Zwischen den Rassen: Roman

Part 5

Chapter 53,799 wordsPublic domain

»Nicht von Belang«; damit legte sie den Brief zu den übrigen. Aber bei der Arbeit ertappte sie sich plötzlich auf einer freudigen Unruhe und darauf, daß sie schon während der ganzen letzten Seite nur an Pais Kommen gedacht und alles falsch gemacht hatte. Vergebens ermahnte sie sich: »Als ich klein war, hat Pai sehr schlecht an mir gehandelt; nie kann ich das vergessen«: -- so oft sie an Pais Besuch dachte, bekam sie Herzklopfen. Und allmählich dachte sie nur daran. Unter allen anderen lächelte dieser eine Gedanke, und Lola selbst hatte beständig ein Lächeln zu unterdrücken. In ihr begann ein Steigen und Fallen von Plänen, wie ein Springbrunnen, den man aufschließt: immer höher, immer zuversichtlicher schnellt er empor. Anfangs wagte sie zu hoffen: »Wenn Pai kommt, vielleicht kann ich mit ihm zusammen wohnen? Einmal doch von den Fremden weg und bei meinem Vater wohnen!« Dann fiel ihr ein: »Aber warum denn hier bleiben? Warum nicht eine Reise machen?« Viele Orte, die sie gern gesehen hätte, sprangen ihr durch den Sinn. Auf einmal stand alles andere still, und eine kleine schüchterne Stimme fragte: »Und Rio?« Zuerst war Lola fassungslos; plötzlich entschloß sie sich: »Ja, Rio! Was ist dabei? Wenn ich Pai bitte, wird er mir doch erlauben, Mai wiederzusehen. Die Reise ist jetzt so kurz. Und für ihn ist es das bequemste: er bleibt dann gleich dort, wenn ich zurückfahre.« Endlich, auf dem Gipfel des Springstrahls: »Nein! Ich fahre nicht wieder zurück. Bin ich dort, will ich's schon durchsetzen. Was kann denn Pai dabei tun, wenn ich ihm um den Hals falle und nicht loslasse? Mündlich ist das alles ganz anders als in diesen dummen Briefen. Und schlimmsten Falles stecke ich mich hinter Mai oder hinter die Großeltern auf der großen Insel -- ach nein, sie sind tot! -- oder ich laufe davon: lieber als daß ich zurückkehre! O, jetzt hab' ich's!«

Sie klatschte in die Hände: zum erstenmal seit den Kinderzeiten. Dann lief sie zu Erneste, ihrem Glücke Luft zu machen. Im Schwatzen bat sie plötzlich, ausgehen zu dürfen. Zu viel blühte in ihr auf, das Haus ward ihr zu eng. Nun schwatzte und lachte sie mit allen, wahllos und gedankenlos. Keinen Augenblick konnte sie stillhalten. Immer: »Wie seid ihr langweilig!« Und: »Geht heute niemand aus?« Im Gehen, im durch die Straßen Irren schien ihr's, als komme sie ihren Wünschen näher. Zu Hause versank man in der Zeit, wie in Lehm. »Vorwärts, o Gott, nur vorwärts!«

Eines Tages wie sie heimkam, trat Bertha ihr verstörten Gesichts entgegen.

»Dein Vogel ist tot,« sagte sie vorwurfsvoll; und Lola, kopflos:

»Wieso?«

»Ich sollte für Erneste etwas aus eurem Zimmer holen und da hab' ich gesehen, daß er tot ist.«

Lola schüttelte den Kopf. Sie ging hinein: wirklich, da lag er auf der Seite. Sie streckte mit Widerwillen einen Finger durch die Stäbe und zog ihn rasch wieder zurück. »Im Näpfchen sind noch viele Körner, er hat schon lange nichts mehr gefressen. Und gestern Abend sang er noch; ich mußte ihn zudecken. Nun, diese Art lebt vielleicht nicht länger: tröste dich.« Sie hatte das Bedürfnis, rasch weiterzukommen. Ihr nach Glück jagender Sinn wußte mit dem Tod, der ihr in den Weg trat, nichts anzufangen und erkannte ihn kaum. Wie sie die Tür öffnete, stand jemand davor mit einem schwarzgeränderten Brief. Erstaunt nahm sie ihn und trat zurück ins Zimmer. Die Schrift kannte sie nicht; die ersten Worte hießen:

»Liebe Lola! Ein großes Unglück ist geschehen, unser Vater ist gestorben.«

»Wessen Vater?« Sie sah nach der Unterschrift: »Dein Bruder Paolo.« »Paolo? Welch Unsinn! Mein Bruder hieß Nene.« Sie las weiter.

