Zwischen den Rassen: Roman

Part 32

Chapter 323,854 wordsPublic domain

Lolas Blick klärte sich; sie entdeckte große blaue Augen, die vor ihr erschrocken waren.

»Ich werde zu Fuß gehen,« -- und das Mädchen verneigte sich scheu.

»Nein!« sagte Lola. »Fahren Sie mit mir!«

Jene zögerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich empört nach ihr um. Lola fiel es ein, daß die beiden sich kannten. Sobald sie das Mädchen neben sich hatte, sagte sie dringend:

»Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demütigen! . . .«

Sie fürchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie jagten über die Brücke. Männer starrten zu ihnen herein; die Dirne sah willenlos hin; und dann zuckte sie zurück und tat, mit geducktem Blick, bei Lola Abbitte. Lola roch das unelegante Parfüm, bemerkte unter dem Spitzensaum einen rauhen Schuh und fühlte sich nüchtern und übel werden. Diese Arme hätte nichts verstanden von allem, was vorging; empfand nichts und wollte nichts. Lola hatte den dürftigen Dingen Geist und Phantasie geliehen, hatte Schicksalsgötter gegen sich am Werk geglaubt. »Das Schwerste ist immer wieder, durch das Unglück nicht hochmütig zu werden. Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben machen, wir seien einzig und erlitten Ungeheures. Sich bücken unters Gewöhnliche!« Sie grüßte die alte Marchesa Triborghi, und der Gruß blieb unerwidert. »Was tue ich auch? Ich weiß nicht mehr, in welcher Welt ich lebe. Nur mir, scheint es, geschehen solche Vergeßlichkeiten.« Sie fragte das Mädchen, wo es abzusteigen wünsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein Italienisch vergessen.

* * * * *

Den selben Abend mußte sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen hören.

»Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?«

»Es werden Verwandte sein?«

»Denn Sie verbringen dort, scheint es, Ihre Abende. Ich fuhr vorbei; und dort war's hell; bei Ihnen droben sah man kein Licht.«

»Ach! die Belfatti will Sie mit einer noch unbekannten Cousine im Wagen gesehen haben . . .«

Die Männer lächelten und sahen weg. Claudia entfernte sich.

»Du weichst mir aus, Claudia?«

»Wozu brauchst du noch mich? Hast du nicht eine neue Freundin? Ich muß dir sagen, Lola, daß du entsetzlich taktlos bist. Es scheint, ihr Fremden seid es nun einmal. Aber ein Kind kann wissen, daß uns die Maitressen unserer Männer nichts angehen.«

Noch beim Sprechen fiel ihr ein, was sie selbst sei; und sie ward rot. Immer zorniger, stieß sie hervor:

»Aber du bist schlecht und willst ihm schaden. Vielleicht hast du jetzt erreicht, daß er nicht gewählt wird.«

Lola murmelte, erblaßt:

»Ich hatte nur den Kopf verloren.«

Aber Claudia ließ sie stehen. Lola sah sich nach Hilfe um; sie ertrug diese Vereinsamung nicht. Unvermittelt zeigte sie sich gegen die Männer liebenswürdig, ließ sich umringen, erweckte Hoffnungen. Dabei dachte sie krampfhaft: »Ich bin feige: er darf nicht wissen, was geschehen ist.«

Das letzte fühlte sie dahingehen: ihre Selbstachtung. Nichts blieb, als ein Tumult von Stimmungen und Gedanken, ganz unnütz, ganz machtlos im Wirrwarr der Ereignisse, der Gesichter, der offenen Türen. Der Wahltag war da; das Haus gehörte jedem, der eine Stimme hatte. Sie standen, kauend und mit schaukelnden Weingläsern, bis in Lolas Zimmer hinein. Pardi drückte alle Hände. Seine Augen, seine Gesten beherrschten die Menschenflut, schienen sie zu beherrschen bis ans Ende der Stadt. Lola sah ihn bleich -- aber jung und gefährlich, wie einst. Sie zeigte sich zuvorkommend, schmeichelte denen, die er bevorzugt hatte, erriet demütig seinen Willen. Gegen Mittag lichteten sich die Haufen. Mit dem letzten entfernte Pardi selbst sich.

