Part 10
»Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht wert. Ich habe viel von dir ertragen und will's noch,« sagte Apollonius; »du bist mein Bruder. Du gibst mir schuld, ich habe dich in das Unglück gestürzt; Gott ist mein Zeuge, ich habe alles getan, was ich wußte, dich zu halten. Für wen hab' ich getan, was du mir vorwirfst, als für dich und um deine Ehre, und deine Frau und deine Kinder zu retten? Wer hat mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Für wen schaff' ich? Für wen wach' ich? Wenn du wüßtest, wie mich schmerzt, daß du mich zwingst, dir aufzurücken, was ich für dich tue! Weiß es Gott, du zwingst mich dazu; ich hab's noch nicht getan, weder vor andern, noch vor mir selbst. Du weißt es selbst, daß du nur einen Vorwand suchst, um unbrüderlich gegen mich zu sein. Ich weiß es und will dich ertragen forthin wie bis jetzt. Aber daß du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen Vorwand machst, auch sie zu quälen und sie zu behandeln, wie kein braver Mann ein braves Weib behandelt, das dulde ich nicht.«
Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bruder hatte ihn auf alle Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschützer der unschuldig Beleidigten. »Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O freilich! Ist sie's nicht? Du sagst's und du bist ein braver Mann. Haha! Wer muß es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein braver Mann? Du hast mich nicht um alles gebracht? Du mußt mich noch um meinen Verstand bringen, damit ich dein Märchen glaube. Sie ist dir abgeneigt? sie kann dich nicht leiden? Ja, du weißt's noch nicht, wie sehr. Ich darf nur fort sein, so wird sie dir's sagen. Dann wird dir's schlecht gehen! Sie wird dich erdrücken, damit du ihr's glaubst. Wenn ich dabei bin, sagt sie's nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist, wenn sie brav ist, wie die. Warum sagst du nicht, du kannst auch sie nicht leiden? O, ich hab' schon keinen Verstand mehr! Ich glaub' schon alles, was ihr mir sagt!«
Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Leidenschaft überzeugt, die beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden.
Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken über ein aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war alles so wahr, was er sah, daß er selbst es glauben mußte. Er verstummte vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war's doch noch zu verhindern gewesen! noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und wieder war er selbst -- -- Aber Apollonius -- das sah er trotz seiner Verwirrung -- zweifelte noch und konnte nicht glauben. So war sein Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war es vielleicht noch zu verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und wenn auch nur für heut' und morgen noch. Aber wie? wenn er einen wilden Scherz daraus machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der alles glaubte, was man ihm sagte. Und er selbst wieder einer, der das Leben kennt, der mit Träumern umzugehen weiß. Er mußte es wenigstens versuchen. Aber schnell, ehe Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte. Er brach in ein Gelächter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen Lachens, womit er sich ehedem seine eigenen Einfälle zu belohnen pflegte. Es war verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ, Fritz Nettenmair sei eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwünschteres auf der Welt passiert als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwünscht das sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über die Frau, die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der Gnade des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollonius, daß er einen kleinen Zank so ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam? Man sah eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war!
Apollonius hörte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und Zeuge des Auftritts werde. Der Bruder hörte sie zusammen weggehen. Er war noch keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius' hatte, als er hinausging, noch immer mit dem Gedanken gekämpft. Fritz Nettenmair war voll Wut über sich selbst und mußte sie an der Frau auslassen. Er fühlte in dem Augenblick, daß er alles tue, was ein Weib schlecht machen kann. Ihr Blick verriet ihm, wie sie sich selbst verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen müssen, wie sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mußte es fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch lügen, so geschickt, als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt war er es weniger als je.
* * * * *
In Fritz Nettenmair kämpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder. Die wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er haben konnte, wenn er nur wollte; er selbst hatte ihn nun auf den Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte, seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau -- Fritz Nettenmair hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war -- seine eigene Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die Gelegenheit des Zusammenwohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab über seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav, als er sich stellt -- solchen Mächten gegenüber kann er ihm nicht trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine Frau nicht aus seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die Kinder zu Bett gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erst als er kein Licht mehr sieht in Apollonius' Fenstern, da lassen ihn die Krallen und die Ketten ziehen desto stärker. Er verschließt die Hintertür, die Apollonius von den Räumen des Hauses trennt, er schiebt auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppentür der Emporlaube und zuletzt die Tür, durch die er geht. Er hat Ursache zu eilen, ohne daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten. Fritz Nettenmair weiß es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn dahin gebracht, daß der Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei der Polizei, daß er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirtshause hinweg geht er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.
Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der Weg, den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste war; es ist unwiederbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch durch die glühende Kette der Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er nie gehangen; den Bruder haßt er. Er haßt und weiß sich gehaßt oder glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine Ännchen würde sich an ihn drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen Kinderherzens, aber er scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm »der Spion«. Nur an einem Menschen hängt noch sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen, hat geholfen, ihn zugrunde zu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der Mensch haßt Apollonius, er ist der einzige außer ihm, der Apollonius haßt, und deshalb hängt Apollonius' Bruder an ihm!
Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle will schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn andre scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie gemeinsam lieben; das letzte Gespräch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von ihrem Haß. Der Geselle weiß, Apollonius hätte ihn gern in das Zuchthaus gebracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend gegenüberstehen, mißt der Geselle den andern mit seinem Blick. Es war ein böser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener Blick, welcher Fritz Nettenmair fragte, ohne daß er es hören sollte, ob er auch reif sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer heiseren Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz Nettenmair war die Stimme gewöhnt: »Und was ich sagen wollte: ihr werdet bald Trauer haben. Ich hab' ihn neulich gesehen.« Er brauchte keinen Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wußte, wen er meinte. »Es gibt Leute, die mehr sehen, als andere,« fuhr der Geselle fort. »Es gibt Leute, die einem Schieferdecker ansehen, wenn er noch in dem Jahre herunter muß, daß sie ihn getragen bringen und sehen ihn daliegen, nur er selber nicht mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimnis gesagt, wie man zu dem »Fronweißblick« kommt. Ich hab' ihn. Und nun leb' wohl. Und ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.«
Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangen schon in der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen, oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein nebelhaftes Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald zuckte es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid zusammen, bald mischten sich beide und das eine wollte das andere verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles. Er weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: »Da kommt er ja! Nun wird's famos.« Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche, seine Furcht vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht tot. Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glück neue Keime. Fritz Nettenmair fühlt sich einen Engel; er wünscht, der Bruder müßte nicht sterben, weil -- er weiß, daß der Bruder sterben muß.
Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder unter seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am roten Adler vorüber. Die Saalfenster sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair bleibt stehen und sieht hinauf und bewegt unwillkürlich die Hand in der Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden, schon vergessen. »Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, daß er fort ist.« Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergißt die Gegenwart, denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit hellen Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, alles, was ihn drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er es mit ihm in ein Grab steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstandes mag er sich nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie fühlt. Ist es nicht genug, daß er weiß, er wird den Bruder verlieren? Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrängen, dann hilft ihm sein Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt, findet er für alles Rat, und was ihm heute nicht einfällt, das wird ihm morgen einfallen; morgen ist auch ein Tag. Und er ist einer, der --. Die Wendung, mit der er in seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.
Es wird ihm doch wieder eigen zumut, denkt er sich, daß man zu der Tür, die er eben aufschloß, einen Sarg heraustragen wird. Unwillkürlich macht er Platz, wie um Sarg und Zug vor sich vorbeizulassen. »In das Unabänderliche,« sagt er leise, wie sich überhörend, was er einem Tröstenden zu antworten habe, wenn es soweit sei, »in das Unabänderliche muß sich der Mensch ergeben.« Und wie er die Achsel zu den Worten zuckt, da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein gewahr. Ein Stück davon läuft über seinen Ärmel, ein anderes liegt wie abgebrochen und herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er späht auf; der Schein kommt daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das Fenstersims schließt. Drinnen in der Wohnstube ist Licht. »So spät?« Der Atem stockt dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt ja noch; und was kommen mußte, wenn er leben bliebe, kann noch kommen, ehe er stirbt, oder -- es ist schon da! Wie ihm die Hände fliegen, doch ist die Tür leise wieder verschlossen und im Augenblick. Ebenso leise, ebenso schnell ist er an der Hintertür. Sie ist nicht offen, aber nur einmal herumgeschlossen; und Fritz Nettenmair weiß es, er kann schwören, er hat den Schlüssel zweimal im Schloß herumgedreht, als er ging. Er schleicht und tappt sich zur Stubentür; er hat die Klinke gefunden und drückt sie leise; die Tür geht auf; ein trüber Lichtschein fällt auf die Flur. Der Schimmer kommt von einem verdeckten Lichte auf dem Tisch; neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist Ännchens Bett, und ihre Mutter sitzt daran.
