Zwischen Himmel und Erde

Part 12

Chapter 123,783 wordsPublic domain

Wenn der Schieferdecker seine Platten zurichtet, sitzt er rittlings auf einer Bank, in deren Mitte das Haueisen, sein kleiner Ambos eingeschlagen ist. An eine solche stieß Fritz Nettenmair mit dem Bein und nahm den Stoß als eine Aufforderung, sich zu setzen. Durch eine Lücke konnte er nach Apollonius' Fenster sehen; er wollte das Auslöschen des Lichtes hier erwarten. Der Schieferdecker verrichtet oft Zimmermannsarbeit, er führt daher auch ein kleines Zimmerbeil unter seinem Werkzeuge. Ein solches hatte auf der Bank gelegen; es war herabgefallen, als er sich gesetzt. Er hob es auf und hielt es absichtslos in seinen Händen; denn seine Gedanken waren mit ihm in der Kammer: er saß am Bette der Frau und ängstigte sie mit Drohungen. Der Ärger über das Zögern Apollonius' machte sich darin Luft; dieses Zögern hinderte ihn, sich im Trunk Betäubung zu suchen. Er hat seine Hand auf das Bett der Frau gestützt und fühlt an den Bewegungen der Decke das Zittern ihrer Glieder. Er fühlt sich in ihre Angst hinein, er fühlt, wie er selbst Apollonius zu ihrem einzigen Gedanken macht; wie sie morgen ihm entgegenstürzen muß, wenn er von der Arbeit heimkommt. Und wären sie nicht seine Teufel, wären sie Engel, es müßte morgen kommen, was er verhüten will. Wenn sie ihn mit der Glut der Angst umfaßt, das schöne, fluchvoll schöne Weib, er müßte nicht Blut in seinen Adern haben -- und hätte er nie den Gedanken gehabt, mit dem er doch einschläft und aufwacht Tag für Tag, er müßte jetzt den Gedanken denken. Es muß kommen, wovor die bloße Furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der Menschen gemacht, der sich selbst anspeien könnte; geschieht nicht morgen noch, was der Fronweißblick weissagt. Und nun steht er wieder an der Straßenecke und sieht wieder hinauf und harrt und zählt verzweifelter als je; er badet sich in Angstschweiß, und die Bretter brechen nicht und das Tau reißt nicht. O, er wird den Fronweißblick zum Märchen machen, er wird leben bleiben, das Jahr, zehn Jahr, hundert Jahr, aus Haß gegen ihn. Und er zählt immer noch eins, zwei; er sagt: nun muß -- da hört er das Geräusch eines zerreißenden Taues und fährt auf aus seinem wachen Fiebertraum. Die wilde, angstvolle Freude ist vergeblich; er steht nicht an der Ecke und sieht nach dem Kirchendache hinauf. Er sitzt im Schuppen; es ist Nacht. Aber das Geräusch hat er gehört. Das war keine Vorspiegelung der Phantasie. Und von dort her kam es. Seine Haare stehen empor. Dort liegen die Hängstühle und die Flaschenzüge mit ihren Tauen. Er hat hundertmal erzählen hören; jeder Schieferdecker weiß, was es sagen will, das vorspukende Geräusch. Aber dreimal muß es klingen, als wenn ein Tau zerrisse; und er hat es erst einmal gehört. Er lauscht, er preßt die Faust auf das Herz. Vor seinen Schlägen, vor dem Brausen des Blutes die Adern hinauf und herab, wird er es nicht hören, wenn es noch mal klingt und noch einmal. Er lauscht und lauscht und das Geräusch wiederholt sich nicht. Da fährt ein Gedanke wie ein dunkelglühender Blitz durch den Krampf, in den all seine Gefühle zusammengeballt sind; der Gedanke, dem Schicksal nachzuhelfen. Er hat das Zimmerbeil immer noch in seinen Händen; absichtslos ist er mit der Handfläche an der Schneide hingefahren; jetzt kommt ihm zum Bewußtsein, das Beil ist scharf, die Ecke spitzig. Eine ganze Reihe von Gedanken steht fertig da; es ist, als ständen sie schon lang, und der Blitz hat sie nur sichtbar gemacht. Morgen knüpft Apollonius seine Leiter an die Helmstange, dann das Tau mit Flaschenzügen und Fahrzeug. Fritz Nettenmair greift um sich und hat das Tau in der Hand. Das Schicksal will seine Hilfe; darum legt es selber ihm Tau und Beil in die Hand. Wer weiß, daß er hier war? Drei, vier Stiche mit dem Beil im Kreise um das Tau, kaum zu sehen, werden zu einem einzigen großen Riß, wenn das Gewicht eines starken Mannes am Tau zieht und die wuchtende Bewegung des Fahrzeugs um den Turm das Gewicht des Mannes vergrößert. Wer sieht den Stichen an, daß sie absichtlich gemacht sind? Ein Tau, das, getragen, halb an der Erde fortschleift, kann an allerlei Scharfes stoßen. Das Schicksal hat den Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde hängt, in seiner Hand. Das Schicksal hält ihn oder läßt ihn fallen, nicht das Seil oder ein Schnitt darin. Will es ihn halten, schadet kein Schnitt; soll er fallen, reißt ein unversehrtes Seil. Und das Schicksal hat ihn schon gezeichnet. Ein Tag früher, einer später, was ist das, wenn er doch fallen muß? Ein Tag später, und es packt einen Verbrecher. Meint es das Schicksal nicht gut, nimmt es ihn vorher aus der Welt? --