Lola stand einen Augenblick und atmete schwer. Plötzlich schmeckte sie den Dunst und den Qualm, die von der Menge übriggeblieben waren; sah den Schmutz und das Drunterunddrüber. Sie fürchtete, zur Besinnung zu kommen. Nur nicht denken, nicht voraussehen! Heute war ein guter Tag, ein leichter Tag: man trieb so fort in Gedränge und Lärm; man trug nicht mehr an sich, fühlte sich nicht mehr. Zurück in die Menge! Hinaus: gleichviel, wohin!

An den Mauern klebten riesige Zettel, weiße, rote und gelbe; dahinten auf dem Platz vor der Brücke drängte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke; und wie vor Lola die Gasse sich öffnete, deuchten Brücke und Ufer ihr munterer, weiter und heller als sonst: als sei der erste Frühlingstag aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der kam, den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen Lola entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

»Ah! die Frauen.«

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

»Nieder mit Pardi!«

»Aber es lebe die Contessa!« schrie der Arbeiter.

Die Brücke entlang dufteten Veilchenkörbe in der Sonne. Drüben am Fluß hin, zwischen den Wagen und den Plakaten, über den Köpfen derer, die, Zeitungsblätter in den Händen, aufeinander einredeten, schwankten die Veilchen. Mädchen mit Veilchen am Hals störten im Vorbeigehen mit ihrem Duft aus Frau und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der Eifer der Gesichter zerteilte sich zum Lächeln.

Die lange offene Säulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine Wellen die Säulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich stürmisch junge Leute, streckten die Arme über die heraufgewendeten Gesichter aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hüten und die Taschen voll Zeitungen, legten Hand an die Wähler, hängten sich in den Arm ländlicher Bürger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen endlich auch die der Männer in Bewegung, -- und die weißen Hände lagen in den braunen. Plötzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn stürmte Händeklatschen beflügelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und strebte hervor: was es sei, das man beklatschte. Der Alte Palast der Republik schob seinen Turm ins Blaue hinaus, als reckte sich der Hals eines großen alten Wächters voll drohender Ruhe; und auf seinem greisen Profil erblaßte die Sonne. Gegenüber, unter dem Bogen der Bilderhalle, sah Judith, klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an dem sie ihr Volk gerächt hatte. Und zwischen dem Wächter und der Heldin leuchteten auf einmal drei rote Mützen auf. »Garibaldiner!« Die Menge schlug ihnen entgegen eine einzige Woge. Man führte die drei Alten ihr zu, ihren tausend Armen zu, ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen Festtagen begegnete man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd dieser armen Leute berühren, als gäbe es Kraft; und ihre altersbleichen, altersernsten Mienen waren umsprüht von Liebesblicken. Eine Frau küßte den einen. Das Volk klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Köpfe entblößten. Man sah sich an, man sah einander weinen.

Lola spürte Tränen; -- und da traf sie die Augen eines berußten Menschen und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu eingeladen, die Größe seiner Väter zurück, besann sich, beim Anblick der Größe von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ältesten Tage erkannte es an den Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschütterte es. Lola atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu reifen, Frieden zu verbreiten. Sie fühlte es wie eine Hand, die sie befreien wollte: auch sie. Allem Volk sollte sie gleich werden, sollte erlöst sein. Ringsum sahen alle sie frei und derb an, ohne Vorbehalt, ohne jede höfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde; sie war eine Frau wie die anderen; wie die Mädchen mit den Veilchen unter der Wange, konnte jeder sie begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit und auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennähe, vom warmen und tätigen Bündnis mit Menschen vorgeschwärmt hatte; -- und ihr innerer Flug brach ab, und sie fühlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch sie. Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie schleppten einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle? Eine Sekunde hatte sich der Wald von Köpfen vor seinem Gesicht geöffnet. Dort schwärmte er nun wohl, wie sie geschwärmt hatte. Aber er ließ sie des anderen willenlose Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah bitter fort. Er konnte nichts für sie tun; denn er sah zu tief -- gleich ihr selbst. Sie kannten einander: so sehr, daß sie sich fast schon verloren hatten. »Habe ich diese ganze letzte Zeit je an ihn gedacht? Wir lebten zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und ich stecke jetzt so angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief gelesen? Vielleicht; aber ich weiß nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit dafür . . .«

Der volle Platz machte ihr Widerwillen; sie schob sich bis in die Gasse nach dem Neuen Markt. Ein Wagen hielt festgerannt im Gedränge.

»Lola!«

Claudia stieg aus.

»Ich gehe mit dir. Bist du mir noch böse, Lolina? Ich war so unglücklich, als ich dich wegen der Französin schalt. Es war Eifersucht. Vergiß es! Nimm diese Veilchen und vergiß es! Willst du?«

Sie drängte sich kindlich an Lolas Arm.

»Du verzeihst mir? Auch das noch? Ach, du bist unbegreiflich gut, Lolina. Ich zweifle nicht, daß uns drüben die Madonna erwartet; denn von dir bis zu zu ihr ist's nicht mehr weit.«

»Wohin gehst du, Claudia?«

»Ich weiß nicht.«

Ihre Tränen blinkten noch, und schon lachte sie.

»Es ist gleich. Welch schöner, schöner Tag! Nun ist's Frühling: darum steigen alle auf die Straße hinab. Sieh, die Nase dort! Sieh, jene Frau: sie hat einen Liebhaber, man sieht es ihr an . . . Aber hier sind schrecklich viel Leute: was haben sie?«

»Sie wählen!«

»Ach ja! Ich dachte nicht daran. Er läßt sich wählen: gerade heute. Und doch, und doch --«

Sie jauchzte leise; -- und plötzlich nachdenklich und spöttisch:

»Da sieh, wie sie diese Papiere anstarren, die Männer! Es scheint, daß sie das interessiert, was daraufsteht. Sind diese beiden aufgeregt! Ach nein, man darf sie nicht beachten: gleich fangen sie an, sich mit uns zu beschäftigen.«

Und sie sah unbeteiligt gradaus. Auf dem Domplatz trieben Gruppen umher. Die beiden Frauen steuerten hindurch. Manchmal folgte ihnen ein Blick. Wohin gingen sie? An was dachten sie, -- da alles Feuer, das die Welt der Männer hervorwarf, ihnen nicht wärmer machte, an der ruhigen Blässe ihrer Gesichter nichts änderte?

»Dort hinein müssen wir,« sagte Claudia, und sie nickte hinüber nach der engsten der Straßen. Plötzlich zuckte sie zurück.

»Was hast du?« -- aber Lola hatte schon den fiebrig Lauernden bemerkt, dort an der Hausecke. Er war bleich; die eine Hälfte seines Gesichts verzerrte sich jede Sekunde. Er fingerte am Kragen, am Bart, tat zwei Schritte vorwärts und zwei zurück. Eine Hand hielt er in der Tasche; und sein Blick brannte unauslöschlich auf Claudia.

»Dein Mann,« murmelte Lola.

»Ja, er,« -- und Claudia sah ihn unverwandt an. »Er ist schlimm heute, er hat, glaube ich, einen Brief bekommen.«

»Laß uns in ein Café treten, Claudia?«

Claudia atmete auf.

»Siehst du? Er ist weg, zurück in die Gasse, verschwunden in der Menge. Ich wußte es.«

Sie lachte erregt.

»Er wird nichts tun. Warum heute? Da er noch nie etwas getan hat . . .«

Sie mußte stehen bleiben, um ihre Lustigkeit zu dämpfen.

