] stammt aus der Zeit der Eroberung Atjehs durch die Holländer (1873-1874). Hier stand nämlich der Kraton (= Palast) des Sultans von Atjeh. Die ungefähr vier bis fünf Meter hohen steinernen Mauern haben zahlreiche Schiessscharten. Sein Inneres besteht gegenwärtig aus Casernen für zwei Bataillone Soldaten, zahlreichen Officierswohnungen, dem Palaste des »Gouverneurs von Atjeh«, und in der nordwestlichen Ecke stehen noch zwei steinerne Grabmäler früherer Sultane.
Die Mauern des Kraton bilden ein Quadrat und an der Südseite schliesst sich Nesuh an, welches gegenwärtig einen grossen Platz mit zahlreichen »Häusern« für Officiere und Beamte und mit einer Caserne umschliesst. Das Stacheldrahtgehege zog hinter der südlichen Front links nach Petjut mit Kirchhof und der neuen, schönen, von den Holländern erbauten Moschee (Fig. 15), nach Gedáh, Penájong, Pántej Perak, Kuta-Alam und Pendéeti zurück zur östlichen Mauer des Kraton und Nesuh.