All diese Gedanken schlug mit einem Schlage jener eine aus Fritz Nettenmairs Seele! im Nu war er entglommen; im Nu schlägt der Höllenfunke zur Flamme auf. Er hat das Tau in der linken Hand; er hebt das Beil -- und läßt es schaudernd fallen. An dem Beile glänzt Blut; durch die ganze Länge des Schuppens ragt ein blutiger Streif. Fritz Nettenmair flieht aus dem Schuppen. Er flöhe gern aus sich selbst heraus; kaum hat er den Mut, nach Apollonius' Fenster aufzusehn. Ein heller Lichtstrahl kommt von da, Fritz Nettenmair weicht vor ihm hinter einen Busch. Jetzt bewegt der Strahl sich zurück. Apollonius war aufgestanden an seinem Tische und hatte das Licht hoch in die Höhe gehalten. Er hatte das Licht geputzt. Es konnte eine glühende Schnuppe aus der Schere neben den Leuchter unter die Papiere gefallen sein; es war nicht geschehen, und er stellte das Licht wieder an seine Stelle. Fritz Nettenmair kannte seines Bruders ängstliche Gewissenhaftigkeit; er hatte ihn das Licht mehr als hundertmal so heben sehen; er begriff, es war kein Blut, was ihn erschreckt. Der Widerschein der Flamme war durch Fenster und Luke gefallen und hatte rot von dem Stahle des Beiles und durch die Nacht des Schuppens geglänzt. Dennoch stand Fritz Nettenmair bebend hinter seinem Busche. Der gespenstige Schauder verließ ihn, aber nicht so schnell das Grauen über das, was er gewollt, und daß es war, als hätte ihm der Bruder noch zu seinem Werke leuchten wollen. Bald verlosch Apollonius' Licht. Fritz Nettenmair konnte zurückkehren und sein Werk vollenden, es störte ihn niemand mehr. Er tat es nicht, aber er rückte sich wieder in seinem Hasse zurecht. Er sagte sich: »so weit sollen sie ihn nicht bringen«. Die _Schuld_ des Gedankens wälzt er auf die, auf die er alles wälzt; daß er den Gedanken nicht _ausgeführt_, rechnet er sich zu. Er weiß, jeder andere an seiner Statt hätte schlimm getan.