»Ah! der kleine Konditor. Er macht die süßesten Kuchen von allen. Ich möchte wieder von seinen Kuchen essen.«

Und drinnen:

»Du bist so ernst, Lolina. Bist du besorgt um mich? Dann liebst du mich also wirklich? Ja, du liebst mich.«

Claudia seufzte schwer auf. Sie kaute; dann, mit Flüstern, tief feierlich:

»Dich hätte ich gehaßt, wärst du eine der unseren gewesen. Ich weiß es gewiß, ich hätte dich getötet. Nun aber sind wir Freundinnen gewesen. Denn du bist so edel, daß man dich nicht fürchtet. Ach! und dennoch liebt er nur dich. Er hat mir's gesagt: nicht länger als acht Tage ist's her, und ich war in Wut gegen ihn wegen der Französin. Er hob nur die Schultern; und dann sagte er, dich allein liebe er. Mich aber verachtet er so sehr, daß er mir das sagt.«

»Aber du bist durch ihn glücklich gewesen, und ich unglücklich.«

»Er sagte auch, nur du könntest ihn retten.«

»Mit ihm zugrunde gehen kann ich: sonst nichts.«

Draußen strich Claudia sich mit dem Finger über die Stirn.

»Was reden wir da? Was gestehe ich dir alles? O, ich schäme mich! Aber mir ist es, als sei es das letzte, das ich zu dir spreche. Warum? Ich bin abergläubisch; und mir scheint irgend etwas Großes bevorzustehen. Ich werde ihn verlieren! Er hat mir gesagt, wenn er nicht gewählt werde, wolle er sich mit dir auf dem Lande vergraben. Lolina, sei gut mit ihm! Du, die du so gut bist! . . . Gott! da ist wieder jener.«

»Laß uns umkehren!«

»Nein, nein! Er würde uns nachlaufen.«

Sie mußte die Augen, die sich vergrößerten, auf ihm haben, mußte ihm entgegengehen. Er stand jetzt vor dem Café Bottegone, war noch bleicher, noch fratzenhafter, öffnete und schloß unaufhörlich über der Brust die Knöpfe und schien zu keuchen, als sei er gelaufen.

»Ich habe Angst, ich habe furchtbare Angst,« jammerte Claudia. »Warum hält er die Hand in der Tasche? . . . Und nun wir näher kommen, sieht er weg. Er müßte uns doch begrüßen . . .«

»Kein Wagen hier: es ist Wahltag. Fürchte dich nicht, arme Claudia! Ich bin bei dir. Er wendet sich zur Ecke; er ist nicht mehr zu sehen. Machen wir, daß wir fortkommen!«

Sie hasteten die breite Straße hinauf: fast liefen sie. Junge Leute zogen daher und wechselten, angeregt lächelnd, ihre Meinung über diese beiden eleganten und hübschen Frauen, die inmitten des Männergetriebes auf ihren klappenden hohen Absätzen irgend einem süßen Ziel zustrebten.

»Die Kleine ist die Schönste,« sagte einer, und lächelte dringlicher in Claudias Augen. Sie streiften ihn, mit ihren schweren, feuchten Pupillen im bräunlichen Weiß, -- und glitten weiter. »Du kannst mir nicht helfen.« Er wendete sich noch, um die von ihr durchschrittene Luft einzuatmen, die nach Veilchen roch.

»Soll ich sie ansprechen?« fragte Lola, ratlos, und blieb stehen.

Da erhob sich Geschrei und Singen; aus der Seitengasse vor ihnen brachen Laufende; geballt wälzte sich's hinterher; und die Pferde der Gendarmen stiegen und sanken über der Menge, wie Schiffe im Sturm. Er brauste gegen die beiden Frauen heran; sie sahen in schwarz geöffnete Münder, in Gesichter, die von nichts wußten, als von dem Schrei, den sie ausstießen. Sie schrien:

»Es lebe Ricchetti!«

Und Claudia, in ein Tor gedrückt, mit ihrer kleinen gellen Vogelstimme:

»Nein! Es lebe Pardi!«

Vorüber. Betäubt kehrten die Frauen auf die Straße zurück: sie lag breit und leer, mit dem Dreimaster eines Carabiniere mitten auf dem Pflaster.