Christiane merkt nicht, daß die Tür sich öffnet. Sie hat den Kopf weit vornübergebeugt über das Bett; sie singt leise und weiß nicht, was sie singt; sie horcht voll Angst, aber nicht auf ihren Gesang; ihre Augen würden weinen, machten Tränen den Blick nicht trübe. Aber nun kann die Röte auf des Kindes Wange wiederkommen, nun kann der eigene, fremde Zug um des Kindes Augen und Mund verschwinden; und sie säh' es nicht und ängstigte sich noch vergeblich. Ihr ist es, als müßte jene wiederkehren und dieser gehen, wenn sie sich nur recht angestrengt mühte, dieses Kehren und Gehen zu bemerken. Und dabei kann sie doch noch daran denken, wie plötzlich das gekommen ist, was sie so sehr beängstigt; wie das Ännchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit fremder Stimme aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen können; wie sie aufgesprungen und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und dieser, ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Der alte Gesell hatte alle Schlüssel im Hause probiert, bis sich ergab, der Schuppenschlüssel schließe die Hintertür; das wußte sie nicht. Desto lebendiger stand es vor ihr, wie Apollonius hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten Kommen gewesen, wie sie voll Schreck und Scham und doch voll wunderbarer Beruhigung sich gefühlt. Apollonius hatte sogleich den Arzt, dann Arzneien geholt. Er hatte an dem Bettchen gestanden und sich über das Ännchen gebeugt, wie sie jetzt tat. Er hatte sie voll Schmerz angesehen und gesagt, Ännchens Krankheit komme von dem ehelichen Zerwürfnis, und es werde nicht gesund, höre dies nicht auf. Er hatte von den Wundern erzählt, die einer Mutter möglich würden, und wie sich der Mensch bezwingen könne und müsse. Dann hatte er dem Valentin noch manches des Ännchens wegen anbefohlen und war gegangen aus Sorge, der Bruder könnte sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollten sie in Apollonius' Arme jagen; es war ihr, als wäre alles gut, läge sie an seiner Brust, als dürfte sie ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie er so zu Häupten des Kindes stand und sprach, da kam er ihr so herrlich vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf den Knien liegen dürfe. Der Bettschirm hüllte die große, schlanke Gestalt in seinen Schatten, nur seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und erschienen, von dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie. Dachte sie von ihm weg zu ihrem Gatten, dann krampfte eisiger Frost ihr Herz zusammen, und Widerwillen bäumte sich darin wie ein Riese gegen den bloßen Gedanken auf. Aber Apollonius hatte gesagt, Ännchen werde nicht wieder gesund, wenn das Zerwürfnis nicht ende. Er hatte gesagt, der Mensch könne und müsse sich bezwingen; sie wollte sich bezwingen, weil er es gesagt. Einer Mutter seien Wunder möglich für ihr Kind; dachte sie an Apollonius' Gesicht, wie er so sprach, mußte ihr das größte Wunder möglich werden.
Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an nichts, als daß Apollonius dagewesen sein müsse, wenn er auch jetzt nicht mehr da war. Es flirrte ihm vor den Augen vor Wut. Er wäre auf die Frau losgestürzt, sah er nicht den alten Valentin an der Kammertüre sitzen. Er wollte warten, bis dieser einmal das Zimmer verließe, und schlich sich nach dem Stuhle am Fenster, wo er sonst immer gesessen, und als wie ein andrer, denn jetzt! Die Frau hörte seinen leisen Tritt; sein Antlitz konnte sie nicht sehen. Ihr schien, er wußte um Ännchens Zustand und ging deshalb so leise. Sie sah Ännchen mit einem Blicke an, der sagte, was sie jetzt tun wollte, tat sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der Tür, aus der er gegangen war, setzte hinzu: »und weil er's gesagt«.
»Da ist der Vater, Ännchen,« sagte sie dann. Sie redete eigentlich mit dem Gatten, der am Fenster saß; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht zuwenden, ihre Rede nicht unmittelbar an ihn richten. »Du hast immer nach ihm gefragt. Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er sonst war, eh' du krank geworden bist. Deine Mutter will's auch -- um deinetwillen.«
Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, daß der Mann seinen Groll mit Gewalt festhalten mußte. Er dachte: »Sie tut so süß, um dich zu hintergehen. Sie haben's verabredet, als er da war.« Und der Groll schwoll nur noch grimmiger an den weichen Klängen, mit denen sie fortfuhr:
»Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, Ännchen? Du bist ja ein so gut, lieb Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur -- du hast kein Herz vor dem Vater, du dumm lieb Ännchen, weil er laut spricht. Er meint's nicht bös deshalb.«
Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem Kinde. Sie erwartete, er werde an das Bett treten zu dem Kinde und sprechen, wie sie, und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken mochte, das Kind war doch sein Kind, und es war krank.
Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen. Ein halb Vaterunser lang hörte man nichts als das Ticken der Uhr, und das wurde immer schneller, wie das Klopfen eines Menschenherzens, das Schlimmes kommen ahnt; die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht.
Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen.
