Zwischen den Rassen: Roman

Part 33

Chapter 331,746 wordsPublic domain

Er lachte auf. Arnold machte zwei schlanke, kühne Schritte. Lola sah ihn jung und gespannt, wie einen Knaben, der zum erstenmal aus dem Jugendgehege und vor den ersten Feind hintritt; der die Spiele hinter sich gelassen hat und vor Ernst bebt. Er sagte hell:

»Sie haben die Waffe zu wählen; aber wählen Sie nicht die Pistole, sind Sie ein Feigling. Und bestehen Sie nicht mit mir darauf, daß einer von uns am Platze bleibt, sind Sie ein Feigling.«

»Sie hoffen, mich dazu zu machen?« sagte Pardi, die Zähne entblößend.

Arnold verbeugte sich vor Lola und ging.

»Erwarten Sie mich!« sagte sie laut, und sie stand auf. Ihr Hut, ihr Jackett lagen noch da; sie machte sich fertig. Arnold öffnete ihr die Tür.

»Träume ich?« sagte Pardi. Lola kam zurück. Dicht vor ihm:

»Claudia hat dir Sieg gewünscht: es war ihr letzter Ausruf. Aber sie ist nicht die Tote, die dir Glück bringt.«

Und sie wandte sich langsam.

* * * * *

»Soll ich dem Kutscher winken?« fragte Arnold.

»Nein.«

»Wozu auch: da wir nicht fliehen, sondern frei dahingehen.«

Lola sah vor sich nieder.

»Nicht er hat mich verwundet. Claudias Mann tat es, als er sie tötete.«

Da er schwieg:

»Ändert das deinen Sinn?«

»Nein.«

Sie hob die Stirn; beglückt sah sie ihn an.

»O nein!« wiederholte er. »Hat er's nicht getan? So hätte er's doch tun können. Ich habe dein Blut gesehen. Man sprach mir von deiner Verwundung; Guidacci sprach -- ich weiß nicht was. Kaum hörte ich, dein Blut sei geflossen, da betäubte meins mich mit seiner Wallung. Ich fühlte, daß der, der dich anrühren könne, nicht länger leben dürfe. Du bist mein. Ich habe genug um dich gelitten.«

»Wir haben genug umeinander gelitten;« und sie nahm seinen Arm.

»Laß uns langsam gehen: jetzt, da wir immer, immer denselben Weg gehen werden.«

Diese armen Straßen links vom Fluß waren voll Volks, das wimmelnd, zur Harmonika, Guitarre und dem Fettgeruch aus den Pfannen der Gassenköche, das Fest der Wahl beging. Ihr Kandidat war so gut wie gewählt; in den engen Schaufenstern stand sein Bild; sie stellten Kerzen davor; die Schenkwirte hängten Lampions hinaus. Die Glocken läuteten das Ave, als feierten sie den Sieg der Armen.

»Wie?« sagte Arnold. »Längst ist mein ganzes Leben auf dich zusammengezogen. Alles hab' ich an dich gewendet, alles Denken, alles Leiden, dessen ich fähig bin. Das soll irgend einer mir wegtragen, es aus dem Leben schaffen dürfen? Wozu habe ich gelebt, wenn du verschwunden bist? Alles konnten Geschick und Menschen uns auferlegen, jeden Verzicht, das ganze gehetzte Dasein, das wir gehabt haben: aber wir müssen leben. Zusammen leben oder zusammen sterben.«

»Zusammen leben,« sagte Lola, mit rascher Zuversicht.

»Durch mein Herz fließt längst nur noch dein Blut. Mit deinen Stimmungen, die mich unbewußt mitergreifen, deiner Unruhe, die auch mich verzehrt, und deiner süßen Liebe, an der ich trage, fließt mir stündlich dein Blut zum Herzen. Wer dich trifft, trifft mich: und ich will leben. Heute hab' ich erfahren, daß ich's will.«

»Auch ich. Wärst du nicht gekommen, ich hätte ihn getötet! . . . Aber du bist gekommen. Zum zweitenmal hast du mich aus der Ferne gehört, als ich dich beschwor. Und diesmal brachtest du die Tat mit!«

Sie sann: »Die Tat, an die ich nicht glaubte, die ich von mir wies, und nach der mich im Grunde immer verlangt hat. Die verachtete Tat, die alles löst.«

Da sagte er:

»Mir ist es nun, als hätte ich mich längst nach dieser Tat gesehnt.«

. . . Sie langten an. Der leere Platz mit seinen kleinen alten Häusern, um den riesigen, bröckelnden Kirchengiebel geschart, stand fahlblau in Dämmerung. Sie gingen die geschweifte Mauer zu Ende; schon neigten sich über Lola die stillen Bäume ihres Geliebten. Arnold schob die Pforte zurück: -- da entstürzte der Gasse drüben eine schreiende Fratze.