Nun verschließt er Hintertür und Vorlegeschloß, zuletzt die Haustür; und geht. Er will trinken, bis er nichts mehr von sich weiß. Heut hat er mehr zu vergessen, als je. Er geht. Ob er nicht wieder kommen wird? heute nicht; aber morgen, übermorgen, überübermorgen? wenn der Gedanke seine Fremdheit für ihn verloren hat? Gewohnheit macht selbst mit dem Teufel vertraut. Dazu sollen sie ihn nicht bringen! Ob die Stunde nicht kommen wird, wo er bereut, daß er sich nicht soweit bringen lassen, und sich doch noch soweit bringen läßt? Zudem, wozu jeder andere an seiner Stelle sich hätte bringen lassen?

Immer dunkler, immer schwüler wurde das Leben in dem Hause mit den grünen Läden. Wer jetzt hineinsieht, glaubt es mir nicht, wie dunkel, wie schwül es einmal war.

* * * * *

Von dieser Nacht an ängstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch Drohungen auf Apollonius; er begann sogar, sie mit einer gewissen Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er aufschrak, wenn er sich beobachtet sah. Dann war er noch freundlicher als sonst, und brachte Scherze aus seiner besten Zeit; er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber die Frau wurde nur noch ängstlicher; sie vermied noch mehr als seither, was dem Manne Anlaß zum Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius nähern. Sie wußte nicht, warum. Und wenn sie ihre Furcht Torheit nannte, sie mußte fürchten. Apollonius sah mit Freuden die Änderung des Bruders und suchte ihn auf alle Weise darin zu fördern. Er wußte nicht, wie der Bruder seine Freude auslegte!

Unterdes hatte Apollonius die Umkränzung des Turmdachs von Sankt Georg mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rüstungen wiederum herausgeschoben und innen am Gebälke des Dachstuhls festgenagelt; die Bretter darauf befestigt, auf die fliegende Rüstung die Leiter gestellt und diese an der Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hänfenen Ring um die Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug, und an diesem seinen Hängestuhl befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus einzelnen, halbmannslangen Stücken, mit denen sich handlich umgehen ließ. Das Ganze sollte, nach des Stifters Angabe, der selbst die Kosten der Befestigung trug, zwei Girlanden vorstellen, die sich in gleichlaufenden Kreisen mit herabhängenden Bögen um das Turmdach schlangen. Je fünf jener Stücke, bei der oberen drei, bildeten einen dieser Bögen. Sie mußten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete verbunden, und jedes einzelne noch durch starke Nägel auf die Verschalung befestigt werden. Da die Ränder der Schieferplatten sich überall decken, war es nötig, an den Stellen, wo die Vernagelung stattfinden sollte, die Schiefer mit Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe geschieht, wo die sogenannten Dachhaken in die Verschalung eingetrieben werden, an welche bei Reparaturen der Schieferdecker seine Leiter hängt. Die Fläche, mit welcher der Dachhaken, nachdem seine gekrümmte Spitze eingetrieben ist, durch noch zwei starke Nägel auf die Verschalung aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten überdecken. Bei Befestigung der an dem hervorstehenden Haken aufgehängten Leiter kommt seine Fläche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und beschädigen würde. Sie wird deshalb mit einer Bleiplatte überdeckt. Der Zierat kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine ähnliche Bewegung. Dann war noch eins zu bedenken. Die Dachhaken liefen, je neun und einen halben Fuß voneinander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das Turmdach; zwischen je zwei Kreisen befand sich ein Raum von fünf Fuß. Es galt, den Zierat so anzubringen, daß er keinen dieser Dachhaken überdeckte.

Apollonius war fleißig bei der Arbeit. Der Blechschmiedmeister, der seine Zier so bald als möglich prangen sehen wollte, hatte sich weniger über ihn zu beklagen, als Apollonius mit dem Meister zufrieden sein konnte. Im Anfang trieb dieser, bald mußte Apollonius den Meister treiben.

