Zwischen den Rassen: Roman

Part 31

Chapter 313,927 wordsPublic domain

Und sie dachte der Zeit, da sie's war. »Das einzige Gute war doch das Sinnenglück: damals, wie ich jung war.« Das schien Jahrzehnte her. Sie saß in wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß die Luft zu flimmern schien, -- und sie bebte vom Gefühl abenteuernder Jugend, vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war's da, ging aus und ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere vergessen können! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken befreite; lieben und betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein Tier und tafeln wie die Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. »War ich nicht schon früher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er mir zu bieten hat, kommt mir zu.«

Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr Zweck, ihre Funktion war, machte Lola erstarren vor Ekel und Grauen. Sie selbst war, in ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.

Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle Triebe empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer mit Arnold Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten. Sie töten! Ach! dies erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia noch lebte, daß Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab -- »Claudia« -- als dürfe sie leben? Beide töten! Gereinigt war dann alles und still.

Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr Wüten, das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht, rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und verderbt. Sich los sein! »Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin: lieber nichts mehr wissen!«

Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge, ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich sparen. Was half's, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte über den Preis der Verkündigung, draußen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter des Präfekten und fühlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinströmten. Ob die Verkündigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola mischte sich heiter ein.

»Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen magst -- auch ich habe es satt --: warum muß dieser Amerikaner es haben? Warum nicht das Museum?«

»Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und die großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco, Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.«

Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune aus all diesen Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom Fürsten Valdomini geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben solle, und daß seine Feinde sterben sollten. Und sie machten sich über die beiden Carabinieri her, die die Verkündigung bewachten. Pardi war schon unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:

»Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.«

Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah, allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.

Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie beugte.

»Ah! Geld wollt ihr?« rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. »Ich habe keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.«

Er hatte keins. Längst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos dahin, bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, worauf er sein Florett führte, werde er aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske, der alles erschütternde Abgang. Er war dabei, seinen Rest bürgerlicher Ehre abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines Hemdes, das er einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen hatte, kämpfte er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhöhter Laune, versprach Lola eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. »Wie viel Tätigkeit! Wie viel Bewegung!« Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem Waffenkasten vors Tor fuhr und täglich Frauen kraft seines ganzen Feuers, als brenne es nur dafür, in allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstürzen mit sich riß, hatte er durch Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den Sturz seines Hauses hinzufristen, zwölf Stunden noch, und noch zwölf.

Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt. In welchem trüben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war bewundernswert. Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er war, wie ein Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte abgebrannt; der Rest war Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber genoß man einen berauschenden Jubel, einen glänzenden Leichtsinn. Und man empfand sich vergrößert und stärker beleuchtet, wie auf einer Bühne. Aus Lola lösten sich, indes sie dies miterlebte, Akzente und Gebärden, die sie in sich nicht gekannt hatte.

»Sie, Botta, unser alter Freund, unterstützen die Kandidatur meines Mannes. Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?«

Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten Worten.

»Contessa, wir haben viel für uns, vor allem seine Gläubiger. Jawohl, das Konsortium seiner Gläubiger, denen wir klargemacht haben, daß nur seine Wahl ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfüllt.«

»Warum nicht,« sagte Lola. »Auch niedrige Interessen müssen dienen, damit Hohes erreicht wird.«

Gegenüber begann Nutini:

»Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von der Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an Ihren Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier Spontelli. Er geht der Sache nach und entdeckt -- niemals raten Sie, was er entdeckt: daß er mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers seiner eigenen Frau.«

Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.

»Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles, um einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung verhindert. Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen größeren Wunsch haben.«

Die anderen wiederholten:

»Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.«

Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit großartiger Handbewegung:

»Ich mache kein Hehl daraus, daß ich Geldopfer gering anschlage und das Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann dem Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach bezahlt hätte: als er sich für Italien in Afrika schlug.«

Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Fluß ihrer Schleppe. Die Gestalten um sie her bückten sich unbewußt ein wenig, die Blicke wurden verehrend. Lola sah, daß es alle antreibe, ihr »Brava!« zuzurufen. Sie biß sich auf die Lippe, und sie fürchtete, zu erröten. Gleich darauf war sie um so glücklicher: ganz Heldin, diesem allen gewachsen und verbündet mit Pardi. Er kam herbei. Von drüben hatte er bemerkt, daß sie Wirkung übte: noch eine Wirkung, die sich mitnehmen ließ. Lola sagte »Mein Freund --«, und sie gaben sich die Hand, beide stolz und bewundert.

Sie wußten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der Öffentlichkeit vorführten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst wenn er fort war, erschrak Lola. »Habe ich denn keine eigenen Gefühle mehr? Was soll diese Komödie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch aufhalten, ihn aufhalten; -- und jetzt treibe ich ihn vorwärts. Mein Gott, welche Angst! Ich muß etwas tun, ich muß ihn warnen.«

Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hörte ihn auf den Sitz fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein.

»Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?«

»Unsere Sachen?«

»Nicht die Stirn falten!«

Sie berührte sie mit dem Finger.

»Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. Laß mich ein wenig für dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie soll dies alles enden. Magst du gewählt werden oder nicht, -- ein Spiel ist auch dies dir nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom Gewinn? Vielleicht ist alles Geld, das in den Spielsälen von Florenz umläuft, schon durch deine Hände geflossen; was aber hast du nun? Und wenn die letzte Frau dir gehört hat, was wirst du noch haben? Werde ruhiger, Freund, widerstehe deinen Wünschen!« Und leiser, mit Zittern: »Wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein: gewöhne auch du dich an den Gedanken.«

Er schüttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an. Erschreckt murmelte sie noch:

»Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben Interessen.«

Und er brach aus.

»Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu früh! Andern Frauen kommt sie vielleicht ein wenig früher. Ich habe gehört, daß der Untergang eines Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah sie etwas anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die Weiber abgewöhnt: alles beides. Sie hat ihn sich zurückgeholt, sie hat ihn mit ihren Umschlingungen erweicht, sie hat sich, für ihn, so lasterhaft gemacht, daß sie ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht zu predigen: ihre Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das ist es: du hast keine Liebe!«

Sie wendete ihm die Flächen ihrer gesenkten Hände zu und hielt seinen von Verachtung schweren Blick aus.

»Ah! jetzt findet sie Tränen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und doch schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen Zimmern immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem Hafenhotel warten muß, weil der Dampfer beschädigt ist. Als ob du auf deinem Koffer saßest. Wir alle waren dir unheimlich -- und du uns. Nie hast du aufgehört, in einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war uns fremd: fremd und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich hatte eine Feindin im Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?«

Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stieß hervor:

»Du warst mit allen verbündet gegen mich. Ich war allein -- und wäre es überall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz zu sein.«

»Ach ja -- und selbstgerecht. Du warst immer die Überlegene, weil du die Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzuführen, die uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.«

»Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor manchem, was ihr mich sehen ließt, die Augen geschlossen.«

»Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mußt du sehr geistreich über uns philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch. Sieht man euch und eure Taten? Ihr treibt gewiß aus der Ferne mit eurem Gedanken mehr Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mußte es zulassen. In deinen Kopf hineingreifen zu können, dafür hätte ich manchmal mein Leben gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen, man kommt dir nicht bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer einen Strich, über den ich nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich totschlagen. Ach! hätte ich dich damals aus dem Fenster fallen lassen! Du wagtest mir ins Gesicht zu sagen, daß du den andern liebtest; du drohtest mir, wenn ich dich anrührte, und du hingst halb hinaus: wie kam's, daß ich dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es nicht.«

»Ja: warum nicht. Du hättest es tun sollen!«

Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine Verbände fortgerissen.

»Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt Frauen, die im Verrat groß waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten, auch das getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir hätte deine hohe Selbstachtung das verboten: ich weiß. Wie solltest du dienen? Bist du eine Frau wie die unseren? Ich aber schwöre dir: du hättest, wie die unseren, zehn Liebhaber haben können und mein Weib sein; ich hätte dich gejagt und erlegt; dann aber hätte ich geweint auf deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt werde ich darauf speien.«

»Töte mich!«

Sie warf die Hände empor.

»So töte mich doch!«

»Damit ich Mörder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht! Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins. Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht getötet; wo ist Giovannino? Nun am Haus die Verkündigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fühle mich daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast mich heimatlos gemacht! Und jetzt möchtest du mich allein lassen? Das Schiff räumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weißt du nicht, warum ich gewählt werden will? Aus Haß auf dich! Damit ich das Gesetz der Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hölle ewig ist!«

Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wütete.

»Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen, wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefürchtet und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirst von meiner Übermacht erdrückt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Käse stinken, ein Schwein züchten, das ich am nächsten Markt verhandele, und mit der Magd schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei: zweifle nicht. Das Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich denke es auszunützen. Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine Verderberin, zu erniedrigen und mit Schande zu beladen . . .«

Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und würgte. Lola flüsterte:

»Tu's! Ich nehme es hin.«

Er fuchtelte haltlos; er krümmte sich.

»Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen? Könnte ich dich nackt durch die Straßen jagen! Eine solche Schande erfinden, daß du endlich einen Seufzer tätest, der nicht lügt: und wäre es dein letzter!«

Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola ließ sich mit dem Arm, der die Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf: »Es ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend fühlen, aber auch seins fällt mir zur Last, -- und unter ihrer Wucht werde ich nicht mehr aufstehen. Liegen bleiben und abbüßen! Er sah fahl und alt aus: zum erstenmal; und ich habe das gemacht, ich selbst. O räche dich! Daß du mich leben läßt, ist zu wenig!«

Am Morgen erfuhr sie, daß eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die Kammerfrau wußte von Cesco, daß der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer gehabt habe. Jetzt war sie fort; -- aber am Nachmittag flog Clotilde, von Neuigkeiten außer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Gräfin nichts höre: das Haus sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Möbeln. Man schaffe Möbel ins untere Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine, sie solle dort wohnen . . . Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurück. Cesco hole Stühle aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der Frau Gräfin ihre Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.

»Die Möbel gehören dem Herrn,« sagte Lola.

