Part 9
»Ich möchte nicht sagen, daß es Haß ist. Sie abzuschütteln, fern zu halten, ist das Bedürfnis; auch sie zu reinigen und zu übertreiben; und so über sie zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als die Verlängerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis zu den Sternen schießt.«
»Auch für mich gab es Freude und Glück nur auf anderen Sternen.«
Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen der eigenen.
»Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genießen. Wir sind so gut über sie im reinen, daß wir sie unter uns gebracht haben und, ihrer sicher und getrost, nun anfangen können, sie zu lieben . . .«
»Wohl erinnere ich mich, daß ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner Geschöpfe lieben . . .«
Da ward die Tür aufgerissen, und Frau Gugigl rief:
»Was munkelt denn ihr da?«
Lola sah sich, in der plötzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne herversetzt; und sie sagte erstaunt:
»Wir sprachen von einsamen Spaziergängen.«
»Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine Spezialität, und anfangs verblüfft er einen damit. Nachher kennt man's schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwähnen.«
»Was gäbe es über ihn auch zu sagen!«
»Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! . . Weißt du wohl, Lola, daß er abreisen wollte, als er hörte, ihr kämet? Solch Waldmensch ist er.«
Lola sah ihn an, ließ aber seinen unfreien Träumerblick, aus unwillkürlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt, als gälte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl mitzulachen:
»Wirklich? Sie wollten abreisen?«
Er stammelte:
»Im Gegenteil . . . Ich hatte den Wunsch, nach München zu gehen; ich brauche wieder einmal die Stadt.«
»Und wozu?« fragte prompt Frau Gugigl. »Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie auf? Sie sind ein merkwürdiger Mensch.«
Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:
»Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwürdiger Mensch ist.«
Aber es kam ihr vor, als hätte es ein wenig Geringschätzung bedeutet, wenn sie ihn in Schutz genommen hätte.
»Also ich zeig' euch eure Zimmer,« schloß Frau Gugigl. »Wo steckt denn deine Mama?«
»Mai!«
Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich eingeschlafen.
»Ich habe nasse Füße,« sagte sie gekränkt.
Über eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern, die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nähe ein Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hölzerne Brücke hinauf, bis vor eine Tür im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward vom Knecht gewendet und hinabgeführt.
Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wußte nicht, wo sie ihre Toilettengegenstände ausbreiten sollte. Wenn die Koffer kämen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lächerlich.
»Er ist schön geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weißt du.«
»Diese Fremden sind genügsam, daß sie sich mit alten Sachen begnügen.«
Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck für die »Fremden« und meinte damit alle Europäer.
»Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmädchen gleichen, genügt wohl solch ein Schrank.«
Und Mai schüttelte das wacklige Möbel.
Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter. Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hängelampe saßen auf den Wandbänken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Stühlchen mit einem Herzen im Rücken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:
»A Gullasch ham mer.«
»Leitmotiv des Ästheten,« erläuterte Gwinner.
Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher mußten sie sich, aus dem Schatten heraus, darüber klar werden, welche Farbenwerte der erhellte Kreis vertrete.
»Ist es nicht künstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Weiß, die Tini in ihrem Weiß und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchten Meerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein Mann hat doch einen großartigen Kopf. Arnold dient als Dämpfer. Und in dem Blumenstrauß in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich muß noch mit hinein!«
Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie sah sich strahlend um.
»Wie findet ihr das? Künstlerisch, nicht?«
Mai fühlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzücken. Aber sie sah nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich prüfte sie die Hände, ob sie gewaschen seien.
Die Gulaschschüssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte, der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:
»Sehen Sie? So wie Sie gibt's keinen mehr.«
»Also bitte, einen Krug.«
»Gott sei Dank!«
Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:
»Also Freunderl, gut is! Aber 's ist schon so: mir wird bei einem Menschen erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab'!«
Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allen Waldungen ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden verbracht, sie erst gefüttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der Sache. Arnold Acton mischte sich von drüben ein: hastig, um den Augenblick nicht zu verpassen, wo sich etwas für diese Menschen Geeignetes sagen ließ. Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hündischen Gendarmen, die in Bauernhöfen und hinter den Staketen der Vorstädte umherstrichen, um, komme ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wüster Stimme über die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus für die Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkörperte Prinzip des Eigentums, etwas wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im besitzenden Menschen. Nichts sei kläglicher und widerwärtiger als der Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.
»Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer,« sagte Gwinner, gelassen und scharf.
Eine Sekunde des Stutzens -- und alle lachten. Die Baroneß Thekla wühlte das Gesicht in die aufgestützte Hand; Tini sah, unter kurzen Gänseschreien, triumphierend von Gwinner zu Arnold: »Da haben Sie's!« Und Frau Gugigl drüben ließ sich, den Kopf schüttelnd, mit geöffneten Armen vornüberfallen, zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner lächelte demütig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann plötzlich leise, als soufflierte sie ihm:
»Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn Gwinners Witz war also keiner.«
Er hob die Schultern und bewegte schüchtern die Hand: sie möge es gut sein lassen. Übrigens hatte Frau Gugigl zu fühlen angefangen, daß das Gespräch eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese Stelle müsse unbedingt ihr Mann hören. Er kaute; und es sah aus, als kauten auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugeführt ward. Plötzlich erklärte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unkünstlerisch. Sie fand es auch unkünstlerisch, daß Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig künstlerisch (sie konnte nur noch »künschelrisch« sagen) war es, daß die Baroneß in ihrer Bauerntracht mit aufgestütztem Arm aß. Hoffentlich werde es hier noch recht kalt werden: dann wollten sie mit hölzernen Löffeln Fett essen, alle aus einer Schüssel. Gwinner übersetzte dies für Mai, deren Augen erschraken. Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein wenig gebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es ließ sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Fräulein Tini wiege der Intellekt vor, und Frau Gugigl rief ihm zu:
»Sind Sie ein schlechter Psychologe!«
Er hatte auch das Unglück, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die seine Frau unkünstlerisch fand.
»Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!«
Lola stellte sich, um nicht sprechen zu müssen, als lausche sie auf des Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold übel, daß nicht auch er schwieg. Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. »O, eine entfernte.«
Pünktlich fiel Gwinner ein:
»Natürlich entfernt: wenn sie in Rio ist.«
Wieder Gelächter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifällige Miene.
Nach einer Weile wagte er zu fragen:
»Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?«
Lola antwortete:
»Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mädchen viel und ganz einsam umherging.«
Und Gwinner, unentwegt:
»Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht genehmigt.«
Lola sah Arnold zornig an. Warum ließ er sich einschüchtern von einem gemeinen Witzler, der in ihr Gespräch hineintappte, ohne seine Beziehungen zu verstehen? . . . Er fand nichts; und sie stand auf.
Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand gehoben, und sang, ein Bein übergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa Lucia. Dann begleitete sie die Baroneß Thekla, die das Schmachten der vom Biergenuß erweichten Bauern nachahmte.
»Aaf da Wies schreit a Heischreck, Aaf oamal is a stad, Weil eam da dumm Bauer Michl Hat an Kohpf abigmaht.«
Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und Schärfe, mit Gugigl über die Zugverbindungen nach München stritt, legte Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe, und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l endeten, und vorher müsse g oder p kommen oder so; und sie schrieb »Gugigl« hin. Der Baron Utting sollte ihr helfen, mehr zu finden, aber auch ihm fielen keine ein. Statt dessen hängte er in seine buschigen Brauen Brotkrumen, die trotz Kopfschütteln nicht herausfielen: was Tini sehr erheiterte, und auch Mai.
Lola führte mit der Baroneß Thekla ein Gespräch über Rom, woran Arnold teilnahm. Die Baroneß hatte zuerst ein ahnungsloses Madl vorstellen wollen, das einmal »zu die Welschen« verschlagen worden war, Fabeln daher mitgebracht hatte, alles verwechselte und die Namen falsch aussprach. Allmählich kam sie von ihrer Rolle ab und gab sich gescheit und dem Schönen offen, wie sie war. Ihr Vater, erzählte sie, hatte sie damals in seine Leidenschaft für Italien hineingezogen, wo sie Verwandte hatten; dann war ihm eine andere gekommen, die für die Kunst seines französischen Koches. Und seit diese zweite Passion ihn fast das Leben gekostet hätte, ergab er sich der jetzigen, einer höchst merkwürdigen . . . Getrappel entstand, in der Tür erschien ein Pferdekopf; und Baron Utting verabschiedete sich höflich von jedem, ehe er aufsaß und zum Hause hinausritt. Gleich darauf polterte es nochmals er ritt über die Brücke zu seinem Schlafzimmer.