»Ich höre einen Wagen,« sagte Lola. »Komm rasch!«

Aber Claudia entgegnete starr:

»Es ist unnötig. Dort steht er.«

Und Lola stammelte:

»Wie ist er dort hingekommen? Ich begreife nicht . . .«

»Es soll sein,« sagte Claudia. »Heute früh sind sechs Haarnadeln von meinem Tisch gefallen, und alle lagen kreuzweise. Also hier.«

»Halte doch an, Claudia! Wer weiß, was er vorhat.«

»Ich weiß es. Sein Gesicht hat nie so gezuckt; es ist schrecklich, wie das Zucken ihm die Zähne entblößt, auf der einen Seite nur . . .«

»Du sprichst, als schliefst du. Empöre dich doch! Was wir immer getan haben, wir sind Menschen. Darf man uns jagen, wie ein Tier? O! ich hasse sie alle, ich will nicht dabei sein. Du kommst mit mir, Claudia: oder ich lasse dich allein.«

»Adieu, Lola. Und sage ihm -- du weißt wem --, ich wäre so gern, so gern noch --. O! der dort zieht die Hand aus der Tasche.«

»Er sieht aus wie ein Verrückter. Warum sind wir ihm so nahe gekommen? Hilfe! Kutscher! Hilfe!«

Da krachte schon der Schuß, und Claudia taumelte gegen das Haus.

»Ich bin getroffen. Noch lebe ich. Aber er ist nicht zufrieden; er kommt, er will's fertig machen. Seine Zähne!«

Aufschreiend:

»Nein! ich will nicht sterben. Rette mich, Lola! Ich muß zu ihm: du weißt, zu wem. Er hat mich bestellt, er wartet schon. Wenn ich zurückkomme, will ich sterben: nicht jetzt . . . Gib mir doch Zeit!«

Sie krümmte sich, und sie spreizte die Hand gegen den, der mit ausgestrecktem Arm und schwankend herbeikam. Lola stürzte vor, sie packte die Waffe. Er drückte wild zu; Lola sah ihre Hand voll Blut und sah Claudia sinken. Claudia wand sich empor und lief, ohne einen Laut, davon. Sie lief mitten auf der Straße, mit ungleichmäßigen Schritten und mit Händen, die durch die Luft tasteten: als liefe sie über Wurzeln und Steine, in einem halbdunkeln Wald. Drei Schüsse noch folgten ihr. Aus den Seitengassen links und rechts rannten gleichzeitig vier Sicherheitswächter, versperrten die Straße und griffen Claudia auf. Sie wies hinter sich; darauf ließen alle sie los, daß sie hinfiel, und warfen sich auf den Mann. Er lehnte an der Mauer; neben seinem Fuß lag der Revolver; und er hatte die Augen geschlossen.

Lola kniete, über Claudia gebeugt.

»Sage etwas, Claudia, nur ein Wort: ich bitte dich, ich bitte dich!«

Claudias kleine weiß bekleidete Hand regte sich leise in dem Kot, um den sie gegriffen hatte.

»Ach! du weinst. Nicht wahr, du weinst noch?« -- und Lola haschte mit den Lippen nach der Träne an Claudias Lid. Aber die Träne war kühl, und Claudias Augen erstarrten schon.

»Contessa! Was ist geschehen? Atmet sie noch? . . . Lassen Sie doch mich, Contessa!«

Lola erkannte Guidaccis kellerigen Atem und richtete sich auf. Der kleine Priester war aufs äußerste belebt. Seine Hundeaugen fieberten von dem Hochgefühl, an einem Ereignis teilzunehmen.