Es fehlte noch der Teil der oberen Girlande, der als Bogen über der Aussteigetür hängen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das Material dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer kleinen Reparatur beschickt; er ließ sein Fahrzeug bis auf seine Zurückkunft an dem Turmdach von Sankt Georg hängen, und ging nach Brambach.

Es war den Tag darauf, daß der alte Valentin an die Wohnstubentür pochte. Er war schon einigemal an der Tür gewesen und wieder fortgegangen. Sein ganzes Wesen drückte Unruhe aus. Etwas, woran er immer denken mußte, machte ihn so zerstreut, daß er meinte, er müsse ein Herein in Gedanken überhört haben; er legte das Ohr an das Schlüsselloch, als setze er voraus, es müsse noch jetzt zu hören sein, wenn man sich nur recht mühe. Die Unruhe weckte ihn aus der Zerstreuung. Er pochte zum zweiten- und zum drittenmal, und als der Ruf immer noch ausblieb, faßte er Mut, öffnete und trat in die Stube. Die junge Frau war ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie tat es auch diesmal; aber heute mußte er sie sprechen. Sie saß, absichtlich von den Fenstern entfernt, an der Kammertüre. Der Alte sah nicht, daß sie ebenso unruhig war als er, und sein Hiersein sie noch mehr ängstigte. Er entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine Bewegung machte, sich zu entfernen, versicherte er, sein Bleiben solle kurz sein; er wäre nicht mit Gewalt hereingedrungen, wenn ihn nicht etwas triebe, was vielleicht sehr wichtig sei. Er wünsche das nicht, aber es sei doch möglich. Die Frau horchte und sah immer ängstlicher bald nach den Fenstern, bald nach der Tür. Müsse er ihr etwas sagen, soll er's, so schnell er könne. Valentin schien zugleich auf die ängstlichen Blicke der Frau zu antworten, als er begann:

»Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab' ihn eben noch vom Hofe aus gesehen.«

»Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen?« fragte die Frau in einem Atem.

»Bewahre,« sagte der Alte; »er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet« -- -- Der Alte brach ab und dachte seinen Satz fertig: »so hat er was vor«. Die Frau schwieg auch. Sie kämpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze Angst anzuvertrauen. Der Alte merkte nichts davon. »Der Nachbar da, Sie wissen's wohl,« fuhr er fort, »kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da hat er die Nacht, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu seinem Küchenfenster heraus, einen in unseren Schuppen schleichen sehen, den Gang vom Hause hinter.« Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie tat es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: »Den Abend vorher, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das Zeug aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles untersucht; das tut er immer: aber er hat sich nicht entschließen können. Und das ist so merkwürdig, daß Herr Fritz auf einmal so fleißig geworden ist.«

Apollonius' Name weckte die junge Frau: sie horchte, als der Alte fortfuhr: »Daran hab' ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der Nachbar da erzählt hat, daß einer in den Schuppen geschlichen ist, hab' ich gedacht: was muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen ist, und bei Nacht. Und wie ich aufgesehen hab' und hab' den Herrn Fritz so arbeiten sehen, da ist eine Unruh über mich gekommen und hat mich in den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab' ich mir alles mögliche vorgestellt, was einer drin hat machen können, der hineingeschlichen ist. Erst hab' ich das Zimmerbeil an der Tür liegen sehen, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug ist. Da hab' ich gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab' mir wieder vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es könnt' was an den Leitern sein. Aber ich hab' nichts gefunden daran. An dem Hängestuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die Kloben zu betrachten und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als wär's hier und da an was Hartes angetroffen, und das hätt' das Seil verschunden. Da denk' ich: das geschieht oft und will's schon wieder hinlegen. Aber ich denk' auch wieder: sonst ist nichts; und wenn einer hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat, hat er auch was damit gemacht. Da seh' ich genauer zu und -- Gott behüt' einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hineingestochen, und dort, und noch einmal, und noch einmal. Ich werf's über den Balken und häng' mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub', wenn ein Fahrzeug daran wuchtet, das Seil ist imstande, zu zerreißen.« Der Alte war ganz bleich geworden über seiner Erzählung. Die Frau hatte immer angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl zurückgefallen und konnte kaum sprechen.

