Zwischen Himmel und Erde

Part 16

Chapter 163,517 wordsPublic domain

Fritz Nettenmair lacht im wilden Hohn und schluchzt zugleich im hilflosen Schmerz. Die Kinder sind ja nicht mehr sein. Er ist ja ihr Vater nicht mehr. Er ist's. Er! _Seine_ Kinder sind's. Er ist ihr Vater. Er, der ihm alles genommen, hat ihm auch die Kinder genommen. Das, was man dem Elendesten läßt. Wenn Er gehen müßte, _Er!_ die Kinder hingen sich an ihn; eher rissen die Händchen, als daß sie _ihn_ ließen. Und das Weib hier, das schöne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt, als sie von der Lampe; dieses Weib, _Sein_ Weib, _Seins!_ auch _Sein_, wie alles, was einmal mein war! Sie ist in ihren Kleidern zu Bett gegangen; sie kann die Stunde nicht erwarten, wo ich gehe; und ginge Er, die Rosen würden bleich, sie flösse sterbend in ihn hinüber, um nicht getrennt von _ihm_ zu sein. Wie sie auffahren würde, sagt ihr einer in den Traum hinein, den sie von ihm träumt, denn sie lächelt, _er_ geht! Er, _ihr_ -- Nein! ich will nicht gehen! Nein! ich kann nicht gehen! Lieber tausendmal sterben! Und er hat ja dem Tode schon ins Gesicht gesehen, vor Stunden erst, als er vor dem Vater auf der Rüstung hingestreckt lag. Es war ein Kinderspiel, das Sterben, gegen solch ein Leben. Es war -- denn auch er war tot. Es wär es noch, wär auch Er noch tot. Und er wär an ihr gerächt, an ihr hier mit dem teuflischen Engelslächeln; und er wär an dem Vater gerächt, der ihn von Beaten riß, von seinem guten Engel. Und an den Knaben, die ihn zurückstoßen, an dem guten Ännchen, das ihn verderben half und noch Tag und Nacht ihn quält. Er wäre -- aber er war's ja nicht. Er mußte gehen; er wurde noch elender, als er war; und die er haßte, die ihn verdorben, wurden glücklich durch sein Gehen. Er machte sie alle wieder zu Teufeln, um von ihrem Glanze nicht vernichtet zu werden. Er haßte in ihnen wieder, was er an ihnen getan; er haßte in ihnen selbst die Gewalt, die er sich antun mußte, Teufel in ihnen zu sehen. Und brach ihr Glanz dennoch durch die Schwärze, in die er sie angstvoll vor sich versteckte, standen sie als Engel über ihm, und so haßte er sie noch mit dem Neide der Teufel. Er hatte die Grenze überschritten, über welche keine Rückkehr mehr ist. Wie er die Frau in ihrer Schönheit dort liegen sah, trat ihn noch einmal der Gedanke an, diese Schönheit zu vernichten. Aber die einmal geweckte Erinnerung an den Augenblick, wo er todgefaßt vor dem Vater lag, und an das, was der Vater mit ihm wollte, erwies sich mächtiger und vertrieb ihn. Das Bild des Augenblicks blieb ihm und tauschte nur die Personen. Er malte es immer farbiger aus. Und nun war es eine wilde Freude, was ihn den Gang zwischen Haus und Schuppen hin und her trieb. Seine Arme bewegten sich so heftig als vorhin, aber es waren nicht Gitterstäbe, mit denen er rang. Unterdes war der Mond aufgegangen. Das Haus mit den grünen Laden lag so friedlich in seinem Schimmer da. Kein Vorübergehender hätte ihm die Unruhe angesehen, die es hinter seinen Wänden barg; keiner den Gedanken geahnt, den darin die Hölle fertig braute in einem verlorenen Gefäß.

