21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.
Part 15
Im Ganzen wurde ich nur neunmal für aussergewöhnliche Fälle während dieser Jahresfrist nach den erwähnten Forts gerufen und musste entweder im Fort selbst oder auf offenem Felde (dann unter Deckung von 40 Mann) meine ärztliche Hülfe leisten. Wenn in jüngster Zeit die Campierpfähle den Militärärzten warm empfohlen werden, so kann ich in den Hymnus nicht einstimmen; sie sind nur für die Manöver, und dann allerdings von grossem Werthe. Es ist richtig, dass die Behandlung auf offenem Felde sehr lästig und beschwerlich ist; wenn aber aus grosser Entfernung die Kugeln das Operationsfeld bestreichen, dann ist es ein Gebot der Nothwendigkeit, so wenig als möglich über den Boden erhoben zu sein. Im Manöver wird man allerdings von den Kugeln nicht bedroht und für diesen Fall kann ich das Anschaffen derselben auch der indischen Armee empfehlen, weil sie nicht einmal von der Verwaltung angeschafft werden müssten, sondern leicht improvisirt werden können. Bambus oder Holz sind ja überall bei der Hand; es werden also vier Stöcke von einer Höhe von 1-1½ Meter in die Erde in passender Entfernung gestossen. Jeder Soldat hat ja die »Sprei« bei sich d. h. eine Decke aus Barchent oder Molton. Sie wird als Nothbehelf und häufig genug zum Transport von Kranken verwendet, wenn keine Tragbahre bei der Hand ist. In Atjeh trägt jeder Soldat, auch wenn er den Tornister zu Hause lässt, diese Decke um die Schultern geschlagen bei sich. Diese »Sprei« wird also auf diese vier Stöcke befestigt, und der Arzt kann stehend die etwaigen Untersuchungen und nothwendigen Eingriffe vornehmen. Aber, wie gesagt, für den Kriegsschauplatz kann ich sie nicht empfehlen.
Zahlreiche Episoden aus dieser Zeit haben in unseren Aufenthalt in diesem Fort oder, wie es meine Frau nannte, in diesem »cellulären Gefängnisse« wirklich interessante Abwechslungen gebracht.
Eines Tages begossen die Atjeer von der Südseite aus den umgebenden Wall mit Petroleum und steckten es in Brand; unter dem Schutze dieser ungeheueren Rauchmassen hatten sie sich bis auf hundert Schritte genähert und uns mit einem Meer von Kugeln überschüttet. Der damalige Liniencommandant, Major Pompe von Meerdervort, verlor keinen Augenblick seine olympische Ruhe und Geistesgegenwart. Das Feuer wurde gelöscht und niemand verwundet.
Weniger Ruhe zeigte im folgenden Vorfalle der Liniencommandant X., welcher ein guter, braver Mann, ein zärtlicher Ehemann war und dennoch im Eifer des ersten Augenblickes eine Härte zeigte, welche ihm sonst fremd war und nur ein warnendes Beispiel ist, wie der Krieg selbst ein edles Männerherz sich verleugnen lässt.
Am 10. Juli circa um 12½ Uhr Mittags alarmirte die Schildwache das Fort mit dem Rufe: »Ein Deserteur«. Wir eilten sofort auf das Banket und sahen thatsächlich einen europäischen Soldaten +auf+ dem Damme ruhigen und gelassenen Schrittes den Weg nach Anagalong nehmen. Der Oberst X. befahl sofort 10 Mann mit dem Gewehr anzutreten, liess ihn dreimal anrufen, und als er demungeachtet, als ob er nichts hörte und sah, wie in Gedanken versunken, ohne den Schritt zu beschleunigen oder Deckung hinter dem Damm zu suchen, weiter ging, gab Oberst X. das Commando Feuer, und sofort fiel er von dem Damm in den Graben.