»Er hat gedroht,« ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.

»Den Abend vorher war's noch nicht,« fuhr er fort. »Herr Apollonius, der hat ein Aug' für einen Mückenstich. Er hätt's gefunden, wie er alles untersucht hat. Nun denk' ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die Untersuchung mit angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er's morgen braucht. Und da ist er bei Nacht hineingeschlichen.«

»Valentin,« schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern, halb, wie um ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an ihm aufrechtzuerhalten. »Er hat's doch nicht mitgenommen? Valentin, so sag's doch nur!«

»Das nicht,« sagte Valentin. »Aber den andern Hängestuhl, der darin lag, und das Seilzeug dazu, und noch mehr.«

»Und waren auch dort Stiche drin?« fragte die Frau in noch immer steigender Angst. Der Alte sagte:

»Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches Herr Apollonius mitnehmen wird.«

»Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide -- und ich bin schuld,« stöhnte die Frau. »Er hat lange gedroht, er will ihm was tun. Er tat, als wär's einer von seinen Späßen. Wenn ich's jemand sagte, wollt' er's im Ernste tun.«

»Wer so scherzt,« sagte Valentin, »der macht auch solchen Ernst.«

Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, daß der Alte seine Angst um Apollonius über der Angst um sie vergaß. Er mußte sie halten, daß sie nicht umfiel. Aber sie stieß ihn von sich und flehte und drohte zugleich: »Rett' ihn, Valentin, rett' ihn. Hilf, Valentin! Ach Gott, sonst hab' ich's getan.« Sie betete zu Gott um Rettung und jammerte immer dazwischen auf, er sei tot und sie trage die Schuld. Sie rief Apollonius selbst mit den zärtlichsten Namen, er solle nicht sterben. Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung für sie und fand ein Etwas davon für sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so gab es doch Hoffnung, daß Apollonius schon auf dem Rückweg sein müsse. Er habe gewiß das Tauwerk noch einmal untersucht. Wär' er verunglückt, man müßte es nunmehr wissen. Zehnmal mußte er ihr das vorsagen, eh' sie nur verstand, was er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die gräßliche Nachricht bringen konnte, und schrak bei jedem Laut. Ihr eigenes Schluchzen hielt sie für die Stimme des Boten. Valentin lief endlich, da ihre Angst und Ratlosigkeit ihn selber mit ergriff, zu dem alten Herrn, ihn hereinzuholen zu der Frau. Er wußte nicht, was beginnen; und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas tat; vielleicht wußte der alte Herr, was zu tun war, um zu retten.

Der alte Herr saß in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in die Wolken einspann, die ihn von der Welt außer ihm trennten, wurde ihm zuletzt auch das Gärtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage: Wie geht's, Herr Nettenmair? dort vertrieben. Er fühlte, man konnte ihm sein: »Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen,« nicht mehr glauben, und seitdem hörte er in jener Frage eine Verhöhnung. Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das Zurückziehen des alten Herrn und seine zunehmende Menschenscheu nicht unwillkommen. Je tiefer der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem alten Herrn den Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zuträger abzuhalten, von denen er in seinem Gärtchen nicht abzuschließen war; es schien zuletzt unmöglich. Apollonius wußte freilich nicht, daß der alte Herr in seinem Stübchen Qualen litt, die, wenn auch auf bloßer Einbildung beruhend, denen gleichkamen, vor denen er ihn schützen wollte. Hier saß der alte Herr den langen Tag, zusammengesunken hinter dem Tische auf seinem Lederstuhl, und brütete nach seiner alten Weise über allen Möglichkeiten von Unehre, die sein Haus treffen konnten oder schritt mit hastigen Schritten hin und her, und das Rot seiner eingefallenen Wangen und die heftig kämpfende Bewegung seiner Arme zeigte, wie er in Gedanken das Äußerste tat, die drohenden abzuwenden. Nur der Bauherr, der mit Apollonius im Verständnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der alte Herr, der dem Gast, wie jedem andern, sein Inneres verbarg, erriet bei diesem dieselbe Verstellung, und bestärkte sich daran in der Meinung, daß er durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hilflosigkeit offenbar machen könne. Je heißer es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein Äußeres. Es war ein Zustand, der in völligen Wahnsinn übergehen mußte, wenn nicht die Außenwelt eine Brücke zu ihm schlug und ihn mit Gewalt aus seiner Vereinzelung herausriß.