* * * * *

Apollonius war müde vom Wachen und vom Kampfe, den die gefährliche Nähe des geliebten Weibes und das Wissen um des Bruders Betrug und empörenden Undank in ihm entzündet. Neben diesem war erst noch ein anderer Kampf aufgeglommen. Der Vater schien nicht an die böse Absicht des Bruders zu glauben. Vor dem Gedanken, den Arm der Obrigkeit zu seinem Schutze aufzurufen, schauderte er zurück. Die Schmach für die Familie, wenn des Bruders Tat bekannt wurde, mußte den Vater töten. Und vielleicht war auch des Bruders Seele noch zu retten, wenn es gelang, ihn zu überzeugen, daß er geirrt. Aber wie? Wenn er -- ihn versicherte, ihm schwur, daß er in der Frau nur die Schwester sehe? Vor einem halben Jahre noch hätte er das beschwören können: heute durfte er es nicht mehr, heute war es Meineid. Er konnte, wenn der Bruder den entsetzlichen Plan auf sein Leben nicht aufgab, die Ausführung desselben erschweren, aber nicht unmöglich machen. In dem Zustande, in welchem Apollonius sich jetzt befand, konnte ihm der Tod eher erwünscht sein als schrecklich; dann hatte aller Kampf, alle Gewissenspein, alle Sorge ein Ende; aber was sollte aus dem Vater, was aus ihr und den Kindern werden? Und hatte er sich nicht das Wort gegeben, sie vor Schande und Not zu bewahren? Diesen neuen Kampf beendete die Mitteilung des Vaters, Fritz wolle nach Amerika. Aber sie machte den alten Kampf nur schwerer, indem sie dem Feinde neue Kräfte gab. Er wußte freilich, daß er entschlossen war, die Wünsche, die er verdammen mußte, nicht zur Tat werden zu lassen. Aber die Wünsche selbst! Wenn kein äußeres Hindernis mehr ihrer Erfüllung im Wege stand, mußte ihre Gewalt da nicht wachsen? Die Gewissensvorwürfe mit ihnen? Und die Entfernung von dem Orte, wo sie in der täglichen Nähe einen unerschöpflichen Erneuerungsquell hatten, machte wiederum die Erfüllung des Wortes, das er sich gegeben, der Pflicht, die ihm ohne das gegebene Wort oblag, unmöglich. Er war heftig aufgeregt und bedurfte Ruhe. Diesen Vormittag noch mußte er die Umkränzung des Turmdaches mit der Blechzier vollenden, und Fahrzeug, Flaschenzug, Ring und Leiter wieder herabnehmen. Sein Tritt mußte fest, sein Auge klar sein. Für die einzige Stunde, bis der Arbeitstag begann, wollte er sich nicht erst ausziehen und zu Bett legen. Er hatte sich bis jetzt des Sofas, das in seinem Zimmer stand, noch nicht bedient, darauf zu liegen. Er vermied alles, was zu Verweichlichung führen konnte; ein gleich starker Beweggrund war sein Bedürfnis, Dinge um sich zu haben, die er liebend hüten, an denen er bürsten und polieren konnte. Auch in dem Zustand von Verstörung und Ermüdung, worin er vom Vater kam, vergaß er diese Schonung nicht. Er fuhr unwillkürlich mit leise liebkosender Hand über den Bezug des Sofas und setzte sich dann auf den hölzernen Stuhl, worauf er beim Schreiben saß. Hier kam ihm der Schlaf früher, als er es erwartet. Aber es war kein Schlaf, wie er ihn bedurfte; es war ein ununterbrochener, aufregender Traum. Christiane lag in seinen Armen wie gestern, er kämpfte wieder, aber diesmal siegte er nicht; er preßte sie an sich. Da stand der Bruder neben ihnen, und sie standen nicht mehr auf dem Gange zwischen Schuppen und Haus, sondern oben am Turmdach auf der fliegenden Rüstung. Der Bruder wollte ihm die Besinnungslose aus den Armen reißen, um sie zu mißhandeln; er warf im schmerzlichen Zorne dem Bruder alles vor, was er an ihm und ihr getan, und im Kampfe um das Weib stieß er ihn von der Rüstung. Er erwachte. Er wollte munter bleiben, um den Traum nicht noch einmal durchträumen zu müssen. Als er die Augen öffnete, war es Tag und Zeit, an die Arbeit zu gehen. Er war aufgeregter erwacht, als er vom Vater gekommen. Er stand auf. Er hoffte, vor der frischen Morgenluft, vor der ernüchternden Wirkung des Wassers, das er sich nach seiner Gewohnheit über Kopf und Arme goß, würden die Bilder des Traumes, welche die Lebhaftigkeit der alten Wünsche, und damit die Gewissensvorwürfe über sie, noch immer steigerten, von ihm in sein Stübchen zurückfliehen. Aber es geschah nicht; sie gingen mit ihm und ließen ihn nicht los. Selbst über der Arbeit nicht. Immer wehte der Hauch des warmen Mundes an seiner Wange; immer fühlte er sich in ihrem schwellenden Umfangen, immer quollen ihm die leidenschaftlichen Vorwürfe gegen den Bruder, der bei ihm stand, aus dem Herzen herauf. Er kannte sich nicht mehr. Zu den Vorwürfen, die er sich deshalb machen mußte, kam noch die Unzufriedenheit, daß er sich nicht mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei der Arbeit wußte. Sonst hatte er gleichsam seine eigene heitere Tüchtigkeit mit hineingearbeitet in seine Arbeit, und diese mußte gut und dauerhaft ausfallen. Heute kam's ihm vor, als hämmerte er seine unrechten Gedanken hinein, als hämmerte er einen bösen Zauber zurecht, und die Arbeit könne nicht taugen, nicht haltbar werden.

