Part 15
Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und hielt das schöne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn liebte. Und sie war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die Stube, er ließ sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie zu beleben. Er stand verwirrt; er wußte nicht, wie ihm geschehen war, er mußte sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen; er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmied, der nach Sankt Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und werde bald hier sein. Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten worden. Dann hatte er geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Daß ihn der Vater rufen ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem Sturze eines Schieferdeckers in Tambach hatte er gehört, aber er wußte nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß jemand glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich unvorbereitet auf das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte, war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf dessen Stübchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstürzen und mit dem Umsinken kämpfen sehen und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er sie in den Armen. Die Gestalt, die er schmerzlich mühsam und doch vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren gerungen, deren bloßes Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als Sünde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender, wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte rückwärts gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz sehen, das schöner, gefährlich schöner war, als alle seine Träume es malen konnten. Und jetzt überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis in die weichen, braunen Haare, die in den milden, selbstgeschlungenen Locken über die Schläfe hinabrollten, die tiefen, blauen Augen öffneten sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen. Und nun sah sie ihn an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in seine Arme gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden Armen, um seiner gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll drängender Hast: »Und bist du's denn auch? Bist du's auch gewiß? Und lebst noch? Und bist nicht gestürzt? Und ich habe dich nicht getötet? Und du bist's? Und ich bin's? Aber er -- er kann kommen!« Sie sah sich wild um. »Er will dich töten. Er wird nicht eher ruhen.« Sie umfaßte ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann vergaß sie die Angst über der Gewißheit, daß er noch lebte, und lachte wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe, ob er's auch noch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm alles sagen, was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mußte es schnell; jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, süß unbewußtes Liebesgeschwätz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um das verlorene Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedürfnis der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein Gedanken seines Geistes, ein Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt und fühlt wie seine andern; bräutliche Verwirrung und Vergessen der ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist, -- denn alles, was war und werden kann, ist bloß Schatten -- was sie erzählt, hat sie geträumt und erlebt, fühlt und weiß es erst jetzt; was gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu Ende; -- alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem einzelnen Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. »Er hat mich und dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättest meine Blume vor den Gesellen ausgeboten. Und du weißt's ja noch, beim Pfingstschießen die Blume, das kleine Glöckchen, das ich liegen ließ. Und du hast's ihm geschickt. Ich hab's gesehen. Ich wußte nicht, warum. Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb und so allein, das hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest deinen Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie du in deinen Briefen über mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst nicht, wie weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewußt hab', warum. Der Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab' ich mich vor dir gefürchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab dich immer noch geliebt und wußt es nur nicht. Er selbst hat mir's erst gesagt. Da bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will's auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lügen. Dann hat er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte machen, daß du stürzen müßtest. Es wär' nur Scherz; aber, sagt' ich's dir, dann wollt' er's im Ernste tun. Seitdem hab' ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nächte hab' ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab dich in Gefahr gesehn und durft' es dir nicht sagen und durft' dich nicht retten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der Nacht, eh' du nach Brambach gingst. Der Valentin hat mir's gesagt, der Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehen. Ich hab' dich tot gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wär' schuld gewesen an deinem Tode und stürbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann's nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie es war; die Bäume da, der Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht tot. Und ich wollte auch sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich weiß nicht, ist's wahr oder träume ich's nur. Ist's denn wahr? Sag' du mir's doch: ist's wahr? Dir glaub' ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll sterben, so will ich's, wenn du's nur weißt. Aber er kann kommen. Vielleicht hat er gelauscht, daß ich dir's sagte, was er will. Schick' den Valentin in die Gerichte, daß sie ihn fortführen und er dir nichts mehr tun kann!«
So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort. Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht sieht, ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödlicher als die, über deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich Tun, die Süßigkeit ihrer unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen, was ihr warmes, schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen muß, der sie liebt; daß sie alles tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut sie sich so unbekümmert anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im Tumulte des Blutes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen Kampf sie in ihm entzündet und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Und er weiß nun, das Weib in seinen Armen war sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt weiß er's, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des Glückes zeigt, um das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mißhandelt; und für alles, was er um ihn gelitten, getan, verfolgt er ihn noch und steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen, der sie mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schändlich gestohlen worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom eines tiefen und wilden Gefühls hingerissen, durch seine Adern stürzten und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem Strom entgegen und hält die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er will etwas tun und er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine ferne Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird -- er läßt sich fortreißen; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, könne er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen: Alledem lag die angstvolle Vorahnung zugrunde, er könne mit einer Bewegung etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang schon lange unter den berauschenden Tönen nach etwas, bevor er wußte, daß er rang und daß dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedürfnis seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: »das Wort, das du gegeben hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun willst, muß sie zernichten.« Er war der Mann und mußte für sich und sie einstehen. Die Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke, mit einem Blicke, an dem rührenden, unbedingten Vertrauen üben würde, das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand. Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und schwärmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst verderben würde, als das war, worüber er ihren und seinen Feind anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend zwischen ihm und ihr, die ein einziger Druck, ein einziger Blick für immer verscheuchen konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um. Wenn nur Valentin käme, dann mußt' er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hilfe außen suchte, wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die weichen Glieder aus den Händen ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der jüngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine Arme, drückte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt, entband sich der wilde Drang, und nun lösten sich die gespannten Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrückt, wie allein er sie an sein Herz drücken durfte.
Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand ihn. Glühende Röte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie wußte nun erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt und mit ihm gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie richtete sich auf den Knien auf, als wollte sie ihn flehen, sie nicht zu verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der Mann konnte sie belauscht haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte sie ihn durch die Freude über seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und litt es mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm vorging; aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekämpft. Er neigte sich zu ihr und sagte: »Du bist meine brave Schwester. Du bist braver als ich. Und über uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh' hinein, Schwester, liebe, brave Schwester.« Sie wagte nicht aufzusehen, aber durch die gesenkten Lider sah sie seine Milde, das tiefe, unauslöschbare Wohlwollen, die unvertilgbare Menschenachtung auf seiner leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewußter und unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht schlecht, sie konnt' es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die gesenkten Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß ihm der Mann nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung, und wie sie noch auf den Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein Gebet. Er führte sie an die Tür. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie er sie führte.
* * * * *
Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn Nettenmairs verknöchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge Frau und Valentin mußten eine Predigt über grundlose Einbildungen anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht wie sie der Valentin zusammengeängstelt hatte. Die Reise Fritz Nettenmair's gedachte er als eines lang von demselben gehegten, aber von ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl, sogleich mit den Geschäftsbüchern auf des alten Herrn Stube zu kommen. Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschäftes genau kennen lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort wußte er einen früheren Kölner Freund, der sich in sehr guten Verhältnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu vergelten, ihm öfter, und noch neulich eine Geldhilfe angeboten hatte. Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthaltskosten bestreiten und ihm -- aber nicht eher, als unmittelbar vor der Abfahrt -- eine gewisse Summe Geldes übermachen; alles auf Apollonius Rechnung. Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem Zeuge sein und sich bei dem alten Herrn melden.
So war das Leben in dem Hause mit den grünen Laden immer schwüler geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen Stille, darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten. Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht in die Seele der Menschen hätte hineinsehen können, der wäre aus einer Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie zu einer Reise sich rüstet, von der es vielleicht nicht wieder heimkehren wird, drängen sich die übrigen um ihn. Je weniger der Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinanderlebens drängen sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck wird als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her kommen die Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz Nettenmair sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als wär er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist's, sein Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen wird, der sich nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die andern wissen und genehmigen!