Jetzt erst liess Oberst X. eine kleine Patrouille ausrücken, welche gedeckt durch die auf dem Bankete stehenden Truppen die Leiche des Deserteurs (?) ins Fort bringen sollte. Der ganze Vorgang spielte sich so rasch ab und musste sich nothwendiger Weise so rasch abspielen, dass die Erkenntniss erst später sich einstellen konnte, dass dieser Soldat -- er kam aus der Cantine -- gar keine Absicht hatte, zu desertiren, oder wenigstens seines Thuns sich nicht bewusst war, dass er wahrscheinlich betrunken den Weg statt ins Fort, hinter dem Fort auf dem Damme weiterschritt, ohne zu wissen oder daran zu denken, dass er sich auf dem Wege in das Feindesland befand; hätte er die böse Absicht gehabt, zu desertiren, so hätte er nicht zur Ausführung seines Planes die Mittagsstunde gewählt, in welcher er von der Schildwache gesehen werden musste; er wäre nicht +auf+ dem Walle, sondern +hinter+ dem Walle unsichtbar für Jeden gegangen, und er hätte wenigstens in dem Augenblicke, als ihm der Zuruf die Entdeckung seines Verrathes bewies, im Laufgraben Schutz vor den Kugeln der Soldaten gesucht. Alle diese Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, als ich auf dem Banket diesen Vorgang sich abspielen sah. Wenn ich bedauerte, dass keiner der übrigen Officiere meine Ansicht acceptiren wollte oder es wagte, gegen das Commando des Oberst X. Einspruch zu erheben, und wenn ich dieses Opfer des Alcohol-Teufels beklagte, so wurde noch mehr das Menschlichkeitsgefühl späterhin in mir verletzt. Die Patrouille brachte den Deserteur (??) bei den Füssen ins Fort, und sein Kopf sprang wie eine elastische Kugel über den unebenen Boden, obzwar er noch lebte!! Unterdessen hatte ich mich mit einem Krankenwärter bei dem Thore eingestellt, um ihn in Empfang zu nehmen. Endlich liess Oberst X. den Soldaten in das Marodenzimmer bringen. Hier auf meinem Terrain war er +nur+ der unglückliche Kranke, für den die ärztliche Hülfe zu spät kam. Er lebte noch zwei Stunden, ohne das Bewusstsein wieder erhalten zu haben. +Eine+ Kugel war unter dem linken Rippenbogen eingedrungen, hatte die vergrösserte Milz durchbohrt und bei der Wirbelsäule den Körper verlassen.
* * * * *
Der Kriegszustand untergräbt bekanntermaassen keineswegs den Humor eines guten Soldaten. Den 19. Februar wurde im Fort der Geburtstag des Königs von Holland gefeiert.
Hauptmann X. war sehr gern freigebig; als ich z. B. den 31. August um 8¼ Uhr des Abends nach Tjot-Iri gerufen wurde und um 4 Uhr früh zurückkam, hatte er von seiner Frau ein completes Souper für mich bereiten lassen! Er war für die Soldaten seiner Compagnie mehr als der »Vater der Compagnie«, er war eine Grossmutter, die ihren Enkeln nicht genug Leckereien bieten kann; thatsächlich hatten die Truppen in Lambaro unter seinem Commando ein besseres Frühstück als -- seine Officiere. Die böse (?) Welt behauptete sogar, dass der Hauptmann X. aus seinem Privatvermögen so manches »gouden Tientje« (10 Guldenstück aus Gold) zur Soldatenmenage beigesteuert hätte. In der Regel ist diese Freigebigkeit überflüssig, weil die Portionssätze in Atjeh so reichlich bemessen sind, dass ein Theil derselben zum Vortheile der Soldatenmenage (an die Officiere) verkauft werden kann; nebstdem erhält diese einen geregelten Zuschuss aus dem Ertrage der Kugeln und Hülsen, welche nach dem Scheibenschiessen, ja selbst oft im Ernstfalle nach Abgabe einiger Salven von den Soldaten gesammelt und gegen eine reglementär festgestellte Entschädigung in die Kriegsmagazine eingeliefert werden.