Tini kauerte wieder fruchtlos vor ihrem Papier. Gwinner forderte sie auf, irgend etwas darauf zu schreiben, und legte ihren Charakter in ihrer Schrift bloß. Sie sei eine zärtliche, suchende Natur; sie habe eine Liebe, die Vorsicht heische: -- eine glückliche, eine unglückliche, es sei noch nicht deutlich zu ersehen. Frau Gugigl musterte sie unruhig. Da Lola ablehnte, kam sie selbst daran. Sie war eine sehr grade, wahre und freie Seele. Daß der erste Bogen beim M viel höher war als die beiden anderen, bekundete berechtigtes Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu erkennen . . . Frau Gugigl saß, indes Gwinner über sie gebeugt an ihr herumrätselte, ganz zusammengerollt, hatte weichere Bewegungen und schien zu schnurren. Ihr Mann klagte, daß ihm nach der Mehlspeise das Bier nicht mehr schmecke; er müsse einen Käs haben. Die moderne Frau sei frei, aber sie bekümmere sich um solche Dinge aus künstlerischem Gewissen. Ob in der Handschrift seiner Frau das künstlerische Gewissen nicht besonders zur Geltung komme. Gwinner bestätigte es, zwinkernd; und Frau Gugigl holte den Käse.
Inzwischen verlangte Mai, daß Gwinner ihr wahrsage, und hielt ihm ihre kleine unschuldige und schicksallose Hand hin. Er ergoß ironische Schmeicheleien über sie, und sie kicherte vor Freude. Als es ihm einfiel, ihr sehr viel Geld zu verheißen, schrie sie auf. Dann lief sie zu Lola.
»Laß dir auch wahrsagen! . . . Warum denn nicht?«
Mai war mit ihrer neuen Umgebung versöhnt. Alles regte sie an: die sonderbaren Gesänge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen, der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das unglaubliche Essen und dieses Bier, das schließlich nicht so übel war; die phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas aufführten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten, unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der Garten feucht und kühl hereinduftete. Mai lugte aus der Tür. Tini schoß an ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Händen aber nicht trauriger als vorher, kehrte sie zurück. Da wagte sich auch Mai auf die Veranda, hörte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter sich das bunte Gejauchze, -- und lief, mit plötzlicher Lust, in die Hände zu klatschen, entzückt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.
»Sieh nur!« flüsterte sie Lola zu. »Sind sie schlecht angezogen, und dabei so unterhaltend!«
Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und ärmlich. Sie wünschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem Café in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natürlichen Pathos des Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer kürzlich Freigelassenen, und die Männer sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein durchs Zimmer laufen durfte.
Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie unschlüssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mühsam angespannte Haltung seines Körpers Lügen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos . . . Arnold gab sie hin. Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lächeln in ihren Linien umher, wendete sie, blinzelte über sie weg. Frau Gugigl zu.
»Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch sehr jung. So jung!« Gerührt und höhnisch. »Wie alt sind Sie denn?«
Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.
»Zweiunddreißig.«
»In Wirklichkeit sind Sie viel jünger:« und mit ruhiger Geringschätzung ließ Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mußte Tinis verachtenden Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den Schatten.
Gugigl entdeckte in der Zeitung, daß ein alter, berühmter Maler seine Frau verloren habe. Die Baroneß Thekla wußte, daß die Gatten schlecht miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das Parodieren der Traueranzeige.
»Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen . . . Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz für mich, aber ein unverhoffter . . . Oder: Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, durch den Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlösen . . .«
Dies ging mühelos so weiter. Gwinner wanderte, die Hände in den Taschen, durchs Zimmer, und aus seinem runden Kopf, den er mit Vorsicht zwischen den hohen Schultern trug, kamen die Witze fast gleichzeitig, wie Kücken aus den Eiern. Der ganze Hühnerhof begackerte sie. Die Baroneß Thekla hielt sich die Seiten, Frau Gugigl schluchzte auf dem Tisch, Tini klaschte in die Hände vor Glück und Stolz, und Mai, die kein Wort verstand, jubelte noch lauter.
Lola und Arnold lachten beklommen mit. Da trafen sich ihre Blicke; sie bekamen auf einmal ernste, erschöpfte Gesichter und rückten, beide im selben Augenblick, einander näher. Er wies unbestimmt in den hellen Kreis, den Gwinner, herumwandernd, mit Witzen anfüllte.
»Wie finden Sie das?« fragte er befangen. Sie erwiderte, halb lächelnd:
»Künstlerisch.«
»Ich verliere manchmal ganz den Mut, noch in Gesellschaft zu gehen.«
Sie fand, er sage ihr schon wieder mehr, als ihr zukomme, und begriff jene erste Beichte, im Dunkeln, sei schuld daran. Ihr war befangen, weil sie sich diesem Fremden verbunden fühlte; und ohne Willen kam ihr der Ton kameradschaftlichen Ärgers.
»Warum sind Sie da? So viel ich sehe, passen Sie gar nicht hierher.«
»Ich weiß; und ich hänge so sehr davon ab, wie man mir gesinnt ist: es ist krankhaft, es ist kindisch . . . Aber im äußeren Leben kommt so vieles zufällig. Ich behandle es nachlässig.«
Sie nickte, als erinnerte sie sich. Dann:
»Mehrmals habe ich mich doch für Sie geärgert.«
»Zum Beispiel hätte ich die Hand nicht geben sollen . . .«
Lola mußte sie ansehen: sie sah nicht mehr weichlich aus; ihre Adern hatten sich entleert, und sie schien fester und nerviger.
»Aber ich schäme mich in solchen Augenblicken ein wenig -- und das verhindert die Geistesgegenwart --: schäme mich für mich, und auch für den, der seine dumme Herrschsucht an mir auslassen mag . . . Dabei glaubt dieser Herr sehr geistreich zu sein.«
»O sehr;« und sie horchte flüchtig auf das Gelächter, das Gwinner unterhielt.
»Fällt Ihnen aber gar nicht ein, daß Sie die Hand aufheben könnten?« sagte sie, mit einer Wallung von Zorn. Er antwortete:
»Nachher manchmal, ja. Doch möchte ich's im Grunde nicht getan haben. Die Gebärde dessen, der schlägt, kann ich nicht umhin, ein wenig grotesk zu finden. Zu viel Selbstbehauptung. Wer die Dinge überblickt, regt sich nicht so stark und legt sich selbst nicht so viel Recht bei.«
»Ach! . . .«
Sie setzte mehrmals an; hiermit mußte sie erst fertig werden; und inzwischen sah sie ihn dasitzen, schon wieder so zusammengesunken, wie er wohl auch im Dunkeln neben ihr gesessen hatte, die breiten, flachen Schläfen vorgeneigt und das schwache Untergesicht von ihnen beschattet, -- und in dieser spannungslosen Haltung viel sicherer, viel edler, sichtlich viel mehr er selbst, als wenn er sich krampfhaft zu kriegerischen Mienen nötigte, die jeder durchschaute, deren jeder spottete . . . Seine Haltung war's, die ihr Verständnis für seine Worte gab, Mitempfinden seiner Worte.
»Das ist enthaltsam -- rein, wenn Sie wollen. Aber ist es nicht widermenschlich?«
»Wider den herkömmlichen Menschen, wohl.«
»Und Sie waren immer so? Sie haben wirklich als Knabe keinen Frosch gequält?«
»Natürlich habe ich. Aber die Nerven werden schwächer, und man kommt zur Güte.«
»O! Der Gütige wäre immer ein Schwacher?«
»Da nur Schwäche Geist hervorbringt und Güte von Erkenntnis abhängt . . .«
Lola erinnerte sich ihrer selbst.