Apollonius mußte dem alten Herrn die Geschäftsbücher vorlesen, ein wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im Geiste bei den Zahlen. Und der alte Herr tat noch dazu, als wisse er alles schon. Daß Apollonius ihm die Gefahr des Hauses verschwiegen, erwähnte er natürlich nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran knüpften, ließ er keinen sehen. Aus seinen diplomatischen Reden, zu denen er sich bisweilen zusammenraffte, um dem Schattenspiel vor dem Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben, konnte man vielleicht erraten, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius möglich war, der alte Herr habe alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es kommen müsse, wenn er die Hand vom Ruder abziehe, und daß er gesinnt sei, von nun an selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn einmal wie beiläufig, ob er etwas Genaueres von dem Verunglückten in Tambach wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe ungemütliche Geselle, der vordem bei ihnen gewesen. »So?« sagte der alte Herr gleichgültig. »Und weiß man, was die Ursache war?« Apollonius hatte gehört, das Seil, das über dem Verunglückten gerissen, sei ein fast neues, aber es müsse an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen, spitzen Werkzeug durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrak. Er ahnte einen Zusammenhang, auf den auch andere kommen konnten. Valentin, wußte er, hatte vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karren mit dem Handwerkszeug nach Brambach gefahren, müsse auf dem Rückweg ein Anschleifeseil verloren haben. Apollonius hatte den Valentin damit beruhigt, er habe das Seil in Brambach verliehen. Der alte Herr war nun überzeugt, auch Apollonius müsse einen Zusammenhang ahnen, wenn nicht mehr als nur ahnen; und habe durch die Antwort des Valentin ihn den Augen des alten Gesellen entziehen wollen. Er sah, daß Apollonius in seinem, des alten Herrn, Geiste verfuhr. Von dieser Seite war also nichts zu fürchten. Aber es konnten Umstände im Spiele sein, die trotz Apollonius' Vorsicht eine Entdeckung herbeizuführen drohten. Er ließ seine Zurückhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und auf wiederholte Fragen mußte Apollonius sagen, was er wußte. Es war folgendes. Den ersten Tag hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter gebraucht. Der Geselle war in dem Wirtshaus gewesen, als er ankam. Denselben Abend noch hatte er ihn über den Hof schleichen sehen. Am andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich Verdacht auf den Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zögerte er, ihn auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Tor der Stadt, erfuhr er das Unglück, das ihn getroffen; zugleich, daß der Geselle bei keinem Meister gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem Schieferdache in Tambach unternommen. Ein Stück des von ihm hinterlassenen Handwerkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem rechtmäßigen Besitzer beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung Christianens ihn gewiß, das Seil, durch dessen Zerreißen der Geselle verunglückt, war das seine. Wie die Sache nun stand, durfte er sich natürlich nicht zu dem Eigentumsrechte daran bekennen; er mußte seiner Ehrlichkeit sogar den Zwang antun, durch Erdichtungen fremder Vermutung der Wahrheit zuvorzukommen.
Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius tat es, aber im Geiste waren beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich zwingen. Es war seiner sonstigen Art geradezu entgegen, nicht mit ganzer Seele bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff fremde Zerrüttung auch in diese gleichgewichtige, wohlgeordnete Seele herüber. -- Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld für Fritz Nettenmair und die Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung, das Gepäck des Reisenden nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen Auftrages harrend in seiner Nähe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine Stunde später kam er zurück und hatte den Befehl vollzogen. Er erzählte, Fritz Nettenmair freue sich auf das neue Leben in Amerika. Sie sollten sich wundern über ihn, wenn sie ihn wiedersähen. Er konnte kaum die Zeit erwarten. Der alte Herr richtete sich innerlich hoch auf; er meinte grimmig, Apollonius könne vor Schlaf in den Augen nicht mehr lesen, und schickte ihn ins Bett. Das begonnene Werk fortzusetzen, müsse sich ein andermal Zeit finden.