»Eine furchtbare Sache! Ich trete aus San Lorenzo und höre schießen. Ich laufe; nur durch jene Straße brauche ich zu laufen, und da bin ich. Laßt mich machen!« -- er wehrte den Polizisten mit seinem erregten gelben Händchen, -- »ich kenne die Dame.«

Und er raffte die Soutane, kniete hin und legte das Ohr an Claudias Herz. Alle bückten sich; die Herbeigelaufenen ringsum hielten den Atem an.

»Tot,« entschied der Priester, mit einer abschneidenden Geste. Lola bedeckte mit der Linken die Augen. Die Rechte stieß sie unsicher ins Leere.

»Ich will fort. Den Wagen!«

Man hatte darin den Mörder fortgeschafft. Guidacci schickte nach einem andern. Inzwischen nahten Eilschritte; und wie Lola die Hand von den Augen nahm, schrak sie zusammen vor den Vermummten der Misericordia. Sie hoben die Tote geräuschlos auf ihren federnden Karren, und schon machten die beiden hohen gelben Räder die erste Drehung. Lola wollte sich nachstürzen, aber Guidacci hielt sie nervig zurück.

»Nur einmal unter das Verdeck sehen! Waren denn ihre Augen geschlossen? Sicher?«

Sie hatte vor sich immer Claudias erstarrtes Auge und an seinem Rande die letzte Träne, die es hatte weinen dürfen.

Ein Wagen war da. Guidacci setzte sich zu ihr. Er zappelte noch und sah und hörte nur sich.

»Wäre ich bei Ihnen gewesen: ah! Contessa, Ihre unglückliche Freundin lebte noch. Mein Freund hier,« -- und er griff in die Tasche -- »hätte sie beschützt. Und zu denken, daß es hätte sein können. Denn ich ging ernstlich mit der Absicht um, heute die Kirche schon um halb ein Uhr zu verlassen! Fragen Sie Bussoletti, unsern dicken Erzpriester!«

»Lassen Sie sehen!« sagte Lola, und nahm den Revolver in die Hand. Sie spielte mit der Sicherung, sah nach den Patronen.

»Den also muß man gebrauchen, -- damit nicht der andere ihn gebraucht.«

Erst kurz vor der Ankunft gab sie, aufschreckend, die Waffe zurück.

»Bleiben Sie hier! Danke: ich brauche keine Hilfe. Das Blut an meiner Hand? Es ist nicht der Rede wert. Aber ich möchte ruhen.«

Sie verband sich selbst; nur niemand sehen! -- und fand nun, ausgestreckt, hinter ihren Lidern alles wieder, und ihre Adern pochten unaufhörlich die Worte: »Den also muß man gebrauchen, damit nicht der andere ihn gebraucht.«

Sie warf sich auf dem Polster umher.

»Claudia hat ihm gehört, wie seine Sache; und weil sie sich widersetzte, hat er sie zerbrochen. Er durfte es; er geht dafür mit ihr unter. Und so werde auch ich mit dem untergehen, dessen Sache ich bin . . . Ich will nicht! Wer hat auf mich ein Recht? Alles ist Lüge. Ich bin als mein eigen geboren, und kein Mensch konnte je auf mich ein Recht erwerben. Ich bin in seiner Schuld? Ich habe gewußt, was mir mit ihm bevorstand? Ich habe ihn unglücklich gemacht? Ach! das alles zählt nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich will nicht so gerecht sein! Mag er zusehen! Er hat mir schlimme Jahre gemacht, wir sind quitt. Ich will nicht in die Tiefe denken, wo seine Schuld aufhört und alles Schicksal wird, das man stumm weiterschleppt. Ich will leben! Ich habe Claudias Tod gesehen: er war schimpflich. Ich will leben!«

Ihr war schwindlich von dem ungeheuren Flügelrauschen in ihr. Plötzlich fuhr sie empor; und aufgestützt, die Lippen geöffnet, mit einem irren Lächeln lauschte sie.