»Ich weiß, daß, wer ohnmächtig und unglücklich ist, auch mißtrauisch wird, und boshaft.«
»Viel schlimmer noch als unsere Ohnmacht ist's, wenn wir zufällig zur Macht gelangen. Der Schwache kommt dann in Gefahr, die Herrschaft über seine Nerven zu verlieren; die abscheulichsten Triebe des primitiven Menschen werden wieder in ihm heraufdürfen. Denken Sie an die neurasthenischen Könige von jetzt, an ihre Rückfälle in blöde Tyrannei, an ihre Sucht, wehrloses Wild niederzuknallen, an ihre Gier nach dem kriegerischen Gepränge der Starken . . . Kein Mensch kann verächtlicher sein, als solch ein Schwacher, der den Geist und die Menschlichkeit, für die er ausgestattet und denen er verpflichtet wäre, verleugnet und sich zu den Starken und Rohen schlägt.«
»Sie sind Fanatiker;« -- und Lola war froh, daß sie lächeln durfte.
»Meinen Sie, daß Frau Gugigl glücklich ist?« fragte sie.
Er sah erstaunt auf.
»Wie wäre sie's nicht? Vor allem denkt sie niemals.«
»Das wohl«
»Und dann tut sie mit ihrem Mann, was sie will.«
Lola lächelte nochmals.
»Mir scheint, vielmehr erreicht er mit ihr, was er will. Und das sehen auch andere.«
»Bin ich ein so schlechter Beobachter?«
Sie schwieg ein wenig. Dann:
»Von allen Frauen, die ich kenne, haben es die deutschen am schwersten. Frau Gugigls Übermut und Selbsttäuschung ändert nichts. Sie sind noch immer rechtlos und müssen dabei arbeiten. Verdient nicht meine Cousine für den Haushalt, -- den sie besorgt? Immer noch lieber in Brasilien verheiratet sein. Auch dort ist man Untertanin; aber man liegt in der Hängematte, wird vom Mann und Herrn bedient, und nach dem Gesetz gehört die Hälfte von allem was er einnimmt, seiner Frau.«
»Wo ist das?« fragte Frau Gugigl und setzte sich zu ihnen. Als sie's erfahren hatte, fand sie die Brasilianerin riesig künstlerisch. Arnold, Hals über Kopf, als gälte es, nur etwas zu sagen:
»Vielleicht hört die Frau auf, Künstlerin zu sein, sobald sie eine Kunst ausübt.«
»Ich singe,« sagte Lola lächelnd. Frau Gugigl lachte wild.
»Er ist schon eine herrliche Einrichtung!«
»Verzeihung,« und seine nervige Haltung täuschte niemand über seine Befangenheit, »ich wollte sagen: die Frau verzichtet schwer auf das Leben; und das muß der Künstler.«
»Daher die Künstlerredouten,« schob Gwinner ein. Frau Gugigl stieß den Arm vor.
»Sehen Sie?«
Arnold schien mit der Schulter eine Fliege zu vertreiben.
»Muß in Abgeschiedenheit mit sich selbst zu Ende kommen, seine Gefühle auf Gipfel treiben und überblicken, seine Instinkte ausnützen: den Mut zu ihnen haben, grade zu den schlechtesten.«
»War net übel,« erklärte Gugigl. »Wir sind anständige Leut', möcht' ich fein bitten.«
»Sie sind doch überhaupt nicht Künstler,« bemerkte seine Frau.
»Ziehen Sie sich keine Beleidigung von seiten der Künstlergenossenschaft zu,« warnte Gwinner. »Sie ist eine Macht.«
»Hier kennen wir nur eine Macht: Ihren Witz,« sagte Lola und stand auf. »Besonders um halb zwölf, wenn wir müde sind.«
Gwinner spreizte, wie um Gnade, die Hände aus, indes sein Gesicht von demütiger Eitelkeit glänzte. Man trennte sich. Lola sagte zu Arnold:
»Wir sind abgelenkt, aber morgen möchte ich Sie noch etwas fragen.«
* * * * *