Der Schieferdecker muß besonnen arbeiten. Der Mann, der heute eine Reparatur unternimmt, muß sich auf die Berufstreue dessen, der Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vor ihm hier stand, verlassen. Die Ungewissenhaftigkeit, die heute ein Dachhaken liederlich befestigt, kann den Braven, der nach fünfzig Jahren an diesen Haken seine Leiter hängt, in den Tod stürzen. Es war nicht einzusehen, daß eine Nachlässigkeit, ein Versehen in der Arbeit, wie er sie heute vollendete, eine so schwere Folge nach sich ziehen sollte, aber seine natürliche ängstliche Genauigkeit war noch von seinen übrigen Kräften in ihre krankhafte Spannung mit hineingezogen. Hinter dem Kampfe seines Gewissens mit den Bildern seines sündhaften Traumes, drohte als dunkle Wolke die Ahnung, er hämmere in seiner Zerstreuung ein künftiges Unheil fertig.

Er war fertig. Blendend glänzte die neue Blechzier in der Sonne um die dunkle Fläche des Schieferdachs. Ring, Flaschenzug, Fahrzeug und Leiter waren entfernt; die Arbeiter, die die Leiter während des Losknüpfens und Herabsteigens gehalten, waren wieder gegangen. Apollonius hatte die fliegende Rüstung und die Stangen, worauf sie geruht, vom Dachgebälk abgelöst und stand allein auf dem schmalen Brette, das den Weg vom Balkenkreuz nach der Ausfahrttür hin bildete. Er stand sinnend. Es war ihm, als hätte er irgendwo Nägel einzuschlagen vergessen. Er sah in die Schiefer- und Nagelkasten seines Fahrzeugs, das neben ihm über einem Balken hing. Ein heimlicher, hastiger Schritt tönte unter ihm die Turmtreppe herauf. Er achtete nicht darauf; denn eben sah er im Schieferkasten eine zurückgebliebene Bleiplatte liegen. Er hatte nur so viel Bleibleche mit sich heraufgenommen, als er brauchte; eine war also von ihm vergessen worden; in der Zerstreuung hatte er eine Befestigungsstelle übergangen. Aus der Ausfahrttür sah er an der Turmdachfläche hinab und hinauf. War der Fehler auf dieser Turmseite geschehen, so ließ er sich vielleicht ohne Fahrzeug bessern. Er brauchte vielleicht nur die Leiter, um zu der Stelle zu kommen. Und so war es auch. Etwa sechs Fuß hoch über ihm, nahe dem Dachhaken, hatte er die Schieferplatte herausgenommen, aber vergessen, sie durch die Bleiplatte zu ersetzen und die Blechgirlande mit Nägeln darauf zu befestigen. Unterdes waren die heimlichen Schritte immer näher gekommen; jetzt hatte der Eilende das Ende der Steintreppen erreicht und stieg die Leitertreppe nach dem Dachgebälk herauf. Die Uhr unter ihm hob aus. Es war auf zwei. Apollonius hatte noch nicht Mittag gemacht; aber, war er in seiner Arbeit einem Fehler auf die Spur gekommen, dann ließ es ihm nicht Ruh, bis er ihn entfernt. Er war zurückgegangen, um die Leiter herbeizuholen. Diese lag neben dem Fahrzeug auf dem Balken. Da, indem er sich darauf herabbeugt, fühlt er sich ergriffen und mit wilder Gewalt nach der Ausfahrtür zugeschoben. Unwillkürlich faßte er mit der Rechten die untere Kante eines Balkens seitwärts über ihm; mit der Linken sucht er vergebens nach einem Halt. Durch diese Bewegung wendet er sich dem Angreifer zu. Entsetzt sieht er in ein verzerrtes Gesicht. Es ist das wildbleiche Gesicht seines Bruders. Er hat keine Zeit, sich zu fragen, wie das jetzt hierher kommt.