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Und Fritz Nettenmair? Wie war ihm zumute in dieser Nacht? Als er, ruhelos wie ein gequälter Geist, bald händeringend, bald fäusteballend den Gang vom Hause nach dem Schuppen und wieder vom Schuppen nach dem Hause schlich? Bald schrak er vor einem fallenden Blatt zusammen, bald wünschte er, das Haus stürzte über ihn und begrübe ihn. So oft er den Weg durch den Gang zurücklegte, so oft bäumte sich seine Seele im wildesten Trotz empor und sank wiederum in die hingebendste Hilflosigkeit zurück. Er war entschlossen, zu gehen -- und sie dem Gehaßten zu überlassen? Daß sie ihn höhnten? Sie hatten ihn ja so weit gebracht, um ihn los zu werden; dann war ihr einziger Wunsch erfüllt. Nein! er wollte bleiben! er mußte bleiben! -- und dann faßten ihn wieder die Gerichte -- denn der im blauen Rock hielt sein Wort -- und schlossen ihn mit Ketten fest und -- dann war's dasselbe. Sie hatten wieder ihren Zweck erreicht. -- Fritz Nettenmair bewegte heftig die Arme vor sich hin, als rüttelte er schon an den Gittern des Kerkerfensters und atmete so mühsam, als erstickte ihn schon der Dunst der feuchten Wände. Dann überfiel ihn in plötzlicher Abspannung das ganze Bewußtsein seines grenzenlosen Elends, der Jammer gänzlicher Verlassenheit. Goldene Bilder stiegen auf; die verlorene Seligkeit marterte ihn mehr, als die gewonnene Verdammnis. Da hüpfte er als schuldloses Kind den Gang hin, dem entlang er jetzt die Überlast seines Elends schleppte; da waren Menschen, die ihn liebten. Wie klang der Mutter Stimme, die ihn rief, so süß! Und jetzt liebte ihn niemand mehr. Die fremden Menschen verachteten ihn; die ihn lieben sollten, schauderten vor ihm. O, nur ein einzig Herz, dem sein Scheiden weh täte, und er ginge und würde ein anderer Mensch! Jetzt sieht er jeden freundlichen Blick, den er in der Verblendung seiner Leidenschaft nicht beachtet. Das Lächeln um die angstzuckenden Lippen des kleinen Ännchens steigt vor ihm auf; jetzt erkennt er die unermüdliche Liebe, die er zurückstieß, die immer wieder kam, so oft er sie zurückstieß, bis er ihr Gefäß zerbrach; jetzt, wo sie ihn retten könnte, wär sie nicht tot durch seine Schuld; jetzt ergreift ihn das Mitleid mit dem Kinde mit so schmerzlicher Gewalt, daß er sein eigen Elend darüber vergäße, wär's nicht ein Teil davon. Das Ännchen ist tot, aber er hat noch Kinder; sie müssen ihn lieben, sie sind ja sein. Sein Herz schreit nach einem Liebeswort. Seine Arme öffnen sich krampfhaft, etwas, was sein ist, an sein Herz zu pressen, damit er weiß, er ist nicht verloren; und verloren ist keiner, der noch einen Menschen hat auf der Welt. Mit erneuten Kräften eilt er den Gang, den Hausflur hindurch, durch Stuben- und Kammertür. Ein Nachtlicht, vom Schirm bedeckt, gibt dem Vater Schein genug, seine Kinder zu sehen. An dem nächsten kleinen Bette sinkt er in die Knie. Ein längst verlernter Laut flüstert durch seine Lippen, und wie ihn diese Lippen nie flüstern gekonnt. »Fritz!« Er will die Kinder nur einmal an sein Herz drücken, ihre Liebe sehen und -- gehen. Gehen und ein anderer Mensch werden, ein besserer, ein glücklicherer! Der Kleine erwacht! er meint, die Mutter hat ihn gerufen. Lächelnd öffnet er die großen Augen und -- erschrickt. Vor dem Mann an seinem Bette fürchtet er sich. Es ist ein fremder Mann. Ein schlimmerer Mann, als ein fremder Mann. O, nur ein zu bekannter Mann! Und doch fremder als fremd. Es ist der Mann, der das Kind so oft zornig angeblickt, der Mann, vor dem die Mutter es in die Kammer schloß, weil es nicht sehen sollte, was der Mann ihr tat. Und dann stand es zitternd und horchte an der Tür, dann ballten sich die kleinen Händchen im ohnmächtigen Zorn. Er hat ja das Kind ihn hassen gelehrt, nicht ihn lieben.
»Fritz,« sagte der Vater voll Angst; »ich gehe fort, ich komme nicht wieder. Aber ich schicke dir schöne Äpfel und Bilderbücher und denke jeden Augenblick tausendmal an dich.«
»Ich will nichts von dir,« sagte der Knabe furchtsam, trotzig. »Onkel Lonius gibt mir Äpfel; ich mag deine nicht.«
»Hast auch du mich nicht lieb?« sagt der Vater mit brechender Stimme am zweiten Bettchen.
Der kleine Georg flieht zum Bruder in dessen Bett. Dort halten sich die Kinder in Angst umschlungen. Dennoch ist er trotzig, und so viel Widerwillen, als ein Kindesauge fassen kann, blickt aus dem seinen. »Die Mutter hab' ich lieb, den Onkel Lonius hab' ich lieb,« sagt das Kind; »dich mag ich nicht. Laß' uns gehen, ich sag's dem Onkel Lonius!«