Heute geschah ihm diese Gewalt. Eben saß er wieder brütend auf seinem Stuhle, als den Valentin die Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen zwang die alte Gewohnheit, ohne daß er es wußte, die Türe leise zu öffnen und ebenso hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem krankhaft verschärften Gefühle sogleich das Ungewöhnliche. Seine Erwartung nahm natürlich denselben Gang, den all sein Denken verfolgte. Es war eine dem Hause drohende Schmach, was die sonst immer gleiche Weise Valentins veränderte; es mußte eine entsetzliche sein, da sie den alten Gesellen aus der Fassung brachte und seine Verstellung durchbrach. Der alte Herr zitterte, als er aufstand von seinem Stuhl. Er kämpfte mit sich, ob er fragen sollte. Es war nicht nötig. Der alte Gesell beichtete ungefragt. Er erzählte mit fliegender Brust seine Befürchtungen und was sie rechtfertigte. Der alte Herr erschrak, so gut ihn seine Einbildungen auf die Wirklichkeit vorbereitet hatten; aber der Gesell sah nichts davon im Äußeren seines Herrn; der hörte ihn an wie immer, wie wenn er das gleichgültigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, hätte das schärfste Auge kein Zittern mehr an der hohen Gestalt wahrgenommen. Der alte Herr hatte den festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen Füßen; er war wieder der Alte im blauen Rock. Er stand so straff vor dem alten Gesellen wie sonst, so straff und ruhig, daß Valentins Seele sich an ihm aufrichtete. »Einbildungen!« sagte er dann mit seinem alten grimmigen Wesen. »Ist kein Geselle da?« Valentin rief einen herbei, der eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach Brambach, Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. »Geht er Ihm nicht schnell genug, Er altes Weib, so heiß' Er ihn eilen, damit Er bald erfährt, daß Er sich um nichts geängstigt hat. Aber kein Wort von seinem Sums da! Und schließ' Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes anfängt.« Valentin gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn und daß nun wirklich etwas getan war, hatte kräftiger auf ihn gewirkt, als hundert triftige Gründe vermocht hätten. Er teilte seine Ermutigung der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr zu sagen, worauf sie sich gründete. Hätte er Zeit gehabt, wahrscheinlich hätte er die Frau weniger beruhigt verlassen, und er selbst ahnte nichts weniger, als daß der alte Herr innerlich überzeugt war von der Schuld seines älteren und von der Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jüngeren Sohnes, während er ihm seine Befürchtungen als leere Grillen ausreden wollte, und den Boten nur geschickt zu haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen.

»Nun wird der alte Narr doch,« sagte Herr Nettenmair, nachdem Valentin zu ihm zurückgekehrt war, »dem Nachbar das ganze Märchen, das er sich zusammenspintisiert hat, erzählt haben, und die Frau sechs Basen damit in die Stadt herumgeschickt haben.«

Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte Herr auf seine in einen Ausruf verkleidete Frage die Antwort erwartete. »Werd' ich doch nicht,« sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermutung kränkte ihn. »Ich hab' ja da selbst noch nichts Arges gemeint, und die Frau Nettenmair hat keinen Menschen gesprochen seitdem.«