»Gewählt ist Pardi!«

Der Schreier wütete an den schläfrigen Häuschen hin, zwang ihnen, mit Läuten und Stampfen, seine Zeitungsblätter auf, zog aus den letzten Winkeln alles was lebte, an sich, um sich her, und teilte seine Kunde aus.

»Gewählt ist Pardi!«

Sie schlossen hinter sich die Pforte. Zwischen den Steinbildern in ihren schwarzen Laubnischen gingen sie auf das Haus zu. Es lag am Ende dieses Schattenganges rosig in Abendluft und umstanden von seiner Wache steiler blauer Schwertlilien. Lola brach das Schweigen.

»Er wird das Parlament nicht betreten. O! ich habe den Mut, es zu wollen und auszusprechen. Er soll sterben, damit wir leben können. Wir wollen nicht länger schlecht, als seine Knechte leben. Denn das waren wir. Denken und Zweifeln hatten uns rechtlos gemacht. Durch Verstehen waren wir unfähig geworden, eine Hand zu erheben, sei es nur, um uns vor Schmutz zu behüten. Wir glaubten uns edel kraft unserer Reinheit: und wurden doch von ihr durch Verwirrung in Niedrigkeit geführt. Allzu gerecht, wird man Sklave. Ein Volk von Würde und Menschlichkeit ist ungerecht gegen seine Herren und befreit sich.«

Der Blick jenes berußten Menschen erschien ihr, der in der Säulenhalle der Uffizien, stolz auf sein Volk, ihr in die Augen gesehen hatte. In ihr zitterte sein Stolz. Sie sah ein Aufleuchten von tausend Gesichtern, die Geste der Denkmäler, die klatschenden Hände, den Ruhm eines Volkes. Und plötzlich ein anderes Auge: bräunlich weiß, schon starr, und an seinem Rande die tote Träne.

»Was erschreckt dich, Lola? Du bist bleich. Dir wird schwach?«

»Claudia ist tot. Ich hatte sie lieb: warum mußte sie schimpflich sterben?«

»Lehne dich an mich! Nimm einen tiefen Atemzug aus dieser Luft; der Abend hat so viel Ruhe und Kraft. Sieh, wie stark um uns her die Schwertlilien stehen!«

»Du bist stark! Ich breche nachträglich zusammen. Ja, stütze mich! Ich weiß nicht, was mich mehr ängstigt von allem Erlebten: der Freiheitsstolz so vieler, oder der Tod einer armen kleinen Sklavin.«

»Laß dich über die Stufen heben, meine Lola. Wir sind frei und ruhig. Bleibe in Ruhe auf dieser Terrasse, die uns lieb ist, stütze deinen schönen Kopf an das Haus, das uns kennt, und warte, bis ich zurück bin.«

»Du gehst?«

Da er schwieg:

»Nun weiß ich's wieder.«

Tränen entstürzten ihr.

»Das Schwerste steht noch bevor, und ich versage schon.«

Er sah zu Boden.

»Wenn ich ausbleibe --«

Da sprang sie auf.

»Du kannst zweifeln? Nein! Du weißt: in derselben Stunde stürbe auch ich.«

Sie sanken, die Augen geschlossen, gegen einander.

Lola schob ihn sanft zurück.

»Laß, ich habe meine Kraft wieder. Du wirst siegen!«

»Deine Augen entzünden so meinen Geist und mein Blut, daß ich alles glaube, allem vertraue.«

»Du wirst siegen, weil er gerichtet ist. Er hat es gefühlt: hätte er mich sonst gehen lassen?«

»Welch Leben, Lola! Wir sind gemeinsam wiedergeboren.«

Sie reckte sich, breitete die Arme aus. Den Kopf im Nacken:

»Nimm mich! Ich bin frei . . . Nein: warte! Du bist zu stürmisch: ganz Held. Ich bewundere dich; auch das habe ich von dir gewollt. Aber ich will auch das andere nicht verlieren, das du warst.«

Er kniete hin. Sie lehnte auf seinem Kopf ihre Hände aneinander und beugte sich sanft, bis ihr Mund seine Stirn traf. Mit kleiner, süßer Traumstimme redete sie.