Nein. Schwer seufzend sank sie zurück. Es war Pardi.

Er trat ein; sein Schritt war lastend; und er ging, ohne sie anzusehen, zum Fenster. Mit dem Rücken nach dem Zimmer:

»Es steht schlecht: ich fühle, daß ich heute kein Glück habe. Bereite dich auf das Landleben vor.«

Er wanderte umher und murmelte zwischen den Zähnen. Anhaltend, mit einem scharfen Blick:

»War Claudia nicht hier?«

Lola schwieg. Er kam unruhig näher. Sie richtete sich auf; sie sagte ihm in die Augen, langsam und stark:

»Claudia ist tot. Um deinetwillen ist sie umgekommen, und auf dem Wege zu dir.«

Er schwankte, er griff sich ins Haar.

»Es ist nicht wahr!«

Da ihre Wimpern sich nicht bewegten, schlug er die Augen nieder. Er sah plötzlich kleiner aus, und alt, zerzaust, übernächtig: fahl von zahllosen Nächten.

Und er wanderte weiter: den Kopf auf der Brust, mit stammelnden Bewegungen der Lippen und, von Zeit zu Zeit, einem unfreiwilligen Stöhnen. Lola wendete das Gesicht, wohin immer er ging. Sie fühlte ihren Mund gekrampft vom Haß. Sie haßte ihn! Er hatte Claudia dorthinten in irgend ein Rendezvouszimmer bestellt. Claudia war durch die Stadt gegangen, in der an jeder Ecke der Tod lauerte: durch eine Hecke von Mördern. Er hatte sie kommen lassen: denn die Umarmung einer Frau konnte ihm Glück bringen zur Wahl. Ganz Florenz schrie seinen Namen, kämpfte um ihn: und er pfiff darauf und umarmte, abseits vom Lärm, eine Frau. Das war reizvoll; es war eine starke, verachtende Geste. Für sie war Claudia gestorben. Und ihr Tod traf ihn peinlich, denn er brachte vielleicht Unglück. »O! ich hasse ihn, ich hasse ihn! Da schleicht er hin, weiß sich verloren und wird nie mehr aufkommen. Ich freue mich. Ich will es nie bereuen, mich jetzt gefreut zu haben. Zu allem wäre ich in diesem Augenblick stark genug: zu allem.« Sie suchte seufzend. »Eine Waffe! In diesem Augenblick eine Waffe!«

Aber der Augenblick verstrich! Das leblose Schweigen des Hauses machte ihr Fieber. Pardi richtete sich auf. Er sprach rauh.

»Also retten, was zu retten ist. Auf die Quästur.

Den Zeitungen muß gedroht werden, falls sie in den Bericht meinen Namen mischen.«

Er nahm seinen Hut.

»Wie lange ist's her? Ist ihr Mann verhaftet?«

Nach einer Stille:

»Wirst du antworten, Hündin?«

Lola lag da, und die Wange in der Hand, sah sie ihn an, mit Augen, die, leise hin und her rückend, im Haß grübelten. Sein Blick irrte ab; er zerdrückte den Hut, er machte kehrt . . . Ein stürmender Schritt kam über die Treppe und durch den Vorsaal; die Tür flog auf; Lola verhielt ihren Schrei: da stand Arnold. Er atmete rasch; sein Blick traf sicher, erst Pardi, dann sie; und mit wachem, festem Schritt trat er vor ihr Lager.

»Sie sind verwundet?«

Er bemerkte ihre Hand und zuckte auf. Halb gewendet:

»Sie haben sie töten wollen: ich verlange Ihr Leben.«

Pardi setzte die Fäuste an die Brust.

»Sie sind verrückt; aber da Sie sich endlich zeigen, da Sie endlich aus dem Nebel tauchen, sollen Sie haben, was Sie sich wünschen.«