»Was willst du?« ruft er. Was er auch erfahren, er kann sich selbst nicht glauben. Ein wahnwitziges Lachen antwortet ihm:

»Du sollst sie allein haben oder mit hinunter!«

»Fort!« ruft der Bedrohte. Im zornigen Schmerze sind all die Vorwürfe gegen den Bruder in sein Gesicht heraufgestiegen. Mit seiner ganzen Kraft stößt er mit der freien Hand den Drängenden zurück.

»Zeigst du endlich dein wahres Gesicht?« höhnte dieser noch wütender. »Von jeder Stelle hast du mich verdrängt, wo ich stand; nun ist die Reih' an mir. Auf deinem Gewissen sollst du mich haben, du Federchensucher! Wirf mich hinunter oder du sollst mit!«

Apollonius sieht keine Rettung. Die Hand erlahmt, mit der er sich nur mühsam anhält an der scharfen Kante des starken Balkens. Er muß den Bruder mit seiner ganzen Kraft an den Armen fassen, ihn herumdrehen und hinunterstürzen, oder der Bruder reißt ihn mit hinunter. Doch ruft er: »Ich nicht!«

»Gut!« stöhnte jener. »Auch das willst du auf mich wälzen! Auch dazu willst du mich bringen! Nun ist's mit deiner Scheinheiligkeit zu End'.« Apollonius würde einen andern Halt suchen, wüßt' er nicht, der Bruder benutzt den Augenblick, wo er den alten läßt. Und schon stürzt der mit wildem Anlauf heran! Apollonius' Hand rutscht von der Balkenkante ab. Er ist verloren, findet er keinen neuen Halt. Er kann vielleicht im Sprunge den Balken mit beiden Händen umfassen, aber dann stürzt den Bruder, den kein Widerstand mehr aufhält, die Gewalt des eigenen Anlaufs durch die Tür. Da sieht er im Geiste den alten, braven, stolzen Vater, sie und die Kinder; ihm kommt das Wort, das er sich gab; er ist der einzige Halt der Seinen; er muß leben. Ein Schwung, und er hat den Balken im Arme; in demselben Augenblick stürzt der Bruder vorbei. Die Gewichte tief unter ihnen rasseln und es schlägt zwei Uhr.

Die Dohlen, die der Kampf aus ihrer Ruhe gestört, schießen wild hernieder bis zur Aussteigetür und schweben in krächzender Wolke dort. Tief unter ihnen hört man den Fall eines schweren Körpers auf dem Straßenpflaster. Ein Aufschrei schallt zugleich von allen Seiten. Bleiche, lebende Gesichter sehen auf ein bleicheres, totes herab, das blutig auf dem Straßenpflaster liegt. Dann verbreitet sich die bleiche Hast, das Aufschreien, das Zusammeneilen, das Händeineinanderschlagen vom Kirchhof wie ein Wirbelwind durch die Straßen bis in die entferntesten Winkel der Stadt. Aber oben hoch die Wolken am Himmel achten es nicht und gehen unberührt darüber hin weiter ihren großen Gang. Sie sehen des selbstgeschaffenen Elends so viel unter sich, daß das einzelne sie nicht bewegen kann.

