Zwischen den Rassen: Roman

Part 8

Chapter 83,718 wordsPublic domain

Draußen peitschte sie der Wind; das endlose Dunkel heulte um sie her; es griff nach ihr, mit den gespenstisch heraufschießenden Armen seiner Gischtwellen. Ihr Führer nahm sie bei der Hand und ließ sie über Staffeln hinabsteigen, tief in das Schiff hinein. »Da sind wir;« und in der Tür, die er aufstieß, mischte sich Karboldunst mit dem Schiffsgeruch. »Kommen Sie nicht?« Aber Lola spähte von der Schwelle mit Furcht durch die Kabine, die einem Schacht glich, zu den Menschen hin, die in ihren Betten, eng wie Särge, umhergeschüttelt stöhnten, und zu denen, die in Lumpen am Boden hockend, erloschene Blicke zu ihr aufhoben. Jener eine Blick aber glänzte so, daß von ihm der Raum voll eines flackernden Lichtes schien. Diese beiden Augen brannten auf unbegreifliche Weise in einem Gesicht, so alt und müde, daß vielleicht nur das rote Tuch, womit es umwickelt war, seinen auseinanderstrebenden Staub zusammenhielt.

»Wer ist das? Mein Gott?«

Der Arzt hörte sie nicht; er neigte sich über den Alten, lauschte in sein Gewimmer hinein; dann beschrieb er, langsam aufgerichtet, eine feierliche Gebärde.

»Sie werden Ihre Heimat wiedersehen. Ich werde machen, daß Sie es erleben.«

Rasch wandte er sich ab.

»Gehen wir.«

Draußen:

»Dieser Alte ist jung nach Amerika gegangen. Die Arbeit seines Lebens hat ihm so viel eingetragen, daß er vor seinem Tode nochmals die Überfahrt bezahlen konnte. Er will auf seiner Heimaterde sterben. Das ist sein Ziel. Dafür meint er nun gelebt zu haben.«

»Wird er's erreichen, wird er?«

»Nein,« entschied der Doktor, mit leiserer Stimme und Schultern, die sich beugten. »Wir werden morgen in Genua landen, im majestätischen Genua; aber er wird es nicht sehen. Ich kann es nicht machen. In diesem Augenblick lebt er nur noch durch den einen Gedanken in seinem Kopf: in seiner Heimat zu sterben.«

Vor der Treppe zu den Gesellschaftsräumen nahm er plötzlich Abschied und tauchte ins Dunkel. Lola sah mit Verwunderung, daß dort innen noch der gleiche kopflose Jubel tobe, und ging in ihre Kabine. Sie lag im Dunkeln; -- und das Wimmern dahinten, sie wußte nicht, war es das der Geigen oder das jenes Sterbenden. Seine Augen verließen sie nicht, ihre Stirn war erfüllt von diesem übermenschlichen Feuer, das mit Überwindung eines absterbenden Leibes ganz frei dahinbrannte, das nur ein Gedanke, ein Wille, eine Sehnsucht war: die Sehnsucht nach der Heimat.

Und sie sah ihn, wie er jung aufs Schiff stieg. Die Jacke über der Schulter, den Hut im Nacken, übermütig trotz der Rührung, küßte er ein letzesmal Eltern, Geschwister und das Mädchen, das ihm treu bleiben wollte. Hatte Lola ihn nicht drüben aussteigen gesehen, oder einen, der ihm glich? Italiener in roten Hemden, die Jacke über der Schulter, waren so viele dort umhergegangen. Sie hörte ihn seine Früchte ausschreien, sah ihn an einem Kanoe zimmern und stand am Wege, wie er sein Maultier mit Waren vorbeitrieb. Denn er handelte mit allem, hielt keine Arbeit für zu schlecht, lebte nüchtern und schrieb Briefe, worin ein wenig Geld lag: »Mut! Bald kann ich euch nachkommen lassen. Carlotta, ich seh' uns schon in der Kirche.« Darüber sterben die Eltern; aber er hat noch die Geschwister, und Carlotta wartet auf ihn. Er spricht nicht mehr vom Nachkommen; es geht nicht alles, wie er dachte; nur zurücklegen möchte er eine Kleinigkeit, und dann heimkommen . . . Wie? Wäre es möglich? Carlotta nimmt nun doch den andern? Sie ist imstande, ihn zu verraten? Wozu kann dann alles noch dienen! . . Ach, ein Kind hat sein Bruder? Wie hübsch! Er wird ihm etwas mitbringen, wird es einst ausstatten. Die Geschäfte gehen besser, sie sollen sich wundern . . . Und von Jahr zu Jahr: Der Bortolo schon tot? Und Don Felice?