»Unser Vater reiste, wie dir vielleicht bekannt ist, die letzte Zeit in Argentinien und kaum zurückgekehrt, nahm er das Gelbe Fieber: so wahr ist es, daß kein nicht in Rio Geborener sich entfernen darf ohne Gefahr, bei seiner Heimkunft ein Opfer der schrecklichen Krankheit zu werden.«

»Es scheint doch Pai zu sein.« Sie las noch:

»Unsere liebe Mama weint mit mir. Weine mit uns, Schwester!«

»Pai ist tot?« dachte Lola. »Er wollte doch herkommen!« Ihr planloser Blick durchsuchte das Vogelbauer; da bemerkte sie:

»Das sind nur leere Hülsen! Wahrhaftig, kein einziges Korn. Dann ist er verhungert! Ich habe ihn verhungern lassen! Mein Gott! Und ich hatte ihn doch lieb!«

Sie gedachte und rang dabei die Hände, der Zeit, da sie den kleinen Vogel fand und zu sich nahm, und der Zärtlichkeit, die sie auf dies rührende, jetzt so kalte Gefieder gehäuft hatte: all das Gefühl, dessen sie nur die luftigeren, gütigeren, reineren Geschöpfe höherer Sterne wert gehalten hatte. Wie hatte es geschehen können, daß ihr diese große Liebe nach und nach ganz aus dem Sinn gekommen war: so sehr, daß dies arme Tier sie langweilte und sie's verhungern ließ? Wir waren also unseres Herzens nicht sicher? Wie schrecklich! »Nur aus Eigennutz liebte ich ihn. Ich hätte ihn in seinem Walde lassen sollen. Aber auch er hatte mich lieb: lieber als ich ihn. Er pfiff, wenn ich ins Zimmer trat, und sobald ich die Lippen hinhielt, legte er den Schnabel dazwischen. Gestern Abend hat er noch gesungen: vielleicht um mir zu sagen, er sei mir nicht böse.«

Und unter dem Bewußtsein versäumter Liebe brach sie in die Knie und schluchzte: »Pai ist tot!« Alles was sie bis dahin gedacht hatte, war nur wie das Keuchen, bevor die schweren Tränen kommen. Jetzt erst wußte Lola: »Pai ist tot;« und von allen Seiten fiel's über sie her: »Du hast ihn nicht lieb gehabt. Du bist ihm böse gewesen, hast ihn nicht verstanden. Er wollte dein Bestes und hat nur dafür gearbeitet. Lies seine Briefe!«

Sie las den letzten und erkannte plötzlich, welche wichtige Sache es für ihn gewesen war, sie wiederzusehen. Die Zeilen zitterten auf einmal von Sehnsucht und Ungeduld: »Daß ich das nicht gemerkt habe! Ich nannte ihn kalt. Die Kalte war ich: ich wollte nach Hause zurück, vielleicht mehr aus Eigenwillen, aus Hochmut. Das Zusammensein mit ihm genügte mir nicht; er aber sehnte sich nur danach. Wie er deswegen gelitten haben muß, ehe er starb!«

Ihr Schmerz entriß ihr selbst alles Herz und gab es dem Toten. So zärtlich war er gewesen! »Es kann ja nur mein einziger Wunsch sein, dich glücklich und zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen.« Dies stand in dem Brief, worin er ihr die erbetene Heimreise abgeschlagen hatte; den sie für den liebeleersten gehalten, wegen dessen sie ihn fast gehaßt hatte! Jetzt lernte sie, in die Worte hineinzuhorchen. »Ich habe dich lieb,« sagten alle, wie einst Pais erste deutsche Worte in seinem ersten Brief es Lola gesagt hatten.

Pais schweren, ruhigen Schritt vernahm sie aus seinen Worten, fühlte seine starke, gute Hand, sah die verhaltene Empfindung in seinem ernsten Gesicht. »Auf der Großen Insel! Pai besuchte mich; ich war ganz klein, er so groß und blond, viel größer als alle Menschen. Alle bewunderten ihn und beneideten mich, wenn ich an seiner Hand ging. Wie stolz war ich auf ihn!« Bei dieser Erinnerung warf Lola sich, aufschreiend, zu Boden.

Erneste kam und wagte lange nichts zu sagen. Lola lag da, reichte Erneste, ohne das mit den Armen verhüllte Gesicht zu erheben, den Brief hin, schüttelte sich aber, sobald Erneste, über ihren Nacken gebeugt, nur flüsterte. Plötzlich fuhr sie empor.

»Ich bin eine schlechte Tochter gewesen!«

»Wie magst du das sagen!« stammelte Erneste. »Seit früher Kindheit hast du deinen guten Vater nicht mehr gesehen.«

Lola stampfte auf.

»Ich habe ihn gehaßt! Eine schlechte Tochter!«

»Der Schmerz verwirrt dich, Kind;« und Erneste, die schluchzte, umarmte Lolas Kopf und drückte ihn an sich. Lola wollte sich losreißen; aber Erneste nahm alle Kraft zusammen; und allmählich ließ Lola sich schlaff werden, sinken und weinen.

»Du mußt an Mutter und Bruder schreiben,« sagte schließlich Erneste im Ton der höchsten Eile, froh, eine Tätigkeit für Lola gefunden zu haben, die aus ihrem Schmerze selbst hervorging, und in die er sich ergießen konnte. Wie Lola dann ihre blutenden Gedanken sammelte, kamen auch unerwartete. »Was soll ich ihnen schreiben? Daß ich kommen möchte! Jetzt kann ich kommen, denn Pai ist tot.« Mit Entsetzen: »Das ist ja, als ob ich mich freute! Nein! nein! Ich werde nicht nach Hause reisen: er hat es nicht gewollt, und ich verdiene es nicht.«

Sie schrieb, sie müsse hier noch ihre Ausbildung beenden, und fühlte sich, als sie aufstand, gewachsen.

Nachts weinte sie; über den dahingegangenen Vater, über das Verbot, an das er sie noch als Toter band, über die verlorene Heimat: über alles weinte sie dieselben Tränen. Erneste hörte sie die ganze Nacht und lag ganz still. Am Tage aber tat die Buße, die sie sich auferlegt hatte, Lola wohl. Die Schmerzen und der Verzicht, um Pais willen erduldet, waren etwas wie eine Familie, waren ein Stück Heimat.

Auf einmal stand sie wieder ganz am Anfang: als sie mit Erstaunen den Trauerbrief erbrach. »Es ist nicht möglich, daß er tot ist! Vor ein paar Tagen lebte er doch. Auch noch, als der Brief schon unterwegs war, lebte er doch! Hätte ich diesen schwarzgeränderten Brief nicht gelesen, er lebte noch immer. Es wäre alles wie sonst. Ich habe ihn nicht leben gesehen und sah ihn auch nicht sterben. Was weiß ich? Pai! Pai!«

Und da sah sie sich als Kind, wie sie auf ihren Irrwegen durch die Stadt, inmitten eines leeren Platzes, wo es wehte, stehen blieb und flehentlich ihr »Pai!« rief. Auch damals hatte er sie allein gelassen, und sie hatte es nicht glauben wollen! Jetzt war er noch viel weiter fortgegangen, und der Glaube war noch schwerer. »Er wollte doch herkommen!« Ja: auch damals hatte er gerufen »noch einen Kuß, kleine Tochter«; und indes sie einem Schmetterling nachlief, war er verschwunden.

»Warum kommt auch kein Brief mehr! Ich habe sie noch so viel zu fragen!«

Sie schrieb Briefe über Briefe, und in jeden wollte sich die Bitte hineindrängen: »darf ich zu euch?« »Nein, nein! Ich darf nicht. Am Ende würde auch Mai sterben. Pai ist gestorben, weil er zu mir wollte. Auf mir ist ein Verhängnis: ich soll allein bleiben.« Und aus solchem feierlichen Schicksal machte sie sich einen Halt für das Leben, das sie zu bestehen hatte. Gleich zu Anfang des Herbstes vertrat sie den Wunsch, Konfirmationsstunden zu nehmen.

»Schon?« fragte Erneste bestürzt. »Ich wußte wohl, Kind, daß ich dich würde hergeben müssen; aber so früh!«

»Was willst du, ich bin sechzehn,« versetzte Lola, ohne Ernestes Aufregung zu beachten: kaltblütig, wie jemand, der sich mit allem Kommenden abgefunden hat.

»Und was wirst du dann tun, Kind? Nach Hause reisen?«

»Keinesfalls. Alles muß sich finden.«

Wieder begann Lola Pläne zu machen; und diesmal hielt sie sie für unangreifbar: denn sie rechnete auf sich selbst allein. »Ich werde von niemand abhängen. Niemand kann mich verlassen, keinem werde ich mehr nachzutrauern haben. Allein werde ich meines Weges ziehen.«

An einem Nachmittag des nächsten Frühlings saß Lola mit einigen Altersgenossinnen beim Tee. Erneste gab den Herangewachsenen die Erlaubnis, sich Kameradinnen aus der Stadt einzuladen, und sie ließ die Mädchen unter sich. Schwarz und sehr elegant -- denn die Schneiderin der Pension bestellte ihr gegen Vergütung und ohne Ernestes Wissen manche Sachen aus Paris -- lag Lola im Schaukelstuhl und blies ihren Zigarettenrauch, damit man ihn nachher nicht rieche, aus dem Fenster. Ein blühender Apfelbaum griff mit seinen Ästen herein; es war dasselbe Zimmer, worin einst die kleine Lola mit ihrem Vater von Erneste begrüßt worden war.

»Ja ja, wer weiß, was jeder bevorsteht. Die meisten von euch werden zweifellos im Geleise bleiben und heiraten.«

»Rede nur nicht, Lola. Als ob es bei dir nicht aufs selbe hinauskäme.«

»Schwerlich. Ich kann mir nicht gut einen Mann denken, zu dem ich gehören würde. Ich habe ein eigentümliches Schicksal, meine Lieben. Vor mehreren Jahren -- Gott, wir waren noch halbe Kinder -- nanntet ihr mich mal aus Bosheit international. In eurer Bosheit hattet ihr aber ganz recht. Ich gehöre nicht hierher, und anderswohin vermutlich auch nicht.«

»Na, du bildest dir aber was ein!«

»Ich denke mir die Sache anzusehen. Wenn ich hier glücklich heraus bin, gehe ich, vermutlich mit einer Gesellschafterin, auf Reisen. Spanien und Portugal nehme ich mir besonders vor.«

»Wie willst du als junges Mädchen denn durchkommen? Schon die Sprache!«

»Meine Muttersprache ist Portugiesisch!«

»Du hast längst alles vergessen.«

»Ich kann schon noch etwas.«

»Sprich mal!«

Lola blies Rauch aus dem Fenster. Die Tür ward geöffnet, und Ernestes Stimme sagte französisch:

»Ein Besuch, meine Damen.«

Süßes Parfüm drang herein, und eine schöne Dame, schwarz und sehr elegant, noch jung, mit glänzend weißem Gesicht und glänzend schwarzen Haarbandeaus trat rasch in den Kreis der jungen Mädchen, die aufstanden. Sie erhob das Lorgnon und sah umher.

»Da ist sie,« sagte Erneste und zeigte auf Lola. Die Dame ließ das Lorgnon los; vom Anblick Lolas schien sie betroffen.

»Die Kinder werden groß,« bemerkte Erneste. Die Dame lächelte. Lola, die erblaßt war, murmelte zitternd:

»Mai?«

Die Dame sprach, ganz schnell, etwas Unverständliches; Lola konnte, mit stockender Stimme, nichts erwidern als »Mai, Mai«; und beide standen, die Arme unschlüssig ein Stück erhoben, einander gegenüber. Erneste sagte in ihrem korrekten Französisch:

»Ist das seltsam, gnädige Frau! Als Ihre Tochter ehemals in dieses Haus eintrat, konnte sie nicht mit mir sprechen; und jetzt nicht mit Ihnen.«

Zweiter Teil

I

Mit glänzend glatten Bandeaus und einem rohseidenen Schlafrock, creme und pfauenblau, kam Frau Gabriel ins Zimmer und fragte:

»Sind die Sachen da?«

Lola las, hing dabei aus dem Fenster und hörte nicht. Ermattet seufzend lehnte Frau Gabriel sich in einen Sessel.

Lolas schlanker, kräftiger Nacken dahinten lag pflaumig blond im Licht. Um ihr Haar her war ein goldiges Geflimmer. Die ungeheure blaue und durchgoldete Weite trug Lolas Schattenriß in sich, bereit ihn dahinzuraffen, aufzuzehren. Drei Palmenblätter nickten mit ihren Spitzen über den Fensterrahmen hinweg. Die Hotelglocke ging. Nun schnaubte ein Dampfer. Von Gesprächen, Musik und Gelächter flatterten Bruchstücke durch Wind und Sonne herbei.

Frau Gabriel saß und polierte mit dem Taschentuch ihre Nägel. Lola sah sich plötzlich um und fuhr zusammen.

»Sind die Sachen da?« fragte Mai geduldig.

»Da stehen sie doch!«

Nicht einmal den Kopf konnte Mai wenden: lieber saß sie eine halbe Stunde und wartete. Wenn jemand aber auch gar keine Nerven hatte! Lola stellte die geöffneten Schachteln dicht neben Mai hin.

»Grade habe ich sie noch bezahlen können. Aber es war fast das Letzte.«

»Schreibe doch an Nene.«

»Das sagst du immer. O! Wäre ich erst ausgebildet und selbständig! . . . Weißt du, wieviel wir schon voraus haben? Die Zinsen eines halben Jahres.«

»Nene verdient aber auch; er wird mit uns teilen.«

»Er hat schon mit uns geteilt. Mir ist's sonderbar genug, daß dort drüben ein junger Mann für mich arbeitet, den ich kaum kenne.«

»Versündige dich nicht, er ist dein Bruder.«

»Erinnerst du dich, wie ich anfangs, nachdem du herübergekommen warst, nicht wußte, wer Paolo war? Als Kind hatte ich nie gehört, daß er Paolo hieß und daß Nene nur Baby bedeutet.«

»Der gute Nene.«

»Wir lassen ihn also für uns verdienen; nur dürfen wir ihn nicht zugrunde richten. Hörst du?«

»Ihr werdet das schon zusammen ausmachen: ihr seid klüger als ich. Ach, unsere jetzigen Verlegenheiten hat Paolo mir vorausgesagt. Er wollte mich durchaus nicht reisen lassen.«

»Zum Glück scheint er energisch; sonst könnte es schlimm enden. Ich selbst vergesse mich manchmal. Zum Beispiel war's sehr unnötig, daß wir hierher kamen. Wir sind genug hinter der Branzilla hergereist. Da sie nun in der Nervenheilanstalt sitzt und für meine Stimmbildung nichts mehr tun kann, hätten wir in Paris bleiben sollen.«

»Paris war schön!«

»Unser Leben in Paris kostete schließlich weniger: wir saßen doch manchen Abend zu Hause. Hier läßt man uns nicht.«

»Du hast recht, es ist schrecklich; nun, Gott wird helfen. Kann ich jetzt die Sachen sehen?«

»Aber -- sie liegen dir doch vor der Nase!«

»Muß ich sie selbst herausnehmen?«

Frau Gabriel lächelte zaghaft; die Lippe mit dem Leberfleck im Winkel kräuselte sich und zerstörte die reine Linie der graden Nase; die Augen baten; in das gelassene Madonnengesicht kamen Furcht und Unbeholfenheit eines Schulmädchens. Um ihren guten Willen zu beweisen, tauchte sie eine ihrer kleinen weichen, ungeübten Hände in die Schachtel. Gerührt hob Lola die Kostüme heraus; sah ein wenig von oben herab zu, wie Mai sie bewunderte; faßte selbst Teilnahme; -- und bald waren sie im Verein ganz hingegeben an diese Stoffe, an die neuen Erfindungen dieser Töne, dieser Schnitte, die ihnen versprachen, ihre Schönheit umzutauschen und ihnen eine noch nicht gekostete Form von Leben und von Glück zu vermitteln. Zum Schluß verriet Frau Gabriel, welche Züge ihr Glück heute trug; denn sie fragte:

»Meinst du, daß der Herzog von Fingado mich liebt?«

Ihre Stimme und ihr Blick waren voll kindlicher Erwartung. Lola sagte tröstend:

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er neulich auf der Garden-Party sich fast nur um mich kümmerte. Die Bricheau versicherte mir, seine Verlobung sei ins Wanken gekommen. Das wäre mir wahrhaft unangenehm.«

Aber es klang stolz. Dann, behutsam:

»Sage mir eins, mein liebes Kind: gibt dir der Herzog kein Gefühl ein? . . . Du brauchst es nur zu sagen.«

»Nicht das geringste . . . obwohl ich ihn sympathisch finde,« setzte Lola höflich hinzu. Und Mai, zitternd:

»Ich würde seine Liebe nicht wollen, wenn du sie wolltest. Gott ist mein Zeuge, daß dein Glück mir höher steht als meins.«

»Gute Mai, mache dir keine Sorgen!«

Lola wollte sich entfernen; Mai hielt sie, tränenden Auges, am Rock fest.

»Ich würde mich dir opfern, weißt du . . . Also du liebst ihn nicht? Schwöre es mir!«

»Ich schwöre es;« und Lola lächelte nachsichtig. Man mußte ein Kind sein wie Mai, um sich in den Titel dieses kümmerlichen Jünglings zu verlieben.

»Aber auf dem Heimwege,« bemerkte Mai, »ist er mit dir gegangen. Ihr habt euch sogar abgesondert.«

»Er wollte mir aus der Ferne seine Yacht zeigen, -- auf der er nicht fahren kann, weil er seekrank wird.«

»Wovon spracht ihr noch?«

»Von Karl dem Zweiten.«

»Wer ist das?«

»Ein König von Spanien -- es ist lange her, es würde dich nicht interessieren. Mich interessiert's auch nur manchmal. Aber mit Fingado weiß ich nichts anderes zu reden.«

»Wirklich nicht?«

»Tatsächlich.«

Mai nickte beruhigt. Mit einem unaufhaltsamen Lächeln des Triumphes:

»Mit mir redet er anderes!«

»Würdest du ihn heiraten, Mai?« fragte Lola, kniete neben ihrer Mutter hin und strich ihr schmeichelnd über Hals und Arm.

»Ich sehe meine Mai schon als Herzogin, in ihrem Schloß in der Sierra; sie geht auf die Jagd nach Wölfen, Adlern und ähnlichen Wappentieren.«

Mai hatte ernsthaft nachgedacht.

»Alles wohl überlegt,« sagte sie, »hat auch Herr Aguirre seine Vorzüge. Er ist Abgeordneter, sehr einflußreich, und Spanien wird vielleicht Republik werden.«

»Wie weit du denkst, Mai! Aguirre, dies ungesund rosige Baby, denkt nur an das Nächste: er will unser Geld, das Geld, das er uns zutraut. Zu viel Ehre!«

»Du siehst zu trübe, Lola. Und ferner ist er in gesetztem Alter, und ich bin, ach, nicht mehr ganz jung.«

»Im Gegenteil«; dabei herzte Lola ihre Mutter eifriger; »du bist so jung, daß ich mich neben dir meines Alters schäme. Schon als du mich aus der Pension abholtest, war ich, glaub' ich, weiter im Leben als du. Die zwei Jahre aber, die wir in der Welt umhergereist sind, haben meinem Alter zehn hinzugefügt. Ich fange sogar an, häßlich zu werden.«

»Das ist nicht wahr! Du bist die Frische selbst. Dein Alter bildest du dir ein, weil du zu viel denkst. Das könnte deine Stirn falten: gib acht. Du bist zerstreut bei der Toilette und gerade sie verlangt unsere ganze Geisteskraft. Dann hättest du dir nicht die Stirnhaare abgebrannt und wärest jetzt nicht so schwer zu frisieren.«

Lola griff seufzend nach den krausen Härchen.

»Ich habe schließlich doch meinen Beruf verfehlt. Oft komme ich mir vor wie ein verkleideter Mann.«

»Das wird vergehen, wenn du heiratest. Findest du es noch nicht an der Zeit? Welche schönen Gelegenheiten hast du vorübergehen lassen! Ich weiß nicht: du bist doch so klug; aber eine Schwarze hat mehr Geschick, sich einen Mann einzufangen. Halt, gefällt dir etwa Herr Aguirre? Er scheint mich zu lieben. Meinst du nicht?«

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er während der Regatta nicht von meiner Seite wich. Wenn du ihm aber irgend ein Gefühl entgegenbringst . . .«

Mais Stimme bebte schon wieder; Mai war schon wieder zu einem Opfer bereit und ängstigte sich davor. Lola wehrte ab; sie lachte befangen, tat ein paar Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn:

»Du sprachst von meiner Verheiratung, und doch verlierst du sie zu oft aus dem Auge. Die Tochter einer Mutter, die sich zu gut unterhält, wird nicht leicht einen Mann finden.«

Mai sah tief erschrocken aus; Lola schloß verzeihend:

»Ich weiß, du verdienst keinen ernsten Tadel. Erinnere dich nur, bitte, wie leicht man sich unschuldig kompromittiert, und verspäte dich abends mit keinem der Herren mehr!«

»Du bist streng wie dein Vater,« sagte Mai und erschauerte. »Weißt du wohl, daß ich ihn wieder gesehen habe? Ja, gerade in der Nacht, von der du sprichst, erschien er mir.«

Demütig bittend:

»Willst du nicht sein Bild in dein Zimmer nehmen?«

»Das geht nicht, Mai: es würde ihn noch mehr erzürnen.«

Lola ging ans Fenster und sah hinaus. Frau Gabriel murmelte vor sich hin und seufzte. Eine junge Männerstimme kam von unten:

»Fräulein Lola, ich habe alles, was Sie wünschten.«

»Gut,« antwortete Lola.

»Sie bestehen im Ernst darauf?«

»Ohne Zweifel. Wann kommen Sie?«

»Sehr bald. In einer Stunde werden die beiden Kavaliere Ihrer Mama da sein. Empfehlen Sie mich ihr!«

»Auf Wiedersehen!«

»In einer Stunde: und ich bin nicht angezogen!« rief Frau Gabriel und sprang auf. »Lola beeile dich! Welch Glück, daß wir frisiert sind.«

Bei der Tür kehrte sie um.

»Was denkst du über unsern Landsmann?«

»Da Silva Dolenha?« -- und Lola fühlte sich unfrei.

»Ja. Hältst du es für unmöglich, daß er eine von uns liebt? Er kommt täglich.«

Da Lola schwieg:

»Anzeichen gäbe es wohl, daß ich es bin, die er liebt.«

Lola kam plötzlich in Bewegung.

»Nein, Mai, diesmal irrst du. Sei versichert, der denkt nicht an dich!«

»Ach;« Mai war gekränkt; »wie kannst du das beurteilen. Du bist in solchen Dingen ein Kind.«

»Mag sein. In diesem Fall aber weiß ich, wen Da Silva liebt. Wir sind Freunde, und er hat es mir gesagt.«

»Wen denn? Mein Gott!«

Mai stammelte, heftig enttäuscht. Lola, überlegen:

»Das verrät man nicht unter Freunden.«

»Freunde: was ist denn das?«

»Du wirst es sehen. Geh, Mai, zieh dich an! Du wirst es sehen.«

Dann rief sie nochmals:

»Mai! . . Glaubst du wohl, daß ich leidenschaftlich bin?«

»Du? Warum, Kind?«

»Ich meine, weil wir von solchen Dingen sprechen . . . Nein, ich weiß gewiß, ich bin es nicht.«

»Wie sonderbar du bist!«

Lolas bewegte Miene blieb noch auf die Tür gerichtet, die sich geschlossen hatte. Allmählich ward ihr Blick sinnend, und sie setzte sich auf einen Koffer. Mais Mädchen trat ein und holte die Sachen ihrer Herrin. Lolas eigene lagen auf Bett und Stühlen verstreut, mit Büchern und Notenblättern dazwischen. Ein Glas mit Rosen war umgefallen; Lola erhob sich unbewußt und richtete es auf. Dann sah sie sich nach einem freien Sitz um, fand keinen und kehrte auf den Koffer zurück.