Es hat alles auf der Welt seinen Nutzen, wenn nicht für den, der es treibt oder an sich hat, so doch für andere. So wurde nun, was Schande über das Nettenmairsche Haus gebracht, zum Verhüter größerer Schande. Die Trunksucht Fritz Nettenmairs war in der ganzen Stadt bekannt; alle hatten ihn schon berauscht gesehen, kein Wunder, daß jeder, der den Tod Fritz Nettenmairs erfuhr, ihn jenem Laster auf die Rechnung stellte. Diese Mühe hatten eigentlich nur die ersten; die anderen erfuhren schon die fertige Geschichte. Es war gut, daß niemand außer dem Nettenmairschen Hause davon wußte, daß er nach Amerika gewollt, und daß er selbst, um bei seiner Rückkehr weniger aufzufallen, sich in seinen Arbeitskleidern, nur den Mantel übergeworfen, in den Postwagen gesetzt hatte. Der Mantel war unterwegs liegen geblieben, und die ein Recht auf seine Auslieferung hatten, meldeten sich natürlich nicht. In den bloßen Arbeitskleidern war er zurückgekehrt. Wer von seiner Abreise wußte, setzte voraus, er sei zuerst in seinem Hause gewesen und habe sich da umgekleidet; wer ihm auf dem Rückweg begegnet war, hatte gemeint, er komme vom Schieferbruch oder irgend sonst von einer Arbeit oder Arbeitsrücksprache. Es fiel niemand ein, rückwärts auf dergleichen kaum beachtete Umstände Gewicht zu legen, da es nicht galt, die Geschichte erst zusammenzusetzen, da man sie schon fertig erhielt. Dazu hatte er vor der Tat an seinem gewöhnlichen Zerstreuungsort stark getrunken und mit seiner Waghalsigkeit geprahlt. Darin hatte er von je, seiner Natur nach, die höchste Eigenschaft eines vollkommenen Schieferdeckers gesehen und in der Zeit seiner Tätigkeit genug Beweise davon gegeben, die der Öffentlichkeit nicht unbekannt geblieben waren. Dann hatte er geäußert, jetzt wolle er sein Meisterstück machen und war stark berauscht von der Schenke nach Sankt Georg gegangen. Alles Umstände, die herumkamen und die einmal gefaßte Meinung nur bestätigten. Ein glücklicher Zufall hatte alle Arbeiter von Sankt Georg entfernt; von dem Kampfe vor dem Sturz wußten außer Apollonius nur die Dohlen, die dort wohnten. Der Bauherr hatte sogleich, nachdem er die Geschichte erfahren, seinen Liebling aufgesucht und brachte diese auf den Turmboden, wo er den Erschöpften sitzend fand, schon völlig fertig mit. So fiel es niemand ein, diesen zu fragen. Man erzählte ihm, anstatt ihn erzählen zu lassen. Es hatte ihn bei seinem Schmerz in der Seele des Vaters gefreut, daß niemand den wahren Sachverhalt ahnte; die Schande des Bruders und damit des ganzen Hauses konnte niemand helfen und den Vater töten. Er schwieg daher über das, worum man ihn nicht fragte. Der alte Herr erriet, der verlorene Sohn hatte den Tod absichtlich gesucht. Er fand, es war so gut. Alles, was er vernahm, bewies ihm, der Unglückliche wollte die Ehre seinem Hauses schonen. Dennoch ängstigte ihn die Möglichkeit, es möchten noch Umstände bekannt werden, die den allgemeinen Irrtum berichtigen könnten. Natürlich aber ließ er sich weder seine Meinung, noch seine Furcht absehen. Er zeigte sie selbst Apollonius nicht, der im Glauben, der alte Herr teile die Überzeugung der ganzen Stadt, ihm nun auch verschwieg, wovon er fürchten mußte, es würde den Vater unnötig erschrecken und beängstigen. So blieb die erste Meinung unwiderlegt, die Gerichte fanden keinen Anlaß, untersuchend einzuschreiten, und die Gefahr, die der Ehre der Familie gedroht, ging glücklich vorüber.

Eines Abends sah man denn die schwarze Bahre vor dem Hause mit den grünen Fensterladen, das darüber wegsah, um sein rosiges Aussehen zu rechtfertigen. Etwas entfernter standen Frau und Kinder in Gruppen zusammen, bald leise flüsternd, bald voll Aufmerksamkeit, die zeitweilig bis zur Ungeduld stieg. Dasselbe Treiben, dieselben Empfindungen, mit der die gebildetere Schicht der Bevölkerung des Augenblickes harrt, wo der Vorhang vor den rührenden Gebilden des Dichters aufrauschen soll; dasselbe Bedürfnis hat die blauen Schürzen hierher gezogen, das dort die schönsten Gewänder der Stadt versammelt. Zuweilen kommt ein schwarzer Mantel unter dreieckigem Hute in düsterer Gravität die Straße daher und tritt hinter der Bahre hinweg ins Haus. Endlich geht die Tür doppelt auf. Der Sarg steht auf der Bahre, das Leichentuch bedeckt beides; leise und in gleichmäßiger Bewegung hebt sich die schwarze, wallende Masse; nun ist sie an ihrer Stelle, denn die Träger rücken den Hut zurecht. Und nun bewegt sich's schwankend, flatternd. Obenauf blitzt der Deckhammer, den Valentin poliert hat, und sagt, was man jetzt der Erde übergibt, hat ehrlich zwischen Erde und Himmel hantiert. Die alten Weiber schwemmen mit süßen Tränen hinweg, was von Schmutz auf seinem Andenken liegt. Innerlich geben sie sich das Wort, niemand, den sie daran hindern können, soll Schieferdecker werden. Es ist gefährlich, das Schieferdeckerhandwerk zwischen Himmel und Erde; das predigt der Mann, der unter dem schwarzen Flattern zwischen den Brettern liegt, so stumm er ist, mit erschütternder Beredsamkeit. Dann mustern sie den alten Herrn, den zwei Leidtragende führen. Er sieht aus, wie der Geist des ehrlichen Begräbnisses selbst. Doch über dem schlanken, hohen Apollonius neben dem würdigen Bauherrn vergessen sie die ganze Milde, die sie vorhin geübt; sie graben den Toten wiederum aus den nassen Totenblumen heraus, womit sie seine menschliche Blöße bedeckt. Seinetwegen wär der Hammer über ihm voll dunkeln Rosts der Schande, Apollonius ist's, dem er dankt, daß das Werkzeug so ehrenblank über seinem letzten Bette liegt. Und ob er's um ihn verdient hat? Das will keine sagen. Könnte sie der Tote hören vor den Brettern und dem schwarzen Geflatter darum, er hätte dem Bruder noch mehr zu verzeihen. Oder auch nicht zu verzeihen; er hatte ihm nichts verziehen, nicht was er an Apollonius, nicht was dieser an ihm getan. Und könnt' er vollends dem Bruder in das Herz sehen, aus dem der Tod allen Groll verwischt, das sich Vorwürfe macht, weil es einen Bösewicht sah, wo es den unglücklichen Wahnsinnigen hätte bedauern müssen, er steifte sich noch tiefer in den Neid der Teufel. Dann kommt die junge Frau an die Reihe, und völlig in der Weise ihres Geschlechts schlagen die Klageweiber in Ehestifterinnen um. Und wahrlich! sie haben nicht unrecht; ein schöneres Paar, eines, das besser zusammenpaßte, das seiner gegenseitig so wert wäre, wie dieses, fänden auch tiefere Beobachter im Bereich der ganzen Stadt nicht aus. Der Zug ging am Roten Adler vorbei. Es war schon wieder ein Ball da oben, bei dem Fritz Nettenmair fehlte; gewiß ein lederner Ball! Da ist er ja! da ist er ja! klang dem Zuge entgegen und begleitet ihn unermüdlich die ganze Straße entlang. Aber famos konnte es nicht werden trotzdem. Es war derselbe Weg, den Fritz Nettenmair zurückging, nachdem er den Gesellen begleitet hatte. Damals sah er im Geiste den Bruder unter dem Deckhammer und dem wallenden, schwarzen Behänge, und er ging leidtragend hinter ihm drein. Nun war's umgekehrt Wirklichkeit geworden, aber Apollonius fühlte wirklich, was der Bruder nur zur Schau trug. Und fort ging's immer die Straßen hin, die Fritz Nettenmair damals hergekommen war. Und draußen vor dem Tore zerflossen wiederum die Weiden in Nebel oder Nebel gerann zu Weiden. Hüben und drüben trugen Nebelmänner Nebelleichen neben der wirklichen her. An dem Kreuzweg, wo Fritz Nettenmair damals den Gesellen im Nebel verschwinden sah, verschwand er heute selbst darin. Ob es ihn freuen würde, wenn ihm einer sagte, er wird den Freund wiedersehen? Er wird ihn wieder begleiten -- wohin? Eben tragen sie in Tambach ihn hinaus. Sie haben viel zu sprechen miteinander. Fritz Nettenmair kann dem Gesellen sagen, wie sorgsam er den Gedankenkeim, den jener gegeben, bis zum Zerschneiden des Seiles ausgebrütet hat, und der Geselle dem ehemaligen Herrn, daß er unter dem Seilschnitt verunglückte, den dieser gemacht. Der Geistliche, der Fritz Nettenmair die Grabrede hält -- denn Fritz Nettenmair wird mit allen Ehren begraben, die seinem Stande ziemen und für Geld zu haben sind -- weiß nicht, welch fruchtbares Thema ihm entgeht.