Der europäische Soldat erhält z. B. fünfmal in der Woche 400 gr. Reis; für 50 Soldaten sind dies 20 Kilo, welche niemals aufgegessen werden; beinahe jeder Compagniecommandant verkauft daher an seine Officiere den überflüssigen Reis gewöhnlich um denselben Preis, als der Lieferant ihm in Rechnung bringt. Jeder Soldat erhält täglich 30 Gramm Kaffee; bei einer geschickten Manipulation haben 150 Mann (dies ist der I. Stand einer Compagnie) niemals 4½ Kilo für ihr Frühstück nöthig. Brandholz wird gewöhnlich gar nicht in Empfang genommen; d. h. der Compagnie-Commandant lässt sich von dem Lieferanten den Geldbetrag ausbezahlen und seine Soldaten in den freien Stunden Holz aus dem benachbarten Walde holen. (Jeder Soldat erhält pro Tag 0.003 M^3 Holz.) Diese Nebeneinkünfte der Soldatenmenage sind in der Regel mehr als hinreichend, um den Soldaten ein schmackhaftes Essen mit reichlicher Abwechslung zu bieten. Ja noch mehr; wenn ich mich an einem Teller Erbsensuppe delectiren wollte, liess ich sie mir aus der Soldatenmenage holen; bei Privatleuten wird sie niemals so schmackhaft als in der Caserne bereitet. Capitän X. setzte aber einen Stolz darein, +seinen+ Soldaten die beste Menage von ganz Atjeh zu besorgen, und dieser Mann nahm es auf sich, am 19. Februar 1888 den Geburtstag des damaligen Königs von Holland im Fort Lambaro durch eine echte veritable Kirmes feiern zu lassen. Ehre, dem Ehre gebührt. Es war wirklich ein schönes Fest, welches nebstdem den Beweis brachte, dass die Gefahren des Krieges einem tüchtigen Soldaten für keinen Augenblick den guten Humor rauben.
Es war eine wohlgelungene Parodie auf einen holländischen Kirmestag; hier sah man den Beri-Beri-Bacillus von Professor Pekelharing (welcher damals in Atjeh weilte); ein Bambusrohr stellte den Tubus eines Mikroskopes, und ein Streichhölzchen den gefundenen Bacillus dar; ein Wachsfigurencabinet, in welchem z. B. Dornröschen, von einem bartlosen Corporal dargestellt, mit Blumen und Kränzen geschmückt, in einem Bette mit einem Mosquitonetz lag; die »Hyäne von Amersfoort« (einem Dorfe bei Utrecht) war mein »Babi« (Fig. 16), ein kahles Windspiel aus Mexiko, welches nur auf dem Kopfe und auf der Spitze des Schweifes einige Haare hatte. Den grössten Zuspruch hatte jedoch die friesische Waffelbäckerei. Ein junger Trompeter hatte sich die ganze Toilette einer Friesin zu verschaffen gewusst und buk den ganzen Vormittag veritable Waffeln und »Poffertjes«. Weisse Hühner waren blau oder feuerroth gefärbt und sassen auf dunkelvioletten Eiern und waren antidiluvianische Hühner aus der Fingalshöhle u. s. w. Mit dem Mittagszug kam eine halbe Capelle aus Kuta radja, und um 9 Uhr schloss ein schöner Zapfenstreich den wirklich fröhlichen und gemüthlichen Festtag.