»Aber wenn die gnädige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wäre nur Ihr Recht; der Herr Graf könnte es nicht hindern. Das Gesetz ist für die Frau Gräfin: der Koch weiß es bestimmt.«

Lola dachte daran, daß einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war's der einzige. Er brachte sogar die Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren. Sie sagte:

»Laß! Der Herr bleibt der Herr.«

Clotilde behielt den Mund offen.

»Die Frau Gräfin ist eine Heilige,« schloß sie dann. Lola fuhr auf.

»Daß du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr jetzt tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, daß sie es wissen.«

Die Kammerfrau antwortete nicht; rückwärts und ohne ihre starren, ängstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tür. Am Abend, wie sie Lola das Haar löste, hatte sie die Lippen fest aufeinander, eine streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine Kranke. Im Spiegel warf sie nach Lola manchmal den traurig überlegenen Blick der Wärterin. Lola hielt die Augen gesenkt und zog unter den Kammstrichen des Mädchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise bittend:

»Sprich doch!«

Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner augenscheinlich nicht würdig war. Es sollte eine Französin sein, nun ja. Aber Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter hatten, war doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wäsche! Es gab Dinge, die man der Frau Gräfin nicht sagen konnte . . . Den Morgen darauf fing Clotilde von selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die Frau zu Gesicht bekommen, und alles war erklärt. Sie war eine von jenen, die des Abends auf den Straßen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor vierzehn Tagen war er selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm übelwollte, hatte dies sofort dem Herrn Grafen berichtet, während er ihn rasierte; aber der Herr Graf -- es war unbegreiflich -- hatte nur gelacht.

»Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau einzuquartieren. Wer will ihr das Bett machen? Noch ist es nicht gemacht, und es ist in einem schönen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, daß auch Dienstboten anständige Leute sind, -- wenn er schon nicht an die Frau Gräfin denkt. Wir haben in der Küche beraten, ob wir alle sofort kündigen wollten. Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher haßt. Wir anderen haben ihn beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Gräfin.«

»Wer gehen will, soll gehen,« sagte Lola.

Und am Abend ließ sie die Fenster offen, um besser den Lärm des Festes zu hören, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie hatten sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu der Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte, und ihr rauschendes Blut formte aus dem Gelächter der Männer schmutzige Worte, die ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war sie von oben Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte ihnen damals nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt überbot er sie: er war's, der die Dirne zu diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau einer Dirne preis. Zwischen dieser Schändung und jener lag Lolas Ehe. »Und es ist gut so. Nur weiter! Ganz mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine Magd sein! Ich wäre Arnolds Magd gewesen, wenn er gewollt hätte. Aber er läßt mich allein. Dieser hält die Hand auf mir, ihm entrinne ich nicht. So sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so schlimm es immer werden mag, ich lobe es, darum daß ich's kenne.«

Sie hatte die Furcht, die Dirne möchte sich von ihr verachtet glauben. Jene hätte erfahren sollen, daß Lola ihre Anwesenheit guthieß, sich ihr unterwarf und nicht Dame noch Märtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde um sie war, drängten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mädchen der andern hätte bestellen sollen; und immer riß Lola, im Schrecken, das Geständnis zurück. Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten die offene Tür zu streifen und hineinzuspähen. Schon zitterte auf ihrem Gesicht das Lächeln, mit dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt hätte . . . Da sprang eine Tür auf; Lola drängte sich in den Winkel beim Schrank; und eine Frau mit gelben Haaren lief im Halbdunkel vorbei, drehte sich plötzlich um und fing Nutini auf, der sie küßte. Lola dachte zornig: »Er hätte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt nimmt er ihm diese!« Sie schlich, wie die beiden fort waren, zurück, voll Reue, daß sie gesehen hatte, was Pardi vor ihr demütigte.

Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des Haars; aus dessen weißem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Die Augen Pardis in ihn selbst zurückschauend, in eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine Stirn durch Arnolds Güte und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der Lola ihre mildesten Träume geschenkt hatte. »In ihm konnte ich beide lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es ist sehr schwer, zu denken, auf welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die zuletzt mich sahen. Pardi weiß nicht, wie gut er sich rächt. Er zerreißt in meinem Herzen den letzten Wohllaut.«

Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als Henkerin bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll der Sucht, die Frau, deren Mann sie besaß, mit Füßen zu treten, ihre Erinnerungen zu schänden. Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fühlte Lola dort unter sich einen schmutzentstiegenen Dämon, der erst aus den Trümmern dieses Hauses, gell auflachend, entflattern würde. Und eines Tages traf dies Lachen sie so nahe, daß sie sich verloren glaubte. Sie wollte ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause rief es, herbeilaufend: »Schön! Der Wagen für mich;« -- und plötzlich standen sie voreinander. Lola hatte im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die gelben Haare, das kreidige Gesicht. Da hörte sie stammeln:

»Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht für mich?«

Lola brachte hervor:

»Ich bitte, bedienen Sie sich!«

Aber die andere tat einen tastenden Schritt rückwärts.

»Ich möchte doch nicht die gnädige Frau --«