Die Brust des Kindes röchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht; es wollte mit den Händen nach dem Vater langen, es konnte nicht; es konnte nichts, als die Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des Vaters Seele sah die flehenden nicht; in ihren Händen hielt sie krampfhaft ihren Groll und hatte keine Hand frei für das Kind. Er hört das Röcheln, aber er weiß, das Kind ist abgerichtet von seinen Feinden, es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wäre es wirklich krank, so wäre es absichtlich krank geworden, um ihn betrügen zu helfen, und stürbe es, so würde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden tut. Wäre sein Auge nicht selber so krank, daß es ihm außen nur immer das eine zeigt, über dem seine Seele innen unablässig brütet, er müßte es am Gesichte der Mutter sehen, an dem Ton ihrer Stimme hören, sie verstellt sich nicht, das Kind ist wirklich krank und sehr krank; aber ihre Weichheit, ihre Angst ist ihm nur die Angst des Gewissens, die Angst vor seiner Strafe, die sie verdient, fühlt und doch entwaffnen will. Valentin tritt von dem Lichte weg und geht hinaus, um sich draußen auszuweinen. Der Mann steht auf und nähert sich leise der Frau, ohne daß sie ihn bemerkt. Er will sie überraschen und das gelingt ihm. Sie erschrickt, wie sie plötzlich über dem Bette jäh vor sich ein entstelltes Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er preßt durch die Zähne: »du erschrickst? Weißt du warum?«
Sie hat ihm selber sagen wollen, daß Apollonius in der Stube gewesen ist, aber noch hat sie es nicht gekonnt; vor dem Bette des kranken Kindes durfte sie es nicht; weil sie weiß, er wird auffahren; den Anblick seiner Roheit hat sie dem Kinde erspart, als es noch gesund war, wenn sie es vermochte; jetzt konnte der Schreck dem kranken Kinde den Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie sieht ihn flehend an und zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind.
»Er war da! War er nicht da?« fragt er; nicht um zu erfahren, wonach er fragt, sondern um zu zeigen, daß er es nicht erst zu erfahren braucht. Seine Faust hebt sich geballt; Ännchen kämpft, sich aufzurichten. Er sieht es nicht; die Frau sieht es; ihre Angst wächst. Sie schlägt die Hände zusammen, sie sieht ihn an mit einem Blicke, in dem alles steht, was ein Weib versprechen, was ein Weib drohen kann; er sieht nur ihr Erschrecken, daß er es weiß, was geschah, und die Faust fällt nieder auf ihre Stirn.
Ein Schrei klingt; das Kind rollt sich in Krämpfen zusammen, die Mutter, über es hingestürzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt, Fritz Nettenmair geht in die Kammer.
Er weiß nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck über das, was er getan. Er sinkt auf das Bett, als hätte der Schlag, den er geführt, ihn selbst betäubt; er hört nur halb, wie Valentin nach dem Arzt läuft. Ebenso hört er diesen kommen und gehen, ebenso lauscht er, ob er nicht Apollonius' Flüstern und seinen leisen Schritt vernehmen kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham hält ihn davon zurück. Er rechtfertigt sein Tun und nennt Ännchens Krankheit eine Pimpelei: »Heute wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als je!«
Aus dem fieberischen Horchen und Sichberuhigen wird ein fieberisches Träumen. Er sieht Apollonius, wie er seine Leiter an der Helmstange festbinden will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden fortwährend wie tröstend: »Jetzt wird er fallen! jetzt!« aber Apollonius fällt nicht. Jeden Augenblick erwartet er, die Taue sollen reißen, in welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge hängt; sie reißen nicht. In diese Träume hinein hört er die Tür der Stube gehen; der Traum macht einen Fall daraus, den Fall eines schweren Körpers aus ungeheurer Höhe. Da wird ihm leicht, als wäre nun alles gut. Im Halbschlummer hört er in der Stube leises Gehen, leises Reden, leises Weinen, und dazwischen ist es wieder still.
Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewältigt, als sei ein Schlafender in der Nähe, den es nicht wecken will, und wieder ausbricht, daß es den Schläfer nicht wecken _kann_, und wieder leise wird, weil es wie über sich selbst erschrickt, daß es laut ist: wer kennt es nicht? wer errät es nicht, wenn er es nicht kennt?
Fritz Nettenmair weiß es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Toter. Sie haben ihn gebracht. »In das Unabänderliche muß der Mensch sich ergeben.«
Zum erstenmal seit vielen Monden schläft er wieder ruhig.
Und warum sollte er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger schottischer Walzer. »Da ist er ja! Nun wird's famos!« klingt es aus der Ferne vom roten Adler herein in seinen Schlaf.