* * * * *
Wie ich schon erwähnt habe, lag das Fort Sirun in unserer nächsten Nähe, war jedoch von der Ceinturebahn mehr als 2 Km. entfernt, bei günstiger Windrichtung hörten wir selbst alle Signale, welche im Laufe des Tages gegeben wurden. Zwischen diesen beiden Forts lief ein Damm mit einem Laufgraben an der Nordseite; die dem Fort gegenüberliegenden Kampongs waren von wahren Irridentisten bewohnt, und beinahe den ganzen Tag und oft genug auch ganze Nächte lauerten die feindlichen Bewohner vor dem Fort und hielten dort ihre Schiessübungen. Wurde das Schiessen zu stark, verständigte der Commandant des Forts den Liniencommandant per Telephon, und es wurden von unserm Fort aus einige Kartätschen in die angegebene Richtung geworfen; gewöhnlich aber liess auch der Commandant von Sirun den Atjeern ihre Freude und störte sie nicht in ihren Schiessübungen; aber »Sicherheit, das wisst ihr lange, führt die Menschen zum Untergange«. Der Laufgraben neben dem Damme, welcher nach Sirun führte, war gewöhnlich durch den Regen aufgeweicht, und nur ungern marschirten die Soldaten in diesem; auf dem Damme waren sie aber den feindlichen Kugeln blossgestellt.
Am 2. Januar 1888 wurde ein europäischer Sergeant von Sirun abgelöst und ging unter dem Geleite einer Patrouille unter dem Commando eines javanischen Sergeanten nach Lambaro, um von dort aus per Eisenbahn nach Kuta radja zu fahren; um sich weder den feindlichen Kugeln auszusetzen, noch den Weg durch den schmutzigen Laufgraben zu nehmen, marschirten sie durch das Zuckerrohrfeld und durch den befreundeten (?) Kampong Sirun, welcher zwischen Sirun und Lambaro lag. 4 Uhr Nachmittags befand ich mich im Badezimmer, als plötzlich das Signal: der Doctor! zu meinen Ohren drang; in meiner indischen Haustoilette eilte ich sofort ins Spital, der Bediente brachte mir noch den Helmhut und den Uniformrock, und in zwei Minuten stand ich mit der Ambulanz beim nördlichen Eingang, wo 40 Mann unter dem Commando eines Lieutenants auf mich warteten. In wenigen Minuten hatten wir (im Laufschritt) die Unglücksstätte erreicht. Von 15 Mann waren 5 unter einem Klewang-Anfall einer kleinen Truppe Atjeers zu Boden gefallen, 2 waren todt und 3 schwer verwundet. Der Patrouillencommandant, der eingeborene Sergeant Singodjojo, hatte nicht weniger als 6 (!) Wunden und -- kam mit dem Leben davon! Auf dem Scheitel, auf dem Hinterkopf, unter dem linken Schulterblatte und am linken Vorderarm hatte er grosse klaffende Hautwunden, das rechte Knie war durchgeschlagen, so dass der Unterschenkel nur auf dem Fleischlappen der Kniekehle hing, und nebstdem hatte er einen Lanzenstich unter dem Herzen erhalten.
Zwei Tage später schickte ich diese Patienten nach Kuta radja; unter Deckung von einer kleinen Patrouille wurden sie zum Bahnhof gebracht, welcher ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt war; die feindlichen Atjeer hatten offenbar durch ihre Spione schon früher Nachricht erhalten; denn auf dem Wege zur Station überschütteten sie uns mit einem Kugelregen, ohne jedoch jemanden zu treffen; dies war wirklich ein besonderer Zufall, denn die Kugeln schlugen vor mir und hinter mir in den Sand.
Zwei Tage später (den 6. Januar) war ich geradezu die Scheibe, auf welche die Feinde ihre Schiessübungen hielten.