Und auch der, und auch der? Warum schreibst nun du selbst nicht mehr? . . Schweigen. Und der alte Einsame vergißt die Todesfälle, von denen ihm einst berichtet ward; wenn er von der Rückkehr träumt, stehen alle unverwandelt am Ufer, und Carlotta trägt noch die rote Schürze, die er ihr gab. Sein Geist geht zwischen Gebäuden um, die abgetragen sind, und bei Menschen, die unter Kreuzen liegen. Zuletzt tritt er dennoch die Reise an, für die er fünfzig Jahre arbeitete und lebte. Nun fährt er dahin -- werden die Atemzüge ausreichen? -- fährt, seherisch vor Angst und Drang, dem unmöglichen Ziel seines Lebens zu, dem, was es für ihn nicht gibt, dem Phantom einer Heimat!

. . . Lola schluchzte noch immer. Sie beweinte in fremden Schicksalen das Sinnbild der eigenen; und eine besänftigende Brüderlichkeit floß ihr aus jenen zu. Sie schämte sich ihrer Menschenfeindschaft; verachtete die Gabe, die sie bis dort hinabblicken lehrte, wo niemand mehr dem Erkanntwerden gewachsen ist; entsetzte sich: »Hab' ich denn nicht immer lieben, nur lieben wollen? Einst war ich doch entschlossen, mich eher lebendig begraben zu lassen als daß Erneste oder Mai stürbe! Wie ist es möglich, daß Menschen dies je aus dem Sinn verlieren: einander helfen, einander lieben!«

III

In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof stand, sagte Lola plötzlich:

»Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?«

»Uns zwingt doch niemand?« fragte Mai verdutzt.

»Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles gleich.«

Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.

»Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!«

Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur Abfahrt mahnte.

»Es scheint, wir reisen nicht.«

»Wozu?« seufzte Lola. »Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre und einen --?«

Sie besann sich.

»-- und alle die andern? . . . Weißt du noch nicht im voraus, wie deine Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie auswendig, und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie nur so flüchtig; aber es schienen -- was weiß ich -- es schienen herzliche Menschen.«

»Aber die Grimani erwartet uns.«

»Wir telegraphieren ihr ab.«

Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim, jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr Bauernkostüm und sagte stolz:

»I bin d'Oberdirn.«

Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.

Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen.

»Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt's bei uns nicht, meine Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .«

»Aber was ist denn hier los?« fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und Blechmusik gerieten.

»Das ist das Gaufest.«

Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:

»Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.«

»Das Vieh in den Trachten,« ergänzte Gwinner und gab Lola durch unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden, schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.

Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:

»A Bier! Cehn--zi! A Bier kriag' i!«

»Grüß Gott, Spezi!« rief die Baroneß.

»Dees is nämlich mein Oberknecht,« erklärte sie, lief hin und schwang sich, rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie feierten. »Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,« dachte Lola; und: »Wenn ich mich zu den Bauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut, wenn man hier heimisch wäre?«

Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.

»Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.«

»Wie geht es Ihnen?« stammelte das junge Mädchen.

»So nennt's euch doch du!« schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.

»Gut. Und -- also, und dir?« fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann entschloß sie sich:

»Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.«

»Ach! Hast du ihn gekannt?«

»Sehr gut; und nie hab' ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist sie zwar kaputt . . .«

Lola dachte: »Und Pai tot.«

»Spielst du noch mit Puppen?« fragte sie mühsam.

»O nein . . .«

Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigeführt:

»Lola, du bist wunderschön!«

»Du sagst das? Du wirst viel schöner werden als ich; man sieht es schon jetzt.«

Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. »Noch etwas zu lang und zu blaß ist es,« dachte sie zärtlich. Da drehte sie rasch den Kopf.

»Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!«

Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheit war, ward auf einmal kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: »Wie schön, nicht wahr, daß wir hergekommen sind!«

Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren, vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!

»Hast du meinen Papa gern gehabt?« fragte sie.

»Sehr,« sagte Tini; und sie setzte nochmals an: »Und auch --«; aber dann schwieg sie, ganz rosig.

»Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er meist einen grauen Anzug . . .«

»Ach, was für Dummheiten!« merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte, konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward! Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte: -- und ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um ihn herumzuschwenken.

Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken, die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte, schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch, der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das biedere »Grüeß Gott, Schuasta«, verstärken, auf seinen eingedrückten Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier tropfte. Sichtlich war er's gewohnt, war dies ein durch lange Jahre geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden hätte.

Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:

»Ja, was gibt's? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß macht. Seid ihr zartbesaitet!«

»Mir san derbes Volk,« erklärte die Baroneß.

Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hörte auf kein Zureden, verfiel, außer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung den um sie her feixenden Bauern auf französisch. Dies alles sei abscheulich roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger tränken; sie sollten einander wie Menschen behandeln.

»Sei still, Mai,« bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein Stück Verantwortlichkeit für dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem sie Mai hergeführt hatte wie zu den Ihren.

Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger begängen ihre Feste, tanzten -- nicht häßlicher als diese hier -- betränken sich, schlügen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen herum, und kein anständiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu. Lola war sehr froh, daß Frau Gugigl und die Baroneß schon wieder in den Armen zweier Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er äffte Mais erregte Gebärden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Füßen hüpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, daß er, als studierter Beamter, nicht zwei französische Worte wußte. Mai brach ab; die Augen naß vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie ihm den Rücken. Gwinner kam -- und er trug den Kopf noch vorsichtiger -- mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch einen Bogen, führte, demütig und frech grinsend, den ernsten Koloß den Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.

»Diese Damen,« äußerte er, »sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.«

»Viel Ehr', viel Ehr',« sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine erbärmlich wirkende Zurückhaltung auferlegte. Gwinner hielt lächelnd die Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinüber, von wo die eingepferchten Tiere brüllten.

»Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?«

Sein begütigendes Nicken hieß: »Es ging doch nicht anders.« Die kleinen tückischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte er:

»Ja, wie moanen's denn jetzt dös?«

Die kleine Tini trat energisch vor.

»Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt müssen wir nach Haus, es ist höchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!«

Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus waren. Auf der Straße zwischen den großen Fußspuren voll braunen Regenwassers hieß es einen Eiertanz aufführen. Vor den vier Jahrmarktsbuden lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schürzen über dem Kopf. Mit starrem Gesicht führte ein verwittertes Mädchen eine Moritat vor.

»Haben Sie das verbrochen?« sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pfütze.

»Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal' eine Moritat! Künstlerische Moritaten gibt's noch nicht.«

»Mehr als genug,« meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:

»Ohne Witz! Dem muß man künstlerisch nähertreten.«

Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Baroneß Thekla. Gwinner bemühte sich, für Frau Gabriel französische Wortspiele zu erfinden. Tini nahm plötzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.

»Es regnet nicht mehr, dein Schirm nützt nichts: aber die Luft ist so feucht.«

Lola sträubte sich vergebens.

»Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer blauer Himmel, nicht?«

»Was meinst du? Ich war ja die längste Zeit meines Lebens in Deutschland.«

»Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mußt diesen Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewiß alles aus Paris?«

»O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du's sehen. Die Schneiderin arbeitet für die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns schon . . .«

Und Lola dachte hinzu: »So wird sie uns hoffentlich für die Bezahlung Zeit lassen.«

»Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist. Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke Silberspitze, unterlegt mit . . . Aber willst du mich nicht einhaken?«

»Unterlegt mit?« -- in seliger Erwartung.

»Mit türkisblauem, metallischem Stoff.«

»Wie wundervoll!«

»Auch unter der Chantillyspitze liegt er.«

»Ja. Aber --«

Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas Toiletten entgegenzusetzen hatte.

»Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehört?«

»Ich muß gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzählt? Herr Gwinner?«

»Woher --«

»Erschrick nicht! Woher ich das weiß? Du sahst grade nach ihm hin.«

Tinis Blick hatte mit solcher schwermütigen Schwärmerei an seinen hohen Schultern gehangen. »Darum,« erkannte Lola, »ihre Angst, vorhin bei dem Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.«

»Das muß interessant sein,« sagte sie. Da trennte die Baroneß Thekla sich von ihren Freunden, lief -- und ihr kurzer roter Rock flatterte -- Lola entgegen und schwang den Arm über ein entferntes Kornfeld hin.

»Morgen in der Früh gehts da droben wieder an die Arbeit!«

»Was für eine Arbeit?«

»Ans Kornschneiden. Ich bin allweil draußen mit die Knecht' und Mägd'. Mich nennen's die Oberdirn . . . Ja, das wundert Sie. Aber meine Großmutter war ja eine Bäuerin und hat drunt im Mühltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut's mich nicht.«

»Renommiert die Baroneß schon wieder?« fragte Gwinner, der sich umdrehte.