»So bleibe noch! Ich sehe über dich hinweg in das Dunkel, das heranschwillt. Die Steige waren blau und sind nun schwarz. Das Leuchten der Gartengötter ist vergangen, zugleich mit den Vogelstimmen. Das Leben ist tief, fühlst du's? Ich höre Schattenfüße auf dem Rasen. Ein letzter Strahl biegt sich um deinen Kopf. Du gehst nun und kämpfst um mich. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine Frau. Dann kehrt mein Held heim zu mir, legt seine Stirn in meine Hände und ist sanft und mein Gefährte. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine Frau . . . Wirst du Geduld mit mir haben, Lieber?«

Er flüsterte:

»Die Prüfung liegt hinter uns. Jeder von uns weiß, was er sagt, wenn er sagt: Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich,« sagte Lola.

Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München

Heinrich Mann

Die Göttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy

I. Diana, II. Minerva, III. Venus

Wohlfeile Ausgabe in einem Bande (1006 Seiten) Umschlagzeichnung von _Th. Steinlen_ Preis geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark 50 Pf.

Das litterarische Echo, Berlin: Heinrich Manns Romantrilogie ist eine Dichtung von unerhörter Gewalt, die aus unserer epischen Litteratur einsam emporragt; es ist eine Kunst ohne Vorfahren. Oberflächlicher Betrachtung mögen Gabriele D'Annunzios Schriften für die »Göttinnen« vorbildlich erscheinen. Aber niemals sind dem Italiener Charaktere von solch plastischer Schärfe gelungen, niemals Schilderungen von so glühender Farbenpracht, wie sie uns aus jeder Seite dieses Buches entgegen leuchten. Bei D'Annunzio die prasselnden Fronten eines kunstreichen Feuerwerks -- hier der himmellodernde Brand unverlöschlicher Leidenschaft. . . . »Die Göttinnen« ist das Meisterwerk eines ganz Großen.

Hermann Bahr im Neuen Wiener Tagblatt: . . . Ein wunderbares Buch, so reich, so fein, so klug!

Die Zeit, Wiener Tageszeitung: Es ist schon lange kein Buch geschrieben worden, das der Herzogin von Assy gliche. In Deutschland vielleicht überhaupt noch keines. . . . Von Anfang an reißt einen dieses Buch im Taumel mit sich fort. Es steigt einem zu Kopf. Man genießt es, vertrauensvoll, wie edlen alten Wein, der die Lippen kühlt und süßer Düfte voll ist, der aber, kaum getrunken, heiß ins Blut schießt und es wild durch die Adern jagt. Man ist bezaubert und berauscht.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[p. 65]: ... munter. »Setzst du dich nun gemütlich zur alten ... ... munter. »Setzt du dich nun gemütlich zur alten ...

[p. 88]: ... »Schreibe doch an, Nene.« ... ... »Schreibe doch an Nene.« ...

[p. 93]: ... Schritte; dann, ernhaft, mit verhaltenem Zorn: ... ... Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn: ...

[p. 117]: ... Halbtag; drunten knirrschten die ersten Karren. Lola ... ... Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola ...

[p. 156]: ... Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu ererkennen ... ... Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu erkennen ...

[p. 241]: ... »Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst im folgen, ... ... »Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst ihm folgen, ...

[p. 244]: ... Insel. Lassen Sie mich's wiedersucheu!« ... ... Insel. Lassen Sie mich's wiedersuchen!« ...

[p. 281]: ... Uud drinnen, flüsternd: ... ... Und drinnen, flüsternd: ...

[p. 347]: ... »Ich sehe nämlich voraus, das ihr beide unglücklich ... ... »Ich sehe nämlich voraus, daß ihr beide unglücklich ...

[p. 365]: ... sie für ihre Woltäterin. Einige Jungen überrannten ... ... sie für ihre Wohltäterin. Einige Jungen überrannten ...

[p. 403]: ... Die Bernabei sah sie zwinkernd au. Weinerlich: ... ... Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich: ...

[p. 444]: ... Lola fühlte, und hatte kein Bewußsein davon, Pardi ... ... Lola fühlte, und hatte kein Bewußtsein davon, Pardi ...

[p. 572]: ... auf. Ihr Hut, ihr Jakett lagen noch da; sie machte ... ... auf. Ihr Hut, ihr Jackett lagen noch da; sie machte ...

[p. 579]: ... Schriften für die »Göttinen« vorbildlich erscheinen. ... ... Schriften für die »Göttinnen« vorbildlich erscheinen. ...