Der Thierarzt Schilstra war nach Sirun gegangen, um das erkrankte Pferd des Commandanten zu behandeln. Auf seinem Rückwege richteten die Feinde das Feuer auf ihn resp. auf die Patrouille, welche ihn deckte, und ein Schuss traf den europäischen Infanteristen Kaufmann ins Schienbein; er fiel nieder, und während der Trompeter durch das Signal: der Doctor! mich zur Hülfe rief, legte sich die Truppe in den Laufgraben nieder und erwiderte das Feuer; als ich mit der Ambulanz erschien, da begann das Schiessen mit erneuerter Wuth; die ganze Ambulanz bestand nur aus vier Mann; ich hatte nur einen Krankenwärter und zwei Sträflinge zum Transport der Verwundeten mitgenommen; aber wir gingen auf dem Damme, und die übrigen lagen im Laufgraben und gaben von Zeit zu Zeit eine Salve auf den Feind. Ich verband den Unglücklichen »unter dem Feuer des Feindes«, und noch heute frage ich mich, woher ich soviel Muth (??) damals nahm; ohne Deckung ging ich dem feindlichen Kugelregen entgegen, und unter einem Kugelregen behandelte ich meinen Verwundeten, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern; nun, ich wiederhole es, das Pflichtgefühl war der Motor, und der Muth, feindlichen Kugeln zu trotzen, ist nichts anderes als in die Praxis umgesetztes Pflichtgefühl, welches in rebus militaribus durch die Disciplin, durch den Drill und durch die Dressur zur Bethätigung erzwungen werden kann.
Ich hatte damals an mir selbst oft genug Gelegenheit, dieses zu beobachten.
Eines Tages z. B. ging ich (mit 40 Mann) auf dem Damm nach Lamrö-eng. Unterwegs gesellte sich zu mir der Liniencommandant Major Pompe van Meerdervort mit seinem Adjutanten. Beide waren zu Pferde. Auf einmal fingen die Atjeer an, auf uns zu schiessen. Der Major und sein Adjutant und die Patrouille unter dem Commando eines Lieutenants liessen sich dadurch nicht im geringsten in ihrem gewöhnlichen Schritte stören; dadurch fühlte auch ich mich nicht im geringsten beunruhigt und schritt mit den beiden Officieren, ohne auch nur unser Gespräch zu unterbrechen. Endlich frug mich der Liniencommandant spöttisch: Warum gehen Sie nicht in den Laufgraben? »Wenn Sie es, Herr Major! nicht thun, obwohl Sie hoch zu Ross sitzen,« antwortete ich, »besteht für mich noch weniger Ursache, um mein Leben besorgt zu sein.« Als aber die Schüsse immer zahlreicher und zahlreicher wurden und sogar eine ganze Salve über unsere Häupter hinwegflog und zu gleicher Zeit aus dem Fort Lamrö-eng eine Kartätsche auf die Atjeer abgefeuert wurde, gab er endlich den Befehl: »rechtsum in den Laufgraben« und -- die ganze Truppe folgte wie eine Heerde Schafe dem Beispiel des Leithammels. Wenn ich auch heute über den Vorfall ganz anders als damals urtheile, weil ich es heute für eine überflüssige Waghalserei oder ein ruchloses Blossstellen von 40 Mann halte, so kann ich doch seinen pädogogischen Werth nicht verkennen. Wenn Major Pompe mir mittheilte, er habe dies gethan, um den Atjeern zu zeigen, dass der Europäer Muth habe, so hat er eben stillschweigend das pädagogische Moment eines solchen Vorfalles hervorgehoben. Wenn aber dadurch einige Soldaten verwundet oder sogar gefallen wären?! A la guerre comme à la guerre wäre wahrscheinlich die Antwort gewesen. Ich nahm während des weiteren Gespräches Anlass, den Major darauf aufmerksam zu machen, dass man in Europa die Arbeit der Militärärzte geradezu unterschätze. Wenigstens Deutschland und Oesterreich haben bis jetzt in diesen nur Officiere zweiten Ranges gesehen; diese Staaten gaben ihnen bis jetzt noch nicht die Feldbinde, und viele militärische Auszeichnungen werden ihnen vorenthalten; nichts ist unbilliger als dieses. Die moderne Kriegswissenschaft ist in ihrem Principe ebenso auf die Leistung des todten als auf die des lebenden Materials angewiesen; die Militärhygiene ist also ein bedeutender Theil der Kriegswissenschaft, und ihre Vertreter -- die Militärärzte -- sind schon aus diesem Grunde ein gleichwerthiger Theil des Heerwesens. Häufig genug wird der Unterschied zwischen combattanten und nichtcombattanten Truppen zum Nachtheile der Militärärzte hervorgehoben; auch die einzelnen Theile der combattanten Truppen zeigen aus verschiedenen Ursachen eine oft weitgehende Rivalität untereinander. Die Artillerie, die Cavallerie und die Infanterie bestreiten oft genug gegenseitig ihre Vorzüge; aber gegenüber den Militärärzten zeigen sie eine rührende Harmonie. Alle combattanten Truppenofficiere sehen in diesen minderwerthige Officiere, weil sie nicht mit der Waffe in der Hand ihren Dienst verrichten, also keines persönlichen Muthes bedürfen sollten, der die Grundbedingung eines guten Soldaten sei. Dies ist eine ganz falsche Ansicht; der persönliche Muth ist für den Militärarzt noch mehr Grundbedingung seiner Existenz als für den Truppenofficier; die Kugeln wählen sich nicht ihre Opfer; die Gefahren des Aufmarsches, der Schlacht, des Rückzuges bedrohen den Militärarzt nicht weniger als den combattanten Officier; ja noch mehr; während die Kugeln um ihn pfeifen, muss er ruhigen Blutes dem Laufe des Kampfes folgen, dort eine zerrissene Ader aufsuchen, sonst verblutet das Opfer unter seinen Händen; hier muss er ein zerschmettertes Glied lege artis verbinden, sonst bleibt der Verwundete sein Leben lang ein Krüppel; der Truppenofficier schwingt während der Schlacht den Säbel, läuft, schiesst den Revolver ab, ruft mit lauter Stimme sein Commando, den Aufruhr in seinem Innern braucht er nicht zu dämpfen, er folgt seinem Impuls, sich und seine Soldaten zum Ziele zu führen und sein Leben zu vertheidigen. Der Arzt dagegen muss den Sturm in seiner Seele unterdrücken; er darf sein Leben nicht vertheidigen; er muss das Leben seiner Nächsten retten; er lässt die Kugeln um seine Ohren sausen, er denkt nicht an sein Leben -- er muss ruhig bleiben; +er ist muthiger+, weil er nicht kämpfen darf, er ist tapferer, weil er nicht kämpfen kann, auch wenn das Schwert des Cavalleristen seinen Kopf, der Huf des Rosses seine Brust und die Kugel oder das Bajonett des Infanteristen seinen Leib zu zerschmettern drohen.
* * * * *
Meine Privatpraxis unter den Eingeborenen war unbedeutend und konnte auch nicht gross sein, weil der Verkehr der europäischen Beamten und Officiere sich nur auf dienstliche Angelegenheiten beschränkte und der Kleinhandel in Lambaro ganz in den Händen der Chinesen sich befand. Ihr Quartier befand sich ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt und wurde jede Nacht abgeschlossen; es war insoweit also ein Ghetto; aber einer grossen Sicherheit ihrer Person oder ihres beweglichen Vermögens erfreuten sie sich deswegen nicht; im Dunkel der Nacht konnten sehr leicht räuberische Ueberfälle von Seiten der »feindlichen Atjeer« stattfinden und selbst bedeutenden Erfolg haben, bevor aus dem Fort die nöthige Hülfe eintreffen konnte. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in Lambaro nur ein einziges Mal die Alarmglocke im chinesischen Viertel geläutet, und als die Hülfe beim Thore anlangte, berichtete der chinesische Häuptling, dass die Räuber bereits entflohen seien.
Es war ja auch nicht zu erwarten, dass aus politischer Ursache jemals die Chinesen von den Atjeern etwas zu fürchten hätten. Sie waren ja für die Eingeborenen des Landes geradezu unentbehrlich. Gestattete die Regierung den Export der Naturproducte, so waren die Chinesen die officiellen Agenten oder Exporteure. Glaubte die Regierung den Export verbieten zu müssen, so waren die Chinesen die heimlichen Exporteure und leiteten mit grosser Geschicklichkeit den Schmuggelhandel; zu allen Zeiten leisteten sie aber den Atjeern -- ausgezeichnete Spionendienste. Natürlich war dieses der Regierung kein Geheimniss; aber es war ihr unmöglich, diesem mit Erfolg entgegenzutreten und -- sie gebrauchte die Chinesen ebenfalls zu Spionendiensten. Solche Zustände sind nur dort möglich, wo die politischen Zustände keinen ausgesprochenen Charakter haben. Atjeh war in diesem Jahre unterworfen, der Kriegszustand war nach dem erzwungenen Abtritte des Generals van der Heyden officiell beendigt, Friede[74] war im Lande und nur gegen »vereinzelte isolirte Marodeure« musste hin und wieder die bewaffnete Macht einschreiten. So hatte es der Gouverneur Pruys van der Hoeven urbi et orbi verkündet; ja noch mehr; die Dictatur wurde der zielbewussten Leitung der militärischen Macht abgenommen und die oberste Leitung der civilen Macht anvertraut, welche durch »Polizeimänner« diese »kleinen unbedeutenden räuberischen Ueberfälle« unterdrücken wollte. Ein Fiasco war das Resultat dieser Politik und, wie schon erwähnt wurde, die »Concentration« des eroberten Gebietes hinter der »Linie« unter militärischem Commando musste diesen groben Fehler restauriren, ohne dass darum auch der Kriegszustand wieder officiell erklärt wurde.
Die innerhalb der Linie befindlichen Kampongs gehören zu den »Freunden«; aber ihre »Freundschaft« (?) hinderte sie nicht, ihren Brüdern, welche sich ausserhalb der »Linie« befanden, im Geheimen ihre werkthätige Hülfe zu leisten; der Atjeer besitzt ja, wie mir ein atjeischer Häuptling mittheilte, »zwei Herzen«; er ist falsch und heimtückisch, und die traurigen Erfahrungen, welche die Regierung mit dem Bündniss des Tuku Umar machte, sind nicht vereinzelt. Sein listiger und heimtückischer Charakter zeichnet sich auch in seinen Zügen, und jedesmal wenn ich auf meinen Märschen einem dieser Männer begegnete, oder wenn ich in einem Kampong Halt machte, freute ich mich, 40 Mann hinter und neben mir zu haben.
Selbstbewusst, wenn nicht stolzen Hauptes traten sie uns entgegen in alten schmutzigen Hosen und kleinen Röckchen; das ordnungslose, lange, rabenschwarze glatte Haar wurde nur mühsam mit einem Kopftuche zusammengehalten; um die Hüften hatten sie ein Lendentuch (= idja pinggang), welches über dem Knie mit einem schiefen Rande endigte; in dem Gürtel steckte der Dolch (röntjong), und in seiner rechten Hand trägt er das lange Schwert (Klewang) ohne Scheide. Auffallend ist es, dass ihre Hose weit ist, d. h. kein Lendenstück hat, und dass sie dieser weiten Hose eine »sittliche« Berechtigung geben, gerade wie das Lendentuch mit mehr oder weniger Recht, ich möchte sagen ihre weitgehenden Keuschheitsgesetze in der Theorie demonstrirt -- obschon (in der Praxis) die Päderastie zu ihren nationalen Lastern gehört.
In Atjeh selbst habe ich keinen Oberländer (orang tunòng) gesehen, welcher von des Bewohnern der Küste ein Bauer = Dorfbewohner = orang dusson gescholten wird, während jener als orang baròh den Ehrentitel banda = gebildet oder städtisch sich selbst giebt. Der »gebildete Mann« wie die gebildete Frau (orang banda) (Fig. 18) unterscheidet sich auch in der Kleidung von dem »ungebildeten Bauern«. Während meines Aufenthaltes in Seruway hatte ich Gelegenheit, hin und wieder einen solchen Oberländer zu sehen, und der Unterschied in den Hosen, dem Lendentuche und bei den Frauen in der Form der Kopfhaare ist auffallend.