»Mir ist's ernst,« erklärte sie; und er, nachgiebig:

»Ich weiß, bei Ihnen kommt's von Herzen.«

Tini lachte Beifall:

»Schon wieder!« flüsterte sie, vor Stolz errötet, Lola zu. »Ist er geistreich! Sie hat ja eine unglückliche Liebe; darum kommt bei ihr das Bauerngetue >von Herzen<!«

Gwinner merkte erst jetzt, daß er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit den Augen.

Die schmale Straße aus nassem, durchfurchtem Lehm krümmte sich zwischen den flach ansteigenden Äckern hin. Die gelben und die grünen erglänzten gewitterhaft in dem späten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor, schräge über sie hinschlich; und jäh an den letzten, der heller vor ihr flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoßen. Frau Gugigl jagte vorbei.

»Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrämpfe? Mir kommt's bald vor, als wären das --«

Sie wies über das gelbgrüne Land hin.

»-- Pfannkuchen mit Spinat, und ich möchte mich draufsetzen wie eine Fliege.«

Die Baroneß fuhr auf.

»Ich hoff' nur, du hast für eine Haxn und Knödln gesorgt; sonst müßt' ich dir die Wirtschaft wieder abnehmen!«

Gugigl hatte sie erwartet.

»Die Marie ist ja ein Kulturmensch,« versicherte er. »Sie schaut nach der Küche, nicht weil sie muß, sondern weil sie weiß, daß die Frau, je höher sie steht --«

Gwinner legte ihm zärtlich die Hand ans Haupt.

»Schlaukopf,« sagte er.

»Gleich kommt's!« rief Tini und ließ Lola nach der Stelle sehen, wo hinter der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle mußten auf den Grabenrand treten; und die Baroneß tauschte mit den Vorbeirasenden Scherze aus. Nachher entzückte sie sich.

»So lebfrische Buam!«

Mai, von ihren Rädern arg bespritzt, sah ihnen wütend nach.

Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den Lodenkragen über der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Baroneß Thekla und Tini in gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein etwas schüchternes, etwas trübes Lächeln entgegen. Noch während sie ihn auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten hätten.

»Und Sie, sanfter Träumer?« erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt und geärgert.

»Das Wetter drückt mich; ich hätte nicht auch noch den Lärm der Bauern ertragen.«

Dies berührte Lola verwandt; sie gönnte auch Mai eine Genugtuung und übersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat, sagte sie:

»Nicht wahr? Das Fest wäre ganz hübsch: aber diese Menschen . . .«

»Ein Fest ohne Menschen, gnädige Frau?« fragte Gwinner. »Musik, die freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt? Nein --«

Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.

»Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben wir von Einsamkeit? Ich weiß nur, was sie uns nicht gibt: Menschenkenntnis, Geistesgegenwart, Sinn für das Mögliche und das Wirksame.«

»Bravo!« machte Gugigl; »und jetzt gehn's mit, Bier abziehen!«

Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:

»Ich richt nur rasch eure Zimmer!« -- und war mit ihrer Schwester und der Baroneß von dannen. Lola und Mai betraten die große, ganz hölzerne, stark dämmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer, was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er möchte nichts wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prüfen der Worte:

»Menschenkenntnis . . . Geistesgegenwart . . . Sinn für das Mögliche und das Wirksame . . . Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das hoffnungslos zweiten Ranges wäre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet uns nicht über die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott bestehen . . . Oder doch? Käme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen über sie und uns, in einem? . . Ich weiß nicht, ob Sie, gnädiges Fräulein, das kennen: ein kleines Zimmer, allmählich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem, glücklichen und schlimmen Spielen; nächtliche Gänge, einen Buchenhügel oder Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal heraufgeschwebter, merkwürdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den weltlichen Hemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie ein noch stärkeres Wort: ein Flügelrauschen rührt sich in einem, wie vom eigenen Schicksal . . .«

»Ich glaube Sie zu verstehen . . .«

Lola fühlte, daß er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um nicht zu schweigen; und daß er darauf gefaßt sei, wenn das Dunkel gelüftet werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:

»Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.«

Da er die Augenblicke vergehen ließ, sprach auch sie aus Befangenheit weiter.

»Damals haßte ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt . . .«